Als Künstler schaue ich ab und an mal nach, was die Konkurrenz so an Bildern in die Welt setzt. Aktuell bin ich ziemlich begeistert von denen, die rund um den Andenvirus-Ausbruch auf der MS „Hondius“ allein von der Tagesschau-Redaktion produziert respektive gesendet werden. Egal, wie sehr die Virologen und Ärztinnen in denselben Beiträgen auch Entwarnung geben: Diese Aufnahmen erzählen die vollkommen gegenteilige Geschichte einer großen Gefahr für den Zuschauer – bildnerisch toll, journalistisch einfach nur fahrlässig.

Und so sehe ich inzwischen täglich auf der Straße, in der Bahn oder im Supermarkt Leute mit FFP2-Maske – am Sonntagmorgen sogar am nahezu menschenleeren Schlachtensee. Zwei Stunden zuvor hätte ich mich für einen Moment selbst in dieser Angstbilderwelt wähnen können, als ich beim Umstieg im S-Bahnhof Westkreuz auf einen Rettungseinsatz zulief und die Sanitäter mit ihren Reflektoren an der Uniform im milchig-silbrig flirrenden Tunnel wie Charaktere aus „Contagion“ aussahen. Ich behielt die Nerven und ging weiter.

In der Bucht kommt die Stockentenmutter mit ihrem vor ungefähr zwei Wochen geschlüpften Nachwuchs vorbei – von anfangs neun Küken leben jetzt noch sechs. Das ist der Lauf der Natur – so leid es einem auch tun mag. Am Tag zuvor sah ich, wie ein Stockerpel eine ins Schilfdickicht gedrängte Ente zur Kopulation zwang. Besonders bei dieser Art ist so ein Verhalten Teil eines Fortpflanzungssystems, das stark von sexueller Konkurrenz unter den Männchen geprägt ist. Im Normalfall findet Fortpflanzung über Balz und stabile Bindungen statt (was ich regelmäßig beobachte), gelegentlich kommt es jedoch zum Geschlechtsverkehr gegen den Willen des Weibchens. Dabei spielt auch die Anatomie eine Rolle: Männliche Stockenten besitzen einen vergleichsweise langen, spiraliförmig gewundenen Penis, der sich für die Paarung durch Lymphdruck im Bruchteil einer Sekunde nach außen stülpt, was eine schnelle Kopulation ermöglicht. Die Weibchen besitzen wiederum einen komplexen, labyrinthartig verschlungenen Fortpflanzungstrakt mit mehrfach gekrümmten Abschnitten und seitlichen Ausbuchtungen, was von Biologen als evolutionäre Gegenanpassung interpretiert wird. Auch wenn ich weiß, dass dieser Zwangsakt Teil eines über Millionen Jahre entstandenen Verhaltenssystems ist, entsteht in mir der Impuls, einzugreifen – aber Steine zu werfen, ist auch nicht die Lösung.

Ab Montag muss ich wegen der Bauarbeiten auf meiner üblichen S-Bahnstrecke Richtung Schlachtensee für anderthalb Wochen einen anderen Weg nehmen. Gegen halb sieben ist die U9 leerer als sonst. Die allermeisten Passagiere dürften im Niedriglohnsektor arbeiten und einen Migrationsvordergrund haben. Ich steige an einer Station aus, die nur einhundert Meter vom See entfernt ist, und gehe genau gegenüber meiner Stammbadestelle vom anderen Ufer zu dieser los – wäre ich Jesus, könnte ich jetzt eine Dreiviertelstunde sparen. Unterwegs sehe ich einen Sondengänger, in dessen Beutel es metallisch scheppert – offenkundig lohnt sich das Suchen nach Münzen und Schmuck bereits vor dem Beginn der Hauptbadesaison.

Der Blick von der von mir selten begangenen Hälfte des Uferwegs ist wie der auf einen anderen See: Licht, Gehölze, Tiere und selbst die Geräusche – alles scheint neu. Ich entdecke eine brütende Ralle.

