Helko Reschitzki, Moabit

Das Statistische Bundesamt Destatis weist in seiner amtlichen Todesursachenstatistik unter dem ICD-Code T67 „Schäden durch Hitze und Sonnenlicht“ für Deutschland nur etwa um die zwanzig Sterbefälle pro Jahr aus. Da „Hitze“ auf Totenscheinen im Regelfall nicht als primäre Todesursache eingetragen wird, basieren die medial verbreiteten Zahlen auf Schätzungen der sogenannten Übersterblichkeit. Unter diesem Begriff versteht man, dass in einem bestimmten Zeitraum messbar mehr Menschen sterben als im Durchschnitt der Vorjahre zu erwarten gewesen wäre. Aktuell wird diese Differenz der extremen Hitze zugeordnet; das Prinzip ist dasselbe, mit dem dieses modellierte Mehr an Toten in den Wintern der Influenza zugeschrieben wird oder mit dem zusätzliche Sterbeeffekte während der COVID-19-Pandemie beziffert wurden.

Ein weiterer limitierender Faktor der statistischen Aussagekraft ist der sogenannte Ernte-Effekt („harvesting effect“). Dieses Phänomen beschreibt die Vorverlagerung des Todes bei ohnehin vulnerablen, schwerstkranken Individuen um wenige Tage oder Wochen.

Zudem erschweren oft zeitgleich zu den Hitzewellen auftretende Störfaktoren wie akut ansteigende bodennahe Ozonwerte oder der Personalmangel in Pflege- und Altenheimen oder Kliniken aufgrund der Urlaubszeit eine saubere Trennung der Mortalitätsursachen. Es handelt sich insgesamt um dieselbe methodische Unschärfe, die bereits während der Coronakrise die Debatte prägte, ob jemand „an oder mit“ dem Virus verstorben sei. Damals wie heute führt das pauschale Zuordnen nur eines Sterbefaktors dazu, dass die eigentliche Ursache in den Modellen statistisch unsichtbar wird.

Ein weiteres Defizit liegt darin, dass das Modell mit großflächigen Durchschnittswerten regionaler Wetterstationen rechnet. Dadurch werden extreme Mikroklimata komplett übersehen: In dicht bebauten städtischen Betonvierteln ohne Grünflächen etwa staut sich die Hitze stärker als an einer schattig gelegenen Messstation im Umland. Das führt dazu, dass die sozioökonomische Ungleichheit in der Statistik verschwindet, da die tatsächliche Hitzebelastung bei Menschen in schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen ohne Zugang zu Kühlung weitaus höher liegt als bei Bevölkerungsgruppen in klimatisierten oder begrünten Wohngegenden.

Biologisch betrachtet ist die physikalische Hitze nahezu nie die alleinige Todesursache, sondern der Auslöser einer medizinischen und pflegerischen Anpassungskrise. Das bei vielen Senioren nachlassende Durstgefühl führt unter Extremtemperaturen rapide zur Dehydrierung, wodurch das Blut eindickt und das Herz-Kreislauf-System massiv überlastet wird. Ein anderes extremes Risiko ist die hitzebedingte Appetitlosigkeit. Wenn Senioren oder Vorerkrankte kaum noch etwas essen, aber Medikamente wie Blutdrucksenker oder entwässernde Mittel in gewohnter Dosis weiter einnehmen, drohen lebensgefährliche Blutdruckabfälle und Nierenversagen. Hinzu kommt, dass zu hohe Raumtemperaturen empfindliche Präparate wie Insulin oder andere Flüssigmedikamente unbemerkt unbrauchbar machen oder in ihrer Wirkweise verändern.

Die Modellierung des RKI verschleiert das reale Ausmaß dieser meist vermeidbaren Todesfälle, indem sie das Phänomen pauschal der Hitze als quasi unausweichlichem Naturereignis zuschreibt – statt die Notwendigkeit von baulicher Kühlung, akuten Anpassungen der Medikation, Personalnotstand und gezielten Schutzplänen in Pflegeeinrichtungen in den Fokus zu rücken.

Dass es auch anders geht, zeigen einige europäische Länder, die Hitzeschutz als praktische Infrastrukturaufgabe statt als statistische Rechengröße begreifen. Nach der verheerenden Hitzewelle von 2003 etablierte beispielsweise Frankreich den gesetzlichen „Plan Canicule“. Die Kommunen führen seither Register über vulnerable, alleinstehende Senioren, die bei Extremwetter per Telefon kontaktiert und durch Sozialdienste oder Nachbarn gezielt unterstützt werden. Zudem halten Rathäuser und andere städtische Einrichtungen gekühlte Räume offen und werden Obdachlose mit Trinkwasser versorgt. Ab der höchsten Warnstufe greifen automatisch Veranstaltungsverbote und finden sich Krisenstäbe für Heime und Kliniken zusammen. Immerhin sind diesbezügliche Versuche mittlerweile auch in einigen deutschen Städten zu verzeichnen.

Im Gegensatz zu anderen Ländern, die pragmatische Hitzevorsorge als Priorität des Gesundheitsschutzes begreifen, wird in Deutschland vieles vom Kompetenzgerangel zwischen Bund, Ländern und Kommunen blockiert – der Bund beschränkt sich meist auf das Anstoßen von Plänen, überlässt die konkrete Umsetzung jedoch den chronisch unterfinanzierten Kommunen. So scheitert zum Beispiel der Einbau von Klimaanlagen in Pflegeheimen in der Praxis an ungelösten Fragen zur Kostenübernahme durch die Kranken- und Pflegekassen, am Widerstand von Immobilieneigentümern gegen die hohen Investitionen sowie an strengen Auflagen des Denkmal- und Brandschutzes bei Bestandsgebäuden.

Während beim Hitzeschutz seit Jahren argumentiert wird, dass das verfassungsrechtliche Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern eine direkte Finanzierung konkreter Maßnahmen vor Ort verbiete, hebelt die von der Regierung postulierte militärische und sicherheitspolitische Notlage diese föderalen Blockaden gerade mühelos aus. Aktuell werden über gesetzliche Sonderregelungen Milliarden investiert, um unter anderem die klinische Infrastruktur „wehrfähig“ gegen potenzielle Angreifer zu machen. Im Gegensatz zum Schutz vor realen Wetterextremen gilt die Vorbereitung auf einen hypothetischen Krieg den Entscheidern als alternativlos. Vielleicht würde hier eine Studie helfen, die zeigt, dass der russische Bär nichts so sehr fürchtet wie deutsche Klimaanlagen.

Und bis unsere Volksvertreter ihre Prioritäten ändern, fragen wir einfach weiter unseren alten Nachbarn, ob wir ihm einen Kasten Wasser mitbringen können, erinnern unsere Eltern und Großeltern ans Trinken und Essen und pflanzen ein paar Bäume in die Stadt.

Fotos: Gekippter Plötzensee, Wedding – Sommermorgen in Berlin – Südufer Schlachtensee – Berliner Nordhafen – Trinkbrunnen am Schlachtensee – Nordufer Schlachtensee
