Helko Reschitzki, Moabit

Unter „Nudging“ (deutsch: „Anstupsen“) versteht man ein Konzept aus der Verhaltensökonomie und Psychologie, das Erkenntnisse über Abwägungsprozesse nutzt, um das menschliche Handeln zu lenken. Dazu präsentiert man verfügbare Optionen so, dass eine bestimmte Entscheidung wahrscheinlicher wird. Obwohl die formale Wahlfreiheit vollständig erhalten bleibt, werden die Betroffenen subtil in die beabsichtigte Richtung gelenkt. Meist sind sie sich dieser psychologischen Steuerung nicht bewusst.

Das von den US-Amerikanern Richard Thaler und Cass Sunstein, einem Verhaltensökonomen und einem Rechtswissenschaftler, entwickelte Konzept („Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“, 2008) hielt 2014 unter Bundeskanzlerin Merkel Einzug in die deutsche Politik. Im Kanzleramt wurde hierfür die Projektgruppe „Wirksam regieren“ (organisatorisch verankert als Referat 612) geschaffen, die seitdem als „Nudge Unit“ („Anstups-Einheit“) agiert. Zunächst lag deren Schwerpunkt auf behördlichen Abläufen, etwa der verständlicheren Gestaltung des Formulars zur Beantragung des Elterngelds oder der Umformulierung des Aufforderungsschreibens zur Steuererklärung, sodass sich die Abgabequote erhöhte. Auch die Kampagnen zur Organspende sowie zur Steigerung der allgemeinen Impfbereitschaft gehörten zum Einsatzbereich. In den folgenden Jahren fand der Ansatz dann zunehmend in anderen Politikfeldern Anwendung und entwickelte sich zu einem festen Instrument staatlicher Verhaltenssteuerung.

Seit der Einführung warnen zahlreiche Psychologen und Psychiater vor diesen Methoden und dem dahinter stehenden staatlichen Paternalismus. In Debatten und Stellungnahmen kritisieren sie insbesondere den gezielten Einsatz moralischen Drucks, der negative Emotionen wie Furcht oder Schuldgefühle hervorrufen kann. Aus therapeutischer Sicht wird darauf verwiesen, dass diese verdeckten Prozesse zur Förderung eines gewünschten Verhaltens eine Einschränkung des Rechts auf Selbstbestimmung darstellen, da Betroffene nicht durch Transparenz zu eigenverantwortlichen Entscheidungen befähigt werden. Zudem wird die Befürchtung geäußert, dass das systematische Schüren von Ängsten die mentale Gesundheit beeinträchtigt und letztlich das Vertrauen in staatliche Institutionen schwächt, da man die Menschen nicht als mündige Partner, sondern als lenkbare Objekte betrachtet.

Wie weitreichend diese psychologische Steuerung eingesetzt werden kann, zeigte sich während der Corona-Pandemie durch die Arbeit einer Forschungsgruppe der Universität Erfurt um die Psychologin Cornelia Betsch. Ihr Team befragte ab März 2020 in meist wöchentlichen Abständen anonymisiert jeweils rund eintausend Bürger zu deren Ängsten, Sorgen und Impfbereitschaft. Während diese wissenschaftliche Erhebung (COSMO-Studie) an sich wertvolle Erkenntnisse über die psychosoziale Lage der Bevölkerung lieferte, nutzte die Politik die Daten im Nachgang als strategische Orientierungshilfe, um verhaltensökonomische Hebel für eine gezielte Beeinflussung anzusetzen.

Für die Covid-Impfkampagne setzte der Staat neben verschiedenen Instrumenten des Gesundheitsmarketings zunächst auf moralisches Nudging und nutzte Slogans mit dem Tenor „Impfen schützt deine Liebsten“. Einige Fachleute wiesen zu Recht darauf hin, dass dies jeglicher Evidenz entbehrte, da ein Schutz vor der Weitergabe des Virus in den Zulassungsstudien der Hersteller überhaupt nicht untersucht worden war. Parallel dazu wurden die Barrieren für den Zugang zur Impfung so weit gesenkt, dass eine spontane Entscheidung möglich war – das Vakzin wurde im Zirkus, auf Supermarktparkplätzen, in der S-Bahn oder im Bordell verabreicht; mancherorts gab es zum „Pieks“, wie dieser medizinische Eingriff verniedlichend genannt wurde, einen kostenlosen Döner dazu.

