Frank Schott, Leipzig

Ein wenig habe ich meinen Frieden damit gefunden, dass der Montag der Tag der Jobsuche ist. An den Vormittagen scrolle ich durch die einschlägigen Portale und erstelle Anschreiben – den Rest der Woche über liegt mein Fokus aber auf der Familie, unserem Haus sowie meiner körperlichen und geistigen Gesundheit. Leider halten sich die potenziellen Arbeitgeber nicht an diesen Rhythmus, sodass auch an den „freien“ Tagen Absagen eintrudeln.

Manchen Absagen gingen Gespräche voraus – gute und offene Gespräche, wie ich fand – und dennoch gibt es am Ende die unverbindliche Ablehnung durch den rechtssicheren Automaten. Woran mag es liegen? Was ist es, das von den Firmen gesucht und offensichtlich ja anderswo gefunden wird, nur eben nicht bei mir? Bin ich zu alt? Zu qualifiziert? Zu unqualifiziert? Zu ehrlich? Zu wenig Verkäufer meiner selbst? Nicht, dass ich mich auf meine alten Tage ändern würde – meine Biographie ist in Stein gemeißelt und mein Ich knorrig und hart wie ein alter Baum. Interessieren würden mich die Absagegründe dennoch.

Beim Bier im Freisitz sagt der Freund, dass die Absagen daran lägen, dass ich mich vor allem im öffentlichen Sektor umgesehen hätte. Dort arbeite man beim Auswahlverfahren streng nach Punktlisten, um ja nicht angreifbar zu sein. Da seien Personaler dabei, die keinerlei Ahnung von der Aufgabe hätten, aber trotzdem fleißig Punkte verteilen würden. Dabei käme es für den Bewerber keineswegs darauf an, ehrlich zu sein – ganz im Gegenteil: Man müsse bei allen Fragen sagen, ja, das könne man, habe man schon gemacht. Sei man erst einmal eingestellt und im System, spiele es keine Rolle, ob man etwas könne, überfordert sei oder noch etwas lernen und sich weiterentwickeln wolle.

Aber so ein Blender bin ich wie gesagt nicht – ich weiß, was ich kann und was nicht, und sage das auch genau so. Ich weiß, dass ich mich reinknien und mir Wissen und Fähigkeiten aneignen würde, dass ich mich einer Aufgabe verschreiben würde. Aber wahrscheinlich geht es überhaupt nicht darum – zumindest nicht im öffentlichen Sektor. Ja, und ich weiß, dass ich mit Kollegen, die mehr Schein als Sein und mehr Wort als Tat sind, letztlich verkümmern würde. Doch so ganz ohne Job fühle ich mich auch unvollständig.

Genug geklagt – die Welt dreht sich außerhalb dieser Probleme ja weiter. Ich genieße die Ruhe am See. Am Dienstag ist es bewölkt, windig und kalt. Der Strand ist leer. Aus dem Sand grüßt mich eine Plastikente; ihre lebende Verwandtschaft hat das Wasser für sich allein. Es ist so kalt, dass ich fröstle und nicht hineinsteige. Am nächsten Tag ist es wärmer, und ich kann mich zwischen Enten und Möwen beim Baden entspannen. Über mir kreisen die Libellen wie Hubschrauber der Seenotrettung nach einem Schiffsunglück. Wobei das Beispiel hinkt – ich habe noch nie zwei Hubschrauber gesehen, die versucht haben, sich über der Seeoberfläche zu paaren.

Zwei alte Damen stehen knapp brusttief im Wasser und werfen sich einen Baseball zu. Sie kichern verlegen, als ich vorbeischwimme. „Sie halten uns bestimmt für wunderlich?“ – „Nein“, sage ich. „Ich finde es toll, dass Sie das machen. Ich möchte in Ihrem Alter gerne auch so fit sein.“ Beide nehmen mich wohl nicht ganz ernst, aber sie lächeln erfreut.

