Es ist ein frischer Donnerstagmorgen mitten im September. Auf meinem Weg zur Bahn, die mich in Richtung Büro im Norden Berlins bringen wird, folge ich lieber dem Ruf der Flora als dem Lärm des Verkehrs. Also ab hinter unsere Mauer und hin zum Döberitzer Grünzug.
Ich passiere meinen Lieblingsplatz unter dem Olivenbaum, der mit seiner trockenen Krone und den dürren Leittrieben vom Sommer gezeichnet ist – und doch steht er da, in all seiner erhabenen Schönheit.
Gleich rechts daneben blüht ein Topinambur. Die Pflanze, die zu den Sonnenblumen gehört, hat irrwitzig viele Blütenstände, die sich dicht an dicht dem Himmelshell entgegenstrecken und -recken und -winden.
Das Bündel Sonnenanbeter ist inzwischen über meinen Kopf gewachsen – ich fühle mich fast schon ein wenig klein, obgleich ich es nicht bin. Das Gelb zeigt an, dass heute ein schöner Tag wird – was ich mit einem Blick gen Himmel überprüfe: Ich erkenne Lücken im Wolkenband, durch die ein Blau lockt. Ja, ich glaube, dass es ein schöner Tag wird.
Mich an die vergehende Zeit und mein Ziel erinnernd, strebe ich weiter der Haltestelle entgegen. Und doch ziehen mich immer wieder die vielen Farben und Blüten links und rechts in ihren Bann – Wegwarte hier, Schafgarbe da, Wolfsmilch, Rainfarn, Schwarzer Nachtschatten …
Ich erkenne die Spuren, die der Sommer hinterlassen hat. Je länger ich hinschaue, desto mehr offenbaren sie sich mir. Samenkapseln über Samenkapseln stehen von den trocken werdenden Stielen ab und strecken sich noch einmal empor, um bald schon dem Boden entgegenzusinken. Das frühherbstliche Braun kündigt an, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis es so weit ist.
Doch einige Blumen blühen gerade ein weiteres Mal – die nächste Generation Knospen und Blüten kommt in die Welt. Manchmal, wenn der Sommer heiß ist und die Pflanzen zu wenig Wasser bekommen, passiert so etwas. Die Natur geht dabei ein Risiko ein, da schnell die frostigen Nächte nahen.
Frank Schott, Leipzig
Im Nachhinein glaube ich, mein Hochgefühl nach der Radtour am Dienstag ging in die Binsen, als ich am Abend mit meiner Schwester telefonierte. Eigentlich wollte ich nur reden, weil ein Messenger-Nachrichtenaustausch zwischen uns missverständlich zu werden drohte. Aber dann stürzte das ganze Elend auf mich ein. Wann wird eine Klage zum Vorwurf?
All ihr Frust entlud sich auf mich: Sie kümmere sich als einzige von uns drei Geschwistern um unsere Eltern und insbesondere den Vater. Wenn meine Mutter anrufe, sei nur sie zur Stelle. Nur sie erlebe hautnah, wie mein Vater geistig abbaut. Wir, ihre Brüder, unterstützten sie kein bisschen. Ich wurde äußerst ungehalten, lebe ich doch über 300 Kilometer entfernt und kann, wie man es auch dreht und wendet, einfach nicht vor Ort sein.
Mehrere Male Funkstille. Mehrere Male erneute Anrufe. Sie habe mich nicht angegriffen. Das sei kein Vorwurf gewesen. Ich sagte, ich hätte das sehr wohl als Vorwurf verstanden. Sie sagte, das sei überhaupt keiner gewesen. Ja, ich weiß, Kommunikation und so – was der Sender sagt (und eigentlich meint), kommt beim Empfänger ganz anders an.
Daher die philosophisch-psychotherapeutische Frage: Wann wird eine Klage zum Vorwurf?
Auch am Mittwoch ist meine Stimmung im Keller. Ich fühle mich so elend und grau wie seit … langem? Nein, das wäre falsch, denn die depressiven Einschläge häufen sich nicht nur, die Abstände dazwischen werden auch kürzer … so grau und elend wie seit Tagen nicht mehr. Zwar schaffe ich es noch, neun Kilometer zu laufen, bevor der Regen einsetzt, aber danach hänge ich nur noch im inneren Tief. Ich fühle mich so nutzlos und ungebraucht wie ein abgewracktes Fahrrad. Aus dieser Abwärtsspirale komme ich momentan auch nicht raus, weil jede Jobabsage ein weiterer Faustschlag ins Gesicht, ein erneuter Tritt in die Kronjuwelen ist.
Und es regnet und regnet und regnet. Die Katzen schauen mich vorwurfsvoll an, aber kneifen den Schwanz ein, wenn ich die Türen öffne und sie zum Rausgehen animiere. Es ist ihnen zu nass. Sie beschweren sich, als könne ich das Wetter ändern.
Mein unter Depressionen leidendes Kind fragt mich, wie ich es schaffe, nicht in Trübsal zu versinken. Ich sage, mir geht es so elend wie Dir – ich verberge es nur. Sport würde ein wenig helfen, aber zunehmend habe ich nicht mal mehr dazu den Antrieb oder die Kraft. Ich glaube, das war nicht sehr motivierend für mein Kind. Aber ich schaffe es immerhin noch, mich nicht weinend im Bett zu verkriechen.
Ich gehe im Regen durch die Stadt. Bei uns hat eine „Vegane Fleischerei“ eröffnet. Ich weiß, was die Betreiber sagen wollen, aber mich ärgert dieses heuchlerische Sprachgepansche. Das ist wie „Zuckerfreie Butter“ oder „Mehlfreie Bäckerei“ …Wobei es die Friseurläden noch übler treiben – ich passiere gerade die „Haarmonie“ … Vielleicht bin ich heute wirklich überempfindlich – alles regt mich auf.
Dann passierte noch ein Unglück. Die kürzlich gekaufte Melone stand kurz vor der Entbindung. Wie ich darauf komme? Sie verlor ihr Fruchtwasser. Wortwörtlich. Vor der Arbeitsplatte hatte sich eine klebrige Pfütze gebildet. Als meine Frau die überreife Frucht anfasste, entlud sich ein Strahl Saft auf sie. Die Schale war so weich, dass der beim Greifen entstehende Druck bereits ausreichte, um eine Fontäne zu erzeugen. Wir umhüllten die Melone vorsichtig mit einem Müllbeutel und ließen sie dann behutsam in den Bioeimer gleiten, anderenfalls wäre sie vermutlich explodiert. Wie geht der alte Fußballerspruch? „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“
Stimmt, es kam eine Menge zusammen in den letzten vierundzwanzig Stunden: Pech, unschöne Gespräche, Sprachpanscher, Jobabsagen und das ohnehin schon eingetrübte Grundgefühl. Ich setze mich in ein Café, um eine halbe Stunde Regen zu überbrücken, bevor ich meine Frau von der Arbeit abhole. Ich lese gerade in meinem John-Steinbeck-Buch, als Knall auf Fall der Geräuschpegel in die Höhe schrillt. Haufenweise Kinder aus Kita oder Grundschule purzeln mit ihren Eltern auf eine Kugel Eis herein – zum Sitzen auf den Bänken draußen ist es zu nass.
Ich packe meinen Krempel zusammen und gehe. Ich warte vor dem Gebäude, in dem meine Frau arbeitet, und lese weiter. Im Regen. Hat mal jemand versucht, mit einem Schirm in der einen und einem Buch in der anderen Hand eine Seite umzublättern? Wenn man nicht aufpasst, kann man dabei sehr nass werden. Aber das ist mir egal. Ich versinke im Leben von Pippin IV. von Frankreich, dem König wider Willen. Eigentlich ein Schelmenroman, ein trauriger Schelmenroman, mit viel Weisheit und Wahrheit. Für einen Moment versinke ich in der Geschichte, und alles ist gut. Und am späten Abend kommt sogar wieder die Sonne heraus.
Frank Schott, Leipzig
Ich erinnere mich an den Hinweis, mir schöne Momente zu schaffen. Der Dienstag verspricht angenehmes Spätsommerwetter – also warum nicht mal wieder aufs Fahrrad steigen? Am Montagabend puzzle ich mir mit der App eine Route zusammen: Ich will von Leipzig nach Grimma, dann an der Mulde entlang nach Colditz, von dort nach Bad Lausick und über die Braunkohleseen wieder zurück. Das Programm beziffert die Entfernung auf rund 96 Kilometer mit 5 ½ Stunden Fahrzeit. Na, das mit den 5 ½ Stunden, das glaube ich ja nicht, ich rechne eher mit vier.
Als ich gegen 9 Uhr aufbreche, ist es noch frisch, aber bereits sonnig. Ich fahre auf Nebenstraßen in die eingemeindeten Dörfer am Stadtrand Leipzigs, über Radwege und weitere Nebenstraßen in das Städtchen Naunhof und weiter nach Grimma. An jedem Dorfteich, egal ob mit oder ohne Enten, halte ich für ein Foto. Kurz vor Grimma stoppe ich am Münchteich. Ein Angler sitzt am Ufer. Der Campingplatz ein Stück weiter scheint nur noch auf Reserve zu laufen, der Zugang zu den acht Dixieklos ist bereits abgesperrt. Ein Mann nimmt zum Gebüsch Zuflucht. Wat mutt, dat mutt.
Ich fühle mich frei, beschwingt und sorglos wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Warum habe ich eigentlich so lange darauf verzichtet, aufs Rad zu steigen – zumal ich als Botaniktrommel-Blogleser regelmäßig durch Mitautor Christoph inspiriert werde?
Die Altstadt von Grimma ist bezaubernd schön. Ich drehe eine Ehrenrunde um den Markt und biege danach wieder auf den Mulderadweg. Dieser ist die kleine, unbeachtete Schwester des Elbradwegs, doch unbedingt sehenswert.
Am Kloster Nimbschen mache ich heute keinen Zwischenhalt, dafür stoppe ich am Schloss Kössern – fast wäre ich daran vorbeigefahren, aber das Hinweisschild „Schlosscafé“ weckte mein Interesse. Der Umweg ist ebenso marginal wie lohnend. Weiter geht es. Von einer Brücke aus sehe ich fünf oder sechs Reiher, die in der Mulde auf Beutesuche sind.
Dann erreiche ich Colditz. Auf einem Felsen direkt über der Mulde thront das Schloss. Der Bau ist riesig. Kein Wunder, dass die Deutschen hier zu Hitlers Zeiten ein berühmt-berüchtigtes Kriegsgefangenenlager unterhielten. Heute befindet sich darin größtenteils eine Jugendherberge. Beim Bäcker am Markt hole ich mir eine Rosinenschnecke, oder wie die Verkäuferin sagt: „eine Rosi“.
Der Weg nach Bad Lausick führt überwiegend bergauf und durch ein Naturschutzgebiet. Der Untergrund ist zumeist mit Schotter bedeckt. In den Spurrinnen ist dieser festgefahren, an den Rändern aber locker und rutschig. Auf weiter Flur begegnen mir zwei Menschen – ein erschöpft aussehender Jogger etwa meines Alters, der mir entgegenkommt, und eine Frau, die vielleicht zehn, fünfzehn Jahre jünger ist und mit energischen Wanderschritten in dieselbe Richtung wie ich unterwegs ist. Ich grüße beide, was ihnen neue Kraft zu geben scheint.
Auch dem Zentrum von Bad Lausick statte ich einen Besuch ab. Es ist die am wenigsten belebte Innenstadt auf meiner Tour, obwohl man in einem Kurort etwas mehr Menschen erwarten könnte. Aber vielleicht machen ja alle Gäste gerade auf ihren Zimmern ein Mittagsschläfchen?
Vor dem Rathaus sehe ich ein Brautpaar, wobei ich nicht recht beurteilen kann, wer gerade wen heiratet – in der Verlosung sind zwei festlich gekleidete Frauen und ein Mann im Anzug, der Fotos macht. Ein Radfahrer hält neben mir: „Wenigstens ein bisschen was los hier“, meint er. „Es ist doch schön, dass auch heute noch ganz altmodisch geheiratet wird“, sage ich. Dann klären wir, ein wenig angeberisch, wer woher kommt und wohin will. Er ist aus Oschatz – und hätte jetzt Lust auf ein Bier, aber hier scheint nichts offen zu sein, wie wir beide feststellen.
Hinter Bad Lausick Radwege sind Mangelware, sodass ich längere Zeit direkt auf der Straße fahren muss. Ich komme an einem Acker vorbei, auf dem zwei Männer, die ich auf Ende dreißig schätze, Kartoffeln sammeln. „Das ist ja wie früher“, sage ich. Vermutlich ist den beiden das, was sie tun, selbst nicht ganz geheuer. „Na ja, die sind halt liegen geblieben“, meint einer entschuldigend, „wäre doch schade drum.“
Hinter dem Dorf folgt der nächste Acker. Auf dem ist eine Sämaschine im Einsatz – sehr zur Freude der Möwen; noch nie habe ich abseits von Wasserflächen so viele auf einem Haufen gesehen. Mehrere hundert Vögel inspizieren den frisch bearbeiteten Boden. Sie feiern ihr persönliches Erntedankfest mit Regenwürmern und Insekten, die aus dem Erdreich gewühlt wurden.
Ich bin bei gut achtzig Kilometern, als ich merke, wie verspannt mein Nacken ist. Das passiert mir immer, wenn ich mich ein paar Wochen nicht über den Rennradlenker gebeugt habe. Doch die Heimat ist nahe! Ich passiere den Störmthaler und den Markkleeberger See, dann geht’s an der Pleiße entlang nach Leipzig zurück. Am Ende sind es 101 Kilometer, die ich in gut vier Stunden zurücklege. Mit den Pausen für die Schlosskurzbesuche, „Rosi“ und Fotos bin ich 5:04 Stunden unterwegs.
Für eine oder zwei Übernachtungen wäre das auch ein schöner Ausflug für die Familie, denke ich. Ich werde es ihnen mal vorschlagen.
Helko Reschitzki, Moabit
Für die Fahrt zum und vom Schlachtensee muss ich am Wochenende eine Ersatzstrecke meiner üblichen Ersatzstrecke nutzen – mit Umstieg am Bahnhof Zoo, der zwar auch eine Baustelle, aber befahrbar ist. Trinker, Drogensüchtige, Sicherheitspersonal und Polizei sind am frühen Sonntag noch im ruhigen Tagesbeginnmodus, was sich gewiss schnell ändern wird. In der großen Bucht sehe ich die Schwanenfamilie, zähle aber statt der zuletzt vier (von ursprünglich fünf) Jungen nur drei. Darüber unterhalte ich mich mit einem Mann, der sich gerade am Ufer abtrocknet. Wir sind einander vorher nie begegnet, können aber ohne jedes Problem ein Gespräch fortsetzen, das wir nie angefangen haben – die Schwimmer sind meist auf demselben Beobachtungsstand, man greift da einfach auf ein Basiswissen zurück. Wir spekulieren, welcher der Fressfeinde am ehesten für den Verlust gesorgt hat – er tendiert zum Fuchs, ich hingegen zur Bisamratte, weil mir eine Mitschwimmerin mal ein Handyfoto zeigte, auf dem so ein Nager im Schwanennest am Westufer an die Eier herankommen wollte. Es ist ein wolkenverhangener Morgen, der Regen verheißt; nur die Hagebutten setzen Leuchtpunkte. Der Graureiher hat das Revier gewechselt und sieht aus wie ein windiger Businesstyp, der auf IKEA-D.I.Y.-Sargdeckeln Surfunterricht anbietet.
In meiner Bucht treffe ich nach Langem wieder auf die Endsechziger-Sonntagsbade-Dreiergang. Die zwei Frauen gehen sofort schwimmen; der Mann meint zu mir, dass wir uns doch schon mal unterhalten hätten. Was ich bestätige: „Ja, unter anderem über Physiotherapie.“ (Eine der Damen ist Krankengymnastin.) „Und Sie spielen Tischtennis und sind in der DDR aufgewachsen“, erinnert er sich. Ich lache: „Das stimmt.“ „In letzter Zeit war ja viel über Ostdeutschland zu lesen“, sagt er, „vielleicht können Sie mir davon einiges erklären – ich habe nämlich selbst eigentlich keine Berührungspunkte.“ Er erzählt kurz von einer einzigen Reise nach Schwerin in den achtziger Jahren. Im Gedächtnis geblieben sind ihm eine Gaststätte namens „Zum Goldbroiler“, ein sowjetisches Kasino, „das unmögliche Verhalten anderer Westdeutscher“ und die spärliche Straßenbeleuchtung. Letzteres ist mir auch erinnerlich. Er fragt, ob das Wahlverhalten in den neuen Ländern und speziell in Sachsen-Anhalt so eine Art Rache für die Demütigungen in den Jahren nach der Wiedervereinigung sei. Ich entgegne: „Vielleicht bei einigen. Was dann aber nicht die Millionen AfD-Wähler im Westen erklärt, von denen es absolut immer mehr gab als im Osten; die Prozentangaben verschleiern das ja.“ Das leuchtet ihm ein. Er fragt ein Medienklischee nach dem anderen ab – wir sprechen über Deindustrialisierung, den infrastrukturellen Kahlschlag, die Abwanderung der Jungen, den Frauenmangel. Ich berichte vom politischen Wandel in Mecklenburg – von der gegenseitigen Entfremdung zwischen Bürgern und Parteien und dem Vakuum, das entstand und nun eben von einer neuen Kraft gefüllt wird. Darauf er: „Genauso hat mir das auch meine ostdeutsche Bäckerin erklärt.“ Die beiden Frauen kommen aus dem Wasser; er geht hinein.
Als wir später zu viert auf der Bank sitzen und Tee respektive Kaffee trinken, kommt die Schwanenfamilie in die Bucht geschwommen und hält direkt auf uns zu. Eines der Alttiere geht ohne ersichtlichen Grund zum Angriff über und attackiert mich mit Schnabelstößen; das zweite Elternteil faucht uns an. Die anderen bringen sich an der dicken Eiche in Sicherheit. Ich überlege, ob ich ihnen folgen soll, will mir aber die Gelegenheit, die Jungtiere mal aus allernächster Nähe zu betrachten, nicht entgehen lassen. Im Wasser herrscht nun Durcheinander; ich werde weiter angegangen. Als die Mitschwimmer kurz darauf zur Bank auf der rechten Buchtseite wechseln, schließe ich mich doch an.
Die Schwäne putzen nun in aller Ruhe am Ufer ihr Gefieder. Mir fällt auf, dass die Jungvögel wie Dinosaurier aussehen – beziehungsweise unserer von Animationen geformten Vorstellung davon entsprechen.
Ich erzähle den anderen vom Verschwinden des vierten Jungen vor ein, zwei Tagen und stelle die Vermutung an, dass das Verhalten eventuell damit zusammenhängt. Ein Mann, der kurz darauf mit seinem Sohn zu uns kommt, berichtet dann aber, dass es bereits letzte Woche so eine Attacke auf Menschen gab. Wie schön, dass so vieles rätselhaft bleibt.
Zum Indoorsport für Rücken und Bauch höre ich jetzt manchmal Podcasts. Aktuell ist es Paul Ronzheimer, der mit dem Psychiater Manfred Lütz spricht. Es geht um die AfD, natürlich, um Friedrich Merz, natürlich, und um Politik – worum auch sonst. Aber eines bleibt hängen: Lütz sagt sinngemäß, wenn man depressiv sei, solle man nicht darüber grübeln, was die Ursache dafür ist. Damit würde man die negative Stimmung nur verstärken. Man solle sich stattdessen an Dinge erinnern und an dem festhalten, was einem Freude bereitet hat und schön war. Und das solle man dann nutzen, um mehr solcher Momente zu schaffen.
Am Donnerstag werde ich von meinen Übungsleiterkollegen bei Turbine gefragt, ob ich am Samstag beim Heimturnier der Bambini (G-Jugend) aushelfen könne. Es seien zwar zwei Trainer da (einer für jedes Team), aber für die Organisation, insbesondere den Aufbau der Minifelder mit jeweils vier Toren sowie die Zeitmessung der siebenminütigen Spiele, wäre ein dritter Mann gut. Also bin ich dabei.
Es treten dann nur acht statt der ursprünglich avisierten zehn Mannschaften an – zwei Vereine wollten mit mehreren Teams dabei sein, erhielten dann aber von ihren Spielern nicht genügend Rückmeldungen.
Wir spielen im sogenannten Champions-League-Modus, was bedeutet, dass der Sieger ein Feld höher geht und der Verlierer ein Feld tiefer. Weil die anderen deutlich stärker sind, treffen am unteren Ende leider wie immer die beiden Turbine-Teams aufeinander. Das Gute daran ist, dass immerhin eine unserer Mannschaften gewinnt und somit Selbstbewusstsein tankt.
Am Sonntag kommt der lange erwartete Regen. Für unsere Kater bietet das einen Vorgeschmack auf Herbst und Winter. Sie kuscheln sich in ihre Lieblingsecken und schlafen. Vermutlich schlafen sie, wenn sie stundenlang unterwegs sind, auch mal draußen – aber solange es regnet, bevorzugen sie das warme, trockene Plätzchen.
Unser Fußballturnier brachte noch etwas Gutes für mich: Einer der Kollegen hatte eine Karte für das Bundesligaspiel von RB gegen den HSV übrig, und so durfte ich am Nachmittag mit ihm ins Stadion – ich spendierte im Gegenzug zwei Bier. Phasenweise halten die Hamburger mit, doch am Ende gibt es eine 0:5-Klatsche. Wir Trainer sind uns einig, dass man als HSV-Fan (die reichlich vor Ort sind) leidensfähig sein muss. Später lese ich den Kommentar eines Hamburgers: „Könnten wir bitte jetzt schon absteigen? Dann müssten wir die restlichen 31 Spiele nicht mehr ertragen.“ Des einen Freud ist des anderen Leid.
Am Abend sammle ich ein weiteres schönes Erlebnis: Ich gehe mit meiner Frau in ein Konzert. Am Freitag hatte ich bei einem meiner Streifzüge ein Plakat gesehen – der bosnische Musiker Goran Bregović sei am Sonntag in Leipzig zu Gast. Es gab sogar noch Tickets – und so fahren wir mit dem Bus durch die regengraue Stadt zum Felsenkeller.
Ich war der Meinung, dass Bregović die Filmmusik zur wilden Komödie „Schwarze Katze, weißer Kater“ komponiert hätte, lag damit jedoch falsch. Aber für „Arizona Dream“ stammt der Soundtrack definitiv aus seiner Feder. Und tatsächlich ist der von dem von mir sehr geschätzten Album stammende Song „In the deathcar“ das einzige Stück, das ich bei seinem Auftritt erkenne.
Das Publikum ist überwiegend gesetzt. „Das sind bestimmt 50 Prozent Lehrer“, sage ich zu meiner Frau. „Die jetzt mal so richtig die Sau rauslassen können, weil sich keiner ihrer Schüler hierher verirrt.“ Tatsächlich werden ab dem ersten Lied die Hüften geschwenkt und Arme in die Luft gereckt. Mit jedem Song wird die Musik wilder und mitreißender, abgesehen vom besagten, eher lyrischen „In the deathcar“, bei dem man Bregović schon anhört, dass seine Stimme erschöpft ist.
Zwei Stunden spielt der Meister mit seinem Wedding and Funeral Orchestra, das ihn heute mit nur neun Musikern und Sängerinnen begleitet, da für mehr Leute die Bühne einfach zu klein ist. Am Ende steht der Sechsundsiebzigjährige völlig durchgeschwitzt neben seinen Kollegen und holt sich den verdienten Applaus. Und ich muss an den Satz aus dem Ronzheimer-Podcast denken: Lass dich nicht entmutigen, sondern suche dir schöne Momente.
Nenzische Rindenhütte – Fotografie: Kai Donner, 1912
Soeben habe ich Kai Donners Reiseberichte „Bei den Samojeden in Sibirien“ aus den Jahren 1911 bis 1914 beendet. Neben vielen anderen Beobachtungen des finnischen Linguisten und Ethnologen fand ich diese über den dortigen Umgang mit Epidemien besonders interessant:
„Das, was so erschütternd tragisch wirkte, waren die Verheerungen, die die Pocken unter den Samojeden angerichtet hatten. Schon in der ersten Jurte, die wir besuchten, herrschte die Seuche, und die ganze Familie lag krank. In der zweiten war nur noch ein Mitglied von einer früher zahlreichen Familie am Leben, und in der nächsten Rindenhütte lagen Tote und Sterbende nebeneinander. Die Sterbenden waren so entkräftet, daß sie sich selbst kein Essen verschaffen konnten und ich ihnen meinen Brotvorrat dalassen mußte. So war es auf dem ganzen Wege; in der einen Jurte gingen die noch bei Kräften waren mit schwarzem Schorf auf den Gesichtern herum, in der anderen lagen sie halb bewußtlos und warteten auf den befreienden Tod. Sie waren massenweise gestorben, und noch mehr sollten ohne Hilfe desselben Weges gehen. Denn Ärzte gab es nicht und hat es nie in diesen Landstrichen gegeben; Medizin war unmöglich zu erlangen, und Impfung kam gar nicht in Frage.
Es war schauerlich, all dies Elend zu sehen, aber noch schauerlicher, zu fühlen, daß man nicht helfen konnte. Meine erste Mahlzeit unter all diesen Pockenkranken konnte ich nur mühsam hinunterwürgen, aber nach und nach ging es besser; ich verließ mich darauf, daß die Impfung mich schützen würde, und kümmerte mich nicht um die Krankheit, selbst wenn ich mit den Kranken aus einer Schüssel essen mußte.
Am schlimmsten war, daß die Samojeden keine Ahnung zu haben schienen, daß die Krankheit ansteckend sei. Gesunde und Kranke kamen und gingen und besuchten sich gegenseitig. Daraus erklärt sich, wie sich die Pocken in diesen spärlich bewohnten Gegenden so verbreiten konnten, daß ganz sicher nicht viele die Epidemie überlebt haben.
Die Tungusen scheinen die Sache richtiger aufzufassen, da sie die Pocken wie die Pest scheuen. Auch in diesem Landstrich hatten welche gelebt, sie waren aber schon geflohen und hatten, ihrer Gewohnheit getreu, hinter sich den Wald angesteckt, um noch sicherer zu sein. Und um sich vollständig zu schützen, waren sie mit ihren Renttieren und all ihrer Habe durch Pforten aus Ebereschen gezogen, da sie diese Baumart für besonders reinigend halten, wie es ja auch bei anderen Völkern der Fall ist.“
Aktueller Nachtrag dazu: Weder der komplett naive Umgang mit der Seuche noch die strikte Isolation hatten langfristig Auswirkungen auf die jeweiligen Populationen. Seit Donners teilnehmenden Beobachtungen haben beide Völker ihre Bevölkerungszahlen mehr als verdoppelt bzw. verdreifacht – die Zahl der Tungusen (in der UdSSR wurde ab 1931 ihre Eigenbezeichnung Ewenken verwendet) stieg von ca. 38.000 auf 73.000 und die der Samojeden (ab 1931 Nenzen) von 16.000 auf knapp 50.000.
Donner, der sich während einer der Expeditionen ein nicht näher diagnostiziertes Fieber zuzog, bekam dieses zwar mittels seiner Reiseapotheke in den Griff, litt aber fortan unter einer chronischen Schwächung, die ein schweres Nierenleiden begünstigte. All das, die Strapazen und weitere nicht auskurierte Krankheiten waren wohl die Ursache dafür, dass er 1935 im Alter von nur 46 Jahren verstarb.
Im Buchanhang finden sich sehr schöne Zeichnungen einiger Nenzen:
Kai Donner „Bei den Samojeden in Sibirien“ („Bland samojeder i Sibirien“; übersetzt von Wolfheinrich von der Mülbe), Verlag Strecker & Schröder, Stuttgart, 1926
Drei Tage nachdem ich mich auf einer Feier mit zwei IT-Experten über mögliche Einsatzfelder von KI im medizinischen Bereich unterhalten habe, höre ich in der Radiosendung „SWR1 Leute“ den Wissenschaftler und Arzt Dr. André T. Nemat darüber sprechen, dass es in naher Zukunft für Patienten einen virtuellen Doppelgänger geben könnte. In diesen speist man kontinuierlich Live-Daten wie Smartwatch-Messungen, Bewegungsprofile und die Feinstaub- oder Lärmbelastung am Wohnort ein, ergänzt durch Befunde aus Blutbildern, Mikrobiom- und Erbgut-Analysen, MRTs, CTs usw. So soll der Körper zu einem berechenbaren System werden, in dem man Krankheiten vorhersagt und Therapien oder OPs vorab am Dummy testet. Was der Doc als Utopie verkauft, klingt für mich nach Dystopie. Passend dazu erzählt meine achtzigjährige Mutter ein paar Stunden später am Telefon, dass ihr Kardiologe gerade zur Erneuerung ihres Schrittmachers geraten habe, sie aber stark dazu tendiere, den alten nicht mehr zu ersetzen. Sie befürchtet, dass sie „über ihre Zeit“ leben würde, weil ihr Herz einfach nicht aufhört zu schlagen. Es sind schwierige Entscheidungen, die wir treffen müssen, wenn die Technik zunehmend die biologischen Grenzen verschiebt. Aber immerhin haben wir im reichen Westen ja zumeist eine Wahl.
In der Schlachtenseebucht ist am Donnerstag das erste Mal seit einer Woche die junge Stockente nicht da. Dafür aber die Sachsen, die gerade mitsamt Gepäck („voller ausländischer Pfandflaschen“) aus dem Urlaub kommen. Da sie keine Badesachen mithaben, sitzen sie einfach nur auf der Bank. Punktgenau in dem Moment, als ich die Ringbahn verlasse, kommen von überall her sich überlagernde elektronische Signale – zum Glück hatte ich irgendwie mitbekommen, dass um 11 Uhr bundesweit die Alarmsysteme getestet werden. Im Prinzip die akustische Entsprechung der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, nur diesmal vom Staat ausgehend. In einer der Tischtennispausen erzählt die Serbin von ihrer dementen Nachbarin, deren rechtliche Betreuerin sich kaum mal kümmert. Leider hat sie als Außenstehende wenige Möglichkeiten, einzugreifen, wie ihr auch der Pflegedienst der Dame bestätigt. Dieses durch erodierende Sozialgefüge und zerschlagene Familienverbände verursachte Vakuum der Einsamkeit wird mit den geburtenstarken Jahrgängen zunehmen.
Am Freitag fällt mir auf, dass die im Uferwald liegenden, entästeten Baumstämme wie eine Sau in der Säugezeit aussehen – den ganzen Tag spukt mir das Wort Totholzzitzen durch den Kopf. Es ist ein unwirklich ruhiger Seemorgen. Selbst nachdem vier Stockenten in das Revier der wieder in der Bucht aufgetauchten Artgenossin eingeflogen sind – was normalerweise für reichlich Geschnatter sorgen würde –, dümpeln alle fünf still vor sich hin. Ab und an ploppt eine Eichel ins Wasser, am Ufer verrotten die an den Rand gespülten Schilfhalme. Auf dem Rückweg kaufe ich im Antiquariat „Hennwack“ zwei Bücher von Bohumil Hrabal.
Bei der Hausarbeit höre ich die neue Folge des Pandemia-Podcasts, in der es um die aktuelle Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo geht. Laura Salm-Reifferscheidt und Kai Kupferschmidt gehen der Frage nach, warum sich das Virus monatelang ausbreiten konnte, ohne dass die Behörden Alarm schlugen. Im Zentrum des Ausbruchs befindet sich die Goldminenstadt Mongbwalu – wer dort arbeitet, achtet kaum auf Symptome der zahlreichen Krankheiten, die hier ständig zirkulieren. Dazu komme ein riesiges, wegen vieler Vergehen oft begründetes Misstrauen gegenüber den lokalen und internationalen Institutionen und medizinischen Einrichtungen, ein tief verwurzelter Aberglaube sowie traditionelle Totenwaschungen, die eine Verbreitung des Erregers forcieren. Die beiden Hosts und deren Gesprächspartner wägen ethische Fragen ab, zum Beispiel ob man den für einen anderen Virusstamm zugelassenen Impfstoff einsetzen sollte. Unauflösliche Pro- und Contra-Positionen werden benannt und akzeptiert, Dunkelfelder beleuchtet. Die oftmals moralisierende, überhebliche Sicht des Westens bleibt bei alledem außen vor. Genau so sollte man immer darüber reden.
Die Handwerker haben nun auch meinen Balkon entkernt, was den Lärm in der Wohnung tagelang potenzierte. Umso mehr genieße ich die Ruhe am Samstag. Die Hausverwaltung hat uns jüngst mitgeteilt, dass die Baumaßnahmen gut einen Monat später als angekündigt beendet sein werden, aber solche Angaben nehme ich grundsätzlich nicht ernst. Ich frage mich auch nicht, wozu die Sanierung überhaupt notwendig ist oder wie effizient hierzulande gearbeitet wird. Da ich keinerlei Einfluss auf den Fortgang des Ganzen habe, schone ich lieber meine Nerven. Wie heißt es so schön: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
In der Bucht sind wieder die vier Enten vom Vortag sowie ein Blässhuhn; die einzelne Stockente fehlt. Auch heute sind die Vögel unheimlich still und nahezu regungslos. Als ich ins Wasser gehe, machen sie aber den Weg frei. Als ich nachmittags auf der Turmstraße einkaufe, sehe ich im Fenster der „Galerie Nord“ ein Schild, auf dem „Welche Unterstützung willst Du?“ steht. Davor liegt auf einer Bank ein Obdachloser und schläft. Drinnen werden Videos von Alicja Rogalska gezeigt, in denen Berliner Fahrradkuriere von ihrer Arbeit und ihren Zukunftsvisionen erzählen. Im Nebenraum spielen sich ein paar vietnamesische Musikerinnen warm, die kurz darauf eine „hybride Literaturperformance“ begleiten werden.
Da immer mehr Leute um mich herum husten und schniefen, mische ich in meinen Tee neben Ingwer, Wermutkraut und abwechselnden grünen Sorten nun auch Lindenblüten und Thymian. Das RKI hat aktuell 3,8 Millionen Atemwegserkrankte für Deutschland modelliert. Mein innerer Kongolese hält diese Zahlen aber für nur bedingt aussagefähig, sodass ich mich lieber weiter auf meine Beobachtung und Erfahrung verlasse.
Der Samstag beginnt frisch. Ich bringe mit den Kindern Pakete zur DHL, danach Einkäufe. Später Sortierung von dreihundert Schwarz-Weiß-Abzügen. Fast alle Bilder zeigen Berlin um die Jahrtausendwende: der Neubau der Perleberger Brücke mit den ersten Stelzen der Trasse für eine neue S-Bahnlinie; der Lehrter Bahnhof vor der Rodung – das gesamte Speditionsareal war ja im Grunde ein Naturreservat, inklusive des Tiergartenteils mit dem Kanzleramt. Vorbei, vorbei … Ansonsten Vorbereitungen für den 200-Kilometer-Ritt am Sonntag. Es geht mit dem wackeren Tino aus Hoyerswerda (der heute in Freudenstadt lebt) und meinem jüngsten Bruder in die schwer umkämpften Braunkohlereviere West, wo sich seit den 1980er-Jahren die schweren Abbaugeräte tief durch die grandios fruchtbare Lößkrume fraßen. Wir werden sicher „den Hambi“ streifen, dessen Loch demnächst geflutet wird. Der Baggersee ist dann mit einer Fläche von ungefähr 42 Quadratkilometern und seinen 365 Metern Tiefe vom Volumen her der zweitgrößte See Deutschlands. Sollte ich ein Protestgestell mit einer bunten, flatternden Fahne oder einen Wolf entdecken, werde ich Fotos machen. Um 22 Uhr zu Bette.
Am Sonntag Punkt 6:20 Uhr gesattelt und gespornt zur Abfahrt. 209 Kilometer rund um die Tagebaue. Der Gipfel ist die im Bau befindliche Leitung aus gewaltigen Stahlröhren, durch die Rheinwasser in die ausgebaggerten Riesenlöcher gepumpt werden soll – war da nicht gerade etwas mit Rhein, Dürre und historischem Pegeltiefstand?
