Frank Schott, Leipzig
Die Frühblüher in unserem Vorgarten haben sich verausgabt – welk und halb zerfallen stehen sie da. Auch viele Bäume verlieren allmählich ihren Blütenzauber; dafür steht die Kastanie schon in den Startlöchern – und mit ihr die Miniermotten, welche jetzt im Frühjahr an ihren Blättern fressen und sie zu Beginn des Sommers herbstlich braun aussehen lassen werden.

Auch wenn die Sonne scheint, ist es ein vergleichsweiser kalter Tag. Unterstrichen wird das durch einen starken Wind, der mich bei meiner morgendlichen Laufrunde frösteln lässt. Neben mir hüpft eine Blaumeise über den Grasstreifen. Mich wundert, dass die Brombeeren am Wegesrand, die vergangenen Spätsommer so überreich an Früchten waren, nicht blühen. Dann realisiere ich, dass die Büsche rigoros abgeholzt wurden, nur Stümpfe ragen noch hervor. Tiefer im Park höre ich auch die Motorsägen – dabei hat das Grünflächenamt gerade noch im Herbst und Winter in der ganzen Stadt großflächig Gehölze zurückschneiden lassen.

Am Nachmittag bin ich zu Fuß in der Innestadt unterwegs. Leipzig schmückt sich gern mit seinen berühmten Bewohnern, Gästen und deren Aussprüchen. Besonders beliebt ist „Mein Leipzig lob ich mir“ aus der Feder von Johann Wolfgang von Goethe. Das stammt aus „Faust – Der Tragödie erster Teil“, wird aber nicht vom Titelhelden, sondern von einem der betrunkenen Studenten in Auerbachs Keller gesprochen. In der vollen Länge des oft verkürzt wiedergegebenen Zitats wird Goethes ironischer Blick auf seine Studentenzeit und die Stadt noch deutlicher: „Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.“

Leipzig war einst Hochburg des Buch- und Verlagswesens. Entlang der Prager Straße stößt man bis heute auf Reklame für Bücher; es wird fürs Lesen geworben, für das Lesen und den Erkenntnisgewinn.

Bei der Entscheidung zwischen e-Reader und gedrucktem Buch bin ich hin- und hergerissen: Einerseits liebe ich das Blättern und den Geruch von Papier, das Staub ansetzt. Manchmal entdecke ich zwischen den Seiten lange nicht in der Hand gehaltener Bücher Zeitdokumente in Form von Lesezeichen. Das sind beispielsweise Grußkarten, alte Kassenbons oder nachgenutzte Notizzettel mit Kritzeleien oder Texten. Aber zwei oder drei Bücher summieren sich bereits zu einem beachtlichen Gewicht, was insbesondere auf Reisen beschwerlich ist. Da ist ein digitales Lesegerät, das eine Vielzahl von Büchern speichern kann, natürlich vorteilhaft. Insbesondere, wenn es um die voluminösen Klassiker geht – auf meinem e-Reader harrt momentan Thomas Manns „Der Zauberberg“ der Finalisierung, danach fang ich „Die Buddenbrooks“ an.

Eingerahmt von Prager Straße und Täubchenweg versteckt sich hinter dem Grassimuseum der Alte Johannisfriedhof, eine museale Parkanlage. Es ist die älteste Begräbnisstätte der Stadt – 1536 eingerichtet, wurde er bis 1863 mehrfach erweitert. Heute sind auf dem inzwischen wieder deutlich verkleinerten Gelände noch etwa vierhundert Grabmale zu entdecken. Viele von ihnen befinden sich nicht mehr an ihrem originalen Standort, sondern wurden im Laufe der Jahre umgesetzt.

Es ist wenig los im Friedhofspark. Der Verkehrslärm dröhnt über die Außenmauern und übertönt fast das Zwitschern der Vögel. Eine Frau führt ihren Hund spazieren. Und auch an diesen Bäumen machen sich Grünpfleger zu schaffen – von einer Teleskopbühne aus werden Äste abgesägt und anschließend im Begleitfahrzeug geschreddert.

Neben den Grabmälern regionaler Berühmtheiten findet man hier noch die Grabsteine der Familie Brockhaus und von Anton Philipp Reclam. Dessen Verlag machte klassische Literatur mit günstigen Ausgaben massentauglich, während Friedrich Arnold Brockhaus mit seinen Enzyklopädien Wissen allgemeinverständlich aufbereitete.

Wie sehr sich die Verbreitung des geschriebene Worts seit den Zeiten der großen Verlegerfamilien geändert hat, finde ich beim Besuch des Hauptgebäude der Universität bestätigt: Die wenigen Studenten, die überhaupt noch an einem der Pulte stehen und lesen, haben keine Bücher mehr dabei, nur den Laptop oder das Tablet und vielleicht einige Script-Seiten, welche die Dozenten verteilen, damit niemand in den Vorlesungen zuhören muss. Ebenso ernüchternd und erschütternd ist ein Blick in die Sanitäranlagen der Uni: Überall Tags und Schmierereien – so bildet Leipzig seine Leute heutzutage.
