
Am Sonntag vermelden die Online-Ausgaben der Zeitungen, dass vor der dänischen Insel Anholt immer wieder Menschen für Fotos auf den Kadaver jenes Buckelwals klettern, der als „Timmy“ oder „Hope“ wochenlang durch die deutsche Presse geisterte. Im Inneren eines solchen Tieres entstehen bei der Verwesung riesige Mengen an Fäulnisgas, wodurch sich der Körper aufbläht und im Extremfall sogar platzen kann. Dabei können Gewebe, Knochenstücke und Zersetzungsflüssigkeit herausgeschleudert werden. Und gerade als ich mir vorstelle, wie das wäre, wenn dieser Wal explodiert, während jemand auf ihm herumturnt, kommt die Meldung rein, dass in einem Leipziger Gewerbegebiet ein Tiger erschossen wurde. Ein Freund, der dort wohnt, schreibt mir, dass es bei dieser ganzen Geschichte, die einen langen Vorlauf hat, nur Verlierer gebe. Lieber schnell an die Blässhuhnkükenfütterungen denken, die ich am Morgen sah!

„Da kommt das Nest für meine Kätzchen hin … und das hier ist die Tränke … schau mal, da ist eine kleine Schnecke dran! Mama, du auch, und du – eine Schnecke! Oder keine Tränke, lieber ein Boot, das kann ja schwimmen … Meinst du, das ist ein guter Platz für das Nest?“ So spricht am Montag am See eine Fünfjährige zu mir und ihrer Mama nebst Säugling und einer anderen Mutter nebst Säugling. Und ich kommentiere das teetrinkend, sage, wie sie am besten den kleinen Abhang zum Wasser herunterkommt: „Ganz vorsichtig auf den Wurzeln – das ist eine Naturtreppe; die nehm ich auch immer.“ Und das macht sie und das klappt, und den Begriff „Naturtreppe“ findet sie so passend, dass sie ihn sofort benutzt. Dann frage ich sie, ob sie schon da hinten, das Stück weiter den Weg lang, das Nest mit den gerade geschlüpften Blässhühnern gesehen hat. Sie schüttelt den Kopf. Als ich ihr ein Foto davon zeige und erkläre, warum die Küken rote Köpfe haben, ist klar, dass der ganze Trupp noch einmal zurückgeht, um sich das anzuschauen – und nach einer kurzen Überlegungspause und ein wenig Zureden von der Mama kommen die Plüschkatzen ebenfalls mit, da sie ja schließlich auch die „Blässhuhnbabys“ sehen wollen. Es gibt Dinge, die sind weitaus wichtiger als das pünktliche Erscheinen in der Kindertagesstätte.
Und ab Dienstag bin ich endgültig in meinem Sommerrhythmus angelangt: gegen vier aufstehen und gegen 21 Uhr zu Bett gehen. Das passiert jedes Jahr ganz von allein – ich vertraue da meinem Körper. Während ich mein Müsli esse und den ersten Teeaufguss des Tages trinke, taucht der Sonnenaufgang unseren Hof in ein unwirkliches, rötliches Zwielicht. Auf dem Weg zur Bahn sehe ich das blutorange Nachglimmen; von oben drücken tintenblaue Wolken. Die Wege sind leicht feucht – es muss, von mir unbemerkt, in der Nacht geregnet haben; auch die Luft riecht noch danach. Da meine gewohnte Strecke immer noch gesperrt ist, fahre ich mit der U-Bahn nach Rathaus Steglitz und steige dort in die S1 Richtung Potsdam, die mich bis auf zweihundert Meter an den Schlachtensee bringt.

Mein enterisches Nervensystem hat sich anscheinend noch nicht auf die neuen Zeiten umgestellt – während der S-Bahnfahrt pressiert zunehmend ein Nachklapp meiner frühmorgendlichen Defäkation. Da die öffentliche Toilette am See gesperrt ist, hocke ich mich auf einen umgesägten Baumstamm. Ab und an ist ein Perspektivwechsel wichtig – und Toilettenpapier selbstverständlich immer im Rucksack.

Auf meiner großen Runde zur Stammbucht am anderen Ufer erinnert ein nach Zweigen schnappendes Blässhuhn an etwas Urzeitliches. Der Geschirrabräumer in der Fischerhütte hat am Vorabend mitten in der Arbeit aufgehört, was ich durchaus sympathisch finde. Da ich aus erster Hand weiß, dass dort viele serbische Boxer angestellt sind, wird sich wohl keiner der Gäste ernsthaft beschwert haben.

Hundert Meter weiter entdecke ich ein Mandarinentenweibchen – das passiert selten, in der Regel sieht man hier die bunten Erpel.

In der Bucht viele Schilfrohrsänger und ab und an eine tieffliegende Schwalbe – ich werde zum Tischtennis meinen Schirm mitnehmen.

Am Tag darauf füttern in der Bucht gleich zwei Tierfamilien ihren Nachwuchs: Blässhühner und Stockenten – die Rallen eher ruppig, die Enten ganz sanft. Während ich das Heranschaffen und Verteilen der Nahrung beobachte, kommen die beiden Haubentaucher dazu, die über Wochen abwechselnd im Schilfgürtel auf ihrem Nest hockten. Schon dass sie zu zweit schwimmen, hätte mich stutzen lassen müssen – so braucht es einige Blicke, bis ich verstehe, dass auch dort die Küken geschlüpft sind. Winzig klein und noch feucht zerknautscht sitzen sie bei ihren Eltern unter den Flügeln – ich trau mich kaum zu atmen. Und als ich dort, an diesem Mittwochmorgen Mitte Mai, inmitten dieser Vogelfamilien im Morgenlicht stehe, durchströmt mich etwas, das älter ist als meine Vorfahren, größer als mein Vorstellungsvermögen: Allumfassende Wellen der Liebe, die dort fließen, wo Alessandro Moreschi „Ave Maria“ singt und Alison Moyet „The first time ever I saw your face“, wo Caravaggio den ungläubigen Thomas in die Wunde Jesu fassen lässt und Oskar Werner Rilkes „Menschen bei Nacht“ vorträgt, wo Muhammad Ali zu seinem Schmetterlingstänzchen ansetzt und Maradona am 22. Juni 1986 im Estadio Azteca in Mexico City um 13:09 Uhr etwas macht, das ganz England weinen und Milliarden Menschen den Mund offenstehen lässt. Ich heiße die neuen Erdenbewohner willkommen.

Der Donnerstag ist dann der erste Sommertag des Jahres: Über der Rehwiese und dem Schlachtensee liegt Nebel. Ein Licht, das auch dem Weichen harte Konturen verleiht und bei allen, die mir am See begegnen, die Mundwinkel hochzieht. Der Mann, der beim Gehen Stimmübungen macht (eine Tischtennismitspielerin würde sagen, dass er den Vagusnerv stimuliert) und den ich für mich, wenn sich unsere Wege kreuzen, „Der Kammersänger“ nenne, und ich grüßen uns nach Jahren das erste Mal – und werden das nun immer tun. Bereits um sieben angenehme 15 Grad Lufttemperatur und eine leichte Brise, die die Nachtregentropfen von den Blättern streicht.

In der Bucht die übliche Action: Stockerpel im An- und Abflug …

Eine Aufdrehralle und ein Höckerschwan, der den Hals langmacht …

Ein Reiher, der im Schilf verschwindet und mit diesem eins wird …

Und all die frisch Geschlüpften werden natürlich weiterhin umsorgt.

