Gregor Dill, Moabit

Ich begebe mich am frühen Morgen aus dem Haus und sehe saftiges Grün. Gestern setzte tagsüber ein sanfter, stundenlang andauernder Regen ein – die Erde nahm die Feuchtigkeit auf, speicherte sie und trat mit Wurzeln, Pilzen, Mikroben und Würmern in Wechselwirkung. Sonnenstrahlen blitzen, bitzeln und werden reflektiert, und doch zeigt der Himmel ein ständig wechselndes, dichtes Wolkenmeer – es steht ein Wetterumschwung bevor. Mein Auge schweift zu einer Baumscheibe. Ich habe sie im vergangenen Jahr mit einem Freund in einer Art Nacht-und-Nebel-Aktion begrünt. Dafür retteten wir im Park Triebe vor dem Schredder und Häcksler des Grünflächenamtes. Wir setzten die ganz jungen Bäumchen und Sträucher liebevoll in die Erde. Zu ihrem Schutz flochten wir einen Zaun. Der wurde im Lauf der Zeit achtlos umgetreten und plattgefahren. Aber die Pflanzen haben sich gehalten, wollen am Leben bleiben. In ihrer unmittelbaren Nähe wachsen Rosen, Kartoffeln, Platanen und ein junger Ahorn – ein schönes, lebendiges Bild. Die Hunde aus der Nachbarschaft nehmen die Baumscheibe gern an und lassen, wie es ihrer Art entspricht, ihr Geschäft da. Ich gehe beseelt und an den Freund denkend, auf dem Grünzug zum Bahnhof. Der angenehme Honigduft der Ölweide, die ich vor ein paar Tagen ausgiebig beschnupperte, liegt noch ganz leicht in der Luft. Ich komme an Wiesen voller Blumen vorbei. Die Hummeln laben sich am roten Mohn. Ich frage mich, warum sie die Margeriten verschmähen. Ich pflücke ein paar Maulbeeren, genieße hier und da eine Blüte, koste eine Rauke. Ich liebe diese Welt – sie schmeckt so wunderbar vielseitig. Mir kommt ein Tausendfüßler entgegen. Er grüßt mich, und ich grüße zurück.

Die Gerüche in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit im Norden der Stadt sind stumpf – Staub, Linoleum und feuchter Stoff sind vage auszumachen. Die feuchte Erde unter den Schuhsohlen ist deutlich wahrzunehmen. Eine wilde Mischung, aus allen Ecken der Stadt, zusammengetragen von Menschen, die zufällig zusammenfinden, um für ein paar Stationen in die gleiche Richtung zu fahren.

Nun ist es kurz vor 17 Uhr. Ein ganzer Arbeitstag liegt hinter mir – ein Tag voller Eindrücke, Entscheidungen und hochwertiger Gespräche mit Kollegen und Kunden. Ich mag meine Arbeit, mein Team und den Ansatz, gesellschaftlich etwas zu verbessern. Ob mir das gelingt? Schwer zu beurteilen. Ja, weil das Feedback durchweg positiv ist. Nein, weil mein Wirken auf zwei Hände und wenige Worte begrenzt bleibt. Es ist das wechselseitige Spiel aus Verbindlichkeit, Hilfe und Fürsorge, das ein Umfeld bewegt; mein Wille, meine Impulse oder mein Handeln schaffen das nicht allein – erst die Akzeptanz des Gegenübers und die daraus entstehende Dynamik können etwas zum Besseren verändern. Dieses Wechselwirken ist nicht messbar, aber ich merke es oft an den unmittelbaren Reaktionen. Ich sehe in Gesichter unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Gesinnung und bekomme lockere, leichte Blicke zurück – und das in einem Umfeld, das von massiven baulichen Schäden, Versicherungsärger, hohen Sanierungskosten, viel Leid und Existenzangst geprägt ist. Trotzdem gehen wir menschlich miteinander um. Das gefällt mir.

Ich sitze wieder in der Bahn und fahre nach Hause. Die Fenster sind auf Kipp, der Duft des Morgens hat sich verflüchtigt. Gewitter liegt in der Luft. Wolken, dunkel und schwer, getragen vom Wind, strömen kühl und sanft vorbei. Unser Waggon rumpelt auf den Schienen.