Noch einen Tag später ist es so drückend heiß, dass ich es maximal fünfzehn Minuten in der Sonne aushalte, bevor ich zu zerfließen drohe. Das angenehm kühle Wasser ist die Rettung. Weil es ein Wochentagsvormittag ist, herrscht trotz der Ferien nur geringer Andrang. Einige Familien mit Kindern sind da, einige Rentner und ein paar Einzelgänger wie ich. Kompressoren blasen Gummiboote und Schwimmboards auf. Ich habe meine Strecke, die abzuschwimmen etwa dreißig Minuten dauert, und sehe entspannt meinen Schatten unter mir den Grund entlang tauchen.

Trotz der Hitzetage ist es eine überraschend gute Woche zum Laufen. Ich drehe dabei nicht das ganz große Rad, sondern jogge viermal knapp acht Kilometer. Interessant ist, dass der Fitnesstracker trotz GPS für die identische Runde bis zu vierhundert Meter Unterschied anzeigt. Ein paar Meter wegen der Kurvenradien könnte ich verstehen, aber das sind fünf Prozent Differenz! Auffällig ist, je schneller ich unterwegs bin und je größer die Schritte ausfallen, desto kürzer wird die ermittelte Distanz.

Am Sonntag liegt ein wenig Frühnebel über der Strecke. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nicht eher Smog oder Rauchschwaden sind. Die Luft riecht ein wenig verbrannt – so wie ein frisch entzündeter Kamin. Es ist halb acht und es sind ausgesprochen viele Läufer unterwegs. Nach dem gestrigen Regen nutzt man den freien Tag und die Kühle des Morgens.

Wenn ich durch die Stadt schlendere, habe ich immer noch Fromms „Haben oder Sein“ dabei. Ich lese inzwischen nicht nur in Cafés, sondern häufig auch auf schattigen Parkbänken. Wenn es heiß ist, trinke ich dabei Wasser. Solange ich still sitze, schwitze ich nicht. Der Schlussteil des Büchleins überrascht mich, da sich der Inhalt vom Beschreiben der menschlichen Probleme aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht hin zu einer Art Weltformel für ein gerechteres und erfüllteres Zusammenleben wandelt. Fromm jongliert dabei mit Aussagen von Karl Marx, Albert Schweitzer, dem Club of Rome und anderen, die Ende der 1970er Jahre einen selbstzerstörerischen Untergang der Zivilisation erwarteten.

Trotz des Zeitgeists treffen viele Textstellen auch heute mitten ins Herz, zum Beispiel dieses Schweitzer-Zitat: „So sind wir in ein neues Mittelalter eingetreten. Durch einen allgemeinen Willensakt ist die Denkfreiheit außer Kraft gesetzt, weil die vielen sich das Denken als freie Persönlichkeiten versagen und sich in allem nur von der Zugehörigkeit zu Gemeinschaften leiten lassen … Mit der preisgegebenen Unabhängigkeit des Denkens haben wir, wie es nicht anders sein konnte, den Glauben an die Wahrheit verloren. Unser geistiges Leben ist desorganisiert.“ Hatte nicht zweihundert Jahre zuvor Immanuel Kant mit „Sapere aude!“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – das Gleiche gefordert?

Zu Kants Zeiten waren es kirchliche und weltliche Doktrinen, denen viele unkritisch und gedankenlos folgten. Weit scheinen wir als Menschheit nicht vorangeschritten zu sein, denn auch wir folgen fortwährend Idolen und Ideen – seien es „die Wissenschaft“, das Klima, ein neuer Sozialismus, Queerness oder einfach nur das alltägliche Streben nach Macht, Besitz oder Selbstverwirklichung.

Wie immer ist nach maximal zwanzig Seiten Lektüre Schluss, weil ich über die Worte nachdenken will. Das schärft meine Sinne. Ich sehe die Kugeldistel am Wegesrand, den wilden Wein, der sich durch die Ziermauer aus Betonelementen – ein Zeichen der Mangelwirtschaft in der DDR – schlängelt, den farbenfroh bepflanzten Brunnenrand. Ich sehe es und erfreue mich. Und ich schöpfe Hoffnung. Es muss für mich möglich sein, ein Einkommen mit einer Aufgabe zu erzielen, die nicht nur sinnvoll ist, sondern für die ich mich nicht verbiegen muss. Denn: Ich bin, wer ich bin.