Ein interessantes Detail am Streckenrand ist der Zustand der Rüben: Dort, wo RWE den Bauern Ersatzwasser auf die Felder pumpen muss, weil das Unternehmen ihnen sonst das Grundwasser abgräbt (etwa bei Grevenbroich), wird die Ernte prachtvoll. Dort, wo sie dazu nicht verpflichtet sind (wie in der Nähe unseres Zielortes), sieht man nur kümmerlichen Wuchs. Und das bei einer Luftlinie von zwanzig Kilometern … Auf der Autobahn viele Pkw (die meisten davon E-Autos), die mit 110 km/h auf der Lkw-Spur fahren. Andere (Dienstwagen?) drängen dich mit Lichthupe und 200 km/h von der Strecke. Erschöpft.
Am Montag müde, aber zufrieden. Ruhetag mit Ausmisten. Der Wind dreht auf West. Am Dienstag wolkig, windig und tropisch schwül – der Altweibersommer. Die Wäsche trocknet im Sauseschritt. Eine einsame Krähe genießt das erste Morgenlicht hoch oben auf einer Birke. Im Sicherheitsabstand gesellen sich Tauben dazu. Ich habe schwere Beine – trotzdem wird der routinemäßige Chauffeurdienst zum Ballett erledigt.
Mittwochmorgen mit Kaffee und Miles Davis’ „Sorcerer“ – Musik, die irgendwie nicht altert. Was mich im Zuge der gerade veröffentlichten Pisa-Studie beunruhigt (sehr beunruhigt!), ist, dass die Appelle zur Suchtkontrolle der Smartphonenutzung nur kursorisch aufgenommen und schnell wieder vergessen werden. Und wie wenig man das Thema „Lesen-Schreiben-Rechnen“ ernst nimmt. Lesen, das darf man eben auch nicht vergessen, wird und wurde immer auch als eine Technik der sozialen Flucht wahrgenommen – heutzutage beobachte ich es eher als eine exotische, wenig anschlussfähige Form des Medienkonsums. Wer als Kind oder Jugendlicher liest, findet doch kaum einen Gleichaltrigen, mit dem er darüber reden kann. Als ich beim Elternabend durch das Deutschbuch der 8. Klasse blätterte, fielen mir der breite Zeilenabstand, das dürre Textmaterial und die drittklassigen Illustrationen auf, mit denen das Gymnasial-Kind „abgeholt“ werden soll. Ich vergleiche das mal nicht mit meinen Deutschbüchern von 1976 aus dem Klett-Verlag …
Ich nutze eine Darminfekt-Zwangspause zur Sortierung von Abzügen. Es wäre klug gewesen, hätte ich in der Vergangenheit alles beschriftet, aber noch reicht meine Erinnerung aus. Kiloweise Papier wandert in den Eimer. Der Rücken schmerzt – Darjeeling und Robert Schumanns „Davidsbündlertänze“ mit Claudio Arrau. Ich werde die LP behalten.
Am Donnerstag in den Radladen zur Feinjustage. Ich berichte von der Sonntagstour. Wir unterhalten uns über die Gigaleitungen zur Befüllung der Tagebaulöcher; irgendwann werden das gewaltige Rückhaltebecken sein, eine Dürrezeitenreserve. Der Kampf ums Wasser hat schleichend begonnen. Mühelos komme ich den Berg hoch, der Infekt ist also durch.
Der Sohn unseres Hausbesitzers hat seinen rechtlichen Anspruch auf Bedarfskündigung geltend gemacht, da er eine Familie gründen will. Am 25. geht die einwöchige Schlepperei los, jetzt schon die Packerei. Wir ziehen in die kleine Stadt Diez, die wir bestens kennen. Heute war unser serbokroatischer Freund aus der Nachbarschaft da, hat Augenmaß genommen und die Transporterfahrten kalkuliert. Er kennt sich aus im Dorf, hat hier mit dem Abstandsgeld seiner Weinkneipe in Mainz ein Haus gekauft und eigenhändig saniert. Vor der Flucht war er Bauingenieur, nun ist er Hausmeister bei der Caritas. Dann ein Gespräch mit dem Altbauern, der gegenüber von seinem Hof einen Gemüsegarten betreibt. Er hatte Glück beim Tornado – kein Windbruch, keine größeren Ausfälle. Er sagt, dass inzwischen alles einen Monat früher geerntet werde – vor zwanzig Jahren sei man kaum zur Mannebacher Kirmes fertig gewesen, die am ersten Septemberwochenende stattfindet. Jetzt ist das Getreide bereits Mitte August unter Dach und Fach. Dann hört er die Kirchturmglocke und ruft: „Zwölf! Meine Frau wartet mit dem Essen.“
Am Freitag leichte, unaufgeregte Vogelbewegung. Im Ahorn die erste Herbstfärbung. In Diez zwei Archivkartons losgeworden – gerade die Langspielplatten finden regen Absatz. Wegen meiner Mittagsdusche nach dem Radsport Schnupfen. Ingwer, Salbei, Thymian ist meine Teemischung. Ein Bekannter aus dem Dorf, der im Nebenerwerb Holz spaltet, hat sich gerade für 10.000 Euro einen kleinen Lastkraftwagen und für 80.000 eine vollautomatische Spalt- und Schälmaschine angeschafft. Er geht in seinem Industriejob nun auf vier Tage pro Woche runter, weil die Aufträge zunehmen. „Die Leute haben Angst“, sagt er.
Frank Schott, Leipzig
Wir haben uns kurzfristig entschieden, doch die Fliesen aufhacken zu lassen, damit ein Glasfaseranschluss gelegt werden kann – denn jetzt ist es für uns noch kostenlos. Was an jenem Mittwochvormittag passierte, beschreibe ich aus der Sicht des Vorarbeiters, der mit seinem Team für die Telekom jene Rohre verlegt, durch die später die Leitungen geblasen werden.
„Oh, Sie haben schon Kaffee bereitgestellt? Das ist aber lieb. Fünf Tassen – die brauchen wir heute nicht, wir sind nur zu zweit. Aber danke! Die Akkus sind geladen? Dann machen wir jetzt die Bohrung durch den Bordstein, damit wir mit dem Kabel in Ihren Vorgarten kommen. Anschließend müssen wir noch das Rohr mit den Zuleitungen suchen, das haben wir gestern nicht geschafft. Wenn das genauso liegt wie bei Ihren Nachbarn, geht das ganz schnell.“
Das Bohren stellt sich als Problem heraus. In der Grube hockend versucht mein Partner, schräg nach oben in den Bordstein zu gelangen. Er kommt nicht durch. Stattdessen verkantet die Krone und steckt fest. Mit Zangen und Hämmern versuchen wir das Ding freizukriegen. Später holen wir eine große Metallstange und einen Fäustel und hauen auf das festsitzende Gestänge und die noch nicht durchbrochene Seite ein. Wir schwitzen wie die Schweine.
„Das Mistding steckt fest. Da bewegt sich nix. Das ist Wahnsinn, ich habe keinen Bock mehr auf diesen Scheiß.“ Der dritte Kollege bringt mit dem Transporter die Rüttelplatte. Der Jungspund kommt mir gerade recht: „Hey Fritzi, Du musst mal herkommen. Nee nix, Du musst wieder zurück. Du musst uns hier mit dem Bohrer helfen. Der steckt fest. Probier‘ Du mal, ob Du den locker kriegst.“
Nicht zu glauben, aber er schafft es tatsächlich. Er schließt die Maschine wieder an, wackelt, drückt, stößt und durchbricht den Beton. Wir sind durch, die Krone ist frei und wir haben unser Loch. Aber das ist nur die eine Baustelle, wir müssen ja noch das Kabel ins Haus bringen. Zum Glück brauchen wir nur eine Fliese zu entfernen und das mit Styropor und etwas Gips verschlossene Zugangsrohr freizulegen. Alles auf den Knien – was für eine Drecksarbeit.
Das Zugangsrohr ist voller Strom- und Telefonleitungen. Ich schiebe das Einziehkabel in die Öffnung. Manchmal muss ich etwas wackeln, damit es den Winkel überwindet, wo der Kanal nicht mehr senkrecht, sondern waagerecht unterhalb des Fundaments in den Vorgarten führt. Doch plötzlich sitzt das Ding fest. Ich brülle zu meinem Kollegen draußen: „Siehst das Kabel? Wie, Du siehst nichts, das muss da sein! Hier geht es nicht weiter. Soll ich mal wackeln? Du musst dann sagen, ob Du was hörst. Hörst du was? Hä? Ich hab‘ gefragt, ob Du was hörst? Du hörst es? Okay. Siehst Du es auch? Das muss da sein! Bei mir geht es nicht weiter. Das ist Wahnsinn! Einfach nur Wahnsinn!“
Die haben beim Bau offenbar gepfuscht und eine der beiden Führungen beschädigt. Nun geht alles durch ein Rohr und das Scheißding steckt fest. Ich habe die Schnauze voll. „Hörst Du das Kabel? Warum siehst Du es nicht? Es muss doch da sein! Ich komme hier nicht weiter.“ Wir versuchen es vom Vorgarten und dann mehrmals vom Haus aus. Der Hausbesitzer hält eine Taschenlampe, mit der er ins Zugangsrohr leuchtet. Mir tut vom Hocken der Rücken weh, aber das Ding will einfach nicht durch.
Ich bin so verzweifelt, dass ich dem Kunden das Einziehkabel für einen Versuch überlasse. Er steckt es an einer anderen Stelle, dort, wo die Telefonleitung verläuft, in das Rohr. Und hol’s der Teufel, das Scheißding geht tatsächlich durch. „Es ist da!“, ruft mein Partner. Mit Panzertape kleben wir unseren Speedpipe daran fest und ziehen ihn entspannt in den Hausanschlussraum. Drei Stunden sind wir jetzt hier und ich habe gestern noch gesagt, wir bräuchten maximal eine Stunde. Ein bisschen tut mir die Leute leid, weil sie nun ein Loch im Fußboden haben. Aber der Hausherr sagt, kein Problem, das kriege er hin. Guter Mann!
Jetzt müssen wir noch das Loch im Vorgarten auffüllen, den Gehweg neu pflastern, die Steine festrütteln, Sand einkehren und unseren Krempel aufladen. Der Hausherr hatte uns Brötchen geschmiert, die ich zuerst ablehne. Aber nach der Plackerei sind wir echt dankbar dafür. Mein Partner gönnt sich sogar eines der bereitgestellten Biere.
Der Hausherr steht neben mir, als ich Dampf ablasse: „Ich bin 60. Warum tu ich mir das überhaupt noch an? So ein Scheiß. Mit 62 höre ich auf, das sage ich Ihnen. Notfalls geh ich stempeln. Das ist einfach nur Wahnsinn. Was jetzt ansteht? Hier ist unsere Mängelliste. Sieh selbst, mehr als zwanzig Stationen über ganz Leipzig verteilt. Die müssen wir abarbeiten. Die Telekom sagt nur, dass sie ihr Kabel nicht durchblasen kann – und wir müssen dann buddeln und schauen, wo der Fehler liegt.
Das kann auch bei Euch passieren. Wenn unser Mikrorohr irgendwo geknickt ist, können die ihr Kabel nicht durchblasen. Dann müssen wir hier alles noch mal aufgraben. Weißt Du, was mich ankotzt? Überall diese ausländischen Firmen, diese Albaner und so, die schmeißen das alles irgendwie rein und wir müssen dann hin und die Fehler suchen. Das ist einfach nur Wahnsinn!
Und oft gelangen wir gar nicht mehr in die Anschlussräume im Keller. Wenn wir sagen, wir kommen von der Telekom, lässt uns einfach keiner rein. Kein Wunder wegen all der Diebstähle. Die geben sich als Telekommitarbeiter aus und klauen die Fahrräder. Und wir stehen vor verschlossenen Türen. Einfach nur Wahnsinn.
Und weißt Du, was noch Wahnsinn ist? Wir dürfen nicht mal mehr ein Bier trinken bei all der Plackerei. Bei Euch ist das anders, Ihr sagt ja nichts. Und neuerdings müssen wir auf dem Handy so eine komische App benutzen und uns anmelden, wenn wir arbeiten. Und dann sind wir noch die ganze Woche unterwegs. Ja, klar, in ganz Deutschland, wo die Telekom uns eben hinschickt. Ich habe so die Schnauze voll. Zwei Jahre noch. Maximal. Dann ist Schluss.“
Nachtrag des Hausherrn: Die Gespräche zwischen den Arbeitern wurden stellenweise im heftigsten Bayerisch geführt, von dem ich kein Wort verstanden habe. Je genervter sie waren, desto schlimmer wurde der Dialekt. Aber vielleicht ist auch ganz gut, dass ich manches nicht mitbekommen habe. So bleibt es quasi ungesagt.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 20:51:02, 08-09-2026
Helko Reschitzki, Moabit
Am Sonntag wähle ich wieder die zeitsparende Badevariante am Südufer des Schlachtensees, da ich von einem Mitschwimmer, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, zum Geburtstagsbrunch in Lichterfelde eingeladen bin. Dortselbst bekommen wir nach der Begrüßung und Vorstellungsrunde eine geschichtliche Einführung in die Wohngegend, in der 1945 erbitterte Kämpfe zwischen den Sowjets und massiven Wehrmachts- und SS-Verbänden stattfanden – in der Finckensteinallee befand sich die Kaserne der „Leibstandarte SS Adolf Hitler“. Der Süden Berlins fiel dann bei der Stadtaufteilung an die Amerikaner. Ganz in der Nähe des Feiergartens betrieb die US-Army ihr Übungsgelände „Parks Range“, wozu der Gastgeber ein paar Anekdoten aus seinen Kindertagen erzählt, die ein Lüneburger (aus der britisch besetzten Zone) und ich, der in der sowjetischen Garnisonsstadt Parchim aufwuchs, ergänzen – die Straßen, Gehwege und Vorgärten sahen nach Panzerbewegungen überall gleich beschissen aus. In dem Viertel befindet sich auch der Fliegeberg, jener weltberühmte Hügel, den der in der Nähe wohnende preußische Ingenieur und Luftfahrtpionier Otto Lilienthal 1894 aufschütten ließ, um von dort aus seine Flugversuche zu unternehmen.
Otto Lilienthal schwebt im Jahre 1895 ein paar Meter über Groß-Lichterfelde. (Foto: Richard Neuhauss)
Nach dem abwechslungsreichen, feinen Essen fragt mich einer der Gäste, wo genau das Geburtstagskind und ich immer im Schlachtensee schwimmen würden. Egal, wie ich es ihm auch erkläre, hat er keine Vorstellung davon, welche Stelle ich meine. Da erinnere ich mich an das, was ich vor vierzehn Tagen bei meiner Totholz-Recherche gelernt habe, und sage: „Das ist etwas östlich von Jagen 49, vielleicht 48 – falls dir das was sagt.“ Nun weiß er absurderweise exakt Bescheid – es stellt sich heraus, dass er dort kürzlich bei einer Art digitaler Schnitzeljagd unterwegs war. Das lasse ich mir selbstverständlich genauer erklären: Das Ganze nennt sich Geocaching und wird weltweit betrieben. Die Teilnehmer sind meist einzeln, zu zweit oder in kleinen Gruppen unterwegs und suchen mithilfe von GPS-Koordinaten und Hinweisen, die sie per App erhalten, nach bestimmten Behältern, die irgendwo in der Landschaft versteckt sind. Hat man den Cache (deutsch: Lager, Versteck) gefunden, trägt man sich vor Ort in ein Logbuch ein und dokumentiert das anschließend online. Er hat im Jagen 47 den Gedenkstein für einen vom Pferd gefallenen Berliner Polizisten aufgestöbert. Ich bin immer wieder erstaunt, was für Parallelwelten um mich herum existieren.
An der Kaffeetafel sprechen drei der Damen über den aktuellen riesigen Datenklau aus berliner Behörden – jede arbeitet auf einem anderen Amt. Icke: „Und, habt ihr nächste Woche ’ne Weiterbildung, wie man sich im Darknet bewegt?“ Sollte eigentlich ein Witz sein, ist dann aber der Einstieg in die Abgründe des deutschen Büroalltags beim Thema Datensicherheit. (Ich werde nie wieder einen Witz über ausgedruckte E-Mails machen.) Ich wundere mich, dass der IT-ler neben mir so ruhig bleibt, und frage nach. Darauf er: „Genau das ist mein Alltag“, was er dann anhand der zwanzig Jahre alten digitalen Infrastruktur einer beliebigen Klinik erklärt. Hilfe! Lieber über KI reden. Seine Firma arbeitet unter anderem mit Unis zusammen und erfasst für diese mittelalterliche Schriften, für die extra Fonts generiert werden. Die Archive werden immer größer und lassen sich mittlerweile leicht weltweit vernetzen – wo man früher monatelang für eine Doktorarbeit oder ein Fachbuch recherchieren musste, ist das heute mit guten Prompts in wenigen Minuten erledigt. Der Geocacher, der vor seiner Pensionierung bei einem börsennotierten IT-Unternehmen tätig war, ergänzt Möglichkeiten, die KI im Gesundheitswesen bietet. Es wird wohl in Richtung der chinesischen Ein-Minuten-Kliniken gehen – Minister Lauterbachs „Gesundheitskioske“, die Ende Mai vom Bundestag beschlossene Apothekenreform sowie die zunehmende Selbstdiagnose und -medikation sind die ersten Schritte dahin.
Und als ob das alles nicht bereits Denkstoff für die nächsten Tage bieten würde, stellt sich die neu in die Runde gekommene Dame mit den Worten vor: „Ich mach es für alle, die mich von euch nicht kennen, kurz – ich bin Hilde Schramm, die Tochter Albert Speers.“ Jemand zeigt mir daraufhin diskret auf seinem Handy ein Foto, auf dem Hitler mit der kleinen Hilde spielt. Ich flüstere: „Das nenn ich mal einen Rucksack fürs Leben.“ Die bewundernswert muntere und geistig fitte Neunzigjährige erzählt uns von ihrem neuen Herzensprojekt: Mit zwei von ihr initiierten Vereinen engagiert sie sich für Kommeno, ein griechisches Dorf, in dem eine Gebirgsjäger-Kompanie der Wehrmacht 1943 über die Hälfte der sechshundert Einwohner ermordete. Vor Ort ist der Bau eines barrierefreien Gästehauses geplant, um internationalen Austausch, vor allem Jugendbegegnungen zu ermöglichen. Am Dorfeingang haben Künstler bereits zusammen mit den Bewohnern ein Gedenkmonument geschaffen, und die lokale Tanzgruppe wurde zu Auftritten und Gesprächen nach Deutschland eingeladen. Gerade als Hilde ihren kleinen Vortrag beendet, wird es unruhig um mich herum. Es ist 18 Uhr – die ersten Hochrechnungen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind da. Unsere Gruppe teilt sich – die eine Hälfte bleibt im Garten, die andere versammelt sich drinnen vor dem Fernseher und schaut die Sondersendung der ARD. Da mein Hirn sowieso schon zu platzen droht, verabschiede ich mich von diesem ausgesprochen interessanten Geburtstagsbrunch.
Nach einer unruhigen Nacht, in der das Unterbewusstsein ordentlich Stoff zu wälzen hatte, fahre ich an den See. Schwimmen sortiert Gedanken. Beim anschließenden Tee klingelt das Handy – mein Bruder ruft an. Um die Mitschwimmerin auf der anderen Bank nicht zu stören, packe ich ein und gehe zum Telefonieren in den Wald. Mein Bruder ergänzt meine KI-Berichte von der Geburtstagsfeier mit seinen Erfahrungen aus der Schule. Auch dort ändert sich gerade das Lehren und Lernen dramatisch – auch wenn das die meisten seiner Kollegen noch nicht wahrhaben wollen. Der Beruf wird von der Vor- und Nachbereitung her immer einfacher; im Mittelpunkt steht bereits jetzt die Beziehungsarbeit, das Soziale, die Soft Skills. Vermittelt werden Kernkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen – denn auch an einem gutbürgerlich geprägten westdeutschen Wirtschaftsgymnasium beherrschen das bei Weitem nicht alle Schüler. Inzwischen bin ich an der Rehwiesensenke angekommen und setze mich oben auf eine Bank. Gerade als ich denke, dass dort unten ein Fuchs lebt, kommt dieser aus dem Busch. Wer weiß, wo der Fuchs wohnt, sieht auch den Fuchs! Mein Bruder muss gerade im Deutschunterricht ein literarisch sehr schlechtes Buch behandeln. Es geht darin um die Geschichte eines Hauses – was er als Impuls nahm, um seine Schüler die Historie ihrer eigenen Wohnhäuser recherchieren zu lassen. Und die sind voller Begeisterung dabei: Selbst die etwas scheuen oder sozial leicht dysfunktionalen Kids klingeln bei alten Nachbarn und fragen diese aus – zum Beispiel nach der Fleischerei, die es vor zig Jahren mal gab und weswegen man noch immer ab und an Knochen im Hof findet.
Am Dienstagmorgen recherchiere ich kurz den Standort des Denkmals, von dem mir der Geocacher erzählte – ich hatte ihm versprochen, dass ich es mir mal anschauen werde. Vor Ort stellt sich der von der Seite Gedenktafeln in Berlin verwendete Open-Street-Map-Link als unbrauchbar heraus, sodass ich erfolglos durch das Totholz irre und an einem ganz anderen, mir vollkommen unbekannten Ende des Waldes heraus komme. Macht nichts – Umwege erhöhen die Ortskenntnis und morgen ist ja ooch noch ein Tag.
Am Mittwoch Wasservogelversammlung auf dem Schildkrötenbaum: „Guten Morgen, Kameraden!“ In der Bucht kommt wie jeden Tag seit unserer Erstbegegnung am Donnerstag die junge Stockente herbeigeschwommen. Auch sie wird natürlich begrüßt. Ich beobachte, wie sie eine der ins Wasser gefallenen Eicheln herunterwürgt. Die Frucht wandert ganz langsam ihren Hals nach unten, so wie in den Tex-Avery-Cartoons, die ich über alles liebe – Daffy Duck am Schlachtensee. Ich hoffe, dass das weiterhin gut ausgeht.
Dann die Fortsetzung der Denkmalsuche, diesmal mit einem Screenshot der Umgebungsmap auf dem Smartphone. Und auch bei diesem Versuch irre ich zunächst einmal durch den Wald – gutes Kartenmaterial von unbenannten Forstwegen ist offensichtlich nicht so leicht aufzutreiben. Ich frage jeden Hundebesitzer, der meinen Weg kreuzt, nach dem Gedenkstein – die meisten haben noch nie davon gehört. Ein Mann führt mich dann grob in die richtige Richtung, den entscheidenden Hinweis gibt eine Dame, die nicht nur weiß, wovon ich rede, sondern gleich die ganze Story herunterrasselt: „Meinse det Denkmal von Henry Greiser?“ – „Ja, genau.“ – „Det is da immer jradeaus, dann links kieken. Hammse mal dessen Geschichte recherchiert?“ – „Nö, noch nicht. Ich weiß nur, dass er Polizist war und vom Pferd gefallen ist.“ – „1958 war det. Sein Pferd ist wohl nach ’nem Schuss durchjejangen und er dadurch an einen Baum geprallt. Der Kopf war total zerschmettert. Die Amis hamm ihn wohl noch ins Hospital gebracht, aber da war nüscht mehr zu machen.“ – „Arme Sau.“ – „Ja, arme Sau. Ick hab den mal jegoogelt – über den is nüscht zu finden. Nüscht über die Familie, oder wer er war.“ – „Seltsam.“ – „Na, isso.“ – „Herzlichen Dank für die Hilfe und einen schönen Tag!“ – „Den wünsch ick Ihnen ooch.“ Ein paar hundert Meter weiter werde ich dann fündig. Auf einem gemauerten Sockel ist ein kleines goldenes Kreuz angebracht und vorne eine Tafel: „In treuer Pflichterfüllung fand hier am 18.3. 1958 Polizeihauptwachtmeister Henry Greiser durch Sturz vom Pferde den Reitertod. Der Polizeipräsident, Berittene Polizei Berlin“. Um das Kreuz herum liegen Steine; irgendjemand hat vor Kurzem frische Blumen hingestellt. Nach 68 Jahren! Solange so etwas geschieht, ist mir nicht bang.
Frank Schott, Leipzig
Ich habe so eine Wut in mir. Heute wieder zwei Absagen. „Danke, bitte, nein … nicht persönlich nehmen. Andere … Sie wissen ja … noch besser passend …“
Angefacht wurde die Wut bereits am Vortag, als ich im Hausanschlussraum umräumte. Eine Vertragsfirma der Telekom will Glasfaser legen und muss dort hinein. Dabei bin ich weggerutscht und habe beim Abfangen den rechten Daumen überdehnt, verstaucht … was weiß ich. Nichts Ernsthaftes, aber ein schmerzendes Handicap.
Heute sind die Handwerker wieder da. Das Einfachste wäre, das neue Kabel durch ein altes, vergessenes 10-mm-Leerrohr zu schieben. Aber das geht nicht – dieses „gehört“ einem anderen Anbieter, und obwohl wir von dem seit vierzehn Jahren nichts gehört haben, dürfe man das nicht verwenden.
Also werden Lösungen gesucht für ein Problem, das es gar nicht gäbe, würde man einfach den bereits vorhandenen Kanal nutzen. Eine der aufkommenden Alternativideen: Das Leerrohr kommt üblicherweise aus einem größeren, in dem noch andere Kabel liegen, da hinein könne man auch das neue legen. Man müsse es nur finden. Dabei stellt sich heraus, dass, als unser Haus gebaut wurde, ausgerechnet in unserem dritten von vier Reihenhäusern gepfuscht, geflickschustert, die billigste Lösung gewählt wurde. Besagtes größere Rohr ist verborgen, die Telekommunikationsleitungen wurden quer unter den Fliesen verlegt bis zu der Ecke, wo die Anschlussboxen sind. Wir wissen nicht, wo sie genau liegen, ohne dass wir die Fliesen aufhacken; schlimmstenfalls ist das Leerrohr dennoch nicht erreichbar, weil es mit Estrich zugekleistert wurde.
Bis ich meine Frau erreiche, damit wir eine Entscheidung treffen können, ist bereits der Graben vor dem Haus wieder zugeschüttet und die Zufahrt neu gepflastert. Die Nachbarn erwarten morgen Gäste, da muss alles frei sein. Und wie ich so mit mir ringe, Dinge von A nach B räume, telefoniere, nach Lösungen suche, purzelt wieder eine Jobabsage in mein E-Mail-Postfach. Genau das, was ich jetzt als Aufmunterung gebrauchen kann.
Normalerweise würde ich mich jetzt bis zur völligen Erschöpfung sportlich verausgaben, um den Verstand in den Leerlauf zu zwingen. Nur geht das gerade nicht. Irgendwann nach dem Mittag wird der Bauleiter kommen, der entscheiden soll, ob die Fliesen doch aufgebrochen werden und dann – logischerweise – nochmals alles aufgerissen werden muss. Ich könnte kotzen. Und schreien. Und Dinge zerstören.
In einer Montagsrunde hatte der Therapeut zu mir gemeint, dass ich mich offenbar über meine Arbeit definieren würde. Arbeit? Ja, sicher. Aber das Schlimme ist doch, nicht gebraucht zu werden. Ein Möbelstück zu sein, das überflüssig ist, im Keller verstaubt und eigentlich auf den Sperrmüll gehört. Ein lahmendes Pferd, das der Abdecker fachgerecht entsorgt. Ohnmächtige Wut und lähmende Hilflosigkeit – das ist es, was ich fühle. Warum kann ich nicht wie andere die Beine hochlegen, mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und der Welt den Stinkefinger zeigen?
Weil das nicht ich wäre. Und so gehe ich nach der Gruppenrunde auch am Montag mit verbundenem und schmerzendem Daumen zum Training. Denn ein Trainer allein hätte die 18 Jungs nicht bändigen können. In diesem Ehrenamt liegt tatsächlich Trost. Weil trotz des Chaos, der Überdrehtheit, der mangelnden Konzentration, der Streitereien, des Gebrülls … weil trotz allem immer mehr Jungs zu uns kommen und sagen, dass sie Spaß am Training hatten und Mitglied im Verein werden wollen.
Und dann stupst mich einer unserer Kater sanft an der Schulter, während ich am Tisch sitzend zweifle und hadere. Essen? Klar, du hast recht, sage ich und öffne eine Büchse mit dem Lieblingskatzenfutter. Irgendwie muss es ja weitergehen.
Frank Schott, Leipzig
Wie klein plötzlich groß wird!
Für mich als Kind war meine Heimatstadt Parchim riesig. Es gab Distanzen, da hätte man mich für verrückt gehalten, wenn ich die als Jugendlicher gelaufen wäre, anstatt Bus, Moped oder wenigstens das Fahrrad zu benutzen. Jetzt, einige Jahrzehnte später und großstadtgestählt, ist überhaupt nichts dabei, von einem Ende der Stadt zum anderen zu Fuß zu gehen.
Wie klein die Stadt ist, fällt mir auch beim Joggen auf. Wir sind übers Wochenende bei meinen Eltern zu Besuch, geschlafen wird in einer Ferienwohnung, die gut dreißig Minuten Fußweg entfernt liegt. Samstagfrüh will ich laufen, bevor der angekündigte Regen einsetzt. Ich renne an der Festwiese vorbei Richtung Buchholz und dann über die Putlitzer Straße, die Wallanlagen und die Gärten zwischen Wockersee und Friedhof zurück. Es sind etwa sechs Kilometer, und ich habe dabei einen Großteil der östlichen Stadt umrundet.
Der Himmel ist grau, immer wieder nieselt es leicht, aber auch die Sonne kommt regelmäßig kurz hervor. Es ist wirklich kühl, Aprilwetter. Ich sehe nur Menschen mit Hunden, sonst ist niemand unterwegs. Die Wallanlagen, Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung, die im 19. Jahrhundert zu einem Park umgebaut wurden, kamen mir als Kind riesig vor: Rodelberge, Kletterbäume, der Spielplatz. Und jetzt durchlaufe ich alles mit wenigen Schritten.
Im Laufe des Tages frischt der Wind auf. Ich gehe mit meiner Familie in die Innenstadt – Frau und Kind erhoffen sich Passendes zum Anziehen. Der Vorteil der kleinen Stadt sind die kleinen Geschäfte mit ihrer kleinen Auswahl. Als Kunde ist man nicht überfordert durch den Versuch, das Beste oder das Günstigste oder idealerweise beides zu finden. Ich habe kein Interesse am Shopping und gehe zum kleinen Bücherverschenkschrank, den ich bei meinem letzten Besuch vor zwei Monaten entdeckt habe. Jemand hat seine Charles-Dickens-Sammlung aufgelöst, aber danach steht mir gerade nicht der Sinn. Heinrich Manns „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ habe ich kurz in der Hand, lege es aber auch beiseite. Es wird dann John Steinbecks „Die kurze Herrschaft von Pippin IV.“ als schmale Taschenbuchausgabe. Während ich auf die anderen warte, sitze ich mit Blick auf den Nebenarm der Elde und lese. Das wechselhafte Wetter ist vergessen.
Helko Reschitzki, Moabit
Wie jeden Morgen schlurfe ich auch am Dienstag über die Putlitzbrücke zum Westhafen. Ich bin ausgeruht, aber nicht hellwach – im Prinzip mein Lieblingszustand. Links und rechts neben den Geländern sind dicke Wolken zu sehen – wie die Tage zuvor gehe ich durch unzählige Grauschattierungen. An meinem Umsteigebahnhof Westkreuz entdecke ich am Bahnsteig gegenüber ein riesiges Plakat und bin schlagartig elektrisiert: Auf gelbem Hintergrund steht dort „Kraftwerk im Bauhaus Dessau“, dazu pixelartig stilisiert die berühmten Bandrobotermenschen. Es handelt sich um die Ankündigung zweier Konzerte, die Ende letzter Woche stattfanden. Kraftwerk im Bauhaus – viel besser lässt sich das, was im letzten Jahrhundert kulturell von Deutschland aus über den Globus strahlte und bis in die heutige Zeit unser Wohnen und die Popmusik prägt, nicht zusammenfassen. Einerseits Kraftwerk – junge westdeutsche Musiker, die als Kinder der Nazigeneration keine eigene, unbelastete Identität hatten. Die nicht den Rock und Pop der Briten und Amis kopieren, sondern etwas Neues erschaffen wollten. Die sich drei Alben lang langsam an die LP „Autobahn“ herantasten, deren langer, deutsch gesungener Titelsong bis heute ein Monolith ist. Die in ihrem Kling-Klang-Studio in Düsseldorf Sounds fanden, ohne die es keinen Hip-Hop, kein Techno, keine elektronische Tanzmusik und keinen modernen Pop gäbe. Die von Afrika Bambaataa, New Order, Depeche Mode, Coldplay, Dr. Dre, Jay-Z, Timbaland, The Prodigy, Underworld, Scooter, Missy Elliott oder Miley Cyrus gesampelt, von OMD, David Byrne, Simple Minds, Rammstein und U2 gecovert wurden. Die David Bowie, Brian Eno, Iggy Pop und Laibach explizit beeinflussten (Mute veröffentlichte 1994 eine Compilation, auf der slowenische Bands Kraftwerk feiern). In den Favelas tanzt man bis heute auf die Rhythmen von „Boing Boom Tschak“, aus denen der Funk Carioca entstand. Die Mitglieder von Kraftwerk sind die einzigen deutschen Musiker, die in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurden. Und dann das Bauhaus, das in den zwanziger Jahren das Wohnen neu erfand – klare Räume voller Licht und Luft; Architektur und Möbel auf ihre reine, nützliche Struktur reduziert. Form folgt Funktion. Und dabei die radikale Demokratisierung des Alltags im Sinn hatte – gutes, durchdachtes Design sollte kein Luxus mehr sein, sondern bezahlbarer Standard für die Allgemeinheit. Ein soziales Versprechen – mit Küchen, in denen alles in Griffweite war, und mit Einbaumöbeln, die den Raum maximal ausnutzten. Zuerst umgesetzt im kommunalen Wohnungsbau der Arbeitersiedlungen, später in jedem IKEA-Katalog zu finden. Das Bauhaus gehört neben BMW, VW, Mercedes, Aspirin, Nivea, Adidas und Kraftwerk zu den großen Exporten „Made in Germany“ – ganz gleich, ob aktuell irgendwelche Kulturkämpfer ausgerechnet in dieser Architektur- und Alltagsdesignikone einen „Irrweg der Moderne“ sehen wollen. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so sehr über ein Plakat gefreut habe.
„Neonlicht, schimmerndes Neonlicht …“ Meinen Lieblingssong der Düsseldorfer vor mich hinsummend, geht es weiter zum Schlachtensee. Während ich mich abtrockne, kommen zwei ältere Damen in die Bucht. Die eine streift Schuhe und Strümpfe ab, watet im Flachen und befindet, dass es zu kalt zum Baden sei. Darauf ich: „Das legt sich, wenn man erstmal schwimmt.“ Nun die andere: „Wir gehen immer nur dann rein, wenn es über 20 Grad sind.“ Ich: „Das sind garantiert noch 20 Grad.“ Die Frau im Wasser: „Niemals.“ Icke: „Ich hab ein Thermometer mit. Wenn Sie möchten, schmeiß ich das rein.“ Sie möchten, ich schmeiße. Wir schauen nach – 21 Grad. Woraufhin sie mir ein kandiertes Stückchen Ingwer schenken, sich hurtig ausziehen und in den See hineinschreiten.
Am Mittwoch hören zwei junge Arbeiter beim Pflasterverlegen vor der Polizeiwache in der Alemannenstraße (Direktion 4 – Abschnitt 43) per Boombox einen Raptrack, der mit „Das ist für dich, Deutschland“ beginnt. Ein Stück die Straße hoch hat DJ Universum, der den gesamten Tanzflur im Blick hat, das Motiv der ersten Kraftwerk-LP aufgestellt.
Ein paar Kilometer weiter endlich wieder Wasservögel in der Bucht! Eine mir unbekannte Frau und ich rätseln, ob die drei jungen Mandarinenten artrein oder Stockentenhybriden sind. Ihr Mann gesellt sich dazu. Beide stammen aus Sachsen und sind Rentner. Er erst seit ein paar Wochen, hat Jahre über das normale Eintrittsalter hinaus gearbeitet. Das sieht man ihm nicht an, er ist gut durchtrainiert. Ich frage nach. – „Das kommt vom Kampfsport und vom Job.“ Er ist für die Telekom auf Masten geklettert und dabei im Lande rumgekommen. Kennt das Hinterland, die deindustrialisierten Gegenden im Osten, wo der Wind über verfallene Fabrikgelände pfeift und keiner mehr lebt außer ein paar Alten. Er nimmt seit Langem den wachsenden Frust wahr, die zunehmende Entfremdung der Bürger von der Politik, die Schere zwischen Land und Großstadt.
