Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 23:39:47, 11-06-2026
Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 23:39:47, 11-06-2026
Gregor Dill, Moabit
Letzte Woche habe ich mit einem Freund, der in der Nähe wohnt, eine nachbarschaftliche Laufgruppe gestartet. Wir haben beide Spaß am Laufen und ein ähnliches Tempo.
Sicherlich, das zeigt mir seine Statur, bin ich konditionell etwas im Nachteil. Das will ich ändern.

Alle Interessierten wollen sich ab sofort, so ist jedenfalls der Plan, jeden Mittwoch um 6:15 Uhr am „Platz der Nachbarschaft“ treffen – also rein in die Schuhe und ein paar Meter die Straße hoch. Dort stelle ich fest, dass ich heute der Einzige bin, der Lust und Zeit gefunden hat, die müden Knochen zu bewegen.

Allein und doch in die Umgebung gebettet, laufe ich los. Die Wolken sehen traumhaft aus: Teils groß und teils dunkel, teils satt und teils zart lassen sie die ersten Sonnenstrahlen durchblicken. Vorbei an Baustellen und morgendlichem Streben komme ich immer wieder an Wasserflächen entlang, die das schöne Wolkenbild spiegeln und wie durch einen Weichzeichner harmonischer erscheinen lassen. Nur ganz kleine, unaufgeregte Wellen, verursacht durch langsam wach werdende Fische oder Enten, leichte Strömungen oder durch sanfte Brisen, formen die Bewegungen. Sie prallen leise an den Ufern und Kaimauern ab, um schließlich weich in einer Woge auszulaufen.

Ich genieße meine Runde, bleibe hier und da stehen. Immer wieder ziehen agilere Läufer vorbei. Vielleicht verfolgen sie ambitionierte Ziele oder haben etwas weniger Zeit und können es sich nicht erlauben innezuhalten. Ab und an komme ich aber doch an jemandem vorbei, der wie ich ein Foto macht und so die Schönheit des Moments festhält. Wir tauschen einen Blick und wissen, was der andere sieht und schätzt.

Zum Ende hin werden meine Kreise enger. Ich passiere eine Infotafel an einem Schwarzen Maulbeerbaum. Entlang des Laufwegs kenne ich bereits zwei Anpflanzungen, bei denen es sich allerdings um weiße Exemplare handelt. Deren Früchte werden gerade reif. In diesem Jahr hängen die Zweige unglaublich voll – mein Sohn und ich naschen unheimlich gerne davon. Daher freut es mich, nun auch einen der schwarzen Verwandten zu entdecken – und dazu noch wertvolle Informationen zu bekommen, zum Beispiel die, dass Maulbeerblätter die exklusive Speise von Seidenspinnerraupen sind.

Raupen sind in Berlin derzeit ohnehin ein Thema – allerdings die des Eichenprozessionsspinners. Für die einen sind diese wegen ihrer Härchen, die Hautreizungen und Atemwegsbeschwerden auslösen können, das gefährlichste Tier überhaupt, für andere lediglich der Anlass, sich für kurze Zeit zu beherrschen und nicht wie gewohnt jede Eiche zu umarmen und zu herzen. Das weit verbreitete Wissen, dass auf die Raupen ungiftige Falter folgen, ist trügerisch, da sich die Brennhaare noch bis zu zwei Jahre in den verlassenen Nestern halten können. Das Nesselgift verursacht bei vielen Menschen Beschwerden wie Juckreiz und Ausschlag, schwere Reaktionen sind hingegen selten. Die betroffene Berliner Bezirke setzen gegen die Eichenprozessionsspinnerlarven das Bakterium Foray ES ein. Ich denke jedoch, dass so ein massiver biologischer Eingriff nie gut ausgeht, da er Einfluss auf unser Mikrobiom hat, die Artenvielfalt bedroht und den Naturkreislauf stört. Hier ist Achtsamkeit gefragt.

Darüber nachdenkend laufe ich in die Schrebergartenanlage am Geschichtspark des ehemaligen Zellengefängnisses Moabit. In direkter Konkurrenz zu ihrem menschengemachten Pendant, dem Stacheldrahtzaun, zeigen die dortigen Rosen sowohl ihre sanfte als auch ihre dornige Seite. Allerdings duften die Blumen wesentlich besser als der Zaun, welcher, wenn ich es genau nehme, eigentlich gar nicht riecht – zumindest nicht aus meiner Entfernung. Ich widme meine Aufmerksamkeit sowieso lieber dem Lebendigen und Bunten ringsum und ich erfreue mich an Äpfeln, Erbsen und Himbeeren.

Die letzten Meter sind geschafft. 7:10 Uhr – und ich fühle mich gut.

Guten Morgen, liebe Familie. Der Tag hat begonnen.

https://www.umweltbundesamt.de/eichenprozessionsspinner
https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/schmetterlinge/nachtfalter/28380.html
Christoph Sanders, Thalheim
Auch der Donnerstag beginnt mit einem Erdbeerkick. Immer wieder Schauer, Schrägsonne vor Dramahimmel, frisch. In Hessen ist heute frei – meine Familie feiert Fronleichnam aber nur passiv mit. Unsere Jüngste hat endlich eine gute Reitbeiteiligung gefunden und wird nicht nun mehr nur als Ausputzer und Striegler, Mistschaufler und Longierer ausgenutzt. Die Leute auf den Reiterhöfen kennen und beobachten sich ganz genau – das sind interessante Mikrokosmen, in der die Reichen ihre „schwierigen“ und alten Pferde an Arme weiterrreichen, wobei es Ausnahmen gibt, und so eine hat sie gerade gefunden. Im Radio die Nachricht, dass die Pharmakonzerne Boehringer Ingelheim und Eli Lilly aufgrund des politischen und wirtschaftlichen Drucks ihren Investitionen drastisch reduzieren – zwei Säulen der rheinland-pfälzischen Wirtschaft stürzen ein.

Zwischen zwei Regengüssen eine gute Radrunde im heimischen Revier, bei der ich immer wieder die Fahrtrichtung angepasst habe. Am Ende der Tour Inspektion eines völlig zugewachsenen Hauses am Dorfrand – unmöglich zu erkennen, ob noch jemand darin lebt. Zum Buddhafiguren-Eingang führt ein Trampelpfad durch Büsche; riesige, wild wuchernde Koniferen, allerlei Strauchwerk und Blumen – so, als liefe ein Programm, dass alles völlig in der Natur aufgeht.

Frisch erwacht am Freitag. Sehr gute botanische Runde bis über den Rhein und zurück – meine gewohnte Fahrradteile-Einkaufsstrecke. Unglaubliche Wolkengebilde – was für ein schöner Übergang in den Sommer. Den Schauern wie gestern erfolgreich aus dem Weg gefahren. Unsere Nachbarn bestätigen, dass auch bei ihnen die wilden Erdbeeren in diesem Jahr gigantisch sind, und berichten, dass sie manchmal Post von der Gemeinde bekommen, die sie auffordert, ihre Gehsteige besser zu pflegen. Der Sohn mit seinen Kumpels happy beim Volleyball mit Pizza, die Jüngste überglücklich auf der Ranch – sie ist jetzt voll adoptiert und genießt es; abends schmökert sie in unserer riesigen Enzyklopädie. Und ich freue mich, dass mein Aufbautraining wirkt und ich keinen Rollator benötige.

Sehr erfrischender, atlantischer Samstagmorgen mit lockeren, hellen Wolken. Ich merke beim Aufwachen die guten Auswirkungen des gestrigen Trainings – die Muskeln sind müde, aber nichts zerrt und zwackt; ich fühle mich eigenartig leicht, inklusives des operierten Beins. Am Donnerstag drei Stunden auf dem Rad, am Freitag fünf – heute Ruhetag mit Hausarbeiten, Gartenpflege und Einkäufen (ein Federballset steht auf meinem Zettel). Fernsehpodcast mit dem Soziologen Stefan Schulz: Unser Öffentlich Rechtlicher Rundfunk offenbart die Wirklichkeit eines zunehmenden Kontrollverlustes, indem er in Worthüslensendungen mit „Sprechern“ und „Experten“ Platzhalterthemen verbreitet. „Wir sollen Angst bekommen“, sagte vor ein paar Tagen unvermittelt eine ältere Frau zu mir, „mein Sohn hat Angstmachseminare besucht …“ (Am Wochenende, morgens oder spät abends gibt es aber auch noch journalistische, sachliche Beiträge.) Sobald ich vor die Tür trete, warnt die Türkentaube ihren Partner oben im Baum. An unseren Johannisbeersträuchern immer mehr rote Punkte – das wird eine Tarte, die sich sehen lassen kann!

Am Sonntag mit meinem Bruder Nummer zwei auf anspruchsvoller 160-Kilometer-Runde durch den nördlichen Westerwald. Richtung Sieg neue Routen entdeckt – wir passierten ein Kloster und eine Reihe verwunschener Täler und Höhen. Mein Bruder in Topform als mein Zugpferd. Es war eine sogenannte RTF, also eine organisierte Veranstaltung, mit circa einhundert Teilnehmern – eine Bubble unter sich. Für viele ist das ein Hobby, das in wahre Materialschlachten ausartet – Pedale, Schuhe und Outfit sind immer wieder Thema. Man erzählt einander, wo man was „günstig“ bekommen hat – es werden ja keineswegs schlichte weiße Sportsocken getragen, sondern solche mit „Bezug zum Radsport“. Das Accessoire mit den höchsten Margen dürften Sonnenbrillen sein, die in den vergangenen Jahren zu farbigen Glasvitrinien mutierten. In einer Konsumgesellschaft gibt es nun mal keine bessere Form, um Status und Zugehörigkeit zu signalisieren. Vor und hinter uns entweder alte Sportsäcke wie wir auf der langen Strecke oder Fashion-Gruppen (mit Waden-Tattoos) auf einer kürzeren Route. Die Räder im Schnitt zwei bis drei Jahre alt – das von meinem Bruder und mir im Schnitt zweiunddreißig.

Als ich zuhause ankomme, wird mir sogleich die Tragödie mitgeteilt: Das Kaninchen ist tot! Es war versehentlich über Nacht draußen, da hat dann der Marder zugebissen. Die Regeln der Natur. Es war unser letztes – alt und fast blind. Sein Tod löst seltsame Gefühle zwischen Traurigkeit und Erleichterung aus. Die Zeit der familiären Nagetiere ist nun vorbei ist. Das Begräbnis übernehmen die beiden Mädchen.

Am Montag Regeneration mit Nachgedanken zur Radtouristik und Freude Erleichterung darüber, dass allmählich das alte Körpergefühl zurückkehrt. Mit einer Zecke zum Kinderarzt, damit beim Sohn eine Meningitis ausgeschlossen werden kann. (Sie kann.) Die Jüngste kommt mit dem Ringbüchlein „In der Natur unterwegs – Wildblumen und Kräuter entdecken und bestimmen“ ins Haus – sie hat in zehn Minunten drei Heilkräuter identifiziert. Das stimmt hoffnungsfroh.

Am Dienstag nach früher Kinderversorgung nochmal ins Bett – den Schlaf nachholen, den der Körper nach dem Radsonntag immer noch braucht. Auf dem Gartenweg die natürlichen ersten Vitamine des Tages – die wilden Erdbeeren sind knusprig und süßsauer. Dann aufs Rad für Besorgungen. Dass das Geld allgemein knapper wird, lässt sich diesmal bereits in der zweiten Monatswoche im Supermarkt beobachten. Presseschau: Nachdem in Italien vier Erntehelfer aus Afghanistan und Pakistan von kalabresischen Auftraggebern bei lebendigem Leibe in einem LKW verbrannt wurden, wird dort heftig über das Thema Ausbeutung von Saisonarbeitern diskutiert – für die Schattenarmeen auf den EU-Feldern wird das folgenlos bleiben.

Am Nachmittag in die Ex-Kreisstadt zum Ballett. Über der Grabstelle des letzten Kaninchens brütet in der immer dichteren Baumkrone die Türkentaube – ich kann schwach ihren grauen Fleck ausmachen. Der Hasenstall wartet nun auf seinen Abbau – man möchte immer noch ein Stückchen Salat überhalten und zu ihm nach draußen bringen …
Frank Schott, Leipzig

Am Wochenende stieg unser dreitägiges Stadtfest. Ich hatte am Freitag das Glück, noch vor der Eröffnung über den Leuschner-Platz zu schlendern. Der Festplatz mit seinem nackten Asphalt, den geschlossenen Buden und verhüllten Fahrgeschäften hatte etwas von einer Postapokalypse an sich. Das Einzige, was fehlte, waren Zeichen von Verfall und Verwahrlosung – für Letzteres werden dann aber schon die Besucher, die ihren Müll achtlos fallenlassen, sorgen.

Am Samstag fand noch eine andere größere Party statt. Weil wir ein dröhnendes Wummern unklaren Ursprungs vernahmen, waren meine Frau und ich zunächst der Meinung, die Waschmaschine oder der Geschirrspüler seien kaputt. Später wurde klar, dass es die Bässe von den LKW-Soundsystemen der Global Space Odyssey waren. Junge Leute demonstrierten für bezahlbare Räume für die Club- und Eventkultur. Der Zug zog in einhundert Metern Luftlinie von unserem Haus in die Innenstadt. Ich denke, es waren knapp eintausend Teilnehmer inklusive Ordner da. Eingerahmt wurde die Demo von Polizeiautos, dahinter staute sich der Verkehr. Begleitet wurde der Tross von Flaschensammlern – die nur einsackten, was 15 oder 25 Cent bringt; Bierflaschen blieben stehen. Am Ring sprach mich ein älteres Ehepaar an: „Was ist das denn?“ – „Das nennt sich Global Space Odyssey. Das ist so eine Art Partymarsch wie damals.“ – „Wie die Loveparade?“ – „Ja, wie die Loveparade.“ – „Na ja, wenigstens ist es friedlich und nichts Schlimmes“, fasste die Frau zusammen.

Ab 17 Uhr dröhnten lateinamerikanische Diskobeats aus einer Hotelbar um die Ecke. Der Bürgersteig davor war überfüllt; um vorbeizukommen, musste man die Seite wechseln oder auf der Straße laufen. Da mir das alles zu viel wurde, stieg ich aufs Rad und fuhr raus zum Neuseenland im Südraum. Inzwischen stand die Sonne tief, der Wind hatte sich gelegt. Die meisten Badegäste hatten die Strände verlassen, die Imbisse schlossen gerade; wohl dem, der seine Trinkflasche dabeihatte. Gut neunzig Minuten trat ich kraftvoll in die Pedalen, spuckte Insekten aus, die mir regelmäßig in den offenen Mund flogen, und genoss die Abwesenheit des Partylärms.

Und am Montag sitze ich dann mit einem unserer Kinder in der Vorhalle des Standesamts. Abnabelung ist, wenn die geliebte Tochter selbstständig einen Termin vereinbart, um ihren Namen und ihr Geschlecht ändern zu lassen. Der Warteraum erinnert an eine Kirche – alles ist seltsam gedämpft. Natürlich weiß ich, dass mein Kind volljährig ist und frei über diesen Schritt entscheiden darf. Wenn es möchte, können nun Schritte wie Hormonbehandlungen oder operative Eingriffe folgen. Die Gesetzeslage ermöglicht dies.

Nach dem Behördenakt gehen wir nach draußen. Die schweren Türen quietschen und schlagen mit dumpfem Hall zu. Mein Kind plappert vor überdrehter Freude, so als hätte man einen dieser alten Kreisel aufgezogen, die sich bunt und fröhlich um einen drehen. Ich wische mir verstohlen eine Träne aus dem Auge. Vielleicht wird ja alles gut? Vielleicht braucht es nur diesen einen Zauberspruch des Amts: „Geh hin und sei ein Mann“?

Später, bei meiner einsamen Joggingrunde durch den Park, erinnere ich mich an viele zauberhafte Momente mit unserem oft lachenden Mädchen. Ich habe keinen Blick für Sonne, Licht und Grün. Die Beine werden schwerer und schwerer. Ich schleppe mich nach Hause.

Dort putzt unser immer noch aufgekratztes und überdrehtes Kind … unser immer noch aufgekratzter und überdrehter … Sohn … das Bad. Die Arbeit geht ihm leicht von den Händen. Er plant bereits die nächsten Schritte, überlegt, welche Ämter informiert und welche Dokumente neu beantragt werden müssen.
Wird alles gut?
Gregor Dill, Moabit
Ich liege wach im Bett. 4:45 Uhr: Ich drehe mich noch einmal um und schlafe weiter. 6:00 Uhr: Zeit aufzustehen – der Sport ruft.
Irgendwann erkannte ich, wie gut mir ein paar morgendliche Übungen in der Küche tun. Sie helfen mir dabei, die Verspannungen des Lebens zu lösen und mich wieder fit zu fühlen – zumindest für eine Weile. Körper, Geist und Seele sind sich einig, dass diese Routine gekommen ist, um zu bleiben. Ich stehe auf – ich will mich bewegen.
Die Küche scheint mir dafür heute zu klein, also es geht es nach draußen. Ich schnappe meinen schwarzen Stoffbeutel und packe das IPad, die Boombox und eine Wasserflasche ein.

Ich traniere im Sportpark gegenüber. Dort gibt es eine Calisthenics-Ecke mit Gummiböden, Reckstangen und Schwungelementen. Die ersten Übungen fallen mir leicht und machen Spaß. Ich habe Lust auf mehr und probiere mich aus. Spüre in mich und meine nur noch minimalen Verspannungen hinein, dehne mich dementsprechend. Ich liebe es, Spannung zu „ertasten“, zu halten und dann etwas weiter zu dehnen. Das Gefühl der Erleichterung im Nachgang ist eine traumhafte Entlohnung.

Während ich schnaufend mein Programm absolviere, hüpft ein kecker Spatz auf einen Meter heran, schaut mir in die Augen und trällert zweimal. „Guten Morgen!“, trällere ich zurück. Offenbar höflich genug, denn er wirkt glücklich und zieht friedlich weiter.

Nach den Übungen liege ich noch ein wenig da, blicke gen Himmel und lausche meiner aktuellen Lieblingsplaylist, die in zufälliger Reihenfolge und moderater Lautstärke Songs aus meinem Beutel klingen lässt – weniger zur Motivation als zur Untermalung. Direkt über mir zieht eine Schwalbe vorbei; in einiger Entfernung zwei weitere, die, für mich lautlos, ihre Schwünge in einem fast wolkenlosen Blau ziehen. Ich habe den Eindruck, sie turteln.

Ich stehe auf. Auf dem Weg zu meiner Lieblingsbank hinter der Zufahrtsmauer treffe ich einen Freund. Auch er ist ein früher Vogel, der seine Runden dreht, auf dem Trampolin des Kinderspielplatzes hüpft, sich bewegt. Wir plauschen, tauschen Wissen und Ahnung über Faszien und unsere Körper aus. Das bringt uns dazu, gemeinsam auf den Sportgeräten in uns hineinzulauschen.

Erstaunlich, wie schwer es sein kann, mit geschlossenen Augen auf Zehenspitzen stehend auf weichem Untergrund zu wippen. Ein komisches Gefühl! Und doch: Je ruhiger man wird, je mehr man lockerlässt und sich auf seine Atmung konzentriert, desto besser gelingt diese Übung. Toll!

Zum Abschied geherzt, setze ich den Weg zur Bank fort. Nebenher sammle ich Müll auf – einmal Feierreste an einer Tischtennisplatte und dann ein paar McDonald’s-Tüten, die sich soeben ein Hase geschnappt hat, um nach schnellen Snacks Ausschau zu halten. Als ich ihn dabei ertappe, rennt er mir fast panisch entgegen – neben mir liegt sein Bau; er verschwindet im Erdloch. Ich werfe die Pommes in die nächste Mülltonne – Pech für ihn, und Glück zugleich, ist so ein Essen doch eher von minderer Qualität.

Der Weg ist gesäumt von Blumen und Blüten, Sträuchern und Büschen. Jetzt, es ist ungefähr halb acht, brummen die dicken, puscheligen Hummeln um ihren Hit, den roten Mohn herum. Die filigraneren Bienen bevorzugen den Gewöhnlichen Natternkopf mit seinem herrlichen Blau oder die hellgelb blühende Königskerze. Deren kostbare, zarte und weiche Blüten schmecken angenehm mild, etwas süßlich und buttrig und nur ein kleines bisschen herb.

Ich betrachte ein Bündel heranwachsender Sonnenblumen und freue mich auf den August und September, wenn die Blüten sich dem Licht entgegenrecken werden. Ich bin jetzt schon neugierig, welche Formen und Höhen sich dann zeigen – da die Blumen sehr dicht beieinander stehen, rechne ich mit eher kleinen ein bis anderthalb Metern. Die Zeit wird mir eine Antwort geben.

Ich komme an meiner Bank unter der Ölweide an und nehme Platz. Bienen laben sich an den letzten süß schmeckenden Knospen. Ich atme tief den Honigduft ein und spüre den Schatten der Baumkrone angenehm auf der Haut. Diese Kühle und die durch die Blätter immer wieder anders fallenden Sonnenstrahlen machen das hier zu einem Platz, den ich lieben und schätzen gelernt habe. Ich fühle mich wohl auf dieser Bank, hier in Berlin, Berlin Mitte, Moabit.

Frank Schott, Leipzig

Drei Katzen im Innenhof. Das bedeutet Krieg. Untereinander vertragen sich unsere beiden Kater meist (wer Geschwister hat, weiß, was ich meine), doch seit einiger Zeit ist noch ein dritter im Spiel. Wir vermuten, dass die Aggression von ihm ausgeht. Jedenfalls peitschen die Schwänze unserer beiden Jungs, wenn sie das Fremdtier durch die Terrassentür auf der Mauer sitzen oder daran entlangspazieren sehen – ich glaube, er macht das absichtlich so provokant, denn er starrt dabei ununterbrochen zu uns herüber.

Jüngst kam es zum offenen Konflikt, bei dem unser schwarz-weißer Kater an der Pfote zwei Bisswunden davontrug. Nachdem diese nicht von allein heilten, ging ich mit ihm nach einer Woche zum Tierarzt. Dieser gab ihm ein Antibiotikum und ein Schmerzmittel, das wir einmal täglich mit einer Mahlzeit verabreichen sollten. Außerdem wurde Hausarrest verordnet, damit die Wunden in Ruhe ausheilen können und vor Verschmutzung geschützt sind. Unser Patient ließ alles über sich ergehen, wobei ihm das Eingesperrtsein schon zu schaffen machte, zumal sein gesunder Bruder auf der anderen Seite der Tür stehen blieb, ihn anguckte und zu fragen schien: „Was ist nun? Kommst du mit raus?“ Aber er durfte ja nicht. Also schlurfte der Getigerte mit dem Katzenäquivalent eines Schulterzuckens davon.

Vier Tage später mussten wir zur Nachkontrolle. Dem Kater ging merklich besser, die Wunden waren verschlossen, der Schorf löste sich bereits, auch das Humpeln hatte aufgehört. Ganz energisch verweigerte er sich daher dem Einfangen und Einsperren in die Transportbox. Mit Hilfe der Kinder gelang es schließlich. Wenn Katzenaugen sprechen könnten, hätten sie vorwurfsvoll gefragt: „Warum? Warum tust Du mir das an?“
Da mich der Kater ohnehin nur mit strafendem Blick bedachte, beobachtete ich im Wartezimmer die anderen Tiere. Eine Katze, die im Dunkel ihrer Transportbox nicht zu erkennen war, maunzte jämmerlich. Ein Mischling, mit langem braunem Fell und etwas kleiner als ein Schäferhund, sträubte sich gegen die Leine und stemmte sich mit allen Pfoten dagegen, die Treppe zu den Behandlungszimmern hinaufgeführt zu werden. Schließlich nahm ihn sein Frauchen auf den Arm und trug das Häufchen Elend zum Arzt.
Dann waren wir an der Reihe. „Alles wieder in Ordnung? Humpelt der Kater noch? Nein? Dann bekommt er jetzt noch eine zweite Dosis Antibiotikum. Das Schmerzmittel können Sie absetzen.“ Wir machten uns auf den Heimweg. Der Kater war so beleidigt, dass er nicht einmal die Trockenfutterchips anrührte, die ich ihm zum Trost in die Box gelegt hatte. Zu Hause angekommen, wollte er nur noch eines: raus aus seinem Gefängnis und hinaus in den Garten.

Dort macht er, wenn er nicht gerade mit dem Innenhofrowdy kämpft, zusammen mit seinem Bruder das, was Katzen am besten können: an den unmöglichsten Orten schlafen, vor sich hin brummen, schnurren und so lange miauen, bis sie ihren Willen bekommen. Sie springen über Zäune und auf Mauern, bewachen das Loch unter der Terrasse, in dem einst eine Maus verschwand, und schleppen gelegentlich einen Vogel oder ein anderes kleines Beutetier an – vorzugsweise lebend. Sie fressen Trocken- und Nassfutter und, sobald sie draußen sind, Gras. Manchmal sehen wir sie über Stunden nicht. Wenn sie jedoch die Haus- oder Terrassentür klappern hören, kommen sie aus ihren Verstecken oder ihrer getarnten Bewegungslosigkeit, stürmen hinein, prüfen, ob wir das Futter aufgefüllt haben, nehmen gegebenenfalls einen Happen und stellen sich sofort wieder vor die Tür, um hinausgelassen zu werden.

Auch unsere unmittelbaren Nachbarn sind inzwischen Bestandteil der großen Katzenfamilie geworden. Sie bewundern die Akrobatik und Gerissenheit, mit der die Tiere alle Hindernisse überwinden. Sie schimpfen nur noch ein ganz klein bisschen, wenn sie sehen, dass einer der beiden seine Notdurft lieber im Garten als in der Katzentoilette verrichten will. Und sie verscheuchen den Rabauken, wenn er sich auf unsere Kater stürzen will. Manchmal stelle ich mir vor, dass sich der Schwarz-Weiße mit seinem getigerten Bruder zusammenschließt, um dem aggressiven Eindringling eine Abreibung zu verpassen. Leider kämpft jeder für sich – stoisch und stolz wie ein Indianer. Zum Glück ist der Rowdy nicht jeden Tag da.

Neulich hatte einer der Kater einen blinden Passagier im Pelz. „Ist das Scheiße? Ich fass das nicht an!“ – „Lass mal gucken: Iiieeh, das ist eine Nacktschnecke!“ Mit einem Zellstofftaschentuch wurde Abhilfe geschaffen. Irgendwas ist immer. Aber spätestens wenn dich die großen Katzenaugen ganz unschuldig und fragend ansehen, hast du ohnehin vergessen, worüber du dich eben noch erregen wolltest.

Am Montag sitzen, einem kleinen Wunder gleich, auf der Rückfahrt vom Schlachtensee ab Zoologischer Garten in meiner Waggonhälfte auf einmal ein halbes Dutzend Menschen mit einem Buch in der Hand – und somit mehr als mit einem Phone. Insgesamt fallen mir in der letzten Zeit zunehmend Leute mit Büchern in der U- und S-Bahn auf – nicht nur als gelernter Einzelhandelskaufmann für Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Tabak begrüße ich das. Am Tag darauf steht auf dem Bahnhof Westkreuz ein Mann neben mir, der eine einfache Mund-Nasen-Bedeckung trägt. Beim Einsteigen zieht er über diese noch eine FFP2-Maske. Es fällt ihm sichtlich schwer zu atmen. Ein trauriger, mich anrührender Anblick – was auch immer ihn zu dieser medizinisch sinnlosen Handlung bewogen haben mag.

Ein paar Minuten zuvor nutzte ich die Umstiegspause von der S42 in die S7, um am Wildpinkelzaun auszutreten. Dabei beobachtete ich eine Goldfliege. Ich weiß nicht, ob es am Brummen oder Vibrieren liegt, aber ich habe dieser Unterart der Schmeißfliegen nie getraut. Dabei sind sie wertvolle Zersetzer von organischem Material und wichtige Bestäuber; ihre (steril gezüchteten) Larven werden sogar in der Wundheilung zum Abbau abgestorbenen Gewebes eingesetzt.

In der Schlachtenseebucht stelle ich fest, dass ein Blässhuhnküken fehlt – nun sind es nur noch vier. Die drei Haubentaucherjungen sind jetzt allesamt vom Rücken der Eltern heruntergeschubst worden und bewegen sich selbstständig im Wasser. Zur Fütterung mit kleinen Fischen, die vom jeweils tauchenden Altvogel zeitversetzt reihum verteilt werden, schwimmt noch die gesamte Familie zusammen.

Nach dem Mittag bekomme ich meine reparierte Waschmaschine zurück. Einer der beiden türkischstämmigen Monteure gibt mir die Anweisung: „Erste Mal du machst nur Essig ins Fach und wäschst bei 95 Grad einmal leer durch. Keine Kleidung! Wenn alles fertig, du kannst wieder loslegen, Bruder.“ „Bruder“ ist neben „Schwester“ die ortsübliche Anrede. Ali, der alte kurdische Gemüsehändler, nennt die, die er (wie mich) im Kampf gegen den Imperialismus auf seiner Seite wähnt, „Kamerad“, meine griechische Lieblingswirtin sagt zu allen, die ihr sympathisch sind, „mein Freund“ beziehungsweise „meine Freundin“. Einmal nannte mich ein junger Barbier im Salon Ïsa respektvoll „Onkel“ – so schnell wird man vom „abi“ zum „amca“.

Wegen der Lieferung komme ich zu spät zum Tischtennis. Als ich erzähle, was der Grund ist, werde ich von allen gefragt, warum ich die alte Maschine habe reparieren lassen, schließlich hätte ich für dasselbe Geld auch eine neue bekommen – „sogar mit Trockner!“. Ich rechne ihnen vor, was mich das Gerät in den zweiunddreißig Jahren, in denen ich es intensiv nutze, inklusive zweier Reparaturen gekostet hat. Nun rechnen sie selbst und berichten, dass ihre Maschinen nie so lange hielten – am Ende stellt sich heraus, dass meine Taktik die finanziell und umwelttechnisch vernünftigste ist.

Am Mittwoch die seltene Gleichzeitigkeit eines blutorangenen Sonnenaufgangs unter einer massiven, Gerhard-Richter-grauen Wolkenwand bei heftigem Regen. Am See beobachte ich einen Schwan, der dem Niederschlag trotzt, indem er den Kopf unter Wasser steckt. Während ich ein wenig darüber sinniere und darauf warte, dass er wieder Luft holt, stellt sich jemand neben mich – der Kieler! So wie ich eingemümmelt in triefend nasse Regenklamotten. Ich: „Warum wundert mich das jetzt nicht, dass ich dich hier treffe. Wir sind bestimmt die Einzigen, oder?“ Er: „Vorhin huschte noch einer am Ufer entlang. Aber es gibt ja nichts Besseres, als bei dem Wetter zu schwimmen.“ Ich: „Allein wegen der hochspringenden Tropfen – was für ein Anblick!“ Er: „Ich tauche sogar immer etwas unter, damit die Augen genau über der Wasseroberfläche sind.“ Ich: „Ich auch!“ Beide: „Haha, das ist das Beste!“ Er soll der einzige Mitschwimmer bleiben, den ich treffe – zumindest unserer Spezies.

Premiere für den wasserfesten Beutel, den ich in der vergangenen Woche für meinen zweiten Platz bei einem Tischtennisturnier in Wilmersdorf bekam – er hält nicht nur dicht, sondern ist, wie ich im Schummerlicht merke, reflektierend. Das ist jetzt innerhalb weniger Wochen das zweite Mal, dass ich etwas geschenkt bekam, das im Dunkeln leuchtet – das erste war ein fescher Aufkleber, den mir ein Verkehrspolizist in die Hand drückte, während seine drei Kollegen zu Fuß einem Jugendlichen auf einem Elektroroller hinterherjagten.

Nach dem Mittagessen drehe ich eine kleine Weddingrunde. Es hat inzwischen aufgehört zu regnen. Im sehr gut sortierten Antiquariat „Mackensen & Niemann“ im Malplaquetkiez kaufe ich, damit ich nach den Meisterwerken „Maschinen und Wölfe“ und „Das nackte Jahr“ keine Entzugserscheinungen bekomme, das nächste Pilnjak-Buch: „… ehrlich sein mit mir und Rußland“. Außerdem nehme ich „Das Licht der Toten. Erinnerungen an die Realität“, autobiografisch geprägte Geschichten des ehemaligen Geologen Andrej Bitow aus Leningrad mit. Unser westliches System ist inzwischen dermaßen im Niedergang begriffen, dass wir die Rettung wohl nur noch in älteren Schriften aus dem Osten finden werden. Vor mir will ein junger Mann seine Ausbeute aus dem Philosophieregal bezahlen und stellt fest, dass ihm etwas Geld fehlt. Ich will gerade einspringen, da erlässt ihm die Antiquarin die fehlenden zwei, drei Euro. Sich bedankend hüpft er zur Tür, um sich dort noch einmal umzudrehen und zu rufen: „Ich gebe Ihnen das Geld dann beim nächsten Mal!“ Gute Leute.

Danach mache ich meinen traditionellen Schlenker in die Brüsseler Straße zu einem der letzten Second-Hand-CD-Händler der Stadt. Der hat gerade hunderte „russische Klassik-CDs“ reinbekommen. Ich sehe die Stapel durch. Ein anderer Kunde fragt, ob Requieme dabei sind. Ich antworte: „Die üblichen und ein paar modernere Polen und Tschechen.“ Wer in so einem Laden ist, weiß, was das bedeutet. Wir unterhalten uns darüber, dass es sehr schöne Messen gibt – „man muss ja nicht gleich gläubig werden“. Dem Händlerpärchen sage ich, was sich wirklich unter den Neuzugängen befindet – Russen waren es nicht. Mir wird angeboten, dass ich mir nach dem Durchwühlen die Hände wasche – ich lehne dankend ab: „Ich muss jetzt eh noch mit der U9 fahren.“ Aus drei Mündern kommt ein bitteres, wissendes Lachen. Neben der Durchsetzung des Fistbumps ist die Etablierung des Alltagssarkasmus das einzig Positive aus den Coronajahren.

