
Im August 1909 reiste der Agronom und angehende Schriftsteller Michail Prischwin für fünfzig Tage in die kirgisische Steppe, um mit den dortigen Nomaden umherzuziehen, ihr Leben kennenzulernen und darüber zu schreiben. Seine Erlebnisse gingen nicht zuletzt in die Erzählung „Der schwarze Araber“ ein, die dem Buch, das ich gerade lese, den Titel gab. In einer Szene sitzt der Ich-Erzähler mit einem Kөшпелі (von „den Standort wechseln“ und „umziehen“) am Lagerfeuer und betrachtet den Nachthimmel. Der Einheimische nennt den Polarstern „Eiserner Pfahl“ und deutet auf zwei Sterne in dessen Nähe. Laut einer alten Geschichte handele es sich bei diesen um ein weißes und ein graues Pferd, die an den Pfahl gebunden sind und ununterbrochen um ihn herum laufen. Dabei werden sie von sieben Dieben umschlichen, lassen sich aber nicht fangen – und so dreht sich immer alles weiter. Sollten die Diebe die Pferde jedoch jemals einholen, bedeutet dies das Ende der Welt. Der Ich-Erzähler sieht in den Pferden natürlich den Schwanz des Kleinen Bären. Er zeigt auf andere Sterne und fragt nach deren Bedeutung. Sie trinken dabei Tee und sinnieren über das Leben am Himmel und auf der Erde und stellen fest, dass es sich eigentlich gar nicht unterscheidet.

Beim Lesen der Geschichte denke ich, dass das ja genau das Thema unserer Zeit berührt: Wie benennt man Dinge und Ereignisse und welche Geschichten erzählt man dazu? Wer spricht zu wem und wer hört wem zu? Wer hält es aus, dass es andere Begriffe für das Gewohnte, mehrere Deutungen desselben? Wer hat die Macht, die Wörter zu setzen und die Story zu bestimmen … Vielleicht sollten wir alle wieder mehr in den Himmel und auf die Berge, die Flüsse und die Wälder, die Tiere und die Pflanzen schauen, dem Wind und dem Regen lauschen und einander die Geschichten der Ahnen erzählen.

Am Sonntag will ich eigentlich zum Auswärtsspiel von Union 06. Da eine S-Bahn ausfällt und ich mich dadurch später abhetzen müsste (was ich verabscheue), lasse ich das Spiel sausen und fahre nach meiner Runde im Schlachtensee spontan ins nahe Potsdam. Eine glückliche Entscheidung! Wie ich feststelle, bietet sich mir dort an dem Tag letztmalig die Gelegenheit „Avantgarde: Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ anzusehen. Das Museum Barberini macht erst in fünfzehn Minuten auf; ich stelle mich ans Ende der Schlange und frage die Dame vor mir, ob sie schon ein Ticket hat und weiß, wie der Einlass geregelt ist. Sie hat vorab gebucht und meint, dass ich das auch jetzt noch schnell per Smartphone erledigen könne. Ich antworte, dass ich so etwas nach Möglichkeit vermeide und analoge Wege bevorzuge – worüber sie sich freut. Sie erzählt, dass sie sprachbehindert ist, ihr die Nutzung von manchen Apps und KI-Voicebots schwerfällt. Wir kommen aufs Gendern, das sie als diskriminierend empfindet. Dass sie für ÖRR-Sender, die diese Sprachverstümmelung praktizieren, Gebühren zahlen muss, empört sie. Ich berichte von der Inklusionsgruppe in meinem Nachbarschaftshaus, in dem Menschen mit geistiger Behinderung sowie Nichtmuttersprachler ebenso diese Exklusion kritisieren. Schnell sind wir bei der Unbeweglichkeit von Politik und Teilen der öffentlich-rechtlichen Medien, sich zu korrigieren. Es fällt der Begriff „Demut dem Amt gegenüber“. Und mittendrin in diesem wirklich entspannten und interessanten Gespräch werden wir auf einmal von dem Mann hinter uns angeranzt, der meint, das sei „ganz gefährliches, rechtspopulistisches Gedankengut“, was wir da gerade verbreiten würden. Die Dame lacht ihn einfach aus und sagt: „Ach, Gottchen!“ Ich meine: „So schnell wird man in eine Schublade gesteckt.“ Das macht den Typen nun richtig fuchtig. Die Lady hält sarkastisch dagegen und ich mich eher zurück, da ich aus vielen Gesprächen weiß, dass Diskussionen mit Schwarz-Weiß-Denkern sinnlos sind. Ereiferer schnappen ein Reizwort auf und plappern dann irgendwelche Klischees nach – Differenzierungen stehen dem nur im Wege. Auch da stellt sich die Frage: Wer setzt das „Wording“ und „Framing“, wer spricht, wer hört zu, wer glaubt das, trägt es weiter … Der analoge Kartenkauf klappt. Die Ausstellung ist toll – neben Max Liebermanns Waisenhausbildern sprechen mich vor allem die Berlin-bei-Nacht-und-im Regen-Gemälde Lesser Urys an.

