Berufsverkehr ist Krieg. Alle kämpfen gegen alle – der ÖPNV gegen die Autofahrer, beide gemeinsam gegen die Radfahrer, die wiederum sämtliche Regeln humaner Verkehrsführung außer Acht lassen, um sich kleinste Vorteile an der nächsten Ampel zu verschaffen. Und die Fußgänger? Die können bleiben, wo sie sind – am besten auf dem Bürgersteig, denn mit ihren Bedarfsampeln zur Straßenquerung bremsen sie alle anderen Verkehrsteilnehmer nur unnötig aus.
Nachdem ich meine Frau zur Arbeit begleitet habe und keine dringenden Termine anstehen, wähle ich für meinen weiteren Weg die Passage durch das Gelände des Kleingartenvereins „Johannistal 1832 e. V.“. Wie schon die Jahreszahl verrät, handelt es sich hier um eine sehr betagte Anlage – es ist die zweitälteste Deutschlands. Weil die nahegelegenen Universitätseinrichtungen und -kliniken mehr Platz benötigten und Verwaltungsbauten errichtet wurden, mussten im Laufe der Jahre von einstmals 221 Gärten 80 Parzellen weichen.
Mit der aufgehenden Frühlingssonne im Rücken gehe ich durch das gepflegte grüne Kleinod. Der Hintergrundlärm der Stadt ist erfreulich gedämpft, so dass es sich hier selbst während des Berufsverkehrs aushalten lässt. Zwischen den Bäumen schimmern linker Hand die Institutsgebäude der Uniklinik und rechter Hand ein Büroneubau sowie die Ruine des einstigen Technischen Rathauses hindurch (1976 mussten hierfür nochmals 13 Gärten weichen). Am Westende leuchten die Gründerzeitbauten der Stephanstraße in der Sonne.
In Infokästen informiert der Verein säuberlich über anstehende Termine und To Do’s für den Kleingärtner. Letzte Pfützen der starken Regenfälle vom Sonntag und Montag spiegeln einen blauen Himmel wieder. Es ist empfindlich kalt, knapp über null Grad. Zu dieser frühen Stunde habe ich die Gartenanlage für mich allen.
Auf dem Rückweg komme ich an einem Kindergarten vorbei, an den die Antifa in roter Farbe „Revolutionen beenden Kriege“ gesprayt hat. Verbunden ist das geistige Juwel mit einem Aufruf zur Demo am 1. Mai. Entlang der Karl-Liebknecht-Straße zähle ich auf fünfhundert Metern fünf an Bügeln vor sich hin rottende Fahrradleichen – ohne Vorderräder und Sattel, mit Achten und platten Reifen, dem Verfall überlassen. Vermutlich sind es mehr, doch diese sind unübersehbar. Was sind das für Menschen, die ihr Rad einfach aufgeben? Selbst wenn es nur eine „Möhre“ vom Baumarkt ist? Ich begreife es nicht.
Das zunehmende Nichtverstehen kommt vielleicht daher, dass ich älter werde. Das Älterwerden ist für mich ein seltsames Phänomen: Geistig fühle ich mich wie zwanzig – mit all den Flausen im Kopf, vielleicht etwas reicher an Erfahrung und Wissen, aber auf keinen Fall alt. Dass ich mich viel bewege, sorgt dafür, dass ich fit bin. Die Falten im Gesicht, die grauen, spärlicher werdenden Haare sprechen wiederum eine andere Sprache. Dieser Widerspruch ist faszinierend.
Um mir weniger Sorgen zu machen, habe ich mir vorgenommen, mich nicht mehr so viel mit Politik zu beschäftigen. Das ist nicht einfach, vor allem, wenn man in der Lokalzeitung von einer jener kleinen Nebenwirkungen der Energiewende liest, über die man uns behördlicherseits nicht zu informieren für nötig hielt. Ende 2025 hatte ich im Blog berichtet, dass unser Stadtrat beschlossen hat, bis 2038 das Fernwärmenetz „klimaneutral“ auszubauen. Eine Straße in der Südvorstadt-West in Südteil ist dafür der Vorreiter. Jetzt teilen die Stadtwerke mit, dass für den Anschluss an das bestehende Netz der gesamte Südraum mit 3.000 Haushalten (geschätzt über 10.000 Personen) mindestens sechs Tage ohne Warmwasser sein wird. Für diejenigen, die partout warm duschen müssen, hat man sich aber etwas einfallen lassen: Jeder der Betroffenen könne während des Unterbrechungszeitraums Gutscheine der Sportbäder GmbH nutzen. (Ansonsten bliebe noch der Waschlappen und die Minimalhygiene, zu der vor knapp vier Jahren Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann aufrief.) Wenn nach und nach auch die anderen Viertel verfernwärmt werden, könnte das noch lustig werden. Weniger lustig ist das alles natürlich für die Pflege- und Seniorenheime.
Christoph Sanders, Thalheim
In der Nacht auf Sonntag Dauerregen; Temperaturabfall auf 7 Grad, windig, aprilfrisch, wundervoller Himmel. Passend dazu Schumanns Piano-Trios. Fahre die Jüngste am Vormittag nach Limburg zur Theaterprobe, Abholung am Abend. Zwischendurch geht es zweimal bergauf zum Pferdemädchen. Ich bekomme sie überredet, auch das Rad zu nehmen – die Aussichten vom Weg belohnen das allemal. Damit die Wurzeln mehr Platz haben, mehrte sie den Basilikum und setzte ihn zu einer kleinen Beet-Plantage um. Mal sehen was daraus wird – es ist ein Experiment, dessen Ausfallrisiko 150 Cent beträgt. Meine Frau berichtet von den endlosen Schwierigkeiten ihrer Mutter, einen QR-Code zu nutzen und Dokumente als pdf zu laden, damit der pflegebedürftige Mann Leistungen beanspruchen kann. Logisch, dass viele mit dieser Art von Digitalisierung völlig überfordert sind, irgendwann aufgeben und so auf das ihnen Zustehende verzichten.
Der Montag kühl, klar, sonnig. Nach dem Einströmen der Polarluft heute viel UV-Strahlung. Ich bin es, der die Mädchen immer noch wecken muss, auf die ersten Kalorien achtet und Tee anbietet. Die kleinen Erkältungskrankheiten der Kinder sind überwunden – es ging auch ohne Sinupret. Ich schätze, bei jungen, gesunden Menschen dürfte das in 80 Prozent der Fälle so sein. Der Tart ist gelungen. Alle Waschmaschinenladungen hängen in der Sonne. Auf der Treppe merke ich am deutlichsten, dass mein Muskel nachwächst. Mittlerweile ist auch die Flüssigkeit aus dem Kniegelenk gewichen – ich beuge und strecke fast wie vordem. (Aber eben nur fast.) Wieder aufs Rad – die Luft tut einfach gut. In Frankreich sah ich zuletzt ein interessantes Produkt: das 1-plus-2-E-Bike, das mit Kindersitzen und Frontgepäckträger ausgestattet ist. (Bei Nutzlasten von 40 Kilo ist ein Motor notwendig und kein Beiwerk.) Es ist leicht zu steuern, der Rollwiderstand ist gering. Sind keine Kinder an Bord, entsteht eine üppige Transportkapazität. Es ist die beste Lösung, die ich bislang sah – und ein idealer Ersatz für das Auto, in Städten ebenso wie in Dörfern, in denen die Märkte kilometerweit auseinanderliegen.
Abendstimmung bei frischer Brise und Blütenteppichen. Noch einmal zum verwaisten Netto, zu dem kaum noch Kunden kommen, weil Autofahrer seit ein paar Tagen einen Umweg von einem Kilometer machen müssten, um die Baustelle zu umfahren, die die Zufahrt zum Markt abriegelt. Bald werden die Rabattsticker für die Milchprodukte ausgehen. Das kleine Bäckereicafé im Vorraum schloss unabhängig davon letzte Woche seine Pforte; mal sehen, ob es einen Nachfolger geben wird. Der ausufernde Energiepreis ist für Großbäckereien ein echtes Problem, aber das war er bereits 2022. Das Radfahren fühlt sich zunehmend besser an – der ziehende Schmerz ist zwar noch da, lässt aber nach, verschiebt sich. Die Sehnen wirken nicht mehr so verkürzt, spannen nicht. Es tut gut, den eigenen Körper wieder als angenehm zu empfinden und nicht mehr als Hindernis und Last. Allmählich fühle ich mich wiederhergestellt. Zur Nacht Prokofievs Klavierkonzerte Nr. 1 und 2, gespielt von Swjatoslaw Richter und der Tschechischen Philharmonie, dirigiert von Karel Ančerl. Kristalliner Anschlag in den Höhen, eindrucksvolle Klarheit. Große Aufnahmen!
Am Dienstag aufgrund der „Kerosin-Triage“ (so die Presse) wenig Kondensstreifen. Oder sie fliegen anders als üblich. Wichtig ist, dass der Pauschaltourist nicht abstürzt! Ich bin entsetzt über die Papier- und Druckqualität der FAZ, die einmalig ins Haus kam. Kaum eine Artikelüberschrift regt mehr zum Lesen an, alles schwebt irgendwie wolkig zwischen Gemeinplätzen und Meinungsjournalistik – game over. Le Monde macht das noch ganz anders – vier Seiten über den Libanonkonflikt, die man mitsamt des Kartenmaterials direkt in ein Geschichtsbuch übernehmen könnte. Ein Kind wieder schwerer erkältet, bei mir nur leichte Nebensymptome. Weiteres Aufräumen im Hause und Besorgungen zu Rad – Broccoli und Reis bilden das Rückgrat der Versorgung. Nachrichten von der Verkaufsfront: 200 Euro Warenwert schreibt unser kleiner, seit letzter Woche von der Außenwelt abgeschnittene Nettomarkt tägich ab (Frischware) – das Obst und Gemüse muss auf Anweisung weggeworfen werden. Ich schlage der Kassiererin vor, dass man es an die Baurbeiter verteilt – „Netto verschenkt nicht gern“, entgegnet sie. Auf dem Rückweg donnert ein 20.000-Liter-Gülletanker über die Felder. Er befüllt über eine Art Schnorchel ein kleines Fass, dass an einem Traktor hängt – ganz ähnlich wie es Tankflugzeuge für Kampfjets machen. Die Gülle kommt aus der Schweinegroßmast – man entledigt sich so des Nitratproblems, das bei der Verklappung entstünde. Technik und Landwirtschaft an einem weiteren kühlen, frischen Frühlingstag.
Strahlender Mittwochmorgen, der mit leichtem Frost beginnt. (Für die Obstbäume harmlos.) Im Haus erschallt Prokofiews zweites Klavierkonzert mit Bolet und dem Orchestre de la Suisse Romande unter Sawallisch, das mir ein Freund von einem Livemitschnitt aus dem Jahr 1974 gerippt hat. Ich verspüre Glücksgefühle, wie man sie nur durch Ausdauer und intensives Zuhören erschließt. Oben kuriert sich die Drezehnjährige aus. Ich bespreche mit ihr das Mittagsmenu. Wir unterhalten uns über alte Ofenkacheln und wie das früher mit dem Ascherausbringen war. Auf bbc.com, dass in Indonesien nach zweiundzwanzigjährigem Rechtsstreit Hausangestellte nun als Arbeitskräfte anerkannt werden. Wir nehmen das wahr, was in den Nachrichten kommt. Würde man ausführlich über die Kriege in Afrika berichten, könnte bei uns so etwas wie Mitleid mit den Flüchtlingen entstehen, also lässt man es bleiben – die Refugees sollen bitte weiterhin lautlos in Spanien unsere Tomaten pflücken. Ich muss öfter an den junge Mann aus dem Kongo denken, der in Erbach/Odenwald als Pfleger arbeitet und dort dumpfestem Rassismus begegnet. Er hat Chirurgie und Prothesenheilkunde studiert – und er weiß, warum. Rasur mit frischen Klingen, Auftragen der Sonnencreme, Verspeisen einer halben Grapefruit, dann aufs Rad (meine Therapie). Ich mache einen kleinen Ausflug in die hübsche ehemalige Garnisonstadt Diez.
Der Trödler begeistert von seinem Fernabsatz des China-Spielzeugs. Der Güllelaster verteilt sein flüssiges Gold. Die Tulpen blühen dank kalter Nächte länger. Vogelstimmen! Wieder zuhaus hänge ich die perfekt gewachene Wäsche in den Aprilhimmel. Dank der Miele AG wird eine weitere Ladung folgen – die Kinder sollen sich immer wohl fühlen (und ich auch). Am Tisch zählt der Teenie erregt auf, was der Millionenseller „Das Parfüm“ doch für ein widerlicher Schundroman voller ekelhafter Männerphantasien sei. Sie fragt mich, warum das noch Unterrichtsstoff ist. Meine Erklärung: Trägheit und Trott – um Literatur geht es in der Schule nicht. Die Kids sind viel wacher als man oft denkt. Das freut mich, denn sie haben allen Grund dazu.
Frank Schott, Leipzig
Es ist faszinierend, wie sich die Wahrnehmung verändert, wenn Geist und Körper beschäftigt sind: Zwei Tage lang ununterbrochener Niederschlag; bis Montagabend hält das graue, kalte, feuchte, böige Wetter an. Doch beim Training mit den Kids ist das alles vergessen: neunzig Minuten im strömenden Regen, wir Übungsleiter mittendrin – und das Einzige, was wir spüren, ist die schweißtreibende Energie unseres Körpers. Erst als es für mich per Fahrrad durch die Schauer nach Hause geht, holen mich Kälte und Feuchtigkeit wieder ein.
Am frühen Dienstag ist es noch kalt, aber die Sonne hat die letzten Regentropfen bereits vom Blech der Autos verschwinden lassen. Nur die riesigen Pfützen zeugen noch von den gewaltigen Güssen. Ich gehe am Gymnasium vorbei. Es ist kurz vor acht Uhr und die Schüler strömen ins Gebäude wie Pilger in eine heilige Stätte. Wissen sei überbewertet, meinen meine Kinder und denken dabei vor allem an stumpfes Auswendiglernen und das bloße Aneinanderreihen von Fachkenntnissen, die sie ihr Lebtag nicht mehr brauchen werden. Vorerst ist damit Schluss, doch spätestens im Studium oder in der Ausbildung wird diese Art des Lernens für die beiden zurückkehren.
Ich ertappe mich dabei, dass ich mir regelmäßig in Erinnerung rufe, welche Therapiestunde ich gerade in Jerichow gehabt hätte. An einem Dienstag, wenn nichts ausfällt, wäre es die ärztliche Sprechstunde – und damit die letzte Chance auf ein Attest, um der großen Wanderung an diesem Tag zu entgehen; danach Sport, gefolgt von kommunikativer Bewegungstherapie. Am Nachmittag stünde dann das Sonderprogramm aus Bogenschießen oder Genusstherapie auf dem Programm, je nachdem wie man von seinem Therapeuten eingeteilt wurde, und für alle dann ab 16 Uhr die anderthalbstündige Wanderung – vor der sich die meisten am liebsten irgendwie drücken würden.
Sport steht für mich aber auch nach meiner Entlassung an – das Fußballtraining vom Vortag hat meinen Hunger nach Bewegung reaktiviert. Ich mache mit dem jüngsten Kind, das heute zuhause ist, mein in Jerichow erprobtes Rücken- und Bauchprogramm und jogge danach durch den Park. Die Pfützen nehmen teilweise die gesamte Breite des Weges ein, so dass ich außen herum laufen muss. Der Boden ist rutschig und weich, meine Schuhe schmatzen bei jedem Schritt in der feuchten Erde.
Die ersten Bärlauchpflanzen beginnen nun zu blühen – dort, wo sie am Wegesrand besonders viel Sonne abbekommen, sind bereits die typischen weißen Köpfe aufgeklappt. Die anderen Knospen werden wohl noch ein bis zwei Wochen brauchen, bis sie sich entfalten. Bereits jetzt liegt der typische Geruch nach Knoblauch und Zwiebeln in der Luft – das volle Aroma setzt dann gegen Ende Mai ein, wenn die Pflanzen verwelken.
Ich telefoniere mit einem Leidensgenossen, der die Klapse etwa fünf Wochen vor mir verlassen hat. Bevor der Mecklenburger den Part übernahm, war er mein Wandergefährte. Er ist nach der Entlassung in sein altes Leben zurückgekehrt und hat doch vieles verändert: Um seine Therapieliebe ist es still geworden, wahrscheinlich ist sie zu ihrem Freund zurückgekehrt. Er selbst hat die Trennung von seiner Frau inzwischen vollzogen und wohnt momentan bei einem ebenfalls getrenntlebenden Bekannten, der ein geräumiges Haus hat. Bezogen auf diese vorübergehende Wohnungslösung sind wir uns – ganz im Sinne des in Jerichow Gelernten einig: Es bringt nichts, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die in ferner Zukunft liegen. Besser ist es, das Hier und Jetzt anzunehmen – und die schönen Dinge zu genießen.
Das Amt, das jetzt Agentur heißt, hat sich gemeldet. Sie bräuchten von mir nichts, auch keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Solange ich krankgeschrieben sei, müsse ich nichts tun. Typisch deutsche Bürokratie: Kranke sind keine Arbeitssuchenden. Keine Arbeitssuchenden sind gut für die Statistik. Stimmt die Statistik, sind alle zufrieden.
Helko Reschitzki, Moabit
Bevor am Sonntagnachmittag ein bis in den frühen Montagabend anhaltender Dauerregen einsetzte, war es so warm, dass die ersten, jegliche Contenance vermissen lassend, mit freiem Oberkörper um Parkgrüppchen mit Picknickkörben herumturnten. Auf den Terrassen der Cafés wurden spinnwebige Sonnenschirme aufgespannt, bei den Roséproduzenten knallten die Champagnerkorken. Und auch das gehört zum Frühlingslauf: Während die allerletzten freien Plätze auf den Oberdecks der Ausflugsschiffe schon wieder hart umkämpft sind, verlieren die ersten Bäume und Pflanzen bereits ihre Blüten.
Am Freitag mache ich nach dem Mittag einen Spreespaziergang: Zunächst geht es über den Kleinen Tiergarten zur Bolle-Meierei und von dort auf dem Uferweg entlang der Straße der Erinnerung an den Köpfen von Georg Elser, Albert Einstein, Edith Stein, Ludwig Erhard, Helmut Kohl, Albrecht Haushofer, Ludwig Mies van der Rohe, Käthe Kollwitz, Thomas Mann, Walther Rathenau und Konrad Zuse vorbei. Auf dem Mäuerchen an deren Ende saß bis kurz vor seinem Tod oft Hans-Christian Ströbele und lächelte in die Mittagssonne. Man sollte seine Skulptur in die Kopfreihe einfügen – als letzter grüner Pazifist hätte er das allemal verdient. Hinter der Brücke mit den vier Bären passiere ich das für seine Baumkuchen gerühmte Café Buchwald und gehe am Schloss Bellevue vorbei, das demnächst für (Stand jetzt) 600 Millionen Euro saniert werden soll (die letzten großen Modernisierungen wurden dort von 1994 bis 1998 sowie 2004 bis 2005 durchgeführt). Ich flankiere den Großen Tiergarten und biege dann kurz vor dem Kanzleramt zum Haus der Kulturen der Welt ab.
Dort schaue ich mir „Tirailleurs – Von Kanonenfutter zu Avantgarde“ an, eine Ausstellung über Soldaten, die aus den französischen Kolonien in Nord-, West- und Zentralafrika, Madagaskar sowie Indochina stammten und ab Mitte des 19. Jahrhunderts über die Weltkriege bis hin zum Algerienkrieg im Heer ihrer Kolonialherren kämpften. Es geht hier weniger um einen Geschichtsabriss, sondern um die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex.
Meine erste Entdeckung ist Félix Vallottons kleines Gemälde „Soldats sénégalais au camp de Mailly“, das eine Szene aus einem Ausbildungszentrum für französische Rekruten und Kolonialsoldaten festhält. 1917 entsandte die französische Regierung Vallotton als artiste aux armées in die Front- und Etappengebiete im Nordosten des Landes, wo er den Kriegsalltag künstlerisch dokumentierte.
Sehr schön sind auch die Papiercollagen des Ghanaers Godfried Donkor, der die Bildsprache des Boxens (Kampfhaltung, Ring, Pose, Körper usw.) mit historischen ghanaischen und kolonialen Symbolen sowie alten Zeitungsbildern, Fotografien und Dokumenten verbindet. Der Boxer erscheint nicht als reiner Sportler, sondern als inszenierte, ikonische Figur. Letzlich geht es bei alledem – wie so oft – um die Frage, wer die Deutungshoheit über Bilder und Geschichten besitzt.
In Hana Yoos Video „I Drank a Magic Potion, but I Didn‘t Die“, höre ich einmal mehr der Koreanerin Kim Bok-Dong zu (2018 verwendete ich Ausschnitte eines ihrer Interviews als Sample für eine Single auf Bellerpark Records). Kim Bok-Dong wurde 1940 als Vierzehnjährige von den japanischen Besatzern zur Prostitution gezwungen und in Militärbordellen in Hongkong, Singapur, Indonesien, Malaysia und China fünf Jahre vergewaltigt und anderweitig schwer misshandelt. Nach Ende des Kriegs kehrte sie nach Korea zurück, doch wie viele Überlebende konnte sie lange Zeit mit niemandem über das Erlebte sprechen, da sexuelle Gewalt stark tabuisiert und mit „Schande“ verbunden war. Das führte dazu, dass Betroffene Angst hatten, ihre Familie zu „beschmutzen“ und sozial ausgegrenzt zu werden. Ab den neunziger Jahren begann sie über das ihr Angetane zu reden und kämpfte bis zu ihrem Tod im Jahr 2019 um Aufarbeitung und die Anerkennung des Leids der sogenannten „Trostfrauen“.
Am Sonntag, kurz nach neun, ist es dann soweit: Eröffnung meiner Badesaison! Um den Schlachtensee sind viele Menschen unterwegs; der grauwolkige Himmel und die tieffliegenden Schwalben kündigen bereits den Regen an. Lufttemperatur: 13 Grad; mein Thermometer zeigt für das Wasser 11 an, was für ein, zwei Schwimmminütchen gut auszuhalten ist – man muss am Anfang ja nicht gleich übertreiben.
Als ich mich auf der Buchtbank mit einem Tee aufwärme, gehen drei Frauen ins Wasser – eine schwimmt so kurz wie ich, eine bestimmt zehn Minuten, die dritte hüpft einfach hin und her und hält dabei ihre neoprenbehandschuhten Hände wie eine Pastorin, die segnend die Natur preist – vielleicht ensteht hier ja gerade ein neuer Kult. Amen.
Die Sichtung folgender Vogelarten ist zu vermelden: Reiher, Schwan, Kormoran, Stockente, Blässhuhn, Uferschwalbe, Haubentaucher und Taube sowie eine dort eher selten zu sehende Möwe, die Richtung Wannsee flog, und zumindest akustisch ein Specht: Knock Knock.
Auf dem Rückweg treffe ich das nette Pärchen, Anfang sechzig, mit dem ich mich 2025 immer sehr gern unterhalten habe. Der Mann wünscht mir zunächst einmal: „Ein frohes neues Jahr!“ – Recht hat er. Die beiden sind Eisbader, mussten ihre Wintersaison aber wegen des Terroranschlags im Januar unterbrechen, da sie in ihrer davon betroffenen Wohnung verblieben und dort so auskühlten, dass es sie für eine Weile nicht mehr ins kalte Wasser zog. Als kurz darauf der See zugefroren war, machten sie auf dem Eis Spaziergänge und hauten sich irgenwann auch ein Loch hinein, um zu baden, wobei sich die Frau blöderweise am Eisrand schnitt und wieder ihre Saison unterbrechen musste – es gibt schon ziemlich bizarre Unfälle …
Am Montag lass ich wegen des Regens das Baden ausfallen – auch hier gilt, dass man es zu Beginn eher ruhig angehen lassen sollte.
Frank Schott, Leipzig
Buschwindröschen
Es ist Frühling. Nicht nur die Vögel sind auf der Balz, sondern auch die Jungmänner der menschlichen Spezies. Mit nackten Oberkörper posieren sie im Park, dehnen die im Fitnessstudio geformten Bäuche und Oberarme, zeigen ihre Muskeln beim Turnen und Klimmziehen am Reck oder versuchen die Menschenweibchen mit ausgefeilten Schmetterschlägen beim Volleyball zu beeindrucken. Nun ja, irgendwer muss all die Protein-, Kreatin- und Ghiasamen-Produkte schließlich kaufen und zu sich nehmen.
Wiesen-Schaumkraut
Am Samstag stimmen ausnahmsweise auch die jugendlichen Mitglieder meiner Familie einem langen Spaziergang Richtung Wildpark zu. Wir nehmen den Weg an der Pleiße entlang. Ein Kind will unbedingt Käfer, Bienen und Hummeln fotografieren, das andere am liebsten sofort umkehren. Am Ende schaffen wir es mit beiden zum Ziel, wo sich der Große dann aber verabschiedet. Wir anderen wollen noch etwas im kleinen Parkimbiss trinken – und erschrecken über sportliche 4,80 Euro für ein 0,4-Liter-Glas Apfelschorle.
Goldnessel
Auf dem Rückweg würde ich gerne die Flora intensiver genießen, aber die Familie geht so rasch voran, dass ich mich immer wieder losreißen muss, um aufzuholen. Dennoch entdecke ich die gefleckte Taubnessel, die Goldnessel und den Gundermann, das Wiesen-Schaumkraut und das dunkle Lungenkraut, Buschwindröschen ganz in Weiß oder mit pinker Innenfärbung sowie die allseits bekannten Butterblumen und Gänseblümchen. Vermutlich harren bei etwas mehr Zeit noch weitere interessante Pflanzen der Entdeckung.
Dunkles Lungenkraut
Auch aus der Fauna gibt es Neues zu berichten: Die Wildschweine haben Nachwuchs bekommen. Beim Betrachten der Ferkel, die in einer Art Nest um die Muttersäue herum liegen, muss ich an eine Episode aus meinem Bewerbungsgespräch am Donnerstag denken:
Sus scrofa
Eine der beiden Damen am Empfangstresen hielt mir einen Stapel etwa postkartengroßer Tierfotos hin, die an ein überdimensioniertes Memory erinnerten. Ich sollte ein Tier aussuchen und meine Wahl zu Beginn des Bewerbungsgesprächs begründen. Insekten waren keine dabei, sonst wurde so ziemlich jedes Klischee bedient: Bär, Löwe, Tiger, Adle, Eule, Erdmännchen, Hunde aller Couleur und Größe, Delphin und Wal, die obligatorische Katze. Es waren vielleicht vierzig bis fünfzig Fotos. Meine Wahl fiel mir am Ende recht leicht – ich nahm das Schwein.
Als ich meine Karte enthüllte, blickte ich in die erwartungsvollen Gesichter der Mitarbeiterfindungskommission: „Ich habe das Schwein gewählt. Schweine sind sehr intelligente Tiere. Sie haben zudem ein gutes Gedächtnis. Sie sind äußerst sozial eingestellt. Und wenn man an ihre wilden Verwandten denkt, dann weiß man, dass sie mit aller Kraft ihr Rudel und ihren Nachwuchs verteidigen.“
Wird das Foto die richtige Wahl gewesen sein?
Wenn ich den Job bekomme, hätte ich wirklich Schwein gehabt.
Gefleckte Taubnessel
Dann pflücken wir auf dem Rückweg noch etwas Bärlauch, den wir mit Blättern von unserem Hochbeet auffüllen und zu Pesto verarbeiten: Bärlauch, Parmesan, Pinienkerne, Olivenöl, mit etwas Pfeffer und Salz gewürzt, mehr braucht es nicht, dazu Spaghetti. Fertig ist ein frühlingshaftes Mahl – von dem nichts übrigbleibt.
Gundermann
Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstagvormittag aufs Rad. Wie einfach nun das Aufsatteln geworden ist! Bald wird auch wieder normales Training möglich sein. Mein Sohn empfiehlt mir, ganze Quarknäpfe zu essen, damit ich Protein bekomme. Meine Zellerneuerungsrate wird sich damit kaum beschleunigen lassen – und das ist der Unterschied: Ich bin eben alt.
Wunderbar, beim Bolognesekochen jemandem wie Ole Nymoen zuzuhören. Der Krawatten-Linke denkt bei Kosubek die Dinge vom Ende her – das machen nur wenige. Meine Gründe, den Kriegsdienst zu verweigern, wären alle ungültig, wie ich erfahre. Nach drei Wochen Handy-Pause habe ich 312 Whatsapp-Nachrichten auf meinem Phone, was einfach nur absurd ist. Was soll ich damit?
Strahlender Mittwochmorgen mit den frühlingshaften Violinsonaten des begnadeten Amadeus. Ringsum die Pflaumen-, Kirsch- und Apfelblüte – nur unsere Gartenäpfel werden dieses Jahr pausieren. Von der gestrigen Premiere auf dem „Normrad“ Muskelziehen, auch in der Umgebung des Knies. Aber es ist ein guter Schmerz, der anzeigt, dass sich der Körper Zentimeter um Zentimeter adaptiert.
Der Trödler berichtet, dass ihm ein Bankvorstand aus München zuraunte, dass die aktuelle Krise eine ganz andere Dimension habe als die zuvor. Ich kaufe einen wunderschönen Bildband über die Geschwister Brontë, der die Umgebung all ihrer Romane zeigt – mein Teenie war ganz delighted, und das trotz ihres Sonnenstichs und der Nebenhöhlenentzündung. (Sie sollte definitiv nicht an frischen Frühlingsmorgen mit feuchtem Haar zur Schule.) Auch mein Sohn mit zuviel Sonneneinstrahlung, die er sich gestern als Betreuer der Damen-Schulmannschaft in der Coachingzone einfing. Trotzdem wurde der Landesentscheid erreicht – der Beginn einer großen Trainerkarriere. Auf Radio France am Nachmittag eine Sendung über den Joy-Division-Sänger Ian Curtis und später ein fabelhafter Fernsehfußballabend mit Bayern gegen Real. Zwei Mannschaften am Limit, mit Fehlern, die nur unter allerhöchstem Druck passieren. Was machen die Bayern nur, wenn Kimmich, der sich mittlerweile zu einer Art neuer Toni Kroos entwickelt hat, eines Tages in Rente geht?
Am Donnerstag weitere Kilometer mit dem Rad. Putenschnitzelkauf und das Einlösen von Apothekenrezepten (Sinupret usw. on top). Der Teenie bewegt sich viel zu wenig an der Luft. Um halb drei erschöpft nach extensiver Trainingsfahrt, dann die letzten Mittagessendetails klären – drei Kinder haben Hunger, und ich auch! Ein warmer, fast gewitteriger Tag; bin hundemüde, auch vom Tragen und Aufräumen.
Ich grüße den Freitagmorgen mit Sun Ra. Um zehn bereits extrem helle Sonne. Um halb zwölf verlasse ich frisch rasiert und mit einer 50+ Sonnencreme auf der Haut das Haus. Die Frankreich-Wochen waren ein Klimasprung für sich, jetzt erlebe ich, wie sich das hier alles verzögert wiederholt – von der Irisblüte zurück zur Tulpenblüte. Im Laufe des Tages 22 Grad. Der Sohn probiert die neuen Mizuno-Schuhe aus, die Multinocken für Kunstrasen haben. Ähnliche gab es vor dreißig Jahren von Nike, die sich aber nicht durchsetzten. Die meisten Spiele in den höheren Ligen werden auf billardtischglattem Naturrasen ausgetragen wird, der zudem stark gewässert ist – das macht das Spiel über Flachpässe noch leichter und insgesamt schneller. Ich sehe ihm nostalgisch zu, wie er vor dem Haus mit dem Ball jongliert. Abends zum Salatmarkt – ich fahre ja nur hin, um das Personal aufzumuntern. Ein entspannter Tag mit zufriedenen Kids, duftendem Tulpenbaum und erfolgreichen Rennradrestaurierungen.
Der Samstag beginnt leicht verschleiert, mit dann durchbrechender Sonne und Gegenlichteffekten in blühenden Bäumen (es geht jetzt rasch vorüber). Dazu die „Rheinische Symphonie“ von Schumann. Ich fahre den Teenie in die Stadt zur Theaterprobe von „Die Welle“. Sie las das Buch und es gab Aha-Effekte. Erste Einkäufe, darunter ein (in meinen Augen) schöner afghanischer Teppich, der einen Sperrmüllfund ersetzen wird. Der Trödler vertickt gerade massenhaft China-Spielzeug aus den 1960ern (Loks, Rennautos, Flugzeuge) – offenbar gibt es dafür Abnehmer. Schnell aufs Rad, da es mild ist und so schön blüht. Anschließend die Jüngste von der Probe holen.
Meine Sportskameraden sind heute auf der 300-Kilometer-Runde vom Kirchheimer Zipfel bis kurz unter den Hohen Meißner, über den Knüllwald, Fulda und die hessische Rhön unterwegs. Man vermisst es erst recht, wenn man selbst nicht mehr mitmachen kann. Aber das Rad wird noch bewegt! Sehr gutes Training, das beinahe seinen Namen verdient. Nach ca. 20 bis 30 Minuten glich sich die Differenz der Beine aus – ich muss ständig darauf achten, beide gleich zu belasten. Auf dem Rad geht das besser als beim Gehen, aber der Körper versucht immer den schwächeren Teil zu überkompensieren. Schnelle Rotation ist ein Schlüssel, Durchblutung der Kapillaren, hoffentlich auch des Tiefengewebes; die Muskeln müssen ja vom Knochen her wieder zusammenwachsen. Freude darüber, wie schnell ich mich wieder an die gestreckte Position gewöhne. Angenehmes, leicht schwüles Wetter, die Rotoren waren sich über Orientierung nicht immer einig. Die Kaltfront hat uns verschont.
Frank Schott, Leipzig
Bewundere ich auch die Beharrlichkeit, mit der die pazifischen oder lateinamerikanischen Familien mit ihren zwei oder mehr Kindern die Einkaufsmeile besingen, so sehr nerven doch die schrillen Stimmen und die eintönigen Melodien. Was angenehm anmuten mag, wenn man mit dem Kreuzfahrtschiff an tropischen Häfen anlegt und mit folkloristiscm Liedgut und Blumenkränzen begrüßt wird, ist in der gemütlichen deutschen Innenstadt so willkommen wie in den neunziger Jahren die Panflötenquäler. Wer hier arbeitet und Bürofenster oder Ladentüren öffnen muss, wäre vermutlich sogar bereit, Schutzgeld zu zahlen, damit die Musikanten sich anderswo aufstellen. Aber es hat sich gezeigt – ist die eine Familie fort, nimmt die andere ihren Platz ein und wieder den Gesang auf.
Ich sitze mit meiner Tasse Kaffee und dem Neuen Testament, in dem ich immer noch lese, weit weg und doch kann ich den Gesang nicht vollends ausblenden. Nach der Rückkehr aus der Klinik im ländlichen Sachsen-Anhalt freue ich mich inzwischen über den Lärm der Stadt und den Geräuschpegel von plappernden Passanten, über das Rumpeln der Straßenbahn uns das Dröhnen von Bauarbeiten – wie schnell sich das ändern kann. Die Stadt ist voller Leben: Rentner bei ihren Besorgungen, Schülerpulks auf Klassenfahrt, flanierende Paare, Berufstätige in einer Pause vom Bürostress. Da hört sich der Gesang zumindest für eine Weile weg.
