Gregor Dill, Moabit
Ich gehe ein weiteres Mal zu der Parkbank auf dem Platz hinter dem Haus. Die frühe Morgensonne verspricht dort eine besondere Atmosphäre; sie spannt einen Bogen der Neugier auf den Tag, auf das, was noch kommen mag an Begegnungen und Empfindungen, auf all jenes, was sich um mich herum entfalten und offenbaren wird. Mit jedem Schritt auf die Bank zu steigt meine freudige Spannung. Um diese Momente teilen zu können, mache ich ein paar Fotos – aber das sind nur unvollkommene Abbilder winzig kleiner Teile der Wirklichkeit, so wie ein Wort, ein geschriebenes oder gesprochenes.

Während ich mich der Bank nähere, kitzelt ein angenehmer Duft meine Nase und dringt verheißungsvoll, romantisch und süßlich in mich hinein; köstlich und betörend ist er, wundersam, seelenvoll und ein wenig atemberaubend. Dieser Geruch kommt von einem Baum, der olivenähnliche Früchte hervorbringt – noch weiß ich nicht, um welche Art es sich genau handelt. In der Stadt trifft man manchmal botanische Gesellen aus anderen Regionen, die hier von ganz alleine Platz genommen haben, wie am rechten Fleck wirken, aufgezogen und behütet durch ihre jeweilige Umgebung – mal helfen ihnen der Regen und der Wind, mal die Sonne und die Insekten, mal die Nährstoffe im Boden und eine Wasserader, mal die Anwohner oder das Grünflächenamt. Ein jeder kümmert sich auf seine Weise.

Momentan summt und brummt es in den Ästen und Zweigen des Baums. Die kleinen, gelben, vierblättrigen Blüten verströmen einen süßlichen, honig-vanilleartigen Duft – nein, kein Honigduft, der Honig spiegelt vielmehr die Vielfalt der Aromen wider. Bienen laben sich an dem Süß, das sich aus der Kraft der Sonne und dem Wasser der Erde in den Blütenräumen formt und aus feinen Drüsen ergießt. Schon vor Tagen hatte ich seine recht prallen und rispenartigen Blüten in ihrem wunderschönen Gelb durch das blasse Grün der Blattunterseiten der davorstehenden Linde leuchten sehen. Dieses Gelb zog mich an. Neugierig nahm ich einige der Kelche und kostete sie. Auf diese Weise teste ich seit vielen Jahren vorsichtig die zarten Knospen unterschiedlichster Pflanzen und schmecke, ob sie süß, fruchtig oder bitter sind. In diesem frühen Stadium zeigt sich oft schon der spätere Geschmack der Frucht – nicht immer, gewiss nicht immer, aber alle lebenswichtigen Nährstoffe, die Mineralien und die durch das Licht gewonnene Energie werden in dieses junge Erblühen geleitet, damit etwas Neues heranreifen kann. Dieses Wechselspiel zwischen Knospe und Frucht besitzt einen eigenen Zauber, lässt diese wirken, wandern, schützen und wachsen. Von dem Duft in den Bann gezogen, gehe ich ganz nah an den Stamm heran und blicke hoch. Über mir ist ein wundervolles Spiel zwischen Blättern, Ästen und Zweigen, dem frühen Sonnenlicht und einem kristallklaren, zart hellblauen Himmel im Gange, während das Gebrumme der Bienen und all des anderen Lebens die Luft erfüllt.

Dankbar setze ich mich auf die Bank, halb beschattet von genau jenem Baum. Ein Sonnenstrahl blinzelt in meine Augen – wir sehen uns an, die Sonne, der Baum und ich, und dennoch ist jeder von uns noch für sich, auch das ist schön. Heute ist einer der Tage, an denen die meisten nicht zur Arbeit gehen müssen – so ist der Platz um mich herum menschenleer und ich genieße diesen freien Raum, diese Begegnung ganz für mich allein. Ich befinde mich in der Nähe des Hauptbahnhofes, genau dort, wo der Tunnel und die Schienen an die Oberfläche kommen. Nur vereinzelt fahren Züge vorbei – von links nach rechts oder von rechts nach links. Weit im Hintergrund liegen Brücken und Straßen mit Autos, von denen ein sanftes, kaum vernehmbares Rauschen zu mir dringt; meist wird es überlagert vom Summen in der Baumkrone, den Flügelschlägen vorbeiziehender Vögel und dem freudigen Flattern von Tauben, die einen Fenstersims gefunden haben, auf dem jemand ein paar Körnchen ausgelegt hat, um sie zu nähren. Und das, obwohl die Nachbarschaft sich darauf geeinigt hatte, dies nicht zu tun. Doch auch hier entscheidet der persönliche Blick auf das was einem schützenswert, liebenswert und achtenswert erscheint. Das führt zu solchen Handlungen und somit zu einer Fülle von Aktionen, Reaktionen und Auswirkungen.

Koffer rollen, Schritte und Stimmen nähern sich. Englische Worte liegen in der Luft, ja, Internationalität. Wir sind so vielschichtig, vielseitig und weit verstreut auf dieser Erde, und doch treffen wir aufeinander. Die Reisenden und ich betrachten einander; es springt eine gewisse Neugier aus dem Blick derer, die hier ankommen. Eine Neugier auf das, was ist, um es mit dem Zuhause zu vergleichen. Man prüft, ob man sich selbst noch richtig fühlt an seinem Ort, ob man mit seinen Überzeugungen und Handlungen im Reinen ist. Vielleicht erkennt man dabei, oder muss es sich sogar eingestehen, dass es woanders auch schön ist, oder eben anders schön. Diesen Impuls nimmt man bei der Rückreise mit nach Hause – er tritt in Wechselwirkung mit dem Gewohnten, inspiriert, verändert und wandelt es möglicherweise und schafft so eine andere Zukunft.