Der Bitterfelder, der gerade seine Schwimmrunde beendet, hört uns und kommt neugierig herüber, weil er den Dialekt des Mannes nicht genau einordnen kann. Kurzer Herkunftsabgleich. Zwei Sachsen, ein Anhaltiner und ein Mecklenburger reden über Politik, nehmen dieselben Dinge wahr, die Veränderung, die gerade stattfindet und die man noch gar nicht so richtig benennen kann. Verabschiedung der beiden Rentner, die gerade auf Berlinbesuch sind, herumreisend ihren Ruhestand genießen. Der Bitterfelder erzählt, dass er auf meinen Tipp hin die ihm bislang unbekannte Pannach-&-Kunert-LP „Sånger Mot Rädslan“ im Internet gefunden und sich diese angehört hat – sie hat ihm sehr gefallen, klar.
Da ich hinterm Schilf in ihrem toten Winkel stehe, trifft am Donnerstag ein junges Stockentenweibchen beim Buchtanflug fast meinen Kopf. Sie bekommt gerade noch so die Kurve – da haben wir beide Glück gehabt. Als ich nach dem Baden auf der Bank meinen Tee trinke, kommt sie herangeschwommen und nimmt mit mir immer wieder Blickkontakt auf – Enten können sich Gesichter einprägen. Auf dem Rückweg sehe ich einen Kormoran, der sein Gefieder trocknet – die silbrig glänzenden Wellen geben dem Anblick die Anmutung eines VHS-Experimentalfilms. Nach dem Tischtennis ein langes Gespräch mit der Moldawierin über Krankheit, Tod und den besten Zeitpunkt, um Beziehungen zu beenden; als unser österreichischer Mitspieler hinzukommt, reden wir über pro- und präbiotische Ernährung und die Abschaffung des Kapitalismus.
Am Freitag treffe ich das alte, lichterfelder Umweltschützerpaar in der Bucht – beide fragen sofort, ob ich auf meinem Hinweg auch die Schwanenfamilie gesehen hätte, was ich bejahe. Unsere starke Vermutung in der letzten Woche, dass von den fünf Jungen eines nicht überlebt hat, wurde nun bestätigt – oder wie es Friedrich (wir sind seit dem Morgen per Du), der technisch denkende, lang schon pensionierte Elektroingenieur ausdrückt: „Ein Verlust von zwanzig Prozent.“ Wir reden noch ein wenig über Kunst, dann müssen sie los, da sie mit einer Freundin die Paul-Signac-Ausstellung im Barberini anschauen wollen. Am Nachmittag gerate ich in einen sturmgepeitschten Starkregen, habe es aber zum Glück nicht weit zum Schultheißcenter, wo ich mir bei Woolworth einen Kochtopf und bei dm Putz- und Lebensmittel kaufe.
Der heftige Regen hat von den Eiszeithängen eine Menge Muttererde in den Schlachtensee gespült, wodurch man am Samstag ganz deutlich die Spuren sieht, welche die von den Mitschwimmern und mir noch nicht identifizierten Wassertiere seit einiger Zeit auf dem Grund hinterlassen.
Ein düsterer Morgen voller Wolken, Wind und somit Wellen. Es sind die üblichen Mitschwimmer da und jene, die nur am Wochenende kommen. Der Bitterfelder und seine Frau berichten, dass sie, nachdem ich ihnen ein wenig von meinen dortigen Besuchen erzählt hatte, am Nachmittag zuvor in das Russische Haus in der Friedrichstraße wollten – dieses aber geschlossen war. Am Dienstag hatte der deutsche Bundesinnenminister zusammen mit unserem Außenminister das bevorstehende Aus für das ehemalige UdSSR-Kulturinstitut bekannt gegeben und die Kündigung des Vertrages angekündigt. Die dahinterstehende Begründung, dass die Einrichtung eine Geheimdienstzentrale des Kreml sein soll, passt perfekt zur Gesamtgeschichte des Vorfalls auf dem Hub Halle-Leipzig, wo vor einem Monat ein Busfahrer eine mit Sprengstoff bestückte Drohne über dem Rollfeld entdeckt, per Fußtritt zu Boden befördert und so die Explosion einer ukrainischen Antonow, die regelmäßig Rüstungsgüter ins heimatliche Kriegsgebiet bringt, verhindert haben soll. Minister Dobrindt bedauerte, dass er Beweise schuldig bleiben muss, da Russland es einem „zwar sehr, sehr leicht mache, einen Verdacht zu haben“, aber auch „sehr, sehr schwer, den Beweis zu führen“, weshalb die offizielle Tatzuordnung auf einer vertraulichen Gesamtschau polizeilicher Ermittlungen und nachrichtendienstlicher Daten beruhe, deren Offenlegung die Quellensicherheit gefährden würde. Nicht einer, mit dem ich dieser Tage zufällig sprach, glaubt davon auch nur ein Fünkchen, nicht einmal die treuesten der treuen Tagesschau-Zuschauer.
Nachdem wir uns vierzehn Tage nicht über den Weg gelaufen waren, treffe ich auf den ehemaligen Fahrzeugingenieur. Wir quasseln uns fest, reden anderthalb Stunden. Wie ich auch hat er vor ein paar Jahren seine Ernährung umgestellt und ist seitdem viel fitter (und hat nebenher als vorher stark Übergewichtiger 25 Kilogramm abgenommen). Er trinkt wie ich keinen Alkohol mehr, worüber der Körper selbst bei vorher kleinen Mengen dankbar ist. Wir tauschen uns über die Geschmacksexplosion aus, die man erlebt, wenn man gesünder isst und alles intensiver schmeckt, obwohl man viel geringere Gewürzmengen benötigt; und darüber, was man lernt, wenn man sich ganz neu mit dem Kochen beschäftigt; und dass man seltsamerweise kaum noch das Bedürfnis hat, Brot und Fleisch zu essen. Wir sind begeistert über das wachsende Angebot an Bio-Lebensmitteln, die viel preiswerter sind als früher und nun auch in der Provinz zu bekommen sind. Justament als ich ihm von der Ente erzähle, die am Donnerstag mit mir Kontakt aufgenommen hatte, kommt diese in die Bucht geschwommen und steuert geradewegs auf mich zu, wobei sie etliche Mitschwimmer passiert. Der Ingenieur ist fasziniert – wie wenig man doch über die Tiere um einen herum weiß …
Auf dem Weg zur S-Bahn gerate ich wieder in einen heftigen Schauer. Ich habe einen Schirm dabei, der sich diesmal auch nicht umstülpt oder wegzufliegen droht wie am Vortag. Festzuhalten ist noch, wie früh es nun dunkel wird. Und wenn die Nacht anbricht, ist diese Stadt aus Licht.
Am Sonntag Ausruhen von der Koblenz-Sayntal-Runde und weiteres Aussortieren. Meine Kids sehen mir über die Schulter, weil sie dann doch nicht allzu viele der schönen Kunst- und Fotobände missen wollen. Ich selbst trauere der schieren Papier- und Druckqualität vergangener Jahrzehnte nach – und den gut bezahlten Autoren, die richtig was auf dem Kasten hatten. Dadurch, dass jetzt überall alles verramscht wird, verklappe auch ich mit zunehmend leichter Hand Dinge – was den Effekt hat, dass ich nicht mehr weiß, was ich letzte Woche weggegeben oder weggeschmissen habe. Eine klare Trennung von Sachen, die man einfach nicht mehr haben will – und dann sind sie vergessen. Behalten werde ich so etwas wie Inge Moraths „Iran“ aus der goldenen Ära des Fotojournalismus. Aus solchen Büchern kann man viel besser als aus der tagespolitischen Berichterstattung historische Entwicklungen ablesen und Adam Toozes Kernfrage „Wie kam es dazu?“ beantworten. Zwischendurch gibt es selbstgemachte Waffeln mit Pflaumenkompott.
Am Montag lese ich noch einmal die hervorragenden Schlusskapitel von Hararis „SAPIENS“ über Industrialisierung und Kapitalismus. Das Schlimmste, was unserem System zustoßen kann, ist ein massiver Vertrauensverlust in die Zukunft. Ist dieses Fundament weg, kollabiert alles: Es wird nicht mehr reinvestiert, der gesamte Kreislauf aus Krediten und Wertpapieren bricht zusammen. Und nichts beschädigt eine Zukunftserzählung nachhaltiger als kaum noch zu stemmende Kosten für Grundbedürfnisse wie Wohnen, Heizen oder Essen, ohne dass dem eine plausible Fortschrittsvision gegenübersteht. Hararis Ausführungen zur permanenten Neuerschließung von Energiequellen zeigen, dass alles unschön wie eh und je ist, wenn es um so etwas wie Landnahme, Schürfrechte und Seewege geht. Von dieser globalen Härte sollten unsere moralisch auftretenden Vorgartenökoaktivisten eigentlich wissen – aber ich denke, wir haben es in jener Community mit einer kollektiven Flucht in sorgsam gepflegte Idyllisierungsbezirke zu tun. Mein Sohn hingegen verdiente sich dank irgendeiner Tipico-Aktion 80 Euro mit einer Barca-Wette. Er sagt, dass das Geld in zwei Tagen auf seinem Konto ist und dass ihm natürlich klar sei, dass die wollen, dass man damit weiter wettet. Gewitter mit fünfzehn Minuten Starkschauern.
Nachdem ich Dienstagfrüh ein wenig den Autoreifen zugehört habe, erfreut mich wie gewohnt SWR Kultur mit lieblichen Tönen. Seit ein paar Tagen streut das regionale Minderheitenprogramm immer mal wieder MDR-produzierte Berichte aus Sachsen-Anhalt ein – es kommt einem so vor, als entdecke man gerade, dass der Dritte Stand wählen darf und außer Kontrolle zu geraten droht. Per Rad den nächsten Schwung Familienkalorien besorgt. Grauer, nebliger Herbsttag mit leichtem Wind und Schauern – und auf einmal redet niemand mehr über Missernten.
Am Mittwoch im SWR ein sehr schönes Feature über Nina Simone. Am Donnerstag nach einem langen Elternabend sehr erschöpft zu Bette. Am Freitag Kameras mitsamt Zubehör vom Speicher geholt. Ab und an bekomme ich etwas von dem ausgemisteten Zeug verkauft, doch das Meiste ist inzwischen leider wertlos. Zwei weitere Verschenkkisten gefüllt und eine aufschlussreiche Studie zum Alterstraining verarbeitet: Eine zweiwöchige Pause wirkt sich auf die Sauerstoffaufnahmefähigkeit eines (trainierten) Sechzigjährigen wie zehn Jahre Alterung aus! Da die anabole Verarbeitungsfähigkeit unseres Stoffwechsels abnimmt, müssen mehr Proteine aufgenommen werden. Alles wertvolle Anreize, trotzdem gibt es schon wieder Tiefkühlpizza. Wie jeden Tag aufs Rad. Im Netto eine Schülerinvasion, die Durstlöscher und Aufbackteig kauft – das ist ihr Mittagessen oder der Snack vor dem Heimweg; ich zeigte ihnen eine Banane. Neben mir an der Kasse ein im Rollstuhl sitzender Mann meines Alters. Zuerst bemerke ich seine krebsroten Füße, deren Zehennägel nicht beschrieben werden können. Als ich den Urinbeutel an der Seite sehe, bekomme ich Mitleid. Aus der Büchertelefonzelle fische ich die Perle „Nie wieder Höhenluft“ von Octave Mirbeau.
Die Natur riecht jetzt ganz anders, üppiger, krautiger. Unser Trompetenblumenbaum stößt letzte Fanfaren aus. Geweckt werde ich aber meist von den Klängen der Kirche gegenüber. Mindestens drei Ebenen überlagern sich dabei: Obertöne, das helle Singen der Klöppel und der Hauptschlag; das Ganze wird verstärkt durch den Dachstuhl des Turms. Bei Harari las ich, dass die BBC im Zweiten Weltkrieg ihre Radionachrichten zunächst wie all die Jahre zuvor mit der Live-Ausstrahlung des Stundengeläuts von Big Ben übertrug. Irgendwann fiel den Nazis auf, dass das bei Nebel anders klingt als bei Hochdruck, was sie dann als Wetterbericht für ihre Luftwache nutzten. Als die Briten das mitbekamen, sendeten sie nur noch eine Tonkonserve. Seit Anfang dieser Woche erhellen große rote Kerzen unser Haus. Bei grandiosem, mildem Frühherbstwetter geht das Leben seinen unauffälligen Gang.
HEL Toussaint, Prenzlauer Berg
Foto: Helko Reschitzki „Dünen“
Frank Schott, Leipzig
In einem Paralleluniversum war meine Seele offenbar einer erneuten Sonnenfinsternis ausgesetzt; jedenfalls floh mich wie vor einigen Wochen der Schlaf. Ich stehe halb sechs mit meiner Frau auf, ziehe meine Sportsachen an, schnüre die Laufschuhe und beginne, in den Sonnenaufgang hineinzurennen. Es sind keine Ferien mehr, und so sind die Straßen auch jetzt bereits befüllt mit Autos und Fahrrädern. Fußgänger sehe ich nur wenige – wer so früh raus muss, sichert sich jede Minute Schlaf, die er kriegen kann, geht spätestmöglich aus dem Haus und fährt, um auf dem Weg zur Arbeit Zeit zu sparen.
Die Pferderennbahn wird von Frühnebel verhüllt. In der Nacht hatte es wieder geregnet, die Feuchtigkeit schläft nun als langgestreckte, vielleicht zwei Meter hohe Wolke über dem Rasen. Am Flusslauf ist dagegen klare Sicht. Hinter der Silhouette der Stadt schimmert das Morgenrot hindurch.
Im Laufen schweifen die Gedanken. In der Montagsrunde der gefallenen Engel waren mein Frust und meine Enttäuschung wegen der erhaltenen Jobabsagen das Thema. Munter ging es zur Sache: „Im Bewerbungsgespräch musst du lügen. Du musst sagen, was die hören wollen“, hieß es. „Wenn man nicht lügt, darf man zumindest nicht alles sagen. Sonst kriegt man den Job nicht“, meinte jemand anderes. „Die Personaler dürfen kein Risiko eingehen. Wenn sie den Falschen einstellen und der die Probezeit nicht übersteht, wird die Stelle möglicherweise gesperrt oder gar nicht mehr ausgeschrieben“, kam als weiterer Hinweis. Hinzu komme, dass der Arbeitsmarkt gerade immer schwieriger werde.
Als ich sagte, dass alle fünf Bewerbungsgespräche mit öffentlichen Auftraggebern erfolgten, wurden die Kommentare noch erschreckender: „Die wollen gar keine Außenstehenden einstellen. Die müssen die Gespräche führen, aber wer nicht schon im öffentlichen Dienst gearbeitet hat, der hat keine Chance. Nie im Leben.“ Soweit das Salz in der Wunde. Doch dann kam der Zuspruch: „Da wärst du vermutlich ohnehin nicht glücklich geworden.“ Und: „Das klappt schon!“
Ich erreiche den Wald. Das Dunkel klebt noch zwischen den Bäumen. Die automatische Bildverarbeitung meines Smartphones denkt sich: Das ist ja noch dunkel zwischen den Bäumen. Lass mich das Bild aufhellen. Und so sieht der Schnappschuss aus, als wäre es fast schon helllichter Tag. Es ist mein erster Lauf nach fast einwöchiger Pause aufgrund der Knieprobleme. Körper und Seele schreien: Lauf! Knie und Verstand warnen: Übertreib’s nicht! Also entscheide ich mich, während die Sonne eine Postkartenidylle über die Klingerbrücke zaubert, für eine kleine Extrarunde und komme final auf rund sieben Kilometer. Das Knie bleibt stabil.
Zurück zuhause, es ist noch nicht halb sieben, empfangen mich unsere beiden Kater, die zwischen Bäumen und Büschen lauernd auf mich warten. Kurzer skeptischer Blick, dann machen sie wieder, was Kater so machen, wenn sie unter sich sind. Von einem Balkon des Vorderhauses maunzt traurig ein dritter Kater. Er darf zuschauen, aber ein Katzengitter verhindert, dass er auf Wanderschaft geht. So haben sich die DDR-Bürger gefühlt, wenn sie Westfernsehen schauten – angucken okay, hingehen und mitmachen unmöglich.
Ich mache mich frisch und begleite dann meine Frau zu ihrer Arbeitsstelle. Auf unserem Weg liegen eine Grundschule und eine Gesamtschule. Kurz vor Unterrichtsbeginn sind ganze Scharen von Schülern unterwegs. „Die Barbaren stürmen die Tempel“, sage ich zu meiner Frau. Ein bisschen erinnern die Massen – die älteren fast uniform in Schwarz gekleidet, die jüngeren farbenfroh und Hand in Hand mit den Eltern oder eingepfercht in Lastenfahrrädern – in der Tat an eine Invasion.
Ich verabschiede meine Frau und entscheide mich unterwegs für einen doppelten Espresso in einem Café. Ich bin erschrocken – das ist vermutlich der ekelhafteste Kaffee, den ich je getrunken habe. Säuerlich im Nachgang wie verdorbene Milch. Ich formuliere beim Abgeben der Tasse vorsichtig: „Das ist schon ein ziemlich ungewöhnlicher Geschmack.“ Aber ich bekomme nur stolz zu hören, dass es die eigene Röstung und Mischung sei, Kolumbien und Guatemala, wenn ich mich recht entsinne. Hm, denke ich mir. Vielleicht solltet ihr die Mischung auch mal kosten? Was soll’s. Ich habe nebenbei immerhin in Ruhe ein paar Seiten lesen können. Die Welt geht von schlechtem Kaffee nicht unter.
Beim Lesen stürze ich mich aktuell auf die Klassiker im Reclam-Format aus meiner kleinen Bibliothek, die ich um die Wendezeit erworben, aber bislang nicht gelesen hatte. Nach E. L. Doctorows „Ragtime“ (wer heute vom „Klassenkampf“ faselt, sollte darin mal nachlesen, wie Arbeiter zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt und gelitten haben) folgt nun Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“. Ich lass mich überraschen.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 21:46:44, 01-09-2026
Helko Reschitzki, Moabit
Der Freitag beginnt mit einer toten Maus auf dem Gehsteig vorm Haus. Obwohl ich alles andere als ein Nagerpathologe bin, sehe ich eine Wunde direkt in der Nackenregion hinter dem Ohr und eine zweite am oberen Drittel des Rückens. Es handelt sich um tiefere, tropfenförmige Risse im Fell, aus denen Blut ausgetreten ist. Auch um das Maul herum sind Blutspuren zu sehen, und vor dem Unterleib befindet sich eine ganze Lache. Die beiden Wunden im Nacken- und Rückenbereich entsprechen den Stellen, an denen für gewöhnlich Raubtierfangzähne zuschlagen. Auch ohne Obduktion vermute ich den rückgratbrechenden Tötungsbiss einer Katze, der oft die inneren Organe quetscht – dies würde den Blut-, eventuell sogar Gewebeaustritt am Hinterleib erklären. Es bleiben Zweifel – vielleicht war es auch ein Marder oder eine Ratte.
Keinerlei Vertun gibt es wiederum in der Beantwortung der Frage, wie das außergewöhnliche Morgenlicht zu bezeichnen ist – fahl ist es. Das Schilf am Schlachtensee wiegt sich sanft nach Westen und zurück – wir haben dort den dritten Tag hintereinander eine Brise von Osten, aber keine so starke wie am Mittwoch. In der Bucht rede ich mit meiner Lieblingsmitschwimmerin erstmalig über Politik – sie spricht mich auf die Abgeordnetenhauswahl und die der Bezirksverordnetenversammlungen im September an, da sie sich absolut unschlüssig ist, wo sie ihre Kreuze machen soll, und große Angst hat, dass eine spezielle Partei gewinnen könnte. Ich bin da leider keine allzu große Hilfe, erzähle aber von der oft konstruktiven Zusammenarbeit aller Fraktionen in Fachausschüssen und mache das am Thema Berliner Forste fest. Dabei stellt sich heraus, dass sie für ein paar Jahre im Bundesumweltministerium gearbeitet hat. Interessant ist, dass ich die parlamentarische Demokratie inklusive des behördlichen Unterbaus für wesentlich robuster halte als sie. Da mag eine Rolle spielen, dass sie im Gegensatz zu mir aus der Bundesrepublik stammt und noch keinerlei essenzielle Staatskrise erleben musste, geschweige denn einen Systemzusammenbruch. Einig sind wir uns in der Bewertung der zunehmenden Verwerfungen des Kapitalismus, wie etwa am Wohnungsmarkt oder bei der Überproduktion und dem damit verbundenen Raubbau an der Natur. Bemerkenswert, dass inzwischen so offen – und das unter quasi Fremden – über Politik gesprochen wird. Das ist ein guter Anfang. First, we take Berlin, then we take Manhattan.
Erst sieht man sich wochenlang gar nicht, dann drei Tage hintereinander – kurz nachdem die Mitschwimmerin weg ist, kommt der Bitterfelder in die Bucht, sodass wir unser aktuelles Gespräch fortsetzen können. Er ist Jahrgang 1962 und wollte als Siebzehnjähriger mit zwei Freunden über die ČSSR nach Österreich abhauen und von dort in die BRD gelangen. In der Nähe von Budweis wurden sie aus dem Zug gefischt. Sein erster Knasttag lag exakt auf seinem 18. Geburtstag. Die Wärter waren brutal; ausgerechnet die Stasimitarbeiter, die vor Ort Verhöre durchführten und Spitzel rekrutieren wollten, verhinderten das Ausufern des Sadismus und sorgten immer wieder für Ordnung. Wir sprechen über die Grauzonen des Themas MfS und machen uns über den Film „Das Leben der Anderen“ lustig, an dem nun mal so gar nichts stimmt. Er freut sich, dass ich am Vorabend Pannach & Kunert aufglegt habe – wir zitieren ein paar Lieblingszeilen. Vieles von dem, was wir in der DDR hörten, hatten wir uns auf Kassette überspielt. Da sein Vater im Magnetbandwerk von ORWO arbeitete, saß er an der Quelle und musste „nur noch“ die Gehäuse besorgen, um Tapes zusammenzuschrauben. Bis zu neunzig Minuten liefen problemlos; die LP-Cover (natürlich Frank Zappa und Scherben!) wurden abfotografiert. Den Überspielservice in Budapest, von dem ich erzähle, kannte er noch nicht – klar, da saß er im Kahn oder war bereits im Westen. Die Begegnungen in der Bucht sind wie eine Netflix-Serie – man trifft auf diverse Charaktere, deren Geschichte bei jedem Treffen weitererzählt wird; manche der Protagonisten kennen einander, die meisten nicht. Hauptfigur bin ich, der durch sein Verhalten (Fragen) die Weiterentwicklung beeinflusst. So in etwa wird wohl auch das interaktive, ki-gesteuerte, hyperindividualisierte Filmstreaming der Zukunft aussehen – ich bevorzuge weiterhin die Echtlebenkontakte.
Am Nachmittag schaue ich im KVOST die (teilweise) Rekonstruktion der Ausstellung „Musik in der bildenden Kunst der DDR. Malerei, Grafik, Plastik.“ an, die zuerst 1985 in Ost-Berlin und anschließend bis 1988 in Paris, Wien, Duisburg, L’Aquila, Bukarest und Kuwait-Stadt gezeigt wurde. Wo am Morgen beim Erzählen mit dem Bitterfelder trotz all seiner düsteren Erlebnisse nicht eine Sekunde irgendeine Bedrückung aufkam, befällt mich bei Betrachten dieser angeblich freieren DDR-Werke sofort wieder das damalige Ostzonen-Gefühl der geistigen und künstlerischen Enge. Ich erinnere mich noch an das Erstaunen, das ich beim Lesen von Stachelhaus‘ Beuys-Biografie empfand, die ich als brandneue Reclam-Lizenzausgabe im Sommer 1989 las, die Weitung des Denkhorizonts durch die Zitate des Düsseldorfer Künstlers. Und ein paar Monate später konnte ich dann nach und nach all die Avantgarde-Werke des Westens (und auch viel Zensiertes aus dem Ostblock) sehen. Ab und an ist so ein Abgleich nicht verkehrt, damit man weiß, wie frei wir heute sind. Bevor ich mir noch einen der unvermeidlichen Hans-Ticha-Körperkugeln in den Kopf schieße, gehe ich raus – selbst die megastaubige Baustelle in der Krausenstraße inmitten der Hochhäuser ist aufmunternder als all die endbiedere Trübnis im Kunstverein Ost.
Am Samstag ist die Ringbahn teilgesperrt, sodass ich einmal mehr die Alternativstrecke fahre und am Südufer ins Wasser gehe. Es trifft sich gut, dass ich Rathaus Steglitz umsteigen muss – so kann ich auf dem Rückweg neue Aleppo-Seife kaufen. Nach dem Bezahlen gehe ich im Naturkaufhaus noch auf die Toilette. Als ob der Blick aus dem Fenster unter dem Dach des hohen Gebäudes nicht bereits spektakulär genug wäre, werde ich Augenzeuge eines Helikoptereinsatzes. Das ist bestimmt Snake Plissken auf dem Weg zu einem Tennisclub, um die Bürgermeistertochter aus den Fängen von Albinozombies zu befreien.
Ich weiß nicht, ob es mit dem Rettungshubschrauber zu tun hat, aber anschließend auf dem Bahnsteig stauen sich zunehmend die Fahrgäste. Die Anzeigentafel spielt verrückt. Irgendwann die Durchsage, dass die Linie wegen eines Notarzteinsatzes unterbrochen ist und wir auf andere Verkehrsmittel wie den Bus umsteigen sollen. Da ich keine Lust auf dichtgedrängte Menschenmassen habe, beschließe ich, die Zeit, bis die U9 wieder fährt, zu überbrücken – vom Naturell her war ich schon immer ein Zocker. Als ich die Treppe hochgehe, höre ich von oben sehr laute Musik – ein live gespieltes Stück, das ich sofort als „Shine On You Crazy Diamond“ identifiziere. Das Vereinigte Königreich wird doch nicht etwa Roger Waters wegen wiederholten Querdenkertums ausgewiesen haben und er sich nun als Straßenmusikant in Berlin durchschlagen müssen?! Auf der Schloßstraße Entwarnung – der Gitarrist ist nicht Waters. Es wäre auch zu absurd gewesen, dass der Pink-Floyd-Begründer ausgerechnet nach Deutschland flieht, wo ihm die Presse auf übelste Weise das vorwirft, wofür sie ihn jahrzehntelang bejubelte: Kritik an autoritären Strukturen, korrupten, kriegsgeilen Herrschern und die Warnung vor Mitläufertum. Ich schlender etwa einen Kilometer weiter und stöbere eine Stunde im größten Antiquariat der Stadt. Mit dem für 3,50 Euro erworbenen Buch „Sentimentale Reise“ von Viktor Sklovskij im Rucksack steige ich zur U-Bahn herunter, die inzwischen wieder fährt.
Am Sonntagmorgen treffe ich auf dem S-Bahnhof in Steglitz auf einen Betrunkenen, der sich mit zwei sehr jungen Rettungsschwimmern von der DLRG unterhält, oder ihnen vielmehr etwas vorlallt. Er war am Abend zuvor bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU, auf der es Freibier gab; er hat sich dann noch den Parteiwerbebeutel (den er uns mitsamt den nunmehr leeren Flaschen entgegenstreckt) befüllt und die Nacht weitergetrunken. Ich will von ihm wissen, ob er deshalb nun CDU wählen würde, es folgt ein wirrer Monolog über die Qualifikationen von Politikern im Allgemeinen und Speziellen – was frage ich auch so doof. Dann steigt er in die Bahn gegenüber, was mir Gelegenheit gibt, mich in ruhigerer Atmosphäre mit den DLRG-Leuten zu unterhalten. Sie setzen zur Überwachung noch keine Drohnen oder KI ein, verlassen sich weiterhin auf ihre Erfahrung und Menschenkenntnis: „Man sieht sofort, wer Segelanfänger oder ein leichtsinniger Typ ist.“ Hauptunfallursachen sind Alkoholisierung, Drogenkonsum, Überschätzung – persönlich hatten sie den Fall einer Querschnittslähmung nach einem Köpper vom Boot. Dazu kommt, dass viele Migranten nicht schwimmen können, was ebenso für viele Kids gilt und eine Spätfolge der kinderverachtenden Corona-Maßnahmen ist, da die damals ausgefallenen Kurse bis heute wegen Überfüllung nicht kompensiert werden konnten. Dazu kommt das Problem der aus kommunalem Geldmangel oder wegen Baufälligkeit geschlossenen Schwimmbäder. Sie schildern mir eine Rettungskette, die Abläufe und Zuständigkeiten, was ich sehr spannend finde. Die beiden, eine junge Frau und ein junger Mann, sind vielleicht achtzehn Jahre alt und haben mehr Verantwortungsbewusstsein und sozialen Durchblick als all die Wahlkämpfer, die mir dieser Tage über den Weg laufen. Ich danke ihnen von ganzem Herzen für ihren Einsatz – ohne Ehrenamtler wie sie wäre das Leben in unserem Land ungleich ärmer. Sie sind es, die – oftmals unbemerkt – das Fundament für unser Gemeinwohl bilden.
Am Montagmorgen Schwimmen im kräftig strömenden Regen. Die Augen direkt über die Wasseroberfläche gerichtet, drehe ich mich um meine eigene Achse – das vorbeziehende Bild der springenden Tropfen ist unglaublich. Auf dem Rückweg sichte ich mal wieder einen Kormoran sowie die Schwanenfamilie, die anscheinend ein Junges verloren hat.
Und auch dieser letzte Augusttag zeigt wieder schöne Wolkenbilder, zum Beispiel auf dem Rückweg vom Biomarkt. Im Gegensatz zu den Discountern ist es dort nicht überfüllt – wer zum Monatsende kein Geld hat, kauft bei Aldi, Kaufland oder Penny ein, auch wenn das nicht in jedem Fall günstiger ist. Junge Mädchen geben das frische Geld für dm-Kosmetika aus und die Glutamatjunkies für zwielichtige Imbiss-Asia-Gerichte. Vor den Geldautomaten sind Schlangen – Business as usual.
Frank Schott, Leipzig
Die Absage vom Donnerstag ist ein richtiger KO-Schlag. Es fühlt sich an, als wäre etwas in mir zerbrochen. Etwas, das mir Halt, das mir Kraft gegeben hat. Fünf Bewerbungsgespräche, fünfmal ein guter und offener Austausch, ehrlich und transparent. Und anschließend fünfmal die Absage. Das ist so unwahrscheinlich, dass ich den Fehler zwangsläufig bei mir suche. Ist es mein Alter?
Lanz und Precht hatten in der jüngsten Podcast-Folge über den Kanzler und die CDU gesprochen. Precht trat dabei der Rentenreform und insbesondere dem Ende der Rente mit 63 entschieden entgegen. Er meinte, dass die Firmen sowieso die älteren Mitarbeiter loswerden wollen, da sie zu teuer, vielleicht auch zu unflexibel seien. Es sei eine Illusion, dass es Jobs für all die älteren Menschen gebe. Ist es das, was mir passiert? Bin ich zu alt?
Als hätte es noch eines Zeichens bedurft, macht am Aabend auch das rechte Knie schlapp. Ich kann es nicht schmerzfrei durchstrecken, bewege mich mit leicht angewinkeltem Knie, als würde ich bergauf oder bergab laufen. Zugegeben, ich hatte meinen Körper wirklich strapaziert – erst der Lauf über elf Kilometer, dann lange Märsche gegen die Selbstzweifel und später noch ein intensives Fußballtraining mit den Kids. Letzteres tat mir gut, wie überhaupt jede Art von Tätigkeit, die den Körper fordert und den Geist beschäftigt.
Ha, Tätigkeit! Und augenblicklich schleicht sich wieder düstere Verzweiflung in mein Denken. So ist es seit der Absage jeden Tag – ob bei Sonne, Wind oder Regen, ob daheim, ob unterwegs. Schübe von Depression durchfluten mich. Es ist doch alles sinnlos, vergebliche Mühe. Ich bin ein ausgemustertes Relikt der Vergangenheit, wie der Trabant, ein nostalgisch belächeltes Auslaufmodell.
Am Sonntagvormittag kommt etwas Farbe in meine triste Welt. Da alle anderen fünf Übungsleiter verhindert sind, begleite ich sieben Jungs unserer F-Jugend, Jahrgang 2018, zu einem Turnier in Mölkau. Von drei der Jungen kenne ich noch nicht einmal die Namen, da sie noch nie mit mir trainiert haben.
Es geht also nach Mölkau, einem Stadtteil von Leipzig, etwa zwanzig Fahrradminuten entfernt, nach Osten, der tiefstehenden Sonne entgegen. Es sind nur vier Mannschaften – zwei einheimische Teams, eines aus Schkeuditz und wir von Turbine. Ich bin der Trainer, der am meisten brüllt, Hinweise gibt, zum Abspielen auffordert, Jungs aufschreckt und ins Spiel zurückholt, die für Momente abschalten – wie Roboter, denen der Strom ausgegangen ist. Jeder spielt zweimal gegen jeden. Wir gewinnen drei Spiele deutlich, verlieren zwei unglücklich und kassieren eine deftige Niederlage. Für zwei Stunden ruhe ich komplett in mir und bin voller Leben und Freude.
Der anschließende Nachmittag ist dafür so grau, dass ich alles hinschmeißen möchte. Wozu noch bewerben? Wozu noch sportlich betätigen? Wozu noch rausgehen? Warum nicht einfach billigen Wein aus dem Tetrapak saufen, bis sich alkoholdunstiges Vergessen einstellt? Oder wie die Tauben auf der Parkbank sitzen und Zeugs in mich reinstopfen, Passanten anpöbeln und Exkremente einfach fallen lassen? Wozu sich mühen?
Auch der Montag beginnt tiefgrau. Passenderweise regnet es. Ich schlurfe schweigend neben meiner Frau her, begleite sie wie üblich zu ihrer Arbeitsstelle. Arbeit! Oder eben nicht, wie bei mir, dem nutzlosen, ungewollten, nicht benötigten Übrigbleibsel von der Resterampe. Es ist dunkel an diesem Morgen. Autos und Fahrräder haben ihre Scheinwerfer an, die sich auf dem feuchten Asphalt spiegeln. Menschen mit Regenschirmen puzzeln sich aneinander vorbei.
Nachdem ich mich von meiner Frau verabschiedet habe, will ich nicht nach Hause – Montag ist Bewerbungstag. Wozu sich quälen und bewerben, wenn doch niemand zugreifen wird? Also gehe ich. Und gehe. Und gehe. Dann, plötzlich, ich habe gerade den kleinen Park hinter der Moritzbastei durchquert, ist der lähmende Druck weg. Als hätte Gott oder eine andere Kraft ein Einsehen mit mir gehabt. Ich fühle mich befreit und sehe mich in der Lage weiterzumachen. Montag ist schließlich Bewerbungstag.
Es regnet noch immer. Ich gehe in eine Bäckerei und bestelle mir ein Frühstück. Ich finde einen Tisch an einem Bücherregal – ein gutes Zeichen. Mein Frühstück bringt ein Serviceroboter an den Tisch. Aber das wirft mich nicht aus dem neu erlangten Gleichgewicht. Der Mensch braucht den Menschen, braucht das Gespräch, braucht die Inspiration eines klugen Gedankens. Ich bin mir sicher, auch ich werde gebraucht. Auf jeden Fall bereits heute Nachmittag, wenn ein neues Training ansteht.
Christoph Sanders, Thalheim
Der Mittwoch grau, mild, luftig. Im Keller einen Gelbe-Tonne-Sack gefüllt. Ansonsten gilt es, den eigenen Abfall zu minimieren – man kann Autos inzwischen fünfzig Jahre fahren, Fahrräder vermutlich hundert; meine Räder sind bald dreißig alt, es gibt nur wenige Verschleißteile. Gestern besorgte ich mir vom Trödler zwei hervorragend gefertigte Chrom-Vanadium-Stahl-Maulschlüssel aus den 1970ern, ganz im Geiste Walker Evans‘ und dessen Fotoserie „Beauties of the common tool“. Aus dem Ladenradio verkündete jemand 0,3 % Wirtschaftswachstum als strahlende Zukunft, da lachte der Händler laut auf, zeigte mir einen Hundert-Euro-Schein von 2002 und sagte, dass inzwischen immer mehr seiner Kunden damit zahlen würden: „Weißt Du, was das ist? Das sind die Notgroschen unter der Matratze. Den Leuten geht es gerade ans Eingemachte.“ Ich werde diesem wertvollen Wirtschaftsindikator die Treue halten, wo sonst könnte ich sinnvolles Recycling betreiben und gleichzeitig unsere Welt von unten sehen. Am Nachmittag Befüllen der grauen Tonne und endlich was für den eigenen Blog fertigbekommen.