Den Mittwochvormittag nutze ich zum Joggen. Endlich sind die Schauer abgezogen. Die Pfützen könnten noch Geschichten davon erzählen. Jetzt spiegeln sie den blauen Himmel und das Grün des Frühlings. Ich laufe nicht sonderlich schnell – nach den in Jerichow aufgetretenen Knieproblemen will ich nichts übertreiben. Obwohl es mitten in der Woche ist, sind viele Läufer unterwegs. Überall kreuzen sich die Wege, verschmilzt für einen Moment das Schnaufen zu einem gemeinsamen Grunzen. Wobei die meisten davon nichts hören, weil Kopfhörer sie von der Außenwelt abkapseln.
Am Donnerstag habe ich ein erstes Bewerbungsgespräch. Meine Hausärztin sagt, ich solle es ruhig angehen lassen. Doch es geht um einen Job bei der Stadt Leipzig. Nachdem, was man so hört, gibt es kaum eine ruhigere Möglichkeit des Arbeitens als im öffentlichen Dienst. Meine Frau, die seit Januar bei der Uniklinik im Rahmen eines Projekts angestellt ist, klagt über Langeweile, ausufernde und fruchtlose Diskussionen und zähe Entscheidungsprozesse, weil niemand für irgendetwas die Verantwortung übernehmen will. Insofern klingt ein Job im Öffentlichen Dienst nach etwas, das meine Ärztin mir empfehlen würde.
Das Gespräch verläuft unaufgeregt: Nach einer Vorstellungsrunde und einem kurzen Abriss meinerseits, warum ich derzeit auf dem Arbeitsmarkt bin und diesen Job gern annehmen würde, wird mir gesagt, dass alle vier jeweils eine Reihe standardisierter Fragen stellen, sich Notizen machen und anschließend eine vergleichende Bewertung vornehmen werden. Die Fragen sind weniger offen, als ich sie formuliert hatte, wenn mir selbst Bewerber gegenübersaßen. Ich bleibe die gesamte Zeit entspannt: Da, wo sie theoretisches Wissen abverlangen, auf das ich mich nicht vorbereitet habe, kontere ich mit praktischen Erfahrungen.
Ich an deren Stelle würde mir einen Praktiker wie mich als Mitarbeiter wünschen. Doch ich weiß, dass das starke Vorgesetzte erfordert, die ein Mehr an Erfahrungen nicht nur akzeptieren können, sondern sogar zu schätzen wissen. Mir wird gesagt, dass es schnell gehen soll mit der Entscheidungsfindung, da es sich nur um eine bis zum Ende des Jahres befristete Stelle handelt – aber was weiß ich schon von der Entschlussfreude des Öffentlichen Dienstes.
Ich freue mich auf das Training am Nachmittag. Dieses Mal sind wir drei Trainer für die größeren Jungs, was die Meute beherrschbarer macht. Zudem sind es auch nur siebzehn Kids, die sich in drei Gruppen gut bändigen lassen. Ich übernehme wieder die Erwärmung und steuere mehrere Übungsteile bei, bevor wir sie in der zweiten Hälfte in drei Teams gegeneinander spielen lassen. Ich kenne meine technischen Grenzen, was die Ballbeherrschung anbelangt, weshalb ich gerne die Parts für Fitness und Körperbeherrschung übernehme.
Ein Vater sagt uns nach Trainingsende, dass sein Sohn wünscht, zu uns, Turbine Leipzig, zu wechseln. Sein bisheriger Verein (ich nenne keinen Namen) ist mit der Vielzahl an Kindern, dem eigenen Leistungsanspruch und einem eklatanten Verschleiß an Trainern (neueste Idee: „rollierende Trainer“) überfordert – und die dort spielenden Kids und deren Eltern sind es auch. In unserem Verein steht der Spaß im Vordergrund (für mich es manchmal fast schon zu viel Spaß und zu wenig Disziplin) und das Team ist konstant, auch wenn nicht jeder bei jedem Training dabei sein kann.
Und wir bekommen Anerkennung für unsere Arbeit: Das große RB Leipzig scoutet regelmäßig bei uns, der kleinen Turbine. Mindestens drei Spieler aus meiner Gruppe und ein weiterer von den Bambini sind dort aktuell in regelmäßigen Probetrainings vor Ort. Weitere haben uns schon für den Bundesligisten verlassen. Doch auch die, die bei RB testweise mittrainieren, nehmen, wann immer es geht, bei uns weiterhin das Training wahr.
Die kleinen Erfolge im Ehrenamt.
Helko Reschitzki & Zlatomir Popovic, Moabit
Letze Woche bekam ich eine E-Mail von meinem Freund Zlatomir:
„Lieber Helko,
ich schreibe dir von einem Erlebnis, das mich nicht loslässt. Ich würde gern Künstliche Intelligenz hinzuziehen, um herauszufinden, was das für ein Pilz war. Deshalb bräuchte ich deine Hilfe, da ich nicht weiß, wie ich darauf zugreifen kann. Viele Grüße, Zlatomir
In Berlin gibt es einen Verein, der sich mit unterirdischer Architektur befasst – 40 Prozent der Berliner Bausubstanz befindet sich unter der Erde. Dieser Verein hat vor vielen Jahren am Gesundbrunnen einen Dokumentarfilm gezeigt. Es gab eine Wegbeschreibung zum Veranstaltungsort. Nach einem kurzen Spaziergang gelangte ich zu einem Eingang, von dem aus eine Treppe steil und senkrecht, ohne jegliche Kurven unter einen künstlichen Hügel führte. Dieser wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus den Trümmern des gesprengten Flakturms Humboldthain und zerstörten Gebäuden der Umgebung aufgeschüttet. Später erfuhr ich, dass man von der Spitze bis hinunter auf die Ebene der U-Bahn-Gleise gelangen kann.
Der Film hatte großes Interesse geweckt – als ich am vereinbarten Ort ankam, warteten in der unterirdischen Halle mehr Menschen, als in den Vorführraum passten. Glücklicherweise gehörte ich zu der Gruppe, die draußen bleiben mußte. Um zu verhindern, dass wir enttäuscht gingen, schlugen die Organisatoren der Veranstaltung vor, dass sie uns bis zum Ende der Vorstellung zeigen würden, wie die unterirdischen Räume aussehen.
Einer der Veranstalter übernahm die Rolle des Führers. Er zündete eine Gaslampe an, die ein ungewöhnlich helles Licht spendete, so dass man relativ weit sehen konnte. Wir gingen durch einen langen Korridor, von dem, wie in einem Verwaltungsgebäude, viele Räume abzweigten. Entgegen meiner Erwartung war die Luft unter der Erde trocken und frisch, und obwohl es Winter war, angenehm warm.
Dann blieben wir vor einer Eisentür stehen, und der Führer sagte, sie sei seit vielen Jahren nicht mehr geöffnet worden. Er bekam sie ohne große Mühe auf. Der Raum, in den wir kamen, war geräumig und sauber. An der Decke befand sich ein großes gusseisernen Rohr, das Teil des Belüftungssystems war, das bis zur U-Bahn reichte: Wenn ein Zug einfuhr, baute sich im Tunnel Druck auf, durch den Sauerstoff in die Kammern strömte; das Gegenteil geschah, wenn ein Zug abfuhr.
Der Frischluftstrom trug Feuchtigkeit mit sich, die sich an der Öffnung des Lüftungsrohrs absetzte. Dort wuchs ein großer Pilz, dessen Stiel die Form eines menschlichen Halses ohne Haut hatte. In diesem Raum war kein einziges Insekt zu sehen, nicht einmal ein totes, auch kein Spinnennetz. Nicht ein Lebewesen hatte seine Spur hinterlassen – nur von da oben am Gusseisen schaute uns der Pilz an; sein Kopf war so groß wie der eines Kindes.“
Gerade aufgeschütteter Bunkerberg im Jahr 1950
Drei Tage nachdem ich die Mail gelesen hatte, besuchte ich Zlatomir und ließ mir die Bunkerstory ausführlicher erzählen. Anschließend versuchten wir mithilfe eines KI-Chatbots herauszubekommen, um was für einen Pilz es sich handeln könnte. Die KI, die ja, wenn sie keine Antwort „weiß“, eine aus Wahrscheinlichkeiten generiert, war außerordentlich zurückhaltend und halluzinierte nichts. Stattdessen warnte sie energisch, dass dieses Gebilde gefährlich sein könnte und wir es auf keinen Fall berühren sollen – was uns nicht weiterhalf.
Von Zlatomirs Erzählungen über diesen Ort neugierig geworden, recherchierte ich, ob man noch in besagten Bunker hineinkommt. Ja, es gibt einen Verein, „Unterwelten e.V.“, der in Gesundbrunnen ein zusammenhängendes System aus Luftschutzräumen der NS-Zeit und des Kalten Krieges betreut, und täglich Touren anbietet. Ich buchte die nächstpassende – Kosten: 13 Euro ermäßigt (bzw. 17 Euro für Vollzahler); Treff: Montag, 14 Uhr, Ostausgang des U-Bahnhofs.
Da ich zu früh da bin, gehe ich über die Straße in den Humboldthain und steige über sehr steile Treppen auf jene von Zlatomir erwähnte Humboldthöhe, die 1950 aus Kriegsschutt zusammengeschoben wurde. Auf 84,5 Metern befindet sich auf der Deckplatte des nicht komplett gesprengten Flakturms eine Aussichtsplattform. Der Blick über die Stadt ist atemberaubend – gerade für einen Menschen mit Höhenangst wie mich. Ich komme mit einem Herrn ins Gespräch, der so alt sein könnte, dass er den Krieg noch als Kind erlebt hat – ein Engländer. Er spricht die Battle of Berlin an, in der die Royal Airforce immer wieder die Reichshauptstadt anflog und große Teile zerstörte. Ich sage: „And the Germans bombed Coventry and so on.“ Er stellt die einzige Frage, die zu stellen ist: „Why hasn’t humanity learned from this?“ Mir bleibt nur ein Schulterzucken und ein „I don’t know.“ Wir kommen auf Donald Trump und den aktuellen Wahnsinn im Nahen Osten zu sprechen – und kurz darauf muss ich mich leider verabschieden, da gleich die Besichtigung beginnt; ich hätte mich gern ein wenig länger mit dem netten alten Engländer unterhalten.
Neben mir sind zwanzig andere Tourteilnehmer quer durch alle Altersstufen da, die jüngsten Teenager, die ältesten Ende sechzig, dazu ein Referent vom Verein und ein netter Aufseher, der darauf achtet, dass keiner zurückbleibt oder fotografiert – das ist untersagt.
Wir steigen über eine Treppe eine Etage tiefer und gehen nach einer Sicherheitseinführung in den ehemaligen Zivilschutzbunker hinein, der 1941/42 auf vier Ebenen entstanden ist. Grundlage für den Bau waren im Rohzustand verbliebene Räumlichkeiten der BVG, die infolge der Weltwirtschaftskrise nicht fertiggestellt werden konnte.
Die Gesamtfläche beträgt 1300 Quadratmeter; dichtgedrängt sollen hier bis zu viertausend Menschen Platz gefunden haben. Wann die Außentüren verriegelt werden, bestimmte der Bunkerwart. Da eine Sprengung die U-Bahntunnel gefährdet hätte, blieb die Anlage nach dem Krieg vom Demilitarisierungsprogramm der Alliierten verschont.
Wir werden anderthalb Stunden durch unzählige Räume geführt; es geht um zig Ecken und über alle Etagen. Schon nach kurzer Zeit habe ich komplett die Orientierung verloren – und das, obwohl alles beleuchtet ist. Während der Bombardierungen war das wegen der Abdunkelung und Stromausfälle nicht so: Um Wege zu erkennen (und nicht in Panik zu geraten), waren die Türrahmen und Wand-Decken-Anschlüsse mit Leuchtfarbe markiert, die, wie wir testen, immer noch gut funktioniert. Die Schutzsuchenden nahmen auf einfachen Holzbänken Platz; wegen der Enge stieg die Temperatur schnell auf 30 Grad an, zumal viele mehrere Schichten Kleidung, Pelzmäntel usw. trugen – man wusste ja nie, ob das Haus noch steht, wenn man wieder rauskommt. Die Luftfeuchtigkeit war hoch, es roch nach Körperausdünstungen und Exkrementen – die zehn Frauen- und fünf Männertoiletten reichten oft nicht aus. In der Gegenwart ist die Luft außerordentlich frisch, es riecht auch nicht „nach Keller“. Die Deckenhöhe variiert zwischen ungefähr drei und acht Metern.
Der Referent ist sehr kompetent und erklärt alles sachlich, in einer angenehm monoton-neutralen Sprechweise, was genau richtig ist, da der Ort, die Exponate und die zeitgeschichtlichen Fakten für sich. sprechen – wenn man vor einem Gasschutzsack für Babys oder im kargen Erste-Hilfe-Raum steht, eine Kindergasmaske oder die zerbrochene Erkennungsmarke eines Gefallenen sieht, von den Folgen der Stabbrandbomben oder den Vergewaltigungen beim Einmarsch der Sowjettruppen hört, braucht es keine Verstärkung.
Wir hören einige wirklich gute Geschichten, zum Beispiel die von Carl Dieter Heckscher, der als Fünfjähriger bei der Bombardierung Hamburgs verschüttet wurde und fortan stotterte. Viele Jahre später konnte er sich davon befreien, indem er in seinem Bett mit dem Tonbandgerät nur für sich „Radiosendungen“ aufnahm. Ab 1969 begrüßte er mit den Worten „Hier ist Berlin!“ aus dem Studio 1 der Union-Film die Zuschauer der ZDF-Hitparade und wurde unter dem Namen Dieter Thomas Heck als Schnellsprecher der Nation bekannt.
Als der Bunkerführer ultratrocken sämtliche Verschwörungsstorys rund um Hitlers angebliches Weiterleben abräumt und am Ende bei „Adolf am Ballermann“ landet, müssen alle herzlich lachen – als er uns erzählt, warum seit dem Krieg Kaninchen beim Metzger nur noch mit Kopf verkauft werden, nicht mehr. Zum Schluss der sehr kurzweiligen Tour wird uns noch einer der ehemaligen Räume der Berliner Stadtrohrpost gezeigt, die von 1865 bis 1963 in Berlin-West in Betrieb war – im Ostteil der Stadt sausten die Transportkapseln dreizehn Jahre länger umher. Wie Zlatomir sagte, gab es in der Bunkeranlage keine Insekten zu sehen – und selbstverständlich auch keinen Rohrpilz, was nach all der Zeit nicht anders zu erwarten war.
Jörg Friedrich „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“. Akribisch zusammengetragenes Standdardwerk, in dem auch die Angriffe auf Kleinstädte behandelt werden. (Propylänen Verlag, 2002)
Annett Gröschner (Hg.) „Ich schlug meiner Mutter die brennenden Funken ab“. Berliner Schulaufsätze aus dem Jahr 1946″ Die Bombardierung, die Eroberung und der Beginn des Wiederaufbaus aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen. (KONTEXTverlag und Rowohlt Taschenbuch, 1996)
Robert Lucius (Hg.) „Keine Illusionen irgenwelcher Art. Briefe aus Berlin 1943 bis 1948“. Berichte vom Überleben. (Mitteldeutscher Verlag, 2020)
Waltraud Süßmilch „Im Bunker“. Aus Tagebuchaufzeichnungen entstandener Bericht einer Zeitzeugin, die als Fünfzehnjährige die Bombardierung Berlins erlebte. (Ullstein Taschenbuch, 2004)
Anonyma „Eine Frau in Berlin“. Schonungsloses Tagebuch über Hunger, Angst und vor allem die massenhafte sexuelle Gewalt durch Soldaten der Roten Armee in der zerstörten Reichshauptstadt. (Zuerst 1955 in England erschienen, dann 1959 in der Bundesrepublik; diverse Neuauflagen.)
Marie Jalowicz Simon„Untergetaucht“. Autobiografie einer jungen Jüdin, die sich, um nicht ins Konzentrationslager zu kommen, in Berlin versteckt und dabei Hilfsbereitschaft erfährt, verraten und erpresst wird. (S. Fischer, 2014)
Wladimir Gelfand „Deutschland-Tagebuch (1945–1946)“. Die Einnahme Berlins aus der Sicht eines zweiundzwanzigjährigen Rotarmisten, der sich im Spannungsfeld zwischen militärischem Selbstverständnis, Mitgefühl für einzelne Zivilisten, Rachegefühlen und Gewalt bewegt. (Aufbau, 2005)
Konrad Heiden „Adolf Hitler. Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ und „Ein Mann gegen Europa.“. Das 1936/37 vom jüdischen Journalisten und Sozialdemokraten Heiden veröffentlichte Doppelwerk über Hitlers Aufstieg vom Außenseiter zum politischen Führer ist die Primärquelle aller späteren Biografien (abgesehen von August Kubizeks umstrittenen Erinnerungen „Adolf Hitler – mein Jugendfreund“). Sollte man in Zeiten, in denen wieder inflationär mit Begriffen wie „Faschist“ und „Nazi“ um sich geworfen und so eine der größten Schreckensherrschaften des vergangenen Jahrhunderts marginalisiert wird, unbedingt gelesen haben. (Europa Verlag Zürich, 2011)
Zlatomir Popovic, Moabit
Gegen neunzehn Uhr begann ich, mein verspätetes Mittagessen zuzubereiten. In weniger als einer halben Stunde war ich damit fertig und konnte mich an den Tisch setzen. Nachdem ich aufgegessen hatte, trank ich langsam Tee und schaute aus dem Fenster.
An dem großen Baum im Hinterhof sah ich oben auf einem Ast eine Krähe. Es war düsteres Wetter, es begann dunkel zu werden, und ich dachte, die Krähe bereitet sich darauf vor zu schlafen.
Zwei, drei Minuten später flog sie an einen niedrigeren Ast, dann noch niedriger, danach an einen Astabzweig. Da merkte ich, dass etwas passiert. Ich nahm das Fernglas und sah, dass die Krähe sich neben ein Taubennest gesetzt hatte. Die Taube versuchte, sie mit Flügelflattern fernzuhalten. Die Krähe blieb sitzen und wartete fünf Minuten. Dann setzte sie sich in das Nest hinein und begann, die Eier zu essen. Die Taube schaute dabei zu.
Als das letzte Ei verschwunden war, flog die Taube weg. Die Krähe putzte ihren Schnabel und begab sich wieder an die Stelle im Baum, von der aus sie ihren Angriff vorbereitet hatte. Nach einer Weile flog auch sie weg.
Die Taube kam zurück, flatterte um ihr Nest herum und schaute es sich von allen Seiten aus an, begab sich aber nicht hinein. Dann verschwand sie und kehrte an diesem Abend nicht mehr wieder.
Ich habe diese Szene nicht ohne Emotionen und Assoziationen beobachtet. Am liebsten hätte ich die Krähe vertrieben, und dachte dabei die ganze Zeit an einen gewissen Herrn Trump.
Frank Schott, Leipzig
Wie geht es nun weiter nach den zwölf Wochen im Klinikexil? Meine Hausärztin ist ganz entschieden der Meinung, dass ich noch nicht genesen bin und verordnet mir weitere vier Wochen Schonfrist: „Lassen Sie es ruhig angehen. Ich sehe Sie noch nicht als arbeitsfähig an.“ Meine Familie sieht es genauso, nachdem sie mich den ersten Tag am Wirbeln und in alte Muster fallend erlebt hat.
Dennoch gibt es so viel zu organisieren, dass ich kaum in der Lage bin, mir den geregelten Tagesablauf von Jerichow zu spiegeln. Termine sind zu machen, Telefonate zu führen, Dokumente zu scannen und zu versenden. Ein Beispiel: Die Liegebescheinigung der Klinik und die aktuelle Krankschreibung sind der Arbeitsagentur zu übermitteln. Da ich länger als sechs Wochen ausgefallen bin und daher nicht mehr als arbeitssuchend gelte, ist es mir nicht mehr möglich, Dokumente über mein elektronisches Profil direkt an meinen Betreuer zu senden. Also muss alles in einen Umschlag gepackt, das Porto besorgt und per Post versendet werden. Mit jedem abgehakten Punkt scheinen zwei weitere hinzukommen.
Am Montag betreue ich zum ersten Mal in diesem Jahr wieder ein Fußballtraining. Es sind zwanzig Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die wir zu zweit zu bändigen versuchen. Der dritte Coach übernimmt die elf Bambini im Alter von vier bis fünf.
Viele der Jungs kenne ich natürlich noch, aber es sind in meiner Gruppe auch vier, fünf neue Gesichter und somit Namen dabei. Der Tag ist glücklicherweise trocken, im Gegensatz zum Sonntag und Dienstag.
Wie ich das disziplinlose Getobe, die Unkonzentriertheiten und das Geschrei von außer Rand und Band geratenen Kids vermisst habe!
Nein, das war ein Scherz. Das braucht kein Mensch. Aber es gehört eben dazu, wenn man im Ehrenamt Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft und Nationalität betreut – einige von ihnen sind wirklich verhaltensauffällig.
In Jerichow war kurz vor meinem Abschied noch eine Patientin dazukommen, die Fußball spielt und selbst auch Kids trainiert. Sie berichtete von den gleichen Schwierigkeiten: „Du kannst sie eigentlich nur spielen lassen. Vielleicht ein, zwei Übungen sind möglich, aber dann drehen sie schon wieder durch.“ Auch das Problem mit zu vielen Kindern auf zu wenig Trainer kennt sie. Sechs bis sieben Spieler auf einen Trainer scheint beim Kinderfußball ein guter Schlüssel zu sein, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Soweit die Theorie – in der Praxis sind es in der Regel zehn oder mehr Kids.
Ansonsten regnet es. Natürlich weiß ich, dass der Regen nötig ist nach dem eher trockenen Winter. Aber es schlägt eben doch aufs Gemüt, wenn die Blüten verkleben und die frischen Blätter traurig an den Zweigen hängen. Wenn sich auf den von vielen Baumaßnahmen zernarbten Wegen und Straßen seenartige Pfützen bilden. Wenn hinter der Scheibe des Eisladens gähnende Leere herrscht und nur die Handpuppen im Fenster trotzig lachen. Wenn Menschen sich in die immer noch nicht weggelegten Winterjacken kauern. Es ist April.
Christoph Sanders, Thalheim
Am Sonntagabend zurück aus dem Süden Frankreichs. Dort das übliche Instandhaltungsprogramm am Ferienhaus – ich nutzte die vorsommerlichen Temperaturen, um auf das Dach zu klettern und Sturmschäden zu reparieren. Eine Premiere war das Raufschleppen von Ziegeln im Rucksack, was trotz der operierten Hüfte gut ging. Ich habe zwei Wochen das Smartphone nicht benutzt – ich finde verschlüsselte Mails einfach besser als die elektronische Fußfessel. Ich bin immer überzeugter, dass die wirklich wichtigen Sachen, wie im Mittelalter, mündlich und unter vier Augen besprochen werden.
Ausgeschlafener Montagsbeginn voller Hausarbeit – der Sohn hat einige Baustellen hinterlassen. Akklimatisierung an einen feuchten, kühlen Vollfrühling – hier in Hessen kommen die Tulpen erst jetzt.
Am Dienstag mit dem Gedanken erwacht, dass sich menschliche Körper im Spannungsfeld zwischen eigener skulpturaler Formung und äußerer Prägung als Sozialplastik bewegen – der Bodybuilder als Bildhauer seines Egos, die allgemeine Zunahme von Extrem- und Laufsport, der komplette Gesundheitsfetisch als Leistungsoptimator. (Dagegen die stummen Proteste der Adipösen, aber das könnte man als unbewusste Skulptur definieren.) Davon dann übergangslos zu den Freseken aus Siena und Florenz im 13. bis 15. Jahrhundert – die endlosen Variationen der Mutter mit dem Kinde. Ich vergeiche Portraits aus Esztergom (im Mittelalter Hauptstadt des Königreichs Ungarn) mit jenen, die ich in gerade in Le Mans und Bayonne sah. Sehr auffällig die stilisierte Form der Madonnen, auf die man sich einigte. Es sind dann merkwürdigerweise die deutschen Maler nach Dürer, die das Stereotyp mit Narben und Tränen individualisieren. Das sind doch hochinteressante Themen in einem Zeitalter, da jeder sein Eigenbild entwerfen und erzeugen kann – und es auch tut!
Maestro di San Miniato „Vierge à l’Enfant au chardonneret“, ca. 1470-1500; Musée de Tessé, Le Mans.Aktuelles Stockfoto.
Nach diesen Überlegungen zur Körperformung hole ich meine Kids aus dem Tiefschlaf, wobei ich Fensterkippen und Amseln als Wecker benutze. Alle mit Anlaufschwierigkeiten, wie üblich, wenn sich der Rhythmus verschiebt – vielleicht ändert sich ja eines Tages die Zeit des Unterrichtsbeginns? Kindergärten öffnen zunehmend um 7:30 Uhr, weshalb immer mehr Lehrer erst zur zweiten Stunde anfangen. Würden die Schulen zeitlich nachziehen, hätte man auch wieder mehr Personal. Das Wohl des Kindes und dessen Bildung sollten stets der Mittelpunkt all unseres Strebens sein.
Helko Reschitzki, Moabit
Jesus ging am Gründonnerstag nach dem Abendmahl mit seinen Jüngern in Jerusalem zum Ölberg. Knapp zweitausend Jahre später schlendere ich nach dem Frühstück allein zum Lüneburger Kalkberg. Hier befindet sich das Deutsche Salzmuseum. Der Zutritt erfolgt stilecht durch einen Güterwaggon, bevor es hinter der Kasse unterirdisch weitergeht. Ich fühle mich generell unter der Erde sehr wohl – was mich zuversichtlich für die Zeit nach meinem Tod stimmt.
Einer Legende zufolge führte um das Jahr 800 n. Chr. eine silbrig glänzende Wildsau am Kalkberg in Hliuni (dem späteren Lüneburg) zur Entdeckung einer Solequelle, die nach und nach erschlossen wurde. Anfangs noch im kleinen Maßstab betrieben, prägte ab dem 12. Jahrhundert die Salzgewinnung das Leben der Stadt. Salz war zu dieser Zeit eines der wertvollsten Güter – man verwendete es nicht nur zum Würzen von Speisen, sondern auch in der Tierhaltung (zum Beispiel als Leckstein), zur Konservierung von Nahrungsmitteln oder für medizinische Zwecke. Das Mineral war zudem ein wertvolles Tauschgut: Römische Milites und Beamte erhielten auf Reisen täglich eine Ration – das Salarium. (Davon leiten sich das französische salaire und das englische salary ab; wie auch die Wörter Salami und Salat gehen sie auf das lateinische sal zurück.) Salz trug maßgeblich zum Wohlstand der Stadt bei, die 1363 Vollmitglied der Hanse wurde. Jährlich im Herbst finden in Lüneburg die Sülfmeistertage statt, ein mittelalterliches Spektakel, das an diese Zeit erinnert.
Die Räume, durch die ich gehe, gehören zum letzten erhaltenen Siedehaus der Saline, erbaut 1927 und mit der Gesamtanlage 1980 geschlossen. Dass diese nicht abgerissen wurde, ist Protesten zu verdanken – dass der auf den ersten Blick gemütlich wirkende Menschenschlag dieser Gegend gegenüber der Staatsmacht renitent sein kann, beweisen auch die vielen „X“-Zeichen in den Fenstern. („X-tausendmal quer – hopp, hopp, hopp, Castortansport Stopp!“)
Ich sehe ein Modell, das zeigt, wie die Saline vor vierhundert Jahren aussah und den Nachbau einer mittelalterlichen Siedehütte; alte Pläne der Anlage (grafisch sehr ansprechend und, klar, wegen der Luftfeuchtigkeit als Kopie); Teile des Pumpgestänges, über das von 1782 bis 1865, angetrieben durch die Ratsmühle, über eine Strecke von 1,3 Kilometern Wasser aus der Ilmenau hierher gebracht wurde.
Nach einer langen wirtschaftlichen Krise erfolgte ab 1799 der Um- bzw. Neubau – die Industrialisierung fand auch unter Tage statt. Es enstanden neuartige mechanische Pumpen und Abfülltrichter, später automatisierte Förderbänder und in den 1920/30er Jahren die große Salztrocknungsanlage. 1814 kam jemand auf die Idee, zwei hölzerne Wannen zur Verabreichung von Solbädern aufzustellen, was regen Zuspruch fand und bald erweitert wurde. Von den Bombardierungen im 2. Weltkrieg blieb die Saline weitesgehend verschont. Im Laufe der Zeit verbesserten sich peu à peu die Arbeitsbedingungen – in der Bundesrepublik profitieren davon endlich auch die weiblichen Lohnabhängigen, die jahrhundertelang stark benachteiligt waren.
Ich erfahre, dass Deutschland eines der salzreichsten Länder der Erde ist und der Lüneburger Salzstock vier Kilometer in die Erde reicht; lerne Begriffe wie Wirbelschichtrockner, Solekiste oder Salzbrei kennen; sehe erstmalig in meinem Leben ein bolivianisches Salzlama … und irgendwann sind das dann einfach viel zu viele Informationen in zu kurzer Zeit, so dass ich das mache, was ich immer mache, wenn ich in Ausstellungen nichts mehr aufnehmen kann: Ich schaue im Museumsladen nach einem vertiefenden Buch. Hier ist, abgesehen von der Broschüre „Salzschiffe der Stadt Lüneburg“, nichts Passendes dabei, also schildere ich den beiden Damen am Tresen, wonach ich ungefähr suche. Sie sagen, dass sie so etwas leider nicht haben. Und dann geschieht das, was ich oft erlebe – eine der Frauen meint: „Moment, gabs da nicht mal was in der Richtung?“ und beschreibt der Kollegin einen Katalog: „Vielleicht liegen davon ja noch irgendwo ein paar herum. Ich seh mal nach.“ Nach zehn Minuten kommt sie freudestrahlend mit „Salz – Arbeit – Technik. Produktion und Distribution in Mittelalter und Früher Neuzeit“ wieder, einer Sammlung von Vorträgen, die 1987 auf dem gleichnamigen Symposium in Lüneburg gehalten wurden. Broschüre und Katalog werden, neben einem Gläschen Salz, von mir erworben.
Die Frauen erzählen dann noch vom anstehenden Komplettumbau des Salzmuseums – ein Unterfangen, das in Zeiten, in denen Schulklassen oft eine kollektive Aufmerksamkeitsspanne von der Länge eines TikToks haben, nicht ganz einfach ist. Es wird dabei ein Mittelweg zwischen Originalobjekt und Modell, Analogem und Digitalem zu finden sein – wofür man allen Beteiligten nur das wünschen kann, was am Brunnenhaus der Saline steht: „Glück auf!“
Sammelbilder der Liebig’s Extract of Meat Company, 1901
Seit Ostern lese ich nun jeden Abend fünf Minuten in dem Katalog, staune und lerne, schaue flankierend ab und an etwas im Internet nach, wodurch ich noch mehr Wissenswertes erfahre. So besaß etwa das Hospital zum Heiligen Geist, in dem Betten für Mitarbeiter der Saline freigehalten wurden, das Recht, allnächtlich, außer zwischen Weihnachten und Neujahr, von jedem Siedehaus eine Schaufel Salz einzusammeln; Heinrich der Löwe soll den Absatz des Lüneburger Salzes sichergestellt haben, indem er die Solequellen der Konkurrenten aus Oldesloe zuschütten ließ – ein historischer Schlenker zur Gegenwart, in der Angriffe auf Pipelines, Sabotage von Industrieanlagen, Cyberaattacken auf Energienetzwerke oder gezielte Störungen von Lieferketten an der Tagesordnung sind. Und damals wie heute schafft die harte Arbeit in den Minen weltweit vor allem Wohlstand für andere und nicht für die Beschäftigten selbst.
„Let’s drink to the hard-working people / Let’s drink to the lowly of birth / Raise your glass to the good and the evil / Let’s drink to the salt of the earth“ (The Rolling Stones, LP „Beggars Banquet“, 1968)
Notgeld, 1921Der Alte Kran an der Ilmenau, der Holz für die und Salz aus der Saline verlud, im April 2026.
Frank Schott, Leipzig
Zurück im Alltag. Wie schnell man wieder in alte Muster aus Stress, Routine und Fehlverhalten verfallen kann! Und doch ist nach drei Monaten in der Psychoklinik etwas anders: die reflektierende Betrachtung, das Bewusstsein dafür, was ich tue und wie ich es tue.
Nach den Knie- und Magenproblemen der vergangenen Woche schnüre ich am Samstagvormittag die Laufschuhe für meine Leipziger Standardstrecke – ein paar hundert Meter über die Bürgersteige und dann ab in den Park mit dem Bärlauch.
Als ich loslaufe, ist es kalt – knapp über null Grad; beim Aufstehen hatte ich durch das Schlafzimmerfenster gehört, wie der Nachbar Eis von der Windschutzscheibe kratzt. Da es rasch wärmer wird, besonders in den sonnigen Abschnitten des Wegs, verzichte ich auf meine Handschuhe. Alles ist noch feucht vom Regen des Vortags.
Erschrocken bin ich über den Lärm der Stadt: Überall brummen Motoren, dröhnen Rollgeräusche von Reifen, plappern Stimmen, rumpeln Straßenbahnen. Es dauert eine Weile, bis ich den Krach hinter mir lasse und das Zwitschern der Vögel vernehme.
Was mir in den ersten achtundvierzig Stunden nach der Rückkehr aus der Provinz neben dem Lärm noch auffiel, sind der Dreck und die allgemeine „Leck mich“-Stimmung – etwa beim Mann, der eine Einfahrt fegt und den Kehricht dann einfach in den nächsten Glascontainer kippt. Ich nehme die Rücksichtslosigkeit wahr, mit der Gehwege blockiert werden, sehe die organisierten osteuropäischen Bettlerbanden und all die gestresste Gesichter um mich herum, höre Partypeople, die spät in die Nacht lärmen. Willkommen daheim.
Auf meiner knapp neun Kilometer langen Runde treffe ich auf mehr Jogger als in den gesamten zwölf Wochen in Jerichow – wenn ich die Mitpatienten abziehe, die mich ab und an begleiteten, dürften es dort auf keinen Fall mehr als fünf andere Läufer gewesen sein.
Beim Laufen überlege ich, ob ich meine Jerichow-Abenteuer in ein Büchlein packen solll. Würde es ein Tagebuch werden oder eher eine Burleske? Sollte ein Ich-Erzähler berichten oder wäre eine Draufsicht besser? Gäbe es einen Helden oder stünde eine Gruppe von Charakteren im Mittelpunkt?
Aber eigentlich steht ja alles schon hier im Blog.
Ach, wer weiß …
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 05:01:59, 09-04-2026
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Und nun ist er da, der endgültige Abschied.
In meiner letzten Nacht in der Klinik schlafe ich unruhiger als zuletzt (abgesehen von der Nacht der Magenkrämpfe), doch ich leide nicht unter Gedankenspiralen oder ähnlichem.
Durch einen Spalt in den Gardinen grüßt mich ein rot leuchtender Sonnenaufgang. Ich stehe auf, bevor der Wecker klingelt.