Am Donnerstag treffe ich zum ersten Mal in diesem Jahr das um die neunzig Jahre alte Umweltschützerpaar am See. Als die Frau mich entdeckt, ruft sie winkend von der anderen Bank herüber: „Wir sind’s!“ Ich winke zurück: „Ich auch!“ Ich gehe zu den beiden, wir starten umgehend den ornithologischen Austausch: Vom brütenden Schwan an der Westspitze gibt es noch nichts Neues zu vermelden – sie waren gerade da. Der Mann berichtet von außergewöhnlichen Schwalbenbewegungen, ich ergänze mit dem seltsamen Flugmuster vor ein paar Wochen in der Bucht. Das findet er sehr interessant, hat aber auch keine Erklärung. Es folgen diverse Vogelfamilien und deren Nachwuchs. Das Verschwinden von Jungen wird, wie von allen am See, als Teil des Lebens wahrgenommen – wir sind dort allesamt empathische Fatalisten. Ich berichte vom Eichelhäher, den ich ab und an zwischen der Polizeistation und dem singapurisch-indischen Restaurant sehe oder höre – ich bin mir sicher, dass die beiden demnächst mal dort vorbeigehen werden. Mich erinnern diese Gespräche an die in Fußballstadien: Es gibt ein gemeinsames Interesse und Grundwissen, sodass man selbst mit Fremden sofort losreden und mit Bekannten einst begonnene Themen auch noch nach Jahren nahtlos fortsetzen kann. Das hält die Welt zusammen.

Das sie keine bürgeroffene Versammlung des Grünflächenamtes auslassen, hätte ich am Freitag ausgesprochen gern die Expertise der beiden verdienten Umweltschützer vom Vortag angezapft. Der Regen vom Mittwoch und ein Nachmittagsgewitter am Donnerstag hatten am Nordufer für Bäche und Erosionen gesorgt. Am Südufer passierte hingegen wenig, da dort justament erste Barrieren aus Totholz errichtet wurden. Wir sprachen im vergangenen Jahr mal kurz über das Thema, bei dem es um Zuständigkeiten geht: Für die Nordseite ist die Landesforstverwaltung verantwortlich, für den „klimasensiblen Umbau“ der Südseite wiederum der Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Zu diesem Ämterirrsinn hätte ich gern ein Update …

Später bringe ich eine Stuhlprobe zum neuen Hausarzt – mal kieken, was sich bei meiner Helicobacter-pylori-Fehlbesiedlung getan hat.
Gregor Dill, Moabit

Ich begebe mich am frühen Morgen aus dem Haus und sehe saftiges Grün. Gestern setzte tagsüber ein sanfter, stundenlang andauernder Regen ein – die Erde nahm die Feuchtigkeit auf, speicherte sie und trat mit Wurzeln, Pilzen, Mikroben und Würmern in Wechselwirkung. Sonnenstrahlen blitzen, bitzeln und werden reflektiert, und doch zeigt der Himmel ein ständig wechselndes, dichtes Wolkenmeer – es steht ein Wetterumschwung bevor. Mein Auge schweift zu einer Baumscheibe. Ich habe sie im vergangenen Jahr mit einem Freund in einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion begrünt. Dafür retteten wir im Park Triebe vor dem Schredder und Häcksler des Grünflächenamtes. Wir setzten die ganz jungen Bäumchen und Sträucher liebevoll in die Erde. Zu ihrem Schutz flochten wir einen Zaun. Der wurde im Lauf der Zeit achtlos umgetreten und plattgefahren. Aber die Pflanzen haben sich gehalten, wollen am Leben bleiben. In ihrer unmittelbaren Nähe wachsen Rosen, Kartoffeln, Platanen und ein junger Ahorn – ein schönes, lebendiges Bild. Die Hunde aus der Nachbarschaft nehmen die Baumscheibe gern an und lassen, wie es ihrer Art entspricht, ihr Geschäft da. Ich gehe beseelt und an den Freund denkend, auf dem Grünzug zum Bahnhof. Der angenehme Honigduft der Ölweide, die ich vor ein paar Tagen ausgiebig beschnupperte, liegt noch ganz leicht in der Luft. Ich komme an Wiesen voller Blumen vorbei. Die Hummeln laben sich am roten Mohn. Ich frage mich, warum sie die Margeriten verschmähen. Ich pflücke ein paar Maulbeeren, genieße hier und da eine Blüte, koste eine Rauke. Ich liebe diese Welt – sie schmeckt so wunderbar vielseitig. Mir kommt ein Tausendfüßler entgegen. Er grüßt mich, und ich grüße zurück.

Die Gerüche in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit im Norden der Stadt sind stumpf – Staub, Linoleum und feuchter Stoff sind vage auszumachen. Die feuchte Erde unter den Schuhsohlen ist deutlich wahrzunehmen. Eine wilde Mischung, aus allen Ecken der Stadt, zusammengetragen von Menschen, die zufällig zusammenfinden, um für ein paar Stationen in die gleiche Richtung zu fahren.

Nun ist es kurz vor 17 Uhr. Ein ganzer Arbeitstag liegt hinter mir – ein Tag voller Eindrücke, Entscheidungen und hochwertiger Gespräche mit Kollegen und Kunden. Ich mag meine Arbeit, mein Team und den Ansatz, gesellschaftlich etwas zu verbessern. Ob mir das gelingt? Schwer zu beurteilen. Ja, weil das Feedback durchweg positiv ist. Nein, weil mein Wirken auf zwei Hände und wenige Worte begrenzt bleibt. Es ist das wechselseitige Spiel aus Verbindlichkeit, Hilfe und Fürsorge, das ein Umfeld bewegt; mein Wille, meine Impulse oder mein Handeln schaffen das nicht allein – erst die Akzeptanz des Gegenübers und die daraus entstehende Dynamik können etwas zum Besseren verändern. Dieses Wechselwirken ist nicht messbar, aber ich merke es oft an den unmittelbaren Reaktionen. Ich sehe in Gesichter unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Gesinnung und bekomme lockere, leichte Blicke zurück – und das in einem Umfeld, das von massiven baulichen Schäden, Versicherungsärger, hohen Sanierungskosten, viel Leid und Existenzangst geprägt ist. Trotzdem gehen wir menschlich miteinander um. Das gefällt mir.

Ich sitze wieder in der Bahn und fahre nach Hause. Die Fenster sind auf Kipp, der Duft des Morgens hat sich verflüchtigt. Gewitter liegt in der Luft. Wolken, dunkel und schwer, getragen vom Wind, strömen kühl und sanft vorbei. Unser Waggon rumpelt auf den Schienen.
Christoph Sanders, Thalheim
Sonntaggewitter, danach schwülwarm. Mit dem Sohn ein wenig am Gartenweg gerupft, dann auf dem Rad zum Feldberg, zum Glück bei etwas frischem Wind. Ich meistere meine Erstbefahrung nach der OP. Auf flacher Strecke zurück; Gegenwind, rasch ziehende Wolken. Plötzlich Distelfinkenpaare, überall Holunderduft. Rentnerpaare schleppen sich die fünfzig Meter vom Auto zu den Dorfgaststätten.

Am Montag schwere Beine – aber keine Verletzung, im Gegenteil: ich gesunde immer weiter, ich heile. Gestern auf dem Rad Gefühle, die sich kaum beschreiben lassen, für die es keine ausentwickelten Redewendungen gibt (was gut ist): der Holundertunnel, der die Sinne doppelt so scharf macht; jener Moment im Anstieg, wenn der Rhythmus gefunden ist, mit dem der Schmerz überwunden wird; der Grenzgang vor der Erschöpfung. Dort war Ernst Jünger unterwegs. Wenn er den Verlust der Empfänglichkeit beschreibt, meint er: die Annäherung an etwas, das sich der verzifferten, überdefinierten Welt entzieht und ihr kurz den Rücken kehrt. Sicher ist, dass wir alle dafür ein Gespür haben. Zu selten lassen wir uns darauf ein.

In der Berlin-Fotosortierung bin ich im Jahr 1995/96 angelangt.
Rundgänge in Mitte, Lichtenberg. „Inferno“, das gerade erschienene Album von Boards of Canada, trifft exakt die damalige Stimmung der aufgehobenen Zeit vor den kommenden Umbrüchen, begleitet von
einer allgemeinen Suchbewegungen der Jugend (in Ost wie in West), die ihre alternative Nischen besetzt: Dienstagsbar und Donnerstagsbar, der kleine Super-8-Filmclub am Hackeschen Markt. Mir als Nicht-Kiffer war das alles etwas fremd, aber darüber hätte ich hinwegsehen, tiefer in die Suspension tauchen sollen. Heute gibt es ganz andere Schwebezustände und Veränderungen. Ich denke, am stärksten wird sich das Privatleben verändern. Längst bilden sich ephemere, elektronische Communities, in denen Familien zu Austauschgemeinschaften von Influencer-Posts, Reels und Memes werden; wo du mit deinem Phone in die Bringschuld gedrängt wirst, rund um die Uhr erreichbar, verfügbar und verbunden zu sein.

Äußerst wohltuende Sonnenwärme nach einem Gewitter. Eine Million Rosen! Am Nachmittag schlafe ich bei Mendelssohn ein und wache mit einem heftigen Krampf in der Innenseite des rechten Schenkels auf – also genau dort, wo gestern am Feldberg gearbeitet wurde; Oolong regelt den Flüssigkeitshaushalt. Felix Mendelssohn Bartholdy wird völlig unterschätzt: Es werden immer nur drei, vier seiner bekanntesten Melodien gespielt – Hochzeitsmarsch und Ähnliches. Dabei ist er hochvirtuos und geistreich, was ich bei Franz Liszt und den späteren sogenannten Romanikern manchmal vermisse.

Auch der Dienstag bleibt mit seiner milden Sonne unglaublich angenehm. Am Tag zwei nach dem fordernden Feldberg-Ritt ist mein operiertes Bein nun wieder stabiler; das Gewebe wird dauerhaft und in der Tiefe durchblutet. Inzwischen trete ich viel sicherer auf, der Gang wird runder. Schlüssel dafür waren das Ergometer in der Reha sowie die jetzigen Radtouren – Durchblutung und Stoffwechsel lassen sich eben nicht simulieren. Rasenmähen und Erdbeerlese mit üppiger Ausbeute – sie wachsen überall! Am Vormittag das unwillige Familien-Auto zur Werkstatt gebracht. Dort steht ein Duplikat zum Ausschlachten auf dem Hof – die Pflegeversicherung für den PKW. Am Nachmittag wie gewohnt als Ballett-Chauffeur unterwegs. Ich flüchte vor einem Schauer in die Tankstelle. Dort höre ich mit, dass es ab 1. Juli wegen der Akkus eine Rücknahmepflicht für Vapes geben wird. Ein Kunde erzählt, dass er jemanden kennt, der E-Zigaretten aufliest und in ferngesteuerten Modellautos verbaut.

Am Mittwoch endet endlich das Leiden meines Schwiegervaters – sie schalten die Geräte ab. So bleibt ihm als Dementem die Rund-um-die-Uhr-Pflege erspart; eine Stoffwechselkrankheit hatte zuletzt einen Tumor ausgelöst. Gut, dass es Morphium gibt. Um 4:45 Uhr bringe ich meine Frau zum Zug, damit sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern Abschied nehmen und die Behördenpapiere ausfüllen kann. Den gesamten Tag über heftige Schauer. Ich koche für meine kleinen Ladies Mittag. Die Jüngste hat ihren Großvater in den letzten Monaten glücklicherweise immer wieder wach gesehen; es ist das erste Mal, dass sie den Tod in der Familie erlebt. Ein Satz, den sie zuletzt von ihm hörte: „Ich bin froh, dass ich hier drüben bin.“

Boards of Canada: https://boardsofcanada.bandcamp.com/album/inferno
Gregor Dill, Moabit
Ich gehe ein weiteres Mal zu der Parkbank auf dem Platz hinter dem Haus. Die frühe Morgensonne verspricht dort eine besondere Atmosphäre; sie spannt einen Bogen der Neugier auf den Tag, auf das, was noch kommen mag an Begegnungen und Empfindungen, auf all jenes, was sich um mich herum entfalten und offenbaren wird. Mit jedem Schritt auf die Bank zu steigt meine freudige Spannung. Um diese Momente teilen zu können, mache ich ein paar Fotos – aber das sind nur unvollkommene Abbilder winzig kleiner Teile der Wirklichkeit, so wie ein Wort, ein geschriebenes oder gesprochenes.

Während ich mich der Bank nähere, kitzelt ein angenehmer Duft meine Nase und dringt verheißungsvoll, romantisch und süßlich in mich hinein; köstlich und betörend ist er, wundersam, seelenvoll und ein wenig atemberaubend. Dieser Geruch kommt von einem Baum, der olivenähnliche Früchte hervorbringt – noch weiß ich nicht, um welche Art es sich genau handelt. In der Stadt trifft man manchmal botanische Gesellen aus anderen Regionen, die hier von ganz alleine Platz genommen haben, wie am rechten Fleck wirken, aufgezogen und behütet durch ihre jeweilige Umgebung – mal helfen ihnen der Regen und der Wind, mal die Sonne und die Insekten, mal die Nährstoffe im Boden und eine Wasserader, mal die Anwohner oder das Grünflächenamt. Ein jeder kümmert sich auf seine Weise.

Momentan summt und brummt es in den Ästen und Zweigen des Baums. Die kleinen, gelben, vierblättrigen Blüten verströmen einen süßlichen, honig-vanilleartigen Duft – nein, kein Honigduft, der Honig spiegelt vielmehr die Vielfalt der Aromen wider. Bienen laben sich an dem Süß, das sich aus der Kraft der Sonne und dem Wasser der Erde in den Blütenräumen formt und aus feinen Drüsen ergießt. Schon vor Tagen hatte ich seine recht prallen und rispenartigen Blüten in ihrem wunderschönen Gelb durch das blasse Grün der Blattunterseiten der davorstehenden Linde leuchten sehen. Dieses Gelb zog mich an. Neugierig nahm ich einige der Kelche und kostete sie. Auf diese Weise teste ich seit vielen Jahren vorsichtig die zarten Knospen unterschiedlichster Pflanzen und schmecke, ob sie süß, fruchtig oder bitter sind. In diesem frühen Stadium zeigt sich oft schon der spätere Geschmack der Frucht – nicht immer, gewiss nicht immer, aber alle lebenswichtigen Nährstoffe, die Mineralien und die durch das Licht gewonnene Energie werden in dieses junge Erblühen geleitet, damit etwas Neues heranreifen kann. Dieses Wechselspiel zwischen Knospe und Frucht besitzt einen eigenen Zauber, lässt diese wirken, wandern, schützen und wachsen. Von dem Duft in den Bann gezogen, gehe ich ganz nah an den Stamm heran und blicke hoch. Über mir ist ein wundervolles Spiel zwischen Blättern, Ästen und Zweigen, dem frühen Sonnenlicht und einem kristallklaren, zart hellblauen Himmel im Gange, während das Gebrumme der Bienen und all des anderen Lebens die Luft erfüllt.

Dankbar setze ich mich auf die Bank, halb beschattet von genau jenem Baum. Ein Sonnenstrahl blinzelt in meine Augen – wir sehen uns an, die Sonne, der Baum und ich, und dennoch ist jeder von uns noch für sich, auch das ist schön. Heute ist einer der Tage, an denen die meisten nicht zur Arbeit gehen müssen – so ist der Platz um mich herum menschenleer und ich genieße diesen freien Raum, diese Begegnung ganz für mich allein. Ich befinde mich in der Nähe des Hauptbahnhofes, genau dort, wo der Tunnel und die Schienen an die Oberfläche kommen. Nur vereinzelt fahren Züge vorbei – von links nach rechts oder von rechts nach links. Weit im Hintergrund liegen Brücken und Straßen mit Autos, von denen ein sanftes, kaum vernehmbares Rauschen zu mir dringt; meist wird es überlagert vom Summen in der Baumkrone, den Flügelschlägen vorbeiziehender Vögel und dem freudigen Flattern von Tauben, die einen Fenstersims gefunden haben, auf dem jemand ein paar Körnchen ausgelegt hat, um sie zu nähren. Und das, obwohl die Nachbarschaft sich darauf geeinigt hatte, dies nicht zu tun. Doch auch hier entscheidet der persönliche Blick auf das was einem schützenswert, liebenswert und achtenswert erscheint. Das führt zu solchen Handlungen und somit zu einer Fülle von Aktionen, Reaktionen und Auswirkungen.

Koffer rollen, Schritte und Stimmen nähern sich. Englische Worte liegen in der Luft, ja, Internationalität. Wir sind so vielschichtig, vielseitig und weit verstreut auf dieser Erde, und doch treffen wir aufeinander. Die Reisenden und ich betrachten einander; es springt eine gewisse Neugier aus dem Blick derer, die hier ankommen. Eine Neugier auf das, was ist, um es mit dem Zuhause zu vergleichen. Man prüft, ob man sich selbst noch richtig fühlt an seinem Ort, ob man mit seinen Überzeugungen und Handlungen im Reinen ist. Vielleicht erkennt man dabei, oder muss es sich sogar eingestehen, dass es woanders auch schön ist, oder eben anders schön. Diesen Impuls nimmt man bei der Rückreise mit nach Hause – er tritt in Wechselwirkung mit dem Gewohnten, inspiriert, verändert und wandelt es möglicherweise und schafft so eine andere Zukunft.
Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 02:26:11, 01-06-2026

Am Dienstag nach dem Pfingstwochenende jagen am Schlachtensee vier Stockerpel einem Weibchen hinterher – fasziniert beobachte ich das Starten, Fliegen, Gleiten, Landen, Schwimmen und Paddeln.



Die Lufttemperatur steigt zum Mittag hin auf knapp 30 Grad. Weil ich am Nachmittag ein Tischtennisturnier habe, gehe ich zu Berber Ïsa. Da es dort voll ist, setze ich mich vor den Salon und schaue den Passanten auf der Turmstraße zu. Wäre gegenüber an der vor Kurzem geschlossenen kommunalen Galerie nicht noch die alte Aufschrift des Vorgängers Brüder-Grimm-Haus zu lesen, könnte man sich auch an einem ganz normalen Wochentag in Istanbul wähnen. Der Barbier, der sich heute um mich kümmert, macht seine Sache, so wie alle dort, perfekt – Handwerk ist eben Handwerk. Nachdem ich all die Jahre die obligatorische Frage nach einer abschließenden Haarwäsche verneint habe, sage ich diesmal wegen der Demse spontan zu – und genieße das ruhige Abduschen, Shamponieren, Einmassieren, Ausspülen, Abrubbeln und Föhnen. Obendrauf gibt es noch eine Kopfhaut- und Gesichtsmassage nebst der landesüblichen Parfümierung – von nun an werde ich das immer so machen lassen.

Und so fahre ich tiefenentspannt und nach Rasierschaum und Kolonya duftend zum Zauberspielplatz im Volkspark Wilmersdorf. Dort laden BENN, ein sozialräumliches Kiezprojekt des Senats, die Mobile Stadtteilarbeit und das Haus der Nachbarschafft, in dem ich regelmäßig Tischtennis spiele und zum Hatha-Yoga gehe, zu einem offenen Turnier ein. In zwei Elfersätzen und gegebenenfalls einem Entscheidungssatz wird bestimmt, wer in die nächste Runde kommt. Alle meine Partien enden äußerst knapp, meist geht es in die Verlängerung. Zum Schluss stehe ich im Endspiel gegen den mir unbekannten Günther, Berliner, ungefähr Mitte 70, der gleich mal 6:0 führt – bei 7:0 wäre der Satz durch K.O. verloren. Ich passe meine Spielweise an und führe auf einmal 7:6 – da kieken Jünther und icke nicht schlecht. Wir müssen jedes Mal in die Verlängerung, und auch die ist dann immer lange hart umkämpft, bis einer die zwei nötigen Punkte Vorsprung hat – nicht selten entscheiden Netzroller oder Kantenbälle. Wir haben während des Spiels sehr viel Freude an der vollkommenen Gleichwertigkeit und an den gelungenen Aktionen des anderen. Günther hat am Ende den einen besseren Schlag auf seiner Seite und gewinnt. Wir sind beide glücklich über das schöne Finale. Er bekommt eine volle Tasche mit Tischtenniszeugs und ich einen wasserfesten Beutel des Veranstalters (perfekt für Regentage am See!) und einen roten BENN-Luftballon. Den binde ich an meinen Rucksack. Die Frau, die mir in der U-Bahn gegenübersitzt, bedauert, dass sie kein Konfetti dabei hat. Gute Sprüche gibts in Berlin gratis.

Dann will ich eigentlich nur noch duschen, Grießbrei mit Kompott essen und schnell die durchgeschwitzten Klamotten waschen – aber es soll anders kommen: Meine Waschmaschine geht kaputt. Was bedeutet, dass ich am Ende dreimal den Eimer mit Wischwasser vollmache, die Kleidung per Hand in der Badewanne ausspüle und auswringe. Noch ehe mein Kopf das Kissen berührt, schlafe ich ein.

Mittwoch geht es nach Schwimmrunde, Waschmaschinentelefonat und Mittagessen in das Nachbarschaftszentrum Wilmersdorf zur feierlichen Übergabe der Inklusionszertifikation für das Haus – ich hatte ein wenig in diesem Umdenk- und Umbauprojekt mitgewirkt. Die Veranstaltung ist sehr gut besucht und voller Leute, die das Haus tatsächlich nutzen. Dazu kommen die bei so etwas üblichen Gäste aus Bezirkspolitik und Ämtern, die nacheinander namentlich begrüßt werden. Ebenso erwartbar sind die im sonnigen Hof unlesbare Beamerprojektion und die Mikrofonrückkopplungen – eben das, was ohne Technikcheck passiert. Der Sprachcafé-Chor singt „Imagine“, „We Shall Overcome“, ein Lied aus Südafrika und „Die Gedanken sind frei“. (Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Einlage das musikalisch Depressivmachendste sein wird, was ich auf lange Sicht zu hören bekommen werde – da wusste ich noch nicht, dass die Toten Hosen zwei Tage später mit Bettina Wegner eine Version von deren „Sind so kleine Hände“ veröffentlichen würden.) Anschließend gilt es, Kuchenberge und Kaffeeflüsse zu bezwingen. Aus Deutschland ist inzwischen ein einziger Kirchentag geworden. Aber egal, wie abgenudelt das alles auch anmutete: Das Haus der Nachbarschafft bekommt künftig bestimmt leichter Unterstützung von den Behörden, die Ämter haben etwas zum Vorzeigen – und das Wichtigste: Für Blinde, Sehschwache, Schwerhörige, Rollstuhlfahrer, Leute mit sogenannter geistiger Behinderung, Lernschwierigkeiten, psychischen Belastungen, Nichtmuttersprachler, letztendlich uns alle, wurde und wird es vor Ort ganz konkret besser. (Ich plädierte übrigens mit drei geistig Behinderten gegen das Gendern, das von nicht wenigen als eine Fremdsprache wahrgenommen und kaum verstanden wird – ein gutes Beispiel für Exklusion durch Inklusion.)

Am Donnerstag Freude darüber, wie schnell die Blässhuhnjungen selbstständig werden: Zwei der drei schwimmen nun dauerhaft allein, nur eines sitzt noch ab und an auf dem Rücken eines Elternteils. Auf dem Rückweg sehe ich fasziniert jungen Stockenten beim Tauchen zu. Dass dieses möglich ist, ist dem Wasserwerk Beelitzhof zu verdanken, dessen Anlage seit 1981 Havelwasser filtert und in die Gewässer der Grunewaldseenkette leitet. Dadurch bleibt die andernfalls drohende Blaualgenblüte im Sommer fast vollständig aus; zudem ist der See das ganze Jahr über außergewöhnlich klar.

Am Freitag gehe ich, weil ich ab 9 Uhr den Waschmaschinenmann erwarte, noch früher als sonst und am bahnnahen Ufer in den See – und schwimme direkt in einem Nebelfeld, durch das die soeben über die Baumwipfel geglittenen goldenen Sonnenstrahlen schneiden.

Als ich mit dem Waschmaschinenmonteur telefoniere und den Typ „Privileg 9484“ durchgebe, sagt er: „Ich flehe Sie an, bitte behalten Sie die Maschine! So etwas bekommen Sie nie wieder.“ Dasselbe meinte auch der Handwerker zu mir, der vor sechs Jahren das Bullauge austauschte – und auch der junge orientalische Mitarbeiter, der das Teil mit einer Sackkarre vier Stockwerke nach unten hieven muss, sagt: „Alte Maschine, sehr gute Maschine.“ (Sollte von dem Fleck, auf dem sie siebenundzwanzig Jahre lang unverrückt stand, eine pandemieauslösende Zoonose ausgehen, werde ich das auf das Hochsicherheitslabor des RKI am Ende der Straße schieben.)

Am Samstagmorgen sind hinter mir auf der Putlitzbrücke drei Lads, die noch nicht den Ausgang aus der Freitagnacht gefunden haben. Dem Akzent nach Nordengländer – zumindest springt sofort mein Manchester-Detektor an. Verstärkt wird das Ganze durch einen Himmel über dem Heizkraftwerk Moabit, der sich auch gut als Schlussbild in Anton Corbijns Ian-Curtis-Film „Control“ gemacht hätte: „Listen to the silence, let it ring on / Eyes, dark grey lenses, frightened of the sun / We would have a fine time living in the night.“

Am See noch mehr Krähen als sonst, regelrecht krächzende Cluster.

Leichter Wind, Wellengang, Wolken – mein Lieblingsschwimmwetter.

Hinter der Bucht verfehlen sich ein Kampfschwimmer und ein eher konventioneller Krauler um eine Armlänge. Das Unglück bleibt aus.

Am Sonntag treffe ich das nette ältere Pärchen, das ich letzte Woche kennenlernte, wieder – wir setzen unser Gespräch nahtlos fort. Als ich vom Schwimmen bei Schneefall erzähle, sagt der Mann, dass er mal zur Behandlung in einer Kältekammer war. Es stellt sich heraus, dass das in der Abteilung für Naturheilkunde und Physiotherapie am Immanuel Krankenhaus Berlin in Wannsee war. Die wird von Prof. Dr. Andreas Michalsen geleitet, dessen Bücher und Interviews ich sehr schätze – obwohl dessen Vater und Großvater Kneipp-Ärzte waren, wählte er zunächst den Weg der sogenannten Schulmedizin; als Kardiologe und Intensivmediziner frustrierte ihn im Lauf der Jahre jedoch die reine Symptombekämpfung im Klinikalltag, weshalb er sich der wissenschaftlich fundierten Naturheilkunde zuwandte. Wir drei auf der Buchtbank finden die Verbindung von altem Heilwissen und modernsten medizinischen Verfahren perfekt – kein Mensch möchte eine chirurgische oder Zahnarztbehandlung wie noch in den 1970ern. Ich frage den Mann, was er bei den −110 °C in der Kammer gespürt hat – ihm fehlen dafür die Begriffe, genau wie mir, wenn ich das Gefühl nach dem Winterbaden oder beim Schwimmen im Nebel beschreiben sollte (Hilfsausdruck: Energiewellen). Dieses Nicht-benennen-Können finden wir beide interessant und auch schön.

Die Frau macht den Schlenker zur allgemeinen Sinnsuche im Westen vor einhundert Jahren (die eine Reaktion auf die fortschreitende Industrialisierung, die urbane Verdichtung, die Traumata des Ersten Weltkriegs und den Verlust traditioneller Lebensweisen war) und aus der die Lebensreform-Bewegung mit Naturheilkunde, Vegetarismus und FKK entstand. Ich erzähle vom Buch, das ich gerade lese: Boris Pilnjaks „Maschinen und Wölfe“, das 1925 erschien und genau diese Zerrissenheit, die es auch in der jungen UdSSR gab, hinreißend beschreibt: Die Bolschewiki wollen das agrarische Land im Eiltempo durch Fabriken und Stromnetze modernisieren und stoßen dabei auf Menschen, die in jahrhundertealten Traditionen und einem von harter bäuerlicher Arbeit und Aberglauben geprägten Alltag leben. Die neuen Fabrikarbeiter bekommen angesichts der riesigen, ihnen vollkommen unverständlichen Maschinen Panikanfälle und flüchten nicht selten in den Suff. (Diese Angst haben in meinem Umfeld aktuell viele vor KI-Werkzeugen – ich hörte, dass Papst Leo XIV. das Thema jüngst in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“ aufgriff.)

Nachdem mir der Mann ebenso unvermittelt wie formvollendet das „Du“ anbietet, wird es zum Ende hin kosmisch: die nicht rational zu erfassende Geschwindigkeit der Erdumdrehung, Einstein, Urknall, irdische Materie … Zum Abschied die Quintessenz unserer beiden Buchtgespräche: Man sollte nie vergessen, was für ein wertvolles Geschenk unser Leben darstellt und dass letztlich alles um uns herum ein Wunder ist. Ein ganz normaler Morgen am Schlachtensee.

Prof. Dr. Andreas Michalsen zu Gast im Videopodcast „Hotel Matze“: https://www.youtube.com/watch?v=XlHruhVJxtA
Joy Division „Transmission“: www.youtube.com/watch?v=6dBt3mJtgJc
Christoph Sanders, Thalheim
Der Donnerstag kühl und strahlend. Morgens zur ärztlichen Kontrolle der erfolgreichen Wundheilung am Nasenflügel. Die Kruste ist fest. Im Radio wird gemeldet, dass Uganda wegen des Ebola-Ausbruchs im Ostkongo die Grenzen geschlossen hat. Als Westler könnte man in diesen Regionen die gewohnten Vorstellungen von individueller Freiheit und persönlichen Rechten komplett vergessen – dort geht es ums nackte Überleben. Die Päonien sind nun verblüht, dafür „steht“ die Rambler-Rose „in vollem Saft“ – so eine Formulierung aus der Gärnter-Zeitschrift, die im Wartezimmer meiner Hautärztin ausliegt. In „Die OpenAI Story“ im Deutschlandfunk reingehört – unerträgliche Sounds und raunende Spannungsakzente; das nüchterne Vortragen von Fakten plus plausible Vermutungen wären besser gewesen. Unser Heil liegt in der eigenen Intelligenz, nicht in der künstlichen.

Der Freitag setzt mit 11 Grad recht frisch an, wird dann aber schnell warm, sodass es mich um 10 Uhr zu meiner Friseurmeisterin nach Hadamar treibt: Ich brauche einen Sommerschnitt! Die Brandstätte des Großfeuers von Dienstag auf Mittwoch samt des assoziierten Barbershops ist inzwischen abgeriegelt. Ich bin gespannt, ob es da noch feuerpolizeiliche Ermittlungsergebnisse zu erfahren gibt. Die Bewohner des Hauses und die dort praktizierenden Ärzte tun mir leid – für eine Praxis und für Wohnungen gibt es ja ad hoc keinen Ersatz. Nach dem Friseurbesuch bei Sauschwüle Oolong besorgt und Tortelloni für die Meute zubereitet. Danach die üblichen Runden zur Musikstunde und zu meinem Trödler. Dort eine schöne Heinrich-Vogeler-Monographie geschossen – ein norddeutsches Irrlicht, das 1942 bettelarm in einer kasachischen Kolchose verlosch. Ein guter Handwerker, der den frühen Worpsweder Ruhm aufgab, dann aber daran scheiterte, Politk als Kunst und Kunst als Politik zu machen.

Am Samstag mit allen Kindern ins Museum Wiesbaden zu „Georg Lührig: Ein Meister aus Dresden“, einer Werkschau des in Göttingen geborenen und lange in Dresden wirkenden Künstlers Georg Lührig (1868–1957), der dem Jugendstil und Symbolismus zuzurechnen ist. Die Landeshauptstadt ist für uns praktisch zu erreichen: Autobahn und Landstraße, hinunter in die Stadt, die direkt am Taunushang liegt; nebenan beginnt das Rheingau. Die Hauptachse vom Bahnhof, an der das Museum liegt, wirkt wie ausgestorben, hin und wieder eilen Leute mit Regenbogenfahne und -tuch vorbei – wie wir später mitbekommen, sind sie auf dem Weg zu einer Pride-Demonstration.

Im Keller sehen wir Lührigs Werke aus dem symbolistischen Kreis. interessant ist die Reduktion von Natur auf Chiffren: Moos, das aussieht wie Schleim-Blurb auf Waldboden – fast eine Vorform von Hockneys Giga-Bildern. Mein Teenie sagt dazu: „Gemalt, als sei der Maler kurzsichtig.“ Die Bilderwelt wirkt kopfgeboren und ist religiös überhöht – die Ähnlichkeit zu Illustrationen von Kinderbibeln und anderer Erbauungsliteratur zu jener Zeit ist nicht zu übersehen. Der Wunsch nach Heilslehren muss damals, auch angesichts der sich rasant ausdehnenden Fabriklandschaften, immens gewesen sein. Zum Broterwerb fertigte Lührig industriekritische Lithografien an.

Bei Lührigs Entwürfen für die Fresken der heutigen Staatskanzlei bin ich sofort an den Licht- und Sonnenkult von Fidus erinnert; auch die Androgynität der blonden Jünglings- und Weiblingsfiguren erinnert stark an dessen „Lichtgebet“. Da strömt der gesamte Zeitgeist ein: Nietzsche, Platon, heidnische Kulte – aus Natur wird Naturreligion.

Für mich weniger kunst- als kulturgeschichtlich interessant, da das haarscharf an dem vorbeigeht, was wenig später in die Ideologie des Dritten Reichs einströmte. Vor allem die Waffen-SS bediente sich bei diesen Motiven: nackte, heroische Figuren, Lichtglorien, das Sonnenrad, mythisierte Waldpanoramen. Meine Kinder sind wirklich interessiert, sogar der Sohn, der in den ganzen Schinken eindeutig Vorlagen zu seinen mittelalterlichen Computer-Games entdeckt (die Fantasiekönige mit ihren bizarren Pseudo-Ethno-Gewändern.) Es ist deutlich erkennbar, dass Jugendstil und Symbolismus nur wenig Berührungspunkte haben! Und daneben dann Lührigs gänzlich anders gearteten Zeitgenossen wie Corinth, Liebermann, Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff oder Dix … Vermutlich leben wir heute in einer Zeit von noch mehr Gleichzeitigem – allein die Bilderflut, die unsere Milliarden Smartphones jeden Tag erzeugen und verbreiten!