Da sich viele trotz dieser niederschwelligen Angebote und der Dauerwerbung nicht impfen ließen, wurden, um den Druck zu erhöhen, 3G- und 2G-Regeln eingeführt – wer keinen Impf- oder Genesenennachweis hatte, verlor nahezu vollständig den Zugang zum gesellschaftlichen Leben. Mit diesem Bruch der Freiwilligkeit überschritt der Staat entgültig die Grenze des bloßen „Anstupsens“.

Auch bei den täglichen Besorgungen, am Arbeitsplatz oder in den Bildungseinrichtungen wurde das Handeln gelenkt: die Pflicht, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, Abstandsmarkierungen auf den Böden, Desinfektionsmittelspender an den Eingängen und das Eintragen in Gästelisten sollten das Einhalten der Regeln zu einer Routine machen, die sich jeder rationalen Überprüfung entzieht.

Heute nutzt das Erfurter Forschungsteam um Prof. Dr. Betsch (nun unter dem Dach des 2023 gegründeten Institute for Planetary Health Behaviour) dieselbe Methodik für die Themen Klimawandel und Hitzeschutz. Im Rahmen von fortlaufenden Befragungen der PACE-Studie wird untersucht, warum Menschen Warnungen ignorieren, sich in der prallen Sonne aufhalten oder zu wenig trinken. Das Projekt wird vom Bundesgesundheitsministerium finanziert; die gewonnenen Daten fließen unmittelbar in die Gestaltung der staatlichen Hitzeschutzpläne ein.

Eine ebenso zentrale Position nimmt in diesem Themenkomplex der Deutsche Wetterdienst ein. Um die Bevölkerung zu warnen, nutzt auch er verhaltensökonomische Methoden in seiner mehrgleisigen Kommunikationsstrategie: In der „WarnWetter-App“ und auf seinem Internetportal werden visuelle Signale verwendet, die sich der Farbcodierung des europäischen Ampelsystems bedienen, um über gelernte Assoziationen Verhaltensänderungen anzustoßen – Rot und Violett vermitteln sofort „Gefahr“. Neben dieser optischen Hierarchie nutzt der DWD den Begriff „gefühlte Temperatur“, um das Handeln der Nutzer zu aktivieren. Diese berechnet sich über das Klima-Michel-Modell und bezieht neben der Luftfeuchtigkeit auch Windgeschwindigkeit sowie Wärmestrahlung ein. Sie unterscheidet sich meist deutlich vom herkömmlichen, offiziell im Schatten gemessenen Wert, der Schwüle und direkte Sonneneinstrahlung ignoriert. Diesen Kniff wählt die Behörde, um das Wetter unter dem Aspekt der Belastung für den Organismus darzustellen und so für mehr Achtsamkeit zu sorgen. Das Problem dabei ist, dass man unser Empfinden nicht standardisieren kann. Da die dahinterstehende Formel von einem gesunden, fünfunddreißigjährigen Mann („Michel“) ausgeht, ignoriert sie die individuelle Physiologie völlig – bei identischen Werten können eine chronisch kranke Frau oder ein Pflegebedürftiger in eine lebensbedrohliche Situation geraten, während ein Leistungssportler dieselbe Lage mühelos toleriert. Weicht die kommunizierte Zahl zu stark vom eigenen Erleben ab, droht ein Bumerang-Effekt: Die Warnung verliert an Glaubwürdigkeit, was zu einer gefährlichen Abstumpfung führen kann. Trotz dieser Unzulänglichkeiten hält der DWD an dieser Methode fest, da er davon ausgeht, dass Schatten-Messwerte wie 26 Grad Celsius für die meisten nach harmlosem Freibadwetter klingen. Wenn auf dem Display stattdessen eine „gefühlte Temperatur“ von 32 Grad steht, soll diese höhere Zahl für einen psychologischen Ruck sorgen und als Impuls dienen, das eigene Verhalten rechtzeitig anzupassen.