An seinem letzten Tag bestimmt der Abschiednehmende, was die Gruppe beim Frühsport macht. Ich führe zunächst alle Richtung Schreiacker, wo traditionell der scheidende Patient durch gebrüllte Worte und eine Gruppenumarmung verabschiedet wird, biege dann aber kurz vorher ab – für einen Spaziergang entlang des Trimm-Dich-Pfads der Klinik, den die meisten meiner Mitpatienten noch nie gesehen, geschweige denn genutzt haben. Über die „Berge des Grauens“ (eine kleine Crossstrecke mit drei kräftigen Anstiegen) geht es zum „Lara-Croft-Pendel des Todes“, wo man sich zwischen acht pendelnden Reifen hindurchschlängelt (offizielle Bezeichnung: „Reifenschaukel“), weiter zur „Indiana-Jones-Gedächtnisbrücke“ (die aus zehn einzeln aufgehängten runden Balken besteht). Wird das jetzt zur neuen Tradition? Ich glaube nicht, da es den meisten viel zu anstrengend ist. Doch das ist mir einerlei – oder wie es unsere Therapeuten sagen würden: Ich unterbreite lediglich ein Angebot, was die anderen dann damit machen, ist deren Sache.
Nach dem Frühstück folgen letzte Erledigungen: Ich muss den Koffer final packen, das Bett abziehen, meine Dokumente sowie die zehn Euro Pfand für die Schlüssel abholen. Die Mitarbeiter der Kasse in Haus 6 haben noch Urlaub, weshalb ich zur Buchhaltung in Haus 1 gehen soll. Für ein Büro wirkt es dort erstaunlich unpersönlich – ich sehe keine Fotos oder andere private Dinge. An den Wänden rechts und links hängen die üblichen neutralen, dekorativen Bilder. Das einzig Interessante ist eine alte Uhr an der Wand mit der Tür. Da sie nicht die korrekte Zeit anzeigt, vermute ich, dass sie eher ein Überbleibsel aus früheren Krankenhausjahren als eine individuelle Note der Buchhalter ist.
Auf dem Rückweg vom Büro überholt mich ein Radfahrer, der eine kleine Bluetooth-Box am Lenker befestigt hat, so dass mich für einen Moment Musik begleitet.
Zurück im Haus fängt mich eine Patientin ab, die mir unbedingt noch etwas sagen will. Sie redet so schnell, dass ich zunächst nicht zu Wort komme: Ihr ist aufgefallen, dass ein Patient aus unserer Gruppe spitze Bemerkungen gegenüber anderen macht, was durch den engen Kontakt mit einem verbitterten, sehr unglücklich wirkenden Mitpatienten eine zusätzliche negative Dynamik erhält. Ich nutze eine kurze Pause und beruhige sie: Solches Gerede von anderen weder anzunehmen noch auf sich selbst zu beziehen, ist genau das, was ich hier erlernt habe – und dass die bissigen Kommentare nur mit den Hetzern selbst zu tun haben und ausschließlich etwas über sie aussagen würden. Das erleichtert sie. Ich bitte sie, auf unser Gruppenküken aufzupassen.
Dann der endgültige Abschied von Therapeuten, Ärzten, Pflegern und Mitpatienten. Selbstverständlich verabschiede ich mich mit „Tschüss“ und nicht mit „Auf Wiedersehen“, was der Oberarzt wohlwollend grinsend zur Kenntnis nimmt.
Danach gehe ich sofort los – lieber sitze ich eine halbe Stunde auf der Bank und warte auf den Bus, als dass ich noch eine weitere Minute in diesem Haus verbringen möchte.
Es war richtig, für drei Monate herzukommen. Es war anstrengend. Und jetzt ist es vorbei.
Die Heimfahrt verläuft abenteuerlich, aber am Ende bin ich daheim und kann, nachdem ich die Dokumente für alle Ämter und Behörden eingescannt und versendet habe, zur Ruhe kommen.
Es ist der Anfang von etwas Neuem.
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Was für ein Finale: Drama, Beichten und Gefühlsausbrüche!
In der Gruppentherapie am Mittwoch haben sich acht Patienten in zwei Halbkreisen platziert; die beiden Therapeutenstühle stehen an deren Enden, sozusagen auf 12 und auf 6 Uhr.
Der Patient, der gerade neu bei uns ist, muss wieder gehen, weil man erst dann am Gruppengespräch teilnehmen darf, nachdem man ein therapeutisches Einzelgespräch hatte, was bei ihm aufgrund der Krankheit des Therapeuten noch nicht der Fall war. Mein Nachbar räumt den nun nicht mehr benötigten Stuhl beiseite, die drei verbleibenden Patienten rücken ihre Stühle neu zurecht. Danach verabschiedet sich ein Patient aus dem gegenüberliegenden Halbkreis, weil er in ein anderes Haus wechselt. Auch dieser Stuhl wird entfernt, auch dieser Halbkreis rückt neu zusammen.
Daraufhin werden uns, wie es üblich ist, Fragen gestellt: „Warum haben Sie die Stühle entfernt? Wie geht es den anderen damit? Wieso durfte der Stuhl nicht leer bleiben?“ Innerliches Augenrollen meinerseits – ich sage nicht viel und enthalte mich insbesondere eines Kommentars zum Stuhltanz, der nicht der erste dieser Art war, auch die anschließenden Fragen sind nicht neu.
Zum Glück wechseln wir dann das Thema und kommen zu einem sehr traurig und sauer dreinblickenden Patienten. Der kotzt sich aus, weil sein Einzelgespräch heute krankheitsbedingt ausfiel und kein Ersatz möglich war und überhaupt alles hier eine Enttäuschung sei, wo er sich doch so viel erwartet und erhofft habe. Es fließen Tränen. Der Therapeut reagiert stereotyp und fragt: „Was macht das mit Ihnen? Woher kommt diese Traurigkeit?“
Da platzt einem anderen, ansonsten eher schüchternen Patienten der Kragen: „Können Sie nicht einfach mal sagen, dass das blöd gelaufen ist und es Ihnen leid tut?“ Selbst überrascht von seinem Wutausbruch und völlig überfordert von den Nachfragen, bricht nun auch dieser Patient in Tränen aus. Der perplexe, vielleicht ebenso überforderte Therapeut findet dann doch noch die gewünschten und angebrachten Worte – und er räumt ein, dass ihm das schwer falle, sich so zu öffnen: „Fragen Sie mal meinen Ehepartner.“
Danach reden wir, wie so oft, über Gefühle, die aus unerfüllten Wünschen entstehen, die wiederum auf tieferen Bedürfnissen beruhen, etwa dem, wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Ein Patient räumt ein, dass das alles nicht so einfach sei – und dass, obwohl er bereits seit zehn Jahren in Therapie ist.
Daraufhin fällt ein anderer Patient, Therapieneuling wie ich, aus allen Wolken: „Waaas? Zehn Jahre? Das halte ich nicht aus. Das schaffe ich nicht.“ Mittlerweile räumt der Zehnjähre ein, dass es ihm vor Beginn der Therapien schlechter gegangen sei. Das ist dem Frischling kein Trost: „Zehn Jahre?! Da bring ich mich doch lieber um.“ Das wiederum will der Therapeut gar nicht hören, obwohl es eindeutig nur ein Frustseufzer und kein ernsthaftes Anliegen war – er betont die Sinnhaftigkeit und Erfolge von Therapien.
Da setzt der Mecklenburger ein: „Das ist doch alles nur in unserem Kopf. Der Verstand erzeugt Probleme, wo gar keine sind. Die Maschine, die in unserem Kopf rattert, verstärkt sich selbst. Würden wir ein Stück zurücktreten, könnten wir sehen, dass das alles gar nicht relevant ist. Aber der Verstand gaukelt uns das vor.“ Erschrocken über seinen Mut, fragt der sonst eher stille Mann nach, ob das jetzt zu philosophisch war? Wir lauschen interessiert. Nur der Enttäuschte, mit dem die Diskussion anfing, ist weiterhin mit dem eigenen Elend beschäftigt und hört nicht zu, ebenso der immer noch etwas geschockt wirkende Neuling. Der Therapeut spricht ihn an – er sagt, dass ihm die schrecklichen zehn Jahre nicht aus dem Sinn gehen. Dann ist die Zeit sogar schon überschritten und wir müssen zum Ende kommen. Dennoch darf ich meine „berühmten letzten Worte“ sagen, worauf ich jetzt gar nicht mehr gefasst war.
Ich fasse meine Erkenntnisse aus den drei Klinikmonaten zusammen: „Tu, was gut für dich ist. Alle Therapien, Gespräche und Reflexionen können dir Input liefern, doch am Ende musst du dich selbst wie Münchhausen am Zopf aus dem Sumpf ziehen. Du musst aktiv werden. Und nutzt unbedingt die Schönheit der Natur, um Kraft zu tanken und auszuspannen – wo, wenn nicht hier, könntet ihr das unbeschwert tun!“
Und dann ist Schluss – Schluss mit den Therapien, Schluss mit der Gruppe, Schluss mit allem. Nun ja, nicht ganz, da ich noch ein therapeutisches Abschlussgespräch habe, in dem ich meine nächsten Vorhaben preisgegebe. Ich sage, dass das alles natürlich noch dem Praxistest unterzogen werden müsse, ich aber sehr zuversichtlich sei. Auch würde ich mich auf meine Familie freuen.
Und dann ist… immer noch nicht ganz Schluss: Ich muss noch einmal den Onlinefragebogen zum eigenen Befinden ausfüllen. Ich kreuze bei allen Problemen „gar nicht“ an, sicherheitshalber und für den realistischen Durchschnitt bei Zukunftsängsten „ein wenig“ und bei Magenbeschwerden der letzten Tage „stark“, was die Auswerter sicher verwirren wird, wenn niemand sie über mein Unwohlsein vom Ostermontag informiert.
Dann ein letzter Gang durch Jerichow.
Ich nehme Abschied vom Deich und von den vertraut gewordenen Bäumen, die zunehmend ergrünen. Ich höre Hunde und Spatzen, ich sehe Schmetterlinge, Bienen und Hummeln, ich höre die Hausbesitzer den Garten mähen und den Rasen sprengen. Ein kleines Mädchen, das vielleicht zwei Jahre alt ist, läuft auf mich zu und ruft freudig „Papa“, bis die Mutter sie erschrocken berichtigt.
Noch eine letzte Nacht. Dann ist es geschafft.
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Jetzt will ich einfach nur noch, dass alles vorbei ist. Vielleicht war es richtig, den Ostermontag zum größten Teil dämmernd oder schlafend zu verbringen. Abwarten und Tee trinken, wie man so schön sagt, obwohl ich nach der sechsten Tasse Kamillentee bereits das Gefühl hatte, mein Mund würde austrocknen. Mit einem Klecks Honig wurde es besser. Und so waren dann zwei Kleckse Honig und eine kleine Banane alles, was ich dem nervösen Magen anvertraute. Die Brech-Kotz-Diät, wie ich sie nenne: Zwei Kilo in zwei Tagen.
Am Dienstag fühle ich mich noch etwas flau im Magen, jedoch kräftig genug für den Therapietag. Zum Frühstück zwei Scheiben Toast mit Honig, eher der Vernunft wegen, als aus Appetit oder gar Hunger. Das Mittagessen, drei Wochen vorher bestellt, ist natürlich nicht diätisch. Ich bekomme Kartoffeln, etwas zerkochtes Gemüse und eine Geflügelboulette; das Ganze ertränkt in einem kräftigen Schwapp brauner Soße. Ich esse das matschige Gemüse, Möhren und Brokkoli sind noch zu erkennen, spicke die am wenigsten aufgeweichten Kartoffeln heraus und nage ein bisschen an der industriell gefertigten Boulette. Die Hälfte der Mahlzeit geht in den Bioeimer, aber die andere Hälfte bleibt im Magen – kleine Erfolge.
Weil es meine letzte Stunde ist, darf ich heute beim Sport etwas vorschlagen. Ich wähle Fußball inklusive einer typischen Erwärmung. Mir ist klar, dass unsere Gruppe aus Männlein und Weiblein unterschiedlichen Alters keinen hochwertigen Fußball spielen wird. Aber das Ergebnis überrascht mich dann doch: Eine Frau verweigert sich gleich von Beginn an, so dass wir drei gegen drei spielen. Zwei vom gegnerischen Team gehen so engagiert zur Sache, dass ihnen nach wenigen Minuten die Puste ausbleibt. Zur Erholung machen wir eine Runde Ballübungen – und das sogar mit allen sieben. Dann eine Runde Handball, eine weitere Ruherunde und noch einmal Fußball. Am Ende hatten alle Spaß.
Zweite Einheit ist Bewegungstherapie, die mit der obligatorischen „Sagen Sie mit einem Wort, wie Sie sich fühlen“-Runde beginnt – wobei ich einige Wörter mehr sagen muss, weil die Therapeutin mit meinem „flau“ nichts anfangen kann. Vermutlich hat noch niemand jemals dieses Wort zur Beschreibung seiner Gemütslage verwendet. „Wie flau? Flau im Kopf?“, fragt sie. „Flau im Magen“, sage ich und erläutere meine Situation. Ich darf auch hier einen Wunsch äußern, weil es meine letzte Stunde ist – ich wünsche mir eine Übung, in der sieben Leuten sieben Bälle in der Luft halten, die sie sich zuwerfen. Mir geht es um Synchronisation und Vertrauen, ihr um Ängste und Erfahrungen – wir sind also einer Meinung.
Zuerst beginnen wir mit einem Ball. Wir sollen einen Rhythmus finden, bei dem jeder einen exakten Zuspieler und Empfänger hat, jeder den Ball erhält und kein Ball direkt zum rechten oder linken Nachbarn geht; reden dürfen wir dabei nicht. Die Lösung ist naheliegend: Man wirft den Ball jedem zweiten zu. Trotz der Hinweise, von denen, die das Spiel kapiert haben und zwei Finger hoch zeigen, findet die Gruppe keinen gemeinsamen Rhythmus.
In der Nachbesprechung sagt einer der Mitpatienten, dass er unsere Hinweise nicht verstanden habe. Andere wollten partout zu einer Lieblingsperson werfen. Wieder andere waren einfach überfordert. Natürlich wird nachgehakt: „Was macht das mit Ihnen, wenn Sie nicht zu der bestimmten Person werfen können?“ Die Antworten: „Ich werde traurig, verärgert …“ Was weiß ich. Schlimm.
Ich werde auch befragt und sage, dass ich von Anfang an auf den Zweier-Rhythmus hingearbeitet habe. „Warum?“ – „Weil es die einfachste und vernünftigste Lösung ist.“ Natürlich komme ich damit nicht durch: „Aber Sie wissen, dass die vernünftige Lösung nicht immer die beste ist?“ Ja, das weiß ich – hier war sie es aber schon.
Dann sollen wir den Rhythmus beibehalten und die Therapeutin will nach und nach sechs weitere Bälle hinzufügen. Was passiert? Selbstverständlich das totale Chaos, da die meisten den Ball wieder einfach zu irgendjemandem werfen. Dann ist die Zeit um. „Sind Sie traurig, dass wir Ihren Wunsch mit den sieben Bällen nicht erfüllen konnten?“ Nein, bin ich überraschend für mich selbst nicht; es sollte offenbar nicht sein und so wichtig war es mir dann auch nicht.
Vor und nach dem Mittag döse ich mehrfach für eine Weile, weil ich merke, dass mir doch noch etwas die Kraft fehlt. Um 16 Uhr brechen wir zu meiner letzten therapeutischen Wanderung auf. Der Pfleger führt uns fünfundsiebzig Minuten durch die ergrünenden Wälder, womit es eine eher kurze Wanderung ist. Offenbar ist sie auch nicht intensiv genug, denn einer der Mitpatienten redet ununterbrochen.
17:15 Uhr sind wir zurück und ich verabschiede mich von dem Pfleger, der ungefähr so alt ist wie ich. Wir hatten einige schöne Gespräche in den vergangenen Wochen. Ich sage ihm, dass ich die Ruhe und Abgeschiedenheit hier vermissen werde.
Ich genieße noch etwas die Abendsonne, welche das Blütenmeer zum Leuchten bringt. In einem Spinnennetz hängen Blätter, die in der sanften Brise wie ein Windspiel schaukeln. Die Vögel grüßen einander, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen. Ich habe den Moment für mich allein, bevor ich zum Abendessen erscheinen muss. Drei Stück Toast mit Butter und Salz, anschließend leichte Magenkrämpfe. Na ja, irgendwas ist immer.
Zumindest habe ich mein Zimmer weiterhin für mich allein, so dass ich zeitig zu Bett gehen kann. Noch zwei Nächte bis zur Abreise.
Helko Reschitzki, Moabit
Bevor für mich die demnächst die Badesaison beginnt und ich für Ausstellungen und Konzerte nur noch wenig Zeit erübrigen werde, nutze ich auch die Karwoche zum Kulturtanken. Im Hamburger Bahnhof, dem Museum für zeitgenössische Kunst im Osten Moabits, schaue ich mir Shilpa Guptas „What Still Holds“ an. Ich verstehe die cleveren Ideen, die hinter den Arbeiten der Mumbaierin stecken, nur spricht mich leider die Umsetzung nicht an – irgendetwas fehlt mir da. Ihre Installation „Listening Air“ ist immerhin ganz schön, da sich die Schatten der Besucher und Besucherinnen in die räumliche Lied-Licht-Text-Bild-Montage einfügen. Ebenso grundsolide, aber eben nicht mehr, ist die Ausstellung „Sabotage“ von Giulia Andreani im gleichen Haus. Vornehmlich Acrylmalerei, oft nach Fotos und immer mit Hintergedanken; die Texttafeln und Titel der Venezianerin leider viel zu lenkend. Klar, kann man Kinderportraits von Trump und Putin nebeneinanderhängen, dazuschreiben, wer das ist, und das „The lord of (f)lies“ nennen – man könnte es aber auch subtiler machen. Vor ein paar Tagen sah ich einen Podcast mit Marcus Staiger und Wolfgang M. Schmitt, in dem sie sich über Agitprop unterhalten und wo der schöne Satz fällt: „Kollwitz meinte es gut – Goya ist gut.“ Ich wünschte sowohl Gupta als auch Andreani mehr Vertrauen in die Aura ihrer Werke und vor allem in die Robustheit des Publikums, das Rätselhaftes und Hintergründiges durchaus zu ertragen vermag.
Gänzlich anders geartet ist der Familienausflug zum Analog-Festival im Nachtasyl, einem kleinen Club unter dem Dach des Hamburger Thalia Theaters am Gründonnerstagabend. Nachdem die endlos erscheinende Treppe gemeistert ist und wir den Eingangsstempel aufgedrückt bekommen haben, fühle ich mich sofort willkommen: Was dem Romantiker der Mond, ist mir der Spiegelball – und genau dieser strahlt mich von der sehr hohen Decke an. Ich strahle zurück.
Es ist voll, circa zweihundert Leute, ausverkauft, die Jüngsten wohl gerade so volljährig, die Ältesten etwas älter als ich, das Publikum ist diverser als bei jedem Multikulti-Fest der NGO „Bunte Republik Deutschland“. Es geht vollkommen verrückt los – nämlich pünktlich! Herzliche Begrüßung und Ansagen zum Konzept: Jede Band spielt vierzig Minuten, wir achten alle aufeinander. Geht klar. Die erste Combo legt los: Bleach TV – wie bei allen Bands des Abends junge Musiker, Anfang, Mitte zwanzig. Die Crowd beginnt sofort zu tänzeln und hat sichtlich Spaß. Ich ebenso, denn die Songs katapultieren mich in das Jahr 1983 – offenbar hat jemand aus der Band in der Plattensammlung der Eltern irgendwann A Flock of Seagulls und Real Life entdeckt. Selbst mein jeglicher popkulturellen Überbildung unverdächtiger Bruder hört eine The-Cure-Referenz heraus. Trotz der Vorbilder ist das eigen und gut, also schlage ich mich nach dem letzten Song zum Merchandisestand durch, um zu schauen, ob es einen Tonträger gibt. Den gibt es, und wie: als selbstaufgenommene Kassette! Große Freude bei den Musikern, als ich diese erwerbe.
Weiter gehts mit Astrid. Postrock und Crustpunk mit Jazz-Fusion-Einsprengseln und einem den Saal hochkochenden minutenlangen Boogie-Stomper. Sehr smarte und poetische deutsche Texte, die oft von der Angst handeln, die uns gemacht wird und die viele von uns lähmt. Dann eine kleine politische Rede! So etwas kann ja in Zeiten der parolenddumpfen Udos, Herberts, Sebastians oder Belas immer in die Hose gehen. Der Musiker bleibt aber zum Glück bei sich und seiner Generation, redet von den hohen Mieten und dem Wahnsinn der Militarisierung. Ein punktgenaues antikapitalistisches Statement, das vom Publikum zurecht heftig beklatscht wird. Zum Abschluss der erste Monsterhit des Abends: „Endlich wieder Sommer in der Festung Europa“. Freunde der Band entern die Bühne, werden mit uns zum Chor – Euphorie nur Hilfsausdruck! (Leider kein Tonträger.)
Danach sind Picture Of A Red Seagull dran, die Band meiner kleinen Nichte. Die haben mit Soundproblemen zu kämpfen, was sie durch ihre Energie und catchy Songs locker wettmachen – wir hören den zweiten Hit des Festivals: „Frei“. Der könnte sofort im Radio laufen. Bei einem anderen Lied erlebe ich zum ersten Mal ein Lichtermeer aus Handytaschenlampen. Als ich jung war, machte man das noch mit Feuerzeugen, wobei immer die Gefahr bestand, dass eine der Haarspraybomben um einen herum explodiert – da ist digital besser. Ansonsten bleiben die Phones den Abend über die meiste Zeit in den Taschen – alle sind lieber im Hier und Jetzt. Dann hören meine alten Ohren diese wunderschönen Zeilen:„Wir tanzen, wir tanzen wie C-3PO beide nicht im Takt, dafür aber synchron. / Wir singen, wir singen zu den Songs von Fleetwood Mac, ist zwar nicht perfekt, aber dafür ist es echt.“ Solange die Kids Fleetwood Mac hören und der gute Geist von Stevie Nicks über uns schwebt, wird alles gut!
Würdiger und krönender Abschluss dieses hochklassigen kleinen Festivals sind EatMe, die gleich mal alle zum Moshen bringen – alles hüpft und headbangt. Und dann zieht die Sängerin den Stecker, sagt, dass sie ein kleines Experiment wagen will, singt A cappella mit sich selbst, schickt dafür ihre Stimme durch ein Effektgerät mit Echo und viel Flanger. Ein Interferenzraum entsteht, und das in so einer Intensität, dass es ganz still wird im Publikum – jeder spürt, dass da gerade Außergewöhnliches passiert. Der anschließende Jubel dürfte bis zum Hafen zu hören gewesen sein. Dann wird wieder gehüpft. Es würde mich nicht wundern, wenn man EatMe bald auf den riesigen Festivals sehen würde – die Ausstrahlung, die Lieder und das Handwerk haben sie allemal dafür. Ich werde alle vier Bands im Auge behalten und freue mich auf das noch Kommende.
Am Karfreitag ist dann Schluss mit Rock und Pop – mein österliches Musikprogramm kommt aus dem liturgischen Folterbesteckkasten der Christenheit: Nova Schola Gregoriana singen „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“, „Er wurde verwundet – durch seine Striemen sind wir geheilt“, „Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt“. Bei Pertis „De lamentatione Jeremiae Prophetae“ wirds nicht friedlicher: „Er hat mich geschlagen – meine Knochen zerschmettert“, „Seine Pfeile stecken in meinen Nieren“, „Die Soldaten flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt“, „Und sie kreuzigten ihn“, „Einer der Soldaten öffnete seine Seite mit einer Lanze“. Etwas weniger brutal gehts mit Rachmaninows „Всенощное бдение“, Haydns „Die letzten sieben Worte unseres Erlösers am Kreuz“, Desprez‘ „Miserere mei Deus“, Chören aus der Kathedrale in Canterbury und dem Kloster St. Martin Beuron, Bachs „Osteroratorium“, Brumels „Missa et ecce terrae motus“, der Choralschola der Capella Antiqua München sowie Schola Cantorum Basiliensis mit „Ludus de Passione“, Vertonungen aus der mittelalterlichen Gedichtsammlung „Carmina Burana“ weiter. Dann ein Abstecher zu Abt Alexios und den Mönchen des Klosters Xenophontos und die vollkommene Entrückung von allem Irdischen mit den Liedern der Äbtissin Hildegard aus dem Kloster Rupertsberg bei Bingen, gesungen von Grace Davidson. Die Wunder, Visionen und die Auferstehung aus der Jesusgeschichte mögen tendenziell ja nicht unsympathisch sein, aber die Folterfixierung und vor allem die regelmäßigen Treffen der Gläubigen, um seinen Leib zu verspeisen und sein Blut zu trinken, sind – machen wir uns da mal nüscht vor -maximal gruselig -; die christliche ist die einzige große Religion mit symbolischen Kannibalismusritualen. Aber viele Gebäude, Gemälde, Skulpturen und Musiken von denen sind dann doch ziemlich schön.
Ansonsten läuft das übliche weltliche Osterprogramm mit Minijobber im Hasenkostüm, der im Einkaufscenter schreienden Kindern hinterherflitzt, Nachbarn voller Frühlingsgefühlen, einer erblühenden Natur und sehr schönen Himmelsbildern. Am Ostermontag besuche ich meinen serbischen Freund Zlatomir, der wieder außerordentlich Interessantes aus seinen neunzig Jahren hier auf Erden erzählt.
Ein ruhiger Karfreitag. Vormittags drehe ich mit dem Mecklenburger eine 13-Kilometer-Runde. Die erste halbe Stunde schweigen wir. Dann reißt uns ein wild mit den Flügeln schlagender und nach einem Konkurrenten beißender Schwan aus den Gedanken. „Der ist mies drauf“, kommentiert mein Landsmann. „Vielleicht verteidigt er auch nur sein Weibchen“, meine ich. Der Schwan jagt den Nebenbuhler von links nach rechts und wieder zurück übers Wasser. Dann gibt der Klügere nach und verzieht sich.
Der Mecklenburger erzählt mir von einem aggressiven Schwan am Lankower See in Schwerin. „Der ist gestört“, sagt er. „Wie wir“, werfe ich scherzhaft ein. „Nein, der ist wirklich verrückt. Der greift alle Vögel an, auch Enten, und versucht, sie zu töten. Er wirft sich auf sie und drückt sie solange unter Wasser, bis sie ertrinken.“
Wir gehen zum Deich, wo ich vor einer Woche meine Fahrradpanne hatte. Ich betrachte den Split, der am Rand des Asphalts liegt, aber finde keinen Stein, der dem in meinem Reifen gleicht. „Das war der perfekte Stein, geschaffen nur für den Zweck, einen Reifen tief zu durchbohren. Er hat hier vielleicht wochenlang geduldig auf diesen einen Reifen gewartet“, sage ich. „Du glaubst doch nicht etwa an Schicksal?“, greift der Mecklenburger das Grundthema unserer Therapien auf, denn fast alle Mitpatienten machen in irgendeiner Form ihre Eltern, die Kindheit oder die Umstände für ihr heutiges Los verantwortlich. „Nein“, wehre ich ab. „Ich finde es nur beachtlich, dass da ausgerechnet dieser eine Stein mit der scharfen Spitze nach oben im Asphalt lauerte. Und hätte er nicht mich erwischt, hätte es einen anderen getroffen.“
Es ist wieder einmal deutlich kälter als erwartet. Der Wind weht an der Elbe viel schneidender, als es die Wetter-App verkündet hatte. Wir sind zu leicht angezogen. Da mein Outdoormodell etwas mehr Schutz bietet als sein Trainingsoberteil, teilen mein Begleiter und ich meine Jacke – er trägt sie eine Weile, dann bekomme ich sie zurück.
Wir gehen durch die feuchten Wiesen bis ans Ufer. In etwa fünfzehn Meter Entfernung schwimmen Enten, die sich durch uns nicht stören lassen. Die Wildgänse dagegen türmen, noch bevor wir am Wasser sind. „Die müssen doch keine Angst vor uns haben“, meint der Mecklenburger. „Vielleicht haben sie schlechte Erfahrungen gemacht?“, sage ich. „Wir sind doch niemals schnell genug bei ihnen“, wirft er ein. – „Das schon, aber es gibt auch Gewehre.“
Am Nachmittag gehe ich allein eine weitere Abschiedsrunde. Die Sonne ist herausgekommen und es ist deutlich wärmer als noch am Vormittag. Mein Weg führt mich an wimmernden Windrädern entlang durch eine Allee von Blüten. Ziel ist die St.-Martin-Kirche in Kabelitz, die um das Jahr 1710 erbaut wurde, damit die Menschen Gott näherkommen und ihr Seelenheil erlangen können. Damals hätte man am Karfreitag in ihrem Inneren gesessen und der Kreuzigung gedacht. Die Ostergeschichte ist aktuell sehr präsent bei mir, da ich im Neuen Testament gerade bei den Paulus-Briefen bin. Mir war zuvor überhaupt nicht klar, dass nur die Evangelien direkt von Jesus handeln und Paulus, der eifrige Missionar und Briefeschreiber, dem Heiland nie persönlich begegnet ist, sondern nur der Erscheinung, durch die er nach dessen Auferstehung die Offenbarungen empfing. Der Weg zum Gotteshaus bietet mir viel Zeit zum Nachdenken.
Vor dem Abendessen versammelt sich der FFC („Franks Fitness Club“) im Gruppenraum Zwei unterm Dach, dort wo die Yogamatten an der Wand hängen. Eine der älteren Damen hatte gemeint, dass sie sich gerne etwas dehnen und dabei Rücken und Bauch stärken wolle. Daraufhin erzählte ihr eine andere Dame von meinen Übungen und meinte, dass ich das sehr gut machen würde. Also fragen sie mich, ob ich sie unterstützen würde. Natürlich bin ich dabei. Das spricht sich herum – am Ende sind wir zu fünft.
Ich zeige und erläutere die Übungen, die wir anschließend gemeinsam absolvieren. Unser Gruppenküken muss lachen, als ich sage, dass es nur noch eine schwere Übung gäbe und danach leichter würde. „Ha ha, das sagt er immer. Und dann wird es noch schwieriger.“ Ich muss grinsen: „Stimmt, aber ich will euch ja motivieren.“ Anschließend bedanken sich die vier bei mir und fragen nach einem nächsten Termin. „Vielleicht Sonntag, weil die meisten von uns am Samstag nach Hause fahren, spätestens aber am Montag“, sage ich. Einmal mehr denke ich daran, ob ich dieses Hobby nicht zum Beruf machen könnte – es täte mir gefallen.
Am Samstag geht es ein weiteres Mal per Bahn nach Leipzig. Der neue Fahrradschlauch hält – ich komme pünktlich und ohne Panne in Genthin an. Entgegen der Vorhersage regnet es, doch das ist mir egal, da mein Rad rollt und rollt und rollt. Seit ich den Platten hatte, ist allerdings meine Unbeschwertheit weg, weshalb ich dem Bus, der mich notfalls zum Bahnhof bringen könnte, vorausfahre.
Dadurch bin ich eine halbe Stunde zu früh da, sodass ich bis zum wenige hundert Meter entfernten Bäcker radle. Ich habe Glück und bekomme sofort eine Tasse Kaffee und eine Streuselschnecke. Gerade als ich mich setze, wird es voll. Binnen weniger Minuten bildet sich eine Schlange aus etwa zehn Personen. Am Nachbartisch sitzen vier ältere, etwas korpulente Herren und tauschen sich über ihre E-Bikes aus. Kaufland oder Fahrradladen? Abnehmbarer Akku oder festmontiert? Reichweite? Ich höre heraus, dass sich alle am Ende für die preiswerteste Variante entscheiden haben. So wie es klingt, ist aber heute niemand von ihnen mit seinem E-Bike hier.
Der Bahnsteig ist gut gefüllt. Viele junge Männer mit dem Fanschal des 1. FCM warten mit mir auf den Regionalexpress. Auch wenn ihre Mannschaft momentan auf einem Abstiegsrang steht, fahren alle weiterhin nach Magdeburg ins Stadion. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Das Wochenende daheim ist schon keine Rückkehr des verlorenen Sohnes mehr, sondern beinahe Alltag. Ich kümmere mich um die Wäsche, sauge Staub und räume auf, lese Zeitung und gucke mir einen Film an, gehe einkaufen und setze mich auf den Hometrainer. Ich bin bereit für das normale Leben, bereit für Leipzig – auch wenn mich hier in der Großstadt der Dreck anekelt. Im kleinen Jerichow stehen überall Müllbehälter, ob an Haltestellen, Sehenswürdigkeiten oder Bänken. Die blauen Beutel, mit denen sie ausgelegt sind, vereinfachen das Entleeren – ich habe noch nie einen überquellen sehen. Die Sammelcontainer für Kleidung sind gepflegt, es liegen keine dem Regen und Vandalismus ausgesetzten Lumpen davor. An den Gaststätten hängen keine Poster, die per Hausrecht das Betteln untersagen. Es stehen keine Schrottfahrräder herum. Die Menschen gehen höflicher und rücksichtsvoller miteinander um als in Leipzig.
Auf der Rückfahrt regnet es in Genthin beim Umstieg. Die letzte Etappe wird mit dem Bus zurückgelegt. War es wirklich erst gestern, dass ich mit dem Fahrrad in der Gegenrichtung unterwegs war? Die Tropfen auf der Scheibe orchestrieren meine Gemütslage.
Zurück in der Klapse verdunkeln österliche Albernheiten das Gemüt noch weiter: Die Klinik hat jedem von uns einen Osterhasen aus Schokolade hingestellt, eine Mitpatientin legte einen bonbonbunten Kugelschreiber nebst Minikarte dazu. Und am Ostermontag möchte eine weitere Patientin für jeden von uns ein andersfarbiges kleines Geschenk im Haus (zwei Etagen, drei Wintergärten und Terrassen, zwei große Gemeinschaftsräume, drei Bäder und zwei Lesezimmer) oder den Außenanlagen vom Haus verstecken – welch „Freude“!
Um alledem wenigstens kurz zu entfliehen, muss ich am Abend noch einmal raus. Unser Gruppenküken schließt sich mir spontan an. Die Regenwolken haben sich verzogen, die Abendsonne lässt Felder und Bäume glühen. Wir erzählen von unserem jeweiligen Wochenende. Wegen Ostern durfte auch sie für eine Nacht verreisen, auch wenn sie die vorgeschriebenen sechs Wochenenden in der Anstalt noch nicht erreicht hat. Da sie friert, verkürze ich meine übliche Runde.
Vor einem Garten müssen wir aber noch stehenbleiben – hier blühen unglaubliche Magnolien in verschiedenen Farben und Größen. Zwei Männer stehen am Tor. „Ein Euro“, ruft der eine scherzhaft, dann wird er verabschiedet und der andere kommt zu uns – der Besitzer des Gartens, wie sich herausstellt. Die Magnolien sind sein ganzer Stolz. Dreißig Pflanzen hat er bereits, die er alle bei einem Züchter in der Nähe von Frankfurt am Main erworben hat. Auf den lässt er nichts kommen: „Den kann ich zwanzig mal am Tag anrufen, wenn ich eine Frage habe. Die Pflanzen aus dem Baumarkt taugen nichts.“ Aktuell bereitet ihm das Wetter Sorgen, da es nächste Woche wieder Frost geben könnte. Zudem zerzaust der Wind gerade heftig die Blüten. Noch stehen nicht alle Pflanzen in voller Pracht, doch das Farbenspiel ist bereits beeindruckend. Ein schöner Tagesausklang.