Der Donnerstag warm und behaglich. Radpause. Zum Mittag gibt es Bio-Rumpsteak mit hessischen Strauchbohnen – meine Kinder grunzen vor Genuss. Weiterarbeit an meinem großen Albenprojekt, heute geht es ans Kapitel „Telefonzellen“ – als Ergänzung zu meinen Fotos habe ich die Gegenseiten mit zeitgenössischen Werbetelefonierern aus dem FAZ-Magazin garniert; Anfang der Neunziger waren ISDN und Fax das heiße Ding. Wie viel von den drei Kartons voller FAZ-Magazine im Hause verbleibt, mag meine Frau entscheiden; sie fand neulich, dass die Artikel so gut seien, dass man sich damit die Rentenzeit vertreiben könne.
Bei schwülem, gewittrigem Wetter mit dem Auto in die Nachbarstadt. Auf dem Rückweg eine Nachbarin von der Bushaltestelle mitgenommen. Sie arbeitet im Gewerbegebiet in der Nudelfabrik, 5:30 Uhr beginnt die Schicht. Für Ostern und Weihnachten werden besondere Nudelformen hergestellt, sie beliefern unter anderem Norma und Netto. Sie und ihre Familie stammen aus Sri Lanka und haben sich bei uns an der Ecke ein sanierungsbedürftiges Haus gekauft. Ihre beiden Töchter sind mittlerweile ausgezogen; diejenige, die an einen Landsmann verheiratet wurde, hat Sorgen, da er verschwunden ist. Wir unterhalten uns über die Früchte am Wegesrand: „Je früher man die Pflaumen erwischt, desto weniger Maden sind drin!“ In den Nachrichten die Meldung über eine massive Sicherheitslücke bei der Telekom, Vodafone und O2-Telefónica. Schon beim bloßen Anklingeln werden unverschlüsselt die individuellen Gerätekennungen übermittelt, was insbesondere für Geheimdienste interessant ist, die darüber Spionagesoftware aufspielen und Bewegungsprofile erstellen können. Mein Sohn fragte, ob das auch für Prepaid gelte – man solle sich da keine Hoffnung machen, fürchte ich. Wäre ich Hacker, würden mich eher Banking-Apps interessieren.
In der Nacht auf Freitag plötzlich aufkommender Wind – die Südseite des angekündigten Gewitters, die uns aber nur leichten Regen bei tropischer Luft bringt. Die Brombeersaison ist nun endgültig vorüber – letzte Sommertage; die Witterungskatastrophen haben sich gen Nepal verzogen. Man taumelt weiter. Krise an der Ausmistungsfront: Die Obi-Kartons lassen sich nicht ordentlich stapeln und sacken unter Belastung in sich zusammen – schnell zu Aldi! Schlangen vor den Pfandautomaten – noch ist das frische Monatsgeld nicht da, noch kleben auf der teuren Milch die „minus 30 %“-Aufkleber. Ich habe Glück und erwische einen Zehner-Schock Kartons, von denen sich je vier stapeln lassen, ohne zusammenzusinken. Auf dem Weg zum Musikunterricht gleich mal eine Kiste wertvolles Kulturgut zur Bücherverschenktelefonzelle gebracht.
Die Nacht ist durch die schwere Verdauung einer Pizza Quattro Formaggi erheblich beeinträchtigt – dabei komme ich mit Käse eigentlich prima klar; wahrscheinlich waren es der Teig und die Beimischungen – gute Pizza ist selten. Beim Essen habe ich noch mal besser verstanden, was Menschen so am Abend machen: Zufuhr von Zucker, Alkohol und Nikotin. Diejenigen, die sich zum Abschluss ein fettes Kuchenstück gönnen, müssen irgendwann sehr body-positive werden. Aber wenn sich einige nur so belohnt fühlen, dann sollen sie …
Strahlender, frischer Samstagmorgen. Auf zur Koblenz-Sayntal-Runde, die dank der vielen 20 bis 30 Kilometer langen Flachstücke meine Vorbereitung auf das Zeitfahren Hamburg–Berlin im Oktober ist.
Um zehn ohne weitere Magenprobleme aufs Rad. Knapp 150 Kilometer via Koblenz durch die Täler von Lahn und Sayn. Mittelwarm, windig, sonnig und immer hart am Schauer vorbei. Nette Visite bei meinweiß in Bad Ems, wo mir das Ehepaar Jacobi von der Aufbereitung eines Yohji-Yamamoto-Mantels berichtet, wobei Kunde aber nicht verstehen kann, weshalb ein Schneidermeister die Arbeitsstunde mit 75 Euro ansetzt.
Danach schaffe ich es noch rechtzeitig nach Koblenz, um in der dortigen Musikalienhandlung nach einer weiteren Schulterstütze für die Violine zu schauen – ich wähle auf Verdacht ein schwedisches Modell. Das alte Ehepaar, das den Laden führt, ist das letzte seiner Art – von den verbliebenen elf Facheinzelhändlern in ganz Deutschland haben im vergangenen Jahr drei weitere geschlossen. Anschließend geht’s zum nächsten Freakshop. Ein Althippie bietet dort edle Plattenspieler und Lautsprecher an. Ich kann widerstehen, mir einen Tonabnehmer mit Micro-Schliffnadel zu Ohren führen zu lassen – ich habe doch alles, was ich brauche! Vor dem Laden verramscht er Schallplatten – der Erlös kommt Koblenzer Clubs zugute. Innen befindet sich ein Regal mit Modellbauflugzeugen – das größte ist eine Super Constellation aus Leichtpappe. (Erstaunlich!) Wir fachsimpeln über die Typen; ich erzähle Geschichten aus meiner Kindheit in der Nähe einer britischen Airbase. Es ist seine persönliche Sammlung, sie steht für 600 Euro zum Verkauf. Am 31. Dezember macht er den Laden dicht – diese Lifestyle-Hobbys scheinen wohl allgemein nicht mehr zu laufen. Er wird weiterhin Flieger basteln – wie ich liebt er es, aus einem Chaos von Einzelteilen etwas Ganzes zu formen. (An einer der Wände hängen auch drei Rennräder.)
Beim Sport-Discounter Decathlon kaufe ich ein paar Verschleißteile sowie eine Schachtel mit fünf Mandelnougatriegeln, die mir auf den nächsten 80 Kilometern sehr helfen. (Bei Aral hieß es nur: „Das Vollkornbaguette mit Chicken Teriyaki und marinierter Paprika-Aubergine haben wir schon lange nicht mehr …“) Später aus dem REWE in Selters im südlichen Westerwald ein Caesar Salad mit Bulgur, Roter Bete, Rucola, Frischkäse, gekrönt von einem Bio-Ayran – wahnsinnig erfrischend! Mit dem windigen Spätsommer sind die Motorräder deutlich seltener geworden. Das Sayntal ist sattgrün wie immer. Keine Magenprobleme und kein Hungerast – eine vollauf gelungene Runde.
Grau ist: Wenn es egal ist, was Du tust. Es gleichgültig ist, was Du sagst. Es unwichtig ist, ob Du ehrlich bist.
Grau ist: Wenn Dir eine höflich-unverbindliche Absage per E-Mail ins Postfach flattert.
Grau ist: Wenn Du das Gefühl hast, das ist jetzt der eine Job, in dem all Deine Erfahrungen und Kenntnisse kulminieren, der die Erfüllung Deiner Wünsche wäre – und Du wieder einen Tritt in die Fresse bekommst. „Danke“? Nicht dafür!
Anders gesagt: Auch die Arbeitsstelle in Zeitz hat sich zerschlagen. Ich hatte mir gesagt, ich würde nicht hoffen, nichts erwarten. Aber … aber … aber … Es wäre eine gute, eine wichtige, eine richtige Aufgabe gewesen. Endlich. Als ich die E-Mail mit der Absage lese, habe ich bereits einen einstündigen Lauf über knapp elf Kilometer und ein fünfundvierzigminütiges Workout für den Rücken (mein Pflichtprogramm nach dem Fahrradunfall) hinter mir. Natürlich muss ich nun noch mal rein in die Sportschuhe und raus an die Luft.
Die Peterskirche fängt mich auf. Das Mittelschiff ist menschenleer, aber es ist nicht still, da eine Frau an der kleinen Orgel übt. Orgelmusik ist nie fröhlich, also ist sie perfekt für diesen Moment. Ich sehe die Stuhlreihen, die Symmetrie des Gewölbes, die unvollständigen, weil kriegsgeschädigten Glasmalereien. Ich bete um Kraft. Kraft, weiterzumachen, meinen Weg zu gehen, mich nicht entmutigen zu lassen. Tränen rinnen unter der Sonnenbrille hervor. Ich fühle mich nicht erlöst, aber angehört. Ich verlasse die Kirche.
Zurück zuhause ziehe ich mich um fürs Training. Wie konnte es passieren, dass der Einzige, der nie aktiv Fußball gespielt hat, der Ansager ist? Ich gebe die Abläufe vor, laufe, springe, belle Anordnungen, verteile Aufgaben – und drei gestandene Fußballer, die anderen Übungsleiter, folgen mir blind. Und fünfundzwanzig oder etwas mehr Kinder. Zu viele, um sie alle im Auge zu behalten. Gut, dass wir heute zu viert da sind für die Jungs und Mädchen der F-, E- und D-Jugend.
Am Ende des Tages bin ich fast dreiunddreißigtausend Schritte gegangen, gelaufen, gerannt, gesprungen. Mein Körper ist erschöpft, mein Geist leer. Weil von den anderen niemand kann, verpflichte ich mich, am Sonntag die F-Jugend zum Turnier nach Mölkau zu begleiten. Von der Hälfte der Jungs kenne ich noch nicht einmal den Namen. Doch ich werde da sein. Für sie. Nicht in Grau, sondern im Turbine-Blau. Irgendjemand, irgendjemand wird wissen, wer ich bin.
Grau ist: Die Welt.
Farbe ist: Was ich daraus mache.
Helko Reschitzki, Moabit
Der Montag beginnt frisch mit um die 13 Grad Lufttemperatur. Der Gang in den Schlachtensee ist mit etwas Überwindung verbunden. Da das Wasser ungefähr 10 Grad wärmer ist als die Luft, ist das Schwimmen dann aber angenehm. Ich genieße den leichten Wellengang und die Gesichtsschwappungen. Als ich nach dem Abtrocknen und Anziehen meinen Tee trinke, setzt sich der fünfundachtzigjährige Kunsthändler zu mir auf die Bank. Wie ich konstatiert auch er den Herbstanfang. Er berichtet, dass er letzte Woche „nach ewigen Zeiten“ mal wieder aus seinem beschaulichen zehlendorfer Kiez herausgekommen ist – und dann ausgerechnet auf dem touristenbelatschten Kudamm zu tun hatte. Er beschreibt mir seine Irritation über die dortigen Menschenmassen und all die Trashläden, die die gehobenen, inhabergeführten Geschäfte verdrängt haben, die aggressiven Reklamen und die allgemeine Hektik. Die Anweisungen des Parkscheinautomaten verwirrten ihn ebenso wie die bauchfreie Mädchenkleidung; am meisten verwunderten ihn aber die seltsamen Verrenkungen der Passanten – erst als er sie mir vorspielt, erkenne ich, dass er das Selfieschießen meint. Trotz aller Komik, die das, natürlich, auch hat, fühle ich ihm seinen Kulturschock nach. Auf dem Hinweg beobachtete ich beim Warten auf die Ringbahn eine Nebelkrähe auf einer Oberleitung. Ich stellte mir vor, dass die Drähte Notenlinien wären und Kamerad Corvus ein Notenzeichen. Hüpfte er umher oder gesellten sich Artgenossen zu ihm, ergäbe das eine – wohl ziemlich dissonante – Krähensinfonie. Als vor knapp zweihundert Jahren die ersten Eisenbahnstrecken eingeweiht wurden, waren einige Beobachter von der Geschwindigkeit so überwältigt, dass sie in Todesangst davonliefen. Da hat es den Kunsthändler besser getroffen.
Am Dienstag ist es wieder wärmer – ein Bonussommertag. In der Bucht treffe ich das erste Mal seit der Fußball-WM auf den Bitterfelder, dessen Frau sowie Tochter nebst deren Englisch sprechender, mutmaßlicher Kommilitonin. Allseitige Wiedersehensfreude, die zwischen uns Alten etablierten, humoristischen Dialoge grooven umgehend los, auch die jungen Damen nehmen sofort den Sound auf. Wir werden rüde durch die Frau auf der anderen Bank unterbrochen, die uns Müllfallenlassen unterstellt. Die Mitstudentin will dagegenhalten – wir Stammschwimmer bremsen sie, da wir wissen, dass die Lady krank ist. Ich hörte schon des Öfteren, wie aus ihr unterschiedliche Stimmen drangen; meist Anklagen in schnell wechselnden Tonlagen, Beschimpfungen mit finstersten Inhalten wie Kindsmord. Eine dieser in ihr wütenden Persönlichkeiten will sie immer vom Schwimmen abhalten; umso mehr bewundere ich, dass sie an den See kommt und es ins Wasser schafft. Der Bitterfelder hat dann leider eine Zoomkonferenz, sodass sein Trupp aufbricht.
Wer feste feiert, kann auch Festplätze aufräumen – am Nachmittag Arbeitseinsatz im Nachbarschaftshaus, wo wir die Aufbauten des Straßenfestes vom Samstag demontieren, einrollen, wegschleppen und einlagern. Anschließend ist noch Zeit für ein paar Tischtennisdoppel, dann gibt es Pizza für uns Helferinnen und Helfer. Dabei lerne ich ein paar mir noch unbekannte Nutzer des Hauses kennen. Ein guter Ort.
Am Mittwoch einer dieser Himmel, bei dessen Anblick man vom Glauben abfällt oder zum Glauben findet. Was zu der traurigen Nachricht passt, die gerade um den Erdball fegt: Die wundervolle Dolly Parton ist tot. Ich kann es mir noch gar nicht vorstellen, dass diese Stimme der Vernunft in einer Welt voller Irrsinn für immer verstummt sein soll. Präsident Trump lässt für sie landesweit die US-Flaggen auf Halbmast setzen – sie ist der erste Popstar, dem diese Ehre zuteilwird. Da sie nie vergaß, dass sie in einer armen Familie als eines von zwölf Geschwistern aufwuchs und ihr Vater weder lesen noch schreiben konnte, initiierte sie die Imagination Library. Diese sorgt dafür, dass alle dort angemeldeten Kinder von der Geburt bis zu ihrem fünften Geburtstag jeden Monat kostenlos ein Buch nach Hause geschickt bekommen – völlig unabhängig vom Einkommen der Eltern. Seitdem wurden 332.411.218 Bücher versendet. Sie spendete hunderte Millionen Dollar für die Erforschung von Behandlungen gegen Leukämie und Kinderinfektionskrankheiten, die Impfstoffentwicklung sowie direkt an medizinische Einrichtungen. Bis zum Schluss behielt sie ihren herrlichen Humor – ihr letzter Wunsch war, sie wolle „in einem wunderschönen Bett aus weicher Baumwolle ruhen, denn nach einem Leben in schweren Strasssteinen verdiene sie es endlich, bequem zu liegen und sich auszuruhen“. Ihre Selbstironie, Warmherzigkeit und coolen Punchlines werden uns fehlen, ihre Musik aber wird ewig leben.
Der Schlachtensee hat wie das Empire State Building und der Times Square sein allerschönstes Strasskleid angezogen und funkelt Dolly einen letzten Gruß hinüber. In der Bucht treffe ich witzigerweise direkt wieder auf den Bitterfelder und dessen Frau. Zunächst wundern wir uns gemeinsam über die Wellen, die heute, was außergewöhnlich ist, vom Ostwind getrieben werden – beim Schwimmen ist es so, als ob alles irgendwie seitenverkehrt wäre. Nach dem Abtrocknen erzählt mir mein alter DDR-Landsmann ein wenig mehr aus seinem Leben: In den Siebzigern als junger Mann unter dem Dach der evangelischen Kirche in der Umweltbewegung aktiv (er lebte ja im Zentrum der Zerstörung) und 1980 wegen versuchter Republikflucht für anderthalb Jahre in den Knast gekommen. Es folgte die Maximalschikane: Zurückentlassung in die DDR inklusive Alltagsterror durch die Staatsorgane. 1984 die erlösende Ausreise nach West-Berlin, Neuanfang im Wedding. Wir reden über die allgemeine Lethargie mit den wenigen Hoffnungsblitzen und den grau-braunen Dreckschleier, der unser damaliges Vaterland überzogen hatte. Wir kommen auf Biermann zu sprechen, zu dessen Konzert er im Herbst nach Leipzig fährt. Das führt uns zu Renft und Pannach und Kunert, die er nach seiner Übersiedlung des Öfteren in kleinen, verräucherten Klubs sah. Wir schätzen das Werk der beiden Liedermacher sehr und finden es toll, dass sie auch den Westen realistisch sahen und nicht verklärten.
Während wir später zu dritt noch andere Themen bereden, schiebt der Historiker, den ich neulich kennenlernte, sein Rad in die Bucht. Die drei machen sich kurz bekannt und stellen fest, dass sie gleichermaßen vom linksterroristischen Stromnetzanschlag in Südberlin betroffen waren – es folgen gute Witze über die Temperatur in Schlafzimmern und die üblichen über unseren tennisspielenden Bürgermeister, dem das auf ewig anhaften bleiben wird (falls sich in ein paar Jahren noch jemand an ihn erinnern sollte). Ich frage nach einem Update zur Täterschaft. Man weiß zwar, dass die „Vulkangruppe“ hinter der Aktion steckt, konnte aber Einzelnen bislang nichts nachweisen – wie sagt einer aus der Runde: „Da wird man glatt zum Verschwörungstheoretiker …“ Verabschiedung Team Bitterfeld, mit dem Historiker Fortsetzung des Gesprächs vor zwei Wochen. Keine Ahnung, worüber wir gerade plauderten, auf jeden Fall fällt irgendwann zu Beginn von ihm der Satz: „Und wir kümmern uns dann darum, dass in Berlin nicht die Cholera ausbricht.“ Momentchen! Mit Geschichtswissenschaftlern verbinde ich nun vieles, aber keine akute Seuchenbekämpfung. Es stellt sich heraus, dass er nach dem Erststudium noch Biologie draufsattelte, Prüfung über Bakterien. Er ist seit Jahren Umweltmanager bei der Stadtreinigung, sein Team kümmert sich um Rattenbekämpfung, Wasserfilteranlagen usw. Ich: „Dann bist du quasi der John Snow Berlins.“ Er: „Haha, genau.“ Es folgt das absolute Freakgespräch über Seuchen, Hygiene, Mikrobiome, Bakteriophagen. Zwischendurch schütteln wir immer mal wieder den Kopf darüber, dass der Zufall uns beide zusammenführte, für so etwas findet man ja kaum mal ein interessiertes Gegenüber. Er ist überrascht, dass ich die hiesigen Coronamaßnahmen hart kritisiere, versteht dann aber sofort meine Punkte. Beim Komplex Covid19-Impfstoffe kommen wir nicht so schnell auf einen Nenner, vertagen das Thema aber, da es eine kleinteiligere Betrachtung verdient – es gibt ja auch noch anderes zu bereden, zum Beispiel, dass die BSR-Leute jetzt den Umgang mit KI-Tools erlernen. Am Ende sitzen wir anderthalb Stunden beieinander, wofür er seine Bürozeit verschoben hat – schön, wenn so etwas geht.
Wo am Vortag noch eher dezenter Dolly-Glitzer den Schlachtensee befunkelte, hat die Sonne am Donnerstag die Regler bis ganz nach oben auf gleißend geschoben. In der großen Bucht, wo ich davon ein Foto machen möchte, stehen eine Frau und ein Mann in Bademänteln, die sich unterhalten. Wir wünschen einander einen „Guten Morgen“, die Frau sagt: „Man kann kaum in das Licht schauen, so hell ist das.“ Ich antworte: „Ja, ein Morgen wie auf einer Discokugel.“ Was bei den beiden (warum auch immer) einen Fröhlichkeitsflash auslöst – der Mann fängt sogar an zu tänzeln. Sunny, thank you for the sunshine bouquet …
Nach dem Schwimmen fadet dann DJ Universum Bobby Hebbs Klassiker in „Farewell My Summer Love“ – nach sechsunddreißig Tagen ist meine Brommelsaison beendet; die letzte Beere ist eine süße. Danke, liebe Sträucher – ich hoffe, wir sehen uns 2027 in neuer Frische wieder.
Ich verspüre wieder das Grau, bin getrieben, rastlos. Muss mich bewegen. Rennen. Radfahren. Meinen Körper vorwärts treiben. Ich dusche, esse etwas, gehe drei, vier, fünf Kilometer und beginne von vorn. Weitere 45 Minuten auf hoher Stufe den Hometrainer knechten.
Ohne Aufgabe, ohne Job zu sein, macht etwas mit mir. Und wenn alle sagen, das sei in Ordnung, ich solle mir Zeit lassen und die Unbeschwertheit genießen, fühle ich mich umso unnützer. Nicht ständig, nicht jeden Tag. Aber wenn das Grau kommt. So wie heute.
Tropfen perlen von den Blüten und Blättern. Es hat geregnet. Wie auch am Samstag, als ich, sobald es aufgehört hatte, durch den feuchten Wald joggte, Pfützen umkreiste oder darüber hinwegsprang, wenn es keinen Weg gab. Und schlammbespritzt zurückkehrte – mit braun-grauen Zeichnungen auf den Beinen, die wie eine abstrakte Tätowierung aussahen.
Eines meiner Kinder hat sich am Dienstag ein farbenfrohes Tattoo stechen lassen. Sieben Stunden lang; Kosten zwischen 600 und 700 Euro. Das Geld – ein kleines Erbe, Gespartes, von den Eltern angelegt – rinnt ihm durch die Finger. Ich mache mir Sorgen um das Kind. Aber vielleicht macht es alles richtig? Was ist schon Geld, wenn man etwas Bleibendes schaffen kann, eine Erinnerung? Was weiß der alte Mann denn schon vom Leben? Kann nicht einmal bedenkenlos eine Auszeit genießen und sorgt sich, weil sein Kind Freude hat?
Keine Freude hingegen bei unseren Katern. Stattdessen skeptische Blicke, kurze Ausflüge, viel Schlaf. Hundewetter ist eben nichts für Katzen. Am Vortag, es regnete nicht, große Erregung. Peitschende Schwänze, gespitzte Ohren, warnendes Mauzen. Ein Igel treibt sich in unserem kleinen Garten hinter dem Haus herum, sucht einen Weg zwischen den Zäunen und Hecken, ahnt nichts von der lauernden Gefahr. Aber unsere Bewacherkatzen haben sich in ihrer Aufregung verraten, dürfen nicht hinaus, solange der Igel unterwegs ist. Irgendwann lässt ihr Interesse nach und sie kuscheln sich in ihre Lieblingsecken. Als wir sie später wieder ins Freie lassen, ist der Igel verschwunden und vergessen.
Am Mittwoch höre ich beim Gang durch die Stadt einen alten Handwerker fluchen, der gerade ein in Renovierung befindliches Haus betritt: „Lehrlinge. Mit zwei e. Leerlinge. Zu nichts nütze.“ Das haben Handwerker und Meister sicher seit Äonen über den Nachwuchs gesagt
Zu nichts nütze. Damit bin ich wieder bei mir. Ich denke, ich werde nach dem Duschen einen weiteren ausgedehnten Spaziergang machen. Und dann vielleicht noch einmal auf den Hometrainer steigen. Und so lange treten, bis der Kopf absolut frei ist.
Christoph Sanders, Thalheim
Freitagmorgen mit Bohuslav Martinůs tonaler und richtig guter „Sinfonie Nr. 1“. Zukunftsläufe in der Stratosphäre: Der privaten chinesischen Firma LandSpace ist der Launch ihrer zweistufigen, sechsundsechzig Meter langen Rakete gelungen, deren erste Stufe heil gelandet ist und wiederverwendet werden kann. Ins All gebracht wurden Satelliten für Breitband-Internet und Erdbeobachtung. Grandioses Spätsommerwetter mit milden Temperaturen; luftig, wolkig und bewegt. Um zehn aufs Rad.
Am Samstag Papier, Papier, Papier, das heißt Prospekte, Noten, Fotos – schnell datieren, bevor alles untergeht. Das heutige Schauerwetter ist dafür perfekt geeignet. Später beim Rangieren, Wuchten, Wegschieben der Fernseh-Podcast mit Stefan Schulz und Mick Klöcker über die „Sehgewohnheit Ostdeutschland“. Ein gutes Correctiv zu ARD und ZDF, die wie die Politik eiskalt auf die eingeschliffenen Gewohnheiten und das Kurzzeitgedächtnis der Bürger spekulieren. Meinen Sohn mit dem Auto zum 23:40-Uhr-Zug gebracht. Fünf Minuten vor Abfahrt die Anzeige, dass ein umgestürzter Baum für zwanzig Minuten Verspätung sorgt – Dorfschicksale an der Kleinbahn. Überall Feuerwehrfeste wie das in Herschbach – man stößt auf die geräumten Orkanbäume an, die nun zum neuen Brennholz werden. Neben den Alten sind die Dorfboys und Dorfgirls zahlreich vertreten – sie wissen, was sie daran haben.
Sonntagsblau am Himmel; 9 Grad, frisch und feucht. Ein Herbstmorgen. Orange leuchten die reifen Früchte der Eberesche – noch brauchen die Vögel sie nicht. Beim weiteren LP-Sortieren ein interessanter DLF-Radio-Essay zu den Hygiene- und Reinheitslogiken unserer Zeit. Am Nachmittag trotz leichter Erkältung eine gelungene Trainingsfahrt im Gelbachtal. Unterwegs bei einem Fotografen angeklopft, dessen Geschäftsmodell Bildungsurlaub ist, eine vom Arbeitgeber bezahlte Freistellung. Er hat sich auf (öde) Hotel- und Architekturfotografie spezialisiert. Holte mir von ihm kurz Tipps zur Datensicherung; er muss ja viele Terabyte verwalten. Zuhause online digitalisierte alte Ausgaben des Leica-Fotomagazins „durchgeblättert“. Ein Traum! Für die nächsten Generationen werden diese Zeitschriften eine untergegangene Kultur sein, die sie auch nicht in Netzarchiven finden – wie soll man nach etwas suchen, von dem man nicht weiß, dass es überhaupt existiert?
Am Montag schwere Beine von der Fahrt mit den längeren Kurbeln. Der leichte Infekt ist durch. Milder Spätsommertag. Windrichtungswechsel, die Ostströmung wird wohl weiteren Regen bringen – der Mais bleibt einstweilen stehen. Aus dem politischen Spielfeld hört man noch ein wenig Nachhall von den Hitzewochen, aber das wird sich umgehend legen – denn nichts vergessen die Menschen so schnell wie das Wetter. Weitere Ausmüllungen. Insbesondere im Keller wartet noch einiges – wovor mir graust. Eine Stunde in der Online-Präsenz der Sächsischen Landesbibliothek einen Hamburg-Bildband von Albert Renger-Patzsch gesichtet – die Seiten laden zwar mühsam, aber es geht. Perfekt.
Am Dienstag leichte Bewölkung nach orangenem Erstlicht. Hoch fliegende Schwalben. Meisen signalisieren einander mit Morsezeichen neue Samen in den Büschen. Alltag. Die Radionachrichten inszenieren „das Ende der politischen Sommerpause“ als Ereignis – als ob in den letzten Wochen nichts passiert ist. Meine Frau berichtet von einer Schülerin, deren Sozialisation in einem Gemeinschaftshaus erfolgte. Hochintelligente Abiturientin aber sozial sehr auffällig – kennt keine Grenzen, hat keine Struktur, im Grunde Kindergartenverhalten. Nabokov beendet. Ein eigenartiges Werk, diese verballhornte Autobiographie, bei der die Hauptfigur zwar ähnliche Werke verfasst hat, sonst aber kaum seinem Schöpfer gleicht. Obwohl es wie eine Selbstparodie wirkt, gefällt mir seine Sprache, seine Kunst, interessante Assoziationen zu wecken.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 22:57:03, 23-08-2026
Helko Reschitzki, Moabit
Grauer Montag voller Regenschauer. Um nicht von der nachmittäglichen Verdauungsträgkeit am Halbschlafittchen gepackt und auf das Sofa gezogen zu werden, mobilisiere ich meine Restenergie und mache mich auf zum ehemaligen Amerikahaus in der Hardenbergstraße. Zunächst geht es in die Landeszentrale für politische Bildung. Die LpB wurden in den westlichen Besatzungszonen und der frühen Bundesrepublik ab 1946 im Rahmen des alliierten Reeducation-Programms ins Leben gerufen – Ziel war es, die tief sitzende Untertanenmentalität der Bevölkerung aufzubrechen. (Die neuen Bundesländer folgten 1991.) So wie damals soll auch heute durch Bildung und Informationen über politische, historische und gesellschaftliche Themen das demokratische Bewusstsein der Bürger gestärkt werden. Dafür erwerben die LpB beispielsweise Buchlizenzen und produzieren daraus Sonderauflagen. Diese werden dann gegen eine sogenannte Bereitstellungsgebühr zwischen 3 und 7 Euro an Bewohner des jeweiligen Bundeslandes abgegeben. Empfänger von Sozialleistungen, Azubis, Schüler, Bufdis, FSJler, FÖJler, Studenten sowie Inhaber der Ehrenamtskarte erhalten die Literatur umsonst. Die Landeszentrale ist, wie immer, wenn ich da bin, von etwa einem Halbdutzend Menschen besucht. Ich nehme meine vier Gratis-Quartalsbücher mit: Tatjana Tönsmeyers „Unter deutscher Besatzung. Europa 1939–1945“, Madeline Potters „Die Roma“, Stefan Wellgrafs „Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“ und Stephan Rammlers „Cool down! Berlin als Reallabor für sozial gerechten Hitzeschutz“ (Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung). Ich bin mittlerweile so weit vom Diktaturbewohner zum Demokraten re-eduziert worden, dass es mir mühelos gelingt, die ebenso angebotenen, unterkomplex-manipulativen, ideologischen Mahnwerke zu übergehen.
Direkt neben der LpB befindet sich das C/O Berlin, ein von einer gemeinnützigen Stiftung getragenes Zentrum für visuelle Medien, in dem ich seit 2014 unzählige hervorragend kuratierte und präsentierte Ausstellungen der besten Fotografinnen und Fotografen der Welt gesehen habe. Ich verpasse dort inzwischen keine Schau mehr – heuer geht’s zur Walter-Schels-Retrospektive. Anlässlich dieser befindet sich im Raum mit den Schließfächern ein Automat, in dem man sein Gesicht halbieren kann. Daneben zappelt ein (später russischsprechendes) Kind, das „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino vor sich hin summt – ich hoffe, mit dem englisch-französischen Originaltext im Kopf. Döpdöp.
Viele der Bilder Schels’ gefallen mir – ein paar seiner Auftragsarbeiten für Werbekampagnen waren mir bekannt, ohne dass ich seinen Namen kannte. Am meisten sprechen mich die Tiermotive an – erhellend ist die Zusammenstellung dreier Fotos: ein Schimpanse, der neben einer sehr alten Frau und einem Säugling hängt, wobei der Affe letztendlich „am menschlichsten“ aussieht. Tief berührt bin ich von der Serie „Noch mal leben“, für die er in Hospizen in Hamburg und Berlin Menschen vor und unmittelbar nach ihrem Tod porträtierte. Seine Frau Beate Lakotta, eine Journalistin, sprach mit den Sterbenden über deren Ängste, Hoffnungen und die Erkenntnisse aus dem nun langsam verrinnenden Leben.
Direkt neben dem C/O, auf dem Gehweg vor dem an 365 Tagen im Jahr geöffneten Supermarkt „Ullrich am Zoo“, sieht man auch Leben langsam austrudeln – hier liegen und sitzen die Alkohol- und Drogenabhängigen, die es wohl nicht in der Bahnhofsmission gegenüber aushalten. Einer der Männer macht mit einem Besen den vollkommen verdreckten Platz sauber – vielleicht wird er dort gleich seinen Schlafsack ausbreiten.
Am Dienstag gehe ich am südlichen Schlachtenseeufer ins Wasser, in dem sich das Grau-Blau des Himmels spiegelt. Später beim Tischtennis ist mal wieder der Syrer da, der inzwischen nur noch sporadisch kommt. Ich frage ihn, wie es ihm seit unserem letzten Treffen ergangen ist – was er berichtet, ist sehr erfreulich: Er hat nicht nur seine Deutschprüfung bestanden, sondern auch einen festen Job gefunden! Er arbeitet bei der Bäckereikette Steinecke, hat aber seine Teilzeitstelle als Regaleinräumer bei Aldi behalten. Die Hoffnung, wieder wie vor seiner Flucht vor dem Krieg als Buchhalter tätig zu sein, hat er nicht aufgegeben, ist nun aber erst einmal froh, Geld zu verdienen. Er und sein ebenso malochender Bruder haben noch nie einen Cent Steuergeld in Anspruch genommen und wohnen nach wie vor gemeinsam in einer kleinen Wohnung.
Auch der Mittwochmorgen ist in europäisches Grau gekleidet. Am See ganz leichtes Tröpfeln. Heute geht es wieder am Nordufer ins Wasser. Ein Mann und eine Frau Anfang sechzig kommen in die Bucht gejoggt und machen akkurat Fitnessübungen; es sieht aus, als ob er eine Art Coach für sie ist (Typus Bürstenhaarschnitt-CIA-Mann in B-Movies). Wir nicken uns, wie es Agenten machen würden, dezent zum Abschied zu.
Am Donnerstag bin ich zu Beginn des Tischtennisnachmittags mit einer Mitspielerin allein. Sie ist ungefähr so alt wie ich. Anfangs plaudern wir wie immer – über ihren Urlaub, Norddeutschland und unsere Mütter. Dann sagt sie ganz unvermittelt, dass bei ihr vor Kurzem chronische lymphatische Leukämie diagnostiziert wurde. Sie sieht es als Glück im Unglück, dass sie am Institut für Zelltherapie in Halle/Saale in ein Programm aufgenommen wurde, das eine neue Behandlungsmethode gegen CLL erforscht und klinisch erprobt. Dafür werden den Patienten körpereigene Abwehrzellen entnommen und im Labor genetisch so verändert, dass sie nach der Rückführung in die Blutbahn bestimmte Oberflächenmerkmale der Krebszellen erkennen und diese gezielt angreifen. Die Ärztin, die sie dort betreut, hat bereits im Erstgespräch über therapieunterstützende Faktoren mit ihr gesprochen, denkt also über die bloße Maschinen-Medizin hinaus, was immens wichtig ist. Ich mache meiner Mitspielerin Mut und erzähle ein wenig davon, wie ich durch eine Ernährungsumstellung eine schwere Krankheit positiv beeinflussen konnte. Ich musste die Tage danach oft an sie denken.
Am Freitagmorgen ein lustiges, kleines Buchtgespräch mit der Balinesin und ihrem Mann über die springenden Fische im See – er, der immer sehr ernst ist, macht sogar ein Witzchen. Ich bekomme den Auftrag, während die beiden schwimmen, im Internet zu recherchieren, warum die Fische dort gerade hüpfen. Das hat mit dem Sauerstoffgehalt des Wassers zu tun, der im Hochsommer in den unteren Schichten knapp wird, sodass die Tiere nach oben flüchten. Sind sie erst einmal dort, nutzen sie das üppige Angebot an den über der Oberfläche fliegenden Insekten zum Fressen; größere Fische schießen zudem hoch, um beim Aufprall auf das Wasser Parasiten abzuschütteln. Wieder was gelernt.