Anschließend geht es wie gewohnt zu den liebevoll ausgesuchten, teils lebenden Objekten der Naturkundeabteilung – das Thema der aktuellen Sonderausstellung: „Gift – Tödliche Gaben“. Wir haben Glück und sehen zufällig einer Schwarze Witwe beim Nestbau zu.

Wieder zuhause bekomme ich von der Jüngsten einen Vortrag über Frederiksborger Pferde gehalten – sie nimmt immer wieder mal unsere toll illustrierte, große Enzyklopädie zur Hand. Zum Abendbrot Feldsalat, danach Radpflege, Rasenschnitt und ein ödes Champions-League-Finale mit wenig Spielfluss, vielen Fehlern und einer Elfer-Lotterie, die in jede Richtung hätte ausgehen können – PSG gewinnt.
Frank Schott, Leipzig
Was macht den besonderen Reiz des Fußballs aus? Zum einen sicher das Spektakel, der Glamour und die millionenschweren Stars. Zum anderen die Leidenschaft, mit der die Fans ihre jeweilige Mannschaft begleiten, gemeinsam mitfiebern, mitleiden, mitfeiern. Für mich ist Fußball aber auch ein weltumspannendes Phänomen, das Menschen aller Altersgruppen und Nationalitäten im Wettstreit miteinander verbindet. Am Ende genügt ein einziger Ball, notfalls ein Kiefernzapfen oder eine Blechdose – und los geht’s!

Am Dienstag fallen die Engländer in Leipzig ein – das Endspiel der UEFA Conference League stand bevor. Diesen erstmals in der Saison 2021/22 ausgelobten Wettbewerb bestreiten Vereinsmannschaften, die nicht gut genug für die Champions oder Europa League sind. Offiziell wird behauptet, dass man damit mehr Teams aus den weniger fußballstarken Nationen in den internationalen Wettbewerb bringen will, doch ich denke, es geht der UEFA wie immer einfach nur ums Geld: Mehr Spiele bedeuten mehr Sponsoren, mehr verkaufte TV-Rechte und mehr Merchandising – die Kuh „Fußball“ muss gemolken werden. Und so spielen also Crystal Palace aus London und Rayo Vallecano aus Madrid bei uns in Leipzig. Beides Mannschaften, die zuverlässig hinter den großen Teams ihrer jeweiligen Heimatstadt irgendwo im Mittelfeld der Liga dümpeln.

Die Fans von Crystal Palace haben am Mittwoch in der Innenstadt alle Freisitze okkupiert und lassen die Herzen der Kneipiers höherschlagen. Sie trinken an einem Nachmittag mehr Bier als sämtliche Besucher des Wave-Gotik-Festivals an vier Tagen. Die Bedienungen radebrechen – aber Bier wird auf Deutsch und Englisch gleich ausgesprochen, das hilft. Viele machen Nägel mit Köpfen und haben drei Gläser vor sich stehen – eines geleert, eines in Arbeit und das dritte muss sich noch kurz gedulden.

Auch wenn es etwa gleich viele Fans aus Madrid und London sein sollen, die sich zum Finale treffen, sehe ich auf einen Spanier mindestens fünf Engländer kommen – vor der Replika des zu gewinnenden Pokals auf dem Marktplatz stehen sie geduldig Schlange, um sich mit der Trophäe fotografieren zu lassen.

Wenn man sie nicht schon an ihren farbigen Trikots erkennen würde, dann an den staksigen weißen Beinen und dem runden Bauch, der aussieht, als hätten sie einen Fußball unter dem Trikot versteckt, wie es meine Jungs beim Training oft machen. Wo immer größere Gruppen von ihnen aufeinandertreffen und die Gassen verstopfen, stimmen sie ihre Schlachtgesänge an.

Eine Spanierin, die offenbar in Leipzig lebt, ruft ihren Landsleuten im weißen Trikot mit dem charakteristischen roten Blitz „Viva España“ zu und erntet freudigen Jubel. Spanier sind es auch, die ich in der berühmten Nikolaikirche entdecke, wo sie einer Konzertprobe lauschen. Die Londoner Schlachtenbummler dagegen beherrschen die Außengastronomie und haben, als gelte es wie im Urlaub das Revier mit Handtüchern abzustecken, überall ihre Fahnen und Banner aufgehängt. Obwohl es am Dienstag eine Kneipenschlägerei zwischen den Fanlagern gab, bleibt am Mittwoch alles friedlich.

Die Fanmeile der Londoner am Wilhelm-Leuschner-Platz ist am Nachmittag noch relativ leer, erst kurz vor 18 Uhr wird es richtig voll, da die Crystal-Anhänger von hier aus ihren Marsch zum Stadion starten. Auf der Bühne reden Fans („Leipzig is truely a lovely place“) und Gäste des Vereins. Einer der Höhepunkte ist, als Vereinslegende Jim Cannon einige aufmunternde Worte spricht – selbstverständlich glaubt er an einen Sieg seines Teams. Der zweiundsiebzigjährige Schotte hat von 1970 bis 1988 für die Südlondoner gespielt und als Verteidiger über dreißig Tore geschossen. Einen zählbaren Titel erlangte er mit Palace nie – das ist erst dem aktuellen Team unter dem österreichischen Trainer Oliver Glasner mit dem Triumph im FA Cup 2024/25 gelungen. Und um kurz vor 23 Uhr kommt ein weiterer hinzu: Crystal Palace gewinnt 1:0 und somit die Conference League.

Überhaupt steht die Wochenmitte bei mir ganz im Zeichen des Fußballs: Am Donnerstagnachmittag ist wieder Training mit den Kids. Dass wir von neunzig auf sechzig Minuten verkürzen, liegt nicht an der Hitze, sondern am nächsten Match: Mein Sohn und ich haben uns kurzfristig dazu entschieden, am Abend das Hinspiel um den Aufstieg in die 3. Liga anzusehen: Lok trifft auf die Würzburger Kickers. Das Training ist gewohnt chaotisch, wobei ich glaube, dass unser Zeitdruck sich auch auf die Kids überträgt und sie noch unruhiger macht als sonst. Vielleicht ist es aber auch nur die Hitze.

Ich bin jetzt das dritte Mal auf dem Gelände des 1. FC Lokomotive Leipzig. Zuerst war ich im Auftrag meiner damaligen Firma vor Ort, um mögliche Formen der Zusammenarbeit auszuloten – aber der Verein war nur daran interessiert, uns als Sponsoren zu gewinnen. Dann begleitete ich meinen Sohn zu seinem Jugendschiedsrichter-Debüt hierher: Er pfiff eine Partie der D-Jugend gegen Taucha.

Heute sind mein Sohn und ich das erste Mal im Stadion selbst. Zu DDR-Zeiten wich die Mannschaft für die ganz großen Spiele regelmäßig in das riesige Zentralstadion aus, in dessen alte Außenmauer später die Red Bull Arena hineingebaut wurde – die wahre Heimat des Vereins ist und bleibt aber das altehrwürdige „Bruno“ hier in Probstheida. Etwas über 10.000 Zuschauer sind da – wegen laufender Instandsetzungen und Sicherheitsauflagen für das Relegationsspiel darf nicht alles belegt werden. Es gibt eine große Tribüne mit Sitzplätzen, während die Gegengerade und die Kurven als Stehplätze angelegt sind. Die alte 400-Meter-Laufbahn und die Bereiche hinter den Toren sind mit Gras bewachsen. Durch die ursprüngliche Parallelnutzung als Leichtathletikstadion befinden sich die Fankurven relativ weit weg vom Spielfeld. Wir haben Tickets für die Gegengerade – und diese ist gerammelt voll!

Wir finden nur noch hinter der letzten Reihe Platz und müssen uns zwischen den Köpfen der Vorderleute Sichtfenster suchen. Es ist, als würde man durch ein Schlüsselloch gucken. Die vor uns liegende Außenbahn kann ich gar nicht einsehen; für alles andere muss ich ständig die Position wechseln. Zugleich stehe ich überwiegend mit durchgestreckten Beinen oder auf Zehenspitzen, sodass meine Waden nach der ersten Halbzeit zu schmerzen beginnen. Was wir im Gegensatz zum Spielgeschehen einhundertprozentig mitbekommen, sind die Durchsagen des Stadionsprechers, der darum bittet, das Zünden von bengalischem Feuer gefälligst zu unterlassen. Erst betrifft es die Würzburger Fans, in der zweiten Halbzeit dann die Leipziger. Letztere haben so viel Pyrotechnik dabei, dass dicke Nebelschwaden über den Rasen ziehen, die in der untergehenden Sonne giftgelb leuchten. Das Spiel muss kurzzeitig unterbrochen werden, weil Spieler, Tore und Ball nicht mehr zu sehen sind.

Das Spiel verläuft relativ eindeutig – soweit ich es sehen kann. Lok hat zwar in der ersten Halbzeit eine Drangphase, der Gegner aus Bayern aber die deutlich besseren Chancen: Einmal rettet die Latte, einmal der Leipziger Torhüter mit einer guten Parade. Zu Beginn der zweiten Halbzeit fällt dann das Siegtor für Würzburg, das ich zufällig sehe, mein Sohn dagegen nicht. Würzburg lässt danach noch zwei sehr gute Konterchancen liegen – und Lokomotive den Kopf hängen. Wenn die Mannschaft beim Rückspiel ähnlich auftritt, wird es wieder nichts mit dem Aufstieg. Das sieht auch der heimische Anhang so: „Die raffen es nicht. Immer fallen die Tore nach dem Wiederanpfiff. Die raffen es einfach nicht.“ murrt einer auf dem Heimweg. Ein anderer versucht es mit Zweckoptimismus: „Ein 0:1 kann man noch aufholen“. Könnte man, denken mein Sohn und ich – aber so wie die Mannschaft aufgetreten ist, besteht dafür wirklich wenig Hoffnung.

Gregor Dill, Moabit
Ich sitze im Freien und erwarte voller Freude die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Sie gehen gerade hinter dem Haus auf und werden bald auch meinen Platz, meine Umgebung erhellen.

Gleichzeitig nehme ich den Wind wahr, der in meinem Rücken weht und etwas Kühle mit sich bringt – genau an der Grenze zwischen angenehm und unangenehm. Ich bin leicht zittrig, worauf meine Körpersysteme reagieren: Durch eine kleine Positionskorrektur sitze ich nun etwas niedriger. Jetzt wird mich die Sonne zwar etwas später erreichen, aber der Wind trifft nicht mehr auf meinen unteren Rücken. So fühlt es sich besser an.

In der Ferne zwitschern Vögel; die nahen Krähen krächzen bzw. kroahen. Sanft fahren Züge über Schienen, und doch sind die Stöße der enorm robusten Räder auf Gleisholme, Schwellen und Weichen deutlich wahrnehmbar – sie tragen die schwere Last des Metalls und der Waggoninhalte.

Vereinzelt höre ich Fußtritte – gummierte Schuhe, die sich mir nähern und sich wieder entfernen. Das Geräusch verrät mir, dass der Untergrund fest ist: Pflaster oder Stein, wahrscheinlich sogar Beton, der geriffelt sein muss, da es nur wenig nachhallt.

Das Klirren und Surren einer Fahrradkette, die zu wenig Schmiermittel erhalten hat, um den Staub zwischen den Gliedern zu binden und dem Rost zu trotzen, mischt sich dazu – sie wird getrieben und gespannt von der Rotationsbewegung eines Menschen, der ein Ziel verfolgt und es erreichen will und wird. Die Tritte sind entspannt, sanft und ruhig und passen sich der Kurve an, um gleich darauf der folgenden leichten Steigung wieder mehr Energie zu widmen.

Mehr und mehr Fahrzeuge schneiden sich als Geräuschkulisse durch den lichten Raum hinter mir. Die Bäume, welche die Straße säumen, fangen den Schall ein, halten ihn am Boden und machen ihn in der Umgebung lauter. Gleichzeitig dämpfen sie das Rauschen nach oben hin ab, während die harten Oberflächen der Gebäude die Wellen doppelt, dreifach, ja vielfach reflektieren. Es sind große und kleine Autos; schön anzuhören sind die behutsam gebremsten. Das vorgegebene Tempo 30 wird von den meisten in etwa gehalten.

Diese akustische Dichte, das Rauschen, ist für mich angenehm – für den einen oder anderen könnten die schnellen, maschinellen und reflektierten Töne jedoch schon zu viel sein. Aber die Mehrzahl der Menschen schläft um diese Zeit noch; Schule und Arbeit beginnen für die meisten erst zwischen 7 und 8 Uhr.

Eine Krähe macht lautstark auf sich aufmerksam. Ihre Rufe werden umgehend von zwei Joggern überlagert, die mit hartem Tritt näherkommen. Sie treten unsauber auf, wie gehetzt und unter Druck; ihre Atmung ist hechelnd, laut und schwer – als wäre es für sie eine Pflicht zu laufen, als wären sie nicht frei und eigenbestimmt unterwegs. Anderes Schuhwerk wäre empfehlenswert.

Eine Frau, fixiert auf das Smartphone in der Hand, somit abgelenkt vom Leben, hat die Umgebung nicht im Blick. Ihr Gang ist holprig, schlürfend, teils wirr schlendernd, sodass sie immer wieder den Kurs korrigiert. Das wird sie das schneller als andere erschöpfen; sie wird hungrig sein und neue Energie ziehen wollen, ja müssen.

Es folgen eilige, laute Schritte. Ein vibrierender Koffer – oder eher ein Rucksack, denn es sind klappernde Metalllaschen zu hören – wird in Richtung der Gleise bewegt. Vielleicht möchte da jemand einen Zug erwischen; etwas zu spät und doch optimistisch, dass das Tempo trotzdem reicht, denn hektisch ist dieser Lauf nicht, er ist überlegt, so als ob die Person die Länge des Weges kennt und die eigenen Kräfte gut einschätzen und einteilen kann. Hier ist Weisheit zu erkennen, gute Erfahrung und ein sorgsamer, zarter Umgang mit sich selbst. Und eine Bewusstheit – denn um zu spät zu sein, muss man zuvor abgewogen haben, ob man gegenwärtigen Augenblicken und Räumen mehr Aufmerksamkeit widmet als den wartenden Dingen, Personen und Pflichten. Man entscheidet souverän, lebt achtsam und bringt die eigene Energie genau dort ein, wo sie im Moment erforderlich ist.

Zuletzt ein Mann, sanft im Tritt auf gummierter Sohle, leise und schwingend. Kopfhörer schirmen ihn ab vom vermeintlichen Lärm der Stadt und lassen ihn nur das wahrnehmen, was er will. Er zieht meinen Blick auf sich, doch selbst will er ihn nicht erwidern – er versucht mich zu ignorieren, sieht mich aber aus dem Augenwinkel. Seine Hard-Rock-Klamotten strahlen eine gewisse Härte aus, eine Liebe zu Kraft und impulsiver Energie. Doch die gepflegten Haare und nur wenige Tattoos auf der Haut zeigen eine Weichheit, einen sensiblen Kern, der nicht darstellen muss, was nicht vorhanden ist. Er ist also in sich stimmig und ebenfalls ganz bei sich. Das ist schön.
Christoph Sanders, Thalheim

Der Morgen des Pfingstsamstags wolkenlos, sommerlich und ruhig – es ist fast nur Vogelgesang zu hören. Die Clematisranke hat nun ihre zweite Blüte bekommen, eine intensive purpurne. Ein Virus schleicht sich davon. Ich bin verschlafen. Ein Tag für Einkäufe, Gartenpflege und eine kurze Radfahrt, bevor es auf Geburtstagsgrillparties geht.

Am Sonntag der Rosenbusch in voller Blüte, ebenso eine gelbe Lilie (Selbstaussaat). Ein milder Abend bei leicht windigen 26 Grad. Völlig platt aber zufrieden von der Hachenburg-Radrunde zurück: Siebzig Kilometer Auf und Ab durch den Westerwald bei Temperaturen um die 30 Grad. Zum Schluss knapp einem Krampf im operierten Bein entgangen, was ein untrügliches Zeichen für Ausbelastung ist. Die Hitze war angenehm, saugte aber Körner. Zwischendurch geriet ich in das Jahresfest des Flugsportvereins „Glück Auf“ Ailertchen – über das Thema Flugbenzin redet hier keiner. Zum Tagesausklang der grandiose, Rubinstein mit Chopin: Schlicht, natürlich, kein Gedonner, kein Pathos, keine Effekte. Er erzählt uns die Musik. Große Kunst.

Am Pfingstmontag höre ich an einem überaus leuchtenden Morgen bei einer zweiten Runde Sencha im DLF ein nicht sehr ergiebiges Feature über das Okkultistische im Werk Robert Musils, der sich (wie etwa auch Jünger) auf die Suche nach einer „Ur-Ordnung“ und dem metaphysischen Kern des Daseins begab. Für meine persönlichen mystischen Ekstasen genügt mir weiterhin das Rennrad – mein Rausch sind die gute Erschöpfung und die schweren Beine am Morgen danach. Weit oben im Baum haben die Türkentauben wieder zu brüten begonnen – vermutlich ist das bereits die Enkelgeneration. Sie alle kamen dort zur Welt. Und vom Dach aus wacht der Partner.

Ich verbringe den sehr heißen Nachmittag mit der aufwühlenden Sortierung des Inhalts meiner Berliner Farbfotokartons. Sie werden, stark selektiert, in Alben landen – das der Jahre 1996/97 wird den Titel „Cars and the City“ tragen. Weitere werden „Berliner Winter“ und „Die Farben der Luft in Mitte“ heißen. Bis zur Jahrtausendwende war die Stadt eine völlig andere als heute – Teile der Friedrichstraße sind noch Halbruine und terra incognita (für Westler); 1999 stehen dann die Kräne am Potsdamer Platz. Es war mein Leben vor den Kindern. Für mich ist dies wohl die letzte Gelegenheit, mich damit zu befassen – man muss die Energie und eine Vorstellung davon haben, was aus dem Material werden soll. Farbfotos sind nicht gerade zeitbeständig, was ich mit Schrecken an den gerahmten Bildern an der Wand sehe. Im Dunkeln bleiben die Farben frisch, also auch in Alben. Gestrige Technologien. Die Negative werde ich vernichten.

Am ersten Tag nach Pfingsten die üblichen Chauffeursdienste und Besorgungen. Bei meiner Rückkehr steht ein LKW in unserer Einfahrt und will acht Paletten Dämmaterial abladen. Nach Betrachtung des Lieferscheins weise ich den Fahrer auf den Unterschied zwischen Talweg und Talstraße hin – zum Glück kommt er nicht wieder. Da es noch unter 30 Grad sind, schnell aufs Rad. Die Gerste schießt förmlich empor; die Vögel hören gar nicht mehr auf zu singen. Sonnenuntergang mit Rosenduft. Das Blätterdach macht die Nacht erträglich – aus dem Garten strömt frische Luft durch die Fenster und durch den Kamineffekt hinauf bis ins Schlafzimmer. Doll!!!

Sofort am Mittwochmorgen bei 13 Grad die noch feuchte Wiese rund um die Büsche gemäht. Die Johannisbeeren bekommen in diesen Tagen genau das, was sie brauchen: Sonne. Sie werden sie uns als Vitamin C weiterreichen. Um halb elf aufs Rad. Nach kurzer Fahrt Blockade durch ein Dutzend Feuerwehrfahrzeuge. Neben dem Salon des Herrenfriseurs von Hadamar ist ein Dachstuhl ausgebrannt. Ein Rentner berichtet mir, er habe um 4:15 Uhr morgens das Leuchten wahrgenommen, sei aufgestanden und zum Ort des Geschehens gelaufen. Zunächst vermutet er ein Brandgeschehen in einem alten Fachwerkhaus, tatsächlich steht jedoch ein schwarzes Mercedes Coupé in Flammen. Das Feuer greift auf einen Paketlieferwagen über, der sich nicht löschen lässt, weil die Hydranten festklemmen. Schlussendlich wird noch das Dach eines Wohnkomplexes erfasst.

Ein heißschwüler Tag, an dem erste Quellwolken sichtbar werden, 27 Grad Höchsttemperatur, unbeständiger Nordostwind. Die Grashalme erreichen stellenweise eine Länge von 50 Zentimetern – ich drehe mit dem Mäher Runde um Runde. Die Rosen blühen irrwitzig schnell auf – ich fülle mit den Blüten eine Schale und bringe diese ins Haus. Nachmittags begleite ich meine Jüngste zum Stall – das Pferd, das sie pflegt, wurde gerade wegen Koliken behandelt. Nun ist es wieder gesund und trägt zur Feier des Tages eine Margerite in der Mähne. Abendaufgabe: Den Sohn zu zehn Minuten am Mäher ermuntern.

Frank Schott, Leipzig

Es hat etwas Meditatives, wenn ich durchs Wasser gleite und unter mir meinen Schatten tauchen sehe. Die Wasseroberfläche ist fast eben und bildet eine märchenhafte Barriere zwischen dem unter und dem über mir. Auf dem See schwimmen Flocken aus Pappelsamen, die wie kleine Nebelballen aussehen. Über mir kreisen anmutig Möwen, stoßen hinab und picken Insekten vom Wasser. Sie schweben lautlos, ohne ihr charakteristisches Schreien oder Lachen. Ich bin im Frieden mit mir.

Die Stadt dagegen nervt. Nach den Feiertagen starrt sie vor Dreck: Scherben auf Geh- und Radwegen, Abfall, der als „Zu verschenken“ vors Haus gestellt wird, Kotze auf den Bürgersteigen. Pappbecher kullern, die Papierkörbe und Mülltonnen quellen über, ihr Inhalt hat sich in der Umgebung verteilt. Krähen, die darin nach Verwertbarem suchen, vergrößern das Elend, doch sie tragen keine Schuld.

Vor dem Schwimmen jogge ich von zu Hause aus gut neun Kilometer durch verschiedene Straßen bis in den Park. Auch zu dieser relativ frühen Stunde sind Läufer unterwegs, deutlich mehr als ich erwartet hätte. Man nutzt die Morgenfrische, denn der Tag soll wieder heiß werden. Der Wald ist immer noch feucht, längst nicht alle Pfützen sind versickert. Und als ich später mit dem Rad zum Cospudener See fahre, entdecke ich, dass der kleine Graben am Wegesrand immer noch Wasser führt. In der Lokalzeitung wird dagegen schon wieder vor Waldbrandgefahr und ausgetrockneten Böden gewarnt. Meine Realität ist eine andere.

Der See ist an diesem Dienstagmorgen nahezu verlassen. Zwei Menschen lassen ihren Hund ins Wasser springen. Eltern planschen mit Babys und kleinen Kindern, die noch zu jung für die Schule sind. Ein Entenpärchen patrouilliert in der Morgensonne. Ansonsten sehe ich nur Einzelgänger wie mich. Und die tanzenden Möwen.

Ich bin jetzt zum dritten Mal inerhalb von drei Tagen an der gleichen Stelle schwimmen. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Temperatur anmutet. Ich habe kein Thermometer dabei, doch wenn kräftige Winde den See durchgeschüttelt und Tiefenwasser noch oben gespült haben, spüre ich eine deutliche Abkühlung. Nicht, dass mich das vom Schwimmen abhält, es fällt mir nur auf.

Die Gäste des Wave-Gotik-Festivals verstauen Koffer in ihren Autos oder sammeln sich an den Haltestellen der Straßenbahnen und Busse. Viele haben den letzten Pfingsttag noch zum Flanieren und für Konzertbesuche genutzt. Eine leichte Enttäuschung ist die gestern eröffnete Fanmeile, die auf das Endspiel der Conference League einstimmen soll, das morgen in der RB Arena stattfindet: Werbepartneraktionen, Torwandschießen sowie Selfiebuden mit Trophäen und sogenannten Teamkulissen bei maßlos überteuerten Getränkeangeboten – wenn man 6 Euro für 0,4 Liter Bier verlangt, freuen sich immerhin die anliegenden Lokale.

Ich finde es verblüffend, wie viele Menschen beim Gang durch die Innenstadt auf ihre Smartphones starren. Einige telefonieren, wobei man Jung und Alt daran unterscheiden kann, dass die älteren Semester ihr Telefon klassisch an den Kopf halten, während die jüngeren es waagerecht ausgestreckt vor den Mund führen. Selbst der Beruf des Bauarbeiters ist ohne Handy nicht mehr vorstellbar, wie mir auffällt. Das erinnert mich an eine Bemerkung eines Unternehmers in meiner Therapierunde. Während die betagteren Mitarbeiter in der Frühstückspause miteinander quatschten, würden die Auszubildenden nur auf ihre Handys starren. Wenn er sie anspreche, würden sie zwar kurz mit ihm reden, sich dann aber wieder umgehend ihren Displays widmen.
Frei nach John Lennon: „Life is what happens to you while you’re busy staring at your phone.“ Deshalb schwimme ich lieber noch ein paar Meter und genieße die Stille des Sees.
Das erste Geräusch, das am Pfingstsamstag von draußen in meine Wohnung dringt, ist kurz vor fünf das Gurren einer Taube. Ich lasse mir die entspannte Laune nicht verderben. Nach dem Frühstück kreuzt auf dem Weg zum Westhafen ein Fuchs, von Osten her die Birkenstraße hochlaufend, die Stromstraße. Um diese Zeit muss er kaum auf Verkehr achten. Um 6:45 Uhr ist es bereits so warm, dass ich meine dünne Trainingsjacke ausziehen kann. In der S-Bahn bin ich so in Schreibarbeiten vertieft, dass ich den Umstieg in Westkreuz verpasse und eine Station zurückfahren muss – es gibt keinen Ort, an dem ich mich besser auf Texte konzentrieren kann, als in einem fahrenden Zug (perfekt ist ein Speisewagen mit Teenachschub und Toilette). In der Bucht am Schlachtensee sind weder die Blässhühner und Haubentaucher noch die Stockenten anzutreffen. Letztere – die Mutter mit ihren verbliebenen vier Küken – sehe ich inzwischen regelmäßig ein paar hundert Meter weiter westlich; es ist eine der üblichen Revierverschiebungen. Der Ex-Manager setzt sich zu mir auf die Bank. Zuallererst machen wir einen Thermometervergleich: Sein digitales und mein analoges zeigen übereinstimmend 15 Grad Wassertemperatur an. Von einem Rettungshubschrauber, der direkt über uns kreist, komme ich auf die moabiter Möwen zu sprechen, woraufhin er erzählt, dass er einmal krankgeschrieben war, sich aber nicht in Berlin, sondern auf Fehmarn auskurierte, was in der Firma niemand wissen durfte. Als dort etwas geschah, zu dem seine Einschätzung gefragt war, wurde ein Bildtelefonat eingerichtet. Während des Gesprächs bemerkte er, dass die Möwen vor seinem Fenster laut zu hören waren. Wäre er darauf angesprochen worden, hätte er gesagt, dass er an einer Mülldeponie wohnt. Wer eine gute Ausrede parat hat, muss im Ernstfall nicht seine Oma erschlagen.

Als ich den Forst nördlich des Sees verlasse, macht eine alte Dame auf dem Weg Fitnessübungen – sie bewegt sich wie Spider-Woman.

Beim Umstieg in Westkreuz sehe ich die Farben des Tages: Weiß-Rot und Rot-Weiß – die Fans des VfB Stuttgart und FC Bayern München, deren Mannschaften am Abend im Olympiastadion das DFB-Pokal-Finale bestreiten, fluten die Stadt. Dann springt ein anderer Ton in mein Auge und das Alarmsystem des gelernten DDR-Bürgers und Fußballfreundes an: Weinrot bedeutet tendenziell Gefahr – und so ist es dann auch: Alt- und Junghools des BFC sind unterwegs, was nie angenehm ist. Die Recherche ergibt, dass die Biffzen um halb zwölf im Landespokal-Endspiel im Mommsenstadion gegen die VSG Altglienicke antreten. Ich drücke den Treptowern die Daumen – was Wirkung zeigt: Der Schiebermeister zu Erich Mielkes Gnaden verliert trotz Überzahl in der Verlängerung mit 1:2. Höhö.

Gleich nach dem Mittag fahre ich zur Museumsinsel. In der Alten Nationalgalerie wurde am Vortag „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ eröffnet. Obwohl zu Pfingsten schätzungsweise eine Million Touristen in der Stadt sind und einige der knapp 80.000 Fußballfans die Zeit bis zum Stadioneinlass gewiss auch anders als mit Biertrinken verbringen, ist die Ausstellung erstaunlich leer; lediglich ein spätes Selbstbildnis Vincent van Goghs ist dichter umlagert als Harry Kane im Fünfmeterraum ein paar Stunden später. An den Wänden hängt die erste Liga der Malerei des vorletzten und letzten Jahrhunderts: Renoir, Manet, Monet, Cézanne, Slevogt, Corinth, Munch, Modersohn-Becker, Oppenheimer, Stuck, Kirchner usw. – der Titel der Schau ist also zu eng gefasst, aber das ist egal.

Paul Cassirer war ein deutscher Kunsthändler, Verleger und eine der Schlüsselfiguren der Moderne. Gemeinsam mit seinem Cousin Bruno eröffnete er 1898 in Berlin eine Galerie, die schnell zum Zentrum jener Avantgarde wurde, die heute zum unangefochtenen Weltkanon gehört. Als smarter Geschäftsmann unterstützte er seine Künstler nicht nur durch den Vertrieb ihrer Werke, sondern mit einem für die Zeit neuartigen System aus Vorschüssen, garantierten Ankäufen, großen Ausstellungen, Öffentlichkeitsarbeit und der Vermittlung von Sammlerkontakten. Dem knurrigen, menschenscheuen Barlach (hier mit zwei Reliefs vertreten) zahlte er eine Art Monatsgehalt, sodass der alleinerziehende Vater zumindest finanziell in Ruhe arbeiten konnte. Meine Favoriten unter den vielen gezeigten Meisterwerken sind Maxe Liebermanns Arbeiterinnenbilder sowie Edgar Degas‘ strahlendes „Miss La La at the Cirque Fernando“, das normalerweise in der National Gallery in London hängt – allein dafür werde ich ein zweites Mal in die Ausstellung gehen. Während der Rückfahrt lustige Gespräche mit zunehmend hibbeligen VfB-Schlachtenbummlern.

Am Sonntag entdecke ich am Schlachtensee einen Graureiher, der aufmerksam ins Wasser schaut. Da kiek ich natürlich sofort etwas mit – und entdecke einen Schwarm Fische. Nachdem ich Anfang des Monats viele Hechte, Karpfen und Rotschwänze gesehen hatte, herrschte Flossenflaute – man muss sich halt an die Experten halten.

In der Bucht ist mehr los als am Vortag: Auf dem Rücken eines Haubentauchers sitzen drei Junge, für die der Partner nach Futter taucht, während am Schilfrand die Blässrallen ihre Küken füttern.

Derweil zieht sich an der Nachbarbank ein menschlicher Taucher sorgfältig den Anzug an, um anschließend im See zu verschwinden.

Am Montag komme ich in der Bucht mit einem älteren Pärchen ins Gespräch. Der Mann sinniert über die Aufzuchtstrategien der Rallen und Haubentaucher, die wir gerade beim Füttern beobachten. Ich kann alle seine Fragen beantworten, erkläre die roten Köpfe und den „Flügelbrutkasten“ oder dass die Fische gerecht verteilt werden und sich die kräftigeren der Haubentaucherjungen anfangs zwar gegen die Geschwister durchsetzen, indem sie diese vom Rücken des Elternteils schubsen, die zunächst Schwächeren aber gerade dadurch schneller selbstständig werden, wodurch sich am Ende alles ausgleicht. Als ich dann noch den Bogen zu uns Menschen schlage und sage, dass wir von den Tieren eine Menge lernen können, zum Beispiel, dass es unterschiedliche Strategien gibt, Kinder aufzuziehen, und dass diese jeweils genau richtig sind – freuen sich die beiden. Sie erzählen, dass ihnen die zunehmende Spaltung der Gesellschaft Sorgen mache, sie das aber nun vielleicht mit etwas anderen Augen sehen könnten. Am Ende geht es darum, dass ein jeder nach seiner Fasson selig werde, wie es der Alte Fritz uff den Punkt brachte – da muss man andere nicht ständig bewerten.

Am Nachmittag dann noch eine Premiere für mich: Da neulich beim Tischtennis eine Mitspielerin aus dem Nichts einen Grießbreijieper bekam und uns dermaßen den Mund wässrig quasselte, habe ich das nun auch endlich mal gekocht. Die Latte liegt dabei in maximaler Höhe, da ich als Kind den Grießbrei meiner Oma mütterlicherseits über alles liebte. In den quellenen Brei gebe ich, in Abwandlung des Klassikers, einen überreifen Apfel, eine halbe Birne sowie Rosinen (ansonsten süße ich nicht). Über das Ganze kommen eingeweckte, mild säuerliche Pflaumen. Die Sache geht gut aus: Njamnjamnjam!


Frank Schott, Leipzig
Ich nehme einen kleinen Umweg, um im Clara-Zetkin-Park das Viktorianische Picknick zu erleben. Zwar gehört es nicht zum offiziellen Programm des alljährlich zu Pfingsten stattfindenden Wave-Gotik-Treffens, doch hat es sich längst zu dessen heimlichem Höhepunkt gemausert. Da ich mir als aktiver Teilnehmer wie ein Fremdkörper vorkäme, bleibe ich Zaungast und schleiche nur ein wenig drumherum.

