Christoph Sanders, Thalheim

Der Montag ein weiterer sagenhaft mildsonniger Tag, der in kleinen rosa Wölkchen verpufft. Die Pfingstrosen haben sich verdoppelt und warten auf ihren großen Tag. Ich transplantierte sie vor zwei Jahren, ein Ableger ist immer noch am alten Platz – gut! Ich komme wieder zu Kräften, es fühlt sich fast an wie früher, da ich den Körper an die neue, spezielle Position gewöhnt habe. Im Städtchen treffe ich meinen alten Mechaniker wieder, der zunehmend abbaut: Diabetes Typ 2, Neuropathie, Hämatome an Händen und Beinen, ausgefallene Zähne – die Spuren eines ungesunden Lebens. Er ist nur fünf oder sechs Jahre älter als ich – immerhin blieb ihm bislang der Rollator erspart. Er freut sich wie ich über das Wiedersehen; wir sprechen unter anderem über seinen Gefährten, die Schildkröte. Mein Sohn, der gestern auf Echtrasen ein Punktspiel hatte, macht Abendyoga – er war bei einem Kopfballduell zu Fall gekommen, leidet seitdem unter Muskelschmerzen und will jetzt Wettkampfhärte trainieren.

Der Dienstagmorgen mit strahlender Sonne, kein Regen in Sicht. Die Wäsche ist fertig und das weiße Konfettibike steht bereit – nach der ersten längeren Fahrt musste das Hinterrad neu justiert werden; der Sattel ist eingefettet und gewachst. Wieder zuhause weiter in Peter Scholl-Latours Buch „Afrikanische Totenklage“, in dem er geschickt seine ersten Afrika-Berichte mit neueren Reportagen montierte. Bereits um die Jahrtausendwende geht es in allen Landesteilen des Kongo ganz klar um die internationale Ausbeutung von Metallen und Erden; Kupfer, Coltan und Kobalt werden explizit benannt. Gold und Diamanten sind weitere Gründe, die das Land in einen bis heute schwelenden Krieg von Banden, Stämmen und Nachbarstaaten hineinziehen. Die Zahl der Akteure ist unüberschaubar und erinnert ein wenig an das europäische Mittelalter mit seinen Raubrittern, Fürstentümern, Stadtstaaten und Kriegen – das Grauen ist mit unseren Maßstäben nicht zu erfassen. Die globale Nachfrage nach den Rohstoffen hat sich seit dem Jahr 2000 noch einmal drastisch gesteigert – alle Großmächte wahren ihre Interessen durch direkten und indirekten Einfluss: über Kredite und Infrastrukturprojekte, von außen eingesetzte Bergbaukonzerne, einseitige Förderrechte, durch politische Netzwerke, Kooperationen mit lokalen Machteliten, dem Militär und Milizen. An konsumistischen Gesellschafften wie der unseren ist bezeichnend, dass sich kaum jemand für die Herkunft oder Förderbedingungen der Grundstoffe der alltäglichen Produkte interessiert und die Hirne mit so etwas wie der Wahl zwischen Nike oder Adidas, Mercedes oder Audi, Knoppers oder Mars besetzt sind – da ist es gut, öfter mal an das „Heart of Darkness“ zu erinnern.

Auch am Mittwoch die hiesige Botanik im Aufwind. Dank UV-Terror bei frischem Ostwind ist jede Wäsche in Minutenschnelle trocken. Exzellente Fänge aus der Bücherverschenktelefonzelle, unter anderem eine dtv-Übernahme der Volk-und-Welt-Ausgabe von James Coopers „Wildtöter“ mit Illustrationen von Klaus Ensikat – die DDR gab sich bei der Gestaltung der Kinder- und Jugendbücher viel Mühe; klug vom dtv, das ins Westprogramm zu hieven. dtv junior war generell eine sehr gut gemachte Serie ganz unterschiedlicher Autoren – mein Grundschullehrer schenkte mir daraus (ohne einen Kommentar) Hans-Peter Richters „Damals war es Friedrich“. Nach dem Lesen wusste ich, dass es mehr gibt als das, was man so auf der Provinzstraße oder beim Fleischer erzählt – ich bekam eine Ahnung von der Doppelbödigkeit, der Vielschichtigkeit und dem Reichtum der Welt. Gewisse Bücher bewahre ich wie Denkmäler auf.