Nach dem Mittag ein langer Spaziergang mit einer Freundin durch den Tiergarten. Sie sucht seit Monaten verzweifelt eine neue Wohnung für sich und ihren Sohn, die alte kann sie sich trotz zweier Jobs nicht mehr leisten. Sie ist ein großer Fan der Kampagne, die private profitorientierte Immobiliengesellschaften enteignen möchte. Dass es dadurch nicht ein bezahlbares Zimmerchen mehr geben wird, leuchtet ihr nicht so recht ein. Dass der Stadt die Milliarden für die dann fälligen Entschädigungen an Deutsche Wohnen & Co. schlicht fehlen, wird von ihr ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass genau jene politische Kraft, die mit dem Thema Vergesellschaftung in den Wahlkampf zieht, vor zwanzig Jahren daran beteiligt war, 100.000 kommunale Wohnungen an ebenjene bösen Konzerne für ’nen Appel und ’nen Ei zu verschleudern. Sie überlegt, nach Brandenburg oder Baden-Württemberg zu ziehen.
Am Samstag dann das Nachbarschaftsfest zwischen Schoeler- und Volkspark in Wilmersdorf. Obwohl das nur ein kleiner Kiez ist, kommen 5000 Leute – die Jüngsten liegen noch im Kinderwagen oder sind in einem Tragetuch gebettet, und auch die Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheims an der Ecke sind erfreulich zahlreich erschienen, viele mit Rollatoren, andere im Rollstuhl mit Betreuer. Die Hautfarben unseres Planeten sind in all ihren Schattierungen vertreten. Ich bin auf dem Hof des Nachbarschaftshauses, in dem ich Tischtennis spiele und zum Yoga gehe, für eine Schicht an der Bar eingeteilt – wir mixen dort im Akkord sogenannte Mocktails, das sind alkoholfreie Varianten von Cocktails, in unserem Fall Piña Colada, Zitronen-Fizz und Mojito. Trotz des Andrangs geht die Arbeit gut und fröhlich von der Hand, lediglich die zahlreichen Wespen, die auf die Ananasstückchen und Grenadine scharf sind, sind etwas hinderlich. Ein älterer Spanier fragt mich, wie ich das schaffe, nicht gestochen zu werden, ich antworte, dass ich ein spezielles Rasierwasser zur Insektenabwehr aufgelegt hätte. Er fragt nach dem Namen, ich sage: „Muerte.“ Das will er sich nun besorgen.
Neben der Bar befindet sich die Bühne, auf der Livemusik dargeboten wird. Als ich komme, hört das swingende Salonorchester gerade auf. Die folgenden Rapper sind mir zu verpopt – aber klar, dass man auf so einem Familienfest nicht „Yo, yo, lass Wilmersdorf brennen, bitches“ bringen kann. Die Klezmer-Balkanbeat-Kapelle Neofarius lässt die grau-weißen Wallhaare der moschenden Altachtundsechzigerinnen fliegen, auch bei der Brassband The Ostrich Party gibt es kein Halten. Pünktlich zu Beginn des Sets der jungen DJane Bastet ist meine Schicht beendet – der Pflastersteintanzflur ist mein! Obwohl ich keine Dancingshoes anhabe, wirbel ich dort mit einem bunten Häufchen Partypiepeln zu Electroclash und Deephouse umher. Was bei Esperanto noch scheiterte, haut beim Vier-Viertel-Beat umso besser hin – das ist die Sprache, die wir alle verstehen: Die Chicas und Padrugas um mich herum juchzen, selbst der vorher etwas düster schauende alte Afrikaner lächelt und tanzt; einer Schwerstmehrfachbehinderten fährt der Bass so durch den Körper, dass man Angst haben muss, dass sie aus dem Rollstuhl wippt. So muss das sein. Wegen der Lärmauflage ist viel zu früh Schluss. Eine der ukrainischen Kriegsflüchtlingsfrauen wünscht sich noch schnell als Zugabe Sade – und wird erhört. Und so geht es mit den wundervollen, den Abend perfekt zusammenfassenden Zeilen „No more war, no more war, no more war / All we want is some peace in this world / No matter what color / You are still my brother“ hinaus in die Saturday Night.
Am Sonntagmorgen am See denke ich zum ersten Mal in diesem Jahr, dass nun wieder Gevatter Herbst da ist. Am Nachmittag geht’s trotzdem mit einem Freund auf eine unbedachte moabiter Cafédachterasse.
Es regnet. Am Freitagnachmittag beginnt es, dauert die Nacht an und zieht sich mit kurzen Unterbrechungen bis in den frühen Nachmittag des Samstags. Was für ein Unterschied zum sonnigen Donnerstag oder Freitagvormittag! Ist das noch Sommer oder bereits Herbst?
Unsere Kater lamentieren. Sie wollen nach draußen, schrecken aber davor zurück, weil schon das Trittbrett zur Terrasse voller Wasser steht. Am Abend verschwinden sie dann doch für eine Stunde – Revier checken, Beine vertreten, Mäuse erschrecken … Wat mutt, dat mutt, wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt. Der Samstag beginnt, wie erwähnt, genauso feucht und grau. Also wird katerseitig der Schlaf nachgeholt. Welcher Urinstinkt sorgt eigentlich dafür, dass Katzen so eine Vorliebe für Kartons aus Pappe haben? Wer Katzen hat, wird es kennen: Platz ist in der kleinsten Box.
Am Donnerstag fahre ich mit dem Auto nach Zeitz zu einem Bewerbungsgespräch. Ein schönes Städtchen, ein Schloss mit Park, majestätische Kirchen, ein schmucker Marktplatz; es gibt eine vernünftige Infrastruktur mit Geschäften, Kultur und medizinischer Versorgung – hier lässt es sich bestimmt gut wohnen. Der angebotene Job klingt sehr spannend und beinhaltet vieles, was ich gerne machen möchte und wo ich meine Erfahrungen einbringen könnte. Die bisherigen Absagen lehren mich jedoch, nichts zu erwarten. Immerhin will man mir rasch die Entscheidung mitteilen.
Am Freitag ist die gesamte Familie zu Hause. Beide Kinder sind krankgeschrieben – der eine mit einer abklingenden Erkältung, die er sich auf seiner Reise durch Frankreich im Wechselbad der Klimaanlagen eingefangen hat, der andere wegen mentaler Probleme. Meine Frau hat einen Tag Urlaub und ich hänge weiterhin in der Warteschleife, bin also auch daheim. Umso schöner ist es, dass sich unser nicht erkältetes Kind wünscht, dass wir etwas unternehmen, und eine Bootstour auf den Leipziger Flüssen vorschlägt. Eine großartige Idee!
Das innerstädtische Gewässernetz von Leipzig umfasst gut 150 Kilometer, wobei nicht alles befahrbar ist. Die Flüsse Weiße Elster, Pleiße und Parthe bilden das Kernstück. Daran schließen sich menschengemachte Wasserstraßen wie der Karl-Heine-Kanal, der Lindenauer Hafen oder der Stadthafen an. Über die Pleiße kann man mit dem Boot durch den Auenwald bis zum Cospudener See gelangen, und irgendwann in ferner Zukunft soll man sogar über den Leipzig-Saale-Kanal bis nach Halle paddeln können.
Mehrere Bootsverleiher haben sich an den Flüssen angesiedelt, oft Sportvereine, die sich damit ein Zubrot verdienen. Wir nehmen den nächstgelegenen Anbieter und starten an der Pferderennbahn. Mit dem Mitarbeiter trage ich das Drei-Personen-Kanu die rund 30 Meter bis zum Steg. Ich steige am Heck ein und übernehme das Lenken; meine Frau sitzt in der Mitte und unser Kind am Bug. Wir buchen zwei Stunden, wobei unsere Zeit wie bei einer Parkscheibe bis zur nächsten halben Stunde aufgerundet wird – uns stehen also 140 Minuten zur Verfügung.
Es ist mild und sonnig. Der angekündigte Regen ist noch weit weg, die drückende Schwüle vor dem Wetterwechsel ebenso. Wer es nicht selbst erlebt, wird kaum glauben, wie sehr sich ein Stadtbild verändert, wenn man es vom Fluss aus betrachtet. So viel Grün! Mit Schilf, hohen Gräsern und Seerosen bewachsene Ufer. Bäume und Büsche, deren Zweige übers Wasser ragen und Buchten beschatten – oder ins Gesicht peitschen, wenn man direkt darunter hindurchpaddelt. Letzteres passiert einige Male: Manchmal, weil ich tagträumend die Szenerie auf mich wirken lasse und das Lenken versäume, manchmal, weil mit Elektromotor betriebene Ausflugsschiffe Rentner vorbeischippern und wir Paddler ausweichen müssen.
Wir sehen Enten, viele Enten, vor allem weibliche Enten. Wo sind die Erpel? Auf der Arbeit? Und was machen die Weiber den ganzen Tag? Sind sie auf Junggesellinnenabschied und mischen die Gegend auf? Mein Kind fischt einen Beutel mit Hundekot aus dem Wasser. Da hat jemand sachgemäß den Kot eingesammelt, um ihn dann in den Fluss zu werfen? Was sind das für Menschen? Wir legen den Beutel auf einem Steg ab – das Beste, was uns kurzfristig einfällt, damit das Plastik aus dem Gewässer verschwindet.
Wir rudern über das Elsterflutbett und den Elstermühlgraben zum umgebauten und neu eröffneten Stadthafen. Er ist hübsch, aber irgendwie hatte ich … ich weiß nicht … mehr erwartet? „Ziemlich klein“, sage ich. – „Was hast du denn erwartet?“ – „Ich weiß nicht, einen Hafen halt. Wo Kreuzfahrtschiffe oder so anlegen?“, sage ich. Wir lachen, als wir uns einen dieser Riesenpötte für 3.000 oder mehr Passagiere in dem Hafenbassin vorstellen. Vermutlich bliebe dann auch nicht mehr Luft als bei unseren Katzen, wenn sie sich in einen Karton quetschen.
Da der Hafen eine Sackgasse ist, drehen wir um und fahren über die Weiße Elster ins einst industriell geprägte Plagwitz hinein. Ehemalige Fabriken sind zu Wohnanlagen mit Lofts umgebaut worden, viele haben einen eigenen Steg am Fluss. Mein Kind ist beeindruckt, wie schön und wie ruhig es hier auch mitten in der Woche ist. Vermutlich ist es in den Wohnungen im Sommer auch nicht so heiß, weil der Fluss Abkühlung bringe, überlegt es.
Kurz vor dem Abzweig in den Karl-Heine-Kanal drehen wir um. Man könnte einen ganzen Tag auf dem Flussnetz verbringen und würde doch nicht alles sehen. Heute waren es am Ende knapp zwei Stunden. Und wir sind uns einig: Das wiederholen wir.
Helko Reschitzki, Moabit
Durch meinen Waldschlenker zu den Brombeerhecken, den ich seit knapp einem Monat mache, stoße ich in den Jagen 48 und 49 (Forstamt Grunewald, Revier Dachsberg) alle paar Meter auf Totholz. Dieser Begriff bezeichnet jegliche Form von abgestorbener Biomasse eines Gehölzes, zum Beispiel vollständig abgestorbene Bäume, die noch aufrecht stehen (die sogenannten „Dürrständer“), oder auch Stubben, Äste und Stämme, Reisig, freigelegte Wurzeln, geborstene Rinde und Mulm. Dieses Material bildet eine tragende Grundlage vieler Ökosysteme: Bestimmte Mikroorganismen, Insekten und Pilze zersetzen als Destruenten die Holzschichten zu Humus, wodurch sie dem Boden essenzielle Lebensbausteine zuführen, sodass wieder neue Bäume und Sträucher wachsen können. Darüber hinaus fungieren die verrottenden Bestandteile als Wasserspeicher, der die Umgebungsluft kühlt.
Neugierig geworden, wie der Umgang mit Totholz in den Berliner Forsten geregelt ist, fange ich an zu recherchieren. Ich stoße zunächst auf allerlei Presseinformationen von Parteien und Organisationen, die vermuten lassen, dass um die hiesigen Wälder ein Krieg ausgebrochen ist. Gräbt man sich dann aber zur Faktenebene durch – sprich zu den Protokollen des Abgeordnetenhauses –, stellt man fest, dass zwischen SPD, CDU, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, AfD sowie den zwei fraktionslosen Abgeordneten ein großer Konsens besteht. Man ist sich darüber einig, dass die Wälder ein „riesiger Schatz“ sind, der für das Trinkwasser und das Stadtklima überlebenswichtig ist. Keine Partei will eine Rückkehr zu großflächigen Kahlschlägen und eine Verstetigung von Monokulturen. Totholz soll als Wasserspeicher und Nährstofflieferant vor Ort verbleiben und allenfalls von den Wegen geräumt werden. Die Populationen von Wildschweinen und Rehwild sollen auf einem Niveau gehalten werden, das eine Verjüngung des Gehölzbestandes ermöglicht. Das Wichtigste aber ist, dass der Dauerwaldvertrag aus dem Jahr 1915 unangetastet bleibt – das heißt, dass die Forste weiterhin im Besitz der Berlinerinnen und Berliner sind, nicht bebaut werden dürfen und uns allen somit auch in Zukunft als Erholungsraum dienen können.
Der Ton in der von mir beäugten 66. Sitzung des Ausschusses für Umwelt- und Klimaschutz ist höflich, professionell, manchmal fast schon feierlich und von gegenseitigem Respekt geprägt; den geladenen Expertinnen und Experten werden fachkundige Fragen gestellt. Das alles kann man nun aber in der Medienlogik der heutigen Zeit nicht seiner Stammwählerschaft vermitteln, also werden Diskussionen, wie sie im besten Forsthaus vorkommen, nach außen hin zum großen Streit aufgeblasen: Wer ist befugt zu jagen – private Pächter oder staatliche Jäger? Ist das Mufflon eine faunafremde Art? Wo kommt welcher Schutzzaun hin? Wie soll man Müllabladungen überwachen und sanktionieren? Welche wissenschaftlichen Daten sollten begleitend erhoben werden? Nichts, was man nicht klären kann – und wird, da bin ich mir sicher. Der wirkliche Gegner sitzt zudem nicht im selben Parlament, sondern im Bund. Das Windenergieflächenbedarfsgesetz aus dem Jahr 2023 zwingt Berlin, bis 2032 446 Hektar Landesfläche für die Errichtung von Windkraftanlagen bereitzustellen. Macht der Senat das nicht, verliert er seine Kontrollmöglichkeit und Energiekonzerne können sich Genehmigungen (zum Beispiel für den windreichen Grunewald) einklagen. Da Brachen in der dicht besiedelten Stadt wegen der vorgeschriebenen Mindestabstände zu Wohnhäusern, Schulen, Kitas, Heimen oder Krankenhäusern als Standort in der Regel ausscheiden, rücken die Forsten in den Fokus. Um das Gesetz zu erfüllen und gleichzeitig den tiefen Kern des Waldes vor ungesteuerten Bauprojekten schützen zu können, wird das Land Berlin nun wohl gezielt den 111 Jahre alten Dauerwaldvertrag brechen, um ausgewählte Randbereiche für die Windkraft auszuweisen. Darüber bitte heftigen Streit – mit dem Bund!
Diesen fraktionsübergreifenden Grundkonsens gibt es vom Bundestag über die Landesparlamente bis zu den Kreistagen bei sehr vielen Themen. Ob bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen, der Verhinderung von Lieferengpässen bei Medikamenten, der besseren Ausstattung von Rettungskräften, dem Kinderschutz oder der Stärkung des Ehrenamtes und vielen weiteren Themenkomplexen, geht es letztlich nur noch um Details der Finanzierung und Umsetzung. Schade, dass dieses gemeinsame demokratische Ringen hinter Dauerwahlkampf, der Bedienung der eigenen Filterblase und Brandmauern versteckt wird.
Mittwochabend, gegen 19:30 Uhr. Alles beginnt mit einem eigenartigen Grollen in der Luft. Zuerst denke ich, dass das Passagierjets sind, die durch die graue, hohe, zusammengeballte Decke aus Nimbuswolken aus Südwesten donnern. Das Geräusch bleibt aber viel länger, als es bei Düsenfliegern üblich ist, und klingt auch anders – eher wie ein Gemisch aus Pauken und Trommeln, die überlaut über uns aufspielen.
Wir sehen Blitze, in denen es flackernd leuchtet – eine Art horizontales Gewitter mit vereinzelten Pfeilen, das schnell weiterzieht. Am Ende der Wolkenbank ist eine Regenschleppe zu sehen, die auf uns zukommt. Wir schließen alle Fenster und wollen noch den Sonnenschirm auf dem Hof hinlegen. Da peitschen plötzlich wilde Böen mit heftigen Schauern wie aus einer Dusche auf uns herunter. Wir laufen wieder ins Haus hinein.
Dann kommt der Orkan. Der Bambus neigt sich auf 45 Grad, es fliegen die Fetzen, der Strom fällt einmal, zweimal, dreimal aus. Wir haben nur Teelichter; zur Not können wir den Kamin anmachen. Traktoren fahren, die Feuerwehr ist ausgerückt, mehrere Straßen sind gesperrt. Der Strom kehrt zurück. Bleibt. Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk vorbei.
Stühle wurden durch den Garten gewirbelt; ich finde die Reste meiner Sternentasse, die auf dem Sims des Wintergartens stand. Die Magnolie hat nur kleine Äste verloren. Der Regen war heftig, fiel aber nicht sehr lange – glücklicherweise war der Boden aus den Vortagen schon aufgeweicht. Aus der Region Wetzlar wird ein Tornado gemeldet – wir bekommen also Wetterlagen wie im Midwest der Vereinigten Staaten.
Donnerstag. Ich richte mit meinem Sohn den Palisadenzaun. Danach Besorgungsfahrten. Überall geköpfte Bäume, ansonsten ein schöner, windiger Sommertag wie in alter Zeit. Wieder zu Hause, muss ich bei meinen Papiersortierarbeiten an die samstägliche Radtour zum Rhein denken. Während der Strom wegen des Niedrigwassers nicht mehr befahrbar ist, wird seit Mitte Juli und noch bis Mitte Dezember parallel die rechtsrheinische Bahntrasse repariert. Baggerteams, die Schwellen tauschen; von Vallendar über Neuwied, Linz und Bad Honnef bis nach Bonn Schienenersatzverkehr (und der kann keine Güter transportieren). Von der Deutschen Bahn angemietete, große lilafarbene Busse auf der Bundesstraße. Der Rhein, der wie ein mächtiger, ruhiger See daliegt.
Interessante Begegnungen liegen hinter mir – am Freitag zum Beispiel eine mit Nadeln. Ich bin wieder einmal bei der Blutspende. Dummerweise habe ich vorher Kaffee getrunken, was schlecht für den Eisengehalt ist. Dreimal muss die Ärztin prüfen, bis ein akzeptabler Wert festgestellt wird. Es folgt die ganz große Nadel für den knappen halben Liter, den ich abgebe. In der Uniklinik ist es leer an diesem späten Vormittag – viele Studenten sind noch in den Ferien und es ist Urlaubssaison. Zudem ist es heiß. Ich fühle mich nach der Blutentnahme wie immer etwas schlapp und lasse deshalb den Samstag sportlich ruhig angehen. Am Sonntag laufe ich wieder – moderate und langsame sechs Kilometer, am Dienstag dann die gewohnten schnellen knapp elf Kilometer.
Und am Samstag begegne ich im Konsum der Kassiererin, mit der ich immer gerne plaudere. Ihr Bruder hat bei Turbine Leipzig Fußball gespielt – ich bin bei Turbine Trainer. Das verbindet. Ansonsten hält sie es beim Live-Sport mit den kürzlich in die 1. Handball-Bundesliga aufgestiegenen Damen vom HC Leipzig – ich gehe regelmäßig zu Rasenballsport in die Arena. Heute schimpft sie mit sich selbst: „Ich Ochse. Ach nein, das müsste ja ‚Öchsin‘ heißen. Aber das geht ja gar nicht. Zumal beim Ochsen – schnippschnapp – nee, da bin ich wohl eher eine Kuh. Wobei ich den Kindern immer erklären muss, dass eine Kuh erst Milch gibt, wenn sie ein Kalb bekommen hat. Vorher ist sie ja eine Färse. Hmh, ich habe auch keine Kinder. Bin ich jetzt eine dumme Kuh oder eine dumme Färse?“ Fragen über Fragen. Wir grinsen beide. Sie erzählt noch, dass sie zwar aus Leipzig stammt, aber als Kind in den Ferien öfter bei den Verwandten auf dem Dorf in Brandenburg gewesen sei. Daher wisse sie viel über Landwirtschaft und Tierzucht. Um die heutige Jugend nicht zu überfordern, einigen wir uns darauf, dass Fleisch selbstverständlich aus der Kühltheke kommt.
Es ist so heiß, dass unsere zwei Kater keine Lust haben, sich zu bewegen. Träge liegen sie auf schattigen Böden. Erst als die Dunkelheit Abkühlung bringt, leben sie auf und gehen auf die Pirsch. Am nächsten Morgen liegt als „Dankeschön“ eine Spitzmaus auf dem Teppich, wobei „Dankeschön“ relativ ist– Spitzmäuse fressen die beiden nämlich nicht, weil sie ihnen einfach zu bitter sind.
Am Sonntag begegnen mir vier ältere Herren, die in der Innenstadt im Schatten eines Kaufhauses italienische Schlager spielen – ein Saxophonist, ein Kontrabassist, ein Gitarrist und ein Mann am Akkordeon. Alle – außer naturgemäß der Mann am Saxophon – schmettern die Songs mit. Passanten bleiben stehen, werfen gerne ein paar Münzen in den Hut. Die Männer wirken so leidenschaftlich, als würden sie auch spielen, gäbe es kein Geld. Ein Streifenwagen mit geöffneten Seitenfenstern fährt vorbei. Der Beifahrer dirigiert mit seinen Händen im Takt der Musik, der Fahrer grüßt mit einer Hand. Alle sind entspannt.
Meine Nachmittagsrunde habe ich so gewählt, dass ich zum letzten Open-Air-Gottesdienst der TOS-Gemeinde auf dem Augustusplatz vorbeikomme, der dort im Rahmen ihres „Völlig neu“-Festivals stattfindet. Die Bänke und Sitze stehen in der prallen Sonne und sind maximal zur Hälfte gefüllt; die meisten Anwesenden gehören offenbar zur Gemeinde. Mich rührt der Anblick eines traditionell in schwarzer Hose, schwarzer Weste und weißem Hemd gekleideten Mannes mit weißer Kippa, auf der ein schwarzer Davidstern prangt. Er herzt und umarmt immer wieder einen Mann von der Security, der diese Überschwänglichkeit zaghaft erwidert.
Später führt der Jude mit einem Glaubensbruder und vier jungen Frauen auf der Bühne Tänze auf. Dabei werden sie von einer Band begleitet; einer der Musiker singt. Ein Redner, den ich als Prediger oder Pastor einordne, sagt „Denn Jesus war Jude“. Der Gottesdienst schreitet voran; später tanzen die Mitwirkenden gemeinsam mit den Besuchern vor der Bühne, diesmal erklingen auch christliche Lieder – die Stimmung ist wahrhaft gottgefällig. Die Security-Leute haben nichts zu tun und sehen entspannt auf Teilnehmer und Passanten; dann gehen sie mit den roten Spendeneimern durch die Reihen.
Ich bin ein wenig verwirrt, weil die Messe vor allem Jesus anruft und feiert. Ich weiß natürlich um die Heilige Dreifaltigkeit des Christentums, dennoch erschließt sich mir nicht so recht, dass der „Sohn“ statt des „Vaters“ in den Mittelpunkt der Lieder und Gebete gerückt wird. Ich erlebe die Freude der Gemeinde am Wort Gottes, und doch geht mir der traurige Gedanke durch den Kopf, ob die zur Musik wiegenden Menschen nicht ebenso wie Petrus dreimal Jesus verleumden würden. Mit diesem Zweifel fühle ich mich selbst ausgeschlossen und gehe.
Am Tag darauf sind dann die Ferien vorbei. Bereits kurz nach 7 Uhr steckt die Stadt voller Geschäftigkeit: Mütter oder Väter bringen ihren Nachwuchs in die Schulen. Trubel allerorten. Es staut sich auf engen Bürgersteigen. Panzerartige Lastenräder drängen vorbei – vorne und/oder hinten mit Kindern bestückt. Einige Lehrer und Erzieher fahren mit Autos vor, andere Kollegen rollen auf ihrem Rad auf dem Bürgersteig aus, um es am Zaun anzuschließen. Nicht alle Schulen haben ausreichend Fahrradständer.
Es ist kurz vor acht Uhr. Vor der Petruskirche bietet sich mir ein merkwürdiger Anblick: Jede der Bänke, die halbrund vor dem Eingangsportal angeordnet sind, ist von exakt einer Person besetzt. Sie sitzen da, als würden sie auf das Öffnen der Pforte und eine schnelle Absolution-to-go warten. Und am Dienstag ist hier um die gleiche Zeit kein einziger Mensch. Verrückt!
Helko Reschitzki, Moabit
Der Samstag beginnt mit zwei Schrecken: Gerade als ich von der Putlitzbrücke aus ein Foto vom Sonnenaufgang machen will, knallt haarscharf an meinem Kopf eine Taube vorbei – ich drücke ab; die Sonne ist nicht mit aufs Bild gekommen. Und am Schlachtensee fragt mich meine sichtlich aufgewühlte Lieblingsmitschwimmerin, ob ich schon das mit den Reihern gehört habe – die wären alle tot! Ich bin vollkommen geschockt: „Was?!“ Sie: „Ja, die haben den Winter nicht überlebt.“ Schlagartig bin ich erleichtert: „Doch, haben sie! Ich habe die oft in diesem Jahr gesehen, gerade neulich war wieder einer hier in der Bucht.“ Nun strahlt sie übers ganze Gesicht und schüttelt den Kopf über den Mann, von dem sie die böse Story hat.
Dann reden wir ein wenig über die leicht schillernden Schlieren, die heute auf dem See zu sehen sind. Wahrscheinlich eine ultradünne Schicht aus Mikroorganismen („Kahmhaut“) nebst abgewaschener Sonnencreme. Deren UV-Filter blockieren das Sonnenlicht, wodurch Kleinstlebewesen absterben können, deren Zersetzungsreste dann aufsteigen. Nachdem die Mitschwimmerin entschwunden ist, soll ich nicht lange alleine bleiben – von der anderen Buchtseite winkt der Fahrzeugkonstrukteur herüber, und zu mir auf die Bank gesellt sich ein mir unbekanntes Ehepaar. Sie wird die nächste halbe Stunde kein Wort sagen, ihr zweiundsiebzigjähriger Mann erzählt hingegen ausführlich von den riesenfensterfrontbedingten Hitzeproblemen in seinem 120 qm-Loft in der ehemaligen Garbáty-Zigarettenfabrik in Pankow: Ein ewiger Kampf um Bauvorschriften, Denkmalschutz und eine Klimaanlage, dazu Handwerkermangel, Pfusch – das Übliche. Von den technischen Details angelockt, schleicht der Ingenieur herüber und fadet sich ins Gespräch ein – es wird noch kleinteiliger. Dann sagt der Pankower, dass der Ärger aber nichts gegen den Rechtsstreit sei, den er seit Jahren führt – er gehört zu denen, die einen Impfschaden durch Astra Zeneca erlitten haben und nun um Anerkennung der Folgen kämpfen. Kein leichtes Unterfangen. Er hat sich nur impfen lassen, um die ausländische Familie seiner Frau besuchen zu dürfen. Er schildert das alles sehr nüchtern, auch, dass er Jahrzehnte an vorderster Front in der Pharmaindustrie arbeitete – „das hat den Vorteil, dass ich selbst die aktuellsten internationalen Studien auswerten und für meinen Anwalt zusammenfassen kann“. Dass es beim Thema Corona in Deutschland irgendwann einmal zu einer ehrlichen Aufklärung kommt, glaubt er inzwischen nicht mehr.
Eigentlich will ich am Nachmittag kurz nach Mitte zur Fuckparade, der kleinen, dreckigen Gabbaschwester der Loveparade, die jetzt unter dem Nachfolgernamen Rave The Planet gGmbH firmiert. Da die Thermometeranzeige hurtig auf 35 Grad klettert und die trockene Hitze die Schläfen verschraubstockt, bleibe ich dann aber lieber zu Hause – da draußen zwischen Asphalt, Steinen, Beton und alten Partypiepeln wird so etwas ja nicht besser. Als ich um 20:30 Uhr aus meinem Biomarkt komme, sehe ich über dem Kleinen Tiergarten einen pastelligen Sonnenuntergang. Die ihn flankierenden Wolken verheißen Abkühlung – vielleicht wird es ja noch regnen.
Die Wolken vom Vorabend haben sich nicht nur über Nacht abgeregnet – es ziehen am Sonntagmorgen sogar immer weitere auf.
Am See sind kaum Menschen – ab und an mal ein Gassigeher mit feuchtem Stinkehund oder ein Jogger; in der einen Bucht sitzt jemand im Regenumhang und betrachtet die hochspringenden Tropfen. Ich habe die Badestelle heute für mich allein – auch schön.
Nur noch ein paar Tage, dann ist die Brombeersaison vorüber – wie schnell das ging! Umso mehr genieße ich die letzten Früchte. Der Regenschirm leistet mir beim Zweigewegdrücken gute Dienste – ich beginne zu ahnen, warum die Profis immer einen Stock mitführen.
Auch am Montag gibt es viele Schauer – für die Pflanzen, Böden und Tiere freut es mich. Starke Abkühlung der Luft auf 15 Grad Celsius – in anderthalb Tagen ein Temperaturunterschied von 20 Grad; damit hat manch ein Körper zu kämpfen, der meine aber zum Glück nicht. Auf dem Weg zur Ringbahnstation Westhafen bestaune ich einmal mehr spektakulär changierende Lichtspiele und Wolkenbilder.
Am See treffe ich zum zweiten Mal auf den neuen Mitschwimmer, einen etwa zehn Jahre älteren, sehr sympathisch wirkenden Mann. Der kommt mit dem Rad, legt seine Sachen auf der Buchtbank ab, um dann die 5-Kilometer-Uferwegrunde zu laufen und hernach einmal ans andere Ufer zu schwimmen. Wir unterhalten uns über die Wichtigkeit der sanften sportlichen Betätigung im Alter und dies und das. Als ich ihn in die Geheimnisse der lokalen Wasservogelwelt einweise, kommt ein Schwan zu uns herübergeschwommen. Die Blässhuhn- und Haubentaucherfamilien sind seit letzter Woche verschwunden – der vor drei Monaten geschlüpfte Nachwuchs paddelt nun eigener Wege; wie üblich verschieben sich die Reviere.
Neue S-Bahn-Lektüre: „Bei den Samojeden in Sibirien“ – ein Bericht über zwei lange Forschungsreisen, die der finnische Linguist und Ethnologe Kai Donner zwischen 1911 und 1914 zu den Samojeden unternahm, einem teilnomadischen Fischer- und Jägervölkchen, das er als außergewöhnlich faul und ständig betrunken schildert:
„Als meine Schute klar, die Besatzung gemustert, der Proviant an Bord genommen und alles andere in Ordnung war, kam die oben geschilderte Sintflut. Alle freuten sich darüber, daß das Wasser fahrbar war, ich hauptsächlich wegen der in Aussicht stehenden Fahrt, meine Besatzung aber auch aus anderen Gründen. In meiner Unerfahrenheit hatte ich den Leuten nämlich einen Teil ihres Lohnes gegeben, um sich Proviant und dergleichen zu kaufen. Ich hatte nicht bedacht, daß mit dem Frühling und den Dampfern auch starke Getränke ankommen würden. Das erfuhr ich erst in der Stunde der Abfahrt. Wir mußten mit Wind und Strömung ein Stück den Ob hinunter segeln, um zur Mündung des Tym zu kommen. Ich stand am Ruder und fühlte mich wie ein ganzer Kapitän, als wir mit guter Fahrt im Sonnenschein und in der Frühlingsbrise um eine Landzunge nach der anderen fuhren. Anfangs schien die Besatzung normal und voller Eifer. Aber nach und nach krochen sie immer öfter und öfter in die Kajüte hinunter, aus der sie jedesmal vergnügter zurückkehrten. Als ich endlich den Zusammenhang begriff, war es schon zu spät. Ein Stückchen vom Dorf hatte ich den erbaulichen Anblick, meine ganze Besatzung vollständig betrunken zu sehen von dem neunzigprozentigen Alkohol, der so stark ist, daß man nach einigen Schnäpsen schon mehr als genug hat. Trotz der Meuterei, wie man dies Benehmen fast nennen kann, beschloß ich, mit eigenen Kräften den Versuch zu machen, wenigstens den Tym zu erreichen. Zwei von den Männern waren auf dem Kajütendach eingeschlafen, und der dritte lag drinnen. Ein Weilchen herrschte Ruhe. Aber plötzlich verlor einer der auf dem Dache Liegenden das Gleichgewicht und fiel ins Wasser, wo er sofort aufwachte und anfing, Lärm zu machen. Ich zog ihn wütend heraus und hielt ihm in zornigen Worten das Unpassende dieses Benehmens vor. Er fing an zu weinen und zitterte so vor Kälte, daß ich mitleidig wurde und zu landen beschloß, um ein Feuer anzumachen, an dem sich der Mann wärmen könnte. Aber kaum hatten wir ein ordentliches Feuer in Gang gebracht, als der Ostjake seinerseits erwachte, an Land taumelte und rücklings ins Feuer fiel. Ehe er selbst seine Lage bemerkte und ich ihn aus der heißesten Glut ziehen konnte, waren seine Hosen und sein Hemd schon verbrannt. Sein Rücken war eine einzige Brandwunde, und an diesem Tag wie während der ganzen Reise hatte ich große Umstände damit, ihn zu pflegen.“
Das erinnert an Anglerausflüge in meiner alten Heimat Mäkelborg.
Originaltitel: „Bland samojeder i Sibirien“, 1915; Übersetzung: Wolfheinrich von der Mülbe, Verlag Strecker & Schröder, Stuttgart, 1926
Christoph Sanders, Thalheim
Als ich am Samstag gegen 8 Uhr im weichen Morgenlicht auf das Rad steige, ist es warm und kaum windig. Über den Westerwald geht es bei Bendorf ins Rheintal, dann durch Neuwied. Auf der Fähre in Linz-Kripp mit fünfzehn Autos, ein paar Motorrädern, anderen Radfahrern und Fußgängern über den Rhein. Aufstieg in das Voreifelplateau, an der Apollinariskirche in Remagen vorbei. Treffen mit meinem Bruder im Schäfer-Rewe in Ringen. Da kein Bulgur oder Couscous zu finden ist, nehme ich das Sushi aus der Kühltheke. Abfahrt ins Ahrtal, heiß, stickig, von Dunstschwaden durchzogen, mit einem beißenden Brandgeruch. Das Ahrtal noch immer im Aufbau, viele Baustellen, Weindörfer im staubigen Design der 1970er Jahre, deshalb kaum Vegetation am Straßenrand. Am Anstieg aus dem Sahrbachtal, wo sich allerhand Ausflügler tummeln, kommt uns eine Handvoll Quads entgegen. Es folgt ein Dutzend ebenso kurioser wie stattlicher Dreiräder für zwei Personen. Unter den Helmen kann ich die rot angelaufenen Gesichter kreislaufschwacher Boomer erkennen. Die Auspuffgase ergeben mit dem Brandgeruch keine gute Kombination. Dann eine Kette von Vorstadtjugendlichen auf Simson-Schwalben. Sie fahren Streife und halten bei McDonald’s. (Die alten Frittierfette sind der widerlichste Gestank von allen!)
Das Sushi liegt quer im Magen – kurze Pause beim Bruder in Rheinbach. Bei km 100 treffe ich zufällig auf einen übergewichtigen Reha-Bekannten, der beim Dorfflohmarkt mitmacht. Er hat sich kaum verändert und berichtet, dass sich sein operiertes Knie ständig entzündet; nur auf Teneriffa habe der Schmerz Ruhe gegeben. Ich erspare mir jeden Kommentar zu den 40 bis 50 Kilo Übergewicht, die auf seinem kranken Gelenk lasten, und radele weiter. Meine fachkundige Schwägerin erzählte mal, dass es nicht wenige gibt, die es gar nicht auf Genesung, sondern auf eine Verrentung abgesehen haben. Die wollen als finalen Karrieremove in die Frührente (mit ganz viel Massage!) auch noch das zweite Knie ersetzt bekommen.