Aus dem ganzen Land reisen an diesem Wochenende Menschen nach Leipzig. Ihre Kleidung und Outfits zeugen von der Liebe, Zeit und dem Geld, die in sie investiert wurden. Im Gegensatz zum Fasching, bei dem vielen der Plunder aus Fernost als Partykostüm genügt, sind hier fast alle ausgesprochen stilvoll gekleidet. Dabei gibt es kein Alterslimit: Kleine Kinder sind ebenso vertreten wie pensionierte Herrschaften. Gerade ältere Paare überraschen mit der Qualität und dem Detailreichtum ihrer Aufmachungen, die von der namensgebenden viktorianischen Epoche über Fantasywelten bis hin zum Steampunk reichen.
Ich habe das Gefühl, dass in unserem Zeitalter des Schlabberlooks schon das sorgfältige Herrichten der Gewänder und das Sich-Herausputzen für die meisten zur intrinsischen Belohnung werden.

Fester Bestandteil dieses Lebensgefühls ist das Schreiten. Obwohl der inoffiziell-offizielle Start erst um 15 Uhr ist, ist einigen, die bereits eine Stunde früher ankommen, leichte Panik anzumerken, weil viele Rasenstücke oder üppig blühende Plätze schon besetzt sind – trotzdem wandelt man geruhsam durch den Park. Hat man ein freies Fleckchen gefunden, breitet man auf Tischen und Decken die mitgebrachten Speisen aus. Da das Wetter mitspielt, zelebrieren die Ersten das Picknick sicher schon seit einigen Stunden. Schwerer Patschuliduft liegt in der Luft und überlagert selbst den der Blüten.

Das Festival gibt es, mit einer zweijährigen Corona-Unterbrechung, seit 1992. Im Mittelpunkt stehen die Konzerte. Für dieses Jahr sind mehr als zweihundert Auftritte angekündigt; zu den bekanntesten Acts zählen der Achtziger-Jahre-Star Kim Wilde und die Band Einstürzende Neubauten. Spielorte sind neben dem ehemaligen AGRA-Messegelände auch Kirchen, Friedhöfe und das Heidnische Dorf am Torhaus Dölitz.

Ich erinnere mich, als vor einigen Jahren das Wave-Gotik-Treffen und das Deutsche Turnfest gleichzeitig stattfanden. Die Sportler kampierten in Schulen und Turnhallen, die Hotels waren von den Festivalgästen belegt. Wenn in der Straßenbahn Gymnastinnen in bayerischer Tracht auf Vertreter der schwarzen Zunft trafen, war das ein wahrer „Clash of Cultures“ – beide Seiten beäugten und fotografierten einander mit großen Augen und staunender Miene.

Nicht überall sind in diesem Jahr Schreiten und Flanieren möglich – so ist beispielsweise der Platz vor dem Alten Rathaus abgesperrt, da hier ab Montag das Fußballfanfest zum Conference-League-Finale stattfindet. Mit Bühnenprogramm, Kleinfeldturnier und Mitmach-Aktionen wird auf das Endspiel zwischen Crystal Palace und Rayo Vallecano am Mittwochabend in der Red Bull Arena eingestimmt.

Ich nutze den Samstagmorgen für einen Parklauf. Schon um 8 Uhr liegt die aufkommende Wärme in der Luft, doch unter den Bäumen bleibt es angenehm kühl. Die Festivalgäste sitzen vermutlich noch beim Frühstück oder feilen an ihrer Garderobe. Erstaunlich wenige Jogger sind unterwegs. Erst gegen 9 Uhr, als ich die Runde beende, füllen sich die Wege: Überall knirscht Sand unter Turnschuhen, begleitet von keuchendem Atem.
Christoph Sanders, Thalheim

Am Montag in der Online-taz ein gutes Stück von Helmut Höge, der viel originelles Wissen über Lerchen zusammengetragen hat. Ich weiß nun, dass der Charaktervogel Thalheims die Feldlerche ist – und das trotz der industriell bewirtschafteten Felder. Als ich meine morgendliche Vaterpflichrunde gedreht habe, sofort wieder zu Bett, da die sonntägliche Bergeinheit die Muskeln schlauchte. Nach der weiteren Erholungspause ein geschmeidiger Wochenbeginn bei milderen Temperaturen und leichtem Regen – da muss ein Rad mit Schutzblech her. Besorgungen, Momoxkartons zur Rewe-Poststelle, danach Radpflege. Der Teenie büffelt Fahrschultheorie: „Was ist der Reifeninnendruck?“ – alle schlafen ein. Die Deutsche Fahrschule ist das Summum der Verkehrsbürokratie, war sie schon zu meiner Zeit.

Nachdem ich aus den Schauern von der Höhe zurück bin, gehts an die Pfanne zum Lachs, den ich mit umfangreichen Karrotten- und Kartoffelbeilagen serviere. Dann bring ich wie jeden Dienstag die Ballerina nach Westerburg. Dort suche ich nach Alben für meine 10.000 Berlin-Kleinfotos, die ich für die Nachwelt erhalten möchte – Rossmann hat ein brauchbares Modell, aber es ist noch nicht das definitve. Am Abend gewinnt der FC Dorndorf II meines Sohnes in einem sehr mäßigen Spiel (inklusive verschossenem Elfmeter) mit 1:0 gegen die SG Taunus. Gegen Ende häuften sich die ruppigen Szenen und wüsten Beschimpfungen unter den Spielern – was die gute Stimmung unter den insgesamt 100 Zuschauern nicht trübte.

Am Mittwoch in der Frankfurter Rundschau in einem Artikel der Fun Fact, dass US-Tankstellen an den Zapfsäulen keine zweistelligen Preise ausweisen können – bei 9,99$ pro Gallone ist Schlus mit der Skala. Nachdem ich alle mit gutem Zureden aus dem Bett und zum Frühstücken gebracht habe, ein weiterer Schultransport, der sich bei etwa 5,4 Litern Durchschnittsverbrauch auf 100 Kilometern bewegt. Nach Beendigung der Chauffeursdienste Öffnen des Hasenstalls und Verstreuung von Möhrenschalen, danach Hausmüllmanagement und Waschmaschineninstandsetzung – die Pumpe war von Zopfgummis samt Haarknäueln blockiert. Mildes Schauerwetter mit wunderbaren Lichtwechseln, rundherum supersattes Grün in allen Variationen. Im SWR-Kulturradio ein Report über Wildbienen und Hummeln, die für botanische Vielfalt sorgen, da sie als Sonderbestäuber selbst an schwer zugängliche Blüten gelangen. Die Glockenblume gilt als Indiz für eine gute Bienenpopulation – was ich bestätigen kann, sobald ich durch unseren Garten gehe. Über den Tag immer wieder Schauer – Raps, Gerste, Weizen und Luzerne stehen voll im Saft. Großartig!

Zu Bett mit den Memoiren des Berufsjägers Karl Zorn aus dem Westerwald/Taunus, Jahrgang 1890, Sohn eines Försters. Sehr gute Waldbeschreibungen und Tierbeboachtungen, zum Beispiel über den Fuchs als Gesundheitspolizei: Erst wenn kein Aas mehr zu finden ist, jagt er Frischwild, anders sein „blutrünstiger Vetter“, der Wolf. Als Jäger ist man Herr über Leben und Tod und reguliert Ungleichgewichte: Reißen Füchse junge Hühner, Hasen oder Kitze werden sie erschossen, füttert die Fähe ihre Jungen nur mit Nagern oder Maulwürfen, werden sie am Leben gelassen, weil sie auch später vor allem diese Schädlinge fressen. Ökologie wird im Sinne des Reviers betrachtet: welches Wild ist gesperrt, was darf man gerade schießen. Ein eigener Kosmos aus aufregenden Jagdpartien, fachmännischer Hundezucht und waidmännische Regelwerk. Zwischendurch werden die ausgestorbenen Haselhühner und der Otter bedauert, der einst in der Lahn lebte. Natürlich grenzt sich der „echte“ Jäger Zorn vom städtischen Jagdscheininhaber ab – dabei lebt das gesamte System von den Pachtzahlungen begüterter Hobbyschützen. Dazu viele Anekdoten – man definiert sich über das Special-Interest-Thema – ganz wie wir Radsportler. Am Ende zwei Formen desselben archaischen Freiheits- und Bewegungsdrangs.

Am Morgen eines langen, sonnigen Donnerstags bewundere ich zuerst die am Vortag doppelt erblühte Päonie, die im Volksmund auch Pfingstrose heißt – und das ist ja schon am Wochenende!
Der Sohn nutzt den vollen Lohnausgleich im Krankheitsfall, den er als FSJler genießt, und schläft aus. In Hadamar sehe ich kurz vor meiner Nasenflügel-OP eine offiziele Bekanntmachung, in der dazu aufgefordert wird, die Asiatische Hornisse zu melden. Die gibt es hier häufig, ich halte die Augen offen. Die Betäubung ist äußerst schmerzhaft, aber extrem wirkungsvoll. Da durch die Nase auch der Nerv für den Schneidezahn verläuft, wird dieser ebenfalls taub. Nach der Operation noch Stunden später Kopfschmerzen, aber aus der Caritas-Schütte einen fünfarmigen, versilberten Kerzenleuchter gerettet! Schlichte, sehr angenehme Form – die Jüngste verhilft ihm zu altem Glanz. Ich freu mich schon auf den nächsten Stromausfall.

Freitag nach dem Frühstück erste Wäsche und Buchsbeschneidung bei großem Wetter – das kann gern noch ein paar Tage so bleiben. Organisationstelefonate wegen meines armen Schwiegervaters, der zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit gestürzt ist, was bei ihm zu Panikattacken und einem Demenzschub führte. Anfangs weigerte er sich aufzustehen, weil er sich plötzlich an das Gitterbett erinnerte, in dem er, wenn seine Mutter arbeiten ging, als Kleinkind halbe Tage verbrachte. Seine Frau ist komplett überfordert mit der Situation. Nun wird in der Familie gerechnet; aber 24-Stunden-Pflegedienste sind sehr teuer – ich werde Pfingsten als Strohwitwer verbringen.

Helmut Höge über Lerchen: https://taz.de/Die-Wahrheit/!6179347/
Der Wildbienenbeitrag im SWR: www.swr.de/swrkultur/wissen/wildbienen-wie-wir-sie-schuetzen-koennen-das-wissen-2026-05-20-102.html
Die Schriftstellerin Helga Schubert über die Pflege ihres Mannes und das Sterben: https://ueber-das-ende.podigee.io/51-neue-episode

Am Sonntag vermelden die Online-Ausgaben der Zeitungen, dass vor der dänischen Insel Anholt immer wieder Menschen für Fotos auf den Kadaver jenes Buckelwals klettern, der als „Timmy“ oder „Hope“ wochenlang durch die deutsche Presse geisterte. Im Inneren eines solchen Tieres entstehen bei der Verwesung riesige Mengen an Fäulnisgas, wodurch sich der Körper aufbläht und im Extremfall sogar platzen kann. Dabei können Gewebe, Knochenstücke und Zersetzungsflüssigkeit herausgeschleudert werden. Und gerade als ich mir vorstelle, wie das wäre, wenn dieser Wal explodiert, während jemand auf ihm herumturnt, kommt die Meldung rein, dass in einem Leipziger Gewerbegebiet ein Tiger erschossen wurde. Ein Freund, der dort wohnt, schreibt mir, dass es bei dieser ganzen Geschichte, die einen langen Vorlauf hat, nur Verlierer gebe. Lieber schnell an die Blässhuhnkükenfütterungen denken, die ich am Morgen sah!

„Da kommt das Nest für meine Kätzchen hin … und das hier ist die Tränke … schau mal, da ist eine kleine Schnecke dran! Mama, du auch, und du – eine Schnecke! Oder keine Tränke, lieber ein Boot, das kann ja schwimmen … Meinst du, das ist ein guter Platz für das Nest?“ So spricht am Montag am See eine Fünfjährige zu mir und ihrer Mama nebst Säugling und einer anderen Mutter nebst Säugling. Und ich kommentiere das teetrinkend, sage, wie sie am besten den kleinen Abhang zum Wasser herunterkommt: „Ganz vorsichtig auf den Wurzeln – das ist eine Naturtreppe; die nehm ich auch immer.“ Und das macht sie und das klappt, und den Begriff „Naturtreppe“ findet sie so passend, dass sie ihn sofort benutzt. Dann frage ich sie, ob sie schon da hinten, das Stück weiter den Weg lang, das Nest mit den gerade geschlüpften Blässhühnern gesehen hat. Sie schüttelt den Kopf. Als ich ihr ein Foto davon zeige und erkläre, warum die Küken rote Köpfe haben, ist klar, dass der ganze Trupp noch einmal zurückgeht, um sich das anzuschauen – und nach einer kurzen Überlegungspause und ein wenig Zureden von der Mama kommen die Plüschkatzen ebenfalls mit, da sie ja schließlich auch die „Blässhuhnbabys“ sehen wollen. Es gibt Dinge, die sind weitaus wichtiger als das pünktliche Erscheinen in der Kindertagesstätte.
Und ab Dienstag bin ich endgültig in meinem Sommerrhythmus angelangt: gegen vier aufstehen und gegen 21 Uhr zu Bett gehen. Das passiert jedes Jahr ganz von allein – ich vertraue da meinem Körper. Während ich mein Müsli esse und den ersten Teeaufguss des Tages trinke, taucht der Sonnenaufgang unseren Hof in ein unwirkliches, rötliches Zwielicht. Auf dem Weg zur Bahn sehe ich das blutorange Nachglimmen; von oben drücken tintenblaue Wolken. Die Wege sind leicht feucht – es muss, von mir unbemerkt, in der Nacht geregnet haben; auch die Luft riecht noch danach. Da meine gewohnte Strecke immer noch gesperrt ist, fahre ich mit der U-Bahn nach Rathaus Steglitz und steige dort in die S1 Richtung Potsdam, die mich bis auf zweihundert Meter an den Schlachtensee bringt.

Mein enterisches Nervensystem hat sich anscheinend noch nicht auf die neuen Zeiten umgestellt – während der S-Bahnfahrt pressiert zunehmend ein Nachklapp meiner frühmorgendlichen Defäkation. Da die öffentliche Toilette am See gesperrt ist, hocke ich mich auf einen umgesägten Baumstamm. Ab und an ist ein Perspektivwechsel wichtig – und Toilettenpapier selbstverständlich immer im Rucksack.

Auf meiner großen Runde zur Stammbucht am anderen Ufer erinnert ein nach Zweigen schnappendes Blässhuhn an etwas Urzeitliches. Der Geschirrabräumer in der Fischerhütte hat am Vorabend mitten in der Arbeit aufgehört, was ich durchaus sympathisch finde. Da ich aus erster Hand weiß, dass dort viele serbische Boxer angestellt sind, wird sich wohl keiner der Gäste ernsthaft beschwert haben.

Hundert Meter weiter entdecke ich ein Mandarinentenweibchen – das passiert selten, in der Regel sieht man hier die bunten Erpel.

In der Bucht viele Schilfrohrsänger und ab und an eine tieffliegende Schwalbe – ich werde zum Tischtennis meinen Schirm mitnehmen.

Am Tag darauf füttern in der Bucht gleich zwei Tierfamilien ihren Nachwuchs: Blässhühner und Stockenten – die Rallen eher ruppig, die Enten ganz sanft. Während ich das Heranschaffen und Verteilen der Nahrung beobachte, kommen die beiden Haubentaucher dazu, die über Wochen abwechselnd im Schilfgürtel auf ihrem Nest hockten. Schon dass sie zu zweit schwimmen, hätte mich stutzen lassen müssen – so braucht es einige Blicke, bis ich verstehe, dass auch dort die Küken geschlüpft sind. Winzig klein und noch feucht zerknautscht sitzen sie bei ihren Eltern unter den Flügeln – ich trau mich kaum zu atmen. Und als ich dort, an diesem Mittwochmorgen Mitte Mai, inmitten dieser Vogelfamilien im Morgenlicht stehe, durchströmt mich etwas, das älter ist als meine Vorfahren, größer als mein Vorstellungsvermögen: Allumfassende Wellen der Liebe, die dort fließen, wo Alessandro Moreschi „Ave Maria“ singt und Alison Moyet „The first time ever I saw your face“, wo Caravaggio den ungläubigen Thomas in die Wunde Jesu fassen lässt und Oskar Werner Rilkes „Menschen bei Nacht“ vorträgt, wo Muhammad Ali zu seinem Schmetterlingstänzchen ansetzt und Maradona am 22. Juni 1986 im Estadio Azteca in Mexico City um 13:09 Uhr etwas macht, das ganz England weinen und Milliarden Menschen den Mund offenstehen lässt. Ich heiße die neuen Erdenbewohner willkommen.

Der Donnerstag ist dann der erste Sommertag des Jahres: Über der Rehwiese und dem Schlachtensee liegt Nebel. Ein Licht, das auch dem Weichen harte Konturen verleiht und bei allen, die mir am See begegnen, die Mundwinkel hochzieht. Der Mann, der beim Gehen Stimmübungen macht (eine Tischtennismitspielerin würde sagen, dass er den Vagusnerv stimuliert) und den ich für mich, wenn sich unsere Wege kreuzen, „Der Kammersänger“ nenne, und ich grüßen uns nach Jahren das erste Mal – und werden das nun immer tun. Bereits um sieben angenehme 15 Grad Lufttemperatur und eine leichte Brise, die die Nachtregentropfen von den Blättern streicht.

In der Bucht die übliche Action: Stockerpel im An- und Abflug …

Eine Aufdrehralle und ein Höckerschwan, der den Hals langmacht …

Ein Reiher, der im Schilf verschwindet und mit diesem eins wird …

Und all die frisch Geschlüpften werden natürlich weiterhin umsorgt.

Frank Schott, Leipzig
Wie stark beeinflusst die Psyche unseren Körper? Am Montag schleppe ich mich beim Joggen mühsam über sieben Kilometer, zwei Tage später schaffe ich problemlos dreizehn.
Ist am Ende alles Kopfsache?

Während der Mittwochsrunde werde ich von circa vierzig Kindern angefeuert, die „Schneller, schneller, schneller!“ brüllen, klatschen und mir zuwinken. Ich winke zurück; eine der Erzieherinnen ruft: „So sind Sie bestimmt noch nie angefeuert worden, oder?“ Ich vermute, es handelt sich um Grundschulklassen auf Wandertag; ich begegne ihnen insgesamt dreimal.

Was erklärt also die Formverbesserung von Montag auf Mittwoch? Zum einen spielt wohl die letzte Gruppentherapiestunde eine Rolle und zum anderen eine überlegenswerte Joboption.

In der Therapiesitzung erfahre ich, dass die meisten Teilnehmer bereits viele Monate dabei sind – auf jeden Fall länger als die mir bislang bewilligten zwölf Wochen. Wie schon in der Woche zuvor gebe ich, weil sonst niemand das Bedürfnis dazu verspürt, den ersten Impuls für das Gruppenthema und erzähle von meinen aktuellen Sorgen: Einen sicheren Job wegen Burnouts gekündigt, fünfzig oder sechzig vergebliche Bewerbungen geschrieben, meine Vermutung, für die meisten Firmen aufgrund meines Alters zu alt oder zu teuer zu sein. Zwar sei ich aktuell krankgeschrieben, so dass es von dieser Seite keinen Druck gibt – den mache mir aber selber. Dazu kommt, dass die Absagen aufs Gemüt schlagen.
Die anderen greifen meine Worte auf und steuern ihre Geschichten bei. Einer sagt, er stehe kurz vor der Rente – würde er arbeitslos, würde er die zwei Jahre aber irgendwie überstehen. Ein anderer hat schon zwei Burnouts hinter sich, in denen er zuhause hockte und außer zu zocken nicht viel machte; er brauche eine Aufgabe, einen Job, sonst würde er sich gehen lassen. Einer, der während seiner Lehre keinen der vorgeschriebenen Praktikumsplätze bekommen hat, wechselte daraufhin die Richtung und ließ sich zum Pfleger ausbilden: „Das ist kein Beruf, den ich anderen empfehlen würde. Aber er ist krisensicher.“
„Was ist schon wirklich krisensicher?“, wirft der Therapeut ein – er selbst hat wenige Jahre vor der Rente das Universitätsklinikum verlassen und sich mit einer eigenen Praxis selbständig gemacht. Er räumt aber ein, dass der Pflegebereich in Deutschland wohl auf absehbare Zeit von großer Bedeutung bleibe.
Der Geschäftsführer einer Handwerksfirma greift das Thema Alter auf und sagt, dass die Auszubildenden von heute eine Katastrophe seien: Sie hätten schlechte Kenntnisse in Mathematik und Deutsch, erzielten in den Prüfungen nur miserable Leistungen und auch die Qualität ihrer Arbeit lasse zu wünschen übrig. Deshalb kooperiert er mit einer Firma, die ihm beibringt, wie die jungen Leute von heute so ticken und wie man mit ihnen umgehen müsse. Wer den Betrieb am Laufen hält, seien seine alten Mitarbeiter, deren Erfahrung und Einsatzwillen er sehr zu schätzen weiß: „Wenn die vier in Rente gehen, kann ich meine Firma wahrscheinlich dichtmachen.“
Das Gespräch dreht sich noch eine Weile um das Thema Jugend, die seit Jahrhunderten von den Älteren als unnütz, faul oder dumm bewertet wird – damit müsse man leben, das sei schon immer so gewesen. Ich verlasse die Runde mit einem Gefühl der Zuversicht.

Am Dienstag dann das Treffen mit einem befreundeten Unternehmer, der mich als Partner gewinnen möchte, um eine neue Dependance seiner Firma in Halle zu eröffnen. Das Geschäftsmodell funktioniert nach dem Franchise-System. Meine Lizenzgebühren wären dabei äußerst moderat, soweit ich das einschätzen kann, die fachliche Unterstützung dagegen ausgesprochen umfangreich. Ich spreche offen über die Gründe für die Kündigung meines letzten Jobs, die ärztliche Diagnose und meine Unsicherheit: „Sind das jetzt ganz normale Ängste und Sorgen, wenn ich vor der Entscheidung selbständig zu werden und eine eigene Firma aufzubauen, ein wenig zurückschrecke? Oder sind das krankheitsbedingte Ängste?“ Er versteht das – was immer ich an Fragen habe, ich solle sie stellen, und könne auch mit allen Partnern und Geschäftsführern reden.
Nach unserem Gespräch unterhalte ich mich eine Stunde mit einer Mitarbeiterin, die vor zwei Jahren in einer sächsischen Kleinstadt so eine Zweigstelle aufgebaut hat. Inzwischen beschäftigt sie neun Mitarbeiter, ein zehnter beginnt demnächst. Letztendlich ginge es für mich um das einmalige Investment eines Stammkapitals für eine GmbH und eine finanzielle Durststrecke von circa zwölf Monaten, bis die Firma ein Gehalt für mich, den Geschäftsführer, abwirft.
Bei der Verabschiedung sagt der Unternehmer, dass er an mich glaube und ich mir für meine Entscheidung die Zeit nehmen solle, die ich brauche.

Ich gehe beschwingt nach Hause – ich bin der Überzeugung, dass ich das leisten und schaffen kann. Die notwendige Erfahrung in der Kundengewinnung, Betriebswirtschaft und der Mitarbeiterführung besitze ich. Was ich brauche, ist der Wille, das durchzuziehen – und eine Entscheidung. Meine Frau sagt: „Mach es.“ – auch mit dem Hintergedanken, dass daraus gegebenenfalls Jobs für die Familie entstehen könnten, da sie selbst auch nur befristet angestellt ist.

Was immer diese beiden Termine mit meiner Psyche gemacht haben – es läuft sich leicht, locker und unbeschwert an diesem Mittwoch. Im Clara-Zetkin-Park rasiert ein Rasentraktor das hüfthohe Gras – ab Donnerstag hält in Leipzig die schwarze Community Einzug und wird während des Wave-und-Gothic-Treffens hier auf den Wiesen ihr traditionelles Viktorianisches Picknick zelebrieren.

Ich passiere eine mich ignorierende Rabenkrähe. Krähen sind die wahren Herrscher der Vogelwelt, da mögen die anderen Singvögel noch so schön trällern. Es ist ein angenehmer Vormittag – obwohl Regen angesagt ist, scheint die Sonne. Im Gras versteckt sitzt eine Tagesmutter mit ihren fünf Schützlingen. Ich bin erstaunt, dass es den Beruf noch gibt, da doch die Kindertagesstätten zunehmend Mühe haben, ihre Plätze zu füllen. Andererseits ist es vermutlich wie überall: Es gibt immer Bedarf für einen individuelleren Service und Kunden mit der entsprechenden Zahlungsbereitschaft.

Ich muss daran denken, wie ich vor zwei Wochen beim Wings-for-Life-Charity-Lauf um meine zehn Kilometer kämpfen musste, wie mühsam zuletzt selbst sechs Kilometer waren. Hat die Psyche, hat die Klarheit im Geist, verbunden mit einer positiven Perspektive, wirklich einen so großen Einfluss? Es scheint so.
Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 00:08:04, 18-05-2026
Frank Schott, Leipzig

Wer bringt der Katze das Jagen bei? Offenbar niemand. Unser getigerter Kater, der mit seinem schwarzweißen Bruder schon als Jungtier im Alter von wenigen Wochen zu uns kam, weiß von alleine, was zu tun ist. Während die Familie am Samstag gemeinsam den Eurovision Song Contest schaut, schleicht er sich mit einer Maus zwischen den Zähnen ins Haus. Großes Geschrei. Er wollte sich mit ihr zum Spielen ins Bad zurückziehen, aber mein Transsohn fegt hinterher, rettet die verschreckte Maus und setzt sie wieder aus.

Als ich im Montagmorgen von einem Spaziergang zurückkehre, herrscht erneut Aufregung. Dieses Mal hat der Kater einen jungen Spatzen mitgebracht. Auch dieser verängstigte Vogel lebt noch und wird gerettet. Da er verletzt ist, ruft meine Frau eine Bekannte an, die Vogelsitterin ist – sie päppelt verletzte Vögel auf, meist Opfer von Katzen oder Krähen, und entlässt sie nach der Genesung wieder in die Freiheit. Der Kater blickt mich enttäuscht an – des einen Glück ist des anderen Leid.

Ich war der Meinung, dass meine trübe Stimmung auf das Wetter zurückzuführen sei, doch heute liegt sie definitiv nicht daran: Zwar ist der Morgen noch kühl, doch der Tag verspricht warm und sonnig zu werden. Radfahrer auf dem Weg zur Arbeit brausen an mir vorbei – Berufsverkehr im Park. Gelegentlich huschen aus den Seitenwegen wie Hasen auf der Flucht Jogger über meinen Pfad. Der Boden ist feucht und schlammig; es finden sich immer noch Pfützen, obwohl es zuletzt an Christi Himmelfahrt geregnet hat. Der verblühende Bärlauch verströmt seinen scharfen, zwiebeligen Geruch.

Es ist schwer, im Park zur Ruhe zu kommen. Von überall her dröhnt und brummt es: Die Leute von der Stadtreinigung sammeln aus den Mülltonnen und Papierkörben den Partydreck vom Wochenende ein. Begleitet vom nervigen Gebrüll eines Rasentraktors schwärmen die Gartenbauer des Grünenflächenamts aus, um Beete herzurichten. Am Springbrunnen wird gebaggert und gesaugt – der umliegende Teich soll entschlammt und neu befestigt werden. Auch dieses Bauprojekt wird länger dauern als geplant. Ob hier ebenfalls der Winter als Ausrede herhalten muss wie bei den verzögerten Arbeiten auf der Bahnstrecke Berlin-Hamburg?

Ich denke an Politik, obwohl ich nicht an Politik denken möchte. Der ehemalige Gesundheitsminister Lauterbach ist noch immer nicht aus dem Panikmodus heraus. Laut aktuellen Zeitungsberichten fordern er und andere mutmaßliche Experten die WHO auf, nach dem Vorbild der Corona-Jahre den Klimanotstand auszurufen – im letzten Jahr seien in Europa 63.000 Klimatote zu verzeichnen gewesen, man müsse dringend handeln.

Die Zahl der 63.000 Toten geht mir nicht aus dem Kopf. Sind diese Menschen an oder mit Klima verstorben? Wird es jetzt tägliche Klima-Bulletins vom RKI geben? Hilft die FFP2-Maske auch gegen Klimawandel? Müssen Intensivbetten bevorratet werden? Doch vor allem würde ich gerne wissen, wie man diese Zahl ermittelt haben will – hatten die Verstorbenen Klimamarker im Blut?

Momentan verspüre ich aber nicht nur Wut auf die Dummschwätzer und Demagogen, sondern auch auf mich selbst: Ich fühle mich unvollständig. Seit acht Monaten schreibe ich Bewerbungen (ja, ich weiß, meine Ärztin will, dass ich während der Krankschreibung davon absehe), denn es muss beruflich ja irgendwie weitergehen. Aber niemand hat Interesse. Ich bekomme lediglich blumige, höchst verständnisheischende Absagen. Vielleicht sollte ich die Firmen wegen Altersdiskriminierung verklagen?

Am Himmelfahrtstag hatte ich ebenfalls mit meinen inneren Dämonen zu kämpfen. Die Situation begann harmlos: Ich koche für die Familie das Mittagessen, als mein Transkind beim Basteln ausrastet. Es fertigt individuelle Masken für Cosplayer, Menschen, die sich gerne verkleiden. Mit der Klebepistole passiert ein Missgeschick, die Maske geht beim Versuch, sie zu retten, kaputt. Das Kind schreit seine Wut und Verzweiflung raus.
Mein Gehirn schaltet in den Alarmmodus und lässt mich sarkastisch antworten: „Und da hilft es wohl, wenn Du die Eltern anschreist?“ Nun explodiert mein Kind erst richtig. Schon als ich es sage, weiß ich, dass ich alles falsch gemacht habe. Als hätte ich in den zwölf Therapiewochen in der Anstalt überhaupt nichts gelernt. Mein Versuch, um Entschuldigung zu bitten, wird brüsk abgewiesen.
Ich mache das, was ich immer in solchen Situationen tue: Ich laufe weg. Halt, das klingt vielleicht etwas hart. In der Anstalt habe ich es so formuliert: „Ich gehe aus der Situation, indem ich das Haus verlasse und einen Spaziergang mache, so dass alle sich beruhigen können.“ Aber eigentlich ist das Quatsch – ich laufe weg, weil ich Angst habe, die Kontrolle zu verlieren.

Ich gehe und gehe und gehe. An mir ziehen die unvermeidlichen Jogger und Wanderer, angetrunkene Männertagsgruppen und Familien beim Fahrradausflug vorbei. Ich schreite wütend aus. Meine Marschgeschwindigkeit liegt bei gut 6 km/h – ich will Kilometer schrubben. Ich gehe den Fluss entlang, komme am Stadion vorbei, an der Kläranlage vorbei, an den Kleingärten und Sportplätzen vorbei, am Auensee vorbei, an der Auenwaldstation vorbei. Ich gehe und gehe und gehe. Wenn ich jetzt stehenbliebe, würde ich mich vermutlich voller Selbsthass in einem Biergarten zuschütten. Ich erreiche Lützschena mit seinem Schloss – und kann nicht einmal hier innehalten. Ich gehe einfach immer weiter.

Mittlerweile hat die Familie angerufen, auch mein Kind, es sei alles wieder gut. Ich solle zurückkommen. Also gehe ich nicht die 15 Kilometer weiter bis nach Halle, sondern in Schkeuditz nach 6 Kilometern zum Bahnhof. Ausnahmsweise ist die Bahn pünktlich – ich verpasse sie um zwei Minuten. Die nächste fährt erst eine halbe Stunde später. In Leipzig holt mich meine Frau vom Bahnhof ab. Das schöne Wetter ist vorbei, es beginnt heftig zu regnen. Daheim bitten mein Kind und ich einander um Entschuldigung.

Was bleibt von dem langen Wochenende noch in Erinnerung? Die blühenden Kastanien, manche rosafarben, manche weiß. Auch der Rhododendron steht prächtig in der Blüte. So viel Farbe! Man muss nur hingucken. Vielleicht geht ein Teil dieser Leuchtkraft ja auf mich über und erhellt mein Gemüt.

Ehefrau und Transsohn geben mir Bescheid, dass sie jetzt mit dem Spatzen zum Tierarzt gehen werden, und danach zur Vogelsitterin.
Warum bleibe ich so teilnahmslos?

WHO-Pressemitteilung: www.who.int/europe/de/news/item/17-05-2026-climate-change-is-a-health-crisis—and-fixing-it-is-a-health-opportunity
Handlungsempfehlungen der Gruppe um Lauterbach: https://www.who.int/europe/publications/m/item/pan-european-commission-on-climate-and-health–call-to-action—progress-measures-dashboard
Christoph Sanders, Thalheim
Ein kühler, stürmischer Dientag. Wieder einstellige Temperaturen. Umso stärker leuchtet das Grün. Morgens chaotische Schulkinder. Der Sohn kommt enttäuscht vom Zahnarzt zurück – er war acht Minuten zu spät da und sein Termin schon gelöscht. Böse Stimmen behaupten, das kommt daher, dass er im Freiwilligen Sozialen Jahr nicht mehr privat versichert ist. Vormittags zum Auto-Service AZBA, abends müde zu Bett. Am Mittwoch während der Musikstunde ein Rundgang durch Limburgs Nordende. Zwischen den Zubringern eine Enklave aus Vertriebenensiedlung und Neuem Wohnen, angrenzend die letzte, etwa zweihundert Meter lange Platanenallee der Stadt – über achtzig gesunde, huntdertjährige Bäume wurden dort in diesem Jahrtausend gefällt. Wenn Anwohner keine Eigentümer sind, geht das wohl leichter. Kauf eines Fladenbrots auf dem Bereket-Markt und ausgiebige Betrachtung eines Eldorado. Ansonsten bereiten sich alle auf den Feier- sowie den Brückentag vor. Faule Deutsche.

Der Himmelfahrtstag beginnt in absoluter Ruhe – um 8:30 Uhr bin ich immer noch der Einzige, der wach ist im Haus. Ich gönne allen die deep recovery. 8 Grad, windig und graublau. Im Deutschlandfunk ein gutes Interview mit der Historikerin Marie-Janine Calic über den Balkan – ein politisches Trümmerfeld in dem es gärt. Die EU nimmt keiner mehr ernst – China, Russland und die USA beginnen das Vakuum zu füllen. Die Vorwürfe an die jeweiligen Regierungen erinnern an afrikanische und zentralasiatische Staaten: Nepotismus, Korruption und Nationalismus … eigentlich das alte Clan-Denken. In Deutschland hat man dreihundert Jahre gebraucht, um sich 1870 halbwegs davon zu lösen. (Und unsere Religionskriege waren auch nicht ohne!) Eigenartig ist, dass Demokratie immer noch als ein selbtverständlicher Mechanismus propagiert wird. Längere sonnige Abschnitte mit gewaltigen Himmelsgebilden. Im Feiertagsmodus.

