Frank Schott, Leipzig
Was macht den besonderen Reiz des Fußballs aus? Zum einen sicher das Spektakel, der Glamour und die millionenschweren Stars. Zum anderen die Leidenschaft, mit der die Fans ihre jeweilige Mannschaft begleiten, gemeinsam mitfiebern, mitleiden, mitfeiern. Für mich ist Fußball aber auch ein weltumspannendes Phänomen, das Menschen aller Altersgruppen und Nationalitäten im Wettstreit miteinander verbindet. Am Ende genügt ein einziger Ball, notfalls ein Kiefernzapfen oder eine Blechdose – und los geht’s!

Am Dienstag fallen die Engländer in Leipzig ein – das Endspiel der UEFA Conference League stand bevor. Diesen erstmals in der Saison 2021/22 ausgelobten Wettbewerb bestreiten Vereinsmannschaften, die nicht gut genug für die Champions oder Europa League sind. Offiziell wird behauptet, dass man damit mehr Teams aus den weniger fußballstarken Nationen in den internationalen Wettbewerb bringen will, doch ich denke, es geht der UEFA wie immer einfach nur ums Geld: Mehr Spiele bedeuten mehr Sponsoren, mehr verkaufte TV-Rechte und mehr Merchandising – die Kuh „Fußball“ muss gemolken werden. Und so spielen also Crystal Palace aus London und Rayo Vallecano aus Madrid bei uns in Leipzig. Beides Mannschaften, die zuverlässig hinter den großen Teams ihrer jeweiligen Heimatstadt irgendwo im Mittelfeld der Liga dümpeln.

Die Fans von Crystal Palace haben am Mittwoch in der Innenstadt alle Freisitze okkupiert und lassen die Herzen der Kneipiers höherschlagen. Sie trinken an einem Nachmittag mehr Bier als sämtliche Besucher des Wave-Gotik-Festivals an vier Tagen. Die Bedienungen radebrechen – aber Bier wird auf Deutsch und Englisch gleich ausgesprochen, das hilft. Viele machen Nägel mit Köpfen und haben drei Gläser vor sich stehen – eines geleert, eines in Arbeit und das dritte muss sich noch kurz gedulden.

Auch wenn es etwa gleich viele Fans aus Madrid und London sein sollen, die sich zum Finale treffen, sehe ich auf einen Spanier mindestens fünf Engländer kommen – vor der Replika des zu gewinnenden Pokals auf dem Marktplatz stehen sie geduldig Schlange, um sich mit der Trophäe fotografieren zu lassen.

Wenn man sie nicht schon an ihren farbigen Trikots erkennen würde, dann an den staksigen weißen Beinen und dem runden Bauch, der aussieht, als hätten sie einen Fußball unter dem Trikot versteckt, wie es meine Jungs beim Training oft machen. Wo immer größere Gruppen von ihnen aufeinandertreffen und die Gassen verstopfen, stimmen sie ihre Schlachtgesänge an.

Eine Spanierin, die offenbar in Leipzig lebt, ruft ihren Landsleuten im weißen Trikot mit dem charakteristischen roten Blitz „Viva España“ zu und erntet freudigen Jubel. Spanier sind es auch, die ich in der berühmten Nikolaikirche entdecke, wo sie einer Konzertprobe lauschen. Die Londoner Schlachtenbummler dagegen beherrschen die Außengastronomie und haben, als gelte es wie im Urlaub das Revier mit Handtüchern abzustecken, überall ihre Fahnen und Banner aufgehängt. Obwohl es am Dienstag eine Kneipenschlägerei zwischen den Fanlagern gab, bleibt am Mittwoch alles friedlich.

Die Fanmeile der Londoner am Wilhelm-Leuschner-Platz ist am Nachmittag noch relativ leer, erst kurz vor 18 Uhr wird es richtig voll, da die Crystal-Anhänger von hier aus ihren Marsch zum Stadion starten. Auf der Bühne reden Fans („Leipzig is truely a lovely place“) und Gäste des Vereins. Einer der Höhepunkte ist, als Vereinslegende Jim Cannon einige aufmunternde Worte spricht – selbstverständlich glaubt er an einen Sieg seines Teams. Der zweiundsiebzigjährige Schotte hat von 1970 bis 1988 für die Südlondoner gespielt und als Verteidiger über dreißig Tore geschossen. Einen zählbaren Titel erlangte er mit Palace nie – das ist erst dem aktuellen Team unter dem österreichischen Trainer Oliver Glasner mit dem Triumph im FA Cup 2024/25 gelungen. Und um kurz vor 23 Uhr kommt ein weiterer hinzu: Crystal Palace gewinnt 1:0 und somit die Conference League.