War der Rückweg zum Rhein bei günstigem Wind noch leicht, wird es dann sogar auf den flachen Kilometern zwischen Linz und Bendorf knapp, den Tritt zu halten. Kurz Getränke an der Tanke nachfassen, dazu ein paar Reineclauden – der Zuckerflash hält immer eine Viertelstunde vor. Ein schönes Käsebrot mit Salat ist gegen 18 Uhr nirgendwo mehr zu bekommen. Obwohl ich beim Aufstieg in den Westerwald den leichtesten Gang wähle, werden kleinste Hügel zu Extremherausforderungen. Die Dürre ist die ganze Zeit nicht zu übersehen: Kühe scharen sich um Wassertanks; auf den Höfen stapelt sich das zugekaufte Futter. In den Waschanlagen herrscht reger Betrieb – wascht ruhig weiter, solange es noch geht!
Mit zunehmender Erschöpfung und Unterzuckerung nimmt der Geruchssinn zu. Es setzt eine Überempfindlichkeit der Brunnschen Membran ein, die alle künstlichen Gerüche der Innenstädte (Deos, Reinigungsmittel) widerlich findet, die Frische des Unterholzes dagegen grandios. Die visuelle Wahrnehmung verengt sich. Das Hirn schließt nun das aus, was es am Wegesrand als störend empfindet, vor allem Zivilisationsprodukte wie Silos, Lagerplätze, Autohäuser, Fabrikhallen, die gigantischen, teerigen Parkeinöden, Absperrgitter … insbesondere Betonflächen führen zu maximaler Reaktanz. Nur noch die Straße ansehen, sich auf den Gangwechsel konzentrieren, die nächste kleine Steigung abmessen – Kräfte bündeln. Nicht an die Steigung denken, die danach kommt. Nicht absteigen, nicht absteigen, nicht absteigen! Die Sonne geht unter, der Verkehr nimmt rapide ab. Ein letztes Motorrad knallt vorbei – ich halte schnell das linke Ohr zu, denn der Lärm zielt nur darauf ab, uns Radfahrer in Angst und Schrecken zu versetzen. Es wäre ein Leichtes, diese ganzen breitwalzigen Geschosse ohne Schalldämpfer aus dem Verkehr zu ziehen, ihren dummen Reitern einen Tausender aus der Tasche zu ziehen. Doch niemand tut es. Auf den letzten Kilometern gehen mir Zeilen von Vladimir Nabokov durch den Kopf – es sind so gute, starke Bilder, so dichte und plastische Beschreibungen, dass Körper und Geist Schmerz und Erschöpfung vergessen. Am Ende sind es 250 Kilometer und ich möchte die Grenzerfahrungen absolut nicht missen, so irre das auch klingen mag. Meine Kinder schimpfen dennoch mit mir – sie denken immer, ich bringe mich in Gefahr. Nach einem Becher Joghurt mit Honig schlafe ich auf der Stelle ein.
Ruhiger, erholsamer Sonntag. Jörg Kachelmann im Ronzheimer-Podcast gefällt mir, weil er nicht apokalyptisch ist. Sein Bild von den Hundekackhaufen auf der Kinderspielwiese ist hervorragend.
Sonnig-frischer, ereignisarmer Mittwochmorgen. Große Stille. Der Installateur kommt kurz vorbei und bestätigt die Funktionalität der Warmwasseranlage. Ich mache eine weitere Bücherverschenkkiste voll, wobei ich nach wie vor überlege, welche Fotobände ich noch behalten möchte. Ich bin ja ein Fan von Werbefotografie, vor allem für Automobile – es ist ja geradezu virtuos, wie da Menschen bei gestellten Alltagsverrichtungen um Skulpturen arrangiert und somit vollkommen künstliche Welten geschaffen werden. Im Radio wird vermeldet, dass Spotify künftig KI-generierte Songs „kennzeichnen“ will – was auch immer das fürs Baustellenradio bedeutet. Ich setze weiterhin auf die in Scheiben gepresste Musik und nehme vom Trödler das Klavierwerk zu vier Händen von Claude Debussy mit den Labèque-Schwestern mit. Ansonsten die üblichen Besorgungen und Verrichtungen mit dem Rade. Der Beinmuskel baut weiter auf – ich muss dankbar sein, dass er es tut. Irgendwann werde ich wieder eine Treppe hochspringen können. Am Abend die Sonnenfinsternis – fahles Winterlicht legt sich über einen stummen Sommerabend.
Der Donnerstag dank Ostströmung merklich frisch – so kann das Haus auf unter 20 Grad gedimmt werden, bevor unser Leitstern wieder brennt. Beim Erwachen wird das leise Gezwitscher aus dem Unterholz unseres Gartens von Reifengeräuschen und dem Sound mahlender LKW-Getriebe übertönt. Nur die Türkentauben setzen sich darüber hinweg. Im Laufe des Vormittags schnell ansteigende Wärme – ein weiterer staubtrockener Sommertag. Für mich das gewohnte Bergtraining in den heimischen Hügeln. Schön, dass sich durch das Dehnen bei der Runde an der Bahnstrecke vorgestern die Gelenkblockade verflüchtigt hat. Auffällig viele Boomer auf ihren Motorrädern, die sonst erst samstags (in Massen!) das Tal befahren. Aber ab 35 Grad ist Sense unter der Lederkombination, die, wie es scheint, absolute Pflicht ist. Selten sieht man einen Abweichler in Shorts und Karohemd und ohne schwere Stiefel. Das gibt dann von den anderen böse Kommentare wegen möglicher Sturzfolgen.
Der Teenie hat Muffensausen vor der Zeichenprüfung im Kunst-Leistungskurs und will jetzt auf der Stelle einen Zeichenkurs. Ich: „Da liegen einhundertzweiundvierzig Stifte in der Schublade und Papier ohne Ende in mehreren Stärken. Leg dir einen Apfel auf die glänzende Tischplatte, nimm die ganzen unausgefüllten Mal-Lernbücher und leg los!“ Aber so funktioniert das natürlich nicht. Beim Weitersortieren der Fotos stoße ich auf ein Bild, auf dem Art Blakey eine Vogue-Blondine auf dem Schoß sitzen hat. Also höre ich ein Album seiner Bigband, und anschließend Dr. John, den ich beim Radiohören entdeckte – ich musste mir nur den Titel merken. Am Abend nochmal raus in diesen herrlichen Wind, der den Himmel sternschnuppenklar macht. Der Teenie hängt sich eine Reproduktion von Degas’ Pferderennbahn bei aufgehender Sonne auf. Und auch hier wird sie wieder aufgehen – aber nun geht sie erst einmal unter.
Edgar Degas „Chevaux de course à Longchamp“, 1871
Am Freitag meteorologisch alles wie erwartet: die Frische ist davon. Pünktlich um vier beginnt das Rauschen der Reifen. Adam Tooze bereitet mit seinem neuen Chartbook (#466) hervorragend die Geschichte des Rheins als Transportstraße auf – allein auf Substack leistet er mehr als dreißig deutsche Zeitungs-, Fernseh- und Radioredaktionen zusammen. Zur möglichen Zweiteilung des Stroms, die kürzlich der Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Binnenschiffer vorgeschlagen hat, heute keine weiteren Meldungen. Dafür der Schlüssel für eine Beobachtung vom Waldrand, als neulich ein Mann und dessen Sohn aus einem Sprinter stiegen, das Feld durchstreiften, hier und da Kartoffeln entnahmen, um am Ende mit einem vollen Sack zurückzukehren. Das waren wohl Proben, um die Ernte abzuschätzen – im Radio wurden riesige Ausfälle angesagt. Letztes Jahr wurden Kartoffeln noch vernichtet.
Auf dem Rad bei 35 Grad nur eine kurze Fahrt bis Niederhadamar, dem Geburtsort des Melander Graf zu Holzapfel (geborener Peter Eppelmann), der im Dreißigjährigen Krieg eine sagenhafte Karriere machte. Alle Wiesen der Umgebung sind bis auf den letzten Halm heruntergemäht. Der Milchbauer von Steinefrenz hat bereits einhundert frische Futterballen bereitgelegt, die er vermutlich zugekauft hat. (Kaum jemand macht sich klar, wie viel Wasser für unser geliebtes Südgemüse und -obst verballert wird, von der Massentierhaltung mal ganz abgesehen.) Der Elbbach mit niedrigem Wasser, die Steine treten immer deutlicher hervor – aber er fließt! In Görgeshausen kam um 17 Uhr nur noch braune Brühe aus den Hähnen des Brunnens, aus dem man traditionell Wasser abfüllt. In anderen Dörfern sind die Zapfstellen schon seit einer Woche zu. Die Tage werden merklich kürzer – um 20:39 Uhr geht die Sonne mit einem breiten roten Teppich unter. Danach Abholung meines Sohns vom Zug sowie der Damen vom Kino – Fahrdienste in der Provinz.
Samstagmorgen. Die Trinkflaschen stehen im Spülgestell, eine kleine Tube Sonnencreme und das Trikot liegen auf dem Stuhl, das Rad ist gerichtet. Alles ist bereit für meine Fahrt an den Rhein – vielleicht sehe ich ja Saurierskelette.
Als in unserer Montagsrunde ein Mann sagt, dass er eine Auszeit bräuchte, kommt von zwei Personen der Tipp: „Geh doch für eine Zeit ins Kloster!“ Er selbst meint, er würde sich gerne mal für eine Weile in eine Kirche setzen. Einfach nur dort verweilen und den Raum auf sich einwirken lassen.
Kloster, Kirche – was ist es, das uns trotz der Säkularisierung so stark berührt, dass diese Stätten für uns zu Sehnsuchtsorten werden? Fehlt uns die Spiritualität? Oder die Klarheit und Einfachheit des Glaubens? Das blinde Vertrauen, dass es mehr gibt, als wir mit unserem Verstand zu erfassen vermögen?
Bei meinem Spaziergang komme ich an der Lutherkirche vorbei und bin verwirrt, als ich sie betrete: Die Kirche hat zwar noch eine Kanzel, aber ansonsten ist sie fast leer – ein blanker Fußboden ohne Bänke oder Stuhlreihen. Mitten in dem riesigen Raum scheinen ein Mann und eine Frau einen Altar-Tisch für eine Andacht herzurichten; Kerzen werden aufgestellt, ein Kreuz. Eine Messe im Stehen? Für die Eiligen? Sozusagen Jesus-to-go? Später klärt mich Wikipedia auf, dass die 1884 erbaute Kirche nun zum „musischen Bildungscampus Forum Thomanum“ gehört und nach einer Sanierung seit 2024 für Sondergottesdienste, Taufen und Trauungen sowie Konzerte genutzt wird. Vielleicht haben die Stühle Urlaub?
Ohnehin begegnet mir dieser Tage oft das Religiöse: Auf dem Augustusplatz steht eine Bühne. Junge Menschen verteilen Flyer für einen Gottesdienst im Freien, der die gesamte Woche jeden Abend um 18 Uhr stattfindet. Das Ganze läuft unter dem Label „Völlig neu“-Festival. Auch hier recherchiere ich, weil mich interessiert, wer diese Art von Christsein betreibt. Die katholische Kirche? Eher nicht – zu modern. Die evangelische Kirche? Wohl auch nicht – ich sehe keine Regenbogenfahnen oder andere politische Statements. Ich finde heraus, dass eine junge freikirchliche Gemeinde aus Leipzig dahintersteckt. Das Engagement überrascht mich, denn ein solches Event mit Bühne, Platzmiete und Strom ist trotz vieler Freiwilliger sicherlich ein beträchtliches Investment. Andererseits – wenn es um die Seele des Menschen geht, ist vermutlich kein Aufwand zu groß.
Meine nächste Begegnung mit dem Glauben bringt ein Besuch des Südfriedhofs mit sich. Jahrelang war ich nicht mehr hier. Jetzt treibt mich ein spontanes Verlangen dorthin. Die Anlage ist die größte ihrer Art in Leipzig. Es gibt überraschend wenige klassische Gräberreihen; stattdessen hat das Areal den Charme eines verwunschenen Parks – überall verbergen sich Pavillons, Gruften oder Statuen. Mich erinnert die Szenerie ein wenig an die verlassenen Gefilde der Elben in den „Der Herr der Ringe“-Filmen.
Vor mir geht eine ältere Frau mit einer Krücke in der linken und einem Beutel mit Pflanzen in der anderen Hand. Ich überlege kurz, ihr Hilfe beim Tragen anzubieten. Doch ich bin mir nicht sicher, ob dieser Gang, diese Beschwerlichkeit, nicht vielleicht Teil ihres persönlichen Rituals des Abschiednehmens ist. Ich lasse sie ihren Weg gehen – in ihrer Zeit, mit ihrem Tempo.
Die markante Anlage aus Kapelle, Urnenstätte und Krematorium im Zentrum des Friedhofsparks zieht die Blicke auf sich. Ich meine in einem Zeitungsartikel gelesen zu haben, dass die 1909 in Betrieb genommene Feuerbestattungsanlage nach ihrer Grunderneuerung 1998/99 zu einer der modernsten ihrer Zeit zählte und von weit her Fachleute anzog. Ein Zyniker würde sagen: Wenn sich die Deutschen mit etwas auskennen, dann mit dem Einäschern von Menschen.
Hinter dem Urnenhain liegt eine Teichanlage, die das Ensemble nahezu unwirklich, wie nicht von dieser Welt, erscheinen lässt. Überhaupt hat der Park etwas Magisches an sich: Das Grün lässt den Lärm der Stadt verstummen, und hinter Büschen und Bäumen tauchen immer wieder versteckte alte Grabmäler auf. Sogar eine Pyramide steht abseits der Wege.
Dutzende Vogelarten sollen hier brüten, etliche ungewöhnliche Pflanzen heimisch geworden sein. Und es gibt Eichhörnchen. Eines entdecke ich beim Nagen an einem Zapfen. Genau kann ich es nicht erkennen, denn als ich mich nähere, ergreift es die Flucht.
Zurück bleibt das Gefühl, mit dem Südfriedhof einen wahren Ort der Besinnung wiedergefunden zu haben.
Helko Reschitzki, Moabit
Laut den erhaltenen Quellen wurde der Schlachtensee im Jahre 1242 zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Damals hieß das Gewässer noch „Slatse“ und lag neben einem Dörflein namens „Slatdorp“. Für die Herkunft des Namens gibt es drei Erklärungen: Die erste leitet sich vom mittelniederdeutschen Wort „slaht“ bzw. „slat“ ab, das eine Uferbefestigung aus Holzpfählen bezeichnet. Die zweite vermutet den Ursprung im slawischen „solt“, das für Sumpf steht. Die dritte geht auf das ebenfalls slawische „slaty“ zurück, was „goldgelb“ bedeutet und auf die Farbe der Wasseroberfläche verweisen soll.
Wenn ich dieser Tage am Ufer entlanggehe und die Sonne den See gülden erstrahlen lässt, ist klar, welche Deutung ich bevorzuge.
Sonntagfrüh zeigen gleich zwei Begebenheiten hintereinander eine in sich schlüssige Logik. Da ist zunächst der ältere Herr, der auf dem S-Bahnhof Steglitz den Müllbehälter nach Flaschen durchsucht und an seinem Rollstuhl ein Zitat von Karl Marx angebracht hat (wobei das dazugehörige Bild der Berliner Mauer noch eine krasse Lebensvorgeschichte vermuten lässt). Gefolgt von der Familie (Mama, Papa, zwei Töchter, die eine etwa vier, die andere vielleicht neun Jahre alt), die doch tatsächlich in der S1 den Gassenhauer „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein und dann nischt wie raus nach Wannsee“ anstimmt – denn jenau da geht es für die hin, die nicht wie ich schon am Schlachtensee aussteigen, und genau deswegen sind alle ein wenig aufgekratzt in diesem rappelvollen Waggon an diesem Prachtbadewettermorgen in Berlin.
Am See sind sehr viele Menschen, und alle haben dieses herrliche Sommergrinsen im Gesicht. Sie tragen Schleifen im Haar und Strohhüte, Schippen, Eimerchen und Windmühlen, allerlei seltsames Schwimmgetier, müde Kleinkinder und noch müdere Hunde. Am Wasser breiten sie Decken aus, auf die sie Picknickkörbe stellen. Mit Saft, Schorlen, Kaffee und auch schon dem ersten Prosecco des Tages prostet man sich zu. Da ich Alternativen zur Alternative meiner Ersatzbadestelle kenne, finde ich ein schönes Plätzchen für meine Sachen und meinen Po. Nach dem Schwimmen komme ich mit einem Freiburger ins Gespräch, der mit seiner Frau eine Woche Urlaub in Berlin macht. Am Vortag sind sie durch den Grunewald geradelt. Er sagt, dass er immer wieder vergisst, wie grün die Stadt ist, und erzählt, dass er Anfang der Achtziger in Wedding direkt an der Mauer eine Ausbildung zum Pfleger gemacht hat und danach irgendwie im Breisgau gelandet ist. Ich berichte, wie das Ende der DDR und der Neuanfang in der Bundesrepublik für mich war. Ich frage ihn, ob seine „grüne Stadt“ wirklich grün ist und ob man es zum Beispiel bei Hitze dort gut aushält. Er: „Da hat sich vieles entzaubert im Lauf der Zeit.“ Ich: „Wo nicht.“ Seine Frau arbeitet in der Schweiz, beide pendeln regelmäßig hin und her – man merkt immer sofort, wenn man über der Grenze ist, selbst in der Bahn. Für die Rückreise haben sie einen Nachtzug gebucht, in der Hoffnung, dass es um die Zeit keine Probleme auf der deutschen Seite gibt.
Am Montag liegt am nördlichen Ufer der nächste große, umgestürzte Baum. Der trockene Boden daneben zeigt einen langen Riss; das Loch unter der Wurzel gleicht einem Schlund. Eine biblische Szene.
Ich bin ja nun kein Förster oder Bodenkundler, aber dass es den Bäumen und Sträuchern in der Gegend nicht so toll geht, sehe selbst ich. Auch die alte Eiche auf der Rehwiese ist seit Mai 2025 wegen der Gefahr herunterbrechenden Totholzes weiträumig abgesperrt.
Auf meiner Buchtbank sitzt bereits ein Mann. Wir reden das, was man dort immer so redet, wenn man jemanden noch nicht kennt, lobpreisen den See, die Tiere, die Abgeschiedenheit mitten in einer Millionenstadt. Dann sagt er den Satz: „Und wir können sogar noch so spät hierher – mein Sohn musste heute schon um fünf auf seinen Lastwagen.“ Ich: „Einer muss ja das Land am Laufen halten – leider wird das von der Politik und den Medien kaum mal in irgendeiner Art gewürdigt.“ Er: „Ganz genau. So wie auch die Krankenschwestern, Pfleger, Kassiererinnen, Bauarbeiter fast nie wahrgenommen werden.“ Daraus wird ein außerordentlich interessantes Gespräch. Er ist Jahrgang 1967, studierter Historiker und als Wessi mit einer Ossifrau verheiratet. Kennengelernt haben sich die beiden 1988 in Potsdam bei einem Treffen von zwei christlichen Partnergemeinden. Zudem hat er Verwandtschaft in einem Dorf in Sachsen-Anhalt, das er auch oft zu DDR-Zeiten besuchte. Er hat noch alle Begriffe parat: BHG, Konsum, LPG, weiß vom damaligen Leben bestens Bescheid. Seine Tochter ist oft in Israel; gerade waren er und seine Frau sie dort besuchen. Die Lage stellt sich vor Ort natürlich noch viel komplizierter dar, als man es von außen ahnt. Wie vertrackt die ganze Situation mit Palästina und darüber hinaus ist, verstand er durch das Buch „Ein anderer Krieg“ von Dan Diner, das er mir sehr empfehlen könne. Witzigerweise hatte ich genau das am Vorabend beim Sortieren meines Sachbuchregals in der Hand gehabt. Er sagt, dass eine der Ursachen des aktuellen Politikdesasters darin liegt, dass von den Entscheidern kaum jemand Geschichtskenntnisse besitzt und dadurch im Gegenwartsdenken verhaftet ist. Das war früher anders – ein Richard von Weizsäcker, dessen Bruder nur wenige Hundert Meter entfernt von ihm beim Überfall auf Polen erschossen wurde, hatte zu jeder Zeit die Folgen eines Krieges im Kopf, die ganze Generation, Ost wie West – das bestimmte ihr Handeln, ihr „Nie wieder Krieg!“, das momentan so sehr fehlt. Das Schöne an Gesprächen mit Fachleuten ist, dass man nicht alles ausformulieren muss. Als ich erwähne, dass ich gerade ein Buch über die große Sturmflut in Norddeutschland lese, sagt er: „1962.“ Ich: „Genau.“ Er: „Schmidt, der einfach das Grundgesetz überging und die Bundeswehr einsetzte; da halfen sogar die Amis mit.“ Ich: „Und die Briten, Belgier und Niederländer! Heute würde sich jeder hinter Gesetzen verstecken. Oder denk an die RAF-Zeit: Als Schleyer entführt wurde, holte Schmidt selbstverständlich die Opposition mit in den Krisenstab; da war der Staat wichtiger als Parteipolitik. Und inzwischen haben wir die Brandmauer.“ – „Tja, heute haben wir die Brandmauer.“ So geht es noch eine ganze Weile hin und her und am Ende tauschen wir unsere Telefonnummern aus – vielleicht gerade weil wir bei so einigen Themen nicht ganz einer Meinung waren.
Am Dienstag bekommt das schöne Gespräch mit dem Historiker noch so eine Art Fortsetzung. In der Bucht sagt ein Mann zu mir, er hätte am Vortag mitbekommen, was der andere Mann und ich miteinander beredet hätten – vieles, was die aktuelle Politik betrifft, sehe er genauso, manches auch krasser. Er erzählt ein wenig von sich: Aufgrund einer ärztlichen Fehlbehandlung wurde er vor sieben Jahren schwer krank. Niemand konnte ihm helfen, schlimmer noch, niemand wollte es. Also half er sich selbst, las eine Menge Texte diverser Alternativmediziner, experimentierte mit Biofeld-Therapien, Kräutern, Pilzen und Nahrungsergänzungsmitteln. Es ging ihm ein wenig besser. Dann kam Corona. Er war von Anfang an wachsam, wurde schnell den offiziellen Erzählungen gegenüber misstrauisch, die oft nicht zu den behördlichen Daten passten. Er ließ sich nicht impfen, ging auf die Spaziergänge der Maßnahmenkritiker, wurde bei einem dieser stillen Proteste festgesetzt. Nun verlor er auch den Glauben an den Staat. Er ist in Sachen Fauci-Tagebücher auf dem Laufenden, verfolgt die Sitzungen der Enquete-Kommissionen, hat natürlich in den RKI-Files gelesen. Im Prinzip meine Geschichte – nur dass mich die Polizei auf der Jagd durch Moabit nicht zu fassen bekam. Und im Gegensatz zu ihm habe ich noch ein μ Hoffnung.
Verstetigung von zwei Verhaltensmustern aus meiner teilnehmenden Beobachtungsstudie: Immer mehr Leute lesen papierne Bücher in der Bahn, und immer mehr Mitschwimmer packen ihre Kleidung, Schlüssel und Smartphones in aufblasbare Schwimmsäcke, die sie dann im Wasser hinter sich herziehen. Ich frage den Bucht-Sachsen, ob ihn seine Boje tragen würde. „Der Auftrieb reicht gerade so aus – keine Ahnung, wie das ist, wenn man in Panik gerät.“ – „Good luck!“
Am Donnerstag werde ich beim Schlagzeilencheck daran erinnert, dass der 13. August ist. Heute vor fünfundsechzig Jahren wurde mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen, Familien und Freundeskreise für achtundzwanzig Jahre auseinandergerissen. Hätte es die DDR weiterhin gegeben, müsste ich immer noch acht Jahre warten, bis ich meine Verwandtschaft in Lübeck hätte besuchen dürfen … Und genau da ist es umso schöner, dass mir am See Hand in Hand die Frankfurterin (von der Oder!) und der Kieler entgegenkommen – die hätten sich ohne den Fall der Mauer wohl niemals kennengelernt …
Und dann sehe ich nach langer Zeit mal wieder die Schwanenfamilie – und alle fünf Jungen sind noch am Leben! Und die beiden netten alten Umweltschützer, die mit mir den Seezuwachs bestaunen, geben mir ihre Visitenkarte, auf dass wir uns mal auf ein Kännchen Tee bei ihnen verabreden. Und der bestinvestierte Euro in diesem Monat war bislang der am Samstag auf dem Flohmarkt für die CD „Wir heben ab“ von Ben Becker, von der hier in Dauerrotation das Lied läuft, das er für seinen verstorbenen Westberlin-Kumpel Martin Kippenberger geschrieben hat, der ihn, die damals minderjährige Punkgöre, immer ins SO36 ließ: „Und es wird Abend über Berlin. Wenn du unter dem Dom stehst, wenn du nach oben siehst, wenn du die Augen schließt, kannst du sie fliegen sehen – die Kanarienvögel. Jetzt bist du einer von ihnen. Und der Himmel färbt sich orange über Berlin. Wenn du ganz genau hinsiehst, dann mit dem Pinsel den Strich ziehst, der wie die Zeit über alles hinwegfliegt, während du dich zurücklehnst und dir denkst, wie schön das ist, dann sei dir gewiss: Du wirst nicht vermisst, weil du hier bei mir bist.“ Schnief.
Fragen über Fragen … Wesen, die nachts nicht schlafen, sind häufig Vampire. Bei solchen, die ebenso nachtaktiv sind und bei Vollmond besonders viel Energie verspüren, handelt es sich meist um Werwölfe. Aber wie nennt man jene, die der Schlaf nach einer Sonnenfinsternis flieht? Zu letzteren gehöre offenbar ich.
Doch dazu später mehr. Vorher die zweite wichtige Frage: Wie bezeichnet man eine Sonnenfinsternis, die während des Sonnenuntergangs stattfindet? Sonnenuntergangsfinsternis? Sonnenfinsternisuntergang?
Was für Fragen einem übermüdeten Verstand durch den Kopf schießen … Aber der Reihe nach.
Am Mittwochabend schiebt sich der Mond vor die Sonne und verdunkelt sie nahezu vollständig. Das Naturereignis bietet interessante Farbspiele. Während sich die Straßen langsam in Schatten hüllen, Straßenlaternen und Autoscheinwerfer angehen, liegen die oberen Teile der gen Westen gerichteten Häuserfronten noch im prallen Sonnenlicht. Meine Kamera kann die eigenartige Stimmung und das verwirrende Licht leider nicht richtig einfangen.
Einige Passanten bleiben wie ich stehen. Die meisten schirmen mit der Hand die Augen ab, einige wenige tragen Lichtschutzbrillen. Ein junger Mann beschwert sich ins Telefon, dass er nirgends eine solche Brille bekommen habe. Andere sitzen im Licht der Girlanden in den Freisitzen, als wäre es ein ganz normaler Spätsommerabend.
Obwohl ich nach dem astronomischen Ereignis und den langen Märschen durch die Stadt hundemüde bin, finde ich später keinen Schlaf. Eine Stunde wälze ich mich hin und her, ehe ich endlich hinwegdämmere.
Am nächsten Morgen bin ich ungewöhnlich früh wach, lange bevor der Wecker klingelt. Ich versuche wieder einzuschlafen, aber auch jetzt will es mir einfach nicht gelingen. Vermutlich habe ich eine Postsonnenfinsternisschlafallergie. Kurz vor halb sechs reicht es mir. Ich ziehe meinen geplanten Waldlauf vor und renne. Ohne gefrühstückt oder etwas getrunken zu haben.
Und das fühlt sich nicht nur richtig, es fühlt sich gut an. Noch sind wenige Autos unterwegs. Die meisten Menschen, denen ich begegne, und das sind nicht viele, führen, bevor ihr Tagwerk richtig beginnt, einen Hund Gassi. Die Sonne ist aufgegangen, aber hinter Häuserfronten und Baumreihen nicht zu sehen. Als ich loslaufe, ist das Licht schummrig.
Ich laufe und laufe und laufe und erreiche problemlos eine Geschwindigkeit, die mir seit Monaten nicht mehr möglich war. Ich schaffe den Kilometer in weniger als fünf Minuten. Nicht jeden Kilometer – zu querende Straßen, enge Kurven oder kleinere Anstiege verhindern das – doch fast jeden zweiten. Am Ende bewältige ich die ersten zehn Kilometer in überraschenden 52:48 Minuten, zuletzt benötigte ich jeweils fast eine Stunde für diese Distanz. Ich genieße das aufsteigende Licht, das Alleinsein, die schnellen, stampfenden Schritte. Als ich zu den unvermeidbaren Straßen zurückkehre, bin ich mitten im Berufsverkehr und muss auf Lücken lauern, um auf die andere Straßenseite zu gelangen.
Aber fürwahr! – das fühlte sich gut an. Jetzt unter die Dusche und dann geht’s wieder auf Tour: Der werktägliche frühe Gang schließt sich an – ich bringe meine Frau zu ihrer Arbeitsstätte.
Vielleicht sollte ich immer so früh joggen? Andererseits wären sechzig oder neunzig Minuten mehr Schlaf auch nicht schlecht …
Ich schiebe meine körperliche und geistige Verwirrung auf das gestrige Himmelsereignis. Offenbar gibt es Wesen, die am Tag nach einer Sonnenfinsternis ganz dringend, ganz früh, ganz schnell laufen müssen. Und zu denen gehöre dann wohl ich.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 02:27:55, 11-08-2026
Christoph Sanders, Thalheim
Sonniger und ruhiger Freitag. Am Morgen erste Staubfahnen über den Äckern – die neue Güllespeisung wird vorbereitet. Lkw mit 20-Kubikmeter-Fässern, Tanklaster voller Schweinekacke; es duftet bis spät in die Nacht. Immer noch Hitzewelle. Ich bin gespannt auf die politischen Entscheidungen, die darauf folgen werden – ein weiterer Aktionsplan oder Wasserrationierung? Am Vormittag an drei Rädern Pedale und Kurbeln abgebaut, die ich verkaufen, tauschen oder verschenken werde. Das Familienfotoalbum beendet – der Vorhang fällt hinter dem letzten Jahrhundert. Meine Kinder finden die Zusammenstellung gut – sie haben meine Eltern nur kurz gekannt. (Der Fluch, spät Vater zu werden.) Mit den Kids fünfundzwanzig Kinderhörspielkassetten aussortiert, die Schallplatten behalten wir. Angenehm milder Abend; die Brombeeren hängen warm am Strauch.
Ein ausgesprochen frischer Samstagmorgen. Die 13 Grad Celsius Lufttemperatur werden vom hitzeverwöhnten Körper bereits als kalt empfunden. Aus den beiden jungen Türkentauben sind nun Ästlinge geworden – bevor sie flügge sind, hocken sie zunächst einmal auf einem Ast. In der Zeitung die Meldung, dass ein pflichtbewusster Bürger auf dem Hub Leipzig großen Schaden verhindern konnte. Besonders lachen darf man über diesen Satz: „Am Ende kann und darf der Schutz so wichtiger Infrastruktur nicht dem Zufall und dem mutigen Verhalten eines umsichtigen Busfahrers überlassen sein.“ Bei mir erzeugen diese Drohnendauerberichte nur noch Unbehagen; ich vermute, die Bedrohungslage wird so übertrieben, weil ihre Grundlage, die Versorgung von Kriegshandlungen von deutschem Boden aus, auf völkerrechtlich wackligen Füßen steht – oder hat je ein Bundestag über die Fracht der sechs ukrainischen Maschinen abgestimmt? Über Thalheim zur Zeit keine Antonow in der Luft. Ein klarer, trockener Tag voller pausenlos rollender Lastkraftwagen.
Wunderbare Runde mit der Jüngsten im angenehmen Wald. Das Unterholz leuchtet sattgrün, nur ein paar Arten wie die Buchen deuten bereits im Wipfel die Herbstfarben an. Bienen und Wespen machen sich über die verblühende Digitalis (a.k.a. Fingerhut) und andere Spätblüher her. Über den Substack-Newsletter von Adam Tooze stoße ich auf die Filmdokumentation „The Consolations of History“ über Eric Hobsbawm. Der Historiker und Alt-Kommie nahm, um das Leid der frühen Industrialisierung zu belegen, die englischen Landstreicher der Frühen Neuzeit zum Vergleich – wir selbst werden bald schon das Leid der späten Industrialisierung miterleben können. In Frickhofen lange Schlangen, da das Arena Kebap Haus 8 zum Jubiläum das „Drehspießfleisch im Fladenbrot“ für 3 Euro anbietet. Das Automobil unserer Dorf-Vagantin hat wieder befüllte Reifen; ihr gelber Kugelgrill steht unten am Bach. Die fröhlich kackenden Jungtauben üben nun erste Flugbewegungen.
Der Sonntag beginnt schwülwarm und mit den Rufen der Tauben: „Ja, wir sind noch da!“ Sie üben nun den Sprung vom Ast auf das Dach und zurück; danach sitzen sie bei ihren Eltern und ruhen sich aus. Über ein altes Randonneur-Forum bekomme ich etwas Zubehör wie ein Paar superleichter Faltreifen verkauft, das ich sogleich verpacke. Dann Aussortierung von Büchern – die Kartons füllen sich nach und nach. Es ist gut, wenn man vorher eine thematische Struktur entwirft, weil man dadurch schneller Redundantes entdeckt – das Zeug, was sich so im Lauf der Jahre ansammelt, Geschenke etc. Herkömmliche Fahrradliteratur verticke ich leichten Herzens, weil das Thema für mich ausgelernt ist. Da interessieren mich inzwischen mehr die gut geschriebenen Texte als all die technisch-zeitgeschichtlichen Details, wer wann wo was gewann usw. Ich bin froh, dass ich mich von all dem trennen kann – die Zeit des Sammelns und Hortens ist vorüber. Vielleicht auch die der großen Touren – ich habe meine Welt erschlossen, wollte dem Gefühl des Radrennfahrers nahekommen und habe das in Grundzügen auch erreicht. (Hamburg–Berlin im Oktober ist das nächste avisierte Ziel.)
In der Familie große Nervosität, weil morgen die Ferien enden und alle wieder um sechs Uhr aufstehen müssen. Es beginnen neue Lebensabschnitte: Der Große zieht zum Semesterbeginn nach Aachen, der Teenie wird im Dezember volljährig und meine Kleinste kommt nun in die achte Klasse inklusive neuer Gruppendynamik – es bleibt für den Vater noch eine Menge zu tun. Abends Vorzeichen eines Gewitters, dann leider nur drei Regentropfen. Die Luft aber leicht – perfekt für die Nacht. Als ich mir noch schnell etwas Nachtisch vom Brombeerstrauch hole, höre ich den Igel rascheln.
Und auch der Montag beginnt sonnig und frisch. Beim Erwachen höre ich, wie das Rauschen der Straße in 700 Metern Entfernung im Gegensatz zu der Vorwoche stetiger und stärker wird. Da fällt mir ein, dass die Sommerferien vorbei sind – alle melden sich pünktlich zum Appell. Beim Trödler eine Debussy-CD mit Klavierstücken und ein DIN-Cinch-Adapter für alte deutsche Plattenspieler. Aus der Büchertelefonzelle Hanns Cibulkas „Ostseetagebücher“. Letzte Woche fand ich in einer anderen sein „Sonnenflecken über Pisa“, ein autobiografisch inspirierter Roman über einen Fernmeldesoldaten auf Sizilien vor der Landung der Alliierten. Präzise Beschreibungen der Personen und der Landschaft – der Krieg schärft die Sinne.
Die Papiertonne ist rappelvoll – und tonnenschwer! Prospekte, Fotos, Magazine (allein von dem der FAZ habe ich noch vierhundert …) Ein wunderschöner Sonnenuntergang, der vom Trio Orelon auf HR2 begleitet wird, das Grieg, Brahms und Röntgen-Maier spielt, als ich den Sohn vom 21:05-Uhr-Zug abhole. Es ist noch hell. Große Tage.
Das Leben findet immer einen Weg. Beim Kampf, Mensch versus Natur, gewinnt am Ende immer die Natur. Ich schreibe das nicht, weil ich mit Untergangspropheten und Klimakatastrophikern abrechnen möchte. Dieser Gedanke ist das Ergebnis meiner Beobachtungen.