Am Freitag weiterhin frisch, grau und windig. Im Gegensatz zu mir sitzt die Päonie immer noch in den Startlöchern. Ich richte für meine kleine Reiterin ein Rad aus dem Armenkaufhaus. Es befindet sich noch im originalen Auslieferungszustand des Jahres 1993 – bis auf die aufgeweichten Gummis und ein abgesprengtes Rücklicht ist alles funktionsfähig. Schmieren, putzen, fertig. Zarte Weckangebote an die Familie, anschließend Verbringung aussortierter Kleidung usw.

Um 15 Uhr Treffen mit meinem Radsportbruder in Bad Hönningen, einem bundesrepublikanischen Muster-Kurort. Wir genießen in einem der vierundzwanzig Lokale eine sehr mäßige Suppe. Zum Glück hat er Hausmachertrockenwurst dabei, somit wird es Nahrung. Die Pizzerien öffnen leider erst abends. Starker, nervender Verkehr auf einer meiner Hausstrecken – Brückentag und der Tag vor dem Wochenende, also allseits Konsumfahrten plus „Ausflüge“. Dass der Spritpreis gegen Mittag um 25 Cent fiel, macht ab da nichts besser. Der Konsum ist eine Droge und sie werden an ihre letzten Reserven gehen, um ihn zu zelebrieren, so mein Bruder. Er berichtet von Unsicherheit und politischem Druck in den Behörden. Routinierte Mitarbeiter spielen auf Zeit – sie wissen, wie das geht; Grünschnäbel werden schnell nervös, starren auf Besoldungsstufen. So sieht ein Land am Abgrund aus. Auf den Marktplätzen Elektrobike-Rentner; die Kugel Eis für 2 Euro. Während der Rheinrunde windig und frisch, zum Glück kein Regen. Um 20 Uhr zufrieden zuhause – die 200 Kilometer kommem langsam in Reichweite. Um 23 Uhr mit letzter Kraft den politisch korrekten Teenie von der Kirmes in abgeholt.

Am Sonntag schafft es der Ebola-Ausbruch im Kongo immerhin auf Platz 7 der Nachrichten. Als ich höre, dass das im Grenzgebiet zu Uganda passiert, muss ich gleich an diese irrsinnige TV-Reportage „Les Routes de l’impossible“ auf France 5 denken, in der tausend Menschen nach wochenlanger Wartezeit im Hafen ohne einen Heller unter tropischer Sonne gen Westen schippern, die Mütter immer mit der Angst, „dass der Fluss nachts ihre Kinder frisst“. Dass du, wie die Passagiere auf dem Hantavirus-Kreuzfahrtschiff, mit dem Jet ausgeflogen wirst, wird dir als Kongolese eher nicht passieren.

Gespräch mit meiner Jüngsten über die wundervollen Pflanzen-, Pilz- und Tierzeichnungen in den alten Büchern und Magazinen – ob jemals wieder ein Verlag so etwas in Auftrag gibt? Nach dem letzten japanischen Sencha (morgen muss neuer her!!!) Gartenrunde – ich vermelde acht Sträucher mit vollständig bestäubten Johannisbeeren.

Da ein Freund nach Nebelkrähen fragte, Vogelbeobachtungen in der Umgebung: Bei uns ist die Dohle aktiv, die tiefschwarze Saatkrähe, der Kolkrabe und dessen Verwandter, der kleiner und schlanker ist, was ihn im Flug kreuzförmig wirken lässt; auch ist sein Ruf anders. Nebelkrähen habe ich hier noch nie gesehen. Weil die Baumhecken am Waldesrand nur in die Höhe zurückgeschnitten werden, gibt es Rückzugsgebiete für Singvögel; wenn ich abends den Schwalben zuschaue, sind auch reichlich Insekten in der Luft. Es wirkt alles im Lot. Man könnte den Eindruck bekommen, dass gewisse Debatten nur aus einer urbanen Sicht heraus geführt werden – Steingarten, Rasenkantenfetischismus und Gabionenzaun verengen das Blickfeld.

Der FC Dorndorf II feiert das Auswärts-Unentschieden bei der SG Waldbrunn II wie einen Sieg. Mein Sohn durfte eine Viertelstunde beitragen – die Flanke, die vier Minuten vor den Abpfiff direkt ins Tor geht und für den Ausgleich sorgt, galt eigentlich ihm. Für das Spiel überwinde ich 300 Höhenmeter – eine nette Sonntagsspazierfahrt.
Walter Kintzel, Parchim
Die Pilze – ein Reich für sich
Neben dem Tier- und Pflanzenreich gibt es ein eigenständiges Reich der Pilze. Obwohl die Wissenschaft Pilze lange Zeit den Pflanzen zuordnete und diese Auffassung landläufig bis heute verbreitet ist, unterscheiden sie sich von der Pflanzenwelt unter anderem durch Zellwände aus Chitin statt Zellulose. Allen drei Reichen ist gemein, dass ihre Organismen Zellen mit einem echten Zellkern besitzen.

Pilze faszinieren den Menschen seit jeher durch ihren Farbreichtum, ihre vielfältigen Formen und ihr scheinbar über Nacht einsetzendes rasantes Wachstum. Viele Arten bereichern als nährstoffreiche und aromatische Speisepilze unsere Küche, während Hefepilze Wein und Bier zur Gärung bringen und beim Backen als Triebmittel dienen.

Als Destruenten (vom lateinischen destruere = „zerstören“) bauen Pilze im Ökosystem organische Rückstände wie Nadeln, Zweige, Laub oder morsche Baumstümpfe ab. Durch diese Remineralisierung führen sie Nährstoffe in den Stoffkreislauf zurück und tragen maßgeblich zur Humusbildung bei. Ein Paradebeispiel dafür ist der Purpurfilzige Holzritterling: Dieser spezialisierte Fäulnisbewohner („Saprobiont“) besiedelt totes Nadelholz und zersetzt den Holzstoff Lignin. Zurück bleibt die weiße Zellulose – ein Prozess, den man als Weißfäule bezeichnet. Als reiner Humusbildner greift er kein lebendes Gewebe an und ist somit ein idealer Entsorger.

Der fortwährende Abbau der organischen Rückstände schafft Platz und liefert Nährstoffe für die nächste Pflanzengeneration. Es ist ein vollkommener Kreislauf aus Selbstversorgung und natürlicher Düngung – man denke dabei etwa an den herbstlichen Laubfall.
Über ihre Funktion als Destruenten hinaus sichern Pilze durch eine als Mykorrhiza bezeichnete Symbiose das Überleben vieler Waldbäume. Dabei umschließt das unterirdische Geflecht feiner Pilzfäden („Myzel“) die Baumwurzeln. Aufgrund ihrer enormen Feinheit dringen diese Fädchen selbst in jene winzigen Bodenporen vor, die für das gröbere Wurzelsystem der Bäume unerreichbar sind, wodurch sich die Aufnahme von Wasser und Nährsalzen für den Baum signifikant verbessert. Im Gegenzug versorgt der Baum den Pilz mit den bei der Photosynthese entstandenen Kohlenhydraten.
Diese unterirdischen Allianzen können sich zu einem komplexen Geflecht zwischen verschiedenen Gehölzen ausweiten – dem „Wood Wide Web“. Über dieses pilzbasierte Netzwerk tauschen die miteinander verbundenen Pflanzen nicht nur essenzielle Nährstoffe und Wasser aus, sondern leiten über biochemische und elektrische Signale auch Informationen weiter. So können Bäume beispielsweise bei einem Schädlingsbefall benachbarte Pflanzen warnen, damit diese rechtzeitig eigene Abwehrstoffe aktivieren. Manche dieser Verbindungen bestehen exklusiv zwischen zwei bestimmten Arten, wie der Birke und dem Birkenpilz oder der Lärche und dem Lärchen-Röhrling. Viele unserer heimischen Orchideen können ebenfalls nur dann gedeihen, wenn sie in solch einer singulären Symbiose stehen.

Die Gesundheit eines Waldes hängt maßgeblich von der Biodiversität seiner Pilzgemeinschaften ab. Ihre fein verzweigten Netzwerke stabilisieren das Wurzelsystem der Bäume und dienen zugleich als Lebensraum und Nahrungsgrundlage für zahlreiche Organismen. Pilze sichern so das Überleben unzähliger Arten – von Mikroben und Käfern über Vögel bis hin zu Säugetieren. Dieses Zusammenspiel stärkt das ökologische Gefüge und verleiht dem Wald die Fähigkeit, sich an Umweltveränderungen anzupassen.

Pilze spielen eine entscheidende Rolle im Kohlenstoffkreislauf und damit für das Klima. Während Pflanzen Kohlendioxid binden, geben Pilze den Kohlenstoff beim Abbau von Biomasse wieder an die Atmosphäre ab. Dieses fein austarierte Gleichgewicht droht durch die Erderwärmung zu kippen, was zur beschleunigten Freisetzung von Treibhausgasen führen könnte. Die globale ökologische Bedeutung der Pilze kann man daher nicht hoch genug einschätzen.

Auch für die Humanmedizin sind Pilze von unschätzbarem Wert: Aus ihnen stammen unter anderem das Antibiotikum Penicillin, das die Sterblichkeit bei bakteriellen Infektionen massiv senkte, sowie das in der Transplantationsmedizin unentbehrliche Immunsuppressivum Ciclosporin. Die zur Reduktion des Cholesterinspiegels eingesetzten Statine gehen ebenso auf Pilzukulturen zurück wie die neuen onkologischen Medikamente, die das Wachstum von Tumorzellen blockieren oder das Immunsystem im Kampf gegen den Krebs stärken. In der Psychotherapie und Psychiatrie gewinnen Wirkstoffe wie das aus „Magic Mushrooms“ isolierte Psilocybin zunehmend an Bedeutung – die entsprechenden Zulassungsstudien befinden sich aktuell in der finalen Phase.

Kommen wir nun nach Parchim. Dass wir über das Pilzreich der Stadt im Südwesten der historischen Region Mecklenburg so glänzend informiert sind, verdanken wir der Grundlagenarbeit des Lehrers, Botanikers und Mykologen Walter Dahnke (1890–1972).

Für seinen Heimatkreis Parchim gab Dahnke im Jahr 1968 1.571 Pilzarten an. Das waren weitaus mehr als in den Nachbarkreisen Lübz (555 Arten) und Ludwigslust (739 Arten). Fragt man nach den Ursachen des Unterschieds, liegen diese primär in der geologischen Struktur: Neben Sandergebieten und der Grundmoräne kommen im Kreis Parchim auch ausgeprägte Endmoränenzüge vor, wie etwa im Buchholz oder am Sonnenberg, einem hügeligen Waldgebiet südlich von Parchim. Da die Endmoränen für den Ackerbau ungeeignet waren, blieben diese Flächen dauerhaft bewaldet und stets mit Holzgewächsen bestockt. Darüber hinaus wurde dort die ohnehin reiche Pilzflora durch den Anbau fremdländischer Baumarten bereichert, da mit dem Pflanzgut und den Samen die Sporen neuer Pilzarten mitgeführt wurden. Walter Dahnke schrieb dazu:
„So meldet Lübstorf bereits 1896 den Elfenbein-Röhrling, der offenbar mit der Strobe eingeschleppt wurde. Auch durch Aufforstungen, so auf dem ehemaligen Brunnenacker, am Rande des Buchholzes, auf dem Wüsten Felde, am Ostufer des Wockertales von der Markower Mühle bis zum Kannenberg etc. treten bisher nicht beobachtete Pilzarten auf.“
Im Jahr 1952 fand er allein im Sonnenberg 461 unterschiedliche Arten, darunter 21 Röhrlinge. Diese gehören neben den Pfifferlingen und verschiedenen Champignonarten zu den volkstümlichsten Vertretern, da sich unter ihnen viele beliebte Speisepilze wie Steinpilz, Marone, Butterpilz, Birkenpilz und die Hexenröhrlinge befinden. Im Parchimer Stadtforst konnte Walter Dahnke folgende Röhrlinge erstmals für Mecklenburg nachweisen: Hasen-Röhrling (1931), Blut-Röhrling (1932), Hohlfuß-Röhrling (1935), Anhängsel-Röhrling (1937) sowie den Schwefel-Röhrling (1955).
Viele der von ihm dokumentierten Arten stehen heute auf der Roten Liste der gefährdeten Großpilze in Mecklenburg-Vorpommern.

Neben den Speisepilzen kommen im Parchimer Stadtforst natürlich auch giftige Arten vor. Dazu zählen unter anderem der Fliegenpilz, der Grüne Knollenblätterpilz, der Kahle Krempling, der Pantherpilz, der Grünling sowie der Kartoffelbovist. Ein interessanter Sonderfall ist der Schmarotzer-Röhrling, der eigentlich ungefährlich ist, aber direkt auf dem giftigen Bovist gedeiht. Generell gilt: Da sich Giftpilze ausschließlich an ihren botanischen Merkmalen erkennen lassen, ist in Zweifelsfällen der Gang zu einem Pilzberater unerlässlich.

Während meines Biologie- und Chemiestudiums am Pädagogischen Institut Güstrow regte mich Walter Dahnke an, ihm unbekannte Pflanzen- und Pilzfunde zur Bestimmung zuzusenden. Im Herbst 1957 fand ich den Wetterstern. Obwohl mir die Art unbekannt war, spürte ich intuitiv, dass es sich um einen außergewöhnlichen Pilz handeln musste; mit etwas Zeitverzögerung sandte ich ihm zwei Exemplare. Dahnke schrieb darüber im naturkundlichen Fachorgan „Archiv der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg“:
„Im Januar 1958 erhielt ich von Herrn Walter Kintzel, Quaslin (Kreis Lübz), Pilze, die ich zunächst als Erdsterne ansprach. Um bei einer näheren Untersuchung nichts zu beschädigen, leitete ich ein Exemplar sofort an Herrn Kreisel, Greifswald, weiter, der sich besonders mit den Bauchpilzen beschäftigt. Der Quasliner Pilz ist der Wetterstern (Astraeus hygrometricus Pers. Morg.) Der Pilz ist, soweit ich übersehen kann, aus Mecklenburg bisher nicht gemeldet worden. Genauer Fundort: Quasliner Tannen südlich des Weges Wahlsdorf – Marienfließ, also nahe der Südgrenze des Kreises Lübz, unter Birken neben Kiefernwald auf sandigem Boden.“
Das war der Erstfund des Wettersterns in Mecklenburg – heute würde man sagen „Erstnachweis für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern“. Das ist mir, dem Hobby-Mykologen, in meinen nunmehr fast neunzig Lebensjahren nur dieses eine Mal geglückt.

„Rote Liste der gefährdeten Großpilze Mecklenburg-Vorpommerns“: https://www.lung.mv-regierung.de/static/LUNG/dateien/fachinformationen/natur/artenschutz/rote-listen/rote_liste_grosspilze.pdf (Stand 1999)
Aktuelle Forschung an aus Pilzen gewonnenen psychedelischen Substanzen an der Charité: www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/psychedelika_wem_koennen_sie_helfen_wem_schaden_sie_stattdessen
Über Walter Dahnke: http://www.kdfeige.de/Dahnke-Walter_Dahnke-ein_Parchimer_Florist-1999.pdf
Die zugrundeliegende sowie weiterführende Literatur und andere Quellen können gern beim Autor angefragt werden. (botaniktrommel@posteo.de)
Maria Leonhard, Spornitz
„Nun schaffen sie es doch!“, dachte ich vor drei Wochen. „Zwar nicht wie gewöhnlich zu Weihnachten, aber vielleicht ja zu Pfingsten – auch gut!“ Jetzt ist es sogar früher passiert und der letzte von fünf Rittersternen erfreut mich mit seiner wunderschönen Blüte – und das in meiner Lieblingsfarbe! Und auch die kleinste Zwiebel von allen hat endlich ihre Blätter herausgeschoben. Für eine Blüte fehlt ihr sicher noch die Kraft, aber vielleicht ist sie ja Ende dieses Jahres oder im Januar so weit.

Die meisten der Amaryllis blühten kurz nach Weihnachten. Ich ließ sie zuvor im Gewächshaus in guter Erde übersommern, dann ruhten sie trocken in einer dunklen Ecke, anschließend topfte ich sie ein.

Fast alle Pflanzen zeigten schnell zarte Knospen – über Monate erfreute ich mich an ihrem Wachstum. Die beiden Nachzügler wollte ich aber nicht so einfach aufgeben! Weil sich über die kleine Zwiebel eine Schnecke hergemacht hatte, wies sie eine Fraßstelle auf. Sie und das zweite Sorgenkind erhielten meine volle Aufmerksamkeit: Sie bekamen eine neue Lichtquelle, frische Blumenerde und ein anderes Düngestäbchen. Ich gab ihnen ganz vorsichtig Wasser und redete ihnen sogar ein bisschen zu – bevor ich sie aussortiere, sollten sie ihre Chance bekommen. Fast drei Monate umsorgte ich sie – jeder noch so kleine grüne Schimmer gab mir dabei Hoffnung.

Und irgendwann sah ich jeden Tag ein bisschen mehr Grün – bei der einen den Trieb, der mich neugierig auf die Farbe machte, und bei der Kleinen die Blätter. Meine Freude darüber, empfinde ich als Dank der Natur für meine Mühe.
Als Künstler schaue ich ab und an mal nach, was die Konkurrenz so an Bildern in die Welt setzt. Aktuell bin ich ziemlich begeistert von denen, die rund um den Andenvirus-Ausbruch auf der MS „Hondius“ allein von der Tagesschau-Redaktion produziert respektive gesendet werden. Egal, wie sehr die Virologen und Ärztinnen in denselben Beiträgen auch Entwarnung geben: Diese Aufnahmen erzählen die vollkommen gegenteilige Geschichte einer großen Gefahr für den Zuschauer – bildnerisch toll, journalistisch einfach nur fahrlässig.

Und so sehe ich inzwischen täglich auf der Straße, in der Bahn oder im Supermarkt Leute mit FFP2-Maske – am Sonntagmorgen sogar am nahezu menschenleeren Schlachtensee. Zwei Stunden zuvor hätte ich mich für einen Moment selbst in dieser Angstbilderwelt wähnen können, als ich beim Umstieg im S-Bahnhof Westkreuz auf einen Rettungseinsatz zulief und die Sanitäter mit ihren Reflektoren an der Uniform im milchig-silbrig flirrenden Tunnel wie Charaktere aus „Contagion“ aussahen. Ich behielt die Nerven und ging weiter.

In der Bucht kommt die Stockentenmutter mit ihrem vor ungefähr zwei Wochen geschlüpften Nachwuchs vorbei – von anfangs neun Küken leben jetzt noch sechs. Das ist der Lauf der Natur – so leid es einem auch tun mag. Am Tag zuvor sah ich, wie ein Stockerpel eine ins Schilfdickicht gedrängte Ente zur Kopulation zwang. Besonders bei dieser Art ist so ein Verhalten Teil eines Fortpflanzungssystems, das stark von sexueller Konkurrenz unter den Männchen geprägt ist. Im Normalfall findet Fortpflanzung über Balz und stabile Bindungen statt (was ich regelmäßig beobachte), gelegentlich kommt es jedoch zum Geschlechtsverkehr gegen den Willen des Weibchens. Dabei spielt auch die Anatomie eine Rolle: Männliche Stockenten besitzen einen vergleichsweise langen, spiraliförmig gewundenen Penis, der sich für die Paarung durch Lymphdruck im Bruchteil einer Sekunde nach außen stülpt, was eine schnelle Kopulation ermöglicht. Die Weibchen besitzen wiederum einen komplexen, labyrinthartig verschlungenen Fortpflanzungstrakt mit mehrfach gekrümmten Abschnitten und seitlichen Ausbuchtungen, was von Biologen als evolutionäre Gegenanpassung interpretiert wird. Auch wenn ich weiß, dass dieser Zwangsakt Teil eines über Millionen Jahre entstandenen Verhaltenssystems ist, entsteht in mir der Impuls, einzugreifen – aber Steine zu werfen, ist auch nicht die Lösung.

Ab Montag muss ich wegen der Bauarbeiten auf meiner üblichen S-Bahnstrecke Richtung Schlachtensee für anderthalb Wochen einen anderen Weg nehmen. Gegen halb sieben ist die U9 leerer als sonst. Die allermeisten Passagiere dürften im Niedriglohnsektor arbeiten und einen Migrationsvordergrund haben. Ich steige an einer Station aus, die nur einhundert Meter vom See entfernt ist, und gehe genau gegenüber meiner Stammbadestelle vom anderen Ufer zu dieser los – wäre ich Jesus, könnte ich jetzt eine Dreiviertelstunde sparen. Unterwegs sehe ich einen Sondengänger, in dessen Beutel es metallisch scheppert – offenkundig lohnt sich das Suchen nach Münzen und Schmuck bereits vor dem Beginn der Hauptbadesaison.

Der Blick von der von mir selten begangenen Hälfte des Uferwegs ist wie der auf einen anderen See: Licht, Gehölze, Tiere und selbst die Geräusche – alles scheint neu. Ich entdecke eine brütende Ralle.

In meiner Bucht treffe ich den ehemaligen Siemensmanager und dessen Bekannte, eine Ärztin. Wir haben zum ersten Mal in diesem Jahr Gelegenheit, miteinander zu klönen und freuen uns über das Wiedersehen. Sie erzählt, dass sie Eisbaden war, das dann aber aufgab, nachdem sie sich am Rand des Lochs geschnitten hatte. Sie ist nun bereits die Dritte in den letzten drei, vier Wochen, die mir so etwas erzählt. Es schneiden sich in meinem Umfeld mehr Menschen an Eislöchern, als in ganz Deutschland p.a. am Hantavirus sterben.

Am Dienstag ist es windig, stark bewölkt und kühl. Mein Atem dampft, und in der schönen öffentlichen Toilette zwischen S-Bahn-Station und See dampft beim Wasserabschlagen in das metallene Becken auch mein Urin. Ich verzichte auf meine lange Runde und gehe direkt am Südufer ins Wasser. Genau in dem Moment, in dem ich losschwimme, öffnet sich für ein paar Minuten die Wolkendecke. Die Sonne scheint direkt auf mich. Diesen himmlischen Spot nehme ich persönlich. Wieder an Land, stelle ich fest, dass ich ein wenig am linken Bein blute. (Stigmata?!) Ich hole mein Desinfektionsspray und ein Pflaster aus dem Rucksack – du schleppst das hunderte Male umsonst mit dir herum, aber wenn du es dann brauchst, ist es da.

Am Nachmittag wird es beim Tischtennis urplötzlich finster. Direkt über dem Nachbarschaftshaus blitzt und donnert es. Ein heftiger Hagelschauer geht hernieder. Der immer etwas verpeilte Mitspieler, der im Laufe seines gewiss nicht allzu leichten Lebens zwar sein Geburtsjahr, nicht aber den Text von „Thunderstruck“ vergessen hat, stimmt headbangend AC/DC an; ich ergänze mit „Scaramouche, Scaramouche, will you do the Fandango? Thunderbolt and lightning, very, very frightening me“. Auf dem Heimweg strahlt die Sonne; im Schoelerpark hoppeln Kaninchen durchs feuchte Gras – ich hoffe, sie meiden „sensible Bereiche“: „Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf führt von Montag, 26. Januar, bis Freitag, 30. Januar 2026, Maßnahmen zum Schutz des Schoelerparks vor Kaninchenschäden durch. Um diesen Problemen vorzubeugen, setzt das Bezirksamt tierschutzkonforme Methoden ein, die die Tiere von sensiblen Bereichen fernhalten, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Zum Einsatz kommen unter anderem optische und akustische Reize, geruchsbasierte Abwehrmittel sowie bauliche Schutzmaßnahmen.“

Meine größte Herausforderung beim Bahnfahren ist derzeit nicht die etwas ungewohnte Strecke, sondern rechtzeitig auszusteigen, da ich gerade ein dermaßen fesselndes Buch lese, dass ich alles um mich herum ausblende. Der autobiografisch inspirierte Roman „Gebt mir meine Berge zurück!“ von Albert Wass beginnt mit dem Vertrag von Trianon, durch den Siebenbürgen 1920 an das Königreich Rumänien fiel, und endet mit der kommunistischen Nachkriegsordnung sowie dem Exil des Protagonisten. Dieser wächst in den Havasok-Bergen in extremer Armut auf. Da Mutter und Vater früh sterben, muss er als Ältester die Verantwortung für seine beiden jüngeren Geschwister übernehmen. Er wird Hirtenjunge, kommt ins Gefängnis und schlägt sich nach der Haft als Köhler und Jagdbegleiter für Wohlhabende durch. Mit der Liebe seines Lebens und dem neugeboren Sohn genießt er nach dem Einmarsch der ungarischen Armee im Sommer 1940 eine kurze Phase des persönlichen Glücks. Dieses endet, als Ungarn an der Seite der Achsenmächte in den Krieg zieht und er an die Front muss. Als er schwer verwundet zurückkehrt, findet er alles, was ihm lieb war, zerstört vor: Seine Frau und sein Sohn wurden von sowjetischen Soldaten ermordet, der Hof ist niedergebrannt. Da die Berge nun wieder unter rumänischer Kontrolle stehen und ihn die neuen Machthaber als „Kriegsverbrecher“ und „Faschist“ jagen, flieht er in die Wälder und lebt dort als Partisan. Am Ende folgt das Exil im vermeintlich freien Westen. Seit Theo Harychs „Hinter den schwarzen Wäldern“ habe ich nicht mehr so ein berührendes Buch gelesen. Gerade weil Wass Krieg und Besatzung in all ihrer Brutalität und menschlichen Niedertracht schildert und wirklich keine Seite gut dabei wegkommt, entfaltet der Roman einen tiefen Humanismus und Pazifismus. Die Realität entlarvt jegliche Propaganda als Lüge, denn unter der Machtpolitik der Herrschenden leidet letztlich immer das Volk – ganz egal unter welcher Flagge. Die Sprache, in der Wass die Handlung des Romans vorantreibt, ist schnörkellos und direkt; wenn er seine Heimat, die Berge, Täler, Wälder, Höhlen oder das Wetter beschreibt, wird er poetisch und findet zu nahezu biblischen Bildern. Nachdem „Adjátok vissza a hegyeimet!“ 1949 unter dem Titel „Gebt mir meine Berge wieder“ im Zürcher Thomas-Verlag herauskam, war es für Jahrzehnte nicht mehr auf Deutsch lieferbar – seit 2023 gibt es nun eine Neuauflage in neuer Übersetzung. Dass diese im Verlag Antaios erscheint, ist für mich ein Beleg für die Komplexität der Welt – ich bin wirklich froh, seit 1989/90 in einem Land zu leben, in dem so etwas möglich ist. Das Buch wird bei mir seinen angemessenen Platz bekommen – mein Bücheregal ist maximal ambiguitätstolerant.

Am Mittwoch fragt mich jemand aus der Rückengruppe vor meiner Hathayoga-Stunde, was ich am „Vatertag“ mache. Ich antworte, dass ich das noch nicht genau sagen kann, aber auf jeden Fall an Christi Himmelfahrt ein paar Requieme hören werde. Alle denken, ich scherze. Am Donnerstag lege ich um halb fünf La Chapella Royale und das Ensemble Organum mit Palestrinas „Missa Viri Galilaei“ ein – die Messe wurde von ihm eigens für diesen Feiertag komponiert. Es folgen Bach-Kantaten mit dem Thomanerchor, Ludwig Güttler und dem Neuen Bachischen Collegium Musicum Leipzig – ein Eterna-Exportschlager aus dem Jahr 1984. Nach dem Frühstück geht es an den See: 8 Grad und Regen; kaum Menschen unterwegs. Denen, die einem über den Weg laufen, wünscht man einen „Guten Morgen!“

Kurz nachdem ich in meiner Stammbucht bin, treffen die beiden Sachsen ein. Auch sie haben ein System entwickelt, durch das ihre Kleidung am Ufer halbwegs trocken bleibt, während sie schwimmen.

Die kleine Stockentenfamilie kommt in die Bucht. Jetzt sind nur noch vier der Jungen am Leben. Dafür ist diesmal ein Erpel dabei. Er wird von einem Küken sowie einem Blässhuhn immer wieder weggejagt. Die Sachsen berichten, dass sie gestern aus dem Schilfgürtel, wo sowohl ein Blässrallen- als auch ein Haubentaucherpärchen nicht einmal einen Meter voneinander entfernt brüten, ein Piepsen gehört haben – vielleicht ist dort Nachwuchs geschlüpft. Leben und Tod.

Frank Schott, Leipzig
Ein weiterer meiner grauen Tage – „grau“ nenne ich jene, an denen mich Schwermut und Zweifel überkommen. Und auch draußen ist es betrübt: Obwohl die App für den Vormittag kaltes, aber trockenes Wetter und erst ab Mittag Niederschlag vorhergesagt hat, beginnt es um 7 Uhr, genau in dem Moment, als wir das Haus verlassen, zu regnen. Ich begleite meine Frau zur Arbeit – eine Routine, die Halt und Orientierung gibt, ganz so, wie es uns in der psychiatrischen Anstalt vorgelebt wurde.
Ich habe keinen Schirm dabei, dafür aber die Winterjacke mit Kapuze an. Hochgezogene Kapuzen sind für das Sichtfeld ähnlich hinderlich wie einst der Helm des Ritters – den Kopf zu drehen bringt nichts, weil man doch nur auf die Innenwand der Bedeckung blickt. Immerhin gewähren sie Schutz – in meinem Fall nicht vor Lanzen, Pfeilen oder Äxten, sondern vor einem sehr hartnäckigen Regen.

In der Gartenanlage, durch die ich meist zurückgehe, ist der Hauptweg aufgeweicht und voller Pfützen. Es hat nicht sonderlich heftig geregnet, aber die Beharrlichkeit der Nieseltröpchen zeigt Wirkung. Als ich einen etwas begehbareren Nebenweg nehmen will, lande ich in einer Sackgasse mit beschmierten Mauern und zwei gewaltigen Rohren des Fernwärmewassers.

Vor einem Hotel stehen Unteroffiziere der Bundeswehr im Flecktarn. Sie rauchen noch schnell eine Zigarette, bevor sie zu irgendeiner Weiterbildung eilen. Was mögen sie lernen? Fremdsprachen? Staatsbürgerkunde? Die Einzelheiten der Genfer Konvention? Ein weiterer Soldat kommt dazu, er hat Kuchen vom naheliegenden Bäcker dabei.

In der Innenstadt kämpft eine ältere Frau mit Koffer, Tasche und Regenschirm. Bevor ich etwas sagen kann, bleibt bereits eine junge Frau stehen und bietet Hilfe an. Am Brunnenteich vor der Oper malt der Regen Muster auf die Wasseroberfläche.

Die Einfahrt zur Grimmaischen Straße, wo vor gut einer Woche ein Amokfahrer losraste und zwei Menschen tötete, versperren nun behelfsmäßige Poller. Ein Lieferwagen steht davor, kann nicht den gewohnten Weg nehmen und dreht ab. Die Absperrung ist reiner Aktionismus, da es alternative Wege in die City gibt. Einen solchen wird jetzt der Transporter nehmen. Auch ein Umweg ist ein Weg.

Ich gehe in eine Bäckerei. Menschen hasten hinein, greifen nach einem Stück Gebäck oder einem Brötchen, füllen sich Pappbecher mit Kaffee und hasten wieder hinaus – nur nicht stehen bleiben! Zeit ist knapp, die Nahrungsaufnahme ein notwendiges Übel, der Kaffee im Mitnehmbecher ein Kompromiss. Ich nehme mit meiner Tasse und einem Croissant Platz und vertiefe mich einmal mehr in „Das Neue Testament“. Dabei stoße ich auf solche Worte (Philipper 1, 23-24): „Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen.“ Ich will über das Gelesene in Ruhe nachdenken. Vielleicht wäre es gut, dabei in einer Kirche zu sitzen?

Die Nikolaikirche ist verschlossen. Ein Zettel weist darauf hin, dass sie erst ab 11 Uhr geöffnet ist. Wann sind die Protestanten eigentlich so falsch abgebogen, dass ihnen geregelte Öffnungszeiten wichtiger wurden als das Seelenheil und die Erbauung des Menschen?
Damals hat der Reformator Martin Luther mit dem Staub des Ablasshandels auch den alten Ritus fortgefegt – heute sind es eher Katholiken und Orthodoxe, die die Spinnweben des Zeitgeistes abstreifen und sich auf die Klarheit der Form zurückbesinnen.
Die katholische Kirche ist geöffnet – und leer. Ich setze mich auf eine der Bänke und versuche zu beten – doch wie betet man eigentlich in Gedanken? Während mein Kopf noch die Worte formt, springt mein Geist schon zum nächsten Thema: Muss ein Gebet ausgesprochen werden, damit es „wirkt“? Ich bin verwirrt.
Aus einem Seitenschiff leuchtet warmes Licht. Ein Geistlicher kommt herein, bereitet den Altar vor und entzündet Kerzen. Als er geht, höre ich das Klacken der Nebentür. Ich bin wieder allein. Kurz darauf kehrt er zurück. Er hat die Holztäfelchen mit den Ziffern für die Lieder aus dem Gesangsbuch dabei. Er steckt sie Reihe für Reihe in die Liedertafel – ein warmes und beruhigendes Geräusch. Als der Geistliche den Raum ein weiteres Mal verlässt, betreten eine ältere Frau und ein älteren Herr die Kirche. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich es weiter mit dem Beten versuchen soll, wende mich dann aber ab und gehe. Trotzdem hat mich dieser Augenblick getröstet.