Überhaupt steht die Wochenmitte bei mir ganz im Zeichen des Fußballs: Am Donnerstagnachmittag ist wieder Training mit den Kids. Dass wir von neunzig auf sechzig Minuten verkürzen, liegt nicht an der Hitze, sondern am nächsten Match: Mein Sohn und ich haben uns kurzfristig dazu entschieden, am Abend das Hinspiel um den Aufstieg in die 3. Liga anzusehen: Lok trifft auf die Würzburger Kickers. Das Training ist gewohnt chaotisch, wobei ich glaube, dass unser Zeitdruck sich auch auf die Kids überträgt und sie noch unruhiger macht als sonst. Vielleicht ist es aber auch nur die Hitze.

Ich bin jetzt das dritte Mal auf dem Gelände des 1. FC Lokomotive Leipzig. Zuerst war ich im Auftrag meiner damaligen Firma vor Ort, um mögliche Formen der Zusammenarbeit auszuloten – aber der Verein war nur daran interessiert, uns als Sponsoren zu gewinnen. Dann begleitete ich meinen Sohn zu seinem Jugendschiedsrichter-Debüt hierher: Er pfiff eine Partie der D-Jugend gegen Taucha.

Heute sind mein Sohn und ich das erste Mal im Stadion selbst. Zu DDR-Zeiten wich die Mannschaft für die ganz großen Spiele regelmäßig in das riesige Zentralstadion aus, in dessen alte Außenmauer später die Red Bull Arena hineingebaut wurde – die wahre Heimat des Vereins ist und bleibt aber das altehrwürdige „Bruno“ hier in Probstheida. Etwas über 10.000 Zuschauer sind da – wegen laufender Instandsetzungen und Sicherheitsauflagen für das Relegationsspiel darf nicht alles belegt werden. Es gibt eine große Tribüne mit Sitzplätzen, während die Gegengerade und die Kurven als Stehplätze angelegt sind. Die alte 400-Meter-Laufbahn und die Bereiche hinter den Toren sind mit Gras bewachsen. Durch die ursprüngliche Parallelnutzung als Leichtathletikstadion befinden sich die Fankurven relativ weit weg vom Spielfeld. Wir haben Tickets für die Gegengerade – und diese ist gerammelt voll!

Wir finden nur noch hinter der letzten Reihe Platz und müssen uns zwischen den Köpfen der Vorderleute Sichtfenster suchen. Es ist, als würde man durch ein Schlüsselloch gucken. Die vor uns liegende Außenbahn kann ich gar nicht einsehen; für alles andere muss ich ständig die Position wechseln. Zugleich stehe ich überwiegend mit durchgestreckten Beinen oder auf Zehenspitzen, sodass meine Waden nach der ersten Halbzeit zu schmerzen beginnen. Was wir im Gegensatz zum Spielgeschehen einhundertprozentig mitbekommen, sind die Durchsagen des Stadionsprechers, der darum bittet, das Zünden von bengalischem Feuer gefälligst zu unterlassen. Erst betrifft es die Würzburger Fans, in der zweiten Halbzeit dann die Leipziger. Letztere haben so viel Pyrotechnik dabei, dass dicke Nebelschwaden über den Rasen ziehen, die in der untergehenden Sonne giftgelb leuchten. Das Spiel muss kurzzeitig unterbrochen werden, weil Spieler, Tore und Ball nicht mehr zu sehen sind.

Das Spiel verläuft relativ eindeutig – soweit ich es sehen kann. Lok hat zwar in der ersten Halbzeit eine Drangphase, der Gegner aus Bayern aber die deutlich besseren Chancen: Einmal rettet die Latte, einmal der Leipziger Torhüter mit einer guten Parade. Zu Beginn der zweiten Halbzeit fällt dann das Siegtor für Würzburg, das ich zufällig sehe, mein Sohn dagegen nicht. Würzburg lässt danach noch zwei sehr gute Konterchancen liegen – und Lokomotive den Kopf hängen. Wenn die Mannschaft beim Rückspiel ähnlich auftritt, wird es wieder nichts mit dem Aufstieg. Das sieht auch der heimische Anhang so: „Die raffen es nicht. Immer fallen die Tore nach dem Wiederanpfiff. Die raffen es einfach nicht.“ murrt einer auf dem Heimweg. Ein anderer versucht es mit Zweckoptimismus: „Ein 0:1 kann man noch aufholen“. Könnte man, denken mein Sohn und ich – aber so wie die Mannschaft aufgetreten ist, besteht dafür wirklich wenig Hoffnung.