Dann in der Nacht auf Montag die zunehmende Gewissheit, dass ich mich an der kollektiven Geschenksuche nicht beteiligen muss – ich habe mir einen Mageninfekt oder Ähnliches eingefangen. Der schmerzende Bauch ist prall gespannt wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon. Irgendwann gegen sechs Uhr die zumindest teilweise Erlösung, als ich den Großteil der Mahlzeiten vom Vortag ausbreche. Jetzt liege ich mit einer Wärmflasche auf dem Bauch im Bett und trinke Kamillentee. Bereits das beides zu holen, war eine heroische Anstrengung. Das wird bestimmt ein ganz ruhiger Ostermontag.
Christoph Sanders, Thalheim
Zu Wochenbeginn lässiges Gleiten durch Nordfrankreich. Maximale Enttäuschung an der belgischen Pommesstation, die von meiner Familie seit Jahrzehnten aufgesucht wird – die Portionen wurden verzwergt, die Preise verdoppelt. Dabei wiesen die flämischen Pommesfabriken noch vor Kurzem Lastkraftwagen voller Kartoffeln zurück. Vermutlich wird jetzt „Hormus“ als Schlagwort für alle Preissteigerungen verwendet – so wie 2022 bis 2024 „Ukraine“.
Auch im Flächenstaat Frankreich heftige Debatten um die Spritpreise – was ich vorher nicht begriffen hatte: lediglich Staatskonzern Total nimmt einen „freiwilligen Maximalpreis“, auch auf Autobahnen, wo ohnehin ein saftiger Zuschlag durchgesetzt wird. Das macht zurzeit Differenzen von 4 Cent pro Liter, was dazu führt, dass es an den anderen Tankstellen am Nachmittag lange Schlangen gibt, bis alles ausverkauft ist – die Säule zeigt dann statt des Preises 9999999. Finanzminister Lescure erklärt am Abend in einer TV-Fragerunde, dass seine Macht bei den international verflochtenen Raffinerien endet; erst wenn im Mai die Kontrakte mit den Lieferanten erneuert werden, könne man mit Änderungen rechnen. Spannende Zeiten.
Ankunft und ein angenehmes Leben in der Nachbarschaft der Kathedrale von Le Mans. Ein interessantes Bauwerk, weil sich da mehrere Epochen ineinanderschieben – vorn romanisch, hinten gotisch. Rings um diese fantastische Kirche die alte Stadt: Stein und Fachwerk seit dem 14. Jahrhundert. Mitten in der Straße der Königin Berengaria der Antiquar für Bücher vor 1960 nebst seiner Katze. Er führt auch Comics – ich kaufe meiner Kleinen für drei Euro das Lucky-Luke-Album „Western Circus“, das liegt unter dem Preis einer seriösen Tageszeitung. Hier in der Universitätsstadt mit den großen Neubauzonen, die wie Luxusplattenbaukomplexe anmuten, gibt es reichlich Buchquellen – ich lese gerade Éric Neuhoffs „Pentothal, eine wunderbare Erzählung aus der Sicht eines Unfallpatienten.
Ansonsten findet man in der neuen Altstadt eine bunte Kette von Einzelhandelsläden des Franchisezeitalters: Schuhe, Klamotten, Tee, Kaffee, Konditoren und Cafés für alle Altersklassen. Ich frage meine Mädchen immer, für welchen Typ Kundin das Geschäft ist, sie sagen dann „verheiratet“, „unverheiratet mit Kind“, „Öko“, „jung“, „jung und fürs Date“, „fürs Büro“, „für ihre Kinder“ (in drei Varianten). Es ist einfach alles dabei in diesen propperen Läden – Amazon hat noch nicht überall gewonnen! In den Straßen am Bahnhof die les grands magasins – vier Warenhauspaläste, die rund um die vorletzte Jahrhundertwende erbaut wurden und gerade renoviert werden. Hier und da Kamelien, Kirsch- und Lorbeerblüte, frühlingshaft kühl.
Mittwoch bei dunstig grauem Wetter und Nieselregen ein Ausflug nach Paris. Ergebnisloses Shoppen für die Girls, was aber locker von der Lebendigkeit der Stadt, der Vielfalt, einfach allem kompensiert wird. Mein Fang: King Sunny Adé als CD-Doppelpack. Auf den Jùjú-Klängen des Nigerianers schweben wir dann nach Le Mans zurück.
Am Donnerstag Fahrt nach Chartres, das inzwischen zur Schlafstadt für nach Paris pendelnde Arbeiter geworden ist. Eine Altstadt gleichen Musters wie Le Mans – die Kathedrale ein gewaltiger, etwas steifer Bau mit riesigen Rosettenfenstern. Am Freitag mit dem Teenie zum Graal aller Automobilisten – dem Rennkurs südlich von Le Mans, auf dem seit 1923 das berühmte Langstreckenrennen ausgetragen wird – die „24 Heures du Mans“. Wir besuchen das gleichnamige Museum sowie das im Jahr 1799 eröffnete Kunstmuseum Tessé gleich um die Ecke. Auf dem Hinweg die endlosen Folgen der Gewerbeflächen Süd; wir sehen Traktoren, Baumaschinen, PKW … Marken, die bei uns niemand kennt – China setzt seine Pflöcke. Die kommunale Rennstrecke ist von Sichtblenden umrandet, so wie einst Schlossherren ihre Ländereien einmauerten. Nur der öffentliche Teil, die Straße nach Tours, bleibt zwangsläufig frei; früher führte das Rennen ausschließlich über Landstraßen. Die berühmte Gerade von Tertere Rouge nach Mulsanne und Arnage ist erstaunlich schmal. Die „24h“ sind wichtiger für die Stadtkasse als es die Pilger waren.
Wenn ich morgens erwache, höre ich kaum Singvögel, ab und an mal eine Amsel. Das Samstag beginnt mit zwei Blaumeisen im Baum nebenan. Es ist unser letzter Tag in dieser schönen, ausgedehnten Stadt. Unser Teenie hat mit ihren Freunden vom Schülertaustausch eine Woche Wiedersehen gefeiert, uns empfahl sie die besten Bäcker am Platze. Nun läuft das Osterprogramm, vereinzelt strömen Gläubige der Kathedrale zu. Zweites Frühstück bei mildem Wetter.
Am Nachmittag dann Aufbruch Richtung Süden.
Helko Reschitzki, Moabit
Mittwoch, 18:30 Uhr, Hauptbahnhof. Der ICE 1902 nach Lüneburg fährt pünktlich ab. Die Digitalanzeigen über den Sitzen zeigen das kundenunfreundliche „GGF. RESERVIERT“. Wie man das stressfreier als das Staatsunternehmen Deutsche Bahn organisiert, zeigt der Privatanbieter FlixTrain: Dort ist mit jedem Ticket automatisch eine Platzreservierung verbunden. Ich habe diesmal Glück und werde im Laufe der Fahrt nicht weggescheucht. Nach einer Weile fällt mir auf, dass es im Waggon außergewöhnlich still ist – ich bin zufällig im Ruhebereich gelandet, was sehr angenehm ist. In den zwei Stunden, die ich unterwegs bin, höre ich lediglich das Auf- und Zuknipsen von Brotdosen, das Auf- und Zudrehen von Flaschen, das Knacken und Zischen von Getränkedosen, das Rascheln von Tüten, die Schritte der Durchgehenden, Kofferrollen, Atmen und Flüstern, zu Beginn das Piepen des Phones als es im „WIFIonICE“ einloggt (in meiner Umgebung sitzen, gut zuortbar: „Marie B“, „Thore“ und „Kim Kira“), sowie die Durchsagen der Zugbegleiterin: „Wer jetzt schon mag, kann gern auf ein Bierchen ins Bordbistro kommen.“ Das „jetzt schon“ gefällt mir – im Zug zwischen Prag und Westerland, mit dem ich ab und an fahre, wird das bereits morgens um neun angesagt.
Ich mache es mir bequem und trinke Tee aus der Thermosflasche. An den leicht verdreckten Abteilfenstern fliegen vorbei: bewohnte, unbewohnte und verfallene Häuser, Felder, Wälder, einzelne Bäume und Sträucher, Teiche, Flüsse, Seen, Kanäle, Hochsitze und Vögel …
… Schallschutzwände, Brücken, Unterführungen, Warntafeln, Züge, Gartenlauben, Brennholzstapel, Radwege, Radständer, Parkplätze, Recyclingcontainer, eine Feuerschale, diverse Straßen, darunter ehemalige KAP-Straßen, kapitalistische und private Feldwege …
In Stendal haben wir acht Minuten Verspätung, was die Schaffnerin nicht davon abhält, in aller Seelenruhe auf dem Bahnsteig auf- und abgehend eine Zigarette zu rauchen: Sehr gut – das Allerletzte, was ich möchte, ist, mit jemandem mit Suchtdruck in einem Raum ohne Fluchtweg eingesperrt zu sein. Dann geht blutorangenorange die Sonne unter und ich sehe nur noch unser gespiegeltes Abteil im Fenster. Wir treffen in Lüneburg drei Minuten nach der Zielzeit ein.
Bevor mich am Karfreitag meine großen Nichte zum Lüneburger Bahnhof bringt, muss erst einmal das Eis von den Autoscheiben und -spiegeln gekratzt werden. Dann geht es mit dem ICE 1901 um 7:21 Uhr nach Berlin zurück – auch dieser Zug ist pünktlich; wir sind am Ende sogar zu früh da und müssen vor dem Hauptbahnhof darauf warten, dass unser Gleis frei wird. Im Gegensatz zur Hinfahrt sehe ich durch das Abteilfenster auch Nebel und Raureif. Weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt erblickte ich, den sogenannten Homo sapiens einmal ausgenommen, Säugetiere, nicht einmal Hunde. Aber wer weiß, im Zweifelsfall gilt das, was der französische Historiker Benjamin Gastineau 1861 in „La vie en chemin de fer“ schrieb:
„Die Dampfkraft, dieser machtvolle Maschinist, verschlingt einen Raum von 15 Meilen pro Stunde und reißt dabei die Kulissen und Dekorationen mit sich; sie verändert in jedem Augenblick den Blickpunkt, sie konfrontiert den verblüfften Reisenden hintereinander mit fröhlichen und traurigen Szenen, burlesken Zwischenspielen, mit Blumen, die wie Feuerwerk erscheinen, mit Ausblicken, die, kaum daß sie erschienen sind, schon wieder verschwinden; sie setzt die Natur in Bewegung, so daß diese nacheinander dunkel und hell erscheint, sie zeigt uns Skelette und junge Liebende, Sonnenschein und Wolken, heitere und düstere Anblicke, Hochzeiten, Taufen und Friedhöfe.“ (zitiert nach Wolfgang Schivelbuschs superbem Buch „Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert“, Carl Hanser Verlag, München, 1977)
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Am Sonntag sehe ich in meinem Amazon-Account, dass der Versand des dringend benötigten Fahrradschlauchs mit DHL erfolgt. Früher stellte der ehemalige Postkonzern Privatpakete binnen eines Tages zu – inzwischen hofft man, dass eine Sendung innerhalb einer Kalenderwoche ankommt. Erreicht mich der Schlauch nicht bis Donnerstag, muss ich mein Fahrrad schieben und zugleich hoffen, dass der Bus nach Genthin es auf dem Weg zum Bahnhof mitnimmt – falls nicht, bin ich aufgeschmissen.
Am Mittwoch werde ich erlöst – die beiden Schläuche sind da! Mein Zimmerkollege unterstützt mich beim Wechseln, was angesichts des straff sitzenden Mantels sehr hilfreich ist. Den ersten der Schläuche beschädigen wir beim Versuch, den Mantel wieder über die Felge zu hebeln. Zum Glück habe ich noch einen zweiten bestellt – dieser Versuch gelingt. Zwar fühlt sich der Mantel etwas unrund an, doch ich hoffe, dass die Luft hält. Um am Samstag bei meiner Heimfahrt auf der sicheren Seite zu sein, werde ich am Karfreitag wohl auf eine Ausfahrt in Jerichow und Umgebung verzichten.
Nach elf Wochen habe ich nun den Dreh raus, wie ich mich am besten verhalte, wenn wir in komischen Therapien komische Sachen machen: Einfach mal die Klappe halten.
In der Bewegungstherapieeinheit bekommen wir die Aufgabe, eine Bewegungsart und einen Rhythmus finden, um von einem äußeren, großen Kreis in einen engen inneren zu gelangen und anschließend wieder nach außen. Nach kurzer Verwirrung setzt sich das Naheliegende durch: gleichzeitig klatschen und schreiten.
Okay, soweit – das klappt. Nun sollen wir, ohne Wörter zu benutzen, einen Laut oder Ton finden, mit dem wir die Ankunft in der Mitte und die Rückkehr in den äußeren Kreis begrüßen – es werden „Juhu“ und „Jeeih“. Also schreiten sieben erwachsene Menschen klatschend in die Mitte, rufen „Juhu“, verlassen die Mitte rückwärts schreitend und klatschend, rufen „Jeeih“ und beginnen dann wieder von vorn.
Sieht albern aus, fühlt sich albern an, ist albern.
In der Nachbesprechung sagt eine Mitpatientin, was ich genauso hätte ausdrücken können: Sie empfand keine Freude an der Übung, nur Ärger. Dafür muss sie sich anhören, dass sie mal in sich hinein horchen und fragen solle, was der tiefere Grund für ihre Ablehnung und Verärgerung sei – und das ausgerechnet von der Therapeutin, die letzte Woche noch betont hatte, dass sie uns nur Angebote unterbreite, was wir damit dann machen, sei unsere Sache. Das Naheliegende, dass die Übung für einen normalen Erwachsenen einfach nur dämlich ist, spricht niemand aus. Ich auch nicht, denn ich habe inzwischen ja gelernt, dass es hier zwar explizit gefordert, in Wirklichkeit aber gar nicht erwünscht ist, seinen echten Gefühlen freien Lauf zu lassen.
Ansonsten fällt, weil das Personal größtenteils schon im Osterurlaub ist, an den letzten Tagen fast jede Therapie aus. Die Teamvisite findet statt. Ich werde gefragt, wann ich kommende Woche die finale Heimfahrt antreten wolle. Ich antworte, so früh es geht, am besten gleich nach zehn Uhr. „Dann vermeiden Sie also den Abschied und die Visite?“ – „Ich möchte lieber so schnell wie möglich nach Hause fahren.“ – „Aber Sie wollen schon bewusst dem Abschied aus dem Weg gehen?“ Ich sage, dass ich das nicht wolle. Die Chefärztin hakt nach: „Sie verstehen meine Worte? Dass Sie sich Ihrem Abschied entziehen?“ Immer das gleiche Spiel mit Worten: „Ja, ich habe Sie sehr wohl verstanden. Aber ich sehe das mit dem Vermeiden nicht so, denn immerhin habe ich ja jetzt eine ganze Abschiedswoche.“ Ein Nicken – und dann ist auch dieses Gespräch geschafft.
Am Donnerstag ist mein Zimmerkollege abgereist. Auch er wollte nach dem Frühstück schnellstmöglich fort – eine Umarmung, einige Frotzeleien, mehr braucht es für uns nicht.
Er weiß bereits, dass er wiederkehren wird – vermutlich nächstes Jahr zur gleichen Zeit; es wäre dann sein dritter Aufenthalt hier.
Am Dienstag verließ uns eine Patientin. Ihr Vater holte sie ab. Als sie ins Auto steigen sollte, bekam sie eine Panikattacke und verblieb weinend im Haus. Der Vater fuhr mit dem Gepäck los, sie folgte Stunden später mit Bus und Zug.
Dass zeigt, dass keiner von ihnen ernsthafte Fortschritte gemacht hat. Woran liegt das? Sicherlich an ihnen selbst, da sie sich lieber mit Hobbys oder mit romantischen Verwicklungen ablenkten, anstatt sich ernsthaft ihren Dämonen zu stellen. Und hier trägt für mich ganz klar die Klinik eine Mitschuld, weil ausschließlich aufs Reden, Reflektieren und Beobachten der eigenen Gefühle („Wie geht es Ihnen damit?“) Wert gelegt wird, statt aufs Tun („Okay, wir kennen jetzt die Gründe. Wie könnte es nun weitergehen?“). Ich will den Therapeuten keine mangelhafte Methodik unterstellen, aber könnte nach zwölf Wochen nicht ein wenig mehr an Ergebnis stehen?
Dazu kommen die nicht-therapeutischen Angebote, die die beiden nicht wahrnehmen wollten: Wald und Wiese, Schnee und Eis, Sonne und Regen, Nebel über den Feldern, leuchtende Blätter und Blüten in der tiefstehenden Abendsonne, also das heilsame Wirken der Natur nach dem Motto „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“.
Ich drehe weiter meine Runden. Zur Zeit haben wir wechselhaftes Wetter – Sonne, Regen und fantastische Wolkengebilde wechseln sich ab. Dazu weht ein böiger Wind, sodass ich froh bin, die Winterjacke noch nicht zuhause in Leipzig gelassen zu haben.
Am Gründonnerstag sehe ich während meines Spaziergangs, wie eine Mutter und ihre Tochter auf der Weide zwei Pferde ausführen. Auf dem Zufahrtsweg tuckert ein Traktor mit großem Anhänger, um Mist auf die Felder zu bringen. Das Wintergetreide steht grün und kräftig. Der Specht klopft Würmer und Maden aus dem Winterschlaf. Wo eben noch Krokus und Schneeglöckchen ums Licht buhlten, machen sich Tulpen und Narzissen breit. Eine dicke Hummel sucht nach der passenden Blüte. Die Spatzen, Meisen und Stieglitze führen ihre Paarungstänze aus – die Katze schaut zu und sieht Gelegenheiten. Die ersten Storchenpaare diskutieren die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung. Das vergessliche Eichhörnchen versucht verzweifelt, sich zu erinnern, wo es verflixt noch mal die anderen Eicheln versteckt hat. Auf einem Hinterhof watscheln entspannt drei Laufenten auf mich zu … Leute! Wo, wenn nicht hier, könntet ihr mit allen Sinnen erfahren, wie schön es ist zu leben?
Ich breite die Arme weit aus und strecke mein Gesicht in die Sonne.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 23:23:41, 01-04-2026
Helko Reschitzki, Moabit
Ein Regenmontag, der anmutet, als ob jemand ganz langsam den Farbtonregler runterzieht. Durch mein Hirn loopt eine vierzig Jahre alte Zeile, die der begnadete Texter Werner Karma Silly-Sängerin Tamara Danz in den Mund legte: „Schlohweißer Tag, du bist so jung ergraut“ – wo kommen nur immer plötzlich solche Liedfetzen her?
Nach dem Mittagessen fahre ich zum Humboldt Forum. Dass ich einfach so in Moabit in die Straßenbahn steigen kann und gut zwanzig Minuten später dort aussteige, wo früher der Palast der Republik stand, finde ich nach wie vor vollkommen verrückt. Mein Umsteigebahnhof, der alte Lehrter, heutige Hauptbahnhof, lag früher im Grenzgebiet. Hier wurde auf Menschen geschossen. Und nun fahre ich von West nach Ost und Ost nach West einfach so durch. Keiner fragt nach Passierschein und Pass, keiner schießt mehr. Wir Deutschen müssten eigentlich das glücklichste Volk der Welt sein. Da dieses Museum zu den wenigen mich interessierenden gehört, die auch montags öffnen, bin ich öfter zu Wochenbeginn hier. Warum es in Berlin überhaupt solche Schließtage gibt, hat sich mir nie erschlossen. Ich gehe in die Sonderausstellung „Family matters – Beziehungsweise Familie“. Eine kleine Tafel erklärt das Konzept: „10 Treffpunkte laden ein, eigene Erfahrungen, Sichtweisen und Wünsche zu teilen, Fragen zu stellen, Neues herauszufinden und sich kritisch auseinanderzusetzen. Von der Familienaufstellung über die Tischgemeinschaft bis zum persönlichen Kosenamen, von globaler Familiengeschichte über Kinship–Erleben bis zum erinnerten Übergangsmoment.“ Da bekomm ich bereits von der verquasten Sprache schlechte Laune. An der ersten Station wird auf Interaktion gesetzt – wer mag, kann mit auf deutsch und englisch bedruckten Softbällen eine Art Familienaufstellung machen; ich lese u.a.: Ich, Mutter, Vater, Schwester, Bruder, Großmutter, Großvater, Onkel, Tante, Neffe, Nichte, Cousin, Cousine, Stiefmutter, Stiefvater, Schwägerin, Schwager, aber auch Kollege, Kollegin, Vorbild, Mentor, Haustier, Pflanze, Natur, Landschaft, Glaube, Kuscheltier. Gegendert werden Partner*in, Freund*in, Verstorbene*r, Seelenverwandte*r. Ich finde es erfreulich, dass der Begriff „Familie“ weit gefasst wird, bekomme aber Beklemmungen, da man ja eine Art Ranking erstellt – so etwas ist doch fließend. Wenn man mit der Aufstellung fertig ist, kann man die Anordnung per Knopfdruck fotografieren, sie wird dann kurz projeziert und archiviert. „Es wird ein reicher Schatz für uns sein, die immense Diversität von Familienstrukturen zu sehen, die weit über das Konzept der Kernfamilie hinausgehen“, salbadert eine der Kuratorinnen. Ich schaue mir eine der Aufstellungen an. Jemand hat neben den „Ich“-Ball „Mutter“ gelegt, ansonsten nichts. Man könnte denken, Norman Bates oder Cody Jarrett war gerade hier – bloß schnell weg, bevor noch ein Gastank in die Luft fliegt!
Diese psychologisierende Welt ist nicht so die meine, die der Götter, Geister, Schamanen und Heiler schon eher. Ich begebe mich in die Asienabteilung. Mir gefällt eine circa vierhundert Jahre alte Skulptur von Shivas Reitstier, ebenso die beiden schakalköpfigen Göttinnen aus einem mittelalterlichen Yogini-Tempel in Zentralindien, die aus Schädelschalen irgendetwas trinken (die Forscher vermuten Blut). Wegen ihrer geheimnisvollen Praktiken wurden diese Göttinnen sehr verehrt, ihre Tempel galten mancherorts aber als nicht ungefährlich.
Desweiteren erfreue ich mich an der Strahlkraft der Terrakottafliesen aus Pakistan (17. bis 19. Jahrhundert), einem jaiistischen Haustempel aus dem westindischen Gujarat (18. Jahrhundert), dessen Inneres sehr smart indirekt beleuchtet ist, sowie einer Skulptur, an die ich mich als „Tempelturm der tausend Buddhas“ erinnere. Näheres kann ich leider nicht sagen, da die von mir abfotografierte Beschreibung unscharf geworden ist – einer der Securityleute ermahnte mich, nicht so dicht an die Objekte heranzugehen. Da ich in dem Museum vor ein, zwei Jahren bereits einen Alarm ausgelöst habe, halte ich mich an die Anweisung. (Eine spätere Onlinerecherche erbrachte nichts, da die Ausstellungsobjekte schlecht verschlagwort sind.)
Über eine sehr schöne Stoffmalerei aus dem 19. Jahrhundert, die von Mitgliedern der Vallabhacharya-Sekte in Rajasthan gefertigt wurde, stoße ich auf die wundervolle Geschichte, dass Gott Krishna einmal während eines Rachemonsuns den Berg Govardhana wie einen riesigen Regenschirm über Kuhherden gehalten haben soll, um diese zu schützen. An die Tat wird bis heute mit einem Fest erinnert. Ich denke, dass diejenigen, die in der Wismarer Bucht gerade den Buckelwal umherscheuchen, weitaus eher vergessen sein werden.
Am Dienstag regnet es noch mehr als am Montag – gut für den bereits sehr trockenen Boden. Über der Eiszeitrinne des Volksparks Wilmersdorf kreisen unter herrlichen Wolkenformationen Raubvögel – die suchen die alten Knochen. Aus gutem Grund wird unsere Tischtenniszeit um zwei Stunden gekürzt – in den Ferien bereiten sich im Nachbarschaftshaus zugewanderte Schülerinnen und Schüler auf ihre Deutsch- und Mathematikprüfungen vor. Beim Aufbau der Platten komme ich mit der Mathelehrerin ins Gespräch, die meint, dass Tischtennis cooler als ihr Fach sei. Ich widerspreche energisch und sage, dass Rechnen und rationales Denken die Welt zusammenhalten, Tischtennis aber ein schöner Ausgleich dafür ist.
Die ausgefallene Spielzeit nutze ich, indem ich im Hamburger Bahnhof die dritte, mir noch fehlende, Videoarbeit „Le Chant des Maisons“ von Annika Kahrs anschaue: In der entweihten Kirche St. Bernhard in Lyon baut ein älterer Herr auf sehr anrührende Weise eine Orgel zusammen. Neben ihm arbeiten auf einem Gerüst drei Handwerker. Der Orgelbauer verschwindet, ein Chor erscheint. Die Zimmerleute geben mit Hammer, Säge und Akkuschrauber den Takt vor, der Chor singt dazu. Danach löst sich die Gruppe auf; einer der Sängerknaben spielt mit einem Tennisball, ein Mädchen schaut sich den zerstörten Innenraum an – in ihrem weißen Kleid sieht sie wie eine Heiligenfigur aus. Die Sänger verlassen den Gottesraum, eine kleine Brasskapelle tritt ein. Sie spielen „Lle chant des canuts“, eine frühe Hymne der Arbeiterbewegung, in der das entbehrungsreiche Leben der Lyoner Weberinnen („Canuts“) geschildert und nach sozialer Gerechtigkeit gerufen wird. Das Werkzeug der Arbeiter ruht nun, sie hören ohne eine Miene zu verziehen zu. Das gesamte, vierundzwanzigminütige Video hält, wie auch Kahrs‘ Filme über ein leerstehendes berliner Kaufhaus und die Blechbläser in einem italienischen Dorf, die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und feinem Humor. Alles ist sehr liebevoll inszeniert und lässt angenehmerweise Platz für eigene Interpretationen. (Warum besteht die Partitur der zwei Solosänger aus Lochstreifen?) Die Detailtreue der Videos setzt sich bis ins Museum fort: Den Kirchenfilm sieht man beispielsweise auf Kirchenbänken. Ich werde Annika Kahrs im Auge behalten.
Der Dienstagmorgen leicht frostig, doch der Reif ist verschwunden. Gegen zehn bricht allmählich die Sonne durch, der Wind dreht von Südost auf West = Wetterwechsel. Der Weißdorn ist über die letzten beiden Tage synchron erblüht und duftet von der Bahnlinie herüber.
Noch greifen bei mir die Babycare-Reflexe: die Jüngste bittet per Smartphone, dass ich ihr dringend etwas Unverzichtbares an die Turnhalle bringe – also mache ich mich auf den Weg. Auf dem Sattel sind es 45 Minuten bis nach Limburg – neue Jahresbestleistung! Die Elbach zwängt sich, vom Höhenkamm hinter Westerburg kommend, zwischen einem Gewerbeareal und einem Neubau unter der B8 durch, um dort in die Lahn zu münden. Neben all dem frischem Grün wird es umso deutlicher, wie hässlich und zersiedelt die Städte sind, die ich passiere. Im DM sitzt niemand mehr an der Kasse; an der Fotostation wird der Ausdruck nun über einen QR-Code, der auf einem Bon aufgedruckt ist, ausgelöst – so lernt der Kunde willig neue Handgriffe. Im Radladen werden ununterbrochen E-Bikes reingeschoben – am Samstag beginnen die Schulferien. Entspannter Rückweg zwischen unentspannten Automobilisten. Zu Hause höre ich abwechselnd Alice Coltranes „Ptah, the El Daoud“ und Fela Kuti. Am Nachmittag die üblichen Chauffeursdienste nach Westerburg – die Ballettstunde steht an. Bei Sonnenuntergang sind wir zurück.
Am Mittwoch Wetterumschwung mit Schauern, böigem, frostigen Wind, doch nicht unter null Grad. Typisch für die Jahreszeit und sehr gut für den Biozyklus der Natur – täglich ein Zentimenter Blattwuchs bei Prunus, Scharbockskraut und Waldanemonen. Die Bäume wirken pointilistisch. Am Nachmittag nach den Mathehausaufgaben mit der Jüngsten auf dem Fahrad zum Pferdestall. Die Bewegungen fallen mir zunehmend leichter – ich nutze das Auf – und Absteigen als Übung. Die Muskel- und Sehnenschmerzen machen vieles schwerer (beispielsweise das Treppensteigen), sorgen aber für immer mehr Stabilität im Bein. Mein Indikator ist das freihändige Anziehen einer Hose – das ging bis heute nur bei allerhöchster Konzentration und in mehreren Anläufen. Koordination des Abendessens und Neues aus der Radszene: Im Falle eines Unfalls wird nun deine Tracking-App ausgewertet – für Freunde der Freiheit ist das eine schlechte Nachricht. Wir haben insgesamt ein Evolutionsproblem angesichts des digitalen Fortschritts, der ja völlig neue soziale Strategien hervorbringt und menschliche Beziehungen grundlegend verändert. Es wird künftig noch weniger möglich sein, nicht per Smartphone zu kommunizieren – neben dem sozialen Ausschluss droht auch der wirtschaftliche; es gibt ein neues Drinnen und Draußen – fatal.
Der Donnerstag beginnt mit Müsli und Tee. Dann gibt es Kaffee, zwei Feigen und eine Mandarine. Dabei höre ich Chopins „Pianokonzert Nr. 2“ mit Idil Biret – entspannt, lyrisch und erfreulicherweise ohne den Donner, mit dem der Pole sonst gern verstärkt wird. Es ist ein herzhafter Frühlingstag. Ich gerate auf dem Rad in einen heftigen Hagelschauer, stelle mich unter und verliere das Rennen gegen den nächsten. Weiche Beine, hungrig und erschöpt. So ein gutes Gefühl.
Wieder zu Hause, verkaufe ich an jemanden aus dem Westerwald ein betagtes neonpinkes Mountainbike, das all meinen Kindern zu klein ist. Wie ich an seinem Lieferwagen erkenne, baut seine Firma Schaltschränke. Wir kommen ins Gespräch, ich erfahre, dass man damit sehr reich werden kann. Der Maschinen- und Anlagenbau befindet sich derzeit zwar in der Vollflaute, dafür gibt es eine ungebremste Nachfrage von Amazon, die eine unglaublich potente Rechenarchitektur betreiben: Container entladen, Ware erfassen und sortieren, die Förder- und Rollbänder, die Zuordnung für den Laster am anderen Ende des Lagers – alles ist automatisiert. Das erfordert eine titanisch große Rechenleistung, dementsprechend werden Server gebraucht. Die Verteilzentren sind über ganz Deutschland verstreut – in Hochzeiten werden über einhunderttausend Pakete pro Tag ausgeliefert. Momentan wird das Tiefkühllager für Amazon fresh ausgebaut, was sich gerade in Ballungsgebieten rechnet. Mir ist klar, warum das funktioniert, funktionieren MUSS: Du kommst aus dem Büro, pendelst zurück, und zeitgleich mit dir kommt deine Pizza oder was auch immer an. Einzelhandel um die Ecke – wozu? Nur für eins ist die Software nicht: Retouren. Darum werden diese eingepreist und abgeschrieben – alles eine Frage der Masse, wer möchte schon „Rückwärtslager“ betreiben. Ich vermisse Klagen der omnipräsenten Klimaschützer zur Recyclingpflicht und Reparierbarkeit, zur in unserer Verfassung postulierten Nachhaltigkeit. Genau das würde das endlose Rennen nach Umsatzgröße, Stückzahl und Obsoleszenz zurückregeln. Wir würden weniger von der Wegwerfscheiße in Umlauf bringen, nach der wir so absurd süchtig sind. Und das sage ich auch zu meinen Töchtern, die nicht mal in einen Schuhladen zur Anprobe gehen möchten („zu geringes Angebot“, „zu schleimige Typen“ und so weiter). Das war „Das Wort zur Abendsuppe“. Amen.
Am Freitag weiterer Temperaturabfall auf ein Grad, also sinds gerade mal null auf dem Felde. Reifschnee auf den Dächern. Müde. Kaffee. Roland Pidoux und Étienne Péclard mit Offenbachs „Suites Pour 2 Violoncelles“, 1979 für Harmonia Mundi aufgenommen – angenehm flanierend, ein heiterer Gruß aus dem neunzehnten Jahrhundert. Am Vormittag koche ich eine deftige Ratatouille. Sehr wichtig dabei: Den Knoblauch immer mit den Zwieblscheiben als erstes anbraten, dann mit Wein ablöschen (es kann ein billiger, einfacher sein) und ab in die Hauptpfanne, wo bereits Zucchini, Paprika und Auberberginen vor sich hinschmurgeln; die Tomaten zuletzt hineingeben, dito den Thymian. Weitere Überarbeitung des Radblogs. Bin im Jahr 2022 angekommen – da hatte ich meinen heftigsten Covid-Einbruch. Ich kämpfe mich beim Musikunterrichtstransport durch den üblichen Freitagsverkehr – zur Selbstbelohnung bereite ich mir eine feine Oolong-Grüntee-Mischung. Um 18:20 Uhr ist es noch klar und hell.
Der Schulferienbeginn am Samstag bei tiefen Temperaturen. Es ist nieselig – die Saat der Bauern geht an. Vorbereitungen für unsere Reise nach Le Mans: Wäsche vorbereiten, Hausräumen und Füllen der Müllsäcke – die trägt Anfang der Woche der Sohn heraus, der mich gestern aus einer Sportsbar in Szeged anrief, Kartoffelsalat und ein Länderspiel genießend. Er wird dann hier Majordomus und die marodierenden Flintatrupps von unserem Grundstück fernhalten.
Nach der Hausarbeit gedünstete Schwarzwurzeln, mit Curryreis, Möhren und Putenschnitzel. Am Nachmittag ein schöner, windiger Spaziergang zum Nettomarkt hinter den Hügeln. Nordströmung. Noch immer mit Skistöcken, aber ich habe jetzt wenigstens eine akzeptable Gehgeschwindigkeit. Die Sehnsucht nach den Radrennen wird größer – mal sehen, wann mir jemand Bilder vom heutigen zweihunderter Brevet ums Rothaargebirge sendet. (Wie gern wäre ich diese neue Strecke gefahren …) In der ARD-Mediathek eine Dokumentation über Alexander Kluge. „Mein Wappen wäre der Maulwurf“!“ – guter Sinnspruch! Negt und er schlendern durch die Straßen und reden einfach hin und her. So muss es sein. Dass der Film über Kluge und Kluges Filme schon über zwanzig Jahre alt ist, merkt man nicht – so gut hat er die kommenden Themen erspürt.
Der Tag der Zeitumstellung ist feucht, eine milde Sonne erhellt die ringsum austreibende Natur. Spatzen machen sich über frische Triebe her – so wie in den Jahrtausenden zuvor. Beim ersten Sencha für den Wanderungsrekonvalszenten, der deutlich seine Muskeln spürt, im DLF eine Neuaufnahme von Bachs „Johannes-Passion“ mit Raphaël Pichon und dem Ensemble Pygmalion. Außerdem feiern wir „40 Jahre Rock me Amadeus“ von Falco, der sich nie von diesem Erfolg erholte. Weitere Reisevorbereitungen, Putz- und Flickstunde.
