Christoph Sanders, Thalheim
Sonntaggewitter, danach schwülwarm. Mit dem Sohn ein wenig am Gartenweg gerupft, dann auf dem Rad zum Feldberg, zum Glück bei etwas frischem Wind. Ich meistere meine Erstbefahrung nach der OP. Auf flacher Strecke zurück; Gegenwind, rasch ziehende Wolken. Plötzlich Distelfinkenpaare, überall Holunderduft. Rentnerpaare schleppen sich die fünfzig Meter vom Auto zu den Dorfgaststätten.

Am Montag schwere Beine – aber keine Verletzung, im Gegenteil: ich gesunde immer weiter, ich heile. Gestern auf dem Rad Gefühle, die sich kaum beschreiben lassen, für die es keine ausentwickelten Redewendungen gibt (was gut ist): der Holundertunnel, der die Sinne doppelt so scharf macht; jener Moment im Anstieg, wenn der Rhythmus gefunden ist, mit dem der Schmerz überwunden wird; der Grenzgang vor der Erschöpfung. Dort war Ernst Jünger unterwegs. Wenn er den Verlust der Empfänglichkeit beschreibt, meint er: die Annäherung an etwas, das sich der verzifferten, überdefinierten Welt entzieht und ihr kurz den Rücken kehrt. Sicher ist, dass wir alle dafür ein Gespür haben. Zu selten lassen wir uns darauf ein.

In der Berlin-Fotosortierung bin ich im Jahr 1995/96 angelangt.
Rundgänge in Mitte, Lichtenberg. „Inferno“, das gerade erschienene Album von Boards of Canada, trifft exakt die damalige Stimmung der aufgehobenen Zeit vor den kommenden Umbrüchen, begleitet von
einer allgemeinen Suchbewegungen der Jugend (in Ost wie in West), die ihre alternative Nischen besetzt: Dienstagsbar und Donnerstagsbar, der kleine Super-8-Filmclub am Hackeschen Markt. Mir als Nicht-Kiffer war das alles etwas fremd, aber darüber hätte ich hinwegsehen, tiefer in die Suspension tauchen sollen. Heute gibt es ganz andere Schwebezustände und Veränderungen. Ich denke, am stärksten wird sich das Privatleben verändern. Längst bilden sich ephemere, elektronische Communities, in denen Familien zu Austauschgemeinschaften von Influencer-Posts, Reels und Memes werden; wo du mit deinem Phone in die Bringschuld gedrängt wirst, rund um die Uhr erreichbar, verfügbar und verbunden zu sein.

Äußerst wohltuende Sonnenwärme nach einem Gewitter. Eine Million Rosen! Am Nachmittag schlafe ich bei Mendelssohn ein und wache mit einem heftigen Krampf in der Innenseite des rechten Schenkels auf – also genau dort, wo gestern am Feldberg gearbeitet wurde; Oolong regelt den Flüssigkeitshaushalt. Felix Mendelssohn Bartholdy wird völlig unterschätzt: Es werden immer nur drei, vier seiner bekanntesten Melodien gespielt – Hochzeitsmarsch und Ähnliches. Dabei ist er hochvirtuos und geistreich, was ich bei Franz Liszt und den späteren sogenannten Romanikern manchmal vermisse.

Auch der Dienstag bleibt mit seiner milden Sonne unglaublich angenehm. Am Tag zwei nach dem fordernden Feldberg-Ritt ist mein operiertes Bein nun wieder stabiler; das Gewebe wird dauerhaft und in der Tiefe durchblutet. Inzwischen trete ich viel sicherer auf, der Gang wird runder. Schlüssel dafür waren das Ergometer in der Reha sowie die jetzigen Radtouren – Durchblutung und Stoffwechsel lassen sich eben nicht simulieren. Rasenmähen und Erdbeerlese mit üppiger Ausbeute – sie wachsen überall! Am Vormittag das unwillige Familien-Auto zur Werkstatt gebracht. Dort steht ein Duplikat zum Ausschlachten auf dem Hof – die Pflegeversicherung für den PKW. Am Nachmittag wie gewohnt als Ballett-Chauffeur unterwegs. Ich flüchte vor einem Schauer in die Tankstelle. Dort höre ich mit, dass es ab 1. Juli wegen der Akkus eine Rücknahmepflicht für Vapes geben wird. Ein Kunde erzählt, dass er jemanden kennt, der E-Zigaretten aufliest und in ferngesteuerten Modellautos verbaut.

Am Mittwoch endet endlich das Leiden meines Schwiegervaters – sie schalten die Geräte ab. So bleibt ihm als Dementem die Rund-um-die-Uhr-Pflege erspart; eine Stoffwechselkrankheit hatte zuletzt einen Tumor ausgelöst. Gut, dass es Morphium gibt. Um 4:45 Uhr bringe ich meine Frau zum Zug, damit sie mit ihrer Mutter und den Geschwistern Abschied nehmen und die Behördenpapiere ausfüllen kann. Den gesamten Tag über heftige Schauer. Ich koche für meine kleinen Ladies Mittag. Die Jüngste hat ihren Großvater in den letzten Monaten glücklicherweise immer wieder wach gesehen; es ist das erste Mal, dass sie den Tod in der Familie erlebt. Ein Satz, den sie zuletzt von ihm hörte: „Ich bin froh, dass ich hier drüben bin.“

Boards of Canada: https://boardsofcanada.bandcamp.com/album/inferno