Den Abend verbringe ich mit einem Freund sechs Stunden in einem Biergarten. Wir reden über unsere unterschiedlichen Denk- und Sprachsysteme. Diese machen einen entscheidenden Unterschied beim Prompten von KI-Bots, worin ich ihm eine Einführung gebe. Da ich am Tresen das Etiketten-Wortspiel „Outcider“ nicht schnalle, trinke ich zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren ein paar Schluck Alkohol. Brrr … Wer behauptet, das sei kein Gift, macht sich etwas vor – aber auch hier gilt selbstverständlich der alte Paracelsus-Satz.

Am nächsten Morgen gesellt sich jener ältere Herr zu mir auf die Buchtbank, der mich immer so nett veräppelt, wenn er mich in den kalten Monaten im Wasser sieht. Über die Wasservogelfamilien vor uns kommen wir ins Plaudern; ich berichte von der Liebermann-Ausstellung. Da geht ein Ruck durch ihn – er steht voll im Stoff und entpuppt sich als ehemaliger Kunsthändler. („Von Liebermann habe ich noch ein paar wirklich schöne kleine Arbeiten zu Hause …“) Das ist ja nun mal total interessant! Aber selbst so eine kurze Fahrt nach Potsdam ist ihm mit seinen fünfundachtzig Jahren inzwischen zu beschwerlich; er bleibt im Kiez und dreht täglich seine Seerunde. Seine Nachbarin fliegt die ganze Zeit um die Welt, was er aber schon aus Ressourcengründen ablehnt: „Wir Deutschen leben über unsere Verhältnisse und sollten damit aufhören!“ Ich stimme ihm zu.

Am Dienstag erlebe ich einen maximal entspannten Nachmittag beim Reparieren meines Rucksacks sowie beim Tischtennis. In einer der Pausen setzen eine Mitspielerin und ich unser vorwöchentliches Gespräch über Grießbreirezepte und Tierbegegnungen fort. (Just als ich von einem Fuchs am Plötzensee berichte, läuft ein Artgenosse von diesem über den Hof.) Als ich sie nach ihrem Akzent frage, erzählt sie, dass sie als Tochter einer Deutschen und eines Albaners die ersten Lebensjahre in der BRD verbracht hat, dann aber in Polen aufwuchs und nun zurückgekommen sei. Sie findet, dass Berlin der perfekte Ort für Menschen mit unübersichtlichen Lebensläufen ist – als Sohn eines Ostpreußenflüchtlings und Viertelpole, der seine ersten zweiundzwanzig Jahre im abgeschnittenen Landesteil verbrachte, stimme ich ihr zu. Auf meine Frage nach Begriffen für extreme Glücksgefühle in der Natur weiß sie, die Mehrsprachlerin, zwar auch keine passenden, findet aber, es reiche doch völlig aus, wenn wir einfach glückliche Geräusche machen würden – wovon sie mir sogleich ein paar vorführt, was ausgesprochen witzig ist.

Am Mittwochmorgen Bestaunen des Wolkenbilds über der Rehwiese, das mich einmal mehr an ein Alpenpanorama erinnert. Am Abend mit meiner Yoga-Lehrerin ein berührendes Gespräch über Meldungen des Unterbewusstseins, schwer zu stoppende Gedankenschleifen und Schweigeretreats. Als ich für das Beschreiben von Gefühlen den Ersatzbegriff „Wellen der Liebe“ einbringe und sage, dass man sich dabei ja ein wenig doof vorkomme, meint sie, dass ich damit bei ihr genau richtig sei – sie benutzt dafür „Universum“, „Gott“, „Liebe“.

Am Donnerstag riesige Erleichterung, als endlich der ORF-Stream steht – die notgedrungenen zwanzig Minuten des WM-Auftaktspiels im ZDF hatten mich bereits an den Rand des Wahnsinns gebracht. Was ist das für eine kaputte Sprache? Und warum schreit der so?!?

Am Freitag der Moment, in dem Sprachgenauigkeit über Wohl oder Wehe entscheiden kann: Auswertung des Stuhltests beim Hausarzt nebst Besprechung einer möglichen Antibiotikatherapie. Eine der Ärztinnen, die auch dort arbeitet, sagte vor Jahren mal zu mir: „Ich weiß Ihren Namen nicht – aber für mich sind Sie der Patient mit der dicken Akte, der nie Medikamente will.“ Ich bleibe diesem Ruf treu.

Neben den Worten ziehen Wolken, formen Sätze zu Geschichten.