In meiner Bucht treffe ich den ehemaligen Siemensmanager und dessen Bekannte, eine Ärztin. Wir haben zum ersten Mal in diesem Jahr Gelegenheit, miteinander zu klönen und freuen uns über das Wiedersehen. Sie erzählt, dass sie Eisbaden war, das dann aber aufgab, nachdem sie sich am Rand des Lochs geschnitten hatte. Sie ist nun bereits die Dritte in den letzten drei, vier Wochen, die mir so etwas erzählt. Es schneiden sich in meinem Umfeld mehr Menschen an Eislöchern, als in ganz Deutschland p.a. am Hantavirus sterben.

Am Dienstag ist es windig, stark bewölkt und kühl. Mein Atem dampft, und in der schönen öffentlichen Toilette zwischen S-Bahn-Station und See dampft beim Wasserabschlagen in das metallene Becken auch mein Urin. Ich verzichte auf meine lange Runde und gehe direkt am Südufer ins Wasser. Genau in dem Moment, in dem ich losschwimme, öffnet sich für ein paar Minuten die Wolkendecke. Die Sonne scheint direkt auf mich. Diesen himmlischen Spot nehme ich persönlich. Wieder an Land, stelle ich fest, dass ich ein wenig am linken Bein blute. (Stigmata?!) Ich hole mein Desinfektionsspray und ein Pflaster aus dem Rucksack – du schleppst das hunderte Male umsonst mit dir herum, aber wenn du es dann brauchst, ist es da.

Am Nachmittag wird es beim Tischtennis urplötzlich finster. Direkt über dem Nachbarschaftshaus blitzt und donnert es. Ein heftiger Hagelschauer geht hernieder. Der immer etwas verpeilte Mitspieler, der im Laufe seines gewiss nicht allzu leichten Lebens zwar sein Geburtsjahr, nicht aber den Text von „Thunderstruck“ vergessen hat, stimmt headbangend AC/DC an; ich ergänze mit „Scaramouche, Scaramouche, will you do the Fandango? Thunderbolt and lightning, very, very frightening me“. Auf dem Heimweg strahlt die Sonne; im Schoelerpark hoppeln Kaninchen durchs feuchte Gras – ich hoffe, sie meiden „sensible Bereiche“: „Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf führt von Montag, 26. Januar, bis Freitag, 30. Januar 2026, Maßnahmen zum Schutz des Schoelerparks vor Kaninchenschäden durch. Um diesen Problemen vorzubeugen, setzt das Bezirksamt tierschutzkonforme Methoden ein, die die Tiere von sensiblen Bereichen fernhalten, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Zum Einsatz kommen unter anderem optische und akustische Reize, geruchsbasierte Abwehrmittel sowie bauliche Schutzmaßnahmen.“