Jeder weiß, dass den Gemeinden in Deutschland zunehmend die finanziellen Mittel fehlen, um ihre Infrastruktur instand zu halten. Insbesondere Pflichtausgaben belasten die kommunalen Haushalte. Die Folgen sind vielfach aufgerissene und behelfsmäßig geflickte Straßen und Gehwege, wie ich bei meinen Spaziergängen mit eigenen Augen sehen kann. Gräser besiedeln Risse im Asphalt. Größere Gewächse oder Baumsetzlinge weiten die Schäden in der Bausubstanz aus und bilden kleine Biotope. Das Grün bricht sich unaufhaltsam Bahn.
Nun reden gerade Stadtpolitiker in warmen Sommern gerne von „klimaneutralen Innenstädten“, „grünen Inseln“ oder Bepflanzungen. Was häufig am besagten Geldmangel oder am Widerstand verschiedener Interessengruppen scheitert, vollzieht sich im Kleinen von ganz allein: Die Natur nutzt jede Lücke. Pioniergewächse wie Gräser und Löwenzahn besiedeln das kleinste Fitzelchen Erdreich und bereiten den Boden für die nachfolgende Flora.
Schaut man genau hin, erkennt man, dass alles, was in Filmen wie „I am Legend“ als Resultat jahrzehntelanger menschlicher Abwesenheit dargestellt wird, sich in der Realität bereits binnen weniger Wochen nach Ende eines jeden Winters zeigt.
Weil manche Asphalt- und Betonflächen abstoßend öde sind – da bin ich ganz ehrlich –, möchte ich der Natur Beifall klatschen und ihr zurufen: „Auf geht’s, ihr Gräser und sogenannten Unkräuter, kommt her und begrünt die Tristesse! Und ja, ich weiß, bei geschlossenen Asphaltdecken habt ihr es schwer.“ Doch dem Wasser-, Gas- und Kabelbau sei Dank wird es immer jemanden geben, der kurz nach der Asphaltierung merkt, dass noch eine Leitung im Boden fehlt oder dass hier ganz dringend Instandhaltungs- oder Erweiterungsarbeiten durchgeführt werden müssen.
Wird dann in aller Schnelle billig geflickt, bilden sich Risse – perfekte Einladungen für jene Pflanzen, die ohne Hege, Pflege und künstliche Bewässerung auskommen. Wer also Sorge hat, dass der Mensch die Natur und das Klima zerstören wird – die Natur ist leidensfähiger, robuster und hartnäckiger, als die meisten von uns es sich vorstellen können. Das Leben findet immer einen Weg.
Helko Reschitzki, Moabit
Irgendwann im Verlauf des Mittwochs haben mir unbekannte mutmaßliche Profis die quer über dem namenlosen Weg südlich der Gleise der S-Bahn und der Wetzlarer Bahn liegende entwurzelte Kastanie zersägt und die Holzstücke minimal beiseitegeschoben. Von der umgestürzten Esche am Hang der Rehwiese fehlt hingegen jegliche Spur – die Villenbewohner können ihr Auge nun wieder schandfleckunbelästigt zu Wipfeln und Wolken schweifen lassen.
Am Abend ein Fachgespräch mit der Brombeergroßpflückerin aus meiner Yogagruppe, die ungefähr 15 Kilogramm pro Saison sammelt und daraus Konfitüre kocht. Sie muss ihre Hecken ganz in der Nähe der meinen haben, ich habe aber nicht so genau verstanden, wo. Viel mehr beschäftigt mich, dass auch sie, wie neulich schon der hundertdreißigjährige Ostasiate unbestimmten Geschlechts, zum Ernten einen Stock benutzt – ich gehe das Ganze offenbar zu lax an. Meine Yogalehrerin ist begeistert von dem Atemtee aus Thymian, Moringa, Wermutkraut, Brennnesseln, Brombeerblättern, Sencha und Lindenblüten, den ich eigens für sie zusammengestellt und ihr letzte Woche anlässlich Guru Purnima geschenkt habe. Die Alice-Coltrane-CD hat sie noch nicht gehört (ich lebe unter Streamern).
Am Donnerstag stoße ich beim allmorgendlichen Schlagzeilencheck auf die Meldung, dass in der Nacht auf Mittwoch auf dem Gelände des Flughafens Leipzig-Halle im unmittelbaren Nahbereich von vier geparkten quasi-militärischen Transportmaschinen der ukrainischen Fluggesellschaft Antonov Airlines eine mit „Lockerbie-Sprengstoff“ präparierte „Kamikaze-Drohne“ entdeckt und unschädlich gemacht wurde. Mir ist sofort das große Potential eines medialen Meltdowns klar – und genauso kommt es dann auch: Der Busfahrer, der gerade noch so eine Katastrophe abwenden konnte, hat sich wahlweise auf das Flugobjekt geworfen oder es per Fußkick aus der Luft geholt; die riesigen Flieger waren entweder voller Munition oder leer; der Bus, mal mit, mal ohne Passagiere – je nachdem welcher Quelle man glaubt. Die üblichen Verdächtigen verdächtigen sofort die üblichen Verdächtigen; der Bundesinnenminister unterbricht seinen Urlaub und will die Ermittlungen abwarten (wo gibt es denn sowas?!) Nun bin ich auf den Lebenslauf des sächsischen Jackie Chan gespannt.
In meiner Schlachtenseebucht beobachte ich von Land und aus dem Wasser heraus lange die Uferschwalben. Diese versammeln sich zu einem guten Dutzend im leicht schwankenden Wipfel der hohen Birke, um dann auf ein von mir nicht wahrnehmbares Signal hin kollektiv gen See zu stürzen und sich dort auf ihre typischen, vermutlich individuellen Zickzackkurse zu begeben. Die Rückkehr auf den Baum erfolgt dann einzeln und über Minuten gedehnt – bis auf ein, zwei vielleicht zufällige, vielleicht auch absichtliche Paare.
Auf meinem Weg zu den Brommeln stiebt auf einem der Sockel der Eiszeitschlucht plötzlich vor mir ein relativ großer, schwarzer Vogel auf. Das Hirn meldet sofort: Rabe. Aber bereits eine Sekunde später merke ich am Flugbild, dass das nicht stimmen kann – was kurz darauf durch die abrupte, vertikale Landung an einem Baumstamm und den Umriss bestätigt wird: Das ist mitnichten Kamerad Corvus, das ist ein Specht. Mich durchzuckt es – denn das ist keiner der ortsüblichen Buntspechte, sondern ein Schwarzer! Den bekommt man in Berlin nur mit viel Geduld und noch mehr Glück zu Gesicht (der NABU spricht von 60 bis 90 Paaren in der Stadt) – für mich ist es das erste Mal. Den lupen- und pinzettenbewaffneten ehemaligen Ostblockkindern meines Alters ist der Dryocopus martius aus der von Vladimír Kovářík gezeichneten, tschechoslowakischen Briefmarkenserie „Lesní a zahradní ptactvo“ wohlbekannt. Da mein Specht keinen roten Scheitel, sondern ein zinnobernes Fleckchen am Hinterkopf hat, ist klar, dass es sich um ein Weibchen handelt.
Am Freitagmorgen treffe ich auf meinem Umsteigebahnhof eine Mitschwimmerin, mit der ich schon öfter geklönt habe. Sie und ihr Freund, der Kieler, gehen zwei Kilometer weiter westlich ins Wasser und haben auch eine Stammbucht. Während der Fahrt zwischen den beiden am weitesten auseinanderliegenden innerberliner S-Bahnstationen und auf dem gemeinsamen Weg zum See erzählen wir ein bisschen Autobiografisches von uns – das haben wir bislang kaum gemacht. Sie ist sieben Jahre jünger als ich und wurde im Bezirk Frankfurt (Oder) geboren. Da sie als freie Schauspielerin in diversen fahrenden und stationären Maskentheatergruppen immer hart am Existenzminimum langschrammt, verdient sie einen Teil ihrer Miete als Sommersaison-Kellnerin auf einer Nordseeinsel. Der Gegensatz zwischen Berlin und der windumtosten Quasi-Kleinstadt gefällt ihr, der ständige Kampf ums Geld nicht. Auf der anderen Seite wäre sie aber auch gar nicht der Typ für einen 9-to-5-Job. Wir reden über den Kapitalismus und wie dieser sich gerade durch künstliche Intelligenz verändert und alles, was die Smartphonesucht jetzt schon anrichtet, verschärfen wird. Eine Freundin von ihr nutzt den Chatbot als „Psychiater“ und ist ganz begeistert, weil der ihr in allem zustimmt. Wir sind gespannt, wo uns das noch alles hinführen wird.
Nach einer netten Verabschiedung und dem kleinen Weitermarsch schaue ich in meiner Bucht dem seit ungefähr einer Woche einzigen, von seiner Familie übriggebliebene Blässhuhn beim Gründeln zu. Das machen Rallen nur im Flachen, im Tiefen wird getaucht. Das Wasser fühlt sich außergewöhnlich weich an, was auch den anderen auffällt – eine Frau nennt es „samten“ (ich würde eher sagen „satinig“). Eine Mitschwimmerin gesellt sich zu mir auf die Bank – da sie mir sympathisch ist, verrate ich ihr meine Brombeerpflückstellen.
Am Sonnabend wird das letzte Buchtblässhuhn kurzzeitig von fünf gregatim eingeflogenen Stockentenweibchen an den Schilfrand vertrieben. Durch das fantastische Morgenlicht, das klare Wasser, den hellen Seegrund und die feinen, konzentrischen Wellen, die von ihren Körpern ganz, ganz sacht weglaufen, sieht es aus, als würden sich die Enten auf den Jahresringen eines Baumes drehen. Allein vom Zuschauen dehnt sich die Zeit Richtung Unendlichkeit. In einer ähnlichen Dimension sind jene Halberstädter unterwegs, die auf der Orgel ihrer Burchardikirche die Komposition „ORGAN²/ASLSP“ von John Cage erklingen lassen. Dessen Anweisung lautete, dass sein Stück „so langsam wie möglich“ dargebracht werden solle. Die Macher nehmen das wörtlich – und dehnen die Spieldauer auf 639 Jahre. Eine Viertelnote dauert hier Monate, manch Ton verharrt über Jahrzehnte. Begonnen wurde mit diesem zukunftsfrohen Projekt vor fünfundzwanzig Jahren; am Mittwoch wurde durch das Einsetzen einer weiteren Pfeife der bestehende Akkord um einen achten Ton ergänzt, der nun bis zum nächsten Klangwechsel zu hören sein wird.
„If you’re lost, you can look and you will find me, Time after time / If you fall, I will catch you, I’ll be waiting, Time after time …“
Ich habe momentan viel Zeit zum Nachdenken. Mit dem Nachdenken kommt das Grübeln. Und mit dem Grübeln kommen dunkle Gedanken und Leere. Anlass für meine Verzweiflung in dieser Woche ist das Unverständnis darüber, trotz einer passenden Qualifikation und gut gelaufener Vorstellungsgespräche von den Arbeitgebern wiederholt abgelehnt worden zu sein.
Wie so oft hellt ein Buch meine Stimmungslage auf. Erneut ist es Erich Fromms „Haben oder Sein“, in welchem ich prompt auf ein gutes Zitat stoße: „Bürokraten handeln aufgrund starrer Regeln, die auf statistischen Daten basieren, nicht in spontaner Reaktion auf die vor ihnen stehenden Personen. Sie entscheiden Sachfragen anhand der Fälle, die statistisch gesehen am häufigsten vorkommen, und nehmen dabei in Kauf, dass Minderheiten von fünf oder zehn Prozent Schaden erleiden. Der Bürokrat fürchtet die persönliche Verantwortung und sucht hinter seinen Vorschriften Zuflucht. Was ihm Sicherheit und Stolz gibt, ist seine Loyalität gegenüber den Gesetzen.“ Vielleicht sollte ich aufhören, mich im öffentlichen Dienst oder bei staatlich finanzierten Organisationen zu bewerben – trotz der dort gezahlten, für den Osten hohen Tariflöhne.
Neben dem Lesen hilft es, mich sportlich zu betätigen. Ich laufe durch den Park, morgens, wenn die Hitze noch nicht aufgestiegen ist, die Temperaturen mild und der Untergrund feucht und kühl ist. Außer gelegentlichen Joggern, Hundehaltern sowie Radfahrern, die zur Arbeit wollen, treffe ich kaum Menschen. Hier sind auch keine Pendler unterwegs. Die Pfade sind nicht asphaltiert, verlaufen nicht schnurgerade – einen Waldweg zu nehmen, wäre in den Augen vieler ineffizient und Zeitverschwendung.
Die Stadt ist eine einzige Baustelle. Bis zum Ferienende am 16. August soll möglichst viel abgearbeitet werden. Das Verlegen und die Wartung der Schienen laufen auf Hochtouren. An manchen Haltestellen sind so viele Linien gestrichen, umgeleitet oder auf Schienenersatzverkehr umgestellt worden, dass die Fahrgäste inzwischen einen Kompass benötigen, um sich zurechtzufinden.
Gleichzeitig werden die großen Plätze im Stadtzentrum zu Veranstaltungsräumen. Überall entstehen Bühnen, Getränkebuden und Sitzgelegenheiten. Der Wochenmarkt, der traditionell am Dienstag und Freitag vor dem Alten Rathaus stattfindet, muss umziehen. Die Händler versammeln sich nun um den defekten Springbrunnen vor der Oper. Die freie Wasserfläche in ihrer Mitte wirkt surreal; einige Kinder planschen mit den Füßen darin.
Unsere zwei Kater kommen inzwischen nur noch zum Schlafen oder Fressen ins Haus. Abends fällt es uns immer schwerer, sie zurückzulocken – draußen im Dunkeln gibt es noch so viel zu entdecken, dort ist ihr Jagdrevier. Vögel werden zurzeit aber nicht angeschleppt; der Nachwuchs hat das Nest wohl schon verlassen, vermute ich. Auch die Tributzahlungen in Form von Spitzmäusen haben abgenommen. Ich bin mir sicher, dass die beiden teilweise im Freien schlafen: auf warmen Terrassenböden, in schattigen Nischen oder auf kühlen Mauern. Die Katze reden zwar nicht mit uns, aber ich denke, sie sind wahrhaft glücklich.
Christoph Sanders, Thalheim
Von Montag auf Dienstag eine ruhige Nacht mit Dauerregen. Viel frisches Grün rund um das Haus. Während ich in buddhistischer Regungslosigkeit meinen Tee schlürfe, pirscht die Amsel Stück für Stück an ihr Nest – das Fiepen der Brut ist ganz leise zu vernehmen. Von rechts kommt das Männchen und macht Warnrufe. Selig segeln die Schwalben in der insektenschweren Luft. Die Tauben grüßen einander. Der Krach bei den Elstern ist schnell vorbei. Langsam wird es schwül, und auch um halb neun ist noch völlige Ruhe im Haus. Adam Tooze im Zeit-Interview gewohnt gut – er ist eben Historiker mit Fachkenntnissen in Wirtschaft und Technik, der politische Entscheidungen hinter reinen Zahlen sichtbar macht, weshalb er auch immer den Wertekanon und die Dogmen der Parteien mitdenkt.
Fahrt ins Gewerbegebiet, um eine Rabattmatratze zu kaufen, die online noch mal 20 Euro billiger zu haben wäre – aber mein Sohn kann nicht warten. Die 140 Zentimeter Breite sind ein Idiotenmaß, da für eine Person zu groß und für zwei zu schmal. Anschließend 400 Kilometer nach Aachen zur Begutachtung einer Wohngemeinschaft.
Nachdem ich eine halbe Stunde lang eine Straßenecke in Aachen beobachtet hatte – ich las in einem dünnen Insel-Band russischer Märchen, gedruckt auf steifem Papier, was die Illustrationen eines gewissen Ivan Jakovlevič Bilibin noch besser zur Geltung brachte – und bereits nach wenigen Minuten hörte, wie das repetitive Aufsummen eines Elektroantriebs allmählich die luftige Platanenallee näherkam – es war der Amazon-Prime-Laster, der alle 30 Meter stoppte –, und dann, ab 18 Uhr, in lockeren, aber immer häufigeren Abständen Fertigessenslieferanten auf massiven Elektrorädern in die Straße einbogen und sich eine Muslima im wallenden Gewand kaum mehr die Mühe gab, in die Pedale ihres E-Bikes zu treten – da wusste ich: Die Zukunft ist elektrisch. An den Abstandsrohren der Parkplätze und Bauminseln lehnen zum Teil hochwertige Fahrräder, von denen man der Hälfte ansieht, dass sie kaum einmal in Gebrauch waren; an einigen von ihnen kleben leuchtgelbe Papiere des Ordnungsamts: „… im Sinne der Sauberkeit und Sicherheit sei das Rad bis zum XXX zu entfernen …“ Nach 19 Uhr sehe ich immer mehr Laufgruppen, die sich aus verschiedenen Richtungen in Richtung Universitätspark bewegen – die Gegenströmung zu den Touristen und anderen Studenten, die mit Rollkoffern unterwegs sind. Die wunderlichen Russenmärchen (die sich ab dem dritten eigenartig glichen) habe ich bald zu Ende gelesen; die auf das Jahr 1901 datierten Illustrationen erinnern mich an Ubbelohde und Vogeler. Die starke Farbigkeit gibt mir Aufschluss darüber, warum russische Händler mit dem Ankauf fauvistischer Werke wenige Berührungsängste haben.
Am Mittwoch Ausfall aller Regionalzüge nach 21 Uhr, sodass ich meinen Teenager am Frankfurter Hauptbahnhof abholen muss. Leider bewirken die Vollsperrungen der A3 (Nachtbaustellen zum Flicken des Asphalts), dass dies zu einer Tortur wird – sich in Dreierreihen von LKW-Kolonnen behaupten zu müssen, ist kein Spaß. Die kühlende Taunusluft auf den Nebenstraßen ist dann die reinste Erholung. Allein am Hauptumschlagsplatz der Drogen herumzustehen, während die Geschäfte geschlossen sind, ist gerade für eine Siebzehnjährige kein Zuckerschlecken. Aber nun ist sie wieder daheim und kann ausschlafen. Ich bin gespannt zu hören, was sie morgen aus der französischen Provinz erzählen wird.
Am Donnerstag warmes, luftiges Wetter, angenehm sommerlich, nicht mehr so subtropisch wie am Vortag. Während die anderen noch ruhen, lüfte ich das Haus, gieße die Pflanzen und richte die Küche. Später schenke ich der Nachbarin ein kleines Mountainbike – sie ist ganz erstaunt, dass um sie herum alle auf E-Bikes umstellen und keiner mehr ein „herkömmliches Rad“ fahren möchte. In allen Medien die Drohnengeschichte aus Leipzig. Unsere Bedrohung wächst von allen Seiten – vor allem die Bedrohung durch Tralalala-Stories. Auch ich sichte heute eine Drohne – einen Quadrocopter! Der stand direkt neben einem Maisfeld, daneben ein US-Pickup, in dem zwei infiltrierte Rednecks sitzen. Zuhause weiter mit Nabokov – ein Zimmer kann das Universum sein. Ein Stück Zwieback, starker Oolong, Salat und Rührei ebenso. Mit der Rückkehr unseres Teenies kommt wieder der french Touch ins Haus – gut! Pflaumen und Brombeeren gibt es in Fülle und Fülle – ich habe unterwegs meine Hecken und Bäume, die ich anfahre. Wildbienen und Wespen sind aber kaum mehr zu sehen. Sichtung eines neuen Graffitis am Güterzug aus Norditalien: „Der Soldat, der schreibt … Rückzug“.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 23:59:13, 04-08-2026
Helko Reschitzki, Moabit
Am Donnerstag treiben nach langer Zeit mal wieder Blüten und große Blätter in der Bucht. Die Mitschwimmer rätseln, was das soll. Ich äußere die starke Vermutung, dass das die Balinesin war, die ich einmal bei einer Blumenzeremonie im Wasser beobachtete und mit der ich mich irgendwann auch darüber unterhielt. Am Montag folgt die Bestätigung, als sie und ihr Mann sich zu mir auf die Bank setzen und ich nachfrage. „Als vor ein paar Tagen Vollmond war, habe ich hier ein Reinigungsritual vollzogen.“ Ich: „Am Mittwoch.“ Sie: „Ja.“ Dass da Vollmond war, weiß ich, weil an dem Tag viele Inder Guru Purnima begingen – ein traditionelles Fest am Vollmondtag (Purnima) des hinduistischen Monats Ashadha, der in diesem Jahr auf den 29. Juli unseres gregorianischen Kalenders fiel. An diesem Tag ehren Schüler ihre Gurus, die Verleiher des Wissens und Vertreiber der Dunkelheit (Gu = Dunkelheit/Unwissenheit, Ru = Vertreiber). Für mich ein schöner Anlass, meiner Yogalehrerin mit einem großen Glas Atemtee und der CD „Kirtan – Turiya Sings“ von Alice Coltrane Danke zu sagen, was sie überraschte und freute. Für die Musik wird sie sich einen CD-Player von ihrer WG-Mitbewohnerin borgen.
Und die Kids nutzen die letzten beiden Tage, an denen die moabiter Putlitzbrücke noch für den motorisierten Verkehr gesperrt ist, um uns mit Kreide mitzuteilen, was sie innerlich bewegt: „Trams – si, Autos no!“ und Palästina soll frei sein, ja, die ganze Welt. „Frieden“ steht da auf Kyrillisch und dann noch „Kde je moje pivo“, was Tschechisch ist und „Wo ist mein Bier“ heißt. Und ohne die CDU wär’s schöner, und Wahlkampftipps gibt es ebenso. Und auch das Wichtigste wird nicht vergessen: „V liebt V!“ – und man kann V nur wünschen, dass V auch V liebt. Am Samstag sind die beiden stillen Spielstraßenwochen dann vorbei, und die Autos rollen wieder.
Grund für die Sperrung waren Bauarbeiten für den neuen, am Ende 42 Meter hohen Schornstein des Heizkraftwerks – da das Gelände für den Kran wegen der Sicherheitsabstände zu eng war, musste die Straße mitgenutzt werden, um drei Kaminsegmente zu montieren.
Den Freitagmorgen, man muss schon sagen Vormittag, verklöne ich in meiner Schlachtenseebucht. Vor ein paar Wochen tauchte dort ein neuer Schwimmer auf. Der machte gleich einen netten, guten Witz auf meine Kosten, den ich ganz brauchbar parierte. Seitdem werfen wir uns immer ein paar Späßchen hin und her, wenn wir uns sehen. Neulich ergab es sich, dass wir länger und ernsthafter miteinander klönen konnten – dieses Gespräch setzten wir nun fort. Er ist Jahrgang 1962 und reißt gerade, nach dreißig Jahren, seine letzten Wochen bei einem der größten europäischen Fahrzeughersteller ab. Ein gebürtiger West-Berliner und immer dort geblieben; den See kannte er noch aus den Jahren vor dem Mauerfall als „vollkommen dreckigen Tümpel, in den man wirklich nicht reinsteigen wollte“; er hatte ihn im Prinzip vergessen. Bis ihn jüngst eine Kollegin dorthin mitnahm und er ganz überrascht vom sauberen Wasser war. Vom Filterkonzept, das das Tümpeldasein beendete, kommen wir auf weitere wissenschaftliche Themen. Es ist sofort klar, dass er ein Zahlenmensch ist. Weshalb er schon lange keinen Fernseher und kein Radio mehr besitzt, da dort haarsträubend falsch mit Werten herumgeworfen wird, die jeden beleidigen, der genau zuhört und ein Grundverständnis für Statistik, Mathematik und Sprache hat. Ich: „Dann war die Coronazeit auch für dich keine leichte, oder?“ Er: „Ach, hör auf! Da passte ja nun gar nichts zusammen mit den Werten.“ Er hatte seinen Weg, mit dem Wahnsinn umzugehen, ich schildere ihm den meinen. Mein Konzept, meine individuelle Ansteckungsgefahr selbst zu berechnen und in medizinischer Hinsicht auf die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Krankenhaushygiene zurückzugreifen, findet er smart. Als ich ihm erzähle, dass ich wegen einer Studie, die eine Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen erst ab 15 Minuten nachwies, immer nach zehn Minuten Fahrt den U-Bahn-Waggon wechselte, muss er lachen. Die hiesige Klimaberichterstattung amüsiert ihn wiederum so gar nicht, klar, auch da fliegt vieles an Messwerten, Modellierungen, Prognosen oder Szenarien durcheinander. Es folgen Geschichten über seine Besuche der Ostverwandtschaft im anderen Teil der zerschnittenen Stadt, ich bringe meine persönliche DDR-Sicht ein. Ein interessantes Gespräch mit sehr herzlicher Verabschiedung nach zweieinhalb Stunden.
Und gerade als ich mein klammes Handtuch an den Rucksack binde, um mich auf den Heimweg zu machen, ruft es vom Uferweg: „Huhu, ich bin’s – heute aber ohne Mann!“ Die alte Umweltschützerin – da bleib ich gern noch etwas länger. Ihr Mann ist gerade in einem Bildhauerkurs, „aber total untalentiert – ich hoffe, dass er sich nicht verletzt!“ Ich erfahre, dass sie selbst Künstlerin ist, und oute mich als Kollege. Von unserer kurzen Fachsimpelei über Bilder angeregt, erzählt die Dame in ihrem Schlepptau, eine Psychotherapeutin im Ruhestand, vom Zürcher Ressourcen-Modell – einer Sammlung von Fotokarten, die sie erfolgreich in der Arbeit eingesetzt hat, um das emotionale Erfahrungsgedächtnis der Patienten zu aktivieren. Ich frage, wie sie es einschätzen, dass nun nahezu jeder mit dem Smartphone täglich zig Bilder produziert; was das mit unserer Wahrnehmung, dem Unterbewusstsein, der Kunst und der Therapie machen wird. Sie haben dazu – wie ich – noch keine Meinung.
Im Eingangsbereich des S-Bahnhofs Nikolassee treffe ich dann auf zwei Zeugen Jehovas – ich nutze die seltene Gelegenheit und frage sie, ob die Grafiken im „Wachturm“ inzwischen von künstlicher Intelligenz generiert werden; ihre Gemeinschaft hätte ja quasi die KI-Bilderästhetik seit jeher verwendet. Leider wissen sie es nicht.
Am Samstag muss ich erst einmal warten, bis sich ein Gewitter verzogen hat, bevor ich an den See fahren kann. Schwimmen inmitten dicker Regentropfen, die Beeren sind frisch gewaschen.
Der Sonntag ist dann einer dieser wunderschönen Sommertage, an denen bereits am frühen Morgen die halbe Stadt fröhlich pfeifend in Richtung eines Badegewässers unterwegs ist – der Mann in meiner Bucht reißt im Namen von uns allen beim Reingehen ins Wasser seine Arme hoch und begrüßt die Sonne, die Luft und die Wolken.
Am Dienstag hält plötzlich auf freier Strecke die S-Bahn. Als der Fahrer durchsagt, dass sich die Weiterfahrt um ein paar Minuten verzögern wird, greifen die beiden Mädchen, die mir gegenüber sitzen, und ich synchron in unsere Rucksäcke, um jeweils ein Buch herauszuholen – die vielleicht Achtjährige den Donald-Duck-Band „Wettrennen zum Mars“, die etwas Ältere ein Fantasybuch aus der „Dreamslinger“-Reihe von Graci Kim und icke Boris Pilnjaks „Der Salzspeicher“ – ein witziger Moment. (Es wird immer noch gelesen!)
Am Schlachtensee zunächst Freude über unser Schildkrötometer, das verlässlich die heiße Temperatur und die Knallsonne anzeigt. Danach laufe ich dem Kieler und dessen rügener Freundin über den Weg. Die beiden fischen gerade mit einem langen Zweig nach etwas im Wasser. Ich frage, ob sie ihr Frühstück angeln würden – „Nein, da schwimmt irgendsoein seltsamer Schleim herum. Du kennst dich doch immer gut aus – weißt du, was das ist?“ Ich nehme den Stock: „Das ist eindeutig der Kot einer Moosqualle und stammt aus dem Weltall. Vorsichtig daran riechen ist in Ordnung, aber bitte nicht in den Mund nehmen.“ Mit meiner Expertise sind sie sehr zufrieden.
Christoph Sanders, Thalheim
Am Freitag zunächst bewölkt und leichte Abkühlung. Dann bricht die Sonne durch und es wird schwül, aber nicht mehr so dramatisch wie in den Tagen zuvor. Die Gewitterfront am Vorabend hatte sich aufgelöst. Kaum Geräusche im Garten, ab und zu ein Spatz. Der Rundfunk entdeckt die Probleme infolge von Hitzewellen – eine Sommerdebatte über Zuständigkeiten und Kosten folgt auf dem Fuße. Kreativität und ein paar kluge Verordnungen wären auch nicht schlecht – doch für so etwas scheinen weder Ämter noch Behörden belohnt zu werden. Abtransport des Sperrmülls – es müssten noch Berge an aussortierten Inneneinrichtungen abgetragen werden …
Grauer Samstagmorgen, dennoch warm – 20 Grad um sieben. Nachdem eine Handvoll Krähen sich knapp gegrüßt hat, folgen eine halbe Stunde später unsere Türkentauben. Ansonsten angenehme Ruhe nach der Zeltparty, deren Beats bis exakt 3 Uhr ins Zimmer schallten. Kirmes heißt die Veranstaltung. Nachdem unser US-philer Nachbar zunächst das Banner der Vereinigten Staaten ganz und dann zu Ehren des verstorbenen Senators Lindsey Graham auf Halbmast gesetzt hatte, weht nun wieder die Thalheim-Flagge.
Ich behebe die Ursache hartnäckiger Schlauchdefekte – zwei Speichenösenlöcher waren ausgebrochen, die scharfen Grate drangen am Felgenband vorbei bis zum Schlauch vor. Feinarbeit mit Feile, Öl, Schmirgelpapier, nun sind die Übergänge glatt. (Ich verstehe die Fans der doppelt geösten Felge immer besser.) Da er inklusive Akkufür 20 Euro angeboten wird, kaufe ich bei Aldi einen Akku-Bohrschrauber. Ein viel besserer „Hungaro-Bosch“-Schrauber kostet ohne Akku bereits 60 Euro – für das Bauen von Regalen reicht das vollchinesische Modell allemal. 1. des Monats – die Menschen haben wieder Geld auf dem Konto (oder sind gerade verreist).
Am Nachmittag zum Turnier anlässlich des einhundertjährigen Bestehens des Reitvereins Niederzeuzheim. Auf der Teilnehmerliste finden sich Namen wie Hubertushof’s Cello, One Night Stand Secret, Ustinov von der Mittelerde, Lexi La Boom oder Champus for ever. Im Top-Springen reiten einzelne Teilnehmer bis zu drei unterschiedliche Pferde – das sind die, die nebenberuflich noch Züchter sind. Der Wettkampf endet im Stechen mit einem knappen Sieg von Dame Noir 5, einer elfjährigen Stute. Somit gewinnt der Nachbarverein aus Elz (gesponsert von der Heus Betonwerke GmbH) knapp vor den Hadamarer Gastgebern mit Lokalmatadorin Riana E. (unterstützt von ZYX Records), deren Schwester Darlina bis zum Ende mitfieberte.
Meine Tochter inmitten von Pommes- und Würstchenschwaden mit angenehmen Fachkommentaren zu den Reitstilen und Pferden, die teilweise zu hart geführt werden, wodurch dann der Rivale aus Dagobertshausen auch das Nachsehen hatte. ZYX Records ist das Unternehmen, das unter Bernhard Mikulski die Riverside- und Prestige-LPs für die Bundesrepublik nachpresste; dementsprechend heißt der Vorzeigehengst der Firma dann auch „Chattanooga by Zyx“. Nahezu der gesamte Mittelstand der Umgebung macht hier Werbung – die Western Ranch stiftete eine lebensgroße, silbrig besprühte Pferdeskulptur, die vom Gartenbaugroßbetrieb Fischer hergestellt wurde. Die Zuschauergirls unter dreißig nehmen das Ereignis parallel zur Dauerkommunikation mit dem Smartphone wahr. Why not – ich gehöre ja zum Millionstel, das Kauflandmucke während eines laufenden Springreitturniers als störend empfindet. Die Coverband leistet gute Arbeit – beim Abschlusslied „Bochum“ wird laut mitgesungen. Eine ganz eigenartige Parallelgesellschaft.
Warmer, aber angenehm windiger Sonntag. Letzte Johannisbeeren für das Porridge gepflückt. Mit Nabokov an die Cote d’Azur des Jahres 1922, die ersten Badeanzüge – ein wundervolles Schweben in der Zeit. Kurzer Radausflug und eine Bolognese mit der Familie.
Am Montag weiterhin warm und trocken. Ein leiser Wind fächelt rund um den Trompetenblumenstrauch, in dem sich ein Gelege von Amseln verbirgt. Instandsetzung einer alten Tasse und mit Hilfe des neuen Wunderschraubers ein Bett für den Sohn zusammengebaut. Weiter durch meine LP-Reihen und Buchregale gegangen, am Ende acht Kilo entsorgt. Die Regallücken bei Biokartoffeln und anderem konnte mir wiederum niemand erklären. An den Kassen sitzt jetzt immer häufiger Hilfs-Hilfs-Hilfspersonal. Überall. Sie werden also langsam die Scanner ausbauen und die Überwachung verfeinern. Der Finanzfacharbeitersohn aus dem Bermudadreieck ist zu Gast. Er erzählt von einem Reitkurs mit wohlhabenden Ossis und künftigen Elitereitern im Gestüt Neustadt an der Dosse vor zwanzig Jahren. Ab 21 Uhr Wetterleuchten im Norden, zwei Stunden später Regen.
Frank Schott, Leipzig
Ein wenig habe ich meinen Frieden damit gefunden, dass der Montag der Tag der Jobsuche ist. An den Vormittagen scrolle ich durch die einschlägigen Portale und erstelle Anschreiben – den Rest der Woche über liegt mein Fokus aber auf der Familie, unserem Haus sowie meiner körperlichen und geistigen Gesundheit. Leider halten sich die potenziellen Arbeitgeber nicht an diesen Rhythmus, sodass auch an den „freien“ Tagen Absagen eintrudeln.
Manchen Absagen gingen Gespräche voraus – gute und offene Gespräche, wie ich fand – und dennoch gibt es am Ende die unverbindliche Ablehnung durch den rechtssicheren Automaten. Woran mag es liegen? Was ist es, das von den Firmen gesucht und offensichtlich ja anderswo gefunden wird, nur eben nicht bei mir? Bin ich zu alt? Zu qualifiziert? Zu unqualifiziert? Zu ehrlich? Zu wenig Verkäufer meiner selbst? Nicht, dass ich mich auf meine alten Tage ändern würde – meine Biographie ist in Stein gemeißelt und mein Ich knorrig und hart wie ein alter Baum. Interessieren würden mich die Absagegründe dennoch.
Beim Bier im Freisitz sagt der Freund, dass die Absagen daran lägen, dass ich mich vor allem im öffentlichen Sektor umgesehen hätte. Dort arbeite man beim Auswahlverfahren streng nach Punktlisten, um ja nicht angreifbar zu sein. Da seien Personaler dabei, die keinerlei Ahnung von der Aufgabe hätten, aber trotzdem fleißig Punkte verteilen würden. Dabei käme es für den Bewerber keineswegs darauf an, ehrlich zu sein – ganz im Gegenteil: Man müsse bei allen Fragen sagen, ja, das könne man, habe man schon gemacht. Sei man erst einmal eingestellt und im System, spiele es keine Rolle, ob man etwas könne, überfordert sei oder noch etwas lernen und sich weiterentwickeln wolle.
Aber so ein Blender bin ich wie gesagt nicht – ich weiß, was ich kann und was nicht, und sage das auch genau so. Ich weiß, dass ich mich reinknien und mir Wissen und Fähigkeiten aneignen würde, dass ich mich einer Aufgabe verschreiben würde. Aber wahrscheinlich geht es überhaupt nicht darum – zumindest nicht im öffentlichen Sektor. Ja, und ich weiß, dass ich mit Kollegen, die mehr Schein als Sein und mehr Wort als Tat sind, letztlich verkümmern würde. Doch so ganz ohne Job fühle ich mich auch unvollständig.
