Frank Schott, Leipzig

Drei Katzen im Innenhof. Das bedeutet Krieg. Untereinander vertragen sich unsere beiden Kater meist (wer Geschwister hat, weiß, was ich meine), doch seit einiger Zeit ist noch ein dritter im Spiel. Wir vermuten, dass die Aggression von ihm ausgeht. Jedenfalls peitschen die Schwänze unserer beiden Jungs, wenn sie das Fremdtier durch die Terrassentür auf der Mauer sitzen oder daran entlangspazieren sehen – ich glaube, er macht das absichtlich so provokant, denn er starrt dabei ununterbrochen zu uns herüber.

Jüngst kam es zum offenen Konflikt, bei dem unser schwarz-weißer Kater an der Pfote zwei Bisswunden davontrug. Nachdem diese nicht von allein heilten, ging ich mit ihm nach einer Woche zum Tierarzt. Dieser gab ihm ein Antibiotikum und ein Schmerzmittel, das wir einmal täglich mit einer Mahlzeit verabreichen sollten. Außerdem wurde Hausarrest verordnet, damit die Wunden in Ruhe ausheilen können und vor Verschmutzung geschützt sind. Unser Patient ließ alles über sich ergehen, wobei ihm das Eingesperrtsein schon zu schaffen machte, zumal sein gesunder Bruder auf der anderen Seite der Tür stehen blieb, ihn anguckte und zu fragen schien: „Was ist nun? Kommst du mit raus?“ Aber er durfte ja nicht. Also schlurfte der Getigerte mit dem Katzenäquivalent eines Schulterzuckens davon.

Vier Tage später mussten wir zur Nachkontrolle. Dem Kater ging merklich besser, die Wunden waren verschlossen, der Schorf löste sich bereits, auch das Humpeln hatte aufgehört. Ganz energisch verweigerte er sich daher dem Einfangen und Einsperren in die Transportbox. Mit Hilfe der Kinder gelang es schließlich. Wenn Katzenaugen sprechen könnten, hätten sie vorwurfsvoll gefragt: „Warum? Warum tust Du mir das an?“
Da mich der Kater ohnehin nur mit strafendem Blick bedachte, beobachtete ich im Wartezimmer die anderen Tiere. Eine Katze, die im Dunkel ihrer Transportbox nicht zu erkennen war, maunzte jämmerlich. Ein Mischling, mit langem braunem Fell und etwas kleiner als ein Schäferhund, sträubte sich gegen die Leine und stemmte sich mit allen Pfoten dagegen, die Treppe zu den Behandlungszimmern hinaufgeführt zu werden. Schließlich nahm ihn sein Frauchen auf den Arm und trug das Häufchen Elend zum Arzt.
Dann waren wir an der Reihe. „Alles wieder in Ordnung? Humpelt der Kater noch? Nein? Dann bekommt er jetzt noch eine zweite Dosis Antibiotikum. Das Schmerzmittel können Sie absetzen.“ Wir machten uns auf den Heimweg. Der Kater war so beleidigt, dass er nicht einmal die Trockenfutterchips anrührte, die ich ihm zum Trost in die Box gelegt hatte. Zu Hause angekommen, wollte er nur noch eines: raus aus seinem Gefängnis und hinaus in den Garten.

Dort macht er, wenn er nicht gerade mit dem Innenhofrowdy kämpft, zusammen mit seinem Bruder das, was Katzen am besten können: an den unmöglichsten Orten schlafen, vor sich hin brummen, schnurren und so lange miauen, bis sie ihren Willen bekommen. Sie springen über Zäune und auf Mauern, bewachen das Loch unter der Terrasse, in dem einst eine Maus verschwand, und schleppen gelegentlich einen Vogel oder ein anderes kleines Beutetier an – vorzugsweise lebend. Sie fressen Trocken- und Nassfutter und, sobald sie draußen sind, Gras. Manchmal sehen wir sie über Stunden nicht. Wenn sie jedoch die Haus- oder Terrassentür klappern hören, kommen sie aus ihren Verstecken oder ihrer getarnten Bewegungslosigkeit, stürmen hinein, prüfen, ob wir das Futter aufgefüllt haben, nehmen gegebenenfalls einen Happen und stellen sich sofort wieder vor die Tür, um hinausgelassen zu werden.

Auch unsere unmittelbaren Nachbarn sind inzwischen Bestandteil der großen Katzenfamilie geworden. Sie bewundern die Akrobatik und Gerissenheit, mit der die Tiere alle Hindernisse überwinden. Sie schimpfen nur noch ein ganz klein bisschen, wenn sie sehen, dass einer der beiden seine Notdurft lieber im Garten als in der Katzentoilette verrichten will. Und sie verscheuchen den Rabauken, wenn er sich auf unsere Kater stürzen will. Manchmal stelle ich mir vor, dass sich der Schwarz-Weiße mit seinem getigerten Bruder zusammenschließt, um dem aggressiven Eindringling eine Abreibung zu verpassen. Leider kämpft jeder für sich – stoisch und stolz wie ein Indianer. Zum Glück ist der Rowdy nicht jeden Tag da.

Neulich hatte einer der Kater einen blinden Passagier im Pelz. „Ist das Scheiße? Ich fass das nicht an!“ – „Lass mal gucken: Iiieeh, das ist eine Nacktschnecke!“ Mit einem Zellstofftaschentuch wurde Abhilfe geschaffen. Irgendwas ist immer. Aber spätestens wenn dich die großen Katzenaugen ganz unschuldig und fragend ansehen, hast du ohnehin vergessen, worüber du dich eben noch erregen wolltest.

