Das erste Geräusch, das am Pfingstsamstag von draußen in meine Wohnung dringt, ist kurz vor fünf das Gurren einer Taube. Ich lasse mir die entspannte Laune nicht verderben. Nach dem Frühstück kreuzt auf dem Weg zum Westhafen ein Fuchs, von Osten her die Birkenstraße hochlaufend, die Stromstraße. Um diese Zeit muss er kaum auf Verkehr achten. Um 6:45 Uhr ist es bereits so warm, dass ich meine dünne Trainingsjacke ausziehen kann. In der S-Bahn bin ich so in Schreibarbeiten vertieft, dass ich den Umstieg in Westkreuz verpasse und eine Station zurückfahren muss – es gibt keinen Ort, an dem ich mich besser auf Texte konzentrieren kann, als in einem fahrenden Zug (perfekt ist ein Speisewagen mit Teenachschub und Toilette). In der Bucht am Schlachtensee sind weder die Blässhühner und Haubentaucher noch die Stockenten anzutreffen. Letztere – die Mutter mit ihren verbliebenen vier Küken – sehe ich inzwischen regelmäßig ein paar hundert Meter weiter westlich; es ist eine der üblichen Revierverschiebungen. Der Ex-Manager setzt sich zu mir auf die Bank. Zuallererst machen wir einen Thermometervergleich: Sein digitales und mein analoges zeigen übereinstimmend 15 Grad Wassertemperatur an. Von einem Rettungshubschrauber, der direkt über uns kreist, komme ich auf die moabiter Möwen zu sprechen, woraufhin er erzählt, dass er einmal krankgeschrieben war, sich aber nicht in Berlin, sondern auf Fehmarn auskurierte, was in der Firma niemand wissen durfte. Als dort etwas geschah, zu dem seine Einschätzung gefragt war, wurde ein Bildtelefonat eingerichtet. Während des Gesprächs bemerkte er, dass die Möwen vor seinem Fenster laut zu hören waren. Wäre er darauf angesprochen worden, hätte er gesagt, dass er an einer Mülldeponie wohnt. Wer eine gute Ausrede parat hat, muss im Ernstfall nicht seine Oma erschlagen.

Als ich den Forst nördlich des Sees verlasse, macht eine alte Dame auf dem Weg Fitnessübungen – sie bewegt sich wie Spider-Woman.

Beim Umstieg in Westkreuz sehe ich die Farben des Tages: Weiß-Rot und Rot-Weiß – die Fans des VfB Stuttgart und FC Bayern München, deren Mannschaften am Abend im Olympiastadion das DFB-Pokal-Finale bestreiten, fluten die Stadt. Dann springt ein anderer Ton in mein Auge und das Alarmsystem des gelernten DDR-Bürgers und Fußballfreundes an: Weinrot bedeutet tendenziell Gefahr – und so ist es dann auch: Alt- und Junghools des BFC sind unterwegs, was nie angenehm ist. Die Recherche ergibt, dass die Biffzen um halb zwölf im Landespokal-Endspiel im Mommsenstadion gegen die VSG Altglienicke antreten. Ich drücke den Treptowern die Daumen – was Wirkung zeigt: Der Schiebermeister zu Erich Mielkes Gnaden verliert trotz Überzahl in der Verlängerung mit 1:2. Höhö.

Gleich nach dem Mittag fahre ich zur Museumsinsel. In der Alten Nationalgalerie wurde am Vortag „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ eröffnet. Obwohl zu Pfingsten schätzungsweise eine Million Touristen in der Stadt sind und einige der knapp 80.000 Fußballfans die Zeit bis zum Stadioneinlass gewiss auch anders als mit Biertrinken verbringen, ist die Ausstellung erstaunlich leer; lediglich ein spätes Selbstbildnis Vincent van Goghs ist dichter umlagert als Harry Kane im Fünfmeterraum ein paar Stunden später. An den Wänden hängt die erste Liga der Malerei des vorletzten und letzten Jahrhunderts: Renoir, Manet, Monet, Cézanne, Slevogt, Corinth, Munch, Modersohn-Becker, Oppenheimer, Stuck, Kirchner usw. – der Titel der Schau ist also zu eng gefasst, aber das ist egal.

