Frank Schott, Leipzig

Am Wochenende stieg unser dreitägiges Stadtfest. Ich hatte am Freitag das Glück, noch vor der Eröffnung über den Leuschner-Platz zu schlendern. Der Festplatz mit seinem nackten Asphalt, den geschlossenen Buden und verhüllten Fahrgeschäften hatte etwas von einer Postapokalypse an sich. Das Einzige, was fehlte, waren Zeichen von Verfall und Verwahrlosung – für Letzteres werden dann aber schon die Besucher, die ihren Müll achtlos fallenlassen, sorgen.

Am Samstag fand noch eine andere größere Party statt. Weil wir ein dröhnendes Wummern unklaren Ursprungs vernahmen, waren meine Frau und ich zunächst der Meinung, die Waschmaschine oder der Geschirrspüler seien kaputt. Später wurde klar, dass es die Bässe von den LKW-Soundsystemen der Global Space Odyssey waren. Junge Leute demonstrierten für bezahlbare Räume für die Club- und Eventkultur. Der Zug zog in einhundert Metern Luftlinie von unserem Haus in die Innenstadt. Ich denke, es waren knapp eintausend Teilnehmer inklusive Ordner da. Eingerahmt wurde die Demo von Polizeiautos, dahinter staute sich der Verkehr. Begleitet wurde der Tross von Flaschensammlern – die nur einsackten, was 15 oder 25 Cent bringt; Bierflaschen blieben stehen. Am Ring sprach mich ein älteres Ehepaar an: „Was ist das denn?“ – „Das nennt sich Global Space Odyssey. Das ist so eine Art Partymarsch wie damals.“ – „Wie die Loveparade?“ – „Ja, wie die Loveparade.“ – „Na ja, wenigstens ist es friedlich und nichts Schlimmes“, fasste die Frau zusammen.

Ab 17 Uhr dröhnten lateinamerikanische Diskobeats aus einer Hotelbar um die Ecke. Der Bürgersteig davor war überfüllt; um vorbeizukommen, musste man die Seite wechseln oder auf der Straße laufen. Da mir das alles zu viel wurde, stieg ich aufs Rad und fuhr raus zum Neuseenland im Südraum. Inzwischen stand die Sonne tief, der Wind hatte sich gelegt. Die meisten Badegäste hatten die Strände verlassen, die Imbisse schlossen gerade; wohl dem, der seine Trinkflasche dabeihatte. Gut neunzig Minuten trat ich kraftvoll in die Pedalen, spuckte Insekten aus, die mir regelmäßig in den offenen Mund flogen, und genoss die Abwesenheit des Partylärms.

Und am Montag sitze ich dann mit einem unserer Kinder in der Vorhalle des Standesamts. Abnabelung ist, wenn die geliebte Tochter selbstständig einen Termin vereinbart, um ihren Namen und ihr Geschlecht ändern zu lassen. Der Warteraum erinnert an eine Kirche – alles ist seltsam gedämpft. Natürlich weiß ich, dass mein Kind volljährig ist und frei über diesen Schritt entscheiden darf. Wenn es möchte, können nun Schritte wie Hormonbehandlungen oder operative Eingriffe folgen. Die Gesetzeslage ermöglicht dies.

Nach dem Behördenakt gehen wir nach draußen. Die schweren Türen quietschen und schlagen mit dumpfem Hall zu. Mein Kind plappert vor überdrehter Freude, so als hätte man einen dieser alten Kreisel aufgezogen, die sich bunt und fröhlich um einen drehen. Ich wische mir verstohlen eine Träne aus dem Auge. Vielleicht wird ja alles gut? Vielleicht braucht es nur diesen einen Zauberspruch des Amts: „Geh hin und sei ein Mann“?

Später, bei meiner einsamen Joggingrunde durch den Park, erinnere ich mich an viele zauberhafte Momente mit unserem oft lachenden Mädchen. Ich habe keinen Blick für Sonne, Licht und Grün. Die Beine werden schwerer und schwerer. Ich schleppe mich nach Hause.

Dort putzt unser immer noch aufgekratztes und überdrehtes Kind … unser immer noch aufgekratzter und überdrehter … Sohn … das Bad. Die Arbeit geht ihm leicht von den Händen. Er plant bereits die nächsten Schritte, überlegt, welche Ämter informiert und welche Dokumente neu beantragt werden müssen.
Wird alles gut?
