Frank Schott, Leipzig

Ehrenamt ist, wenn man am Samstag ab 9 Uhr hinter dem Torhaus Dölitz steht und für seinen Verein oder seine Initiative einen Stand aufbaut. Die Gastggeber vom Zinnfigurenmuseum richten eine kleine Gießwerkstatt ein, der Bürgerverein bringt ein Quiz mit, wir von Turbine Leipzig haben ein Areal für Kleinfeldfußball abgesteckt.

Hingucker und Fotomagnet ist das Biwak der Historiendarsteller. Ein Filmteam begleitet die Männer in den Uniformen der napoleonischen Kriege beim Aufbau. Während der Völkerschlacht war Schloss Dölitz ein wichtiger Stützpunkt der französischen Truppen und heftig umkämpft. Gemeinsam mit den Soldaten Bonapartes verteidigten polnische Einheiten die Stellung gegen österreichische Truppen der Alliierten. Der Ausgang der Schlacht ist bekannt: Napoleon musste sich zurückziehen, und Teile der sächsischen Armee, die zuvor noch auf seiner Seite standen, liefen zu den Siegern über.

Es ist nur wenig los, da es an diesem Wochenende viele alternative Veranstaltungen gibt. In Markkleeberg, das sich übergangslos an Leipzig anschließt und dessen Zentrum nur etwa zwei Kilometer entfernt ist, lockt das Stadtfest mit Rummel und Musik. Viele Kids spielen Fußball an diesem Morgen und haben die Eltern als Fahrer dabei – allein aus unserem Verein sind gerade drei Teams draußen unterwegs. Die älteren Semester können rüstig bei der jährlichen 7-Seen-Wanderung auschreiten – ein Zwei-Tages-Event mit über siebzig Touren. Und am Abend lockt dann noch die Museumsnacht.

Einer unserer nimmermüden Jungs kickt mit jedem, der nicht bei drei auf den Bäumen ist – er hat kein Turnier, weil er am Nachmittag zu einem Geburtstag eingeladen ist. Einige Besucher nehmen Flyer mit, weil sie darüber nachdenken, ihren Nachwuchs zu uns zum Training zu schicken. Gegen Mittag wird es kurzzeitig voller: Das Kinderhaus vom Agrapark hat ein Programm einstudiert. Die Eltern stehen dicht gedrängt vor der Bühne und halten ihre Handys in die Höhe. Später macht das Orchester der Feuerwehr Leipzig noch etwas Blasmusik. Es bleibt besinnlich und ruhig.

Auch am Sonntag kann man einiges unternehmen. Während die Lokalzeitung noch einen „Schrecken“ und „eine Veränderung der Stadt“ nach der Amokfahrt behauptet, herrscht längst wieder Veranstaltungsalltag: Vormittags lockt in Laucha ein Fahrradfest mit einer 7‑km‑Familienrunde und mit der 100‑km‑Strecke für sportliche Biker. Im Clara-Zetkin-Park startet der Frauenlauf. Ich hatte am Vortag kurz mit einem Vereinskollegen gefrotzelt, ob ich nicht daran teilnehmen sollte – ich könnte mich ja kurzfristig zur Frau erklären und jeden verklagen, der mich daran hindern will.

Das mache ich natürlich nicht – und nehme stattdessen am dritten großen Sportevent des Tages teil: Dem Wings for Life World Run des Getränkekonzerns Red Bull. Sämtliche Teilnahmegebühren des Laufs sowie alle Spenden gehen in der Erforschung von Therapien zur Behandlung der Querschnittslähmung. Laut Veranstalter sind allein in Leipzig 3.000 Menschen am Start, weltweit wohl über 350.000.

Der Lauf führt in 5-Kilometer-Runden rund um die Red Bull Arena. Wie immer bei solchen Veranstaltungen geht es sehr gemächlich los, da es eine Weile braucht, bis sich die Menschenklumpen aufgelöst haben, jeder eine freie Strecke vor sich hat und diese im eigenen Tempo absolvieren kann. Einige der Teilnehmer sind im Rollstuhl unterwegs, andere wandern, die meisten jedoch laufen.

Es zwar bewölkt, doch die Sonne kommt immer häufiger heraus; schnell wird es schwülwarm. Die Strecke führt größtenteils auf asphaltierten oder gepflasterten Wegen entlang, Ausnahme ist die Laufbahn im Leichtathletikzentrum hinter dem Stadion, auf der wir eine Runde absolvieren. Dann der Höhepunkt: Wir laufen durch einen Nebentunnel direkt ins Stadion, drehen unter unter 40.000 leeren Sitzen eine dreiviertel Runde entlang des Rasens, auf dem am Vortag noch RB gegen St. Pauli spielte. Viele Läufer zücken die Handys und fotografieren oder filmen – ich auch. Danach geht es durch den Spielertunnel hinaus auf das Stadionvorfeld.

Auf der Festwiese stehen die Bundesligaspieler von RB und reichen uns Läufern Trinkbecher mit Wasser oder einem Wasser-Red-Bull-Gemisch. Beim ersten Mal bediene ich mich bei einem unserer Innenverteidiger. Aber im Laufen zu trinken ist nicht mein Ding – ich verschütte das Meiste über mein Shirt; ein bisschen rinnt immerhin die Kehle herunter.

Die Luft wird immer drückender, die Oberschenkel brennen und jetzt beginnen auch noch die Füße zu schmerzen – ich bin anfangs zu schnell gelaufen, um den Pulks zu entrinnen. Also beende ich den Lauf bereits nach zehn Kilometern. Ich schnappe mir einen Becher von einem unserer offensiven Mittelfeldspieler. Dieses Mal geht das meisten in den Rachen. Ich trabe in den Seitenbereich und schnappe mir zwei Apfelscheiben und ein Stück Banane; dazu gibt es ein paar Dehnübungen für die Beine – das war’s dann für mich. Die Läufer, die noch im Rennen sind, ziehen keuchend an mir vorbei. Weil es eine Benefizveranstaltung ist, erhalten wir keinen Firlefanz wie Urkunden oder Medaillen – dabei sein und mitmachen, darum geht es. Auch mal ganz schön.
Ich schaue auf den Fitnesstracker: 49:53 für zehn Kilometer, wobei mich der erste langsame Kilometer gut eine Minute gekostet hat. Nicht schlecht, alter Mann.
