Christoph Sanders, Thalheim

Am Freitag zunächst bewölkt und leichte Abkühlung. Dann bricht die Sonne durch und es wird schwül, aber nicht mehr so dramatisch wie in den Tagen zuvor. Die Gewitterfront am Vorabend hatte sich aufgelöst. Kaum Geräusche im Garten, ab und zu ein Spatz. Der Rundfunk entdeckt die Probleme infolge von Hitzewellen – eine Sommerdebatte über Zuständigkeiten und Kosten folgt auf dem Fuße. Kreativität und ein paar kluge Verordnungen wären auch nicht schlecht – doch für so etwas scheinen weder Ämter noch Behörden belohnt zu werden. Abtransport des Sperrmülls – es müssten noch Berge an aussortierten Inneneinrichtungen abgetragen werden …

Grauer Samstagmorgen, dennoch warm – 20 Grad um sieben. Nachdem eine Handvoll Krähen sich knapp gegrüßt hat, folgen eine halbe Stunde später unsere Türkentauben. Ansonsten angenehme Ruhe nach der Zeltparty, deren Beats bis exakt 3 Uhr ins Zimmer schallten. Kirmes heißt die Veranstaltung. Nachdem unser US-philer Nachbar zunächst das Banner der Vereinigten Staaten ganz und dann zu Ehren des verstorbenen Senators Lindsey Graham auf Halbmast gesetzt hatte, weht nun wieder die Thalheim-Flagge.

Ich behebe die Ursache hartnäckiger Schlauchdefekte – zwei Speichenösenlöcher waren ausgebrochen, die scharfen Grate drangen am Felgenband vorbei bis zum Schlauch vor. Feinarbeit mit Feile, Öl, Schmirgelpapier, nun sind die Übergänge glatt. (Ich verstehe die Fans der doppelt geösten Felge immer besser.) Da er inklusive Akkufür 20 Euro angeboten wird, kaufe ich bei Aldi einen Akku-Bohrschrauber. Ein viel besserer „Hungaro-Bosch“-Schrauber kostet ohne Akku bereits 60 Euro – für das Bauen von Regalen reicht das vollchinesische Modell allemal. 1. des Monats – die Menschen haben wieder Geld auf dem Konto (oder sind gerade verreist).

Am Nachmittag zum Turnier anlässlich des einhundertjährigen Bestehens des Reitvereins Niederzeuzheim. Auf der Teilnehmerliste finden sich Namen wie Hubertushof’s Cello, One Night Stand Secret, Ustinov von der Mittelerde, Lexi La Boom oder Champus for ever. Im Top-Springen reiten einzelne Teilnehmer bis zu drei unterschiedliche Pferde – das sind die, die nebenberuflich noch Züchter sind. Der Wettkampf endet im Stechen mit einem knappen Sieg von Dame Noir 5, einer elfjährigen Stute. Somit gewinnt der Nachbarverein aus Elz (gesponsert von der Heus Betonwerke GmbH) knapp vor den Hadamarer Gastgebern mit Lokalmatadorin Riana E. (unterstützt von ZYX Records), deren Schwester Darlina bis zum Ende mitfieberte.

Meine Tochter inmitten von Pommes- und Würstchenschwaden mit angenehmen Fachkommentaren zu den Reitstilen und Pferden, die teilweise zu hart geführt werden, wodurch dann der Rivale aus Dagobertshausen auch das Nachsehen hatte. ZYX Records ist das Unternehmen, das unter Bernhard Mikulski die Riverside- und Prestige-LPs für die Bundesrepublik nachpresste; dementsprechend heißt der Vorzeigehengst der Firma dann auch „Chattanooga by Zyx“. Nahezu der gesamte Mittelstand der Umgebung macht hier Werbung – die Western Ranch stiftete eine lebensgroße, silbrig besprühte Pferdeskulptur, die vom Gartenbaugroßbetrieb Fischer hergestellt wurde. Die Zuschauergirls unter dreißig nehmen das Ereignis parallel zur Dauerkommunikation mit dem Smartphone wahr. Why not – ich gehöre ja zum Millionstel, das Kauflandmucke während eines laufenden Springreitturniers als störend empfindet. Die Coverband leistet gute Arbeit – beim Abschlusslied „Bochum“ wird laut mitgesungen. Eine ganz eigenartige Parallelgesellschaft.

Warmer, aber angenehm windiger Sonntag. Letzte Johannisbeeren für das Porridge gepflückt. Mit Nabokov an die Cote d’Azur des Jahres 1922, die ersten Badeanzüge – ein wundervolles Schweben in der Zeit. Kurzer Radausflug und eine Bolognese mit der Familie.

Am Montag weiterhin warm und trocken. Ein leiser Wind fächelt rund um den Trompetenblumenstrauch, in dem sich ein Gelege von Amseln verbirgt. Instandsetzung einer alten Tasse und mit Hilfe des neuen Wunderschraubers ein Bett für den Sohn zusammengebaut. Weiter durch meine LP-Reihen und Buchregale gegangen, am Ende acht Kilo entsorgt. Die Regallücken bei Biokartoffeln und anderem konnte mir wiederum niemand erklären. An den Kassen sitzt jetzt immer häufiger Hilfs-Hilfs-Hilfspersonal. Überall. Sie werden also langsam die Scanner ausbauen und die Überwachung verfeinern. Der Finanzfacharbeitersohn aus dem Bermudadreieck ist zu Gast. Er erzählt von einem Reitkurs mit wohlhabenden Ossis und künftigen Elitereitern im Gestüt Neustadt an der Dosse vor zwanzig Jahren. Ab 21 Uhr Wetterleuchten im Norden, zwei Stunden später Regen.