Dieser Fokus auf die unmittelbare Aktivierung des Einzelnen spiegelt sich auch in der Kommunikation wider und geht dort oft mit einer Verknüpfung einher – so werden regionale Extremwetterereignisse mit dem Thema des „Klimaschutzes“ assoziiert. Obwohl die globale Erderwärmung direkt zu häufigeren Hitzewellen führt, trennen viele Kampagnen nicht sauber zwischen den beiden grundlegend verschiedenen Ebenen: der akuten, körperlichen Gefahr durch das tagesaktuelle Wetter sowie den langfristigen Klimaprojektionen. Bei diesen Zukunftsszenarien handelt es sich logischerweise nicht um Fakten, sondern um komplexe mathematische Modelle. Da diese auf theoretischen Annahmen basieren, sind sie durch die Auswahl der eingegebenen Daten und Parameter beeinflussbar, was die Vorhersagen anfällig für ideologische Instrumentalisierungen macht.

An dieser Stelle ist vielleicht eine kurze Begriffsklärung hilfreich: Das komplexe Gesamtgefüge unseres Planeten, das durch die ständigen Wechselwirkungen zwischen der Atmosphäre, den Ozeanen, dem Eis, der Landoberfläche und der Biosphäre entsteht, bezeichnet man als Klimasystem. Dieses existiert demnach seit Jahrmilliarden (und lange, bevor es Homo sapiens gab). Es ist als physikalischer Zustand immer vorhanden und lässt sich daher überhaupt nicht „retten“.
Bereits in der Antike verwendeten Menschen das Wort klíma (altgriechisch „die Neigung“), um ausgehend vom Sonnenstand und der geografischen Breite unterschiedliche Erdstriche mit ihren jeweiligen natürlichen Bedingungen zu beschreiben.
Als sich die Meteorologie Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer eigenständigen Wissenschaft entwickelte, veränderte sich die Bedeutung des Begriffs. Die zunehmende systematische Erfassung von Wettererscheinungen durch standardisierte instrumentelle Messungen ermöglichte es, die Verhältnisse eines Gebietes anhand quantifizierbarer Daten statt auf reiner Beobachtungsbasis zu untersuchen. Durch die mathematische Auswertung dieser Messreihen entwickelte sich daraus die moderne Definition: Klima bezeichnet die statistische Erfassung der langfristigen Zustände, Muster und Schwankungen der für einen Landstrich typischen atmosphärischen Bedingungen.
Um die statistische Beschreibung des Klimas international einheitlich erfassen und vergleichen zu können, wurden feste Referenzzeiträume eingeführt. Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich dafür die 30-Jahres-Spanne durch. Diese Klimanormalperioden dienen als Maßstab, um anhand langjähriger mathematischer Daten die charakteristischen Temperatur-, Niederschlags- und Wetterverhältnisse einer Region zu bestimmen und einzuordnen.

Weil das statistisch erfasste Klima für das menschliche Gehirn zu abstrakt und theoretisch ist, bewirkt das Thema „Klimarettung“ kaum Verhaltensänderungen. Um die für Deutschland beschlossene „sozial-ökologische Transformation“ voranzutreiben, sprechen staatliche Kampagnen die Bürger nicht nur über nackte Zahlen an, sondern setzen verstärkt auf die konkrete, körperliche Erfahrung eines heißen Sommertags als emotionalen Hebel, um die beabsichtigten Handlungen anzustoßen.

