Frank Schott, Leipzig

Im Nachhinein glaube ich, mein Hochgefühl nach der Radtour am Dienstag ging in die Binsen, als ich am Abend mit meiner Schwester telefonierte. Eigentlich wollte ich nur reden, weil ein Messenger-Nachrichtenaustausch zwischen uns missverständlich zu werden drohte. Aber dann stürzte das ganze Elend auf mich ein. Wann wird eine Klage zum Vorwurf?
All ihr Frust entlud sich auf mich: Sie kümmere sich als einzige von uns drei Geschwistern um unsere Eltern und insbesondere den Vater. Wenn meine Mutter anrufe, sei nur sie zur Stelle. Nur sie erlebe hautnah, wie mein Vater geistig abbaut. Wir, ihre Brüder, unterstützten sie kein bisschen. Ich wurde äußerst ungehalten, lebe ich doch über 300 Kilometer entfernt und kann, wie man es auch dreht und wendet, einfach nicht vor Ort sein.
Mehrere Male Funkstille. Mehrere Male erneute Anrufe. Sie habe mich nicht angegriffen. Das sei kein Vorwurf gewesen. Ich sagte, ich hätte das sehr wohl als Vorwurf verstanden. Sie sagte, das sei überhaupt keiner gewesen. Ja, ich weiß, Kommunikation und so – was der Sender sagt (und eigentlich meint), kommt beim Empfänger ganz anders an.
Daher die philosophisch-psychotherapeutische Frage: Wann wird eine Klage zum Vorwurf?

Auch am Mittwoch ist meine Stimmung im Keller. Ich fühle mich so elend und grau wie seit … langem? Nein, das wäre falsch, denn die depressiven Einschläge häufen sich nicht nur, die Abstände dazwischen werden auch kürzer … so grau und elend wie seit Tagen nicht mehr. Zwar schaffe ich es noch, neun Kilometer zu laufen, bevor der Regen einsetzt, aber danach hänge ich nur noch im inneren Tief. Ich fühle mich so nutzlos und ungebraucht wie ein abgewracktes Fahrrad. Aus dieser Abwärtsspirale komme ich momentan auch nicht raus, weil jede Jobabsage ein weiterer Faustschlag ins Gesicht, ein erneuter Tritt in die Kronjuwelen ist.

Und es regnet und regnet und regnet. Die Katzen schauen mich vorwurfsvoll an, aber kneifen den Schwanz ein, wenn ich die Türen öffne und sie zum Rausgehen animiere. Es ist ihnen zu nass. Sie beschweren sich, als könne ich das Wetter ändern.
Mein unter Depressionen leidendes Kind fragt mich, wie ich es schaffe, nicht in Trübsal zu versinken. Ich sage, mir geht es so elend wie Dir – ich verberge es nur. Sport würde ein wenig helfen, aber zunehmend habe ich nicht mal mehr dazu den Antrieb oder die Kraft. Ich glaube, das war nicht sehr motivierend für mein Kind. Aber ich schaffe es immerhin noch, mich nicht weinend im Bett zu verkriechen.

Ich gehe im Regen durch die Stadt. Bei uns hat eine „Vegane Fleischerei“ eröffnet. Ich weiß, was die Betreiber sagen wollen, aber mich ärgert dieses heuchlerische Sprachgepansche. Das ist wie „Zuckerfreie Butter“ oder „Mehlfreie Bäckerei“ … Wobei es die Friseurläden noch übler treiben – ich passiere gerade die „Haarmonie“ … Vielleicht bin ich heute wirklich überempfindlich – alles regt mich auf.

Dann passierte noch ein Unglück. Die kürzlich gekaufte Melone stand kurz vor der Entbindung. Wie ich darauf komme? Sie verlor ihr Fruchtwasser. Wortwörtlich. Vor der Arbeitsplatte hatte sich eine klebrige Pfütze gebildet. Als meine Frau die überreife Frucht anfasste, entlud sich ein Strahl Saft auf sie. Die Schale war so weich, dass der beim Greifen entstehende Druck bereits ausreichte, um eine Fontäne zu erzeugen. Wir umhüllten die Melone vorsichtig mit einem Müllbeutel und ließen sie dann behutsam in den Bioeimer gleiten, anderenfalls wäre sie vermutlich explodiert. Wie geht der alte Fußballerspruch? „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“

Stimmt, es kam eine Menge zusammen in den letzten vierundzwanzig Stunden: Pech, unschöne Gespräche, Sprachpanscher, Jobabsagen und das ohnehin schon eingetrübte Grundgefühl. Ich setze mich in ein Café, um eine halbe Stunde Regen zu überbrücken, bevor ich meine Frau von der Arbeit abhole. Ich lese gerade in meinem John-Steinbeck-Buch, als Knall auf Fall der Geräuschpegel in die Höhe schrillt. Haufenweise Kinder aus Kita oder Grundschule purzeln mit ihren Eltern auf eine Kugel Eis herein – zum Sitzen auf den Bänken draußen ist es zu nass.

Ich packe meinen Krempel zusammen und gehe. Ich warte vor dem Gebäude, in dem meine Frau arbeitet, und lese weiter. Im Regen. Hat mal jemand versucht, mit einem Schirm in der einen und einem Buch in der anderen Hand eine Seite umzublättern? Wenn man nicht aufpasst, kann man dabei sehr nass werden. Aber das ist mir egal. Ich versinke im Leben von Pippin IV. von Frankreich, dem König wider Willen. Eigentlich ein Schelmenroman, ein trauriger Schelmenroman, mit viel Weisheit und Wahrheit. Für einen Moment versinke ich in der Geschichte, und alles ist gut. Und am späten Abend kommt sogar wieder die Sonne heraus.

