Helko Reschitzki, Moabit

Für die Fahrt zum und vom Schlachtensee muss ich am Wochenende eine Ersatzstrecke meiner üblichen Ersatzstrecke nutzen – mit Umstieg am Bahnhof Zoo, der zwar auch eine Baustelle, aber befahrbar ist. Trinker, Drogensüchtige, Sicherheitspersonal und Polizei sind am frühen Sonntag noch im ruhigen Tagesbeginnmodus, was sich gewiss schnell ändern wird. In der großen Bucht sehe ich die Schwanenfamilie, zähle aber statt der zuletzt vier (von ursprünglich fünf) Jungen nur drei. Darüber unterhalte ich mich mit einem Mann, der sich gerade am Ufer abtrocknet. Wir sind einander vorher nie begegnet, können aber ohne jedes Problem ein Gespräch fortsetzen, das wir nie angefangen haben – die Schwimmer sind meist auf demselben Beobachtungsstand, man greift da einfach auf ein Basiswissen zurück. Wir spekulieren, welcher der Fressfeinde am ehesten für den Verlust gesorgt hat – er tendiert zum Fuchs, ich hingegen zur Bisamratte, weil mir eine Mitschwimmerin mal ein Handyfoto zeigte, auf dem so ein Nager im Schwanennest am Westufer an die Eier herankommen wollte. Es ist ein wolkenverhangener Morgen, der Regen verheißt; nur die Hagebutten setzen Leuchtpunkte. Der Graureiher hat das Revier gewechselt und sieht aus wie ein windiger Businesstyp, der auf IKEA-D.I.Y.-Sargdeckeln Surfunterricht anbietet.

In meiner Bucht treffe ich nach Langem wieder auf die Endsechziger-Sonntagsbade-Dreiergang. Die zwei Frauen gehen sofort schwimmen; der Mann meint zu mir, dass wir uns doch schon mal unterhalten hätten. Was ich bestätige: „Ja, unter anderem über Physiotherapie.“ (Eine der Damen ist Krankengymnastin.) „Und Sie spielen Tischtennis und sind in der DDR aufgewachsen“, erinnert er sich. Ich lache: „Das stimmt.“ „In letzter Zeit war ja viel über Ostdeutschland zu lesen“, sagt er, „vielleicht können Sie mir davon einiges erklären – ich habe nämlich selbst eigentlich keine Berührungspunkte.“ Er erzählt kurz von einer einzigen Reise nach Schwerin in den achtziger Jahren. Im Gedächtnis geblieben sind ihm eine Gaststätte namens „Zum Goldbroiler“, ein sowjetisches Kasino, „das unmögliche Verhalten anderer Westdeutscher“ und die spärliche Straßenbeleuchtung. Letzteres ist mir auch erinnerlich. Er fragt, ob das Wahlverhalten in den neuen Ländern und speziell in Sachsen-Anhalt so eine Art Rache für die Demütigungen in den Jahren nach der Wiedervereinigung sei. Ich entgegne: „Vielleicht bei einigen. Was dann aber nicht die Millionen AfD-Wähler im Westen erklärt, von denen es absolut immer mehr gab als im Osten; die Prozentangaben verschleiern das ja.“ Das leuchtet ihm ein. Er fragt ein Medienklischee nach dem anderen ab – wir sprechen über Deindustrialisierung, den infrastrukturellen Kahlschlag, die Abwanderung der Jungen, den Frauenmangel. Ich berichte vom politischen Wandel in Mecklenburg – von der gegenseitigen Entfremdung zwischen Bürgern und Parteien und dem Vakuum, das entstand und nun eben von einer neuen Kraft gefüllt wird. Darauf er: „Genauso hat mir das auch meine ostdeutsche Bäckerin erklärt.“ Die beiden Frauen kommen aus dem Wasser; er geht hinein.

Als wir später zu viert auf der Bank sitzen und Tee respektive Kaffee trinken, kommt die Schwanenfamilie in die Bucht geschwommen und hält direkt auf uns zu. Eines der Alttiere geht ohne ersichtlichen Grund zum Angriff über und attackiert mich mit Schnabelstößen; das zweite Elternteil faucht uns an. Die anderen bringen sich an der dicken Eiche in Sicherheit. Ich überlege, ob ich ihnen folgen soll, will mir aber die Gelegenheit, die Jungtiere mal aus allernächster Nähe zu betrachten, nicht entgehen lassen. Im Wasser herrscht nun Durcheinander; ich werde weiter angegangen. Als die Mitschwimmer kurz darauf zur Bank auf der rechten Buchtseite wechseln, schließe ich mich doch an.

Die Schwäne putzen nun in aller Ruhe am Ufer ihr Gefieder. Mir fällt auf, dass die Jungvögel wie Dinosaurier aussehen – beziehungsweise unserer von Animationen geformten Vorstellung davon entsprechen.

Ich erzähle den anderen vom Verschwinden des vierten Jungen vor ein, zwei Tagen und stelle die Vermutung an, dass das Verhalten eventuell damit zusammenhängt. Ein Mann, der kurz darauf mit seinem Sohn zu uns kommt, berichtet dann aber, dass es bereits letzte Woche so eine Attacke auf Menschen gab. Wie schön, dass so vieles rätselhaft bleibt.

Der Ursprung der Vögel: https://evolution-berkeley-edu.translate.goog/what-are-evograms/the-origin-of-birds/?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=wapp

Die Dinosaurier-Vogel-Verbindung: https://www.researchgate.net/publication/282646227_The_Origin_and_Diversification_of_Birds