Mein Anorak ist durchnässt. Pfützen auf den Bürgersteigen und Straßen. Von den Jalousien und Sonnenschirmen tropft es. Eine flackernde Leuchtreklame, in deren Glaskasten statt illuminierter Buchstaben leere Kaffeebecher zu sehen sind – was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Menschen eilen vorbei – Fahrradfahrer mit verkniffenen Gesichtern; Mütter, das Kind in der einen Hand, in der anderen das Smartphone, auf dem sie irgendetwas lesen, das ihnen wichtiger ist als ihr Nachwuchs; telefonierende Handwerker, die Schuldfragen klären oder Anweisungen bekommen. In einem Durchgang stapeln sich Fitnessgeräte, die in ein Obergeschoss gebracht werden müssen. Schon bald wird dort Fleisch in strandtaugliche Muskeln geformt.

Sport ist dennoch eine gute Idee: Ich frage mein Kind, ob es mit mir die Übungen für Rücken, Bauch und Beine absolvieren will. Es ist dabei. Wir breiten im Wohnzimmer zwei Yogamatten aus und legen los. Die Kater streifen um uns herum, kitzeln uns mit ihrem Fell. Ihr Blick schräg aus den Augen ist so skeptisch, wie es nur ein Katzenblick sein kann. Ich muss lachen. Und ich fühle mich gestärkt.
Frank Schott, Leipzig
Nach dem Zehnkilometerlauf fühlt sich der restliche Sonntag merkwürdig an. Seit Jahren habe ich mich nach dem Joggen nicht mehr derart zerschlagen gefühlt. Schmerzende Oberschenkel, Blasen an den Füßen. Ich versuche mich zu erinnern, wann ich zuletzt so einen Muskelkater hatte. Es muss um 2017 gewesen sein, als ich superehrgeizig und vor allem superuntrainiert an einem Firmenlauf teilnahm, fünf Kilometer waren das. Dabei hatte ich mich im Gegensatz zu heute weder vorher erwärmt noch nach dem Rennen gedehnt. Vielleicht lag es an den neuen Laufschuhen?

Trotz alledem muss ich noch einmal hinaus in die schwüle Luft – es ist Muttertag. Unser Blumenladen um die Ecke hat sich selbst übertroffen: Schon seit Samstag bevölkern wahre Farbexplosionen Auslage und Gehweg. Entgegen dem, was viele Psychotherapeuten nahelegen, sind Eltern – und insbesondere Mütter – nicht an allem schuld, was später in unserem Leben schiefläuft. Und selbst wenn sie in der Erziehung Fehler gemacht und uns nur suboptimal ins Erwachsenenleben gestoßen haben – hätten wir an ihrer Stelle und in ihrer Zeit wirklich anders gehandelt? Ein kleiner Blumenstrauß aus Respekt und Dankbarkeit bewirkt oft mehr als Vorwürfe und Tränen.

Es gibt immer weniger Abfallbehälter im öffentlichen Raum (meist an Haltestellen) – und die quellen über. Das liegt nicht zuletzt an der wachsenden Anzahl der Spätis und Imbisse, vor denen die Frauen mit Miniflaschen voller Sekt, Aperol oder Wein anstoßen. Die Männer trinken eher Bier, was sich immerhin in Pfandflaschen befindet. Die Krähen sind frustriert wegen der vollen Papierkörbe und schmeißen alles raus, was oben aufliegt: Becher, Papier und Folie landen auf den Gehweg (nicht, dass es schmutztechnisch einen Unterschied machen würde), bis endlich die Brot- und Fastfoodreste oder das Popcorn freiliegt und rausgepickt werden kann. Ich will so einen Moment festhalten, doch bevor ich das Handy gezückt habe, ist die Krähe schon auf der anderen Straßenseite und randaliert dort weiter.

An der Stelle, wo vor sechs Tagen das Fahrzeug des Amokfahrers zum Stillstand kam, stehen Blumen und Kerzen. Die meisten gehen achtlos vorbei, sitzen wie gewohnt vor Restaurants und genießen die Sonne. Es ist kurz vor 18 Uhr und Kirchenglocken wehen durch die Stadt. Für die Ankündigung der vollen Stunde ist es zu viel Geläut, ich weiß aber nicht, welcher Gottesdienst gerade angesagt wird.

Am Montag ist der Muskelkater weiterhin heftig – aber es geht noch heftiger: Am Dienstag muss ich mich nach dem Aufstehen am Treppengeländer festhalten, um die Stufen hinabzukommen. Ans Geländer habe ich mich letztmalig vor über drei Jahren nach meinem schweren Fahrradunfall klammern müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass die ersten beiden Tage, nachdem ich mir einen Muskelkater zugezogen habe, am schlimmsten sind – aber so schlimm?! Na ja, vielleicht hätte ich am Montag weniger Sport machen sollen. Oder ich hätte mich beim Fußballtraining zurückhalten können mit dem Laufen und Sprinten und Vorzeigen der Übungen.

Ich tröste mich damit, dass es am Montag nicht auch noch regnet. Der angekündigte Niederschlag kommt erst am Dienstagvormittag -als kalter vom Wind begleiteter Nieselregen. Sehr zum Unwillen unserer Kater, die es deswegen nicht lange draußen aushalten, aber genau wie ich ihren Auslauf brauchen – Muskelkater hin, Regen her.

Als ich Dienstagfrüh meine Frau zur Arbeit gebracht hatte, schien trotz der empfindlichen sechs Grad noch die Sonne. Auf dem Rückweg verschwand sie jedoch hinter dicken, grauen Wolken. Die ersten Tropfen fielen. Ein eisiger Wind ließ mich frösteln. Definitiv kein Wetter für meine sommerliche Jacke – die gefütterte wäre die bessere Wahl gewesen. Ich denke, das sind die Eisheiligen.

Seit dem Ende des Klinikaufenthalts in Jerichow gehe ich jeden Montagnachmittag vor dem Fußballtraining zu einer begleiteten Gruppentherapie. Die Praxis, in der das stattfindet, liegt für mich günstig – ich brauche von dort weniger als zehn Minuten mit dem Rad zum Sportplatz. Der Therapeut ist deutlich älter als die Psychologen in Ausbildung, die mich in Jerichow begleitet haben. Ich schätze ihn auf etwa sechzig. Er ist außerordentlich belesen -sowohl in meinen drei Vorabgesprächen, als auch in jeder der bisherigen Therapierunden stellt er uns Bücher vor. Außerdem arbeitet er gerne mit Geschichten aus der Bibel, was bei mir einen Nerv trifft. Die Gruppe ist deutlich älter als in der Klinik – die beiden jüngsten sind Mitte oder Ende dreißig.
Zu Beginn der Sitzungen nennt der Therapeut einen Begriff, von dem aus einer der Patienten zu einem persönlichen Thema findet. Die anderen ergänzen das mit eigenen Erfahrungen und Gedanken.
Das gestrige Wort und somit Hauptthema war „Kontemplation“. Ich machte dieses Mal den Einstieg, indem ich sagte, dass ich am ehesten zur Ruhe käme, wenn ich Sport treibe. Das sei sowohl bei meinen yogaähnlichen Übungen für den Rücken, als auch beim Joggen der Fall, wobei ich beim Laufen durch mein mantraartiges Zählen von Schritten in eine quasimeditative Stimmung käme – Gedankenkarusselle und Sorgen würden geringer, Überlegungen weniger beladen und schwer.
Der Therapeut lenkte uns in Richtung Stille und Ruhe. Was die anderen sagten, überraschte mich: Einer meinte, dass er beim Reden mit Freunde zur Ruhe käme; ein anderer beim Wandern über lange Strecken, gerne zehn, fünfzehn Kilometer. Eine Frau mit schwerem Schicksalsschlag sagte, sie käme momentan gar nicht zur Ruhe. Eine weitere kann sich am besten von Gedanken lösen, wenn sie sich ins Getümmel stürzt, zwei Stunden in einem Einkaufszentrum sitzt und dem Hintergrundrauschen des menschengemachten Lärms und der künstlichen Beschallung lauscht. Zwei gaben an, Stille überhaupt nicht ertragen zu können, sie bräuchten immer Musik um sich herum.
Dann war wieder ich an der Reihe. Ich ergänzte, dass ich lange Wanderungen ebenfalls schätze, aber beim Laufen und Wandern nie im Leben Musik hören würde, da ich lieber den Geräuschen der Natur, dem Wind und den Vögeln, meinem Atem und den Schritten lauschen würde.
Ich fragte in die Runde, ob es diese Kontemplation, diese Einkehr, überhaupt gibt. Ist es möglich, sich ganz auf einen Moment zu fokussieren und dabei an nichts zu denken? Eine spannende Frage, die auch der Therapeut nicht unmittelbar beantworten konnte. Er, ein weiterer Patient und ich waren uns jedoch einig, dass wir einem solchen Zustand wohl beim Lesen am nächsten kommen: Indem wir uns ganz auf den Inhalt des Buches konzentrieren, können wir alles andere ausblenden.
Dann ist die Zeit um und jeder darf sich mit guten Worten für die anderen verabschieden. Die meisten wünschen einander einen schönen Feiertag und eine gute kurze Woche. Ich wünsche meinen Mitpatienten, dass sie Momente des Genusses finden und diese als solche erkennen. „Der Geruch von frischem Kaffee“, sage ich. „Oder ein mit Honig bestrichenes Brötchen vom Bäcker.“ Plötzlich kommen viele Assoziationen hoch, obwohl eigentlich Schluss ist. Die vom Schicksal geschlagene Frau denkt an den Moment, wenn sie die Tür zur Terrasse des Morgens öffnet und den Garten riecht. Der nächste denkt an den Geruch frisch gemähten Grases. Der Therapeut gibt zu, dass er plötzlich Appetit bekommt, weil er an das Honigbrötchen denkt. So hat jeder ein Bild im Kopf und geht zurück ans Tageswerk.

Ich fahre zum Fußballtraining – und stelle fest, dass es empfindlich kalt geworden ist.
Christoph Sanders, Thalheim
Der Donnerstag mittelgrau und mittelwarm. Dank des sogenannten Stadtradelns schwingt sich unsere junge Prinzessin schon um 6:25 Uhr auf ihr Rad. Man sammelt dort pro gefahrenem Kilometer für irgendeinen guten Zweck Punkte. Ich gebe ihr die pinke Trinkflasche mit. Im Laufe des Vormittags leichter Regen. Ich mache einen Ausritt auf dem Hügelkamm. Verblühende Sträucher und Bäume überziehen den Asphalt mit wechselnden Farben – ein wundervolles Gleiten!

Der Freitag zunächst sonnig und angenehm, später wolkig und leicht schwül. Während ich beim Hautarzt zwei Stunden auf einen neuen Termin warten muss, lese ich Ernst Jüngers Text über Tintenfische. Der Poel-Wal ist nun abgetaucht, jetzt muss ein neues Monster her – wie wärs mit einem Seuchenschiff. Unsere Angstrezeptoren müssen nonstop stimuliert werden. Die Kids zum Glück entspannt, nur mein Teenie leicht verunsichert, weil ja auch die Insta-Reeels sofort jede Leerstelle besetzen. Da ist ein riesiger Dorfplatz entstanden, auf dem man sich erregt und den unsinnigsten Spekulationen hingibt -willkommen im digitalen Mittelalter! Ich warte jetzt nur noch auf die Hexenverbrennungen, wobei diesmal wohl eher die Hexer dran sind.

Auch am Samstag Frühlingswetter: Frisch, windstill, sonnig. Die Päonie lässt sich Zeit. Leider mit dumpfen Kopf erwacht, leichtes Stechen – mal sehen ob sich das nach dem zweiten Aufguss legt. Die Kinder rühren sich – gut, denn es gibt zu tun. Unser Hase verkostet, nur von seiner Nase geleitet, auf der Wiese immer neue Gräser. Ich will heute ganz entspannt den nächsten Markenstein erreichen: Das Rennen um Gießen. Ich nehm das weiße Rad mit der Konfettilackierung. Das Wetter ist ideal: Nicht stickig und nicht zu heiß, nur ganz leichter Wind. Mir werden viele Radfahrer zujubeln.

Nachglühende Impressionen: Viele junge Paare und Gruppen auf Rennmaschinen, die Rentner sind elektrisch unterwegs. Auf der Landstraße PKW-Hochbetrieb. Mit Vollgas werde ich überholt, teilweise bedrohlich nah. (Schnell noch vor dem Gegenverkehr vorbei!) In den Dörfern Verschenkkartons vor den Einfahrten: Hausrat, manchmal Bücher. Ein Mann umrundet auf dem Sitzmäher den einzigen Baum des Grundstücks, eine über einhundertjährige Sequoia. Im Netto stellt eine Frau sorgfältig zwölf Piccolo-Flaschen Rotkäppchen-Sekt auf das Band und legt eine Packung Zigaretten daneben. Im Vorraum ein Aushang mit dem Rückruf verunreinigter Ware. Pferde, die anfangs lose gruppiert auf der Koppel stehen und sich später wegen der Nachmittagsonne unter einem Schattenbaum drängen. Mein Espresso in einer Eisdiele kostet knapp drei Euro, dafür gibt es ein Glas Mineralwasser dazu. Man möchte, dass ich draußen Platz nehme, ich bleib drinnen. Auf der Lahnpromenade bei Wetzlar führt ein neuer Weg an neu gebauten, mehrgeschossigen Wohnblöcken vorbei – ich sehe sehr viel Beton. Viel lebendiger ist da der alte Stadtteil um die Ex-Christinenhütte und die grauen Riegel der Arbeiterwohnungen. Zehn Kilometer weiter befinde ich mich wieder im tiefsten Grün. Bei der Selters-Mineralwasser-Abfüllung stapeln sich entlang der Bahnlinie haushoch zehntausende Kästen. Der kleine Quellbrunnen, den ich immer aufsuche, ist nun versiegt.

Am Sonntag, bevor das Haus erwacht, um sieben beim Tee (Sencha Keiko). Bis auf das Taubengurren auch draußen Ruhe. Regeneration. Gestern in der Bücherverschenktelefonzelle die gewohnten 95 Prozent Trash. Handkes „Wunschloses Unglück“ angelesen – die Ausdrucksweise ist unerträglich; es riecht nach intellektueller Pose. Dafür Jack Londons „Kid & Co.“ in der exzellenten Erstübersetzung von Erwin Magnus mitgenommen. Bei London geht es immer um die Tragik der menschlichen Gier, um Konkurrenz, die Selbstbehauptung gegen eine Natur, die nur wie ein Paradies aussieht, aber eben keines ist. Allein zwei seiner Bücher handeln von der Alkoholsucht.

Am Montagmorgen sorgen eine leere Autobatterie und ein platter Reifen für Erdung. Da es regnet, will niemand aufs Rad. Um 6:34 Uhr fährt der Schulbus – nun danket Gott! Mein Mannheimer Freund berichtet, dass sich gerade vor seinem Haus Subunternehmer für Gas und Glasfaser immer wieder gegenseitig die Gräben zuschütten. In der Kassenschlange den aktuellen Spiegel überflogen. Nichts Lesbares, das Papier Recyclingqualität. Auch die Frau hinter mir steckt das ehemalige Nachrichtenmagazin lächelnd in das Regal zurück. Höhepunkt des Tages: Batterietausch am Familienschiff. Es gibt zwei Werkzeugkisten und selbst mit einer Fahrradstandpumpe lässt sich ein Autoreifen kurzfristigst füllen. Die Profis im Dorf haben natürlich alle Kompressoren – allein für ihre Hochdruckreiniger und Universalgeräte. Das ist eine riesiger Unterschied zur urbanen Dienstleistungsgesellschaft, der medial kaum mal dargestellt wird – wie sollte es auch anders sein: Hier im Hinterland steht kein Funk- oder Zeitungshaus, da fliegen solche sehr konkreten Alltagsdinge eben unter dem Medienradar. Man berichtet lieber über ferne Inseln und Kreuzfahrtschiffe als über einen abgerissenen Kleinstadt-Netto, dessen Lücke die Einkaufswege länger macht. Um Körper und Geist zu säubern, lese ich auf der Internetseite der BBC eine Reportage über Longjing, einen grünen Tee, der in China einen extrem hohen kulturellen Status genießt. Kühler frischer Wind, Abendstimmung. Dazu erklingen Olivier Messiaens „Streiflichter über das Jenseits“.

Die BBC-Reportage: https://www.bbc.com/travel/article/20260508-on-the-hunt-for-chinas-most-famous-green-tea
Frank Schott, Leipzig

Ehrenamt ist, wenn man am Samstag ab 9 Uhr hinter dem Torhaus Dölitz steht und für seinen Verein oder seine Initiative einen Stand aufbaut. Die Gastggeber vom Zinnfigurenmuseum richten eine kleine Gießwerkstatt ein, der Bürgerverein bringt ein Quiz mit, wir von Turbine Leipzig haben ein Areal für Kleinfeldfußball abgesteckt.

Hingucker und Fotomagnet ist das Biwak der Historiendarsteller. Ein Filmteam begleitet die Männer in den Uniformen der napoleonischen Kriege beim Aufbau. Während der Völkerschlacht war Schloss Dölitz ein wichtiger Stützpunkt der französischen Truppen und heftig umkämpft. Gemeinsam mit den Soldaten Bonapartes verteidigten polnische Einheiten die Stellung gegen österreichische Truppen der Alliierten. Der Ausgang der Schlacht ist bekannt: Napoleon musste sich zurückziehen, und Teile der sächsischen Armee, die zuvor noch auf seiner Seite standen, liefen zu den Siegern über.

Es ist nur wenig los, da es an diesem Wochenende viele alternative Veranstaltungen gibt. In Markkleeberg, das sich übergangslos an Leipzig anschließt und dessen Zentrum nur etwa zwei Kilometer entfernt ist, lockt das Stadtfest mit Rummel und Musik. Viele Kids spielen Fußball an diesem Morgen und haben die Eltern als Fahrer dabei – allein aus unserem Verein sind gerade drei Teams draußen unterwegs. Die älteren Semester können rüstig bei der jährlichen 7-Seen-Wanderung auschreiten – ein Zwei-Tages-Event mit über siebzig Touren. Und am Abend lockt dann noch die Museumsnacht.

Einer unserer nimmermüden Jungs kickt mit jedem, der nicht bei drei auf den Bäumen ist – er hat kein Turnier, weil er am Nachmittag zu einem Geburtstag eingeladen ist. Einige Besucher nehmen Flyer mit, weil sie darüber nachdenken, ihren Nachwuchs zu uns zum Training zu schicken. Gegen Mittag wird es kurzzeitig voller: Das Kinderhaus vom Agrapark hat ein Programm einstudiert. Die Eltern stehen dicht gedrängt vor der Bühne und halten ihre Handys in die Höhe. Später macht das Orchester der Feuerwehr Leipzig noch etwas Blasmusik. Es bleibt besinnlich und ruhig.

Auch am Sonntag kann man einiges unternehmen. Während die Lokalzeitung noch einen „Schrecken“ und „eine Veränderung der Stadt“ nach der Amokfahrt behauptet, herrscht längst wieder Veranstaltungsalltag: Vormittags lockt in Laucha ein Fahrradfest mit einer 7‑km‑Familienrunde und mit der 100‑km‑Strecke für sportliche Biker. Im Clara-Zetkin-Park startet der Frauenlauf. Ich hatte am Vortag kurz mit einem Vereinskollegen gefrotzelt, ob ich nicht daran teilnehmen sollte – ich könnte mich ja kurzfristig zur Frau erklären und jeden verklagen, der mich daran hindern will.

Das mache ich natürlich nicht – und nehme stattdessen am dritten großen Sportevent des Tages teil: Dem Wings for Life World Run des Getränkekonzerns Red Bull. Sämtliche Teilnahmegebühren des Laufs sowie alle Spenden gehen in der Erforschung von Therapien zur Behandlung der Querschnittslähmung. Laut Veranstalter sind allein in Leipzig 3.000 Menschen am Start, weltweit wohl über 350.000.

Der Lauf führt in 5-Kilometer-Runden rund um die Red Bull Arena. Wie immer bei solchen Veranstaltungen geht es sehr gemächlich los, da es eine Weile braucht, bis sich die Menschenklumpen aufgelöst haben, jeder eine freie Strecke vor sich hat und diese im eigenen Tempo absolvieren kann. Einige der Teilnehmer sind im Rollstuhl unterwegs, andere wandern, die meisten jedoch laufen.

Es zwar bewölkt, doch die Sonne kommt immer häufiger heraus; schnell wird es schwülwarm. Die Strecke führt größtenteils auf asphaltierten oder gepflasterten Wegen entlang, Ausnahme ist die Laufbahn im Leichtathletikzentrum hinter dem Stadion, auf der wir eine Runde absolvieren. Dann der Höhepunkt: Wir laufen durch einen Nebentunnel direkt ins Stadion, drehen unter unter 40.000 leeren Sitzen eine dreiviertel Runde entlang des Rasens, auf dem am Vortag noch RB gegen St. Pauli spielte. Viele Läufer zücken die Handys und fotografieren oder filmen – ich auch. Danach geht es durch den Spielertunnel hinaus auf das Stadionvorfeld.

Auf der Festwiese stehen die Bundesligaspieler von RB und reichen uns Läufern Trinkbecher mit Wasser oder einem Wasser-Red-Bull-Gemisch. Beim ersten Mal bediene ich mich bei einem unserer Innenverteidiger. Aber im Laufen zu trinken ist nicht mein Ding – ich verschütte das Meiste über mein Shirt; ein bisschen rinnt immerhin die Kehle herunter.

Die Luft wird immer drückender, die Oberschenkel brennen und jetzt beginnen auch noch die Füße zu schmerzen – ich bin anfangs zu schnell gelaufen, um den Pulks zu entrinnen. Also beende ich den Lauf bereits nach zehn Kilometern. Ich schnappe mir einen Becher von einem unserer offensiven Mittelfeldspieler. Dieses Mal geht das meisten in den Rachen. Ich trabe in den Seitenbereich und schnappe mir zwei Apfelscheiben und ein Stück Banane; dazu gibt es ein paar Dehnübungen für die Beine – das war’s dann für mich. Die Läufer, die noch im Rennen sind, ziehen keuchend an mir vorbei. Weil es eine Benefizveranstaltung ist, erhalten wir keinen Firlefanz wie Urkunden oder Medaillen – dabei sein und mitmachen, darum geht es. Auch mal ganz schön.
Ich schaue auf den Fitnesstracker: 49:53 für zehn Kilometer, wobei mich der erste langsame Kilometer gut eine Minute gekostet hat. Nicht schlecht, alter Mann.

Milchiggrauer Dienstagmorgen mit feinem Nieselregen. Miles Davis, Bill Evans, Paul Chambers, Jimmy Cobb, Cannonball und Trane meinen: „So what“. Ich sehe in der S- und U-Bahn wieder häufiger einzelne Mitfahrer mit FFP2-Maske. Keine Ahnung, welchen Grund das jeweils haben mag, vielleicht die mediale Dauerbeschallung rund um das Hantavirus auf der „Hondius“ – die Bild-Zeitung liefert die optimal deutschentriggernden Schlagzeilen: „TODESVIRUS AUF KREUZFAHRTSCHIFF“ sowie „ANGST VOR DEM TODESSCHIFF“. Man kann nur hoffen, dass die besonne, entwarnende Stimme des ausgewiesenen Hantavirus-Experten Prof. Dr. Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, die gerade sehr präsent ist, noch irgendwie durchdringt. Es gibt weltweit infolge einer Hantavirisinfektion ungefähr 600 bis 700 Todesfälle pro Jahr, die meisten davon in chinesischen Dörfern; in Argentinien und Chile sterben 30 bis 60 Menschen, in den USA sowie Südkorea 10 bis 15 und in Deutschland 1 bis 3 p.a. Jeder Mitarbeiter in der Land- und Forstwirtschaft, Gastronom oder Lagerarbeiter dürfte das RKI-Merkblatt zur Verhinderung der Ansteckung schon einmal gesehen haben, jeder mit Nagtieren im Keller, Schuppen oder Gartenhaus wissen, dass man bei der Kotbeseitigung eine Maske aufsetzt. An der Anden-Variante auf der „Hondius“, die von Mensch zu Mensch übertragen wird, sterben pro Jahr ungefähr zwanzig Südamerikaner – das ist die Größenordnung der Insektenstichtoten in Deutschland.

Am Schlachtensee beobachte ich fasziniert, wie die Mutter der in der letzten Woche geschlüpften neun Stockenten ihren Nachwuchs dirigiert und vor potentiellen Feinden abschirmt – wie ein Planet umkreist sie die Küken. Am Nachmittag ist es so schwül, dass alle Tischtennismitspieler von leichten Kreislaufproblemen berichten, so dass wir viel mehr Trink- und Ausruhpausen als gewohnt machen. Einmal unterbrechen wir kollektiv die Partien, da auf dem Hof eine Nachtigall zu hören ist. Eine Mitspielerin fragt nach Beendigung der Matches, ob wir noch ein kleines Stück gemeinsam gehen und ein wenig quatschen wollen – woraus zweieinhalb höchst interessante Çay-Stunden vor dem „Hiram Grillhaus“ in der Bundesallee werden. Sie stammt ursprünglich aus Moldau (keine Ahnung, ob gerade noch so aus der Sowjetrepublik), hat in Berlin Kunst studiert und arbeitet, damit trotzdem die Miete rein- und das Essen auf den Tisch kommt, als Einzelhelferin für Pflegebedürftige. Von der Kunstszene hält sie wie ich wenig – zu politisierend, cancelnd und bevormundend. Wir kommen von einem aufs andere, wobei mich ihre feministische Sicht besonders interessiert – ihre Einschätzung, dass man digitale nicht mit reeller Gewalt gleichsetzen sollte, deckt sich mit meiner. Zu ihrer Herkunft meint sie nur, dass das alles kompliziert sei, was ich sofort glaube, auch meine Familiengeschichte findet in Geschichtsbüchern eher nicht statt. Wenn sie sich beim Tischtennis ärgert, ruft sie immer: „Ебать Людмилу!“ Irgendwann fragte mal jemand von uns, was das heißt; seitdem rufen wir es auch, aber auf Deutsch – so eine Steilvorlage darf man auf keinen Fall liegenlassen. Ein unerwartetes, sehr bereicherndes Gespräch, das mich noch tagelang beschäftigt.

Am Mittwochmorgen heftiger Regen. Miles Davis, John McLaughlin, Wayne Shorter, Joe Zawinul, Chick Corea, Jack DeJohnette, Dave Holland, Billy Cobham, Airto Moreira und John McLaughlin meinen: „Take it or leave it“ – ich packe meine Sachen und fahre zum See. Getreu der Ingenieursweisheit „Was funktioniert, niemals ändern!“ schiebe ich dort stoisch die Socken in die Schuhe und diese unter die Bank, packe meine Kleidung in einen Müllbeutel, lege diesen auf die Sitzunterlage, die sonst die Rückenstütze in meinem Rucksack ist, hänge Letzteren plus Handtuch und Regenjacke über die Lehne, spanne den Schirm auf und schwimme dann inmitten planschender Tropfen meine erste Schauerrunde der Badesaison: „Splash! Ah-ah! Saviour of the universe. Splash! Ah-ah! He′ll save every one of us.“

Am Donnerstagmorgen sehr kalter, ungemütlicher Wind am See. Zahlreich die Nebelkrähen – es kommt mir vor, als ob es in diesem Jahr besonders viele gibt. Beim Tischtennis eine Wiederholung des Dienstagsmoments: Alle gehen raus, um der Nachtigall zu lauschen – nur dass ausgerechnet in dem Moment, keine zehn Meter vor uns, ein junger Fuchs durch das Gebüsch läuft. Hätte ich nicht bereits als Kind Fabeln als vollkommen öde empfunden, wäre mir bestimmt eine passende eingefallen. Freitag ausschließlich ratslose Gesichter vor den Schildern mit den Schienenersatzverkehrankündigunden der S-Bahn – ab Montag für zehn Tage Sperrungen auf meiner gewohnten Strecke zum See. Ich werde das umfahren – in Berlin gibt es immer Ausweichmöglichkeiten; wir sind in dieser Hinsicht sehr privilegiert. Im Lauf des Tages dringt die Sonne wieder durch, was ich begrüße.

Am Samstag kommt um kurz nach sechs in der S7 Richtung Potsdam im S-Bahnhof Westkreuz Security in unseren Wagen und weckt drei Obdachlose: „Aufstehen! Bitte aussteigen.“ Keine Reaktion. „Tut mir ja leid, dass ick keenen Kaffee und Brötchen dabei habe … los, jetzt, Auslüften!“ Zwei steigen aus. Letzte verbale Steigerung: „Komm, Keule!“ Alle draußen, Abfahrt. Für die Beteiligten tägliche Routine.

Auf dem Rückweg vom Schwimmen sehe ich erstmalig (zumindest bewusst) Graugänse auf dem See – mir war im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln das Orange der Schnäbel aufgefallen. Kurz darauf treffe ich auf den Kieler, der gerade aus dem Wasser kommt und mich fragt, was mein Thermometer sagt. Da ich es seit Tagen nicht reingeworfen hatte, mach ich das: 12 Grad – nicht warm, nicht kalt. Während wir über gefühlte und echte Temperaturen philosophieren, wird drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt eine Straße nach dem letzten deutschen Friedenskanzler benannt: In Tiergarten gibt es nun, von der Siegessäule gen Süden führend, eine Helmut-Kohl-Allee. Kohl lehnte ich damals komplett ab – aber da wusste ich noch nicht, wer ihm folgen wird. Gabi Delgado singt: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen! Wir tragen euren Krieg zurück in den Westen“.

Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 23:39:13, 07-05-2026
Frank Schott, Leipzig
Es ist ein Wetter, um Katzen zu ertränken. Das denken sich auch unsere beiden Kater: Sie linsen kurz durch die Fliegengitter, doch weil sie selbst dort schon den Sprühregen abbekommen, drehen sie wieder ab – heute gibt es keine Abenteuer im Freien.

Scheuern sich eigentlich Katzen? Reiben sie ihren sonst so sorgsam gepflegten Pelz wie ein Wildschwein seine Haut an der Borke der Bäume? Ich weiß es nicht, doch nach allem, was ich beobachte, würde ich die Frage bejahen. So, wie sich unsere Kater auf den Steinen des gepflasterten Hofes oder in der staubigen Erde zwischen den Lavendelpflanzen wälzen, scheinen sie das Scheuern auf rauem Grund zu mögen — oder vielleicht sogar zu brauchen.

Aber was wissen wir Menschen schon von Katzen – wir wissen ja nicht einmal über uns selbst Bescheid: Weil ein Autofahrer sein Fahrzeug durch eine Leipziger Einkaufsstraße gelenkt und Tote und Verletzte zurückgelassen hat, faselt die Lokalzeitung seit Montag von einer „Stadt im Schock“; die Worthülsen purzeln aus den Seiten wie die verschossenen Patronen aus einem Maschinengewehr. „Schockstarre?“ Wenn ich mich hier umsehe, bemerke ich nichts von Schock – kein Trauerflor, keine Flaggen auf Halbmast. Nur Menschen, die ihrem Tageswerk nachgehen oder schwatzend auf den Freisitzen hocken. Gleichzeitig dreht sich das Hamsterrad des Aktivismus atemberaubend schnell: „Die Innenstadt muss sicherer werden!“ Poller müssen her! Expertenrunden! Sicherheitskonzepte!Vielleicht könnte man das Amokfahren ja auch einfach verbieten? Das wäre eine typisch deutsche Lösung.

Ich bin heute neben der Spur. Meine Hausärztin sagte mir gestern, dass sie mich weiterhin als nicht arbeitsfähig ansieht. Solange die jüngst begonnene Gruppentherapie läuft, solle ich es ruhig angehen lassen. Ha! Ruhig! Wie ein Wahnsinniger hämmere ich Bewerbungen in den Computer. „Sie sollten auch keine Bewerbungen schreiben. Nur wenn Sie etwas sehen, was für Sie wirklich der richtige Job wäre, sonst nicht. Sie sollen zur Ruhe kommen“, sagt sie.

Trotzdem schickt mir meine Frau fünf Links zu Stellenangeboten. Wütend scrolle ich mich durch Wunsch- und Aufgabenlisten der jeweiligen Arbeitgeber. Obwohl ich bereits vom grauen Himmel und vom kalten Regen elend und genervt bin, schleudere ich ihr zuliebe zwei weitere Bewerbungen raus. Sie meint es gut. Bewerbungen auf Jobs, die mir vermutlich keinen Spaß machen, gesendet an Leute, die alte Säcke wie mich höchstens als Hausmeister einstellen würden. Jung muss man sein. Und dynamisch. Und … jedenfalls nicht wie ich.

Zum allem Unglück ist bei uns wieder einmal alles aufgerissen – nur sieben Monate nach der Langzeitbaustelle mit Umleitungen und Schienenersatzverkehr wird vor unserer Haustür erneut gearbeitet. Bagger pflücken Pflastersteine aus den geschundenen Straßen und wühlen sich ins Erdreich. Hätte man das nicht damals mitmachen können, fragen Anwohner und Gewerbetreibende. Konnte man nicht, sagt die Stadt – an den Stellen, wo jetzt gebuddelt wird, mussten im Vorjahr die Container und Baufahrzeuge abgestellt werden. Jetzt stehen die Baucontainer, Radlader und Bagger auch auf der Straße, aber gegraben wird trotzdem. Das verstehe, wer will.

Dennoch haben die großen Maschinen auch ihre Bewunderer: Der Nachwuchs im Kinderwagen oder an der Hand der Eltern sieht fasziniert zu, wie Schaufeln schaufeln, Greifarme greifen und Staplergabeln stapeln. Sie werden noch fünf bis sechs Monate Freude daran haben – der Fortschritt kommt im Schneckentempo.

Bevor ich ganz im Selbstelend versinke, raffe ich mich zum Training auf. Weil es bis 16 Uhr ununterbrochen geregnet hat und zudem der Rasenplatz gesperrt ist, haben viele Kids abgesagt – zu feucht, zu schweres Geläuf. Dafür inspizieren nun zwei Gänse den Rasen und suchen nach Würmern, deren Wohnung überschwemmt wurde.