Meine größte Herausforderung beim Bahnfahren ist derzeit nicht die etwas ungewohnte Strecke, sondern rechtzeitig auszusteigen, da ich gerade ein dermaßen fesselndes Buch lese, dass ich alles um mich herum ausblende. Der autobiografisch inspirierte Roman „Gebt mir meine Berge zurück!“ von Albert Wass beginnt mit dem Vertrag von Trianon, durch den Siebenbürgen 1920 an das Königreich Rumänien fiel, und endet mit der kommunistischen Nachkriegsordnung sowie dem Exil des Protagonisten. Dieser wächst in den Havasok-Bergen in extremer Armut auf. Da Mutter und Vater früh sterben, muss er als Ältester die Verantwortung für seine beiden jüngeren Geschwister übernehmen. Er wird Hirtenjunge, kommt ins Gefängnis und schlägt sich nach der Haft als Köhler und Jagdbegleiter für Wohlhabende durch. Mit der Liebe seines Lebens und dem neugeboren Sohn genießt er nach dem Einmarsch der ungarischen Armee im Sommer 1940 eine kurze Phase des persönlichen Glücks. Dieses endet, als Ungarn an der Seite der Achsenmächte in den Krieg zieht und er an die Front muss. Als er schwer verwundet zurückkehrt, findet er alles, was ihm lieb war, zerstört vor: Seine Frau und sein Sohn wurden von sowjetischen Soldaten ermordet, der Hof ist niedergebrannt. Da die Berge nun wieder unter rumänischer Kontrolle stehen und ihn die neuen Machthaber als „Kriegsverbrecher“ und „Faschist“ jagen, flieht er in die Wälder und lebt dort als Partisan. Am Ende folgt das Exil im vermeintlich freien Westen. Seit Theo Harychs „Hinter den schwarzen Wäldern“ habe ich nicht mehr so ein berührendes Buch gelesen. Gerade weil Wass Krieg und Besatzung in all ihrer Brutalität und menschlichen Niedertracht schildert und wirklich keine Seite gut dabei wegkommt, entfaltet der Roman einen tiefen Humanismus und Pazifismus. Die Realität entlarvt jegliche Propaganda als Lüge, denn unter der Machtpolitik der Herrschenden leidet letztlich immer das Volk – ganz egal unter welcher Flagge. Die Sprache, in der Wass die Handlung des Romans vorantreibt, ist schnörkellos und direkt; wenn er seine Heimat, die Berge, Täler, Wälder, Höhlen oder das Wetter beschreibt, wird er poetisch und findet zu nahezu biblischen Bildern. Nachdem „Adjátok vissza a hegyeimet!“ 1949 unter dem Titel „Gebt mir meine Berge wieder“ im Zürcher Thomas-Verlag herauskam, war es für Jahrzehnte nicht mehr auf Deutsch lieferbar – seit 2023 gibt es nun eine Neuauflage in neuer Übersetzung. Dass diese im Verlag Antaios erscheint, ist für mich ein Beleg für die Komplexität der Welt – ich bin wirklich froh, seit 1989/90 in einem Land zu leben, in dem so etwas möglich ist. Das Buch wird bei mir seinen angemessenen Platz bekommen – mein Bücheregal ist maximal ambiguitätstolerant.

Am Mittwoch fragt mich jemand aus der Rückengruppe vor meiner Hathayoga-Stunde, was ich am „Vatertag“ mache. Ich antworte, dass ich das noch nicht genau sagen kann, aber auf jeden Fall an Christi Himmelfahrt ein paar Requieme hören werde. Alle denken, ich scherze. Am Donnerstag lege ich um halb fünf La Chapella Royale und das Ensemble Organum mit Palestrinas „Missa Viri Galilaei“ ein – die Messe wurde von ihm eigens für diesen Feiertag komponiert. Es folgen Bach-Kantaten mit dem Thomanerchor, Ludwig Güttler und dem Neuen Bachischen Collegium Musicum Leipzig – ein Eterna-Exportschlager aus dem Jahr 1984. Nach dem Frühstück geht es an den See: 8 Grad und Regen; kaum Menschen unterwegs. Denen, die einem über den Weg laufen, wünscht man einen „Guten Morgen!“

Kurz nachdem ich in meiner Stammbucht bin, treffen die beiden Sachsen ein. Auch sie haben ein System entwickelt, durch das ihre Kleidung am Ufer halbwegs trocken bleibt, während sie schwimmen.

Die kleine Stockentenfamilie kommt in die Bucht. Jetzt sind nur noch vier der Jungen am Leben. Dafür ist diesmal ein Erpel dabei. Er wird von einem Küken sowie einem Blässhuhn immer wieder weggejagt. Die Sachsen berichten, dass sie gestern aus dem Schilfgürtel, wo sowohl ein Blässrallen- als auch ein Haubentaucherpärchen nicht einmal einen Meter voneinander entfernt brüten, ein Piepsen gehört haben – vielleicht ist dort Nachwuchs geschlüpft. Leben und Tod.