Diese weitreichende Agenda ist für den Durchschnittsdeutschen mit Wohlstandsverlusten, steigenden Kosten und massiven Eingriffen in die persönliche Freiheit verbunden. Da sie in einer rein sachlichen Debatte wohl oft auf erheblichen Widerstand stoßen würde, wird versucht, die Zustimmung für die „Energiewende“ über eine emotionale Dringlichkeit zu erwirken.

Nicht wenige Politiker, Wissenschaftler, Aktivisten und Journalisten tauschen hierfür neutrale Begriffe gegen emotional geladene Ausdrücke aus, um eine strategische Rahmung zu erzeugen. Auf diese Weise instrumentalisieren sie die Hitze, um den mathematisch kalkulierten Zukunftsprognosen, die zunehmend im alarmistischen Vokabular der „Klimakrise“ oder „Klimakatastrophe“ erscheinen, eine Relevanz im Hier und Jetzt zu verleihen. Experten bemängeln, dass dadurch die Grenze zwischen einem akuten Wetterextrem und einer langfristigen, realen Bedrohung systematisch verwischt wird.

Schlagen Behörden und Medien ununterbrochen Alarm, führt das bei einigen zu Angst und psychischen Druck. Dies kann das Herz-Kreislauf-System belasten, das Immunsystem schwächen und den Schlaf stören. Bei anderen erzeugt dieserart Krisenberichterstattung Reaktanz – eine Abwehrreaktion, die anspringt, sobald jemand durch eine Reizüberflutung emotional und kognitiv überfordert ist oder eine Einschränkung der inneren Entscheidungsfreiheit wahrnimmt. Zu viel anhaltende Besorgnis ohne Entlastung blockiert zudem das logische Denken – Menschen verfallen in Starre, igeln sich ein, trauen sich nicht mehr vor die Tür und schaden sich letztlich selbst physisch und mental mehr, als es ein heißer Tag je getan hätte.

Demokratie basiert auf dem Ideal des mündigen Bürgers, der durch Aufklärung und rationale Debatten zu einer freien Entscheidung gelangt. Nudging umgeht diesen bewussten Diskurs per Definition, indem es direkt auf das Unterbewusstsein, emotionale Reize und psychologische Automatismen abzielt. Selbst wenn eine Regierung und staatliche Institutionen diese Methode ausschließlich für unbestreitbar gute Zwecke einsetzen würden, bleibt das Instrument strukturell hochgradig missbrauchsanfällig. Die Coronamaßnahmen in Deutschland haben exemplarisch demonstriert, wie schnell die Grenze vom wohlwollenden „Anstupsen“ zu verhaltensökonomisch gesteuertem Druck verschwimmen kann. Sobald Politik, Medien und Institutionen beginnen, die Bürger durch psychologische Tricks zu manipulieren und zu lenken statt sie zu überzeugen, droht eine tiefgreifende Entfremdung von den etablierten politischen Strukturen und ein schleichender Verlust der demokratischen Substanz.

Offener Brief von PsychotherapeutInnen, PsychologInnen, ÄrztInnen, VerhaltensökonomInnen etc. zur transparenten Aufklärung des Einsatzes von subtilen psychologischen Maßnahmen zur Verhaltensänderung: https://blog.bastian-barucker.de/wp-content/uploads/2022/10/Offener-Brief-Nudging-ohne-Unterschriften.pdf
„Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“ – internes Strategiepapier des Bundesinnenministeriums, März 2020: https://fragdenstaat.de/dokumente/4123-wie-wir-covid-19-unter-kontrolle-bekommen/
Nudging aus juristischer Sicht: https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/nudging-regierung-merkel-verhaltenskonomie-rechtsschutz
taz „Nudging anstatt Bildung und Aufklärung“: https://taz.de/Nudging-anstatt-Bildung-und-Aufklaerung/!5326067/
DLF „Nudging im Kanzleramt“: https://www.deutschlandfunkkultur.de/nudging-im-kanzleramt-mit-der-traegheit-der-menschen-100.html
Fotos: S-Bahnhof Rathaus Steglitz und U-Bahnhof Birkenstraße, 02.08. 2026