Erstrunde mit dem Unisex-Rennrad, das ich mir vor zwölf Jahren kaufte und seitdem von der Gattin bewegt wird. Obwohl es bergauf geht, verspüre ich ein wunderbares Gefühl der Leichtigkeit. Die frische Frühlingsluft ist unersetzbar. Abends im Bett eine Studie über das England der 1920er. Interessant, wie unabhängig Länder noch voneinander dachten und handelten. Wir sind jetzt eher in eine Art reflexhaftem Zirkus gekommen, in dem die Stromstöße von rechts und links durch den Weltkörper gejagt werden, so dass alles zuckt.
Montagfrüh. Wir zockeln nach Le Mans ab. Unser Teenie ist ein wenig aufgeregt und stolz, dass sie uns ihre Gastschule und andere Orte zeigen wird. Wenn wir wiederkehren, sind die Schwalben hier.
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Noch anderthalb Wochen, darunter das lange Osterwochenende mit seinen vier Tagen, von denen wir zwei, inklusive der Übernachtung, auswärts verbringen dürfen.
„Ich beginne, mich ein wenig abzunabeln“, sage ich bei der Visite zum Oberarzt. Unabhängig davon, wie viele Pfleger, Therapeuten und Ärzte dem Deliquenten gegenüber sitzen, spricht immer nur der Ranghöchste. Sind Oberarzt und Chefarzt ausnahmsweise mal gleichzeitig anwesend, hat der Oberarzt zu schweigen. Die jeweils Stimmlosen dürfen nur ironisch oder rätselhaft lächeln, die Lippen schürzen, die Nase rümpfen oder aufmunternd den Kopf neigen. Nicken oder den Kopfschütteln, scheint mir schon als unerlaubtes Reinreden gewertet und im Anschluss geahndet zu werden.
„Ich beginne, mich ein wenig abzunabeln“, sage ich also. Der Oberarzt antwortet mit gewichtiger Stimme: „Ein wenig genügt nicht. Sie müssen sich schon richtig abnabeln.“ Dabei lächelt er altersweise. Es wäre bestimmt interessant, sich mit ihm, der gern Therapeutenbingo spielt und Begriffe ins Gespräch wirft, auf ein ironisches Wortgefecht einzulassen. Hier, vor der heiligen therapeutischen Inquisition, ist die Rollenverteilung freilich in Stein gemeißelt, daher sage ich nur brav: „Ja, das ist richtig.“
Ich nutze das Wochenende, um Orte zu erkunden, an denen ich bislang nicht war. Am Samstagvormittag mache ich einen Ausflug zum Aussichtsturm im Nachbarort Klietznick. Mein Mecklenburger Mitpatient hat ihn mir empfohlen und wird mich führen. Die zwei neu aufgenommenen Damen unseres Alters entscheiden sich spontan mitzukommen. Nach zwanzig Minuten schließt mein Landsmann, der zunächst neben den beiden Damen lief, zu mir auf und grinst mir schweigend zu. Ich grinse zurück. Ebenso schweigend. Die Frauen haben in zwanzig Minuten mehr geredet, als wir beide, wenn wir zweieinhalb Stunden unterwegs sind.
Mit zunehmender Erschöpfung werden sie dann ruhiger, so dass von uns vieren nur Atemgeräusche, ein gelegentliches Schniefen, das Knarzen der Schuhe und Kleidungsrascheln zu vernehmen sind. Außerdem hören wir Singvögel, krächzende Krähen, gelegentlich den spitzen Schrei eines Raubvogels sowie das unvermeidliche Schnattern der Wildgänse – ein wenig klingen sie so wie wir in der Gruppentherapie oder im Einzelgespräch. Wir schlagen vom Turm eine Runde zum Fluss und kehren über den frisch sanierten Deich nach Jerichow zurück. Gut 13 Kilometer sind es am Ende.
Für den Nachmittag ist Regen vorhergesagt – und der kommt auch. Ich ziehe meine Plane über und steige aufs Fahrrad. Ich will nach Parey, von dort nach Genthin und wieder zurück. Laut Karte dürften es 35 bis 40 Kilometer sein – eine dem Wetter angemessene Tour.
Zwischen Kiietznick und Ferchau, auf dem am Morgen beschrittenen Deich, ist dann leider Schluss – auf dem noch großporigen Asphalt fehlt die glättende Deckschicht; von den Bauarbeiten liegt grober, terrakottafarbener Split neben dem Asphalt. Ein spitzes Steinchen, etwa so groß wie die Kuppe des kleinen Fingers und in perfekter Tetraederform, bohrt sich senkrecht durch Mantel und Schlauch. Flapp, flapp macht der Hinterreifen. Wenigstens muss ich nicht lange nach der Ursache suchen.
Es ist kalt. Es regnet. Und ich stehe mit einem Platten auf dem Deich. Zum Glück habe ich Luftpumpe und Pannenspray dabei. Letzteres war mir von Bekannten empfohlen worden, ich benutze es heute zum ersten Mal. Der erste Versuch schlägt fehlt: Weil die Anschlüsse nicht lückenlos verschraubt sind, geht der Schaum nicht in den Schlauch, sondern daran vorbei. Zweiter Versuch, alles ist nun festgeschraubt. Es zischt das Spray, es zischt im Schlauch – und es zischt leider, gleich einem Minivulkan, eine schaumige, ästhetisch schöne Fontäne aus dem Mantel. Das Loch ist vermutlich zu groß. schade.
Da ich keinen Ersatzschlauch dabei habe und mir nicht zutraue, mit klammen Fingern im Regen den Schlauch zu flicken, muss Plan B her. Ich besitze von einem einzigen Mitpatienten die Telefonnummer. Und der ist glücklicherweise heute Nachmittag nicht nur im Haus, sondern fährt zudem einen Kleinbus mit ausgebauten Hintersitzen. Er ist bereit zu helfen, also schiebe ich mein Rad über den Deich nach Ferchau, wo er zeitgleich mit mir eintrifft. Später bestelle ich bei Amazon zwei Schläuche – ich hoffe, dass sie vor Karfreitag eintreffen, da ich am Samstag das Rad nach Leipzig mitnehmen will.
Da das Rad ausfällt, fahre ich am Sonntag nicht nach Stendal, sondern mache eine Wanderung nach Tangermünde. Weil es das Mittagessen in der Anstalt wegen der Zeitumstellung bereits um halb elf Winterzeit gibt, was mir viel zu früh ist, habe ich es abbestellt und werde irgendwo unterwegs einkehren.
Die Temperaturen liegen knapp über null Grad. Die Sonne ist hinter einer dichten Wolkendecke verborgen, doch es regnet nicht. Ich entscheide mich für den langen Weg durch die Wiesen und Felder, dann an der Elbe entlang und schließlich zurück zum Deich bei Fischbeck – ein Umweg von rund fünf Kilometern, der sich lohnt.
Trotz des gestrigen Regens sind die Wege fest und ich komme gut voran. Immer wieder bleibe ich stehen und genieße die Weite. Die Stimmen der Vögel tragen weit. Gelegentlich raschelt etwas im Buschwerk, ohne sich zeigen. Das Gras ist regenfeucht und durchweicht die Wanderschuhe und Socken. Ich sehe vier Feldhasen und sie sehen mich auch, aber bevor ich näher herankommen kann, springen sie davon. Über mir kreist ein Adler, der von drei Möwen geneckt wird. Genervt versucht er abzudrehen, doch die Raufbolde lassen nicht locker.
Es ist der perfekte Sonntagmorgen für so eine Abschiedsrunde.
In Tangermünde bin ich ein wenig von der Restaurantauswahl überfordert, weswegen ich zum Griechen gehe, bei dem ich am Valentinstag mit meiner Frau saß – das Fleisch-Preis-Verhältnis stimmt hier. Am Nachbartisch prangt neben einem weiblichen Torso eine Deutschlandfahne. Der aufmerksame Kellner will mir Ouzo nachschenken, dabei habe ich schon den Begrüßungsschnaps nicht angerührt – die Fastenzeit dauert noch elf Tage.
Zwischenstopp beim Lieblingsbäcker in Tangermünde (vielleicht zum letzten Mal), dann geht es zurück nach Jerichow. Und damit ist mein vorletztes Klinikwochenende im Prinzip abgehakt.
Helko Reschitzki, Moabit
Am Mittwoch bin ich im ehemaligen Grenzgebiet um den Potsdamer Platz unterwegs. Zunächst geht es ins Zentrum des Schmerzes – die SPD-Parteizentrale. Eine architektonische Grausamkeit aus Beton, Glas und Stahl. Fettings Brandt-Skulptur erinnert an bessere Zeiten, an das, was die Partei einst war und seit 1998 nicht mehr ist. Da ich unter Höhenangst leide, benutze ich nicht den gläsernen, offiziellen, sondern einen der versteckten anderen Fahrstühle – das Personal ist immer ausgesprochen nett. (Einmal erzählte mir ein Mitarbeiter, dass er auch unter Höhenangst leide, aber den Job brauche. Er bot mir an, auf dem Weg nach oben Händchen zu halten, was ich nicht annahm – es wurde trotzdem eine äußerst vergnügliche Fahrt.) Ich schaue mir die Ausstellung über „Entwerter/Oder“ an, eine 1982 gegründete original-grafische Samisdat-Zeitschrift aus Ostberlin, die es bis heute gibt. Ich stoße auf Arbeiten von einigen Weggefährten, was immer schön ist. Der „Freundeskreis Willy-Brandt-Haus“, der die Galerie betreut, macht eine gute Arbeit – ich sah hier schon viel Lohnendes, auch die ständige Sammlung nutzt sich bislang nicht ab. Anschließend drehe ich im Nachbarhaus eine Runde durch die gut sortierte Buchhandlung „Vorwärts“ mitsamt ihrem Antiquariat voller proletarischer Literatur, linker Theorie-Klassiker, Flugschriften usw.
Danach geht es die Stresemannstraße runter, an Anwaltskanzleien, dem Escape-Room „Miraculum“, Edeka, einer Arbeitsvermittlung, Restaurants, Bäckereien, Spätkaufs, Hostels, Zahnärzten, dem rund um die Uhr geöffneten Exerzitienzentrum „St. Clemens“, Lidl, „PC-College“, „Fressnapf“, dem „Deutschen Bundeswehrverband“, dem Sitz des „Verbandes für Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V.“, einer E-Ladestation, dem „Deutschen Bundeswehrverband“, einem Orthopädiezentrum, einer Spielhalle, dem Lili-Henoch-Sportplatz, dem Anhalter Bahnhof, dem „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, „Underground Lasergame“ sowie dem „Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ vorbei, rechts in die Niederkirchnerstraße rein, und hinein in den Martin-Gropius-Bau.
Peter Hujar „Dog in the Street, Provincetown“, 1976
Dort sehe ich Peter Hujars und Liz Deschenes‘ Schau „Persistence of Vision“. Mit Deschenes‘ Arbeiten kann ich gar nichts anfangen, mit den Schwarz-Weiß-Fotos des 1987 verstorbenen Hujar umso mehr: New York vor der großen Gentrifizierung, Bebauungslücken, die Schwarzen-Ghettos und Vorortviertel, der Hudson River, immer wieder Tiere und Portrtaits (Candy Darling, W.S. Burroughs), das Nachtleben der Schwulen, Lesben und Transvestiten – der tiefe Einschnitt durch AIDS, an dessen Folgen auch Hujar starb. Die Bilder sind sinnig kompiliert sowie optimal gehängt und beleuchtet, da hat sich generell viel zum Positiven geändert in den letzten Jahren.
Wieder draußen senkt sich über einem der letzten verbliebenen Abschnitte des innerberliner Grenzwalls eine riesige Regenwolke. In den Pfützchen des Vortags spiegeln sich Touristenbeine und blau-graue Bodenlosigkeit. Die omnipräsenten Russenkunstfellmützen- und Abzeichenverkäufer dürften in den letzten sechsunddreißig Jahren mehr Schapkas und Snatschoks unters Volk gebracht haben, als die Sowjetarmy jemals produzierte. Würde man all die vertickten „garantiert originale Mauerstücke“ zusammensetzen, könnte man wohl ganz Europa umranden. Aber all das haben die etwas naiveren Touris natürlich verdient, genau wie die Currywurst mit Pommes für 8.90 Euro oder den nachgebauten Checkpoint-Charlie – Nachfrage regelt Angebot. In der Bundeszentrale für politische Bildung ist diesmal nichts für mich dabei, also ab nach Hause vor dem Regen.
Am Donnerstag habe ich am Rande des Tischtennis zwei sehr gute Gespräche: Eine Mitspielerin erwähnt beiläufig, dass sie ein Buch über Minimalismus geschrieben hat – wir reden übers „Aufräumen“ des eigenen Lebens, was Konsum, Ernährung, Beziehungen, Jobs u.v.a. betrifft. Sehr anregend. Mit unserem Champ sowie dem Ex-Hells-Angels komme ich in einer Spielpause auf Zombieserien zu sprechen – es zeigt sich, dass wir drei im Stoff stehen und ungefähr das Gleiche gesehen haben. Wir sind uns einig, dass das Einzige, was in dieser Sparte nervt, die Zombies selbst sind, alles andere, was dort erzählt wird, ist ja hochgradig spannend: Wie entstehen Gemeinschaften nach einem Zusammenbruch der alten Ordnung? Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie löst man Konflikte innerhalb der Kommunen? Wer legt Regeln und Gesetze fest? Wie wird Recht, Unrecht und Gerechtigkeit bestimmt? Welche Formen der Bestrafung werden etabliert? Wie kommt man an Nahrung, Trinkwasser und Medikamente? Wer kontrolliert diese Ressourcen, und wie werden sie verteilt? Wie geht man mit Kranken um? Welche Formen von Handel entstehen? Wer sorgt für Ordnung und Schutz nach Innen und Außen? Neben all diesen Fragen fasziniert uns drei die Herausforderung, dass die Comic- und Drehbuchautoren starre Genrevorgaben haben, aber innerhalb dieser Grundkonstellation kreativ sein müssen, um uns Zuschauer vor dem Bildschirm oder Beamer zu halten. Die wirklich orginelle Gruppe der bösen, smarten Whisperer in „The walking dead“ haben uns maximal geflasht, die Nagelkeule von Negan unruhige Träume bereitet (selbst dem Ex-Rocker). Der Champ schätzt genau wie ich die Spielfilmklassiker -dass es im Subtext von Romeros „Night of the Living Dead“ (1968) um Rassismus geht, war ihm neu – Held Ben ist ein Schwarzer, was aber nicht thematisiert wird; nachdem er die Zombieapokalypse überlebt hat, wird er von der Bürgerwehr abgeknallt. So ein Austausch unter Freaks ersetzt ganze Soziologie-Vorlesungen.
Duane Jones als Ben in George A. Romeros „Night of the Living Dead“, USA, 1968
Am Freitag dann im Deutschen historischen Museum der Totalflop „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ – fast nur Faksimiles, die Grafiken oft unscharf, viele Fehler in den Texten. (Nein, die Cholera wurde nicht durch „medizinischen Fortschritt“ besiegt, sondern durch sauberes Trinkwasser, Hygiene und eine bessere Kanalisation. Die letzte großen Hungersnöte in Europa waren nicht im 17. Jahrhundert, sondern 1845-49 in Irland, 1932-33 in Holdomor, wo die Kommunisten Millionen Ukrainern verhungern ließen, bei der Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht und in den ersten Jahren nach dem Zweiten Welktkrieg.) Abgesehen von all den Fehlern (es waren noch viel mehr) fehlt der Ausstellung ein Konzept, das die Einzelteile zusammenfügt sowie inhaltliche Tiefe – alles wird nur angerissen, so dass man am Ende mehr Fragen als Erkenntnisse hat. Seit der Neuausrichtung des Museums sind die dortigen Ausstellungen leider alle so schlampig gemacht. Tröstlich ist, dass ich mich nicht alleine ärgern muss, sondern in Begleitung meiner lieben Kollegin Jo Pauli bin. Sie macht mich wiederholt auf die fehlende Objektivität bei bestimmten Themen aufmerksam, da die bisherige Geschichtsschreibung zumeist aus einer männlichen Perspektive erfolgte – eine sehr wertvolle Ergänzung, die wir dann im Café der Staatsbibliothek bei zwei Heißgetränken vertiefen.
Wie man all das am DHM zu Kritisierende besser macht, sehe ich am Tag darauf im Humboldtforum: Alles ist akribisch eingeordnet, etwaige Leerstellen des Wissens werden von global eingebundenen Expertinnen und Experten klar benannt – exemplarisch dieser Text von Golda Ha-Eiros, Kuratorin im National Museum of Namibia:
„Karossorna, Perlenband – Glasperlen, Pflanzenfaser • gekauft 1879 von Missionar Carl Gotthilf Büttner in Otjimbingwe, verkauft 1881 an das Königliche Museum für Völkerkunde.
Nama (?), Künstler*in, Name nicht dokumentiert
Auf der vom Museum vergebenen Objektbeschriftung steht, dass es von einer Nama-Person gekauft wurde. Doch es sind heute nicht die Nama, sondern die San, die für ihre Perlenkunst bekannt sind.
Daher sind noch viele Fragen offen: War es vielleicht eine falsche Beschriftung des Museums? Oder haben die Nama und San untereinander Handel getrieben?
Dies eröffnet ein noch breiteres Spektrum an Fragen: Hat sich der Handel untereinander auf das Kunsthandwerk ausgewirkt? (…)“
Mir gefällt, dass die Prozesse und Zwischenstände der Forschungen veröffentlicht werden und der Tonfall dabei immer sachlich bleibt.
Da ich öfter im Hause bin, lass ich mich treiben, bleibe immer mal stehen, lausche einer Collage, die der philippinische Klangkünstler und Komponist MeLê Yamomo aus Wachszylinderaufnahmen des Berliner Phonogram-Archivs schuf; sinniere über die historischen, zweigeschlechtlichen Uli-Bestattungszeremonie-Figuren aus der Madak-Region in Papua-Neuguina, oder den beeindruckenden zeitgenössischen Wandteppich des Nigerianers Victor Ehikhamenor, der aus Plastikkrosenkränzen, Leinen und Spitze die strahlkräftige Silhouette eines Herrschers anfertigte und damit Bezug auf die berühmten Benin-Bronzen nimmt. Ich entdecke den essayistischen Dokumentarfilm „Les statues meurent aussi“ von Alain Resnais, Chris Marker und Ghislain Cloquet von 1953, der vergleichsweise früh die Aneignung und Entkontextualisierung von Masken und Skulpturen aus den Kolonialgebieten kritisierte (weswegen er in Frankreich zehn Jahre zensiert wurde) – die Grundthese ist, dass Gegenstände religiöser Praktiken, sozialer Alltagshandlungen oder kollektiver Erinnerungen in Museen zu isolierten und ästhetisierten Objekten werden, deren Bedeutung sich auf Form und Stil reduziert. Ein wie immer lohnender Besuch des Ethnologisches Museum im Humboldtforum, das sich als Teil des gefakten Stadtschlosses auf dem Platz des Palastes der Republik befindet: Geschichtsgrund.
Victor Ehikhamenor „The King, The Priest, The Chosen One“, 2022
Gute Nachrichten vom Knie: Der Arzt drehte und drückte und fand keine strukturellen Ursachen. Die weniger gute Nachricht: er vermutet eine Überanstrengung und empfiehlt mir Schonung.
Dass Joggen und anderer Sport pausieren, passt mir ja nun überhaupt nicht. Am Mittwoch erlaubte ich mir aber zwei vorsichtige Spaziergänge und am Donnerstag mit dem Mecklenburger eine ausgedehnte, insgesamt etwa einstündige Einkaufsrunde. Ich will den Storch sehen! Und das sprießende Grün! Und die Blüten! Und die Wildgänse! Außerdem erprobte ich die Belastbarkeit des Knies, denn am Freitag steht wieder die obligatorische neunzigminütige Gruppenwanderung an. Wenn ich sie mir nicht zutraue, muss ich mir einen ärztlichen Attest besorgen und werde dann der sogenannten kleinen Wanderung zugeteilt, bei der die Patienten zwanzig Minuten über das Klinikgelände spazieren.
Mittlerweile hat die elfte Woche begonnen und ich nabele mich allmählich von hier ab. Weil vor Ostern drei weitere Patienten aus meiner Gruppe gehen werden, sind wir im Abschiedsstress: Geschenke müssen gesucht und besorgt, gehaltvolle Texte für Grußkarten gefunden werden.
Was geben wir, die noch etwas hierbleibenden Gestörten, den Abschied nehmenden Gestörten an aufmunternden Worten und klugen Gedanken mit? Ich steuere meinen gewohnten Mix aus Spott, Phrasen und schönen Formulierungen bei. Beim Schreiben haben wir deutlich weniger Spaß als Ilja Repins berühmte Kosaken beim Verfassen ihres Briefs an den Sultan. Aber unser Text ist natürlich auch sehr ernst und kompliziert, da der Bogen vom verängstigten Küken der Ankunft über die therapeutische Metamorphose bis zum Abflug als stolzer Schwan gespannt werden muss, dazu kommen aufmunternde Worte nebst besten Wünschen für die Zukunft.
Ich will das alles meinen Mitgefangenen nicht zumuten und bitte sie, mir keinen Abschiedsbrief zu schreiben. Ich brauche das nicht, und sie sollen sich damit nicht quälen. Ich will das alles auch deshalb nicht, weil nach dem Aufenthalt ein anderes Leben beginnt und ich das Klinikkapitel so schnell es geht für mich abschließen möchte.
Илья́ Ре́пин „Запорожцы пишут письмо турецкому султану“, 1880-91. Государственный Русский музей, Санкт-Петербург.
Diese Woche verblüffte ich meine Mitinsassen, indem ich ein gutes Hemd anzog, dazu eine gepflegte Hose und Sneaker. Und schon wirkte ich inmitten des klinischen Schlabberlooks aus Jogginghosen, verwaschenen T-Shirts, ausgeleierten Pullovern, Stoppersocken und abgetretenen Badelatschen wie ein Mensch aus einer anderen Welt. Dadurch wurde mir bewusst, wie sehr unsere Kleidung zeigt, wer wir sind und welchen Respekt wir dem Ort und den Menschen hier zollen. (Doch ich vergaß, dass wir ja krank sind – das entschuldigt selbstverständlich die allgemeine Verlodderung.)
Seltsame Begebenheit in einer der begleitenden Einheiten, als uns die Therapeutin überraschend ihr Herz ausschüttete: Sie wolle auf keinen Fall als Lehrerin oder Pädagogin wahrgenommen werden. Trotz ihres messerscharfen Verstands könne sie auch lachen, sie sei schließlich ein Mensch mit Gefühlen. Das, was sie zu uns während der Therapie sage, seien nur Angebote. Ein wenig wirkt sie auf mich, als hätte sie von ihren Chefs einen Einlauf erhalten und wolle sich nun rechtfertigen. Vielleicht musste es auch einfach nur so raus aus ihr? Wir alle möchten schließlich geliebt werden.
Helko Reschitzki, Moabit
„Wir sind Illusionsfabrikanten, die auf das Glück wetten, wir sind keine Wahrheitssucher. Die Fantasie ist wie ein Pferd ein Fluchttier.“ Alexander Kluge im Gespräch mit Lothar Müller, SZ, 18./19.04. 2020
Am Mittwoch, dem 25. März 2026 starb Alexander Kluge. Der gebürtige Halberstädter wurde 94 Jahre alt. Seine DCTP-Gespräche mit Heiner Müller, die ich Anfang der Neunziger im Fernsehen sah, prägten mich – später las ich immer wieder die Transkripte, jedes Mal mit anderem Blick, anderen Erkenntnissen.
In seinen Büchern, die in meinem Regal stehen, stecken Merkzettel. Ich schätze ihn als großen Erzähler. In „Dezember“ schildert er, wie Hitler auf dem Weg zur Hochzeit von Magda und Joseph Goebbels auf Gut Severin (wohin ich fünfzig Jahre später jeden Sommer ins Zeichenlager fuhr) 1931 auf den vereisten Straßen Mecklenburgs beinahe zu Tode kam. Um diese Begebenheit ranken sich in meiner alten Heimat so einige Legenden – in meiner Kinder- und Jugendzeit wurde darüber nach ein paar Schnäpsen dummstolz geraunt. Von 1990 bis 1997 zeigte ich in Parchim viele von Kluges Filmen.
Weil sie der offiziellen Corona-Erzählung widersprach, wurde die Virologin Karin Mölling 2020 allseitig zur Unperson erklärt. Kluge unterhielt sich weiterhin mit ihr, was ich ihm sehr hoch anrechne.
Wegen der Schmerzen in seiner Wirbelsäule war Kluge zuletzt bei Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem langjährigen Arzt des FC Bayern München und der Fußballnationalmannschaft in Behandlung. Der Gedanke, dass er sich mit dem ebenso feinfühligen wie feinsinnigen Mull über Faszien und Opern unterhielt, ist ein schöner.
Alexander Kluge wird eine Lücke hinterlassen, die nicht zu füllen ist.
Wer schenkt uns nun so schöne Werke und Titel wie „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“, „Unruhiger Garten der Seele“, „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“, „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin“, „Chronik der Gefühle“, „Vom Auswildern der Gespenster“, „Nachricht von ruhigen Momenten“ …
1967 drehte Alexander Kluge einen Kurzfilm über seine Großmutter: „Frau Blackburn, geb. 5. Jan. 1872, wird gefilmt“. Er handelt vom Altern – um dann auf allerherrlichste Art und Weise zu entgleiten: https://www.dctp.tv/filme/frau-blackburn-french
Es ist das Schrecklichste, was mir hier hätte passieren können: Kein Jogging, keine Wanderungen. Ich habe Schmerzen rund ums rechte Knie und kann das Bein nicht belasten. Genau gesagt, nur zeitweise, wenn die Schmerzen nachlassen – aber sie kommen immer wieder. Auch Spaziergänge fallen mir schwer, doch genauso schwer fällt mir das Innehalten und Im-Haus-Bleiben – selbst wenn das mit Lesen oder Musikhören verbunden ist.
Ich scrolle durch meine Musiksammlung. Über Kopfhörer Musik zu hören, Spaziergänge, die Joggingrunden und der Schlaf sind im Prinzip der einzig mögliche alltägliche Ausgang aus der Klapse – mehr Freiheit geht nicht. Na ja, und die Gedanken sind frei, wenn man sie denn zulässt – es sollten nur nicht gerade die zwanghaften und neurotischen sein, die uns an diesen Ort brachten.
Beim Musikhören surfe ich durch das Leben und Werk von William Turner. Welche Farben! Der Munch Großbritanniens. Ich wippe dabei mit dem Kopf, den Füßen und Händen im Takt einer Musik, die nur ich höre – zumindest bis 21.30 Uhr, dann ist Schluss mit der Freiheit und das Handy kommt wieder in den Tresor.
Bücher lesen mag ich momentan nicht. Das Lesen schmeckt nicht, wenn es eines der wenigen geduldeten Laster ist. Im Land der Verbote wird Erlaubtes schnell fad. Wobei dem Lesen auch etwas Anrüchiges anhaftet, denn wer liest, kann nicht kommunizieren. Und Kommunikation in der Gruppe bedeutet schließlich Erlösung! Alleine zu sein, ist verwerflich. Alleine zu denken, gefährlich. Alleine zu Fortschritten zu kommen, blasphemisch. Es lebe der Kollektivismus!
Trotz des immer wieder betonten Gemeinschaftsgedankens sind wir heute in einer der Einheiten nur zu viert, statt zu neunt. Unsere Therapeutin schließt auf die Minute genau die Tür und weist zu spät Gekommene erbarmunglungslos ab, worüber zwei Mitpatientinnen verärgert sind. Die Therapeutin schiebt den Ärger zurecht von sich: „Ärgern Sie sich über Ihre Mitpatienten, nicht über mich. Diese haben sich entschieden, nicht rechtzeitig im Raum zu sein. Sie alle kennen die Regeln. Wer nicht rechtzeitig da ist, bleibt draußen. Das ist deren Entscheidung, nicht meine.“
Es ist die gleiche Therapeutin, mit der ich wegen Vivaldi ins Hadern gekommen war. Sie, die mir anfangs als unnahbar erschien, zeigt jetzt immer öfter ein Lächeln. Vielleicht war das Lächeln aber auch schon die ganze Zeit da, nur ich war vor lauter Konzentration, alles zu verstehen und korrekt zu machen, einfach nur blind dafür.
Am Tag zuvor hatte ich ihr, trotz der Vorwarnung von Mitpatienten („Mach das lieber nicht!“) meine liebste Variante der „Vier Jahreszeiten“ mitgebracht. Vielleicht als Zeichen der Versöhnung, vielleicht als Inspiration, wer weiß schon immer, warum wir manchen Impulsen folgen und anderen nicht. Und dann lehnt sie das CD-Geschenk dankend ab, weil sie diese Aufnahme bereits besitzt. Vorurteile und Annahmen …
Nach der Einheit geht mein Mecklenburger zu ihr und bedankt sich, weil ihm diese Stunde gut getan hat. Er erntet ein breites Lächeln, das ihn den ganzen Tag über glücklicher macht. Sieh einer an, wir unbeholfenen alten Säcke! Echte Emotionen ohne viele Worte.
Sollte sich das mit dem Knie verschlechtern, gibt es zum Glück Optionen: Da wir in einer Klinik sind, könnte ich nach einem Arzt verlangen. Und für eine knieschonenende Fortbewegung hätte ich mein Fahrrad vor Ort. Mal sehen, wie es nach einer Nacht aussieht.
Helko Reschitzki, Moabit
Über dem Westhafen in Moabit mischt sich immer häufiger das Gurren der Tauben mit den Schreien der Möwen. Sind die Vögel in sehr großer Höhe unterwegs, kann man sie meist nur schwer auseinanderhalten, so dass im Zweifelssfall die Worte des Barden Mike Krüger gelten: „Die weißen Tauben sind Möwen“. Ob es auch zu flatternden Fraternisierungen kommt, wird zu beobachten sein – ich sollte mein 8x32er Hertel & Reuss-Glas ständig bei mir führen …
Der Kampf gegen die Hoftauben geht indes weiter – nahezu täglich entferne ich Nistmaterial, Federn und Kot von meinem Balkon. Weitaus erfreulicher ist es, anderen Aspekten des Jahreszeitenlaufs zu folgen und zu beobachten, wie sich Winterlinge, Leberblümchen oder Märzenbecher durch den Boden gen Sonne kämpfen, erste Bäume und Sträucher Knospen ausbilden, sich der nichtgurrende, nichtdegenerierte Teil der Vogelwelt zwitschernd suchet und findet.
Samstagsausflug nach Neukölln ins Nachbarschaftshaus „Spore“. Ein angenehmer Ort mit Ausstellungsräumen, Kinosaal, Bibliothek, Kinderwerkstätten, Café, Saatgutbörse und Gemeinschaftsgarten, wo der der Austausch zu ökosozialen Themen im Mittelpunk steht, was künstlerisch flankiert und verstärkt wird. Die Spore-Initiative, die das Ganze seit 2020 trägt, ist eine privat finanzierte Stiftung und international bestens vernetzt. Sie pflegt engen Kontakt zu vielen lokalen Initiativen, wobei es um Wissenstransfer, das Voneinander-Lernen und das Erarbeiten von alltagstauglichen Lösungen geht, die das Leben in den jeweilgen Gemeinschaften einfacher machen. Für die Ausstellungen und vielfältigen Veranstaltungen werden unter anderem Künstler, Bauern, Umweltschützer, Wissenschaftler, Köche, Musiker, Autoren und Aktivisten (m/w/d) aus aller Welt eingeladen.
Diesmal sah ich dort die Ausstellung „How The Soil Remembers“, in der Künstlerinnen und Künstler aus Ländern des sogenannten globalen Südens das Thema „Boden als Speicher von Geschichte“ als Ausgangspunkt für ihre Skulpturen, Stickereien, Musikstücke, Installationen, Laubcollagen, Filzinsekten und Texte nahmen – die Arbeiten waren allesamt poetisch und glücklicherweise nicht allzu erklärend oder pädogogisch und somit offen für eigene Gedanken.
In einem zweiten Raum schaute bzw. hörte ich einer Casavant-Pfeifenorgel aus dem Jahr 1910 zu, die von Navid Navab und Garnet Willis pneumatisch und mechanisch so umgebaut wurde, dass sie per robotischem Zufallsgenerator spontane Klänge hervorbrachte, die sich erstaunlich harmonisch anhörten. Durch die Bewegungen der Orgelteile wurden Schattenspiele an die Wände geworfen, die mich direkt in die Kulissen von expressionistischen Filmen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder „Vampyr“ beamten. Sehr schön.
Anschließend schlenderte ich durch den Garten der Spore, der in die Friedhöfe Jerusalem V und St. Thomas übergeht, die rund um die bulgarisch-orthodoxe Kathedralkirche St. Boris des Täufers liegen. Im lauen Frühlingswind schwankte sanft ein Humusnetz, über Gräber und Misthaufen flatterten meine ersten Schmetterlinge der Jahres.
Nach zweieinhalb Wochen selbstverordneter Pause war ich am Dienstag wieder beim Tischtennis – ich wollte erst meinen Infekt auskurieren. Gleich zu Beginn nahm ich dem Dagestaner fünf Sätze am Stück ab, was noch nie zuvor passierte. Grischa nahm es mit Fassung – was mir entgegenkommt, da er früher Karatemeister war.
Auf meiner Heimfahrt am Samstag macht ein genervter Zugführer eine Durchsage nach der anderen: „Nehmen Sie die Taschen und Koffer von den Sitzplätzen. Andere Passagiere benötigen den Platz.“ Und weiter: „Gehen Sie endlich aus dem Türbereich, damit wir die Türen schließen können.“ Um dann nach der Abfahrt nachzulegen: „Wenn Sie in den Türen stehen und die Abfahrt verzögern, kann ich das auch. Danke, Ihr Zugführer.“ Einfahrt Leipzig. Es ist Buchmesse. Der IC hält außerplanmäßig an der neuen Station „Messe“. Bestimmt einhundert Menschen strömen hinaus und drängeln sich Richtung Ausgang die Treppe hinunter. Danach ist es bis zum Hauptbahnhof erfreulich leer. Zwanzig Minuten hat unser Zug am Ende Verspätung. Meine Familie holt mich ab; wir gehen gemeinsam Burger essen.
Am Nachmittag gehe ich mit meinem Sohn ins Kino. Wir schauen uns „Der Astronaut, Projekt Hail Mary“ an. Der Film läuft im IMAX im CineStar. Es ist die erste Spielstätte dieser Art in Sachsen, für die man 2025 den großen Saal umgebaut und technisch nachgerüstet hat. Die Eintrittspreise sind happig und das Geschäftsgebaren auch: Kinogutscheine oder Spartickets werden nicht angerechnet, selbst dann nicht, wenn ich die Differenz zahlen oder beim Gutschein auf ein Restguthaben verzichten würde. Auch ein Weg, das Publikum zu verprellen. Der Film ist dann überraschend unterhaltsam.
Sonntagfrüh schnüre ich erstmals seit fast drei Monaten wieder die Laufschuhe in Leipzig. Ich bin noch im Klinikmodus und kurz nach sechs wach. 6:45 Uhr bin ich auf der Piste. Die Stadt ist leer und verschlafen. Zwei, drei Jogger sehe ich, einige Menschen sind mit Hund, einige Spaziergänger nur mit sich allein unterwegs.