Wir weichen auf den Kunstrasen aus, haben wegen der engen Taktung aber lediglich sechzig statt der üblichen neunzig Minuten Zeit. Das Training ist entspannt. Da insgesamt nur acht Kinder in der Altersklasse F- und E-Jugend gekommen sind, haben wir zwei Trainer alles gut im Griff. Die kleinen Verrücktheiten Einzelner führen nicht zu unkontrollierbarem Chaos, da sich die verrückten Einzelnen immer wieder gut einfangen und ins Training zurückführen lassen.

Nach dem Training beginnen wieder die Schauer. Das Regengrau mischt sich mit dem Grau der Dämmerung. Auch meine Gedanken werden trüber. Und die Katzen schieben weiterhin Frust, weil sie sich nicht im Freien austoben können. In der Nacht werden sie uns wohl ein weiteres Mal zwischen vier und fünf Uhr wecken, weil sie munter sind und sich einsam fühlen. Es wird Zeit, dass es zu regnen aufhört – nach einem Tag im Auslauf sind sie abgekämpft und so müde, dass es manchmal nicht einmal der Automat mit dem herauspurzelnden Trockenfutter schafft, sie zu wecken.

Christoph Sanders, Thalheim

Der Samstag wundervoll grün, die Luft wird immer schwüler, fast subtropisch. Ich erweitere meine Radroute vom letzten Sonntag auf insgesamt einhundert Kilometer und besuche das Ehepaar Jacobi in Bad Ems. Andrea zeigt mir ihre neueste Kleidungskollektion und die Bilder des dazugehörigen Fotoshootings in Weimar, das an Orten ihrer Kindheit stattfand – Wohnblock, Datscha, Garagenzeilen usw. bilden eine harten Kontrast zu ihren edlen, seltenen Stoffen. Ihr Mann Jens beobachtet bei den Designern aktuell einen durch Künstliche Intelligenz befeuerten Trend zur Verunsicherung und Selbstabschaffung – nur die Dinge, die mit hohem handwerklichem Aufwand entstehen, sind unberührt von diesen Entwicklungen; für diese ist der Markt aber äußerst klein. Auf der Strecke massenweise Motorräder, dazwischen Rennräder und Autos, viele Holländer – das gewohnte Bild des Lahntals im Mai. Lange Schlangen an Tankstellen. Ich versorge mich bei Aldi mit Quark, Bananen und einer Packung Sushi, die ich mit einem 1-Euro-Suppenlöffel aus dem Regal mit den Sonderangeboten verzehre. Nach dem allerletzten Anstieg komme ich stolz und völlig leer zuhause an. 100 Kilometer – es geht voran!

Am Sonntag komplett müde nach der Tour am Vortag. Angenehm warme Temperaturen, windig. Noch bevor die drohenden Wolken da sind, ist die Wäsche trocken. Im Dorf Vorgartenflohmarkt. Da keines meiner Kinder mitmachen will, schiebe ich zwei kleine Fahrräder (zum Verschenken) hinunter zum Stand der Nachbarn. Dort liegt bereits ihre überdimensionierte Weihnachtsbeleuchtung – vermutlich haben sie mal auf die Stromrechnung gesehen. Am Nachmittag zur 2. Halbzeit des Punktspiels meines Sohnes. Sein Team, Schwarz-Weiß Dorndorf II, gewinnt 4:2 gegen TuS Waldernbach. Er machte sich umsonst warm und ist dementsprechend sauer. Ich sehe Schrottfußball – athletisch gut, spielerisch schlecht, mit ein, zwei Einzelkönnern und massenhaft weiten Pässen und Abschlägen. Das Stadion ist sehr gut besucht, auf den Parkplätzen stehen ungefähr einhundert Automobile. Nach dem Abpfiff spielt noch die erste Mannschaft. Die löst sich zum Saisonende auf. Der Kern verlässt den Verein für höherklassige Teams – es knistert bei Schwarz-Weiß, wie mein Sohn berichtet. In der Dämmerung jagen Fledermäuse und Rotschwänze übers Grundstück. Der Garten duftet. Alles ist friedlich.

Am Montag Temperatursturz von 24 auf 14 Grad. In den Nachrichten Hantavirusinfektionen auf einem Kreuzfahrtsschiff – Panik an Deck der Systemstabilisatoren. Leider wird über so etwas in der Regel nur dann berichtet, wenn Weiße und das Geschäftsmodell „Urlaub in der Karibik“ bedroht sind. Mit der Kleinen laufe ich in einen riesigen Regenschauer hinein – zum Glück haben wir einen stabilen Schirm der Universität Wismar dabei. Wir finden schnell Deckung in einem Wäldchen. Während wir warten, verstehe ich, was die Bilder Jean-Baptiste Camille Corots auszeichnet: Durch lockere Pinselstriche gelang es ihm, die Bäume und das Unterholz im Wind, die Bewegung von Zweigen und Blättern darzustellen, das gedämpfte, diffuse Licht ohne Konturen festzuhalten. Wir hören einen Kuckuck – und dann entdecken wir ihn auch schon mit dem Fernglas: ein langgestreckter Körper, etwas größer als der einer Drossel, die Flügel eher wie die eines kleinen Falken, die Schwanzfedern weit gefächert im Flug.

Dienstag. Die Deutsche Post heißt nun DHL. Vielleicht werden wir auch bald neue Parteinamen haben. Weitere Radblogüberarbeitung. Nachdem ich gerade die Wäsche rausgehängt habe, ab 15 Uhr Regen. Der Ofen wärmt alles und alle. Pleite beim Ausflug nach Westerburg: Da mein kleines Girl aus ihrer Ballett-Signal-Gruppe ausgetreten ist („Das wurde gehackt!“), bekam sie als einzige keine Nachricht über den Ausfall der Stunde. Ich als Handyloser ahnte ebenfalls nichts und bin wieder mal der Familientrottel – wenn du bei diesem Spiel nicht 24/7 mitmachst, bist du raus. Moderne Zeiten.

Mildgrauer Mittwochmorgen. Auf dem Weg zum Zug fällt mir eine weißlilane Päonie in Vollblüte auf. Ich selbst sitze mit meinen fünf Purpur-Knospen in den Startlöchern. Am Vormittag verbringe ich fast eine Stunde mit diversen Filterwechseln bei einem Miele 315i, mit dem jemand groben Mörtel im Keller gesaugt hat, wofür er dann doch nicht geeignet ist. Ich bekomme das Gerät wieder startklar – für einen großen Haushalt mit hohen Decken und Treppen ist es ideal, auch wegen der Kabelreichweite von drei Metern. Details aus einer Epoche, die längst vorüber ist – inzwischen haben Roboter mit winzigen Staubbehältern und Akkus übernommen, aber die Größe der Haushalte und der darin lebenden Personen nimmt ja ebenso ab. Genau wie die Zahl der auf der Straße spielenden Kinder im Mai.

Ich mache drei Entwürfe für eine Kondolenzkarte – der Vater eines Klassenkameraden meines Sohns starb mit vier Angestellten bei Reinigungsarbeiten in der Klärgrube seiner Gerberei. Als Einzelkind wird sein Sohn wohl direkt in die Verantwortung des Weiterführens der kleinen Firma gehen müssen … Ein kühler Tag mit Schauern und einigen kurzen Sonnenmomenten neigt sich seinem Ende zu.
HEL Toussaint, Prenzlauer Berg



Wie der Monat schon losgeht! Ab Freitag schlotzt uns der Sommer einen frühen Gruß in die Stadt – die Lufttemperatur steigt auf 28 und die Wassertemperatur im Schlachtensee auf 14 Grad. Blassbeinige Piepel singen kollektiv: „I scream. You scream. We all scream: ICE CREME!!!!“ und füllen für lau ihren Vitamin-D-Spiegel auf. Am 1. Mai höre ich im Wäldchen nördlich des Schlachtensees meinen ersten Kuckuck des Jahres und erspähe sogar einen Buntspecht – in der Regel sind die dort so gut getarnt, dass man sie nur klopfen hört.

Auf der Hinfahrt zum See stolpert in Charlottenburg ein Betrunkener aus der S-Bahn, reckt zum Abschied seine Bierflasche in Richtung Fahrerkabine, um dann lauthals „Always the Sun“ von den Stranglers singend über den Bahnsteig zu torkeln. Eine Bahn später steigt auf dem Gleis gegenüber eine ebenso betrunkene Frau mit Bierpulle aus, wankt auf mich zu, stoppt, pendelt sich einen Meter vor mir in aller in Seelenruhe aus und stellt mir, nachdem sie irgendetwas über meinem Kopf angepeilt hat, das kurz vor der tschechischen Grenze liegen muss, die Frage: „Wie geht Prüddü Wummen weida?“ Icke: „Walking down the street.“ Sie: „Gnau!!!! Unn sie muss cool sein unn er muss cool sein.“ Wer würde dem widersprechen. Dirigentengeste mit Flasche, Abgang. Da wusste ich, dass das ein guter Tag wird.

Am See treffe ich mal wieder auf den älteren Herrn, der immer so tut, als würde er frieren, wenn er mich sieht. Da er noch außer Hörweite ist, zeigt er mit kreisendem Finger, dass die Schwalben in der Bucht Achten um einen Baum fliegen, was sie sonst nie tun. Ich nicke und zeichne die Bahnen ebenfalls in die Luft – wir Seegeher verstehen uns notfalls auch ohne Worte. Als er bei mir unten ist, erzählt er, dass er jeden Morgen seine Runde geht, eine Gewohnheit noch aus der Zeit, als er einen Hund hatte, der nun auch schon dreizehn Jahre tot ist. Wo ich bade, sieht man Schwalben eigentlich nur kurz bevor es regnet; ab und an bleibe ich aber an einer Stelle stehen, an der man sie auch bei blauem Himmel bewundern kann.

Kurz nach meiner kleinen Schwimmrunde kommen zwei vielleicht fünfzehnjährige Hormonteufel in die Bucht, um dort zu angeln. Ich sage ihnen, dass es dafür bessere Stellen gibt, zum Beispiel am Schildkrötenbaum, und beschreibe die Karpfen und Hechte. Als ich ihnen noch Fotos von Letzteren zeige, sind sie aufgekratzter als die Pickel ihrer Klassenkameraden, die unter Akne vulgaris leiden. Als ich ergänze, dass die Hechte auf Rotfedern gehen, stehen sie kurz vor einer Ohnmacht, da sie genau diese heute als Gummiköder dabeihaben. Wenn deren Sportlehrer hätte sehen können wie sie hernach den Uferweg entlangwetzen, würde er vor Freude weinen.

Auf dem Rückweg komme ich am Kieler und dessen Freundin vorbei, die sich gerade abtrocknend das Wasser aus den Ohren schütteln. Ich wünsche ihnen einen schönen Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen. Er kiekt etwas irritiert, sie lacht und meint: „Na, zum Glück müssen wir heutzutage nicht mehr marschieren.“ Sieh an, ein Ost-West-Pärchen. Sympathische Leute – wir bleiben immer mal für einen Plausch stehen. Am Tag zuvor unterhielt ich mich mit ihm über das fantastische Licht im See und sagte: „Man könnte hier glatt verrückt werden vor Freude.“ Darauf er: „Ver-rückt sind wir woanders, hier kommen wir wieder ins Lot.“ Word up, Bro!

Am Sonntag ist eine Frau so begeistert vom Anbaden, dass sie sogleich ein zweites Mal ins Wasser geht. Eine andere folgt spontan – aber nur bis zu den Knien. Am Montag komme ich mit einer älteren Ruhrpottlerin ins Gespräch, die mal als DaF-Lehrerin im Moabiter Knast gearbeitet hat. Sie erzählt ein paar Erste-Hand-Storys übers Autoklaubestellsystem litauischer Banden – ich rede ausgesprochen gern mit Leuten, die etwas über Untergrundökonomien wissen. Dazu passt der taz-Artikel über die „Birkenstube“, eine Einrichtung am Ende meiner Straße, in der Süchtige unter Aufsicht mitgebrachte Drogen konsumieren können. Da sich Fentanyl, das allein in den USA bereits hunderttausende Todesopfer gefordert hat, auch in Europa etabliert, können User dort nun ihr Heroin auf Verunreinigungen mit dem synthetischen Opioid testen lassen und werden außerdem in den Umgang mit dem Gegenmittel Naloxon eingewiesen. Vielleicht kann Deutschland so die Fehler anderer Länder noch vermeiden.

Mit dem neuen Monat ist auch der erste Buchtnachwuchs der Saison zu vermelden: handgezählte neun Stockentenküken. Willkommen! (Die Familien Haubentaucher und Blässhuhn brüten nach wie vor vorbildlich friedlich nebeneinander im Schilf.) Außerdem sehe ich einem Kormoran beim Auf- und Abtauchen zu und spüre ganz zart das Luftwischen eines knapp über mir losfliegenden Graureihers.

Am Montag kühlt es sich wieder auf 22 Grad Celsius Lufttemperatur ab. Tolle Wolkenformationen und Himmelsfarben; leider kein Regen.

Sophie Fichtners Artikel über Fentanyl in Deutschland: taz.de/Fentanyl-in-Deutschland-Kann-man-sich-auf-die-Verbreitung-vorbereiten/!6173635
Frank Schott, Leipzig
Am Samstagvormittag verlassen wir mit dem Zug Magdeburg. Für die Fahrt zum Bahnhof nutzen wir erstmals den Uber-Fahrdienst. Ich weiß, dass das alteingesessene Taxigewerbe über den Konkurrenten jammert, aber tatsächlich bietet dieser einige Vorteile: Es gibt eine zentrale App für alle Fahrer statt verschiedener Rufnummern für die vielen lokalen Unternehmen, und man kann sehen, wo sich der anrückende Wagen gerade befindet.

Uns holt ein freundlicher Araber ab. Weit kommen wir nicht, da in einer Nebenstraße ein Pritschenwagen für eine gute Parkposition zurücksetzt und dadurch die Kreuzung blockiert. Der vor uns wartende Mann ist erbost, steigt aus und ruft dem Fahrer des Kleinlasters wütende Worte zu. Unser Araber zuckt nur mit den Schultern und lacht: „Es ist warm. Ihr müsst sein …“ Er sucht das passende Wort. „Entspannter?“, frage ich. „Ja, ihr müsst entspannter sein“, sagt er.
Er bekommt einen Anruf, den wir über das Autoradio mithören. „Der Chef“, sagt er, um dann grinsend zu ergänzen: „Meine Frau!“. Es folgt ein schneller Wortwechsel auf Arabisch, bei dem eigentlich nur sie spricht. Er lässt uns freundlicherweise daran teilhaben und fasst zusammen: „Es geht um meinen Sohn. Er ist beim Fußball. Ich soll ihn abholen. Meine Frau fragt. Ich sage: ja. Aber ich habe eine Fahrt. Danach hole ich meinen Sohn.“ Die permanente Unruhe und besorgte Nachfrage von Müttern, ob wir Väter auch wirklich unsere Aufträge erledigen, kommt mir bekannt vor.
Nach dem Aussteigen holt der Fahrer unser Gepäck aus dem Kofferraum. Ich krame meine letzten Brocken Arabisch hervor und bedanke mich: „Schukran.“ Er ist freudig überrascht und antwortet mit „Ahlan wa sahlan.“ („Willkommen.“), was ich mich „Ahlan wa sahlan, ahlan bi-kum.“ („Willkommen, Willkommen Ihnen.“) erwidere.

Warten am Bahnsteig, der erfreulich leer ist. Ich erinnere mich an den Zugbegleiter auf der Hinfahrt, der uns darüber informierte, dass wir fünf Minuten Verspätung hätten, den Zug nach Was-weiß-ich aber noch erreichen würden: „Der hat auch Verspätung und kommt erst nach uns an. Glauben Sie nicht, was in der App steht. Sie können entspannt umsteigen. Sie haben zwanzig Minuten Zeit.“ Ist doch schön, wenn man sich wenigstens auf die Verspätungen verlassen kann. Auf der Rückfahrt erleben wir dann aber ein kleines Wunder: Der Zug fährt pünktlich ab und kommt pünktlich in Leipzig an. Die Nachbarin holt uns mit dem Auto ab, so dass meine Frau ihren Knöchel schonen kann. Es lebe das gute Miteinander!

Das restliche Wochenende brennt die Sonne. Von überall her tönt Musik, Bierflaschen und Gläser klirren, es riecht nach Gegrilltem. Ein Teppich aus Lachen, Schwatzen und lauten Gesprächen, die das Hintergrundrauschen zu übertönen versuchen, wabert über die Straßen und durch die Hinterhöfe. Eine Stadt im ununterbrochenen Partymodus.

Am Montag ist es dann bewölkt und weniger heiß. Im Konsum holt sich ein junger Mann, der mich an einen Programmierer denken lässt, eine große Cola und süßes Gebäck zum Frühstück. Eine junge Frau im Businessoutfit hastet in Laufschritten zur Bushaltestelle – ihre Bewegung ist der Kleidung geschuldet ein Mittelding aus vorsichtigem Gehen und schnellem Laufen. Ein etwa Vierzigjähriger schlendert mit seinem Sohn schwatzend zum Kindergarten. Eine in Weltschmerzschwarz gehüllte Teenagerin stapft mit schweren Plateauschuhen und wütendem Tritt in Richtung Schule, als gelte es, eklige Viecher unter den Sohlen zu zermalmen. Meine Frau schont ihren Fuß und ich bin weiterhin allein unterwegs.
Frank Schott, Leipzig
Zweiter Tag in Magdeburg. Um den Knöchel zu schonen, legt meine Frau den umgeknickten Fuß im Hotelzimmer hoch. Also durchstreife ich heute allein die Parks. Morgen hätten noch Museen auf unserem Programm gestanden, aber wir beschließen, die Reise zu verkürzen.

Vor dem Frühstück jogge ich entlang unseres Hausbachs bis an das Ende des Weges, wo eine Wohnsiedlung beginnt – hin und zurück ist das gut eine fünf Kilometer-Runde. Ich komme an einer weiteren kleinen Kirche und vielen Gärten vorbei. Es ist sonnig, grün und wunderbar ruhig. Selbst wenn kein Feiertag wäre, würde hier vermutlich nicht viel Trubel herrschen. Zu dieser frühen Stunde begegne ich ein paar Menschen mit Hund, Läufern und einigen übrig gebliebenen Partygästen, die auf einer Bank ihr letztes Bier trinken.

Nach dem Frühstück mache ich mich zur nächsten Erkundungstour auf. Das Tor der Kathedrale St. Sebastian steht offen. Ich gehe hindurch. Da gerade ein Gottesdienst stattfindet, bleibe ich in dem mit Scheiben abgeteilten Vorraum stehen. In festlichem, weißem Ornat vollzieht der Geistliche den jahrhundertealten Ritus. Die etwa dreißig Besucher, alles ältere Menschen, darunter zwei Nonnen in Tracht, treten nach vorn, um die Hostie in Empfang zu nehmen. Mich beeindruckt die schlichte Zeremonie, und zugleich fühle ich mich wie ein störender Eindringling. Leise verlasse ich die Kathedrale.

Als Nächstes führt mich mein Weg zu den Gruson-Gewächshäusern am Klosterbergegarten. Nach dem Tod des Magdeburger Erfinders und Industriellen Hermann Gruson übertrug seine Familie der Stadt dessen umfangreiche Sammlung tropischer Pflanzen und spendete zudem einen größeren Betrag, mit dem die ersten Gewächshäuser errichtet werden konnten. Seit 1896 steht die Anlage, die heute als Botanischer Garten fungiert, Besuchern offen. An diesem Morgen sind nur wenige da. „Am Nachmittag wird es voller“, meint der Verkäufer, der mir lediglich 3,50 Euro für das Ticket abnimmt. Ich gelange direkt in das sechzehn Meter hohe Palmenhaus voller Strelitzien, Riesenbambus und natürlich auch der namensgebenden Gewächse. Schwülwarme Luft umfängt mich, Vögel zwitschern.

Die Anlage ist nach Regionen und Klimazonen geordnet, ein Teil widmet sich beispielsweise Kakteen oder der Insel Madagaskar. Die Farbenpracht der Blüten ist überwältigend. Unter dem Blätterdach wuseln Straußwachteln umher, die im Halbdunkel nur durch ihre Bewegungen und den leuchtend orangen Kamm zu erkennen sind; mindestens fünf Vögel entdecke ich. Aus einem großen Terrarium beäugt mich ein grellbuntes Chamäleon. Das mir zugewandte rechte Auge dreht sich wie eine Überwachungskamera in alle Richtungen, der restliche Körper bleibt regungslos.
Anschließend gehe ich über die Sternbrücke auf die Elbinsel, auf der sich der Stadtpark Rothehorn befindet. Über den Fluss hinweg höre ich das Grölen eines Demonstrationszuges. Als der Sprechgesang „Hoch die internationale Solidarität“ ertönt, fühlt es sich an, als hätte ich mich für einen kurzen, gruseligen Moment in die Zeit vor vierzig Jahren verirrt. Dann umfangen mich wieder das Zwitschern der Vögel, das Lachen von Kindern, das Surren von Fahrradreifen, das Bellen ausgelassener Hunde und das Schnaufen der Jogger, die mit ihren Laufwesten wie für eine Wüstenexpedition ausgerüstet sind. Als ich am Kanustützpunkt des SC Magdeburg einen älteren Coach die Jungspunde anschnauzen höre: „Was steht ihr alle an den Zweiern rum? Hier muss angepackt werden!“, muss ich grinsend an meine Jungs beim Fußballtraining denken.

Über die Rotehornbrücke wechsle ich auf die andere Seite in den Stadtteil Cracau. Ich will mir irgendwo einen Imbiss holen, vielleicht eine Bratwurst. Doch alle in Ufernähe gelegenen Einrichtungen sind geschlossen. Ich gehe in Richtung Elbauenpark, da es dort, wie mir Google verrät, mehrere gastronomische Einrichtungen gibt. Leider befinden sich diese in einem eintrittspflichtigen Freizeitpark mit hohen, teilweise mit Stacheldraht gekrönten Zäunen, wie ich feststellen muss. Also laufe ich am Elberadweg weiter nach Herrenkrug, wo sich, wie ich mich erinnere, eine Brücke befindet, über die man zurück auf die Altstadtseite gelangt.

Lange Zeit bin ich alleine unterwegs. Nur selten kommen Radfahrer vorbei. Dann höre ich von Weitem Musik und Ansagen über eine Lautsprecheranlage. Auf der Pferderennbahn ist offenbar Renntag. Je näher ich der Brücke komme, desto dichter wird das Gedränge aus Spaziergängern, Joggern und Radfahrern. Unterhalb der Brücke finde ich ein Café im Grünen, in dem es Kuchen und Teigtaschen gibt. Ich nehme ein Stück Apfelkuchen und ein Bier, das hier nur in Flaschen erhältlich ist. In einem Nest sitzt ein Schwan, dessen Partner ein Stück entfernt gründelt. Ein Storchenpaar übertönt klappernd die Geräusche der Rennbahn. Ein weiterer akustischer Höhepunkt sind die Kröten in den Tümpeln auf der anderen Elbseite.

An den historischen Schiffen vorbei, für die ich nach nunmehr 17 Kilometern in den Beinen und der brennenden Sonne im Nacken kein Interesse mehr aufbringen kann, geht es zurück in die Altstadt. Die katholische Kirche St. Petri, die als romanische Dorfkirche vor den Stadttoren erbaut und später zu einer gotischen Hallenkirche umgestaltet wurde, möchte ich mir trotz der Erschöpfung aber noch anschauen. Leider führt kein Weg hinein – die Tür ist verschlossen.

Auf dem Rückweg kaufe ich meiner Frau, die ich über gelegentliche Handyfotos an meiner Stadttour teilhaben ließ, Brötchen und etwas Süßes. Einen Gang in ein Restaurant traut sie ihrem Fuß noch nicht zu. Bevor wir abreisen, steht fest, dass wir noch einmal hierher kommen, um uns die Gewächshäuser dann gemeinsam anzusehen.

Frank Schott, Leipzig
Am Donnerstagmorgen werde ich wieder daran erinnert, warum ich kein Rennrad mehr fahre: Aus der Abfahrt der Bundesstraße 2 schießt von links ein goldgelber VW Golf, ohne auf die Vorfahrt, den Radstreifen oder mich zu achten. Ich ziehe sofort die Bremshebel und komme etwa zehn Zentimeter vor seinem Kotflügel zum Stehen. Der Fahrer hat zwar ebenfalls gebremst – mit den rein mechanischen Bremsen am Rennrad hätte er mich jedoch seitlich komplett erfasst, was die jetzigen hydraulischen Scheibenbremsen gerade noch verhinderten. Aus Stress, Angst und Erleichterung schreie ich Richtung Auto – für die Wortwahl hätte der Bundeskanzler wohl die Staatsanwaltschaft bemüht. Der Fahrer stachelt meine Wut weiter an, indem er achselzuckend ruft: „Auch Radfahrer müssen aufpassen!“ Voller Adrenalin brülle ich zurück: „Du blödes …“ – aber den Rest hört er schon nicht mehr, da er weitergefahren ist. Schließlich ist ja nichts passiert.

Nach dem Mittag fahre ich mit meiner Frau nach Magdeburg. Es ist die erste von zwei Städtereisen, die wir jedes Jahr an einem der verlängerten Wochenenden unternehmen. Das Hotel liegt fünfzehn Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt in einer gemütlichen, zweigeteilten Straße voller Gründerzeithäuser; in der Mitte fließt ein Bach, der rechts und links von parkähnlichen Streifen mit Bäumen, Sitzbänken und kleinen Spielplätzen gesäumt ist. Wie das so ist, wenn Menschen alles besitzen, aber ihren Glauben und das Vertrauen verloren haben, finden sich allein auf der Südseite der Straße fünf psychotherapeutische Praxen. Mindestens. Am Ende der Straße steht eine Kirche, deren Glockenspiel zuverlässig jede Viertelstunde schlägt.

Die Innenstadt ist ein dem Krieg geschuldeter, realsozialistischer, betonklotziger Albtraum aus Stalinallee und nachwendischen Büro- und Einkaufszentren. Ein Farbtupfer ist die Grüne Zitadelle, die genau genommen pink ist. „Grün“ wird sie wegen der Bepflanzung an den Seiten und auf den Dächern genannt. Die Zitadelle ist das letzte von Friedensreich Hundertwasser entworfene Gebäude. Er hat die Planung des Komplexes aus Wohnungen, Läden, Kindergarten, zwei Innenhöfen und Hotel noch selbst abgeschlossen; errichtet wurde der farbenfrohe, ökologische Bau erst nach seinem Tod. Hundertwasser hatte sich einige Besonderheiten ausbedungen, unter anderem das „Fensterrecht“: Die Mieter dürfen, soweit Arm und Pinsel reichen, die Fassade um ihre jeweiligen Fenster herum selbst gestalten.

Daneben ist Magdeburg alt – richtig alt. Die Innenstadt steckt voller imposanter Kirchenbauten, von denen der Dom der größte ist. Um diesen zu betreten, muss man durch einen unscheinbaren Nebeneingang schleichen. (Warum sind eigentlich bei so vielen Kirchen die schmuckvollen Eingangsportale verschlossen?)


Der Dom wurde ab 1209 als Kathedrale gebaut, 1363 geweiht und erst im Jahr 1520 fertiggestellt. Da besteht ja noch Hoffnung für den Bau des Stuttgarter Bahnhofs – zumal dieser nicht einmal geweiht werden muss. (Für die Entweihung werden dann Schmierfinken und Vandalen sorgen.) Der Magdeburger Dom ist die Grabkirche des ersten deutschen Kaisers Otto des Großen und seiner Gemahlin Editha. Während Edithas Grabmal zu besichtigen ist, ist das Ottos wegen einer Sanierung derzeit abgesperrt. Wegen der anstehenden Konservierung wurde der Sarg 2025 geöffnet; dabei fand man ein wegen der vielen Umbettungen stark durcheinandergeratenes Skelett, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Überreste des Kaisers handelt.

Interessanter als die alten Knochen der Kaisersfamilie ist das Magdeburger Ehrenmal. Noch bevor wir den Begleittext gelesen haben, sind meine Frau und ich uns einig, dass die Holzskulptur von Ernst Barlach stammt, dessen Stil unverkennbar ist.

Ebenso beeindruckend wie die Antikriegsskulptur Barlachs ist eine Vorhalle, die den phantasievollen Namen Paradies trägt. Blickt man Richtung der doppelflügigen Tür zurück zum Inneren des Doms, sieht man zwei Figurenreihen, die an Engel erinnern – die auf der linken Seite kichern blöde, die zur rechten weinen Krokodilstränen. Die Gestalten wirken so lebensecht, dass ich kaum glauben mag, dass sie bereits um das Jahr 1250 entstanden sind. Ich freue mich über den Humor der alten Auftraggeber, erkenne dann aber, dass es sich doch nicht um Engelsflügel, sondern vielmehr um lange Gewänder handelt. Eine Tafel verrät, dass die Arbeit Jesu Gleichnis von den fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen darstellt. Wie der Künstler heißt, der das erschaffen hat, ist leider nicht überliefert.


Nach dem Besuch des Doms wandeln wir entlang der liebevoll rekonstruierten Festungsanlagen. Auch solche gewaltigen, ausgeklügelten, mehrstufigen Bastionen konnten Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg nicht schützen: Im Mai 1631 wurde die Stadt durch Truppen der Katholischen Liga unter Feldherr Tilly erobert und verwüstet. Zwei Drittel der Einwohner, man schätzt 20.000, sollen den Tod gefunden haben – die „ketzerischen“, weil protestantischen, Magdeburger galten als Erzfeind, der keinerlei Rücksicht verdiente. Hinzu kam, dass sich die Landsknechte durch Plünderungen versorgten und daraus auch ihren Sold bestritten. Und wie so oft mussten die Geschädigten zu allem Unglück auch noch die Häme der Sieger ertragen: Wenige Wochen nach der Eroberung verfasste Papst Urban VIII. ein Schreiben, in dem er seine Freude über die „Vernichtung des Ketzernestes“ zum Ausdruck brachte.


Die Festungsanlagen vermochten zwar Tillys Heer nicht aufzuhalten – uns dagegen schon: Eine Kuhle im alten, abschüssigen Pflaster lässt meine Frau straucheln, der Fuß knickt um, der Knöchel schwillt sofort an. Aus einer Apotheke holen wir Traumeel, Verbandszeug und Kühlpacks, die sich durch Knicken aktivieren lassen. Trotz der Linderung ist klar: Wenn wir den Kurzurlaub nicht abbrechen wollen, muss meine Frau den morgigen Tag mit hochgelagertem Fuß im Hotel verbringen und ich die geplante Parkrunde allein absolvieren.

Christoph Sanders, Thalheim

Der Montag ein weiterer sagenhaft mildsonniger Tag, der in kleinen rosa Wölkchen verpufft. Die Pfingstrosen haben sich verdoppelt und warten auf ihren großen Tag. Ich transplantierte sie vor zwei Jahren, ein Ableger ist immer noch am alten Platz – gut! Ich komme wieder zu Kräften, es fühlt sich fast an wie früher, da ich den Körper an die neue, spezielle Position gewöhnt habe. Im Städtchen treffe ich meinen alten Mechaniker wieder, der zunehmend abbaut: Diabetes Typ 2, Neuropathie, Hämatome an Händen und Beinen, ausgefallene Zähne – die Spuren eines ungesunden Lebens. Er ist nur fünf oder sechs Jahre älter als ich – immerhin blieb ihm bislang der Rollator erspart. Er freut sich wie ich über das Wiedersehen; wir sprechen unter anderem über seinen Gefährten, die Schildkröte. Mein Sohn, der gestern auf Echtrasen ein Punktspiel hatte, macht Abendyoga – er war bei einem Kopfballduell zu Fall gekommen, leidet seitdem unter Muskelschmerzen und will jetzt Wettkampfhärte trainieren.

Der Dienstagmorgen mit strahlender Sonne, kein Regen in Sicht. Die Wäsche ist fertig und das weiße Konfettibike steht bereit – nach der ersten längeren Fahrt musste das Hinterrad neu justiert werden; der Sattel ist eingefettet und gewachst. Wieder zuhause weiter in Peter Scholl-Latours Buch „Afrikanische Totenklage“, in dem er geschickt seine ersten Afrika-Berichte mit neueren Reportagen montierte. Bereits um die Jahrtausendwende geht es in allen Landesteilen des Kongo ganz klar um die internationale Ausbeutung von Metallen und Erden; Kupfer, Coltan und Kobalt werden explizit benannt. Gold und Diamanten sind weitere Gründe, die das Land in einen bis heute schwelenden Krieg von Banden, Stämmen und Nachbarstaaten hineinziehen. Die Zahl der Akteure ist unüberschaubar und erinnert ein wenig an das europäische Mittelalter mit seinen Raubrittern, Fürstentümern, Stadtstaaten und Kriegen – das Grauen ist mit unseren Maßstäben nicht zu erfassen. Die globale Nachfrage nach den Rohstoffen hat sich seit dem Jahr 2000 noch einmal drastisch gesteigert – alle Großmächte wahren ihre Interessen durch direkten und indirekten Einfluss: über Kredite und Infrastrukturprojekte, von außen eingesetzte Bergbaukonzerne, einseitige Förderrechte, durch politische Netzwerke, Kooperationen mit lokalen Machteliten, dem Militär und Milizen. An konsumistischen Gesellschafften wie der unseren ist bezeichnend, dass sich kaum jemand für die Herkunft oder Förderbedingungen der Grundstoffe der alltäglichen Produkte interessiert und die Hirne mit so etwas wie der Wahl zwischen Nike oder Adidas, Mercedes oder Audi, Knoppers oder Mars besetzt sind – da ist es gut, öfter mal an das „Heart of Darkness“ zu erinnern.