Genug geklagt – die Welt dreht sich außerhalb dieser Probleme ja weiter. Ich genieße die Ruhe am See. Am Dienstag ist es bewölkt, windig und kalt. Der Strand ist leer. Aus dem Sand grüßt mich eine Plastikente; ihre lebende Verwandtschaft hat das Wasser für sich allein. Es ist so kalt, dass ich fröstle und nicht hineinsteige. Am nächsten Tag ist es wärmer, und ich kann mich zwischen Enten und Möwen beim Baden entspannen. Über mir kreisen die Libellen wie Hubschrauber der Seenotrettung nach einem Schiffsunglück. Wobei das Beispiel hinkt – ich habe noch nie zwei Hubschrauber gesehen, die versucht haben, sich über der Seeoberfläche zu paaren.
Zwei alte Damen stehen knapp brusttief im Wasser und werfen sich einen Baseball zu. Sie kichern verlegen, als ich vorbeischwimme. „Sie halten uns bestimmt für wunderlich?“ – „Nein“, sage ich. „Ich finde es toll, dass Sie das machen. Ich möchte in Ihrem Alter gerne auch so fit sein.“ Beide nehmen mich wohl nicht ganz ernst, aber sie lächeln erfreut.
Noch einen Tag später ist es so drückend heiß, dass ich es maximal fünfzehn Minuten in der Sonne aushalte, bevor ich zu zerfließen drohe. Das angenehm kühle Wasser ist die Rettung. Weil es ein Wochentagsvormittag ist, herrscht trotz der Ferien nur geringer Andrang. Einige Familien mit Kindern sind da, einige Rentner und ein paar Einzelgänger wie ich. Kompressoren blasen Gummiboote und Schwimmboards auf. Ich habe meine Strecke, die abzuschwimmen etwa dreißig Minuten dauert, und sehe entspannt meinen Schatten unter mir den Grund entlang tauchen.
Trotz der Hitzetage ist es eine überraschend gute Woche zum Laufen. Ich drehe dabei nicht das ganz große Rad, sondern jogge viermal knapp acht Kilometer. Interessant ist, dass der Fitnesstracker trotz GPS für die identische Runde bis zu vierhundert Meter Unterschied anzeigt. Ein paar Meter wegen der Kurvenradien könnte ich verstehen, aber das sind fünf Prozent Differenz! Auffällig ist, je schneller ich unterwegs bin und je größer die Schritte ausfallen, desto kürzer wird die ermittelte Distanz.
Am Sonntag liegt ein wenig Frühnebel über der Strecke. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nicht eher Smog oder Rauchschwaden sind. Die Luft riecht ein wenig verbrannt – so wie ein frisch entzündeter Kamin. Es ist halb acht und es sind ausgesprochen viele Läufer unterwegs. Nach dem gestrigen Regen nutzt man den freien Tag und die Kühle des Morgens.
Wenn ich durch die Stadt schlendere, habe ich immer noch Fromms „Haben oder Sein“ dabei. Ich lese inzwischen nicht nur in Cafés, sondern häufig auch auf schattigen Parkbänken. Wenn es heiß ist, trinke ich dabei Wasser. Solange ich still sitze, schwitze ich nicht. Der Schlussteil des Büchleins überrascht mich, da sich der Inhalt vom Beschreiben der menschlichen Probleme aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht hin zu einer Art Weltformel für ein gerechteres und erfüllteres Zusammenleben wandelt. Fromm jongliert dabei mit Aussagen von Karl Marx, Albert Schweitzer, dem Club of Rome und anderen, die Ende der 1970er Jahre einen selbstzerstörerischen Untergang der Zivilisation erwarteten.
Trotz des Zeitgeists treffen viele Textstellen auch heute mitten ins Herz, zum Beispiel dieses Schweitzer-Zitat: „So sind wir in ein neues Mittelalter eingetreten. Durch einen allgemeinen Willensakt ist die Denkfreiheit außer Kraft gesetzt, weil die vielen sich das Denken als freie Persönlichkeiten versagen und sich in allem nur von der Zugehörigkeit zu Gemeinschaften leiten lassen … Mit der preisgegebenen Unabhängigkeit des Denkens haben wir, wie es nicht anders sein konnte, den Glauben an die Wahrheit verloren. Unser geistiges Leben ist desorganisiert.“ Hatte nicht zweihundert Jahre zuvor Immanuel Kant mit „Sapere aude!“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – das Gleiche gefordert?
Zu Kants Zeiten waren es kirchliche und weltliche Doktrinen, denen viele unkritisch und gedankenlos folgten. Weit scheinen wir als Menschheit nicht vorangeschritten zu sein, denn auch wir folgen fortwährend Idolen und Ideen – seien es „die Wissenschaft“, das Klima, ein neuer Sozialismus, Queerness oder einfach nur das alltägliche Streben nach Macht, Besitz oder Selbstverwirklichung.
Wie immer ist nach maximal zwanzig Seiten Lektüre Schluss, weil ich über die Worte nachdenken will. Das schärft meine Sinne. Ich sehe die Kugeldistel am Wegesrand, den wilden Wein, der sich durch die Ziermauer aus Betonelementen – ein Zeichen der Mangelwirtschaft in der DDR – schlängelt, den farbenfroh bepflanzten Brunnenrand. Ich sehe es und erfreue mich. Und ich schöpfe Hoffnung. Es muss für mich möglich sein, ein Einkommen mit einer Aufgabe zu erzielen, die nicht nur sinnvoll ist, sondern für die ich mich nicht verbiegen muss. Denn: Ich bin, wer ich bin.
Helko Reschitzki, Moabit
Unter „Nudging“ (deutsch: „Anstupsen“) versteht man ein Konzept aus der Verhaltensökonomie und Psychologie, das Erkenntnisse über Abwägungsprozesse nutzt, um das menschliche Handeln zu lenken. Dazu präsentiert man verfügbare Optionen so, dass eine bestimmte Entscheidung wahrscheinlicher wird. Obwohl die formale Wahlfreiheit vollständig erhalten bleibt, werden die Betroffenen subtil in die beabsichtigte Richtung gelenkt. Meist sind sie sich dieser psychologischen Steuerung nicht bewusst.
Das von den US-Amerikanern Richard Thaler und Cass Sunstein, einem Verhaltensökonomen und einem Rechtswissenschaftler, entwickelte Konzept („Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“, 2008) hielt 2014 unter Bundeskanzlerin Merkel Einzug in die deutsche Politik. Im Kanzleramt wurde hierfür die Projektgruppe „Wirksam regieren“ (organisatorisch verankert als Referat 612) geschaffen, die seitdem als „Nudge Unit“ („Anstups-Einheit“) agiert. Zunächst lag deren Schwerpunkt auf behördlichen Abläufen, etwa der verständlicheren Gestaltung des Formulars zur Beantragung des Elterngelds oder der Umformulierung des Aufforderungsschreibens zur Steuererklärung, sodass sich die Abgabequote erhöhte. Auch die Kampagnen zur Organspende sowie zur Steigerung der allgemeinen Impfbereitschaft gehörten zum Einsatzbereich. In den folgenden Jahren fand der Ansatz dann zunehmend in anderen Politikfeldern Anwendung und entwickelte sich zu einem festen Instrument staatlicher Verhaltenssteuerung.
Seit der Einführung warnen zahlreiche Psychologen und Psychiater vor diesen Methoden und dem dahinter stehenden staatlichen Paternalismus. In Debatten und Stellungnahmen kritisieren sie insbesondere den gezielten Einsatz moralischen Drucks, der negative Emotionen wie Furcht oder Schuldgefühle hervorrufen kann. Aus therapeutischer Sicht wird darauf verwiesen, dass diese verdeckten Prozesse zur Förderung eines gewünschten Verhaltens eine Einschränkung des Rechts auf Selbstbestimmung darstellen, da Betroffene nicht durch Transparenz zu eigenverantwortlichen Entscheidungen befähigt werden. Zudem wird die Befürchtung geäußert, dass das systematische Schüren von Ängsten die mentale Gesundheit beeinträchtigt und letztlich das Vertrauen in staatliche Institutionen schwächt, da man die Menschen nicht als mündige Partner, sondern als lenkbare Objekte betrachtet.
Wie weitreichend diese psychologische Steuerung eingesetzt werden kann, zeigte sich während der Corona-Pandemie. Eine Forschungsgruppe der Universität Erfurt um die Psychologin Prof. Dr. Cornelia Betsch befragte ab März 2020 in meist wöchentlichen Abständen anonymisiert jeweils rund eintausend in Deutschland lebende Erwachsene zu deren Impfbereitschaft und individueller Risikowahrnehmung in Bezug auf Covid19, dem Vertrauen in Politik und Wissenschaft, der Akzeptanz staatlicher Maßnahmen und der psychischen Belastung. Diese wissenschaftliche Erhebung (COSMO-Studie) lieferte sehr wertvolle Erkenntnisse über die psychosoziale Lage der Bevölkerung – die Politik nutzte die Daten fortlaufend als Orientierungshilfe, um daraus verhaltensökonomisch geprägte Kommunikationsmaßnahmen, Verordnungen und die Bewerbung und Durchführung der Impfungen abzuleiten.
Für die Covid-Impfkampagne setzte der Staat neben verschiedenen Instrumenten des Gesundheitsmarketings zunächst auf moralisches Nudging und nutzte Slogans mit dem Tenor „Impfen schützt deine Liebsten“. Einige Fachleute wiesen zu Recht darauf hin, dass dies jeglicher Evidenz entbehrte, da ein Schutz vor der Weitergabe des Virus in den Zulassungsstudien der Hersteller überhaupt nicht untersucht worden war. Parallel dazu wurden die Barrieren für den Zugang zur Impfung so weit gesenkt, dass eine spontane Entscheidung möglich war – das Vakzin wurde im Zirkus, auf Supermarktparkplätzen, in der S-Bahn oder im Bordell verabreicht; mancherorts gab es zum „Pieks“, wie dieser medizinische Eingriff verniedlichend genannt wurde, einen kostenlosen Döner dazu.
Da sich viele trotz dieser niederschwelligen Angebote und der Dauerwerbung nicht impfen ließen, wurden, um den Druck zu erhöhen, 3G- und 2G-Regeln eingeführt – wer keinen Impf- oder Genesenennachweis hatte, verlor nahezu vollständig den Zugang zum gesellschaftlichen Leben. Mit diesem Bruch der Freiwilligkeit überschritt der Staat entgültig die Grenze des bloßen „Anstupsens“.
Auch bei den täglichen Besorgungen, am Arbeitsplatz oder in den Bildungseinrichtungen wurde das Handeln gelenkt: die Pflicht, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, Abstandsmarkierungen auf den Böden, Desinfektionsmittelspender an den Eingängen und das Eintragen in Gästelisten sollten das Einhalten der Regeln zu einer Routine machen, die sich jeder rationalen Überprüfung entzieht.
Heute nutzt das Erfurter Forschungsteam um Prof. Dr. Betsch (nun unter dem Dach des 2023 gegründeten Institute for Planetary Health Behaviour) dieselbe Methodik für die Themen Klimawandel und Hitzeschutz. Im Rahmen von fortlaufenden Befragungen der PACE-Studie wird untersucht, warum Menschen Warnungen ignorieren, sich in der prallen Sonne aufhalten oder zu wenig trinken. Das Projekt wird vom Bundesgesundheitsministerium finanziert; die gewonnenen Daten fließen unmittelbar in die Gestaltung der staatlichen Hitzeschutzpläne ein.
Eine ebenso zentrale Position nimmt in diesem Themenkomplex der Deutsche Wetterdienst ein. Um die Bevölkerung zu warnen, nutzt auch er verhaltensökonomische Methoden in seiner mehrgleisigen Kommunikationsstrategie: In der „WarnWetter-App“ und auf seinem Internetportal werden visuelle Signale verwendet, die sich der Farbcodierung des europäischen Ampelsystems bedienen, um über gelernte Assoziationen Verhaltensänderungen anzustoßen – Rot und Violett vermitteln sofort „Gefahr“. Neben dieser optischen Hierarchie nutzt der DWD den Begriff „gefühlte Temperatur“, um das Handeln der Nutzer zu aktivieren. Diese berechnet sich über das Klima-Michel-Modell und bezieht neben der Luftfeuchtigkeit auch Windgeschwindigkeit sowie Wärmestrahlung ein. Sie unterscheidet sich meist deutlich vom herkömmlichen, offiziell im Schatten gemessenen Wert, der Schwüle und direkte Sonneneinstrahlung ignoriert. Diesen Kniff wählt die Behörde, um das Wetter unter dem Aspekt der Belastung für den Organismus darzustellen und so für mehr Achtsamkeit zu sorgen. Das Problem dabei ist, dass man unser Empfinden nicht standardisieren kann. Da die dahinterstehende Formel von einem gesunden, fünfunddreißigjährigen Mann („Michel“) ausgeht, ignoriert sie die individuelle Physiologie völlig – bei identischen Werten können eine chronisch kranke Frau oder ein Pflegebedürftiger in eine lebensbedrohliche Situation geraten, während ein Leistungssportler dieselbe Lage mühelos toleriert. Weicht die kommunizierte Zahl zu stark vom eigenen Erleben ab, droht ein Bumerang-Effekt: Die Warnung verliert an Glaubwürdigkeit, was zu einer gefährlichen Abstumpfung führen kann. Trotz dieser Unzulänglichkeiten hält der DWD an dieser Methode fest, da er davon ausgeht, dass Schatten-Messwerte wie 26 Grad Celsius für die meisten nach harmlosem Freibadwetter klingen. Wenn auf dem Display stattdessen eine „gefühlte Temperatur“ von 32 Grad steht, soll diese höhere Zahl für einen psychologischen Ruck sorgen und als Impuls dienen, das eigene Verhalten rechtzeitig anzupassen.
Dieser Fokus auf die unmittelbare Aktivierung des Einzelnen spiegelt sich auch in der Kommunikation wider und geht dort oft mit einer Verknüpfung einher – so werden regionale Extremwetterereignisse mit dem Thema des „Klimaschutzes“ assoziiert. Obwohl die globale Erderwärmung direkt zu häufigeren Hitzewellen führt, trennen viele Kampagnen nicht sauber zwischen den beiden grundlegend verschiedenen Ebenen: der akuten, körperlichen Gefahr durch das tagesaktuelle Wetter sowie den langfristigen Klimaprojektionen. Bei diesen Zukunftsszenarien handelt es sich logischerweise nicht um Fakten, sondern um komplexe mathematische Modelle. Da diese auf theoretischen Annahmen basieren, sind sie durch die Auswahl der eingegebenen Daten und Parameter beeinflussbar, was die Vorhersagen anfällig für ideologische Instrumentalisierungen macht.
An dieser Stelle ist vielleicht eine kurze Begriffsklärung hilfreich: Das komplexe Gesamtgefüge unseres Planeten, das durch die ständigen Wechselwirkungen zwischen der Atmosphäre, den Ozeanen, dem Eis, der Landoberfläche und der Biosphäre entsteht, bezeichnet man als Klimasystem. Dieses existiert demnach seit Jahrmilliarden (und lange, bevor es Homo sapiens gab). Es ist als physikalischer Zustand immer vorhanden und lässt sich daher überhaupt nicht „retten“.
Bereits in der Antike verwendeten Menschen das Wort klíma (altgriechisch „die Neigung“), um ausgehend vom Sonnenstand und der geografischen Breite unterschiedliche Erdstriche mit ihren jeweiligen natürlichen Bedingungen zu beschreiben.
Als sich die Meteorologie Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer eigenständigen Wissenschaft entwickelte, veränderte sich die Bedeutung des Begriffs. Die zunehmende systematische Erfassung von Wettererscheinungen durch standardisierte instrumentelle Messungen ermöglichte es, die Verhältnisse eines Gebietes anhand quantifizierbarer Daten statt auf reiner Beobachtungsbasis zu untersuchen. Durch die mathematische Auswertung dieser Messreihen entwickelte sich daraus die moderne Definition: Klima bezeichnet die statistische Erfassung der langfristigen Zustände, Muster und Schwankungen der für einen Landstrich typischen atmosphärischen Bedingungen.
Um die statistische Beschreibung des Klimas international einheitlich erfassen und vergleichen zu können, wurden feste Referenzzeiträume eingeführt. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich dafür die 30-Jahres-Spanne durch. Diese Klimanormalperioden dienen als Maßstab, um anhand langjähriger mathematischer Daten die charakteristischen Temperatur-, Niederschlags- und Wetterverhältnisse einer Region zu bestimmen und einzuordnen.
Weil das über lange Zeiträume statistisch beschriebene Klima für das menschliche Gehirn oft abstrakt und schwer greifbar bleibt, führt das Thema „Klimarettung“ allein kaum zu Verhaltensänderungen. Um die für Deutschland beschlossene „sozial-ökologische Transformation“ voranzutreiben, vermitteln Kampagnen den Bürgern deshalb nicht nur Zahlen und Fakten, sondern setzen verstärkt auf die konkrete körperliche Erfahrung eines heißen Sommertags als emotionalen Hebel, um die gewünschten Verhaltensänderungen anzustoßen.
Dieses umfassende Vorhaben zum Umbau von Gesellschaft und Wirtschaft ist für den durchschnittlichen Deutschen zunächst mit Wohlstandsverlusten, steigenden Kosten und Eingriffen in die persönliche Freiheit verbunden. Da die hierfür erforderlichen Maßnahmen bei einer rein sachlichen Vermittlung wohl oft auf erheblichen Widerstand stoßen würden, wird versucht, Zustimmung durch die Vermittlung emotionaler Dringlichkeit zu gewinnen.
Nicht wenige Politiker, Wissenschaftler, Aktivisten und Journalisten ersetzen hierfür neutrale Begriffe durch emotional aufgeladene Ausdrücke und erzeugen so eine strategische Rahmung. Um den zunehmend im alarmistischen Vokabular der „Klimakrise“ oder „Klimakatastrophe“ erscheinenden, modellierten Zukunftsszenarien eine Relevanz im Hier und Jetzt zu verleihen, werden sie mit der konkreten Erfahrung von Hitze verknüpft. Experten bemängeln, dass dadurch die Grenze zwischen einem akuten Wetterextrem und einer langfristigen, realen Bedrohung systematisch verwischt wird.
Schlagen Behörden und Medien dauerhaft Alarm, kann dies bei einigen Menschen Angst und psychischen Druck auslösen. Anhaltender Stress kann sich auf das Herz-Kreislauf-System, das Immunsystem und den Schlaf auswirken. Bei anderen kann eine solche Kommunikation Reaktanz hervorrufen – eine psychologische Abwehrreaktion, die entsteht, wenn jemand eine Einschränkung seiner inneren Entscheidungsfreiheit wahrnimmt. Anhaltende Besorgnis ohne ausreichende Einordnung und Entlastung kann zudem die Fähigkeit zur rationalen Abwägung beeinträchtigen – Menschen ziehen sich zurück und können dadurch langfristig ihre mentale und körperliche Gesundheit stärker beeinträchtigen, als es die konkrete Belastung durch eine Hitzewelle selbst getan hätte.
Demokratie basiert auf dem Ideal des mündigen Bürgers, der durch Aufklärung und rationale Debatten zu einer freien Entscheidung gelangt. Im Unterschied dazu zielt Nudging nicht auf argumentative Überzeugung, sondern auf die Beeinflussung von Entscheidungen über Mechanismen, die gezielt emotionale Reize nutzen und auf intuitive psychologische Vorgänge einwirken. Selbst wenn eine Regierung und staatliche Institutionen diese Methode ausschließlich für unbestreitbar gute Zwecke einsetzen würden, bleibt dieses Instrument strukturell hochgradig missbrauchsanfällig. Wie mittlerweile auch einige Entscheidungsträger einräumen, haben die Coronamaßnahmen in Deutschland exemplarisch gezeigt, wie schnell aus einem wohlwollenden „Anstupsen“ ein Anpassungsdruck entstehen kann, bei dem das Abweichen vom staatlich gewünschten Verhalten mit sozialer Stigmatisierung verbunden ist. Große Teile der hiesigen Politik, Medien und Institutionen haben durch die gezielte Überzeichnung und selektive Zuspitzung von Gefahren („Fear Appeals“) starke emotionale Reaktionen hervorgerufen. Dabei wurden tief sitzende Ängste (z. B. vor einem Erstickungstod) und moralische Verantwortungsgefühle (z. B. geliebte Menschen schützen zu müssen) angesprochen. Eine solche Form der strategischen Risikokommunikation kann zu einer tiefgreifenden Entfremdung von den etablierten politischen Strukturen und zu einem schleichenden Verlust der demokratischen Substanz führen.
Fotos: S-Bahnhof Rathaus Steglitz und U-Bahnhof Birkenstraße, 02.08. 2026
Helko Reschitzki, Moabit
Das Statistische Bundesamt Destatis weist in seiner amtlichen Todesursachenstatistik unter dem ICD-Code T67 „Schäden durch Hitze und Sonnenlicht“ für Deutschland nur etwa um die zwanzig Sterbefälle pro Jahr aus. Da „Hitze“ auf Totenscheinen im Regelfall nicht als primäre Todesursache eingetragen wird, basieren die medial verbreiteten Zahlen auf Schätzungen der sogenannten Übersterblichkeit. Unter diesem Begriff versteht man, dass in einem bestimmten Zeitraum messbar mehr Menschen sterben als im Durchschnitt der Vorjahre zu erwarten gewesen wäre. Aktuell wird diese Differenz der extremen Hitze zugeordnet; das Prinzip ist dasselbe, mit dem dieses modellierte Mehr an Toten in den Wintern der Influenza zugeschrieben wird oder mit dem zusätzliche Sterbeeffekte während der COVID-19-Pandemie beziffert wurden.
Ein weiterer limitierender Faktor der statistischen Aussagekraft ist der sogenannte Ernte-Effekt („harvesting effect“). Dieses Phänomen beschreibt die Vorverlagerung des Todes bei ohnehin vulnerablen, schwerstkranken Individuen um wenige Tage oder Wochen.
Zudem erschweren oft zeitgleich zu den Hitzewellen auftretende Störfaktoren wie akut ansteigende bodennahe Ozonwerte oder der Personalmangel in Pflege- und Altenheimen oder Kliniken aufgrund der Urlaubszeit eine saubere Trennung der Mortalitätsursachen. Es handelt sich insgesamt um dieselbe methodische Unschärfe, die bereits während der Coronakrise die Debatte prägte, ob jemand „an oder mit“ dem Virus verstorben sei. Damals wie heute führt das pauschale Zuordnen nur eines Sterbefaktors dazu, dass die eigentliche Ursache in den Modellen statistisch unsichtbar wird.
Ein weiteres Defizit liegt darin, dass das Modell mit großflächigen Durchschnittswerten regionaler Wetterstationen rechnet. Dadurch werden extreme Mikroklimata komplett übersehen: In dicht bebauten städtischen Betonvierteln ohne Grünflächen etwa staut sich die Hitze stärker als an einer schattig gelegenen Messstation im Umland. Das führt dazu, dass die sozioökonomische Ungleichheit in der Statistik verschwindet, da die tatsächliche Hitzebelastung bei Menschen in schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen ohne Zugang zu Kühlung weitaus höher liegt als bei Bevölkerungsgruppen in klimatisierten oder begrünten Wohngegenden.
Biologisch betrachtet ist die physikalische Hitze nahezu nie die alleinige Todesursache, sondern der Auslöser einer medizinischen und pflegerischen Anpassungskrise. Das bei vielen Senioren nachlassende Durstgefühl führt unter Extremtemperaturen rapide zur Dehydrierung, wodurch das Blut eindickt und das Herz-Kreislauf-System massiv überlastet wird. Ein anderes extremes Risiko ist die hitzebedingte Appetitlosigkeit. Wenn Senioren oder Vorerkrankte kaum noch etwas essen, aber Medikamente wie Blutdrucksenker oder entwässernde Mittel in gewohnter Dosis weiter einnehmen, drohen lebensgefährliche Blutdruckabfälle und Nierenversagen. Hinzu kommt, dass zu hohe Raumtemperaturen empfindliche Präparate wie Insulin oder andere Flüssigmedikamente unbemerkt unbrauchbar machen oder in ihrer Wirkweise verändern.
Die Modellierung des RKI verschleiert das reale Ausmaß dieser meist vermeidbaren Todesfälle, indem sie das Phänomen pauschal der Hitze als quasi unausweichlichem Naturereignis zuschreibt – statt die Notwendigkeit von baulicher Kühlung, akuten Anpassungen der Medikation, Personalnotstand und gezielten Schutzplänen in Pflegeeinrichtungen in den Fokus zu rücken.
Dass es auch anders geht, zeigen einige europäische Länder, die Hitzeschutz als praktische Infrastrukturaufgabe statt als statistische Rechengröße begreifen. Nach der verheerenden Hitzewelle von 2003 etablierte beispielsweise Frankreich den gesetzlichen „Plan Canicule“. Die Kommunen führen seither Register über vulnerable, alleinstehende Senioren, die bei Extremwetter per Telefon kontaktiert und durch Sozialdienste oder Nachbarn gezielt unterstützt werden. Zudem halten Rathäuser und andere städtische Einrichtungen gekühlte Räume offen und werden Obdachlose mit Trinkwasser versorgt. Ab der höchsten Warnstufe greifen automatisch Veranstaltungsverbote und finden sich Krisenstäbe für Heime und Kliniken zusammen. Immerhin sind diesbezügliche Versuche mittlerweile auch in einigen deutschen Städten zu verzeichnen.
Im Gegensatz zu anderen Ländern, die pragmatische Hitzevorsorge als Priorität des Gesundheitsschutzes begreifen, wird in Deutschland vieles vom Kompetenzgerangel zwischen Bund, Ländern und Kommunen blockiert – der Bund beschränkt sich meist auf das Anstoßen von Plänen, überlässt die konkrete Umsetzung jedoch den chronisch unterfinanzierten Kommunen. So scheitert zum Beispiel der Einbau von Klimaanlagen in Pflegeheimen in der Praxis an ungelösten Fragen zur Kostenübernahme durch die Kranken- und Pflegekassen, am Widerstand von Immobilieneigentümern gegen die hohen Investitionen sowie an strengen Auflagen des Denkmal- und Brandschutzes bei Bestandsgebäuden.
Während beim Hitzeschutz seit Jahren argumentiert wird, dass das verfassungsrechtliche Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern eine direkte Finanzierung konkreter Maßnahmen vor Ort verbiete, hebelt die von der Regierung postulierte militärische und sicherheitspolitische Notlage diese föderalen Blockaden gerade mühelos aus. Aktuell werden über gesetzliche Sonderregelungen Milliarden investiert, um unter anderem die klinische Infrastruktur „wehrfähig“ gegen potenzielle Angreifer zu machen. Im Gegensatz zum Schutz vor realen Wetterextremen gilt die Vorbereitung auf einen hypothetischen Krieg den Entscheidern als alternativlos. Vielleicht würde hier eine Studie helfen, die zeigt, dass der russische Bär nichts so sehr fürchtet wie deutsche Klimaanlagen.
Und bis unsere Volksvertreter ihre Prioritäten ändern, fragen wir einfach weiter unseren alten Nachbarn, ob wir ihm einen Kasten Wasser mitbringen können, erinnern unsere Eltern und Großeltern ans Trinken und Essen und pflanzen ein paar Bäume in die Stadt.
Fotos: Gekippter Plötzensee, Wedding – Sommermorgen in Berlin – Südufer Schlachtensee – Berliner Nordhafen – Trinkbrunnen am Schlachtensee – Baumpflanzvorbereitung im Moabiter Kiezwald
Christoph Sanders, Thalheim
Frisch rasiert genieße ich den Sonntagstoast mit Sanddorn-Ingwer-Konfitüre. Hier leichte Luft, Friede, Ruhe. Im Aufwachradio höre ich vom Terroranschlag auf den CSD in Berlin. Einen treibenden Faktor für diese Gewalttaten sehe ich in einem Gefühl der Unzugehörigkeit. Danach ein sehr schöner Bericht über den deutsch-türkischen Extremläufer Savas Coban, der die Türkei umrundet und dabei in achtzig Tagen achtzig Ultramarathons absolviert hat. Am Ende der 5.000 Kilometer stellte er fest: Ich bin beides, Deutscher und Türke – ein Deutsch-Türke. Im Laufe des Tages windig, wolkig und dann regnerisch – sehr gut! Grandioses Finale der Tour de France auf der Champs-Élysées – der Ehrgeiz der Champions erzeugt immer wieder unvorhergesehene Aktionen. Im Süden Frankreichs nähern sich gewaltige Waldbrände Bordeaux. Die Vororte sind bereits in akuter Gefahr, kreisende Böen machen das Großfeuer unberechenbar. Die Autobahnen sind gesperrt, der Zugverkehr unterbrochen – der marokkanisch-lusitanisch-spanische Warenverkehr wird hunderte Kilometer umgeleitet; bald dürfte der Paprikapreis steigen. In der Region stehen riesige Kiefernwälder auf Sandböden. Vermutlich müssen die Forste künftig anders gepflanzt werden – mit großen Schneisen zum Beispiel. Die Erderwärmung als ein nichtlineares Kostenrisiko der Zukunft. Immer noch leicht müde von der gestrigen 130-km-Westerwaldtour. Früh zu Bett, kurze Lektüre, tiefer Schlaf.
Am Montagmorgen streift uns strichweise Niederschlag. Ich nutze eine der Schauerpausen, um Langholz, aus dem einst eine Schaukel gebaut werden sollte, zu zerkleinern. Die Motorsäge erledigt das in zehn Minuten – geschätzter Verbrauch: 100 Milliliter Zweitakt-Sprit nebst Kettenöl. Herrlich, unter Spanwolken aus Sperrmüll Brennholz zu machen, so etwas nebenher erledigen zu können. Im Radio zum Terroranschlag auf den CSD immerhin sehr klare Worte von Güner Balcı, der Neuköllner Integrationsbeauftragten – ansonsten muss das Thema Inlandsislamismus schnell unter den Teppich, bevor die in Sachsen-Anhalt etwas davon mitbekommen. Meldung von einem medialen Nebenschauplatz: Es gibt laut offiziellen Angaben pro Tag eintausend neue Ebolafälle in Kenia. Auch um zehn ist im Haus noch alles ruhig. Ich ordne ein paar Sachen, verklappe Langspielplatten und schwinge mich auf das Rad, um frische Nahrung zu besorgen.
Sonnig-wolkiger Abend. Ich stoße auf dreißig vergessene Fotofilme der Jahre 1995/96 aus meiner Berliner Zeit – die letzten Farben der DDR, dazu das Erdreich, die nächste Häutung der Stadt. Der Bereich um den neuen Hauptbahnhof gruselig, das Gebäude ebenfalls. 13×18 Zentimeter, gute Qualität – ich werde mehr Alben kaufen müssen.
Die Waldbrände im Département Gironde weiten sich aus. Mich macht wütend, dass die Feuerwehr am Boden allein gelassen wird – Frankreichs Maschinen stehen im Wartungsstau und die EU muss jahrelang auf Neubestellungen warten. Aus Frankfurt fliegen täglich hunderte High-Tech-Urlaubsflieger ab – eine vollkommen falsche Allokation von Ressourcen. Nachdem ich gesehen habe, wie die Frau, die mit ihrem Hund in einem Mitsubishi lebt, den REWE-Container durchwühlt, überlegt die Familie, was wir ihr ans Auto legen können – wir einigen uns auf Bananenbrot und Hundefutter.
Rembrandt „Der Rattengiftverkäufer“, 1632, Radierung,Wallraf-Richartz-Museum, Köln
Am Dienstag Familienausflug zur Rembrandt-Ausstellung in der Heritage Kassel. Zu meinem Glück hat sich mein Sohn den Rücken gezerrt, weshalb sein heutiges Sportprogramm ausfällt und er keine Ausrede mehr hat, um zuhause zu bleiben. Angenehme Fahrt, da noch keine Hitze. Die Sonderausstellung dunkel verhangen, ohne Tageslicht. Mehrheitlich Boomer füllten den länglichen Raum. An den Wänden Gemälde, Druckgrafiken, Werke der Werkstattmitarbeiter, ergänzend Bilder aus der Zeit. Beim Meister stupende Sicherheit und Improvisiertheit in der Ausführung. Er arbeitet ganz ohne Ideal oder Wunsch nach großer Schönheit. Es geht ihm um Wahrhaftigkeit im Ausdruck, Erzählung und psychologische Genauigkeit. Unglaublich, wie lebendig die Augen seiner Figuren sind. In den Radierungen gipfelt Rembrandts Könnerschaft. Meine Teenies halten knapp durch; der Kleinen wird flau, der Junge macht etwas Stress – nichts, was ein paar Kalorien im Schloßhof nicht wieder ins Lot bringen. Auf der Rückfahrt Döner-Pause in Marburg. Statt Rollatoren auffallend viel Jugend auf der Straße plus volle Gasthäuser – wo ist die Krise? Aus der örtlichen Bücherverschenktelefonzelle nehme ich „Im Banne Ernst Haeckels“ sowie Xenophons „Anabasis“ (zweisprachig) mit.
Haeckels Illustration des biogenetischen Grundgesetzes in „Anthropogenie“, Verlag Wilhelm Engelmann, Leipzig, 1874.
Am Mittwoch wieder den Berg rauf für Einkäufe: Rossmann und Lidl. Die Kassiererin wusste, warum fünf Bananen billiger als ein halber Liter deutsches Bier sind. Der Bücherfang „Im Banne Ernst Haeckels. Jena um die Jahrhundertwende.“ sehr gut! Der Zoologe Haeckel (1834–1919), der Darwins Evolutionstheorie im deutschsprachigen Raum populär machte und Begriffe wie „Ökologie“ prägte, löste in den 1890er Jahren eine enorme Wissenschaftsbegeisterung aus. Dank bahnbrechender neuer Erkenntnisse der Geologie (Autor Johannes Walther war Geologe und ebenso wie Heackel in Jena tätig) gelang es ihm, Stammbäume der Evolution zu zeichnen, durch die man plötzlich verstand, dass die Erde in Schichten aufgebaut ist, die von den vergangenen Epochen und ihren erdgeschichtlichen Katastrophen zeugen. Man begriff, dass Kalkablagerungen einstige Meeresböden sind, die sich über Jahrmillionen hinweg gebildet hatten. Die größte Herausforderung der Wissenschaftler bestand darin, zu vermitteln, dass die Erde nicht in sieben Tagen um das Jahr 4000 v. Chr. erschaffen wurde – ein Datum, das Theologen als Schöpfungsbeginn errechnet hatten. Das brachte alte religiöse Wertmuster zum Implodieren. Doch Haeckels biologisches Weltbild barg auch Abgründe: Mit dem „Biogenetischen Grundgesetz“ behauptete er, dass das ungeborene Kind im Mutterleib noch einmal die gesamte Evolution im Schnelldurchlauf wiederholt (z.B., dass der menschliche Embryo zeitweise Kiemenspalten wie ein Fisch hat). Er verstand die Evolution als eine Leiter, bei der sich das Leben von niederen, primitiven Formen zu höheren Stufen emporarbeitet. Das übertrug er fatalerweise auf Humangesellschaften, indem er manchen Völkern und Individuen unterstellte, auf einer früheren, niedrigeren Entwicklungsstufe stehengeblieben zu sein. Haeckels sozialdarwinistischen Theorien ebneten später u.a. den Weg für die Eugeniker der Nazis, die diese vermeintlich minderwertigen Stufen durch „gezielte Auslese“ zu verhindern oder zu vernichten suchten. Interessant sind seine Berührungspunkte mit Reformeinrichtungen wie Monte Verita – es sind die Jahre vor 1914, welche die Moderne begründen, selbst wenn die Ästhetik dieser Epoche noch statisch und rückwärtsgewandt ist. Schnelle Dusche, Salat und Hefeweizen.
Am Donnerstag heißer Wind und sehr gewittrig. Die Wolkenbänke jedoch nordwestlich, wir werden nur gestreift, die Luftmassengrenze liegt höher im Norden. Schöne Radrunde mit warmen Brombeeren am Bahndamm. Sortierung des Sperrmülls, der morgen abgeholt wird. Kaum ein Teil darunter, das nicht irgendwem noch hätte dienen können , aber auch durch das Reinstellen bei Kleinanzeigen.de ließ sich dieses Problem nicht lösen. (Wozu bewahre ich eigentlich noch eine zweite Brotschneidemaschine auf? Vermutlich, weil ich Kinder habe …) Am kommenden Samstag startet das große Turnier zum einhundertjährigen Bestehen des Reitvereins Niederzeuzheim in der Nachbargemeinde Hadamar – die ersten Teilnehmer treffen ein.