Paul Cassirer war ein deutscher Kunsthändler, Verleger und eine der Schlüsselfiguren der Moderne. Gemeinsam mit seinem Cousin Bruno eröffnete er 1898 in Berlin eine Galerie, die schnell zum Zentrum jener Avantgarde wurde, die heute zum unangefochtenen Weltkanon gehört. Als smarter Geschäftsmann unterstützte er seine Künstler nicht nur durch den Vertrieb ihrer Werke, sondern mit einem für die Zeit neuartigen System aus Vorschüssen, garantierten Ankäufen, großen Ausstellungen, Öffentlichkeitsarbeit und der Vermittlung von Sammlerkontakten. Dem knurrigen, menschenscheuen Barlach (hier mit zwei Reliefs vertreten) zahlte er eine Art Monatsgehalt, sodass der alleinerziehende Vater zumindest finanziell in Ruhe arbeiten konnte. Meine Favoriten unter den vielen gezeigten Meisterwerken sind Maxe Liebermanns Arbeiterinnenbilder sowie Edgar Degas‘ strahlendes „Miss La La at the Cirque Fernando“, das normalerweise in der National Gallery in London hängt – allein dafür werde ich ein zweites Mal in die Ausstellung gehen. Während der Rückfahrt lustige Gespräche mit zunehmend hibbeligen VfB-Schlachtenbummlern.

Am Sonntag entdecke ich am Schlachtensee einen Graureiher, der aufmerksam ins Wasser schaut. Da kiek ich natürlich sofort etwas mit – und entdecke einen Schwarm Fische. Nachdem ich Anfang des Monats viele Hechte, Karpfen und Rotschwänze gesehen hatte, herrschte Flossenflaute – man muss sich halt an die Experten halten.

In der Bucht ist mehr los als am Vortag: Auf dem Rücken eines Haubentauchers sitzen drei Junge, für die der Partner nach Futter taucht, während am Schilfrand die Blässrallen ihre Küken füttern.

Derweil zieht sich an der Nachbarbank ein menschlicher Taucher sorgfältig den Anzug an, um anschließend im See zu verschwinden.

Am Montag komme ich in der Bucht mit einem älteren Pärchen ins Gespräch. Der Mann sinniert über die Aufzuchtstrategien der Rallen und Haubentaucher, die wir gerade beim Füttern beobachten. Ich kann alle seine Fragen beantworten, erkläre die roten Köpfe und den „Flügelbrutkasten“ oder dass die Fische gerecht verteilt werden und sich die kräftigeren der Haubentaucherjungen anfangs zwar gegen die Geschwister durchsetzen, indem sie diese vom Rücken des Elternteils schubsen, die zunächst Schwächeren aber gerade dadurch schneller selbstständig werden, wodurch sich am Ende alles ausgleicht. Als ich dann noch den Bogen zu uns Menschen schlage und sage, dass wir von den Tieren eine Menge lernen können, zum Beispiel, dass es unterschiedliche Strategien gibt, Kinder aufzuziehen, und dass diese jeweils genau richtig sind – freuen sich die beiden. Sie erzählen, dass ihnen die zunehmende Spaltung der Gesellschaft Sorgen mache, sie das aber nun vielleicht mit etwas anderen Augen sehen könnten. Am Ende geht es darum, dass ein jeder nach seiner Fasson selig werde, wie es der Alte Fritz uff den Punkt brachte – da muss man andere nicht ständig bewerten.

Am Nachmittag dann noch eine Premiere für mich: Da neulich beim Tischtennis eine Mitspielerin aus dem Nichts einen Grießbreijieper bekam und uns dermaßen den Mund wässrig quasselte, habe ich das nun auch endlich mal gekocht. Die Latte liegt dabei in maximaler Höhe, da ich als Kind den Grießbrei meiner Oma mütterlicherseits über alles liebte. In den quellenen Brei gebe ich, in Abwandlung des Klassikers, einen überreifen Apfel, eine halbe Birne sowie Rosinen (ansonsten süße ich nicht). Über das Ganze kommen eingeweckte, mild säuerliche Pflaumen. Die Sache geht gut aus: Njamnjamnjam!

