Christoph Sanders, Thalheim

Der Morgen des Pfingstsamstags wolkenlos, sommerlich und ruhig – es ist fast nur Vogelgesang zu hören. Die Clematisranke hat nun ihre zweite Blüte bekommen, eine intensive purpurne. Ein Virus schleicht sich davon. Ich bin verschlafen. Ein Tag für Einkäufe, Gartenpflege und eine kurze Radfahrt, bevor es auf Geburtstagsgrillparties geht.

Am Sonntag der Rosenbusch in voller Blüte, ebenso eine gelbe Lilie (Selbstaussaat). Ein milder Abend bei leicht windigen 26 Grad. Völlig platt aber zufrieden von der Hachenburg-Radrunde zurück: Siebzig Kilometer Auf und Ab durch den Westerwald bei Temperaturen um die 30 Grad. Zum Schluss knapp einem Krampf im operierten Bein entgangen, was ein untrügliches Zeichen für Ausbelastung ist. Die Hitze war angenehm, saugte aber Körner. Zwischendurch geriet ich in das Jahresfest des Flugsportvereins „Glück Auf“ Ailertchen – über das Thema Flugbenzin redet hier keiner. Zum Tagesausklang der grandiose, Rubinstein mit Chopin: Schlicht, natürlich, kein Gedonner, kein Pathos, keine Effekte. Er erzählt uns die Musik. Große Kunst.

Am Pfingstmontag höre ich an einem überaus leuchtenden Morgen bei einer zweiten Runde Sencha im DLF ein nicht sehr ergiebiges Feature über das Okkultistische im Werk Robert Musils, der sich (wie etwa auch Jünger) auf die Suche nach einer „Ur-Ordnung“ und dem metaphysischen Kern des Daseins begab. Für meine persönlichen mystischen Ekstasen genügt mir weiterhin das Rennrad – mein Rausch sind die gute Erschöpfung und die schweren Beine am Morgen danach. Weit oben im Baum haben die Türkentauben wieder zu brüten begonnen – vermutlich ist das bereits die Enkelgeneration. Sie alle kamen dort zur Welt. Und vom Dach aus wacht der Partner.

Ich verbringe den sehr heißen Nachmittag mit der aufwühlenden Sortierung des Inhalts meiner Berliner Farbfotokartons. Sie werden, stark selektiert, in Alben landen – das der Jahre 1996/97 wird den Titel „Cars and the City“ tragen. Weitere werden „Berliner Winter“ und „Die Farben der Luft in Mitte“ heißen. Bis zur Jahrtausendwende war die Stadt eine völlig andere als heute – Teile der Friedrichstraße sind noch Halbruine und terra incognita (für Westler); 1999 stehen dann die Kräne am Potsdamer Platz. Es war mein Leben vor den Kindern. Für mich ist dies wohl die letzte Gelegenheit, mich damit zu befassen – man muss die Energie und eine Vorstellung davon haben, was aus dem Material werden soll. Farbfotos sind nicht gerade zeitbeständig, was ich mit Schrecken an den gerahmten Bildern an der Wand sehe. Im Dunkeln bleiben die Farben frisch, also auch in Alben. Gestrige Technologien. Die Negative werde ich vernichten.

Am ersten Tag nach Pfingsten die üblichen Chauffeursdienste und Besorgungen. Bei meiner Rückkehr steht ein LKW in unserer Einfahrt und will acht Paletten Dämmaterial abladen. Nach Betrachtung des Lieferscheins weise ich den Fahrer auf den Unterschied zwischen Talweg und Talstraße hin – zum Glück kommt er nicht wieder. Da es noch unter 30 Grad sind, schnell aufs Rad. Die Gerste schießt förmlich empor; die Vögel hören gar nicht mehr auf zu singen. Sonnenuntergang mit Rosenduft. Das Blätterdach macht die Nacht erträglich – aus dem Garten strömt frische Luft durch die Fenster und durch den Kamineffekt hinauf bis ins Schlafzimmer. Doll!!!

Sofort am Mittwochmorgen bei 13 Grad die noch feuchte Wiese rund um die Büsche gemäht. Die Johannisbeeren bekommen in diesen Tagen genau das, was sie brauchen: Sonne. Sie werden sie uns als Vitamin C weiterreichen. Um halb elf aufs Rad. Nach kurzer Fahrt Blockade durch ein Dutzend Feuerwehrfahrzeuge. Neben dem Salon des Herrenfriseurs von Hadamar ist ein Dachstuhl ausgebrannt. Ein Rentner berichtet mir, er habe um 4:15 Uhr morgens das Leuchten wahrgenommen, sei aufgestanden und zum Ort des Geschehens gelaufen. Zunächst vermutet er ein Brandgeschehen in einem alten Fachwerkhaus, tatsächlich steht jedoch ein schwarzes Mercedes Coupé in Flammen. Das Feuer greift auf einen Paketlieferwagen über, der sich nicht löschen lässt, weil die Hydranten festklemmen. Schlussendlich wird noch das Dach eines Wohnkomplexes erfasst.

Ein heißschwüler Tag, an dem erste Quellwolken sichtbar werden, 27 Grad Höchsttemperatur, unbeständiger Nordostwind. Die Grashalme erreichen stellenweise eine Länge von 50 Zentimetern – ich drehe mit dem Mäher Runde um Runde. Die Rosen blühen irrwitzig schnell auf – ich fülle mit den Blüten eine Schale und bringe diese ins Haus. Nachmittags begleite ich meine Jüngste zum Stall – das Pferd, das sie pflegt, wurde gerade wegen Koliken behandelt. Nun ist es wieder gesund und trägt zur Feier des Tages eine Margerite in der Mähne. Abendaufgabe: Den Sohn zu zehn Minuten am Mäher ermuntern.