Obwohl es nur um die null Grad sind, ist es offenkundig Frühling. Im Auenwald bedeckt ein Meer aus Bärlauch den Boden. Erste Bäume und Büsche stehen in voller Blüte. Über dem Fußballplatz und dem Fluss wabert nach dem Regen am Vortag noch etwas Nebel. Enten schwimmen vorbei. Zwei Spechte hämmern ein Duett in die Bäume.
Nach dem Duschen machen meine Frau und ich einen längeren Spaziergang und kaufen am Ende beim Bäcker frische Brötchen -welch ein Genuss nach zweieinhalb Monaten Aufbackware in der Klinik! Ebenso erfreulich ist, endlich anderen Käse essen zu können als den stationären in den Varianten „milchbasiert“ oder „vegan“.
Bei „vegan“ muss ich an den letzten Patientenabend denken: Auf Wunsch einer Mitpatientin, die uns in ein paar Tagen verlässt, wurde gegrillt. Ich betreute den Holzkohlegrill. Mir war nicht bewusst, wie aufwendig es ist, darauf veganes Essen zuzubereiten. Die auf pflanzlicher Basis und mit sehr viel Chemie produzierten „Vürste“ zerbrachen beim Wenden. Die Pilze in Alufolie brauchten fast eine Stunde, um zart zu werden. Die Gemüsespieße waren entweder noch roh und halb verbrannt.
An der Feuerschale holte eine Patientin ihre Gitarre hervor und spielte einige Lieder. Ich erkannte nur das von AnnenMayKantereit. Ich saß seltsam distanziert, fast ein wenig wütend dabei – das war nicht meine Situation, nicht mein Moment, nicht mein Freundeskreis. Es fühlte sich falsch an. Ich wollte mich nicht der Gitarre hingeben, nicht andächtig diesem sentimentalen Gesäusel lauschen.
Neunzig Minuten sind der vorgegebene Rahmen für so einen Abend. Inzwischen waren inklusive des Grillens fast zweieinhalb Stunden vergangen. Mehr als genug Zeit für etwas, das in meinen Augen lediglich eine Pflichtveranstaltung ist. Also stand ich auf und sagte: „Mir ist kalt“ – was stimmte – „ich mache jetzt Schluss.“ Als hätte jeder nur darauf gewartet und es wieder einmal keiner gewagt auszusprechen, sind fast alle sofort aufgesprungen und strömten, etwas Krempel einsammelnd, ins Haus. Nochmal: Leute! Wo, wenn nicht hier, könnten wir lernen, unsere Meinung zu sagen und unsere Wünsche zu äußern?
Doch das Ende meiner Klinikzeit ist nah. Nach Ostern bin ich wieder frei. Geheilt? Nein, wie könnte man vom Leben auch geheilt sein. Gefestigt? Ja. Zuversichtlich? Ja. Schlauer? Auch das. Ein wenig zumindest – und auf jeden Fall um einige Erfahrungen reicher.
Christoph Sanders, Thalheim
Am Mittwoch ist der Frost verflogen. Ein sonnendurchströmter Tag, also aufs Rad! Ich hätte Schutzcreme auftragen sollen. Ich schaffe es bis zum Fahrradladen – Rekonvaleszenzrekord! Mit dem Gesellen durchgespielt, auf welche Weise heutzutage Räder verkauft werden: Die wichtigsten Plattformen sind Instagram und TikTok. Er zeigt mir die Shorts diverser Bike-Influencer und gesteht mir offen seine eigene Sucht nach den Reels – und genau darüber läuft dann das Marketing. Eine Firma wie Canyon Bike investiert massiv Zeit und Geld, um auf diesen Portalen oben zu stehen. „Oben sein“ bedeutet, vom Algorithmus gut platziert und somit für viele sichtbar zu werden – das Salesforce-Arsenal aus Marktforschung, Ankündigungen und Verkauf ist inzwischen nahezu komplett ins Netz gewandert. Nur die Reparaturen muss dann noch jemand im analogen Raum erledigen.
Der Einkaufsverkehr trotz der Nachbrenner beim Spritpreis völlig unverdrossen – ich sehe, was an der kleinen freien Tankstelle los ist, wenn der Preis nachmittags unter 2 Euro fällt. Es ist also noch Luft nach oben. Dunkelvioletten Leberblümchen, daneben die gelben Frühblüher. Drosselschlag am Abend. Ich koche eine exzellente Suppe aus Lauch, Zwiebeln, Pastinake, Kartoffeln und Frischkäse. Ich garniere das mit frischem Blatttspinat – andere nehmen lieber Sahne. Nach einer schönen ersten Halbzeit ist Newcastle gegen Barca völlig von der Rolle – Endstand 7:2. Angenehm müde zu Bett.
Auch der Donnerstag von der ersten Sekunde an sehr sonnig -Temperaturanstieg von Null auf Drei in einer halben Stunde. Der Tulpenbaum zeigt seine ersten geöffnete Blüten. Um 8:08 Uhr wird die Biomülltonne geleert. Zur erneuten Auffüllung stehen Astschnitt und volle Laubsäcke bereit. Ich verspüre ein deutliches Ziehen in den Muskeln – also heute kein Radfahren sondern Wandern. Immer abwechseln. Der Inhaber des Radladens erinnerte mich daran, dass Sehnen und Bänder dreimal so lange wie Muskeln bräuchten.
Beim Limburger Trödler nach ein paar Tagen Überlegung doch den Technics-Verstärker mitgenommen und damit den Teenie begeistert: Sade klingt auf einmal voller, schöner, genauer. Beim Kauf entpuppte sich der Händler als Diplom-Sportlehrer mit Rehakenntnissen – er war Fitnesscoach im Gesundheitszentrum Taunusstein und empfahl mir ein paar zusätzliche und vor allem altersgerechte Übungen – Faustregel: Nie zu viel, nie zu schwer trainieren! Im ersten Café am Platze die Eiskugel bei nunmehr knapp 2 Euro. Während ich weiter in Graves‘ Memoir lese, zieht der Feierabendverkehr vorbei – Männer im Überholmodus, ihre Fahrzeuge sind eindeutig Dienstwagen zu identifizieren. Über dem Netto kreist in großer Höhe eine Schar Raben, einige Vögel sind paarweise unterwegs. Am Abend stolpert der Finanzfachmannsohn bei uns rein – morgen früh gehts für ihn dann mit der 7-Uhr-Maschine der Lufthansa weiter nach Stockholm.
Der Freitag sehr frühlingshaft, viele abgetönte Farben in Baum und Busch. Leicht diesige Stimmung, gegen Abend dann mehr Wolken, angenehme Milde. Die Vollblüte der Pappel beginnt. Im Dorf nun überall Rotschwänze, die um die Scheunen wirbeln. Wir müssen uns immer wieder sagen, wie schön es hier ist. Zum Oolong Schubert mit Radu Lupu – was für ein Glück, so eine CD zum Preis von einem Liter Diesel bekommen zu können! Weitere Rad-Blog-Korrekturen – ich muss strenger mit der Sprache sein! Zum Glück sind die Ereignisse aus dem Jahr 2021 noch so gegenwärtig, dass es mir leicht fällt, Stimmungen und Situationen genauer zu beschreiben. Ich höre ein Gespräch zwischen zwei französischen Schriftstellern. Beide sagen, die guten Dinge geschähen im Kleinen, vollzogen von Menschen, die aus Überzeugung handeln, ohne Wunsch nach materiellem Gewinn oder öffentlicher Anerkennung – als Beispiel wird ein alter Militär genannt, der in den Pyrenäen Kruzifixe und Wegmarken repariert. So etwas kannst du nur, wenn du dir deine eigenen Werte und Ziele nicht permanent von anderen vorschreiben lässt. Um diese Art der Selbstermächtigung sollte es uns allen gehen. Samen für Petersilie und Schnittlauch besorgt. Ein angenehmer Tag. Freude aufs Bett.
Am Samstagvormittag wieder ins Reich des Raben. Sie sind sehr vernehmbar gerade, jagen alles was ihnen nicht passt. Schöne Rufe, schönes Flugbild. Aus einer Art, die in meinem ersten Biologiebuch („Das Tier“) noch als selten und gefährdet bezeichnet wurde, ist hier eine Kolonie über mindestens drei Hügel erwachsen. Kurzer Plausch mit einem vierundachtzigjährigen Mopedspezialisten, der immer noch seine Zündapp bewegt. Er gibt acht, dass die Polizei ihn nicht aus dem Verkehr zieht. Nach dem Mittagessen Familienausflug.
Besuch bei einem Ehepaar in Rheinland-Pfalz, das die alte BRD auf den Punkt symbolisiert: Er, Jahrgang 1940, einst technischer Außendienst für Metalle und Legierungen. Provisionen reinvestiert, so aus zwei Häusern fünf gemacht. Da handwerklich begabt, die eigene Hütte gefliest. Wohnzimmer mit holzgetäfelter Decke und Ledersesseln. Echte Teppiche. Vier Oldtimer angeschafft – in der beheizbaren Garage so viel Licht, dass er sie makellos gewienert bekommt. Die Rentenerhöhung für die Eltern kam mit Brandt, nun wurden auch Vaters Gefangenschaftsjahre angerechnet. Seitdem gab es für die Familie nur die SPD. Aber jetzt weiß er auch nicht mehr, wie es weitergeht – in den letzten zwanzig Jahren war hier so viel Schwund, dass er unser Land einfach nicht mehr wiedererkennt.
Das Politikrauschen mit der Realität abgleichen: In den offiziellen Erzählungen wird über „Facharbeiterabkommen“ schwadroniert – das eigentliche Gerüst sind die anderen, die Schattenbrigaden, diejenigen, die unsere Alten pflegen oder im Dorf die nächsten hundert Meter Internetkabel legen. (Übrigens in völliger Eintracht, wenn der Pole am Wochenende zum Muslim sagt: „Du feiern ohne Alkohol.“) Im Hintergrund wird gerade der tatsächliche Preis für die Osterkurztripps verhandelt. Wo kaufen die Airlines ihr steuerfreies Kerosin? Oder brauchen sie die Lager auf? Jedes stehende Flugzeug ist verdammt teuer. Was mir völlig fehlt, ist eine Welt, die signalisiert, darauf v-e-r-z-i-c-h-t-e-n zu können. Erinnern wir uns an Selig Covid mit seinen geräuschlosen blauen Himmeln, was dann lediglich ein romantisches Intermezzo geblieben ist. Ich schaue mit meinem Teenager „Wuthering heights“ – sie ist völlig empört über die amputierte Neuverfilmung des Stoffs. Zum Abend frische Suppe.
Der Sonntag sonnig und trocken. Die Obstbäume noch nicht dran: At risk in case of coming frost. Mit den Töchtern Ballettübungen („demi plié“) zur Muskelbildung, vor allem Dehnungen. Körperspannung aufbauen. Es hilft und ist angenehm. Sichtung einer wunderschönen Waldtaube in der Birke, außerdem Verkostung eines Bananenbrotes.
Robert Graves Autobigrafie ist bis zum Ende beeindruckend – ein Monolith. Der Lungendurchschuß an der Somme rettet ihm vermutlich das Leben. Da er überzeugt ist, dass die umsichtige Führung durch einen fronterfahrenen Offizier wie ihn viele Leben retten kann meldet er sich, kaum ausgeheilt, zum Dienst zurück – die Tyrannen, die sich an Subalternen austoben und sie in aussichtlose Aktionen schicken, sind ihm zuwider. Der Zustand seiner Nerven ist desaströs – Shell Shock, Visionen von Leichen auf der Straße, die Gesichter von verstorbenen Kameraden tauchen vor ihm auf, jeder fremde Geruch wird als Gasangriff gelesen. Über zehn Jahre plagen ihn posttraumatische Beslastungsstörungen. Nach dem Krieg trifft er als Dozent in Oxford auf andere junge Veteranen – mit Lawrence von Arabien bespricht er neue Dichtung. Er hat eine junge Familie zu ernähren. Robert Graves hat zwei der verlustreichsten Schlachten des Großen Krieges überlebt: Loos im Oktober 1915 und die an der Somme im Juli 1917. Die aktuelle Michelinkarte verzeichnet dort über ein dutzend britischer Friedhöfe. Ich werde Teile des Buches noch einmal lesen. Aber es warten auch schon andere Werke auf mich.
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Was mich zunehmend nervt, ist, dass ständig die obligatorischen Gruppenwanderungen ausfallen. Natürlich konnte und werde ich für mich selbst für Ersatz sorgen, denn die „imaginären Wanderungen“, die stattdessen angeboten werden, sind nun wirklich keine Alternative: Eine therapeutisch geschulte Pflegerin nimmt uns mit auf sogenannte „Traumreisen“. Dabei läuft esoterische Musik inklusive Wasserrauschen und Gezwitscher – wir Psychos sollen die Augen schließen und uns auf die säuselnde Stimme einlassen.
Nun habe ich tatsächlich Phantasie und Vorstellungsvermögen. Ich kann also durchaus folgen, wenn eine Stimme raunt, dass ich mir vorstellen solle, dass ich mich einem Garten befinde. Was mich als rational denkenden Menschen irritiert, ist das inflationär verwendete Wort „vielleicht“. Das geht dann beispielsweise so: „Vielleicht ist in dem Garten eine Bank. Und du setzt dich darauf.“ Und wenn da keine Bank ist? Falle ich dann auf den Allerwertesten? Während ich noch über diese existenzielle Frage grüble, „… erscheint daneben vielleicht ein Obstbaum …“ Also, erscheint er nun oder erscheint er nicht? „… vielleicht ein Apfelbaum oder ein Birnenbaum, vielleicht ein Baum mit Aprikosen …“ Das ist eine für Allergiker nicht unerhebliche Frage, jedoch müssen die da jetzt ohne Rücksicht auf Verluste durch, denn: „… Du pflückst dir eine Frucht, beißt hinein und schmeckst die saftige Süße“. Es sei denn natürlich, du erleidest einen allergischen Schock, bevor da „vielleicht ein Springbrunnen“ auftaucht, mit dessen Wasser du dir den Mund ausspülen könntest.
Wenn ich das höre, verspüre ich einen Anflug von Zerstörungslust. Ich sitze dann gedanklich in schwerem Gerät – vielleicht in einem Traktor, vielleicht in einem Radlader, vielleicht in einem Leopard 2 -und pflüge damit durch den Garten, zermalme die Vielleichtbank, entwurzle den Vielleichtbaum und walze den Vielleichtbrunnen platt, sodassaus den geborstenen Leitungen Wasserfontänen nach oben schießen. Ha! Da soll mal einer behaupten, ich hätte keine Gefühle!
Zumindest eine dieser „Traumreisen“ muss ich leider noch über mich ergehen lassen, bevor der Karfreitag und meine Entlassung weiteren Vielleichtausflügen ein entschiedenes Ende bereiten.
Auf dem Klinikgelände treffe ich öfter auf einen älteren Mann. Er ist schätzungsweise in den Sechzigern, trägt zumeist eine blaue Jacke und eine graue Jogginghose, schiebt einen Rollator vor sich her und raucht dabei. Aufgrund der verwaschenen Sprache und der unsicheren Gangart vermute ich, dass er eine Art Behinderung aufweist, vielleicht infolge eines Schlaganfalls oder Unfalls. Da er stets ohne Begleitung unterwegs ist, scheint er jedoch nicht voll pflegebedürftig zu sein.
Ich schätze an diesem Herren, dass er bei jedem Wetter und irgendwie auch zu fast jeder Tageszeit auf den Beinen ist. Jeden, dem er begegnet, begrüßt er und verkündet mit rauher Stimme die Tageszeit und den Wochentag: „Guten Tag, schönen Montag“ oder „Guten Morgen, schönen Donnerstag.“ Und ab Mittwoch fügt er ein „Und ein schönes Wochenende“ hinzu, und seit dieser Woche zusätzlich: „Und schöne Ostern“.
So einfach ist es, anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
So wie der ältere Herr rauchen hier viele der körperlich Behinderten. Es wäre interessant zu wissen, wann und wo sie zu diesem Laster gekommen sind. Ich beobachte es auch bei meinen Mitpatienten: Ehemalige Raucher greifen während des Klinikaufenthalts wieder zur Zigarette oder zum Verdampfer, Gelegenheitsraucher intensivieren ihren Konsum. Zum einen ist es sicherlich eine Kompensation für unbefriedigte Bedürfnisse, zum anderen eine Ablenkung von der Langeweile. Bei einigen könnte auch der Stress durch den ungewohnten Tagesablauf und die Therapien hinzukommen.
Denn in der Gruppentherapie fließen jetzt wieder mehr Tränen, da für einige von uns der Entlassungstermin näher rückt. Die alten Ängste kehren zurück. Angebote, zwei Wochen nachzulegen oder in Bälde wiederzukommen, werden unterbreitet. Viele haben das hier als eine Art Auszeit mit Begleitprogramm wahrgenommen, doch nun stellen sie fest, dass sie sich besser ernsthaft mit ihren eigenen Problemen hätten auseinandersetzen sollen. Ich erinnere mich, wie ich anfangs von einigen Mitpatienten wegen meiner Wanderungen, Läufe und Fitnesseinheiten belächelt oder sogar kritisiert wurde. Und doch bin ich jetzt wohl einer der Wenigen mit einer Idee und einem Ziel für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt. Ich habe vieles über mich gelernt und werde die verbleibenden knapp drei Wochen eher absitzen als dass ich sie noch dringend benötige.
Aber jetzt fahre ich erst einmal für zwei Tage nach Hause!
Der Samstagmorgen ist kalt und der Bus pünktlich. In Genthin habe ich gut zwanzig Minuten Aufenthalt. Der Bahnhof besteht nur noch aus Bahnsteigen und einer Bushaltestelle. Das ungenutzte Gebäude ist voller Graffiti und von Abfall und Schrottfahrrädern umrahmt. Im vermutlich seit Jahren geschlossenen Imbiss steht auf einem übriggebliebenen weißen, dreibeinigen Stehtisch ein letztes, leeres Glas. Auf einem mit Sperrholz vernagelten Fenster erinnert ein verblasstes Plakat an eine „Interkulturelle Woche“. Als ob das hier, außerhalb großstädtischer Fördergeld-Blasen, ernsthaft jemanden interessieren würde.
Bei der Deutschen Bahn läuft alles wie immer: Eine Stunde vor der Abfahrt sind bereits fünfzehn Minuten Verspätung ab Magdeburg angekündigt. In Magdeburg spielt die Bahn „Bäumchen wechsle dich“: Viele Züge kommen auf anderen Gleisen an als geplant und fahren auch von abweichenden Bahnsteigen ab. Ein kleines Fitnessprogramm für die Reisenden, die mit schwerem Gepäck die Treppen rauf und runter hasten. Hurra!
In Leipzig holt mich die Familie vom Bahnhof ab, von wo aus wir essen gehen. Dank meiner Frau, die anscheinend viel stärker ist als ich, haben meine beiden Kids etwas Orientierung gefunden. Ein Kind hat am Montag als Bufdi bei der Blutbank der Uniklinik angefangen, das andere schreibt gerade Bewerbungen und übernimmt viele Arbeiten im Haushalt. Vielleicht brauchen wir alle einfach etwas mehr Gelassenheit und Vertrauen in den natürlichen Lauf der Dinge.
Lore Morr, Parchim
Auch wenn es noch zwei Wochen bis Ostern sind, habe ich bereits alles geschmückt und erfreue mich beim Frühstück und Abendbrot, wenn ich vom Küchentisch auf den Balkon blicke. Die Kirschzweige habe ich in dem kleinen Blumenladen „Blütezauber“ hier in der Nähe in der Fichtestraße gekauft. Die werden von Jahr zu teurer, aber das ist mir meine Freude wert. Man muss es sich doch schön machen!
Am Donnerstag kam meine Pflegerin Manyi ganz aufgelöst und mit Verspätung bei mir an. Vor mir fährt sie immer noch zu zwei anderen Frauen – und die hatten an dem Morgen oder in der Nacht beide einen Schlaganfall! Manyi hatte so etwas noch nie vorher gesehen – zum Glück werden die Pflegerinnen auch in Erster Hilfe trainiert, so dass sie wusste, was in so einem Fall zu tun ist. Natürlich war sie trotzdem sehr geschockt. Bei mir bekommt sie ja immer einen Cappuccino und ein Stückchen Kuchen, danach gings ihr besser. Sie erzählte ein wenig aus ihrer Heimat Bulgarien, wo durch die Einführung des Euro nun alles teurer geworden ist. Wenn nicht so viele Kleingärten hätten und selbst Einkochen und Einwecken würden, wäre die Not groß. Das kenn ich ja noch aus der DDR, da lebten wir auch von unseren Gärten. Das einzig Gute am Euro ist, dass sie nun ihrer Mutter einfacher Geld schicken kann. Wenn ich mich nicht mit ihr unterhalten würde, wüsste ich gar nichts über Bulgarien – im Fernsehen wird darüber nicht viel berichtet, außer es sind dort gerade Wahlen. Ich bin mit meiner Manyi sehr zufrieden, sie ist die Einzige, die von sich aus sieht, was getan werden muss. Trotzdem wird sie von einigen als „Zigeunerin“ beschimpft und ihr unterstellt, dass sie klauen würde, was mich sehr traurig macht. Manche Menschen sind einfach böse.
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Wie Thomas Mann seinen Helden im „Zauberberg“ sinnieren ließ, ist die Zeit etwas seltsam Relatives. Neun Wochen sind nun vorbei. Die ersten Tage schienen überhaupt nicht zu vergehen; als dann die Gewöhnung einsetzte, verstrichen sie in wohliger Eintönigkeit erstaunlich rasch. Doch jetzt, wenige Wochen vor dem Abschluss, verläuft wieder alles wie in Zeitlupe. Je näher der Abschied von der Anstalt kommt, desto weiter scheint er entfernt. Die schönen Momente, die es immer wieder gab, sind fast alle verflogen – hätte ich nicht das Tagebuch geführt, wäre mir nur wenig im Gedächtnis haften geblieben. Zurück bleibt der bittere Geschmack einer Erfahrung, auf die ich hätte verzichten können – der Therapiebetrieb und ich gehören einfach nicht zusammen. Aber ich will nicht zu hart urteilen: Die Auszeit kam zum richtigen Zeitpunkt, und manch spannendem Menschen wäre ich sonst nie begegnet. Vor allem aber hätte ich diesen zauberhaften Landstrich nie so eindrücklich erlebt.
Wobei der Therapiebetrieb das mit der Kompatibilität naturgemäß anders sieht – in der Teamvisite wurde mir bereits jetzt empfohlen, für drei weitere Monate herzukommen (dabei bin ich doch noch drei Wochen hier?) Ich hatte meiner Therapeutin im Einzelgespräch von den Gedanken erzählt, die ich mir zuletzt gemacht hatte – von der Erkenntnis, dass es wohl mein Schicksal sei, anders zu sein als die meisten und für diese eine Art Gegenbild abzugeben, wofür man auch schon mal angefeindet wird. Das machte die Runde unter ihren Kollegen und kam in der Visite mit Chefarzt, Oberarzt, Therapeuten und Pflegern als Bumerang zu mir zurück: „Da begeben Sie sich ja direkt in eine Märtyrerrolle.“ Aus Sicht des Fachpersonals sei das nicht gut. Außerdem müsse man noch über meine Aggressionen sprechen. Selbst wenn ich sie gegen mich richte, wirken sie auf andere – und kommen über deren Reaktion wieder bei mir an. Daran solle ich arbeiten. Am besten in weiteren zwölf Klinikwochen.
Als ich mich später mit zwei Mitinsassen darüber austausche, erzählt der eine, dass er ebenso am Thema Aggression arbeiten solle, und beiden wurde nahegelegt, noch einmal hier einzukehren – ist es auch Wahnsinn, so hat es offenbar Methode.
Vielleicht spielt das Team ja vor jeder Visite Therapeutenbingo? Zur Auswahl stehen:
– Die schlimme Kindheit.
– Die Eltern sind schuld.
– Unterdrückte Gefühle.
– Aggressionen.
Und als Joker:
– Gehe weitere zwölf Wochen in die Anstalt:Ja – nein – vielleicht.
Am Dienstag sprechen mich zwei junge Mitpatientinnen an, weil sie mit mir joggen wollen. Ich mache ein Einsteigertraining – eine Minute langsam laufen, eine Minute gehen, immer im Wechsel. Die Zwanzigjährige ist so voller Freude, dass sie gar nicht gehen mag, sondern in der ruhigen Minute hüpft, vorwärts und rückwärts rennt, die Arme hochreißt und dabei aus jeder Pore pures Glück verströmt. Wie ein jubilierender Schmetterling tanzt sie über den Waldweg. Weiß Gott, allein dafür habe ich die acht Wochen Spott vonseiten der Mitpatienten über meine Einladungen zum Sport gern ausgehalten.
Als am Mittwoch in der Gruppentherapie jemand sagt, dass er traurig darüber sei, dass er in neun Monaten überhaupt keinen Fortschritt gemacht hat, schildere ich diesen Moment der Freude – Augenblicke wie diesen sollte doch jeder erlebt haben und von hier mitnehmen können. Die Tänzerin und die Geherin bestätigen, wie schön unser gemeinsame Nachmittag für sie war. Und trotzdem fragt mich anschließend jemand, was das alles mit mir zu tun habe – er konnte aus meiner Schilderung keinerlei Gefühle heraushören. Puh, dann muss ich wohl damit leben, als gefühllos zu gelten.
Am Tag darauf hängen wir in der nächsten Gruppentherapiestunde in der üblichen Schleife aus Schuldgefühlen, unterdrückten eigenen Wünschen und Angst fest. Mir platzt der Kragen: „Bevor es losging, hast du, Frau A, gesagt, dass es dir nicht passt, dass Frau B ein Kaugummi kaut. Und du, Frau B, hast daraufhin dein Kaugummi in ein Taschentuch gespuckt und es weggeworfen. Warum hast du nicht einfach gesagt, ‚Fick dich, das ist mir doch egal, ich will jetzt Kaugummi kauen!‘ Entschuldigt die Wortwahl, aber wo, wenn nicht hier, können wir einfach mal sagen, was wir selbst wollen?“ Erstaunte Blicke, vereinzeltes Kichern und Zustimmung. Und eine schockierte Frau A, die ich im Anschluss wegen der Wortwahl nochmals persönlich um Entschuldigung bitte.
(Sind das die Aggressionen, derentwegen ich für drei weitere Monate in die Anstalt gehen sollte?)
Mein Mecklenburger und ich sind wieder viel gemeinsam draußen unterwegs. Das eine Mal fragt er, warum ich so langsam gehe. Ich antworte: „Na, das liegt daran, dass es so viel zu entdecken gibt!“
Die Weiden tragen bereits frisches Grün. Der erste Storch ist aus dem Süden zurück. Die Kühe sind nicht nur wieder auf der Weide, sie haben auch Kälber dabei. Ein Baum hat ein Loch im Stamm, durch das man die Kirche sehen kann – warum habe ich das nie zuvor bemerkt? Die vielen Wildgänse sind weitergezogen, nur ein paar Nachzügler (oder sind es Standvögel?) beschweren sich lauthals schnatternd, wenn man sich dem Altarm der Elbe nähert.
Es ist wunderschön hier – wenn man sich nur darauf ein- und die scheinbare Geborgenheit der Klapse verlässt. Und vielleicht bekommen mein Landsmann und ich demnächst dabei Begleitung – es gab in dieser Woche weitere Neuzugänge älteren Baujahrs, die schon einige Stürme erlebt haben, bissigen Humor gut ertragen und vor allem unternehmungslustig sind.
Mein Ausreiseantrag für die Wochenendheimfahrt wurde genehmigt. Zu spät für die Sparpreise der Bahn – dafür streikt jetzt der ÖPNV in Sachsen-Anhalt, sodass ich am Samstag möglicherweise nicht mit dem Bus nach Genthin komme. Irgendwas ist ja immer.
Susanne Kasperowski, Gadebusch
Außenkamera Garten, 02:00:25, 18-03-2026
Christoph Sanders, Thalheim
Am Freitag in der Zeit ein interessantes Interview mit Wolfgang Kleff. Wenn ich sehe, wie wenig die nächste Generation um dein Wort gibt, glaube ich nicht, dass ihm jemand zuhören wird. Wir letzten Kinder des Mangels stehen drei Generationen gegenüber, die die Erfahrung der Knappheit nie gemacht haben. Im Schulfahrtballett ist mein Sohn heute spät dran – die Haarkosmetik ist wichtiger als ein Frühstück. Er trinkt ein Glas mit dem neuen Kreatinpulver, das gestern per Post kam. Dann nimmt er schnell zwei Brotschnitten mit – unbelegt. Die Weide steht nun in vollster Blüte. Man sieht ja nur im Frühling, wie erfolgreich gewisse Baumarten und Sträucher sind. Im DLF höre ich im Rahmen der Religionssendung „Lebenszeit“ eine Abhandlung, warum Dating-Apps das Beziehungsverhalten nicht stabilisieren.
Zu Fuß auf den Berg – ich muss auch das Gehen trainieren. Die Einkaufsrunde dauert dadurch eine Stunde länger als mit dem Rad. Aus dem nur drei Kilometer entfernten Schlaraffenland nehme ich Mandarinen, Bio-Honig, Brokkoli und diverse Milchprodukte mit. Beinahe den nächsten 2000er Verstärker von Technics gekauft – mit Schuberts Piano-Sonate No. 15 mit Uchida kompensiert. Auf dem Hin- und Rückweg versuche ich mit dem Fernglas neue Vogelarten zu erspähen. Ich erwische einen Milan beim Pflücken einer Maus – er trägt sie minutenlang im Schnabel umher, vermutlich heim an den Herd. Ich bin gerade noch rechtzeitig vor dem Landregen zurück.
Die Kids berichten von neuen Ulktechniken aus dem Klassenraum: Eine Gruppe von Jungs lässt über mehrere iPads parallel YouTube-Videos mit Hochfrequenztests laufen. Den Ton im Bereich von 11 oder 12 kHz können nur die Mitschülerinnen und Mitschüler in der Nähe hören – die Lehrkräfte wundern sich über die Unruhe. Hach!
Am Samstagvormittag 6 Grad und leichter Regen. Die Pollen-App warnt vor Weide und Ulme – wegen Fallouts bitte das Haus nicht verlassen! Es sprießt munter weiter. Bei den Pappeln hat man den Eindruck, dass sie sich am ganzen Körper verfärben. Mit einer wenig kooperativen Tochter Einkäufe erledigt – sie sucht nur das , was sie interessiert, hat aber ein paar lichte Momente. Sanfter Prostest, als ich sie in den 150 Meter entfernten Rewe vorschicke. Der Grund dürfte nicht der Weg gewesen sein, sondern die Überforderung vor den Konfitüremetern. Größte Herausforderung war es, das richtige Magnesium für den Sohn mitzubringen. Ein einziger Anbieter hat Magnesiumcitrat als Basis. Die übrigen sind das für den Körper minderwertige Mg. Man muss man gute Geschäfte machen in dem Bereich. Wir sichten ein Grünen-Plakat, auf dem das Gesicht übersprayt ist und jemand zweimal „AfD“ daneben geschrieben hat. Morgen ist Kommunalwahl. Es fällt auf, wie häufig inzwischen freie Wählergemeinschaften die Bürgerämter besetzen – so macht man auch die alten Parteien überflüssig. Wieder zu Hause, retten wir einen außergewöhnlich langen Wurm von der Kellertreppe und setzen ihn im feuchten Garten ab. Am Nachmittag Vorbereitung einer Englischarbeit und Computerschach. Unser Teenie backt einen formidablen Möhrenkuchen. Der wird den morgigen Tag krönen.
Am Sonntag Ankunft eines Hausrotschwanzweibchens.
Ein Frühlingsmontagmorgen mit Schauern, dichten Wolken und durchbrechender Sonne. Starkes Licht. Im Haus neue Tulpen aus dem Supermarkt, während die Naturvariante im Garten Zentimeter um Zentimeter nach oben strebt. Auch die Blüten am Tulpenbaum stehen kurz vor der Öffnung. Zweimal zum kleinen Reitübungsplatz geradelt. Ein schmuckloser Ort am Basalthügel, der bis von einigen Jahren als Steinbruch diente und nun verfüllt wird. Der Platz hat keinen Namen. „Namen gibt man Stallungen nur, wenn man als Eigentümer besonders schnell zahlende Kundschaft anwerben will“, sagt meine Jüngste. Ich spüre mein gestriges Training – ein Ziehen am Oberschenkel und in den Adduktoren. Salat in trauter Umgebung.
Ich beginne die Autobiografie von Robert Ranke-Graves. Nüchterne Erzählsprache, wenige Similes oder metaphorische Wendungen. Drittjüngstes von zehn Geschwistern, eine genaue Darstellung der Kindheit und des Schulsystems. Er räumt mit zwei Fantasmen gleichzeitig auf, die bis heute Belletristik und Filme befeuern: die heroischen Mythen aus dem ersten Weltkrieg und die Erziehung in den britischen Public schools. Alles steht unter dem Raster von Klasse und Rang – ein guter Schlüssel zu den feinen Differenzen zwischen den Gesellschaftsschichten und Counties. Der offene Blick des Dichters für die bizzarre Schönheit zerschossener Dörfer. Die präzise Beschreibung feindlichen Feuers, die neu entwickelten Sinne für Gefahr. Daneben der Schützengraben- und Regimentsalltag. Zwei Ratten, die sich um eine abgerissene Hand kabbeln. Wie gut, dass wir weit, weit entfernt von 1914 entfernt sind! Immer wieder daran erinnern, dass wir hier immer noch im Paradies leben …
Erstausgabe; Verlag Jonathan Cape, London, 1929
Am Dienstag vorsichtige Erweiterung des Radius – acht Kilometer sind es bis Hadamar, der Stadt im Elbbachtal. Die Expedition gelingt – zum ersten Mal seit vier Monaten verlasse ich auf dem Rad die Gemeindegrenzen. Beim Überwinden der leichten Höhenzüge muss nicht einmal tief in die Kiste mit den Rettungsübersetzungen greifen. Bis auf die fehlende Kraft im rechten Bein kommen die stärksten Signale aus der Umgebung des Knies: Bänder und Sehnen und die anliegenden Muskeln haben schon lange nicht mehr richtig arbeiten müssen. Doch es geht. Die bei Abfahrt noch graue Luft hat einem leichten Himmel mit Frühlingswolken und einer kräftigen Sonne Platz gemacht. Ich komme müde, aber nicht erschöpft zurück. Es geht!
Weiter in Graves‘ Autobiographie. Die Anatomie oder besser: die Topologie des Krieges in Schützengräben. Eine Gasattacke, die völlig schief geht, das Bergen der Verwundeten. Die Abstumpfung der Sinne im Lauf des Einsatzes, was auch mit einer bestimmten Schlílddrüsenfunktion zusammenhängt – es kommen immer weniger klare Entscheidungen zustande, Gleichgültigkeit setzt ein. Eine Binnenlogik, die mit dem bisherigen Alltag nichts zu tun hat – sonst würde man die Grausamkeit und das Unrecht keinen Moment lang ertragen. Er weiß, dass er irgendwann zusammenbrechen wird – nicht schreiend davonlaufen, nicht durchdrehen – einfach nervlich zusammenbrechen, weil das System Körper kapituliert. Der Schock dann beim Urlaub in London. Wenn Graves ansetzt, die Front zu beschreiben, blocken alle sofort ab, hören weg. Er geht folgerichtig zwei Wochen wandern. Als die Kameraden das hören, finden sie, dass er offenbar keinen Urlaub nötig habe, weil er damit „nichts anfängt“. Ich mag den exakten, nüchternen Ton des Berichts. Die Emotionen stecken im Ungesagten.