Eine andere Perle aus der Telefonzelle schließt an Scholl-Lator an: Alain Mabanckous „Verre cassé“ (2005) – ein Roman über einen alkoholsüchtigen Ex-Lehrer, der den ganzen Tag in einer Kneipe in Brazzaville hockt und für den Wirt die Lebensgeschichte der Gäste aufschreiben soll. Was die schwarzen Trinkbrüder dort an politisch unkorrektem Stoff raushauen, verlässt spätestens beim Thema Geschlechterverhältnis den Rahmen des Schicklichen – es gibt in beide Richtungen Gewalttätigkeit, Schmähungen, Verwünschungen, Flüche, maximale Verehrung und Erniedringung. Als „Banania“ (in Anlehnung an eine klischeehafte Kakaopulver-Werbung aus der Kolonialzeit) wird ein überangepasster Landsmann bezeichnet, als „Nègre“ allgemein ein Opfer. Ein beißende Gesellschaftssatire über Raffgier, Rollenbilder, Bildungsfeindlichkeit, Betrüger, Fetischeure und bittere Armut. Es kommt nicht ein einziger politisch korrekter Mensch vor, weder Mann noch Frau; die Sprache ist phänomenal, der Inhalt tragisch. Das hat mit den wohltemperierten, moderierten, psychodomestizierten Mainstreamumgebungen unserer Diät-Magerquark-Gesellschaft rein gar nichts gemein und zeigt, in was für einer lauen Bandbreite sich die hiesigen Erzählstoffe bewegen.

Am Donnerstag bei steifer Brise und fantastischem Licht ein kurzer Ausflug auf die Strecke neben den Bahngleisen: gleichmäßiges Treten, ruhiges Atmen. Ab 12 Uhr Hektik in den Märkten – der „Tag der Arbeit“ steht leuchtend vor der Tür, die ersten Paraden auf dem Roten Platz sind schon einstudiert. Im Netto, der am Wochenende abgerissen wird, sind weitere Lücken zu sehen. Was machen die mit der Frischware, die übrig bleibt? Auf andere Märkte verteilen? Vermutlich wäre radikales Rabattieren („Alles muss raus!“ würde dann wirklich mal stimmen) die bessere Option, aber das würde nur zu Volksaufläufen und Beschwerden von Wettbewerbern führen. Die ganze Woche ohne einen Tropfen Regen, in der davor auch schon. Natürlich im Radio kein Wort dazu, vor einem langen Wochenende verkaufen die Sender lieber Sonne, Freizeit, Grillen und gute Laune.

1. Mai – der Tag des Kampfes um die Zapfsäule. Alle warten auf den Rabatt. Strahlende Sonne; noch milder als in den letzten Tagen. Der Garten ist auffällig ruhig: Tauben, Spatzen und vereinzelt Amseln. Mehlschwalben mit weißen Bäuchen drehen erste Runden. Gestern hielt ich einen Mauersegler zunächst für eine Schwalbe – aber sein Flug ist unruhiger, das Federkleid bräunlich (die Sonne hat ihn verraten), das der Rauchschwalbe bläulich. Somit ist das Trio der Sommerjäger komplett. Der Flieder steht in allervollster Blüte, die Johannisbeersträucher sind bestäubt, der vordere Strauch zeigt bereits Früchte – die Natur funktioniert. Passend dazu Schumanns „Rheinische“, dirigiert von David Zinman. Da der Sohn noch schläft, Wanderung mit dem Teenie, Fernglas inklusive. Mit dem Sohn dann eine kleine Abendrunde, nachdem er virtuell die NBA gewonnen hat.

Deutsche Ausgabe von Alain Mabanckous Roman „Verre cassé“: https://www.deutschlandfunk.de/ein-buch-ueber-die-literatur-100.html
