Frank Schott, Leipzig

Es hat etwas Meditatives, wenn ich durchs Wasser gleite und unter mir meinen Schatten tauchen sehe. Die Wasseroberfläche ist fast eben und bildet eine märchenhafte Barriere zwischen dem unter und dem über mir. Auf dem See schwimmen Flocken aus Pappelsamen, die wie kleine Nebelballen aussehen. Über mir kreisen anmutig Möwen, stoßen hinab und picken Insekten vom Wasser. Sie schweben lautlos, ohne ihr charakteristisches Schreien oder Lachen. Ich bin im Frieden mit mir.

Die Stadt dagegen nervt. Nach den Feiertagen starrt sie vor Dreck: Scherben auf Geh- und Radwegen, Abfall, der als „Zu verschenken“ vors Haus gestellt wird, Kotze auf den Bürgersteigen. Pappbecher kullern, die Papierkörbe und Mülltonnen quellen über, ihr Inhalt hat sich in der Umgebung verteilt. Krähen, die darin nach Verwertbarem suchen, vergrößern das Elend, doch sie tragen keine Schuld.

Vor dem Schwimmen jogge ich von zu Hause aus gut neun Kilometer durch verschiedene Straßen bis in den Park. Auch zu dieser relativ frühen Stunde sind Läufer unterwegs, deutlich mehr als ich erwartet hätte. Man nutzt die Morgenfrische, denn der Tag soll wieder heiß werden. Der Wald ist immer noch feucht, längst nicht alle Pfützen sind versickert. Und als ich später mit dem Rad zum Cospudener See fahre, entdecke ich, dass der kleine Graben am Wegesrand immer noch Wasser führt. In der Lokalzeitung wird dagegen schon wieder vor Waldbrandgefahr und ausgetrockneten Böden gewarnt. Meine Realität ist eine andere.

Der See ist an diesem Dienstagmorgen nahezu verlassen. Zwei Menschen lassen ihren Hund ins Wasser springen. Eltern planschen mit Babys und kleinen Kindern, die noch zu jung für die Schule sind. Ein Entenpärchen patrouilliert in der Morgensonne. Ansonsten sehe ich nur Einzelgänger wie mich. Und die tanzenden Möwen.

Ich bin jetzt zum dritten Mal inerhalb von drei Tagen an der gleichen Stelle schwimmen. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Temperatur anmutet. Ich habe kein Thermometer dabei, doch wenn kräftige Winde den See durchgeschüttelt und Tiefenwasser noch oben gespült haben, spüre ich eine deutliche Abkühlung. Nicht, dass mich das vom Schwimmen abhält, es fällt mir nur auf.

Die Gäste des Wave-Gotik-Festivals verstauen Koffer in ihren Autos oder sammeln sich an den Haltestellen der Straßenbahnen und Busse. Viele haben den letzten Pfingsttag noch zum Flanieren und für Konzertbesuche genutzt. Eine leichte Enttäuschung ist die gestern eröffnete Fanmeile, die auf das Endspiel der Conference League einstimmen soll, das morgen in der RB Arena stattfindet: Werbepartneraktionen, Torwandschießen sowie Selfiebuden mit Trophäen und sogenannten Teamkulissen bei maßlos überteuerten Getränkeangeboten – wenn man 6 Euro für 0,4 Liter Bier verlangt, freuen sich immerhin die anliegenden Lokale.

Ich finde es verblüffend, wie viele Menschen beim Gang durch die Innenstadt auf ihre Smartphones starren. Einige telefonieren, wobei man Jung und Alt daran unterscheiden kann, dass die älteren Semester ihr Telefon klassisch an den Kopf halten, während die jüngeren es waagerecht ausgestreckt vor den Mund führen. Selbst der Beruf des Bauarbeiters ist ohne Handy nicht mehr vorstellbar, wie mir auffällt. Das erinnert mich an eine Bemerkung eines Unternehmers in meiner Therapierunde. Während die betagteren Mitarbeiter in der Frühstückspause miteinander quatschten, würden die Auszubildenden nur auf ihre Handys starren. Wenn er sie anspreche, würden sie zwar kurz mit ihm reden, sich dann aber wieder umgehend ihren Displays widmen.
Frei nach John Lennon: „Life is what happens to you while you’re busy staring at your phone.“ Deshalb schwimme ich lieber noch ein paar Meter und genieße die Stille des Sees.
