Christoph Sanders, Thalheim
Der Donnerstag kühl und strahlend. Morgens zur ärztlichen Kontrolle der erfolgreichen Wundheilung am Nasenflügel. Die Kruste ist fest. Im Radio wird gemeldet, dass Uganda wegen des Ebola-Ausbruchs im Ostkongo die Grenzen geschlossen hat. Als Westler könnte man in diesen Regionen die gewohnten Vorstellungen von individueller Freiheit und persönlichen Rechten komplett vergessen – dort geht es ums nackte Überleben. Die Päonien sind nun verblüht, dafür „steht“ die Rambler-Rose „in vollem Saft“ – so eine Formulierung aus der Gärnter-Zeitschrift, die im Wartezimmer meiner Hautärztin ausliegt. In „Die OpenAI Story“ im Deutschlandfunk reingehört – unerträgliche Sounds und raunende Spannungsakzente; das nüchterne Vortragen von Fakten plus plausible Vermutungen wären besser gewesen. Unser Heil liegt in der eigenen Intelligenz, nicht in der künstlichen.

Der Freitag setzt mit 11 Grad recht frisch an, wird dann aber schnell warm, sodass es mich um 10 Uhr zu meiner Friseurmeisterin nach Hadamar treibt: Ich brauche einen Sommerschnitt! Die Brandstätte des Großfeuers von Dienstag auf Mittwoch samt des assoziierten Barbershops ist inzwischen abgeriegelt. Ich bin gespannt, ob es da noch feuerpolizeiliche Ermittlungsergebnisse zu erfahren gibt. Die Bewohner des Hauses und die dort praktizierenden Ärzte tun mir leid – für eine Praxis und für Wohnungen gibt es ja ad hoc keinen Ersatz. Nach dem Friseurbesuch bei Sauschwüle Oolong besorgt und Tortelloni für die Meute zubereitet. Danach die üblichen Runden zur Musikstunde und zu meinem Trödler. Dort eine schöne Heinrich-Vogeler-Monographie geschossen – ein norddeutsches Irrlicht, das 1942 bettelarm in einer kasachischen Kolchose verlosch. Ein guter Handwerker, der den frühen Worpsweder Ruhm aufgab, dann aber daran scheiterte, Politk als Kunst und Kunst als Politik zu machen.

Am Samstag mit allen Kindern ins Museum Wiesbaden zu „Georg Lührig: Ein Meister aus Dresden“, einer Werkschau des in Göttingen geborenen und lange in Dresden wirkenden Künstlers Georg Lührig (1868–1957), der dem Jugendstil und Symbolismus zuzurechnen ist. Die Landeshauptstadt ist für uns praktisch zu erreichen: Autobahn und Landstraße, hinunter in die Stadt, die direkt am Taunushang liegt; nebenan beginnt das Rheingau. Die Hauptachse vom Bahnhof, an der das Museum liegt, wirkt wie ausgestorben, hin und wieder eilen Leute mit Regenbogenfahne und -tuch vorbei – wie wir später mitbekommen, sind sie auf dem Weg zu einer Pride-Demonstration.

Im Keller sehen wir Lührigs Werke aus dem symbolistischen Kreis. interessant ist die Reduktion von Natur auf Chiffren: Moos, das aussieht wie Schleim-Blurb auf Waldboden – fast eine Vorform von Hockneys Giga-Bildern. Mein Teenie sagt dazu: „Gemalt, als sei der Maler kurzsichtig.“ Die Bilderwelt wirkt kopfgeboren und ist religiös überhöht – die Ähnlichkeit zu Illustrationen von Kinderbibeln und anderer Erbauungsliteratur zu jener Zeit ist nicht zu übersehen. Der Wunsch nach Heilslehren muss damals, auch angesichts der sich rasant ausdehnenden Fabriklandschaften, immens gewesen sein. Zum Broterwerb fertigte Lührig industriekritische Lithografien an.

Bei Lührigs Entwürfen für die Fresken der heutigen Staatskanzlei bin ich sofort an den Licht- und Sonnenkult von Fidus erinnert; auch die Androgynität der blonden Jünglings- und Weiblingsfiguren erinnert stark an dessen „Lichtgebet“. Da strömt der gesamte Zeitgeist ein: Nietzsche, Platon, heidnische Kulte – aus Natur wird Naturreligion.

Für mich weniger kunst- als kulturgeschichtlich interessant, da das haarscharf an dem vorbeigeht, was wenig später in die Ideologie des Dritten Reichs einströmte. Vor allem die Waffen-SS bediente sich bei diesen Motiven: nackte, heroische Figuren, Lichtglorien, das Sonnenrad, mythisierte Waldpanoramen. Meine Kinder sind wirklich interessiert, sogar der Sohn, der in den ganzen Schinken eindeutig Vorlagen zu seinen mittelalterlichen Computer-Games entdeckt (die Fantasiekönige mit ihren bizarren Pseudo-Ethno-Gewändern.) Es ist deutlich erkennbar, dass Jugendstil und Symbolismus nur wenig Berührungspunkte haben! Und daneben dann Lührigs gänzlich anders gearteten Zeitgenossen wie Corinth, Liebermann, Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff oder Dix … Vermutlich leben wir heute in einer Zeit von noch mehr Gleichzeitigem – allein die Bilderflut, die unsere Milliarden Smartphones jeden Tag erzeugen und verbreiten!

Anschließend geht es wie gewohnt zu den liebevoll ausgesuchten, teils lebenden Objekten der Naturkundeabteilung – das Thema der aktuellen Sonderausstellung: „Gift – Tödliche Gaben“. Wir haben Glück und sehen zufällig einer Schwarze Witwe beim Nestbau zu.

Wieder zuhause bekomme ich von der Jüngsten einen Vortrag über Frederiksborger Pferde gehalten – sie nimmt immer wieder mal unsere toll illustrierte, große Enzyklopädie zur Hand. Zum Abendbrot Feldsalat, danach Radpflege, Rasenschnitt und ein ödes Champions-League-Finale mit wenig Spielfluss, vielen Fehlern und einer Elfer-Lotterie, die in jede Richtung hätte ausgehen können – PSG gewinnt.