Ein Tag voller Chauffeursdienste, am Abend eine letzte Runde zum Bahnhof Limburg-Süd.
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Auch am Sonntag regnet es. Das tut gut. Und es ist deutlich kälter geworden. Das nervt. Nach dem Mittagessen schwinge ich mich auf mein Fahrrad. Bereits nach den ersten fünfzig Metern merke ich, dass ich zu dünn bekleidet bin. Aber ich möchte nicht noch einmal das Rad anschließen, um eine Jacke und andere Handschuhe zu holen. Also muss es reichen, schnell zu fahren.
Mein Ziel ist das etwas mehr als 20 Kilometer entfernte Rathenow. Unterwegs gibt es nicht viel zu entdecken. Hier im Gebiet zwischen Elbe und Havel gibt es auch kaum noch Radwege. Ich fahre die meiste Zeit über Nebenstrecken. Im Ort spaltet sich die Havel auf mehrere Arme. Um die Kirche herum findet man einige alte Häuser, die übrigen wurden im Krieg zerstört. Ich würde mich gerne bei einer Tasse Kaffee aufwärmen, doch außer Tankstellen hat nichts geöffnet. Ich verlasse die Stadt ohne etwas Warmes im Bauch.
Zurück nehme ich einen anderen Weg. Ich passiere dauerhaft geschlossene Gasthäuser, alte Kirchen, Kriegerdenkmäler und einen Sportplatz, auf dem zwei Jugendmannschaften Aufwärmübungen machen. Dann geht es in den Wald, auf eine Trasse, die parallel zur ICE-Strecke zwischen Berlin und Stendal verläuft. Alle fünf bis zehn Minuten donnert ein Zug an mir vorbei. Wer zufällig aus dem Abteilfenster schaut, sieht einen Verrückten auf einem Fahrrad.
Kurz vor Schönhausen erstreckt sich ein Truppenübungsplatz. Ich erreiche die Stadt aus einer anderen Richtung als am Samstag. Mich begrüßen ausgedehnte Pferdeställe, Koppeln und Reitplätze. Ich entdecke das frühere Gut der Familie von Bismarck. Ein Café oder Ähnliches entdecke nicht. Also geht es durchgefroren weiter.
Auf dem Deich tauchen zwei Hasen vor mir auf. Obwohl ich mit knapp 30 km/h unterwegs bin, hängen sie mich mühelos ab. Dann kreuzen drei Rehe meine Bahn – das letzte entkommt auf dem neben uns verlaufenen Weg nur knapp einem Auto.
Am Ende sind es rund 65 Kilometer, die ich unterwegs bin. Bei etwas höheren Temmperaturen wäre der Ausflug deutlich angenehmer gewesen – aber es ist nichts, was eine lange, heiße Dusche nicht richten kann. Nach der obligatorischen abendlichen Dorfrunde mit dem Mecklenburger falle ich früh ins Bett. Ich überlege, ob der uns erlaubte 25-Kilometer-Umkreis um die Klinik den Durchmesser meint und nicht den Radius, wie ich angenommen hatte. Egal – wer nicht fragt, bekommt auch keine enttäuschenden Antworten.
Postkarte von Oskar Herrfurth; Farbenphotographische Gesellschaft Stuttgart, 1913
Am Montag ist nach einer Woche Abwesenheit wieder meine Einzeltherapeutin im Dienst. Während der von ihr geleiteten Gruppentherapie spreche ich meinen Wunsch an, am Wochenende nach Hause zu fahren. Ich habe den entsprechenden Antrag dabei.
Bevor sie sich dazu äußert, soll ich berichten, wie die Heimreise am vorletzten Wochenende war. Ich sage: „Schön war es, sehr schön. Wir haben meinen Geburtstag nachgefeiert. Ich habe viele Spaziergänge mit meiner Frau gemacht. Ich habe einen Schrank repariert. Mein Sohn hat mich abgeholt, meine Tochter hat mich zum Zug gebracht. Wir haben uns unterhalten. Schön war es.“ – „Und weiter?“ – „Weiter nichts, es war einfach nur schön.“ – Das reicht ihr nicht: „Nun, Herr Schott, wir sind hier keine Abnickstelle für Anträge. Wir sprechen am Mittwoch im Einzel noch einmal darüber.“
Wie soll man jemanden von Farben erzählen, der blind ist? Wie erklärt man Menschen, die mit Komplexen und Problemen, mit Ängsten und Schuldgefühlen zugeschüttet sind, dass so ein Wochenende des Alltags etwas Besonderes und sehr Schönes ist?
Was für Gefühle wären denn „korrekt“ gewesen, Frau Therapeutin?
Ich bin verärgert! Sehr verärgert! Aber was auch immer einige Therapeuten meinen, in mir sehen zu müssen: Ich bin im Frieden mit mir und werde aus der Zeit hier schon etwas für mich gewinnen.
Beim langen Spaziergang am Sonntagabend, allein auf weiter Flur mit Rehen, Wildgänsen und Krähen, seufzte mein Mecklenburger: „Hier ist alles so weit, und im Haus alles so eng. Die Menschen, die da rumsitzen … das ist alles so beklemmend.“
Therapien schaffen Therapiebedarf.
Es sei denn, es gelingt dir wie Münchhausen, dich selbst aus dem Sumpf zu ziehen.
Am Sonnabendnachmittag zieht es sich nach einer langen Reihe von warmen Sonnentagen zu, wird grau, kühl und windig. Da ich bereits die ganze Woche erkältet bin, gleicht sich das Wetter somit meiner inneren Knochenkälte an. Mein Infektmanagement funktioniert wie immer prima – es ist, als ob die Krankheit gar nicht zu 100 Prozent ausbricht und dazu alles wie in Zeitraffer abläuft. Eine Wohltat, wenn ich das mit früher vergleiche! Da ich huste, nehme ich Bromhexin ein. Dieses synthetische Derivat des Wirkstoffs Vasicin, den man in der Pflanze Adhatoda vasica (bekannt als indisches Lungenkraut, Vasaka oder Malabarnuss) findet, kenne ich seit meiner Kindheit.
Wegen der Erkältung lass ich schweren Herzens das Tischtennis ausfallen und reduziere die gewohnten Stadtgänge aufs Nötigste. Sofazeit – und Gelegenheit, in aller Ruhe ein paar Zeitschriften durchzuscrollen. Und siehe da, gleich zu Beginn gute Nachrichten: An der Universitätsmedizinin Frankfurt am Main darf seit Februar bei Menschen, bei denen kein Antibiotikum mehr wirkt, die gute, alte Bakteriophagentherapie angewendet werden! Phagen sind Viren, die gezielt Bakterien angreifen, die Infektionen verursachen. Sie werden aus Pfützen, Böden oder Abwasser isoliert. Für die Behandlung wird daraus ein individuelles Präparat hergestellt, das genau auf den Erreger des Patienten abgestimmt ist. Obwohl sich die Methode seit über einhundert Jahren in osteuropäischen Ländern bewährt hat, ist sie im Westen nur in Ausnahmefällen zugelassen. Stattdessen setzt man bei uns weiterhin auf chemische Antibiotika – und verschärft damit das Problem der Resistenzen. Ein Teufelskreis. Neben vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks dürfen Bakteriophagen auch in Belgien flächendeckend eingesetzt werden – mit etwas politischem und regulatorischem Willen wäre das auch hierzulande möglich. Frankfurt ist nach Köln, Berlin, Hannover, Regensburg und Rostock die sechste deutsche Stadt, in der Phagen zumindest eingeschränkt zur Anwendung kommen dürfen und Menschenleben retten können.
In der Zeit lese ich ein zum Weinen schönes Interview mit Wolfgang Kleff. Der ehemalige Torwächter von Gladbach spricht über seine Heimatstadt Schwerte, die wegen der Nickelwerke 1944/45 immer wieder bombardiert wurde. Sein Vater, ein Kriegskrüppel, der zu Fuß aus der Gefangenschaft in Russland zurückkam. Ein strenger Mann. Die Mutter, älteste von acht Geschwistern, der milde, ausgleichende Elternteil. Kinder lebten damals die meiste Zeit draußen; die Jungs kloppten sich aus Apfelsinenkisten Tore zusammen und spielten auf der Straße und den Ascheplätzen Fußball („Die Asche ging so tief rein, die hab ich immer noch drin.“) Während ich das lese, kommen Erinnerungen an meine eigene Kindheit hoch: Wer den von Kleff erwähnten „Gehirnerschütterungsball“ auch nur ein einziges Mal im Regen oder Schneematsch geköpft hat, wird das sein Leben lang nicht vergessen. Auch nicht die aufgerissenen Hosen und blutigen Knie oder das funzelige Zwielicht der fernen Straßenlaternen, die im Herbst und Winter unsere einzige Beleuchtung waren, wenn wir zwischen den Wäschestangen des Parchimer Neubauviertels bolzten … Als Jugendlicher sah ich in der Pütter „Schauburg“ Kleffs Gastauftritt im Otto-Film, wo er als „Friseur Astrid“ in legendären Worten die Nylonstrumpfmasken der Bankräuber rügt: „Das ist doch Gift für die Haare! Haar will atmen.“ Ich kann immer noch darüber lachen. Kleff erzählt, dass er das „Wunder von Bern“ nur hören konnte, weil er zu klein war, um in der rappelvollen Kneipe, in der sich 1954 die Nachbarschaft versammelt hatte, einen Blick auf den Fernseher zu erhaschen. Sein Vorbild war dann aber nicht Toni Turek, sondern der große Lew Jaschin. (Ich glaube, es ist das erste Mal seit Jahren, dass in der Zeit ein Russe positiv erwähnt wird.) Kleff berichtet von den Anfangsjahren der Bundesliga, der WM 1974, die er auf der Bank verbrachte. Auf die Gehälter der heutigen Profis blickt er ohne jeglichen Neid: „Neid macht unzufrieden und zieht einen selbst runter. Ich gönn jedem das, was er hat, solange er mir nichts klaut.“ Ein sympathischer, bescheidener Mensch, der in sich ruht und demütig durchs Leben geht – trotz des Schlaganfalls und der schweren Covid-Erkrankung, die ihn zwei Tage lang hilflos und allein in der Wohnung niederstreckte, bis man die Tür aufbrach. Ich freue mich, dass ich ihn noch habe spielen sehen, wenn auch nur im Westfernsehen – ich sehe ihn immer noch beim Elfmeter mit sanft schlenkernden Armen vornübergebeugt auf der Torlinie stehen.
Da es am Sonntag regnet, bleib ich in der Wohnung. Dort ist es auch schön. Ich vergrößer ein Regal – die neuen CDs mit mittelalterlichen Pilgerliedern und ambrosianischen Gesängen aus dem Mailand des 4. Jahrhunderts fordern ihren Platz. In der arte-Mediathek schaue ich die serbische Mini-Serie „Absolute 100“ von Srdan Golubovic zuende. Von der ersten bis zur letzten Minute fesselnd und in allen Rollen punktgenau besetzt; die Filmmusik so, dass ich mir sofort den Soundtrack kaufen würde. Einmal mehr zeigt sich, dass die guten Erzähler unserer Zeit keine Romane, sondern Drehbücher schreiben. Über kurz oder lang wird es zwei Pole geben: Erstklassige Autoren auf dem Niveau großer Literaten werden uns mit ihren komplexen, sprachlich und inhaltlich brillanten Streaming- und Kinogeschichten fesseln, der Rest wird KI-generierte Massenware sein. Am letzten Wochenende lernte ich beim Müllsammeln einen Netflix-Mitarbeiter kennen – Skriptentwicklung, Storyboards, Drehbücher, Musik, Bild- und Toneffekte, Schnitt, Marktanalysen, Werbekampagnen sowie zunehmend auch Schauspieler, Stimmen und die Synchronisation werden mittlerweile mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Er sah das ganz nüchtern und schaut sich nun nach einem neuen Job um.
Der Samstag ist grau, kalt und nieselig, was mich nicht davon abhält, auf mein Fahrrad zu steigen. Die Vormittagsrunde führt über Wust nach Schönhausen. Ich fotografiere in beiden Orten die Kirchen, wobei die Schönhausener deutlich beeindruckender wirkt. Der Turm hat Narben, als wäre er einst vom Blitz gespalten worden. Dohlen bringen zum Nestbau kleine Zweige in die Löcher unter dem Dach.
Eine ältere Frau, die ihr Fahrrad zum benachbarten Gemeindehaus schiebt, spricht mich an. Ob ich die Kirche besichtigen wolle? Eigentlich sei sie über den Winter geschlossen, aber sie hätte heute Nachmittag ohnehin zwei Führungen auf dem Programm. Ich nehme ihr Angebot an. Sie erklärt, dass der Untergrund in Bewegung ist, wodurch sich der Turm in unterschiedliche Richtungen neigt – die „Narben“ kämen von den Reparaturen. Im überraschend barocken Innenraum fragt sie mich, ob ich wegen der Geschichte hier bin. Ich verneine, und sage, dass ich in gewisser Weise auf einer spirituellen Suche sei und momentan gerne in Kirchen gehe.
Und dann fängt sie richtig zu erzählen an: Die evangelische Kirche St. Marien und Willebrord ist, gleich nach der Klosterkirche von Jerichow, eine der ältesten Kirchen der Region. Sie wurde im Jahr 1212 geweiht und ist eng mit der Familie von Bismarck verbunden, die hier lange Zeit lebte. In dem originalen, noch immer erhaltenen Weihwasserbecken empfing Otto von Bismarck 1815 die Taufe.
Noch mehr beeindruckt mich der Jesus am Kreuz, der über uns schwebt. Auch dieser hängt bereits seit 1212 hier. Die Figur wirkt so realistisch, filigran und zeitlos, dass ich kaum glauben kann, dass sie über achthundert Jahre alt ist. Die Führerin bestätigt nochmals das Alter, weiß aber nicht, von wem sie stammt: „Möglicherweise wurde sie von einem Flamen gefertigt. Ursprünglich war die Figur farbig. Bei bestimmtem Lichteinfall sind noch einige der originalen Pigmente zu erkennen. Der Körper war hautfarben, der Schurz blau.“
Sie weist mich auf eine Sanduhr neben der Kanzel hin. So etwas habe ich noch nie gesehen, aber die Dame meint, das fände man häufig in evangelischen Kirchen: „Der alte Fritz hatte ein Gesetz erlassen, wonach Predigten nur noch eine Stunde dauern durften. Sonst gingen diese oft über zwei oder drei Stunden. Wer mehr als eine Stunde predigte, musste zwei Taler Strafe zahlen.“ Die Predigt wurde nach der Laufzeit der vier Stundengläser bemessen – das erste lief eine Viertelstunde, das zweite eine halbe, das dritte drei Viertelstunden und das vierte eine volle Stunde.
Sie könnte mir gewiss noch vieles über die Familie von Bismarck erzählen – über Kriege, in denen die Söhne gefallen sind, über früh verstorbene Kinder, über glückliche Ehen. Doch es ist bitterkalt, und ich bin nur fürs Radfahren gekleidet. Nach einer halben Stunde bedanke ich mich mit einer Spende für die Führung und trete dann kräftig in die Pedale, um mich aufzuwärmen.
Nach einem frühen Mittagessen starte ich, nun etwas dicker angezogen, meine zweite Radtour. Mein Ziel ist Tangermünde. Ich fahre zunächst nach Ferchau, wo ich mit der Fähre ans jenseitige Elbufer übersetze. Dort treffe ich auf keinen einzigen Menschen, dafür läuft mir ein Hase über den Weg. Zwei Kraniche erschrecken mich aufgrund ihrer Größe. (Später bestätigt Wikipedia, dass die Vögel bis zu 130 Zentimeter groß werden.) In Tangermünde sind beim Bäcker meines Vertrauens sämtliche Tische besetzt. Da zudem der Kaffeeautomat defekt ist, muss es eine Kugel Eis in der Waffel richten. 15 Uhr, gerade als der Regen stärker wird, bin ich zurück in der Anstalt. Etwa 76 Kilometer habe ich insgesamt zurückgelegt.
Da ich reichlich gegessen habe, jogge ich am Abend noch eine Runde durchs Viertel um das Klingelände. Auf den Fernsehern, die ich durch die Fenster der Einfamilienhäuser sehe, laufen Fußball, Nachrichten oder Werbung. Im Licht der Laternen zieht der Regen lange Fäden – ein Vorhang aus Wasser. Sanft tropft er auf die Kapuze meiner Winterjacke, die ich ob des deutlich kühleren Wetters wieder hervorgeholt habe. Ich merke, dass ich melancholisch werde.
Ich kaufe im Edeka ein frisches Brot. Obwohl es nur aus dem Backshop kommt, steckt darin ein Vielfaches der Aromen des gratis gereichten, abgepackten Industriebrots, das die meisten meiner Mitpatienten nur getoastet oder mit scharfen Soßen überkippt ertragen. Zurück in der Klinik, wo es nur stumpfe Messer gibt, breche ich es wie Jesus. Und siehe da: Es mundet allen! Trotzdem wird außer mir wahrscheinlich niemand jemals Brot kaufen – jedenfalls hat es noch nie jemand getan, seit ich hier bin.
Frank Schott, Fachkrankenhaus Jerichow
Der Beginn von Woche 9 hat es in sich! Wo fange ich an? Versuchen wir es chronologisch:
In der Gruppentherapie sagt ein Mitpatient, dass er es weder verstehe noch möge, wenn Gerechtigkeit nicht eingehalten wird. Als Beispiel führt er die gelegentliche Unpünktlichkeit des Personals an, während wir Patienten stets pünktlich sein müssten.
Dann kommt er auf einen Zwischenfall beim Patientenabend am Vortag zu sprechen: Wir spielten ein Onlinequiz, bei dem jeder eigene Fragen einbringen konnte; nach jeder Runde wurden zehn neue eingegeben. Zwischen zwei dieser Runden wollten sich einige etwas zu trinken holen, sodass es zu einer längeren Pause kam. Da der Spielleiter die nächsten Durchgang bereits aktiviert hatte, gab ich neue Fragen ein, worüber er sich echauffierte, weil noch nicht alle zurück waren und das gegen die Regel wäre. Meine Idee, dass wir doch eine kleine Zwischendurchrunde spielen könnten, erboste ihn so sehr, dass ich klein bei gab und meinen Vorschlag zurückzog.
Darüber reden wir nun in der Gruppentherapie. Ich sage, dass es auch mir um Regeln gehe, jedoch um Spielregeln. Diese müssten fair und allgemein gültig sein, aber innerhalb dieser Regeln sei meiner Meinung nach Kreativität erlaubt – im Prinzip sei es so wie in der Mathematik: der Lösungsansatz ist egal, Schummeln jedoch nicht erlaubt.
Ich erinnere an den Patientenabend davor, wo es zu einer Situation gekommen war, durch die eines der Teams benachteiligt wurde. Als ich darauf hinwies, bügelte man das damit ab, dass ich das Spiel doch nicht so ernst nehmen solle. Ich frage ihn, worin aus seiner Sicht der Unterschied zwischen beiden Begebenheiten bestehe und ob es ihm vielleicht weniger um Gerechtigkeit als vielmehr Gleichheit ginge. Was er nach kurzem Nachdenken einräumt.
Von den Spieleabenden kommen wir auf die Begleittherapien zu sprechen. Einige Mitpatienten finden, ich würde diese nicht ernst nehmen, was sie insbesondere aus meinen spöttischen Worten schließen. Sie beziehen sich dabei explizit auf Ereignisse in der Musik- und Körpertherapie. Wir diskutieren, es geht hin und her. Quintessenz: Ich sage, dass ich manches einfach nicht verstehen könne, wenn es sich logisch nicht erfassen lasse, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe. Darauf entgegnen einige, dass es in den Therapien nicht ums Denken, sondern ums Fühlen gehe. Die Psychologen, die das Gruppengespräch anleiten, bestätigen das und ergänzen, ich hätte offenbar nie gelernt, meine Gefühle bewusst wahrzunehmen und darüber zu sprechen.
Nach der Gruppentherapie gehe ich in mein Zimmer, um Themen und Arbeitsfelder für mein nächstes Einzelgespräch zu notieren:
– Emotionen, die zu zeigen mir offenbar schwer fällt; nur schwerlich „Nein“ sagen zu können; das zu schnelle Zurückstellen eigener Wünsche; der Trotz, den mir einige Therapeuten zuschreiben.
Als Nächstes erfasse ich, was mir wichtig ist:
– Respekt und Anerkennung, Gerechtigkeit und Fairness, klare Regeln, aber auch Freiräume; Ehrlichkeit.
Nachdem ich damit fertig bin, muss ich raus. Ich renne eine Stunde. Im meditativen Modus, in den ich durch das Zählen von Schritten komme, denke ich weiter nach.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Oberarzt, wo ich sagte, dass ich hier in der Klinik erstmal erkennen müsse, was die richtigen Fragen sind, bevor ich zu Lösungen kommen kann. (Hier erscheinen mir die Notizen von eben als ein guter Anfang – lauter Punkte, die zu reflektieren sich lohnen würde.)
Laufen und Zählen …
Was wäre, wenn meine Fragen zu den Therapien daher kämen, dass ich als Einziger genau zuhöre und das Gesagte ernst nehme? Was wäre, wenn alle anderen vom Therapie-Hokuspokus so geblendet wären, dass sie gar nicht mehr nachdenken? Was wäre, wenn ich die Therapeutin, mit der ich die größten Missverständnisse habe, fragen würde, ob sie an das glaubt, was sie uns erzählt? Ob ich sie nerve, wenn ich so nachbohre, weil ich sie wirklich sehr oft nicht verstehen würde, das aber ernsthaft möchte? Was wäre, wenn alle diese Therapien nur neuen Therapiebedarf schaffen, aber keine Lösung bieten würden?
Dann gehe ich gedanklich einen Schritt weiter:
Warum ist meine Gerechtigkeit eine, die von einigen Mitpatienten abgekanzelt wird? Warum werden meine Fragen als „philosophisch“ und „nicht zielführend“ hingestellt? Warum ist mein Verstehenwollen falsch? Warum wird mir unterstellt, dass ich keine Gefühle habe? Warum ist es negativ, dass ich in die Natur gehe, anstatt mit der Gruppe anzuhängen? Warum wird mein Sport verspottet? Warum bin ich der Prügelknabe? Der Sündenbock? Das Opfer? Der Sack, den man anstelle des Esels schlägt? Warum ecke ich überhaupt an?
Könnte es sein, dass ich der Spiegel bin, in dem andere ihr Gegenbild sehen? Verkörpere ich etwas, das sie beunruhigt, was sie vielleicht deshalb sogar hassen? Wären sie vielleicht auch gern aktiv und selbstständig?
Und weiter: Wenn es so wäre, dass einige Menschen verbal auf mich einschlagen, weil sie nicht mögen, was sie in mir sehen – wäre das dann so eine Art „Karma“, mein Schicksal? Wäre es vielleicht sogar meine „Superkraft“? Ist alles, was mich in meinem Leben plagte und letztendlich hierher in die Klinik brachte, also vorherbestimmt und folgerichtig?
Könnte eine Lösung sein, genau das zu akzeptieren?
Ist es meine Aufgabe, Frieden damit zu schließen und daraus Kraft zu schöpfen?
Ich laufe und laufe und laufe und zähle dabei Schritte …
Nach dem Abendessen drehe ich eine lange Wanderrunde mit meinem Mecklenburger. Es sprudelt nur so aus mir heraus. So viel habe ich all die anderen gemeinsamen Wanderungen zusammen nicht von mir preisgegeben. Er versteht, was ich sagen will, hat er doch mit einigen Therapien ganz ähnliche Probleme. Auch den Karmagedanken kann er nachvollziehen: „Es gibt einen Grund für das, was wir erlebt haben. Sonst wären wir nicht hier. Es sind auch nicht die Eltern schuld. Es ist, wie es ist.“ Mit all dem, was die therapieerfahrenen Mitpatienten nach jahrelanger Behandlung fühlen, kann er ebenso wenig anfangen. Und wie ich glaubt er, dass manche Therapien und Therapeuten für bestimmte Patienten einfach nicht geeignet sind.
Um es deutlich zu sagen: Ich bin nicht gegen Psychotherapie. Ich weiß, dass es Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen gibt, aus denen man ohne Hilfe oft nicht herauskommt. Doch bei vielen scheint es, als suchten sie weniger nach Hilfe oder Heilung als nach dem Sinn des Lebens oder nach einem Schuldigen für ihre Lage.
Als ich von meiner Laufrunde zurückkam, erzählte ich einer der Pflegerinnen, dass das Joggen und Nachdenken gerade so etwas wie eine Einzeltherapiestunde mit mir selbst gewesen sei. Darauf sagte sie: „Das machen Sie richtig, Herr Schott. Schließlich sind Sie hier um herauszufinden, was gut für Sie ist.“
Genau. Ich bin verantwortlich. Nicht der Therapeut.
Christoph Sanders, Thalheim
Sonntagmittag eine schöne dunstige Sonne – es wird nachrichtlich daran erinnert, das dies am Saharastaub läge. Auf den erheblichen Pollenflug wird auch hingewiesen. Wir sollen wohl in unseren Stuben hocken. In der BBC die Meldung, dass heute „wegen Nebels“ drei us-amerikanische B1-Bomber nach Ramstein verlegt wurden und nicht wie geplant zur RAF-Station Fairford flogen. B1 werden als Träger von Marschflugkörpern eingesetzt, aktuell zum Beispiel im Iran. Nur falls jemand Fragen stellt, was Deutschland mit dem Krieg in Nahost zu tun hat. Schöner Vormittag mit Frühlingsgefühl und Feigenmarmelade. Ich warte auf meinen Teenie, der gegen neun einen Putzanfall bekam und sich seitdem nicht mehr blicken lässt.
An diesem lauwarmen, stillen Frühlingstag nach fast drei Monaten erstmals wieder erfolgreich ein Rad bestiegen und aus eigener Kraft bewegt!!! Es kam mir anfangs etwas hoch und instabil vor, dann stellte sich das gute alte Fahrgefühl ein. Das Gefahrenmoment war, plötzlich absteigen zu müssen. Hält das Wetter, werde ich morgen die Fünf-Kilometer-Marke knacken und den ersten Berg angehen.
Schöne Wanderung mit den Teenies. Von der Höhe aus Freude über den klaren Bach und die Landschaft. Natur als großes Geschenk. Die Mädchen, als sie einen Kleiber beobachten: „Oh, wie süüüüß – der hat ja einen Eyeliner drauf!“ Als Sundowner zu Hause frischen Tee. Rückkehr des Sohns von seinem Punktspiel. Um 19:10 Uhr verglüht Richtung West auf ca. 20 Grad Höhe ein unbekanntes Flugobjekt. Es hinterlässt eine Rauchgirlande, die noch minutenlang zu sehen ist, weshalb die Höhe beträchtlich sein muss. Beim Lesen von Stifters Waldbeschreibungen gerate ich ins Träumen: fast zweihundert Jahre alt, und die Sprache entfaltet immer noch einen Zauber, hat eine Vielfalt und Tiefe, die sie sofort für mich einnimmt. Hätte Nabokov nicht so üble Erfahrungen in unserem Land gemacht, wäre er über dessen sprachliche Präzision zum Fan geworden. Stifter ist ganz in seiner Zeit und schildert das mitteleuropäische Landleben nach der Revolution. Menschen, denen bei den ersten Zugfahrten zunächst schwindlig wird, die in anderen Kategorien dachten als wir heute.
Auch der Montag sonnig und diesig. Ich bringe das schwere Gerät zur Gartenbaufirma zurück. Ringsum Naturwallen. Im Lanz & Precht-Podcast #235 unterwegs. Erinnert sich jemand an die Assyrer? Ab auf die Museumsinsel! Nehmen wir meinen kleinen Hüftunfall als leichte Kriegsverletzung. Wie allein dieses Ereignis mein Leben, meine Fähigkeiten, den Alltag meiner Familie verändert hat. Das hochrechnen auf die Kriegsopfer in der Ukraine, im Iran, Sudan, in Israel, Gaza, Myanmar – die Reihe ließe sich fast täglich fortsetzen …
Ausweitung der Radrunde. Ich unterhalte mich mit einem Rentner, der unsere Kirche ablichtet. Er erzählt, dass er seit seiner Kindheit Kirchen fotografiert. Er stellt die Bilder nicht ins Netz, publiziert sie auch nirgendwo anders. Weil er mit dem Zug reist, muss er zügig weiter. Der Weg zum Bahnhof führt durch den Wald und dauert eine halbe Stunde. Einer dieser Menschen, die völlig unter dem Radar bleiben. Über einem Feld lassen zwei Männer eine Drohne fliegen -an der Paarung Pickup und Suzuki kann man erkennen, dass sie Jagdkumpels sind. Später ein wundervoller Sonnenuntergang. Wer nicht mit seiner Schulklasse in der Pizzeria „Toscana“ in Eschhofen sitzt, darf meine Lauch-Zucchini-Kartoffel- oder wahlweise eine Zwiebelsuppe löffeln. Mit dem Sohn beim Kommentieren der UEFA-Champions-League Disput, ob Neymar seine Karriere vergeudet hat.
Der Dienstag beginnt, wie der Montag endete – mit einem längeren Houellebecq-Interview. Er wurde gerade siebzig und hat in seinen Romanen immer wieder politische Veränderungen antizipiert. Seine heruntergekommene Erscheinung, die schleppende Redeweise und die offensiven Sexphantasien bilden einen medialen Kontrast, den die Sender gern nutzen. Ein Star mit druidischen Elementen.
Ein weiterer, wundervoller Vorfrühlingstag. Kleine Wolkenbänke bei Sonnenaufgang, die sich dann verziehen. Kaum Luftbewegung. Am Vormittag steht die nächste Nasenhaut-Operation an – es gibt wohl immer noch Tumorzellen. Ich sehe und spüre davon nichts und würde mir das gern ersparen. Das Rennrad-Forum, dem ich seit fünfzehn Jahren die Treue halte, zeigt Auflösungserscheinungen. Der Gegner sind das Alter und die Abwanderung in Social-Media-Grüppchen. Schade, aber der Wandel der Plattformen ist wohl eine unabänderliche Tatsache. Das Gleiche dürfte auch die Tagesmedien beschäftigen – das veränderte Nutzerverhalten ist die eigentliche Revolution. Ich komme mir mit meinem Radblog immer mehr wie ein Lumpensammler des zwanzigsten Jahrhunderts vor, der versucht, die Reichtümer und die Vielfalt der analogen Welt festzuhalten, all die schönen Dinge, die sich gerade im Virtuellen auflösen, um von dort nie mehr zurückzukehren. Alle Revolutionen fressen ihre Kinder.
Fahrt zur Ärztin, die ich um Verschiebung der OP bitte. Ich spüre nichts und kann gerade keine weiteren Schnmerzen gebrauchen. Das Bein beschäftigt mich vollauf – ein permanentes Ziehen, das starke Anwinkeln des Knies bereitet Schmerz in Bändern, Muskeln und Sehnen. Rekonvaleszenz ist kein Spaziergang, das gesamte System leidet. Ich brauche noch mehr Selbstdisziplin. Die ersten Brevets des Jahres sind bereits absolviert: Maastricht, Gießen, am Wochenende folgt schon Bonn. Mal sehen, wann ich wieder fünfzig Kilometer schaffe. Neuer Termin für die Nasen-OP ist der 20. April.
Leichte Rad-Reparaturen und -montagen, was mich sehr schlaucht. Nächste Suppenvariante mit Blumenkohl, gelber Zwiebel, Kartoffeln, Blattspinatsalat und Rahm. Ich schäme mich fast zu sagen, dass die Bio-Kartoffeln heute für 1 Euro pro 1,5 Kilo im Angebot waren. Mir gegenüber macht meine Jüngste geometrische Symmetrieübungen. Die Vollkommenheit der Winkelsätze – störe meine Kreise nicht.
Am Mittwoch wollen wir zunächst einmal Janosch zum 95. nach Teneriffa gratulieren! Ich las gerade seinen sehr lustigen Roman „Sandstrand“ – kluge Unterhaltungslektüre, die man gut im links-grünen Milieu der Endsiebziger verorten kann, der Erzähler ist ein Mittfünfziger mit Kniearthrose. Das Überfliegen der Presseberichte dagegegen unergiebig. Einzig interessant die Meldung, dass KI künftig mit Einkaufs-Apps gekoppelt wird. Märzwetter mit Schauern, eine graublaue Melange aus Wolken und Resthimmel. Nepalgelb setzt sich die Weide von den übrigen Gewächsen ab. Trotz aller Krisen holt man noch unsere Plastikmüllsäcke von der Straße ab.
Ein weiterer Chauffeuerstag, mit Intervall beim Schrottplatz bzw. der Autowerkstatt des immer freundlichen und immer ausgelasteten Aserbaijaners. Er hat sein Imperium in zehn Jahren stetig erweitert, irgendwann kam der Umzug vom Hinterhof ins Industriegebiet. Sein Schrott ist gut sortiert. Ich suche ein Metallteil, das die Fahrertür zurückhält – das sogenannte Fangband. Es ist nicht mehr vorrätig, dito das Aluröhrchen für die Klimaanlage. Unser Wagentyp ist ja auch schon zehn Jahre „vom Markt“. Das nennt man geplante Obsoleszenz – wegen eines Cent-Artikels sollst du dein Auto dann stillegen. Zum Glück hat sich ein Gebrauchtmarkt etabliert, aber das Suchen frisst halt viel Zeit. Zum Abendessen wie so oft Sade Adu. Süß, wie meine Girs auf den Einsatz der Wah-Wah-Gitarre warten, wie sie die Bassriffs entdecken, den Aufbau der Stücke verstehen. Alles super produziert – ich fand es seinerzeit ein bisschen zu glatt.
An einem feuchtmilden Donnerstagmorgen sind die „Abendlieder“ mit Ian Bostridge nach Peter Schreier eine Wohltat – Lyrik statt Expressivo. Da es trocken ist, startet mein nächstes Radabenteuer: einmal die vier Kilometer zum Netto und zurück – die rechte Wade muss auch mal was tun. Am Wegesrand hat man zwei prächtige Bäume umgesägt. Die Stämme zeigen nicht die geringste Krankheit – ein Schelm, wer da an Brennholz denkt. Ich spüre beim Fahren, wie atrophiert das operierte Bein ist. Interessanterweise zwickt es im unterforderten linken Knie stärker. Aber das ist alles erträglich.
Nach einer Siesta nochmals aufs Rad, was sogar leichter geht als am Vormittag – die Muskeln erinnern sich an alte Bewegungsmuster. Das muss genau jetzt passieren, Stück für Stück. Gehen strengt mich mehr an. Ich passiere die autolose Familie aus der Dorfmitte, die immer an Rollern herumschraubt, aber nie einen fährt. Der Vater geht kilometerweit mit dem Rucksack zu Fuß zum Einkaufen. (Ob sie eines meiner Mountainbikes annehmen würden?) Schönes Abendrot. Die Kinder decken den Tisch, es gibt Kartoffelsuppe mit Blumenkohl und Rahm, der hier in der Gegend Schmand heißt. Nach dem Essen lese ich, dass Geheimdienste wieder Kurzwellensender nutzen – es ist die sicherste (und billigste) Methode, um Agenten zu erreichen.