Auch am Mittwoch die hiesige Botanik im Aufwind. Dank UV-Terror bei frischem Ostwind ist jede Wäsche in Minutenschnelle trocken. Exzellente Fänge aus der Bücherverschenktelefonzelle, unter anderem eine dtv-Übernahme der Volk-und-Welt-Ausgabe von James Coopers „Wildtöter“ mit Illustrationen von Klaus Ensikat – die DDR gab sich bei der Gestaltung der Kinder- und Jugendbücher viel Mühe; klug vom dtv, das ins Westprogramm zu hieven. dtv junior war generell eine sehr gut gemachte Serie ganz unterschiedlicher Autoren – mein Grundschullehrer schenkte mir daraus (ohne einen Kommentar) Hans-Peter Richters „Damals war es Friedrich“. Nach dem Lesen wusste ich, dass es mehr gibt als das, was man so auf der Provinzstraße oder beim Fleischer erzählt – ich bekam eine Ahnung von der Doppelbödigkeit, der Vielschichtigkeit und dem Reichtum der Welt. Gewisse Bücher bewahre ich wie Denkmäler auf.

Eine andere Perle aus der Telefonzelle schließt an Scholl-Lator an: Alain Mabanckous „Verre cassé“ (2005) – ein Roman über einen alkoholsüchtigen Ex-Lehrer, der den ganzen Tag in einer Kneipe in Brazzaville hockt und für den Wirt die Lebensgeschichte der Gäste aufschreiben soll. Was die schwarzen Trinkbrüder dort an politisch unkorrektem Stoff raushauen, verlässt spätestens beim Thema Geschlechterverhältnis den Rahmen des Schicklichen – es gibt in beide Richtungen Gewalttätigkeit, Schmähungen, Verwünschungen, Flüche, maximale Verehrung und Erniedringung. Als „Banania“ (in Anlehnung an eine klischeehafte Kakaopulver-Werbung aus der Kolonialzeit) wird ein überangepasster Landsmann bezeichnet, als „Nègre“ allgemein ein Opfer. Ein beißende Gesellschaftssatire über Raffgier, Rollenbilder, Bildungsfeindlichkeit, Betrüger, Fetischeure und bittere Armut. Es kommt nicht ein einziger politisch korrekter Mensch vor, weder Mann noch Frau; die Sprache ist phänomenal, der Inhalt tragisch. Das hat mit den wohltemperierten, moderierten, psychodomestizierten Mainstreamumgebungen unserer Diät-Magerquark-Gesellschaft rein gar nichts gemein und zeigt, in was für einer lauen Bandbreite sich die hiesigen Erzählstoffe bewegen.

Am Donnerstag bei steifer Brise und fantastischem Licht ein kurzer Ausflug auf die Strecke neben den Bahngleisen: gleichmäßiges Treten, ruhiges Atmen. Ab 12 Uhr Hektik in den Märkten – der „Tag der Arbeit“ steht leuchtend vor der Tür, die ersten Paraden auf dem Roten Platz sind schon einstudiert. Im Netto, der am Wochenende abgerissen wird, sind weitere Lücken zu sehen. Was machen die mit der Frischware, die übrig bleibt? Auf andere Märkte verteilen? Vermutlich wäre radikales Rabattieren („Alles muss raus!“ würde dann wirklich mal stimmen) die bessere Option, aber das würde nur zu Volksaufläufen und Beschwerden von Wettbewerbern führen. Die ganze Woche ohne einen Tropfen Regen, in der davor auch schon. Natürlich im Radio kein Wort dazu, vor einem langen Wochenende verkaufen die Sender lieber Sonne, Freizeit, Grillen und gute Laune.

1. Mai – der Tag des Kampfes um die Zapfsäule. Alle warten auf den Rabatt. Strahlende Sonne; noch milder als in den letzten Tagen. Der Garten ist auffällig ruhig: Tauben, Spatzen und vereinzelt Amseln. Mehlschwalben mit weißen Bäuchen drehen erste Runden. Gestern hielt ich einen Mauersegler zunächst für eine Schwalbe – aber sein Flug ist unruhiger, das Federkleid bräunlich (die Sonne hat ihn verraten), das der Rauchschwalbe bläulich. Somit ist das Trio der Sommerjäger komplett. Der Flieder steht in allervollster Blüte, die Johannisbeersträucher sind bestäubt, der vordere Strauch zeigt bereits Früchte – die Natur funktioniert. Passend dazu Schumanns „Rheinische“, dirigiert von David Zinman. Da der Sohn noch schläft, Wanderung mit dem Teenie, Fernglas inklusive. Mit dem Sohn dann eine kleine Abendrunde, nachdem er virtuell die NBA gewonnen hat.

Deutsche Ausgabe von Alain Mabanckous Roman „Verre cassé“: https://www.deutschlandfunk.de/ein-buch-ueber-die-literatur-100.html
Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 04:52:44, 30-04-2026
Frank Schott, Leipzig
Die Frühblüher in unserem Vorgarten haben sich verausgabt – welk und halb zerfallen stehen sie da. Auch viele Bäume verlieren allmählich ihren Blütenzauber; dafür steht die Kastanie schon in den Startlöchern – und mit ihr die Miniermotten, welche jetzt im Frühjahr an ihren Blättern fressen und sie zu Beginn des Sommers herbstlich braun aussehen lassen werden.

Auch wenn die Sonne scheint, ist es ein vergleichsweiser kalter Tag. Unterstrichen wird das durch einen starken Wind, der mich bei meiner morgendlichen Laufrunde frösteln lässt. Neben mir hüpft eine Blaumeise über den Grasstreifen. Mich wundert, dass die Brombeeren am Wegesrand, die vergangenen Spätsommer so überreich an Früchten waren, nicht blühen. Dann realisiere ich, dass die Büsche rigoros abgeholzt wurden, nur Stümpfe ragen noch hervor. Tiefer im Park höre ich auch die Motorsägen – dabei hat das Grünflächenamt gerade noch im Herbst und Winter in der ganzen Stadt großflächig Gehölze zurückschneiden lassen.

Am Nachmittag bin ich zu Fuß in der Innestadt unterwegs. Leipzig schmückt sich gern mit seinen berühmten Bewohnern, Gästen und deren Aussprüchen. Besonders beliebt ist „Mein Leipzig lob ich mir“ aus der Feder von Johann Wolfgang von Goethe. Das stammt aus „Faust – Der Tragödie erster Teil“, wird aber nicht vom Titelhelden, sondern von einem der betrunkenen Studenten in Auerbachs Keller gesprochen. In der vollen Länge des oft verkürzt wiedergegebenen Zitats wird Goethes ironischer Blick auf seine Studentenzeit und die Stadt noch deutlicher: „Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“

Leipzig war einst Hochburg des Buch- und Verlagswesens. Entlang der Prager Straße stößt man bis heute auf Reklame für Bücher; es wird fürs Lesen geworben, für das Lesen und den Erkenntnisgewinn.

Bei der Entscheidung zwischen e-Reader und gedrucktem Buch bin ich hin- und hergerissen: Einerseits liebe ich das Blättern und den Geruch von Papier, das Staub ansetzt. Manchmal entdecke ich zwischen den Seiten lange nicht in der Hand gehaltener Bücher Zeitdokumente in Form von Lesezeichen. Das sind beispielsweise Grußkarten, alte Kassenbons oder nachgenutzte Notizzettel mit Kritzeleien oder Texten. Aber zwei oder drei Bücher summieren sich bereits zu einem beachtlichen Gewicht, was insbesondere auf Reisen beschwerlich ist. Da ist ein digitales Lesegerät, das eine Vielzahl von Büchern speichern kann, natürlich vorteilhaft. Insbesondere, wenn es um die voluminösen Klassiker geht – auf meinem e-Reader harrt momentan Thomas Manns „Der Zauberberg“ der Finalisierung, danach fang ich „Die Buddenbrooks“ an.

Eingerahmt von Prager Straße und Täubchenweg versteckt sich hinter dem Grassimuseum der Alte Johannisfriedhof, eine museale Parkanlage. Es ist die älteste Begräbnisstätte der Stadt – 1536 eingerichtet, wurde er bis 1863 mehrfach erweitert. Heute sind auf dem inzwischen wieder deutlich verkleinerten Gelände noch etwa vierhundert Grabmale zu entdecken. Viele von ihnen befinden sich nicht mehr an ihrem originalen Standort, sondern wurden im Laufe der Jahre umgesetzt.

Es ist wenig los im Friedhofspark. Der Verkehrslärm dröhnt über die Außenmauern und übertönt fast das Zwitschern der Vögel. Eine Frau führt ihren Hund spazieren. Und auch an diesen Bäumen machen sich Grünpfleger zu schaffen – von einer Teleskopbühne aus werden Äste abgesägt und anschließend im Begleitfahrzeug geschreddert.

Neben den Grabmälern regionaler Berühmtheiten findet man hier noch die Grabsteine der Familie Brockhaus und von Anton Philipp Reclam. Dessen Verlag machte klassische Literatur mit günstigen Ausgaben massentauglich, während Friedrich Arnold Brockhaus mit seinen Enzyklopädien Wissen allgemeinverständlich aufbereitete.

Wie sehr sich die Verbreitung des geschriebene Worts seit den Zeiten der großen Verlegerfamilien geändert hat, finde ich beim Besuch des Hauptgebäude der Universität bestätigt: Die wenigen Studenten, die überhaupt noch an einem der Pulte stehen und lesen, haben keine Bücher mehr dabei, nur den Laptop oder das Tablet und vielleicht einige Script-Seiten, welche die Dozenten verteilen, damit niemand in den Vorlesungen zuhören muss. Ebenso ernüchternd und erschütternd ist ein Blick in die Sanitäranlagen der Uni: Überall Tags und Schmierereien – so bildet Leipzig seine Leute heutzutage.

Eine Woche zurück am Schlachtensee – und man trifft sie allesamt nach und nach wieder: den Frühsportmann mit seinem Hund, die alte Asiatin (diesmal sogar mit Tochter), die Sonntagsfrühstückgang der Physiotherapeutin, die nette Meditiererin, den alten Herrn, der, wenn er mich bei kalten Temperaturen in der Bucht entdeckt, immer so tut, als hätte er einen Kälteanfall usw. Wie schon im letzten Jahr haben wirklich alle (die Eisbader ausgenommen) ihre Saison in derselben Halbwoche eröffnet – es muss da eine, übrigens von der Wasser- und Lufttemperatur vollkommen unabhängige, kollektive Empfindung geben, die uns nahezu zeitgleich ins Wasser treibt – fast so, als ob wir die Kinder der Kinder aus dem „Dorf der Verdammten“ wären.

Am Samstag die unerwartete Wiederbegegnung mit zwei Anglern aus dem Brandenburgischen, die wie schon im Oktober in der Bucht campieren. Wir drei können uns noch ganz genau an das Wetter vor einem halben Jahr erinnern – seltsam, was man so abspeichert. Da ich am Sonntag am anderen Ende des Sees in einem Sonnenfleck zwei größere Fische inmitten eines Schwarms Rotfedern stehen sehe und nicht sicher bin, ob es sich um Hechte handelt, habe ich in den beiden die perfekten Ansprechpartner – nach Sichtung meiner Handyfotos bestätigen sie, dass ich mit der Vermutung richtig lag.

Ich frage weiter, ob es die Fische nach dem Winter an die wärmeren Stellen zieht. Ja, in diesem Fall die Rotfedern, denen die Hechte folgen, um sie zu fressen – es ist momentan Laichzeit, da ist der Nahrungsbedarf besonders groß. Gefangen werden dürfen Hechte erst ab dem 1. Mai, woran sich die beiden auch halten – sie packen gar nicht erst die entsprechende Ausrüstung ein und kommen so vor Ort nicht in Versuchung. Gegen 2 Uhr ging ihnen ein 18-Kilo-Karpfen an die Angel – der Sehnenzug wurde per Akustiksignal gemeldet.

Wir reden über die unaufhörliche Action in der Bucht – die man aber erst wahrnimmt, wenn man lange auf den vermeintlichen Stillstand geschaut hat. Das versetzt einen dann in die Lage, zu antizipieren -was einer der Angler am Beispiel des von einem Mitschwimmer aufgewühlten Grunds zeigt: Sobald Sandkörnchen umherwirbeln, kommt sofort diese und jene Fischart aus dem Schilf, um zu sehen, was da los ist. Ein paar Tage später zeigt mir eine Mitbaderin auf ihrem Smartphone ein Foto, auf dem ein Nutria in einem Wassernest sitzt und von einem Schwan angegriffen wird. Ich fragte, wie ihr das wirklich spektakuläre Bild gelungen sei – sie hatte das Nest, in diesem drei Eier und einen nahenden Nager entdeckt und wusste, dass da gleich mehr passieren würde, musste also nur warten.

So wie wir alle drauf warten, dass es bald mit der Buchtruhe vorbei sein wird, sobald die Jungen der Haubentaucher oder Blässhühner schlüpfen. Die brüten momentan noch in erstaunlicher Stille und nicht mal einen Meter voneinander entfernt im Schilf. Oft schauen sich dabei die jeweiligen Elternteile an; anfangs soll es, so wird mir berichtet, sogar öfter mal einen Nestwechsel gegeben haben.

Dann treffe ich den Ostasiaten wieder, der Ende November (bei 6 Grad Wassertempemperatur), nachdem er mich herauskommen sah, spontan in den See ging; dort mehrmals für jeweils ungefähr zwei Minuten brusttief im Wasser stand, an Land flitzte und an einer Baumwurzel Liegestütze machte – wir beide erinnern uns noch sehr gut dran. Er ist über das Brutgeschehen am gesamten See bestens informiert und berichtet, dass eine Schwanenfamilie Nachwuchs bekommen hat. Das gab es am Schlachtensee seit vielen Jahren nicht mehr, sodass ich und alle anderen, denen ich das erzähle, nun voller Vorfreude auf die erste Begegnung mit den Jungen warten.

Außerdem gibt es meinen ersten kleinen Notfalleinsatz des Jahres zu vermelden: Am Samstag fällt mir in der S-Bahn ein junger Mann auf, der seltsam gekrümmt an seinem Fahrrad lehnt. Ich frage ihn, ob er Hilfe benötigt, er sagt: „Weiß nicht.“ – was natürlich „Ja, bitte!“ bedeutet. Wir verlassen die Bahn, er setzt sich auf eine Wartebank; ich stelle ihm ein paar Fragen und schlage vor, den Rettungsdienst anzurufen. Er ist einverstanden und holt gerade sein Handy raus, da spricht uns die vielleicht Zwanzigjährige, die mir in der S-Bahn gegenübersaß, an: „Braucht ihr Hilfe?“ Kurze Lageschilderung – sie bleibt. Sie und ich sprechen mit der Dame von der Rettungsstelle und befühlen und befragen nach deren Anweisung den Kranken. Ich erkundige mich, ob wir ihn sitzen lassen oder lieber hinlegen sollen – die Rettungsstellendisponentin fragt, ob er gerade so und so dasitze und beschreibt dann en détail seine Krümmungen: „Solange er die Schutzhaltung beibehält, bitte einfach so lassen.“ Der Begriff „Schutzhaltung“ aus dem Mund des Fachpersonals beruhigt mich schlagartig: Man kennt das dort, man weiß, was tun sein wird, die Profis sind auch bereits unterwegs. Die Mithelferin und ich ergänzen uns weiterhin perfekt: Sie fragt den Gekrümmten, ob jemand benachrichtigt werden solle (was sie per SMS erledigt), während ich daran denke, das Fahrrad in Sicherheit zu bringen. Nachdem die Rettungskräfte übernommen haben, kämpfen wir noch gemeinsam mit dem tricky Schloss, schaffen es aber schließlich, das Rad unten vorm Bahnhof anzuschließen. Nette Verabschiedung (sie wird zu spät zur Arbeit kommen – aber es gibt halt manchmal Wichtigeres); icke wieder hoch auf den Bahnsteig – dieser leer! Ich sehe noch die Rundumleuchten, langer Sprint, an den Wagen klopfen – keuchende Schlüsselübergabe. „Allet Jute!“- „Allet Jute!“ Noch nicht einmal zehn Uhr und schon total durchgeschwitzt, bloß schnell an den See!

Anlässlich des vierzigsten Jahrestage des Reaktorunglücks zeigt arte die sehr gute dreiteilige Dokumentation „Tschernobyl – Der Insiderbericht“, die ich jedem empfehlen kann. Der Titel hält, was er verspricht: Augenzeugen und anderweitig Beteiligte sprechen über das Geschehen: Ingenieure aus dem KKW, der Geheimdienstmann, der in der CIA für Kernkraft zuständig war, einer der Bergleute, die den Schacht unter dem Betonsarkophag gruben, die damalige Bürgermeisterin von Kiew, Journalisten etc. Herzzerreißend der Feuerwehrwann, der auf das Foto seiner alten Kameraden blickt und erzählt, wer wann an den Folgen des Einsatzes verstorben ist; der auf Strahlenkrankheiten spezialisierte us-amerikanische Arzt, der die Sowjetregierung bat, helfen zu dürfen und mit dem nächsten Flieger in die UdSSR flog; die damals achtjährige Olena, deren Eltern als Liquidatoren abkommandiert wurden, so dass sie wie tausende andere Kinder in ein Lager kam, wo ihr jeden Tag das verstrahlte Haar geschoren und sie von den einheimischen Kids verprügelt und „Tschernobyl-Igel“ gerufen wurde. Egal, wer von den Zeugen spricht – alle kämpften sie zeitlebens um eins: Sie wollten wissen, was an diesem 26. April 1986 wirklich geschah. Dem geht der Film minutiös nach – durch die herausragende Auswahl der Gesprächspartner ist das auch für diejenigen interessant, die tief im Thema drinstecken.

Am liebsten würde ich einige Mitglieder der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie im deutschen Bundestag zwingen, sich diese Tschernobykl-Doku anzuschauen, da deren Verhalten immer wieder an das der Apparatschiks damals erinnert. Bei der letzten Sitzung kam es zu der schlimmsten Entgleisung, die mir jemals in der bundesdeutschen Politik unterkam: Der CDU-Abgeordnete Axel Müller wollte den Sachverständigen Stephan Kohn diskreditieren, indem er diesem unterstellte, sich in Sachen Corona eine Vertuschung eingebildet zu haben, da er als Kind von einem Pfarrer vergewaltigt und der Täter von der Kirche geschützt wurde. Kohn war zu Beginn der von der WHO ausgerufenen Covid19-Pandemie als Oberregierungsrat im Referat Krisenmanagement des Bundesinnenministeriums für den Bereich Kritische Infrastrukturen tätig und hatte im Mai 2020 einen Bericht verfasst, in dem er die Reaktion auf das Virus als „Fehlalarm“ bezeichnete. Nachdem sich im BMI niemand dafür interessierte, brachte er den Bericht an die Öffentlichkeit – und wurde draufhin entlassen. Auch seine Partei, die SPD, distanzierte sich deutlich von ihm (er trat dann aus). Dass er es wagte, aus dem Apparat heraus dem Narrativ zu widersprechen, hat man ihm anscheinend bis heute nicht verziehen. Wie man über alle politischen und fachlichen Grenzen hinweg anständig miteinander umgeht und gemeinsam um Erkenntnis ringt, zeigt Monat für Monat der Coronauntersuchungsausschuss des Landtags Brandenburg.

Tom Cooks und Erica Jenkins Tschernobyl-Dokumentarfilm auf arte: https://www.arte.tv/de/videos/122221-000-A/tschernobyl-der-insiderbericht-1-3/
Frank Schott, Leipzig
Es ist ein kalter, aber sonniger Montagmorgen. In der sonst um diese Zeit menschenleeren Kleingartenanlage sprudet das Leben: Zwei Männer, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Eine Mutter, die ihren Sohn zur Schule bringt. Ein dritter Mann, der in die mir entgegengesetzte Richtung hastet. Ich kann heute gar nicht die Abgeschiedenheit genießen.

Neben dem Aldi hole ich mir rasch Brötchen fürs Frühstück; genau wie der Mann vor mir in der Schlange – nur dass er zusätzlich eine 0,7-Liter-Flasche Wodka gekauft hat. Vor dem Laden versucht er, sie so in seiner Jeansjacke zu verstauen, dass sie nicht auffällt. Wie ein Tippelbruder sieht er mir nicht aus – vielleicht steht ihm eine stressige Woche mit nervigen Kollegen bevor? Eine Mutter reicht ihren beiden Söhnen aus der Bäckertüte Gebäck, das vermutlich das Frühstück ersetzt.

In den Hauseingängen riecht es scharf nach Urin – am Wochenende wurde wieder bis spät in die Nacht gefeiert. Die sich wie Bettwanzen vermehrenden Imbisse verkaufen zwar in großen Mengen billiges Bier, um die daraus entstehenden Bedürfnisse scheren sie sich jedoch nicht. Eine gesetzliche Lücke macht es möglich, dass sie im Gegensatz zu Cafés, Kneipen oder Restaurants keine Toiletten vorhalten müssen.

Nachdem die Temperaturen endlich auf über 12 Grad gestiegen sind, jogge ich eine Runde durch den Auwald. Amsel, Drossel, Ente und Krähe ignorieren mich, solange ich laufe – die schnaufenden, sinnlos die Wege auf und ab rennenden Menschen haben sie inzwischen als ungefährlich eingestuft. Doch wehe, ich bleibe für ein Foto stehen – dann sind sie auf und davon. Ich staune über eine Bärlauchpflanze, der aus einer Knospe vielleicht zehn sechsblättrige Blüten sprießen, die ein wenig an Kronleuchter erinnern.

Unsere beiden Katzen sind jetzt endgültig Freigänger. Da wir keine Katzenklappe haben, fordern sie mit einem jammernden Laut, den sie sich extra für diesen Zweck haben einfallen lassen, das Öffnen der Terassetür; sicherheitshalber sitzen sie mit vorwurfsvollem Schulterblick auch gleich daneben. Sind sie draußen, legen sie sich erstmal auf den Bohlen der Terrasse, putzen sich (man weiß ja nie, wen man treffen könnte) und springen dann auf die Mauer. Fort sind sie, die Könige der Nachbarschaft, die patroullierenden Wächter der Hinterhausgärten.

Jetzt gab es allerdings Ärger. Eine unserer Katzen hat doch tatsächlich „neben den Sandkasten gekackt“, so eine junge Mutter. Es geht um den kleinen Sandkasten des Vorderhauses, den sich die Bewohner selbst eingerichtet haben. Wir sind uns sicher, dass das nicht sein kann, schließlich würden Katzen alle Geschäfte immer ordentlich verbuddeln. Wir kennen schließlich das scharrende Geräusch von unserem Katzenklo, das sich so anhört, als wollten sie Leichen vergraben.

Leider liegen wir dieses Mal falsch: Zum einen gibt es einen Augenzeugen (die Nachbarschaft sieht alles!) und zum anderen geht Verbuddeln in der besagten Ecke nicht, da dort der Boden zu hart und nur von einer dünnen Schicht Schotter bedeckt ist, mit der Katzenpfoten bedauerlicherweise nichts anfangen können. Aber seien wir ehrlich: Dass unsere Katzenklos seit Wochen erstaunlich leer sind, muss ja einen Grund haben.
Christoph Sanders, Thalheim
Nachdem die Girls am Donnerstag gerade noch die Kurve zur Schule gekriegt haben, schlafe ich nach, und bin trotzdem müde (so müde und schlapp wie das Orchester, das gerade Ashkenazys Prokofiev begleitet). Vormittags der erste Rasenschnitt, keine kleine Aufgabe, auch wenn der Mäher knapp sechzig Zentimeter Schnittbreite hat.

Aufbau eines Rennrads, was eine Einstellungssache ist – danach mit dem blauen Rad ins Blaue. Meine Girls sind ebenfall unterwegs, während der Sohn in einem einsamen Tal in Klausur ist (man nennt es „Kreativwerkstatt“). Nebenan helfen Kinder/Enkel/Urenkel das Haus der Mutter/Großmutter/Urgroßmutter umzubauen – jeden Abend sind sie da, am Wochenende den ganzen Tag. Sie ist 92 und kann noch per Rollator nach draußen. Zum Abendbrot Rührei mit Paprika und Tomaten. Bio-Eier waren gleich in mehreren Märkten ausverkauft; wenn es welche gab, kosteten sie 40 Cent – das ist happig. Ein wundervoller Apfelbaum im kristallklaren Abendlicht.

Am Freitag ein weiterer sonniger Morgen, wobei die Kerosinbilder den Himmel doch merklich abtönen – der Wind wird sie vertreiben. Nach Blog-Korrekturarbeit weitere Besorgungen. Am Nachnmittag zum Musikunterricht und anschließend zum Schülerkonzert in Bad Ems. Mein Luxus des Tages: Eine Herrenkugel Zitronen-Basilikum-Eis; für die Jüngste gibts zwei Kinderkugeln: dunkle Schokolade und Zitrone. Nach einem deutschen Feldsalat mit dem Bücherzellenfund „Afrikanische Totenklage“ vom hellsichtigen Scholl-Latour zu Bett.

Der nächste Tag startet sogleich mit einem Familieneinsatz. Gegen zehn drängen auf der Vierspurigen PKW- und LKW-Kohorten mit Hochgeschwindigkeit an mir vorbei auf die Kreisstadt zu. Dort das übliche belebte Bild eines einkaufsseligen Samstags – man will was erleben. Der Teenie muss zu einer schulischen Bildungsmesse, bei der man nur mit Attest fehlen darf. Sie informiert sich in Sachen Medien und Kommunikation sowie Medizin. Nicht weil sie das für besonders aussichtsreiche Optionen hält, sondern, weil sonst nichts Interessantes dabei ist. Mein Sohn trainiert virtuelle Basketballmoves und „erlernt“ so feinmotorische Kniffe – Festplatte und Controller sind das Hammer und Sichel der neuen Arbeiter- und Bauernschaft.

Wieder zuhause bekomme ich jede Menge Wäsche in die Brise. Dann gehts zum bestimmt zwanzig Jahre alten Rasenmäher, einem kräftigen Benziner, der nach der Winterpause sofort anspringt. Anschließend bin ich erstmals seit dem Unfall drei Stunden auf dem Rennrad – ich taste mich heran. Heutiger Fortschritt: Auf einem sehr langen Anstieg kann ich durch Tiefenatmung die Bronchien maximal durchoxygenieren. Wenn diese letzten Verästelungen der Lunge aufgehen, kommt sofort mehr Sauerstoff in die Beine, so kann ich den Gang halten, an dem ich fast geplatzt wäre. Die Espe zeigt ihre eigenartig grauweißen Blüten – es ist die letzte Frühlingsetappe.

Beim Waldgang mit meinem Teenie versuche ich am Sonntag die Theoroie zu entwickeln, nach der wir an der Schwelle zu einem neuen „Betriebssystem Welt“ stünden. Sie meint dazu, dass ein einfacher KI-Prompt so viel Energie verbraucht wie zwanzig Minuten elektrisches Licht. Und Prompts sind heutzutage absolut wichtig – wer keine schreiben kann, ist raus, ein Verlierer; das sei das neue Betriebssystem. Also keine Renaissance, sondern eher ein Übergang wie es das Mittelalter war – die Brücken zum Alten werden lautlos abgerissen. Wer sich die Energiequellen aneignen kann, bestimmt die Entwicklung. Das geht weit über den Konsumismus hinaus – die Amazon-Pakete sind nur die Zuckerstückchen, die man uns hinwirft.

Noch ein Tag, dann ist die Dorf-Baustelle fertig und mich wecken wieder die Geräusche von der Landstraße – es ist unglaublich, wie sich das noch aus 400 Metern bemerkbar macht. Und am 9. Mai wird der Netto-Markt meines Vertrauens abgerissen – Hintergrund: Solche Gebäude gehören nicht dem Discounter, sondern werden von einer Wohnungsbaugesellschaft errichtet und vermietet. Nach der vereinbarten Laufzeit (sagen wir 25 Jahre) wird das Ding einfach zusammengeschoben, dem Mieter stellt man anheim, ob er den Standort aufgeben oder einen Neubau anmieten will. Man reißt kerngesunde Gebäude ab, zündet den „Bauturbo“ und stellt das dann als Wachstum dar. Was für ein Irrsinn. Ich halte dieses Modell für schlecht – aber was weiß ich schon über Abschreibungsmodelle.
Frank Schott, Leipzig

Der Freitag wiegt schwer: Schwer in den Beinen, schwer im Gemüt. Am Vorabend betreute ich mit den anderen Übungsleitern ein leidlich chaotisches Fußballtraining, das mit einem Spiel „Groß gegen Klein“ (zehn größere Kids gegen dreizehn kleinere plus zwei Coaches) endete. Ich ermahne die Größeren, Rücksicht zu nehmen und insbesondere den Körpereinsatz, also Drücken, Schubsen und Armausfahren, sein zu lassen. „Warum?“, fragen sie, „die Kleinen machen das doch auch!?“ Hinter der mangelnden Einsicht steckt noch etwas anderes: Sie sehen bei den Profis, wie diese sich mit solchem Gebaren Vorteile verschaffen und damit durchkommen, da der Schiedsrichter es meist als „gesunde Härte“ oder „robustes Spiel“ durchwinkt – und wie bei den Großen, so bei den Kleinen.

Der zweite Grund der Schwere war ein Anruf gegen Mittag. Die Personalerin der Stadt, die vergangene Woche eine der vier Inquisitoren in meinem Bewerbungsgespräch war, wollte mir persönlich absagen. Sie habe leider nur zwei Jobs zu vergeben gehabt – und ich sei ganz knapp auf Platz drei gescheitert. Ich bekomme noch ein bisschen Honig ums Maul geschmiert – aber der Dritte ist nun mal der erste Verlierer. Dann berichtet sie noch, dass sie verwundert sei, dass sie so viele Bewerbungen erhalten habe, obwohl es nur um eine befristete Stelle von sechs oder sieben Monaten ginge. „Gesegnet seien die Unwissenden“, denke ich mir. „Ihr schreibt eine Stelle für Projektmanager mit Eingruppierungen zwischen 4.300 und 6.500 Euro im Monat aus und wundert euch über eine Vielzahl an Bewerbern? Noch dazu, wo jeder weiß, dass sich fast immer ein Weg zur längerfristigen Beschäftigung findet, wenn man einmal einen Fuß in der Tür des öffentlichen Dienstes hat.“ Ich bedanke mich für den Anruf. Ich hatte nicht viel von der Bewerbung erwartet, dennoch ärgert mich die Absage.

Um Frust abzubauen, gehe ich joggen. Es ist bitterkalt unter dem grauen Himmel. Ein eisiger Wind weht. Zwar zeigt das Thermometer knapp über null Grad, aber es fühlt sich an wie frostiges Mützen- und Handschuhwetter. Kopf und Beine sind deprimierend schwer. Aber ich will nicht aufgeben – mit Schwermut und Schwerfuß schleppe ich mich über meine übliche Distanz von neun Kilometern.

Auf dem Fluss sind einige Sportruderer unterwegs, die einen mit dem Wind im Rücken, die anderen mit dem Wind im Gesicht. Auch bei ihnen sieht der Sport heute eher nach Tortur als nach Vergnügen aus. Ich sehe nur wenige Jogger, dafür umso mehr Menschen mit Hunden und die an mir vorbeipreschende Radfahrer. Während die sächsischen Winzer Feuer entzünden, um die wertvollen Weinblüten vor dem Erfrieren zu schützen, strecken die aufblühenden Bärlauchpflanzen unbeirrt ihr weißes Haupt in die kalte Morgenluft.

Am Nachmittag hole ich meinen Sohn vom Hauptbahnhof ab. An der U-Bahnstation drängeln sich Menschen und warten auf verspätete S-Bahnen. In der aus Halle ist es so voll, dass viele stehen müssen – mit dem Öffnen der Türen fluten hunderte Passagiere den schmalen Bahnsteig. Auch vier angetrunkene Fans von Union Berlin werden ausgespuckt – ihre Mannschaft spielt um 20.30 Uhr gegen RB.

Unser Sohn kommt aus Sondershausen zurück, wo er gemeinsam mit anderen jungen Leuten aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt am Bildungszentrum des Bundesfreiwilligendienstes eine Woche lang einen Bufdi-Lehrgang absolviert hat. Ich hatte ihn am Montag mit dem Auto dorthin gebracht. Das BZ-Gebäude versprühte vom Parkplatz aus gesehen den robusten Charme einer Schule für Marxismus-Leninismus. Meine inhaltlichen Assoziationen gingen daher in Richtung GST-Lager mit Staatsbürgerkundeunterricht – doch meinem Kind hat es offenbar gefallen. Aus dem, was er erzählt, werde ich allerdings nicht ganz schlau, worum es inhaltlich ging – auf jeden Fall auch darum, wie man verhindern könne, dass die AfD noch stärker wird. Vielleicht war es doch ein bisschen wie Stabü. Das Essen und die Zimmer waren okay, es gab einen Fitnessraum und sogar einen Kinosaal, zudem war man unter Gleichgesinnten, so berichtet er weiter, nur einer, der schon zwei Jahre in der Bundeswehr gedient hat, sei ein etwas schwieriger Zeitgenosse mit komischen Ansichten gewesen. Aber es traten immerhin keine Werber der Armee auf – damit hatte ich ihn vorab etwas aufgezogen. Er und die anderen sind sich einig: So, wie der Staat mit ihnen in der Coronazeit umgesprungen ist und immer noch umspringt, will keiner von ihnen diesem Land an der Waffe dienen.

Am Abend fahre ich mit ihm ins Stadion. Auf den letzten paar hundert Metern kommen uns erneut angetrunkene Fans des 1. FC Union Berlin entgegen. Das Spiel verläuft einseitiger, als es das Endergebnis von 3:1 für RB vermuten lässt: Die Leipziger treffen viermal Latte oder Pfosten, was wahrscheinlich so eine Art Rekord ist. Weitere Schüsse gehen nur äußerst knapp am Tor vorbei – für uns Heim-Fans ist es zum Haareraufen, was an Großchancen versemmelt wird. Ein wenig heiser, aber zufrieden verlassen wir gegen 22.30 Uhr die Arena. Nebel zieht auf. Es wird wieder eisig.

Susanne Kasperowski, Gadebusch

Außenkamera Garten, 21:44:12, 23-04-2026
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