Und siehe da: Sie laufen doch! Am Montag begleitete mich unser weiblicher Neuzugang auf meiner Joggingrunde und am Dienstag die jüngste Mitpatientin. Am Donnerstag könnten es bis zu drei Teilnehmerinnen werden – schauen wir mal.
Am Dienstag stand das letzte Bogenschießen auf dem Programm. Zum ersten, und leider einzigen Mal, gehen wir nicht in die Halle, sondern auf den Sportplatz, wo statt der bisherigen zehn bis zwölf Meter Distanz fünfundzwanzig und mehr möglich sind. Obwohl wir relativ kräftige Bögen haben, kann man bereits den Parabelflug erkennen. Allerdings sind wir auch keine mitteralterlichen englischen Longbowman, die nach jahrelangem Training die Pfeile mit solcher Kraft verschießen konnten, dass sie mühelos die Rüstungen der französischer Ritter durchbohrten. Mit unseren Langbögen und den Köchern sehen wir trotzdem recht martialisch aus.
Zum Abschluss der Stunde geht es weniger um Übungen, sondern um die Freude am Spannen, Zielen und Schießen – dass wir jede Runde mit einer Reflexion beenden müssen, trübt den Spaß nicht. Zum großen Finale darf jeder statt der gewohnten sechs Pfeile elf abschießen, wobei der letzte der selbst gefertigte ist. Meiner legt eine riesige Distanz zurück, bevor er einschlägt. Beim Herausziehen zerbricht er, die Spitze bleibt in der Scheibe stecken. Beim letzen Schießen geht der allerletzte Pfeil kaputt – wenn das kein Omen ist! (Eine kleine böse Stimme flüstert ins Ohr: „Sie denken, das ist ein Omen? Was macht das mit Ihnen? Sprechen Sie darüber mal mit Ihrem Therapeuten…“)
In der Gruppentherapie geht es wieder einmal um die „Päckchen“, die jeder zu tragen hat. Je mehr man davon bereits in der Kindheit auf sich laden musste, desto eher bringen einen die zusätzlichen Belastungen des Lebens an seine Grenzen – bis schließlich alles zu viel wird und sich in einer Depression manifestiert, so wird es uns erklärt. Es gibt dafür auch einen Fachausdruck, der mir aber nicht wichtig genug ist, um ihn mir einzuprägen. Da es wirklich sehr oft wiederholt wurde, habe ich mir jedoch Therapieregel Nr. 1 gemerkt: Die Eltern sind schuld. Was mein Mecklenburger Mitpatient später nur mit: „Es ist mir zu leicht, alles auf die Eltern zu schieben.“ kommentiert. Wenn es meinen Landsmann nicht gäbe, müsste ich ihn als Alter Ego erfinden, um einen Sparringspartner für meine Beobachtungen zu haben.
Die anderen sprechen darüber, was man seiner Mutter und seinem Vater alles nicht zumuten dürfe – etwa die vielen angestauten Vorwürfe. Denn bei Kritik würden die Eltern bedauern, was sie getan oder unterlassen haben, wodurch sich wiederum die Kinder schuldig fühlen würden. Ein Teufelskreis aus Vorwürfen, Schuldgefühlen und Leid … Ich sage in die Runde: „Vielleicht müssen beide Seiten lernen loszulassen? Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern?“ Daraufhin merkt der Therapeut an, dass meine Einschätzung vielleicht daher komme, dass ich Vater bin, und ich mich dadurch immer wieder fragen würde, ob ich Dinge hätte besser machen können. Und da fällt mir auf, dass von den zwanzig Mitpatienten, die ich bislang hier erlebt habe, außer mir nur ein einziger Kinder hat.
Kommende Woche wird uns eine Patientin verlassen, die ihre ursprünglich vorgesehenen zwölf Wochen bereits auf vierzehn verlängert hat. Mehr ist nicht erlaubt, die Rückkehr dagegen schon – bereits nach einem halben Jahr darf man wieder hier auftauchen. Sie ist verzweifelt, weiß nicht, was sie draußen machen soll, hat keinen Plan, kein Ziel und offenbar nichts, das sie auffangen könnte. Was muss das für ein Leben sein, wenn eine psychiatrische Klinik die einzige Konstante und Freude im Leben ist. Wie soll so ein Mensch die fünfundvierzig Jahre bis zur Rente bewältigen?
Dann ist es Mittwoch. Das bedeutet, dass ich wieder auf die beiden Therapeutinnen treffe, mit denen ich mich nicht verstehe. Ich meine das rein sprachlich – es ist so, als würden sie Holländisch und ich Deutsch sprechen: Wir benutzen ähnliche Wörter, begreifen aber nicht, was der andere uns mitteilen möchte.
In der Körpertherapie sollen wir uns mit geschlossenen Augen hinstellen und den Worten der Therapeutin folgend, in unsere Körperteile hineinhorchen. „Widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit den Füßen. Wie liegen Ihre Füße auf dem Boden? Mit der ganzen Fläche? Oder nur mit Ballen oder Fersen? Stehen Sie fest oder wippen Sie?Belasten Sie beide Füße gleichmäßig oder liegt auf einem Fuß mehr Gewicht?“ So gehen wir von den Zehen bis zur Schädeldecke Stück für Stück durch unseren Körper, was etwas Hypnotisches und Meditatives hat. Mein Kopf ist leer. Ich lausche der Stimme und erfahre meinen Körper. Gelegentlich dringt aus dem Nebenraum das Klappern von Tischtennisbällen an mein Ohr, aber es reißt mich nicht aus der Trance.
Wir dürfen die Augen öffnen und die Übung reflektieren. Ich stehe der gestrengen Oberlehrerin Rede und Antwort: „Ich hatte einen sicheren Stand, konnte auch Stück für Stück die Körperteile spüren. Mir ist aufgefallen, dass die linke Hand anders zum Körper stand als die rechte. Und zum Ende habe ich gemerkt, dass mir die Füße weh tun.“ – „Und was haben Sie gefühlt dabei?“ – „Schmerzen in den Beinen“, sage ich. – „Das sind keine Gefühle! Was sind Gefühle?“ Wieder diese Leier. „Wut? Ärger?“ – „Ja, was noch? – „Freude?“ – „Ja, was noch?“ Ich versuche es mit „Liebe“, was dann falsch ist, „Verlangen“ geht hingegen durch.
Was also habe ich gefühlt? „Nichts. Ich war angenehm leer und habe der Stimme gelauscht.“ Falsch! „Herr Schott, es ging um Körper, Geist und Seele. Den Körper haben Sie gespürt. Der Geist, also der Verstand, hat die Schmerzen erfasst. Aber was haben Sie gefühlt?“ – „Nichts.“ Bevor unser Gespräch endgültig in die Frage abdriftet, ob ich eine Seele habe, oder ich überhaupt zu fühlen in der Lage sei (was ich, inzwischen etwas verunsichert, von mir behaupte würde), gesteht sie mir enttäuscht zu, dass es auch möglich sei, bei der Übung nichts zu fühlen. Der Mecklenburger will mir eigentlich beipflichten, doch bevor er ebenfalls als seelenlos enttarnt wird, beschreibt er ein „Ziehen an der Schädeldecke“, was dann als Gefühl durchgeht. Wofür es stehen soll, habe ich vergessen.
Wie schon in der vergangenen Woche betont die Therapeutin, dass es bei diesen Übungen kein „Richtig“ und kein „Falsch“ gäbe und sie auch nichts persönlich bewerten würde, da es ja nicht um sie ginge. (Hä? Warum dann unser Disput?)
Abschließend soll jeder mit einem Wort sagen, wie er sich gerade fühle. Trotz „nicht stattfindender Bewertung“ belohnt sie Begriffe wie „traurig“ mit einem euphorischen „Yes!“ Ich merke, wie sie innerlich die Erfolgsfaust ballt.
Mein „verunsichert“ bleibt unkommentiert.
Anschließend ist Musiktherapie. Wir sollen wie gewohnt im Liegen klassischer Musik lauschen. Kaum höre ich die ersten Töne, bekomme ich einen Lachkrampf. Der ganze Körper bebt, Tränen kullern aus den Augen. Verzweifelt bemühe ich mich, kein Geräusch zu machen, um die anderen nicht zu stören. Die Therapeutin hat doch tatsächlich noch einmal Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ aufgelegt – sie und ich sind wegen der Musik vor einer Weile schwer aneinander geraten. In der Reflektionsrunde frage ich sie, ob ich die Wahrheit sagen dürfe. Sie nickt. Ich berichte, dass ich vom ersten Ton an ins Lachen verfallen sei und damit dann auch nicht mehr aufhören konnte: „Denn entweder haben Sie Humor, weil Sie das Stück trotz meines Meckerns nochmals abgespielt haben, oder Sie sind kleinlich.“ Sie guckt pikiert. Und ich bekomme, selbst, nachdem wir das Gebäude verlassen haben, noch Lachanfälle.
Später sage ich zu meinen Mitpatienten: „Wenn ich gehe, machen die Therapeuten drei Kreuze. Vielleicht verbrennen sie sogar eine Voodoopuppe mit meinem Namen.“
Doch ich will kein falsches Bild erzeugen – es gibt hier viele Therapeuten, denen man die Freude an der Arbeit ansieht, die Humor haben, mit denen man gut scherzen kann und die offen sind. Nur die beiden Damen vom Mittwochvormittag eben nicht.
Und damit geht meine achte Woche zuende.
Helko Reschitzki, Moabit
Am Mittwoch sehe ich auf dem Weg zum Yoga in Wilmersdorf die ersten Frühblüher, ab da, bei Temperaturen, die an manchen Tagen bis 16 Grad steigen, überall weitere. Große Freude am Montag, als ich auf meinem Balkon einen Eichelhäher sichte – leider fliegt mein bester Verbündeter im Kampf gegen die Tauben schnell vondannen; ich wünschte, ich könnte ihn und ein paar Artgenossen dauerhaft ansiedeln. Die Taubenpopulation in unserem Hof wächst von Jahr zu Jahr., haben die Vögel erst einmal begonnen, (an einer eigentlich unmöglichen Stelle) Zweige anzuhäufen, kann man sie kaum mehr vertreiben. Alles ist voller Futterreste, Federn und vor allem Kot – zum Glück sieht man nicht auch noch all die Parasiten, die damit verbunden sind. Das Institut für Schädlingskunde im hessischen Reinheim hat bei Stadttauben Wanzen, Käfer, Spinnen sowie zwölf für Menschen potenziell schädliche Insektenarten nachgewiesen. Auch die ebenso gefundenen Zecken, Rote Vogelmilben und Flöhe können humanpathogene Erreger übertragen, darunter die Auslöser von Pilzinfektionen des Gehirns und der Lunge, der Salmonellose oder der Papageienkrankheit. Wie sagte mal ein Kammerjäger über unsere Hoftauben zu mir: „Dies ist ein Krieg – und der ist verloren.“
Der Kampf gegen den Müll im öffentlichen Raum scheint genauso aussichtslos. Da Aufgeben keine gute Option ist, organisierten ein Freund und ich auch in diesem Jahr wieder die Müllsammelaktion im moabiter Fritz-Schloss-Park. Eine gute halbe Stunde bevor es am Sonntag losging, tauchte bereits der erste Sammler auf – und das mit einem vollen Müllsack! Wir stellten einander vor – Hassan, ein feiner älterer Herr, erzählte, dass er täglich in dem Park joggen gehe und einfach schon mal loslegen wollte, weil er später anderweitig verplant sei. Da er noch etwas Zeit hatte, bat er um einen weiteren Sack – that’s the spirit! Mein Kompagnon Gregor, der Erfinder der Initiative, bog ums Gehölz. Wie üblich war er besorgt, dass außer uns niemand erscheinen würde. Seine Angst erwies sich schnell als unbegründet – aus allen Richtungen strömten Menschen herbei. Nach der Begrüßung und einer kurzen Einführung griffen alle zu Handschuhen, Abfallzangen, Warnwesten, Eimern und Müllsäcken, hochmotiviert, sofort anzupacken. Den Großteil des Materials hatten im vergangenen Jahr die Berliner Stadtreinigungbetriebe gestellt.
Es kamen gut achtzig Leute zusammen – üblich sind bei solcherart Aktionen acht bis zehn. Ein entscheidender Faktor dürfte sein, dass Gregor und ich im Kiez leben und keines dieser Ufos sind, die kurz landen, Steuergelder einsacken und dann zum nächsten Fördertopf fliegen. Außerdem erhalten wir im Gegensatz zu NGOs keinerlei Vergütung, was wir transparent machen. Zielgruppenorientierte Werbung und jeglicher Verzicht auf politische Belehrungen dürften ebenfalls nicht nachteilig gewesen sein; die selbstreferenziellen Ökotrupps im Stil der achtziger Jahre erreichen inzwischen ja nicht einmal mehr ihre eigene Blase. Wir wollen einfach nur Müll sammeln, bevor die Brutsaison beginnt – und das mittlerweile im fünften Jahr.
Einige, die kamen, sind bereits seit 2022 dabei – und alle stellten unabhängig voneinander fest, dass der Park seit der Aktion insgesamt sauberer geworden ist. Ich denke, dass dies die Broken-Windows-Theory bestätigt, die besagt, dass bereits kleinste Anzeichen von Verwahrlosung wie zerbrochene Fenster, Müll oder Graffiti signalisieren, dass in dieser Gegend die Regeln für ein gesittetes Zusammenleben ins Wanken geraten sind. Viele verstehen dies dann als Freibrief, ebenfalls gegen diese Regeln zu verstoßen. Die Studien, die der Theorie zugrunde liegen, wurden 1969 in der Bronx und im kalifornischen Palo Alto durchgeführt und sind oft bestätigt worden – nahezu jeder dürfte aus seiner eigenen Hood solche rasch anwachsende Müllplätze kennen. Umgekehrt vermittelt eine gepflegte Umgebung den Eindruck stabiler sozialer Normen und erhöht die Hemmschwelle, geltende Regeln zu missachten.
Was definitiv zugenommen hat, ist der Drogenkonsum im Fritz-Schloss-Park: Während 2025 noch drei, vier Spritzen in unseren Extra-Eimerchen landeten, waren es diesmal bestimmt dreißig. Wir entsorgten sie anschließend in einem Spezialbehälter – im Bezirk Mitte gibt davon es achtzehn Stück. Besonders interessant waren die Berichte und Einschätzungen der anderen zum Themenkomplex – niemand glaubte, dass man das Problem komplett aus der Welt schaffen könne, außer man setzt wie Singapur oder Indonesien auf Totalüberwachung und harte Strafen. Mit einem Hamburger machte ich ein paar sarkastische Witze über St. Georg und Ronald Schill, sprach mit anderen über das chinesische Social-Credit-System, mit dem auch hierzulande zunehmend geliebäugelt wird, und konnte ein paar Erste-Hand-Erlebnisse aus der Drogenhochburg Parchim in den Neunzigern beisteuern. Dass es auch in Klein- und Mittelstädten Dealer und Konsumenten gibt, ist ja kein neues Phänomen, durch GPS und Drohnen haben sich lediglich die Transportnetze erweitert. Vor zwei Jahren bestätigte mir eine Krankenschwester, die auf einer Entzugsstation arbeitet, dass heute bis ins letzte Dorf geliefert wird.
Meine absoluten Heldinnen und Helden waren die dreißig Kinder, die bei der Aktion mitgemacht haben. Empathische, abgeklärte berliner Kiddies, denen man nicht erklären musste, dass man die Kleidung und anderen Sachen in den Obdachlosenunterschlüpfen liegenlässt, da das deren Eigentum und Wohnung ist. Die wussten, warum alle stichfeste Handschuhe anzogen. Die sich ohne zu murren vor dem Essen der Hageläpfel, Datteln und Möhren die Hände desinfizierten. Eine Zehnjährige hatte auf eigenes Betreiben hin das Familien-E-Bike mit zwei Körben versehen und fuhr zwischen den weitflächig verstreuten Sammlern hin und her, um ihnen neue Säcke oder anderes zu bringen. (Es versteht sich von selbst, dass wir ihr für das kommende Jahr eine personifizierte Team-Weste beplotten werden.) Die Aktion war auf zwei Stunden angelegt – traditionell waren dann einige fast doppelt so lang da. Die vollen Säcke stellten wir an den vielen, zuvor mit der BSR ausgemachten Plätzen ab, am Tag darauf wurde das dann von denen abgeholt. Ein rundum schöner Tag voller toller realitätsgesättigter und trotzdem optimistischer Gespräche.
Am Dienstagabend treffe ich meinen iranischen Nachbarn im Hof. Er, ein ehemaliger Fußball-Erstligaspieler und topfitter Mann, wirkt, als ob er in sich zusammengefallen wäre. Ich traue mich kaum zu fragen, wie es ihm und seiner Familie in der alten Heimat geht. Mit ganz leiser Stimme antwortet er: „Alles Scheiße.“ Dann sagt er, dass ihm nicht nur seine Landsleute leid tun, sondern alle, die dort gerade geopfert werden: junge US-Amerikaner, Israelis, der gesamte Nahe Osten. Mein Nachbar ist Pazifist. Davon gibt es nicht mehr allzu viele in meinem Umfeld. Weil ihn die Mullahs töten wollten, floh er 1989 nach Westberlin. Er weiß, wie es auf der Welt zugeht.
Sozialwissenschaftliche Reportage über den ökonomischen und sozialen Verfall Baltimores (später Grundlage für die großartige HBO-Serie „The Wire“):https://www.socialnet.de/rezensionen/13365.php
Zum einen war die freitägliche Wanderung sehr kurz ausgefallen und das moderate Tempo etwas unterfordernd für uns, zum anderen haben wir keine Lust, uns so früh schwatzend oder spielend in die Sessel zu fläzen. Also gehen der Mecklenburger und ich eine Runde.
Der Mond ist noch nicht aufgegangen, die Milchstraße verborgen. Für Orion und den Großen Wagen reicht unser astronomisches Basiswissen. Wir laufen fast dreißig Minuten auf dem Deich stadtauswärts, vor uns leuchtet Tangermünde wie ein gerade gelandetes Zirkuszelt. Hinter uns greifen die Flakscheinwerfer der Klosterkirchehoch in den Nachthimmel. Auf der kilometerweit entfernten anderen Seite der Elbe funkeln die menschengemachten Lichter der Dörfer, von überall her blinzeln die roten Geisteraugen der Windräder. Lkw’s jaulen mit weitreichendem Fernlicht die knapp einen Kilometer entfernte Bundesstraße entlang. In der dunklen Ferne der Elbwiesen beschweren sich einzelne Wildgänse über irgendetwas – einen Fuchs, einen Waschbär? Oder sind das nur schlechte Träume? Zehn Minuten blicken wir schweigend in das sternenübersäte Firmament, dann kehren wir um.
Am Samstag werde ich genauso wach wie an gewöhnlichen Tagen auch – nicht vor Aufregung, weil ich nach siebeneinhalb Wochen das erste Mal nach Hause fahre, sondern wegen der üblichen Mischung aus Blasendruck, Ausgeschlafensein und dem Vogelgezwitscher, das durch das angekippte Fenster zu hören ist. Bis auf mein Waschzeug, das Handtuch und das Telefon, ohne das man in Deutschland kaum mehr reisen kann, ist alles gepackt.
An den Tischen ist es noch leer, da die Frühstückszeit am Wochenende von 7:30 bis 9:30 Uhr dauert und somit länger und entspannter als sonst ist. Die Pflegerin bereitet gerade alles vor. Es gibt das Gleiche wie immer: aufgebackene Industriebrötchen in hell und dunkel, die keiner mehr sehen mag, abgepacktes Schnittbrot, Marmelade sowie die vorbestellte Stückzahl an Wurst und Käse – vegan und normal.
Der Kaffee ist bereits gekocht, sodass ich mir eine Tasse einschenke und mich dann als Frühsportersatz für ein paar Minuten dehne und lockere. Nach und nach schlurfen die ersten Frühstücksgäste ein und nehmen Platz. Die Zeitung wird verteilt, wobei jedes Rätsel seine Zielgruppe findet: Binoxxo und Sudoku, normales und lustiges Kreuzworträtsel. Ich bin der Joker, der Worte wie „genehm“ oder Landkartenwissen beisteuert.
Dann ist es soweit – ich wünsche allen ein schönes Wochenende und mache mich auf zum Bus. Es ist empfindlich kühl. Dennoch sitzen vor dem Jugendklub, der schräg hinter dem alten Bahnhof liegt, die ersten beiden Raucher. Oder sind es die letzten? Als wir gestern am späten Abend hier vorbeikamen, wurde noch Volleyball gespielt und Musik gehört.
Mein Bus kommt. Die erste Etappe der Reise beginnt. Und schon warnt mich die App, dass der IC nach Leipzig in Magdeburg voraussichtlich zwölf Minuten Verspätung haben wird. Doch vorher verzögert sich erst einmal die Abfahrt des Regionalexpresses nach Magdeburg: „Vor uns ist noch der Block belegt“, so die Durchsage. Mal ehrlich: Wenn schon jemand wegen Delegitimierung des Staates belangt werden sollte, dann ist es die Bahn – niemand unterminiert das Vertrauen in staatliche Dienstleister so nachhaltig wie sie.
Zu Hause erwartet mich, den verloren Sohn, ein Fest. Allerdings wird kein Mastochse geschlachtet – bei uns gibt es Spanferkel. Meine Frau, die Kinder, die Schwiegereltern, der Schwager samt Familie und die Nachbarn sind da – welch eine Freude! Es ist großartig, wieder hier zu sein, großartig, die Familie und Freunde zu sehen, großartig, mit „normalen“ Menschen zusammen zu sein und mal nicht über Therapien und Therapeuten zu reden. Nach knapp zwei Monaten in der Anstalt habe ich die Empfindung, dass meine Gefühle intensiver und die Sensoren geschärft sind.
Neben den eigentlichen Feierlichkeiten (ich hatte am Vortag Geburtstag) stehen viele Spaziergänge auf dem Programm. Und dann müssen auch noch ein Fahrrad überprüft und für die Zufahrt vorbereitet, ein Schrank mit defekter Schiebetür repariert sowie Papiere gesichtet und Unterlagen verschickt werden.
Auffällig ist der Unterschied zwischen dem ländlichen Sachsen-Anhalt und Leipzig. Hier begegnen mir zwischen zwei Querstraßen in drei Minuten mehr Menschen als auf einer siebzigminütigen Wanderung durch ganz Jerichow. Jedes Restaurant auf der Karl-Liebknecht-Straße hat mehr Gäste als dort alle vier Gaststätten und zwei Cafés zusammen.
Und dann der Großstadtdreck! Beschmierte Wände. Leere Flaschen an jeder Ecke. Müll und Scherben auf den Wegen. Fahrradruinen, die vor sich hin rotten und rosten. Auf dem Bürgersteig Essensreste. Eine Ratte, die sich unbesorgt zwischen den Freisitzmöbeln bewegt. Können Städte krank machen? Für Leipzig mag ich das nicht ausschließen, obwohl wir sogar in einer der schönen Ecken wohnen.
Es ist ein Wochenende, das wie im Fluge vergeht. Abschied nehmen fällt schwer. Die Familie drückt mich. Die Nachbarn drücken mich. Dann drückt die Zeit und ich muss los zum Bahnhof. Dieses Mal nehm ich das Fahrrad mit. Ab Genthin will ich damit die letzten knapp zwanzig Kilometer zurück in die Klapse fahren.
Vorher verbringe ich eine Zugfahrt im Dunst: der angekündigte Saharastaub trübt den Himmel, die übliche Verspätung trübt den Fahrspaß. Zumindest erreiche ich meinen Anschluss und bekomme im RE einen passablen Stellplatz für mein Fahrrad. Vor mir sitzen Hertha-Fans. Eine Anhängerin hadert mit dem Spielglück und leidet, da es aktuell nur 1:1 steht. Mit Blick auf den somit in weite Ferne rückenden Aufstieg in die 1. Bundesliga seufzt sie ihren Partner an: „Im nächsten Leben werde ich Union-Fan“. Dann große Freude, da Hertha in der Nachspielzeit in Führung geht und am Ende gewinnt. So schnell scheint wieder die Sonne, wenn man Fußballfan ist.
Pünktliche Ankunft in Genthin. Die Navi-App zeigt mir den Weg aus der Stadt, dann geht’s schnurgeradeaus auf dem Radweg nach Jerichow. Anfangs begegnen mir noch einige Sonntagsausflügler, die restlichen zehn Kilometer habe ich den Weg für mich allein. Kurz nach halb fünf bin ich da – die Anstalt hat mich wieder.
In zwei Wochen dürfte ich wieder nach Hause fahren, ich weiß allerdings nicht, ob ich die Kraft dazu haben werde. So ein Abschied von den Lieben fällt schwer.
Aber ich bin guter Dinge, dass es mir nach Abschluss der zwölf Therapiewochen deutlich einfacher fallen wird, mit mir, meinem Umfeld und meiner Gefühlswelt klarzukommen.
Christoph Sanders, Thalheim
Trotz Energieknappheit startet auch am Donnerstag vor unserem Haus ein motorisierter Transport zur Schule. Die Kids verlassen sich auf den Shuttle, der Vater steht um 6:45 Uhr ausgeschlafen auf der Matte. Währenddessen warten die Planespotter von One and More Aviation bereits auf die Landung des Lufthansa-Sonderflugs der „Queen of the Skies“ – die Boeing 747-8 mit der Registrierung D-ABYN ist für halb elf angekündgt. Das Sahnehäubchen der Spotter sind Ankünfte in Sonderlackierung, die man sammelt, wie ehedem der Philatelist Ersttagsbriefe. Das Beobachten der Flieger macht auf dem neuen Laptop einen noch surrealeren Spaß. Man darf sich nur nicht die Energieleistung vorstellen, die jedesmal beim Start in die Luft geblasen wird. Vor Jahrzehnten hat man es nur geahnt, jetzt kann man es genau messen, belegen, extrapolieren: Es war und ist eine gigantische Ressourcenverschwendung. Meldungen des Tages: 34 Prozent der Patienten in deutschen Pflegeheimen werden von der Sozialhilfe finanziert. Im Kongo brach eine Coltanmine zusammen: 200 Tote. Der Irankrieg droht, zu einem Erdgaskonflikt zu werden, Adam Tooze prognostiziert Preisanstiege bei Stickstoffdünger. Hohe Nervosität bei den Reiseveranstaltern, weil gerade die Osterurlaube umgebucht werden. Meine Älteste zieht nach Westend; die Armut im Spandauer Norden und die Zahl der Obdachlosen in der S-Bahn drückten auf ihr Gemüt. Das Coltrane-Quartett ist im Jahr 1965 gut eingespielt, im Grunde hört man da die letzte Ausentwicklung der modalen, aber traditionellen Jazzstruktur. Miles dagegen entwickelt mit den jungen Wilden eine andere Sprache. Ein goldenes Jahrzehnt.
Am Freitag bei aufstrebender Sonne in die Felder. Die Misteldrossel ist wieder da – paarweise wird sich durch die Büsche gejagt und vorerst nur zaghaft gesungen. Daneben Sibirische Drosseln, die inzwischen zu Standvögeln geworden sind. Eine Überpopulation an Amseln. Direkt vor der Küche ein Zaunkönig, der mit seinem spitzen Schnabel auch in Mauerritzen nach Fressbarem sucht. Eine wirklich hübsche Gefiederzeichnung – viel eleganter als diese ubiquitären Spatzen. Nach dem Besuch der Autowerkstatt väterliche Fahrdienste – Essen abliefern, das eine Kind von der Klassenfahrt abholen, das andere zum Musikunterricht bringen. Oben im Nachbardorf beim türkischer Hühnerzüchter gehalten – die meisten der Tiere werden gegessen, nur die Prachtexemplare nicht. Sein Nachbar hält Gänse.
Sonniger Frühlingssamstag. Die ersten Osterglocken sind draußen, die Tulpenblätter drücken nach oben. Mit einer Spezialmaschine das Steinpflaster ringsum das Haus freigebürstet – mit erstaunlichem Ergebnis. Dann einen geliehenen Laubsaughäcksler eingesetzt – unsere Grünzeugtonne ist nun randvoll. Als ich mein jüngstes Kind zur Theaterprobe bringe, der gewöhnliche Samstagsverkehr, dabei 220 Cent für den Liter Diesel gesichtet. In der Büchertelefonzelle ein ungelesenes Taschenbuch von Stifters „Der Hochwald“ eingesackt, auf das ich mich stürzen werde, da die Geschichte in Gefilden spielt, die ich ein halbdutzendmal mit dem Rad befahren habe. Über den waahr-Blog die Journalistin Marielouise Jurreiteine entdeckt – mit einer herausragenden Reportage über den Kampf Ali gegen Frazier, erschienen 1971 in Twen. Man zeige mir einen einzigen Text aus der Zeit oder dem Spiegel der letzten Jahre, der nur annähernd dieses Niveau erreicht. (Schon meinen Kindern fiel die Qualität eines FAZ-Magazins aus den 1990ern auf: „Das ist wirklich interessant.“) Die digitale Revolution geht zu Lasten der Altmedien – der Angriff auf die Aufmerksamkeitsspanne des Abnehmers ist der entscheidende Faktor. Und zugleich gibt es ein Switchback: achthundertseitige Romane, mehrstündige Podcasts, endlose Serien-Streams …
… und dann ist nicht nur die siebte Woche um, plötzlich ist man kalendarisch auch noch ein Jahr älter. Gerade nehme ich aus der Gruppentherapie den Hinweis mit, nicht alles mit Schulterzucken oder Selbstironie zu kontern – es ging dabei um meine Einladungen an die Mitpatienten, mich auf meinen Runden draußen zu begleiten, was bei ihnen eher Unwillen hervorruft und aus Therapeutensicht eine unfeine Eigendynamik entwickelt hat (sie haben recht!) – und da backen mir genau diese Mitpatienten heimlich einen Kuchen …
Auf andere Art überrascht mich unser zurückgezogener, oft geistig abwesend erscheinender Mecklenburger, der etwa in meinem Alter ist, während eben dieser Gruppentherapie mit klugen Einwürfen.
Thema ist die Unbill des Lebens und unser Umgang damit. Mit Hamlet gesagt (die anderen würden mir jetzt wieder arge Zitiererei vorwerfen): „Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil‘ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden.“ Kurz: hinnehmen oder sich wehren, sich wegducken oder aufstehen. Die Diskussion driftet gerade ein wenig ab, da wirft der Mecklenburger ein: „Jeder Mensch braucht eine innere Mitte. Einen Raum, wo er ganz er selbst ist. Alles draußen herum ändert sich sowieso, darauf haben wir keinen Einfluss. Aber unsere innere Mitte, das sind wir selbst, die verändert sich nicht, ihr kann das Außen nichts anhaben.“
Im direkten Gespräch nach der Einheit präzisiert er, dass das für ihn mehr sei als das Selbstwertgefühl. Es käme noch davor. Mangels eines besseren Begriffs einigen wir uns auf „Seele“, auch wenn es für ihn eher etwas Metaphysisches ist, eher dem buddhistischen Zen entspricht als der christlichen Vorstellung von Seele.
Aktuell unternehmen wir beide viel miteinander. Ich beobachte dabei mit Erstaunen und Freude, wie viele klugen Gedanken und Ansichten dieser verschlossen und abwesend, mitunter etwas überfordert wirkende Mensch in sich trägt – die stillen, tiefen Wasser … Am Donnerstag und Freitag spielten wir jeweils eine Stunde Frisbee, was ihn selbst überraschte, da er von sich sagt, schon nach kurzer Zeit das Interesse an allem zu verlieren und unkonzentriert zu werden.
Ansonsten herrschen gleichzeitig Frühling, Sommer und Winter. Frühlingshafte 10 bis 15 Grad tagsüber, und in der direkten Sonne, gerade wenn der allgegenwärtige Wind sich für einen Moment legt, sommerliche 25 Grad – und winterliche 2 Grad unter Null, wenn wir nach einer sternenklaren Nacht um 7 Uhr zum Frühsport raustreten. Winterlinge und Schneeglöckchen stehen in voller Blüte, der Krokus meldet sich schon mal für einen Platz an der Sonne an.
Es ist so herzerwärmend, draußen in der Natur zu sein – und doch genügt den meisten Patienten das Sitzen auf der Bank vor unserem Haus. Wie alte Leute hocken sie rauchend und schwatzend da und bewegen sich lediglich, um eine Jacke oder Decke zu holen, um eine Mahlzeit zu fassen oder zur nächsten Therapiestunde zu schlurfen.
Wann, wenn nicht jetzt, wo, wenn nicht hier, könnte man besser mit Gewohnheiten brechen? Auch hier ist der Mecklenburger die große Ausnahme – er macht es einfach.
Das Wichtigste zuletzt: Ich habe am letzten Montag meinen Ausreiseantrag bewilligt bekommen und fahre am Samstag erstmals für ein Wochenende nach Hause. Darauf freue ich mich riesig.
Lore Morr, Parchim
Seit dem Wochenende sieht man bei uns in der Regimentsvorstadt die ersten Frühblüher! In der Nacht haben wir meist noch Frost, aber am Tag geht das bis zu 14 Grad hoch, ich kann schon meine dünne Jacke anziehen. Jetzt, wo kein Schnee mehr liegt, komme ich auch wieder mit dem Rollator überall hin, das ist eine große Erleichterung.
Am Donnerstag war ich in der Weststadt bei der Frauentagsfeier der Ortsgruppe der „Volkssolidarität“. Die fand im Veranstaltungsraum der Anlage für altersgerechtes Wohnen „Uns Pütter Hus“ statt und war nur für Frauen zugelassen. Man hätte das aber gar nicht extra so machen müssen, von uns alten Schachteln hat doch sowieso keine mehr einen Mann. Es gab gute Mandarinentorte, Kaffee, Saft, Selters und zum Anstoßen Sekt mit und ohne Alkohol. Auf politische Reden wurde zum Glück verzichtet, was soll man da auch erzählen. Ein Alleinunterhalter machte Witze und spielte Musik ab, sodass man tanzen konnte, was auch viele machten, bei mir geht das ja leider nicht mehr. Ich hab mich dann mit denen unterhalten, die um mich herum saßen. Alle ohne Rollator redeten aber nur von ihren Urlauben und jammerten herum, dass sie mit ihrem Traumschiff nun nicht mehr überall hinkommen, weil im Iran Krieg ist. Eine Bekannte von mir hat sich jetzt sogar Wasservorräte angelegt, weil sie glaubt, dass bald eine Bombe auf Parchim geworfen wird, sie ließ sich gar nicht davon abbringen. Zum Abschied konnte sich jede von uns aus einem Eimer eine Rose aussuchen – das waren diesmal sogar richtig gute mit langen Stielen; ich nahm eine orangefarbene mit, die perfekt zu den Farben in meinem Wohnzimmer passt. Das war ein sehr schöner Nachmittag – man freut sich ja immer, wenn man sich ab und an trifft und sieht, wer noch am Leben ist oder keinen Schlaganfall hatte.