Frank Schott, Leipzig
Am Donnerstagmorgen werde ich wieder daran erinnert, warum ich kein Rennrad mehr fahre: Aus der Abfahrt der Bundesstraße 2 schießt von links ein goldgelber VW Golf, ohne auf die Vorfahrt, den Radstreifen oder mich zu achten. Ich ziehe sofort die Bremshebel und komme etwa zehn Zentimeter vor seinem Kotflügel zum Stehen. Der Fahrer hat zwar ebenfalls gebremst – mit den rein mechanischen Bremsen am Rennrad hätte er mich jedoch seitlich komplett erfasst, was die jetzigen hydraulischen Scheibenbremsen gerade noch verhinderten. Aus Stress, Angst und Erleichterung schreie ich Richtung Auto – für die Wortwahl hätte der Bundeskanzler wohl die Staatsanwaltschaft bemüht. Der Fahrer stachelt meine Wut weiter an, indem er achselzuckend ruft: „Auch Radfahrer müssen aufpassen!“ Voller Adrenalin brülle ich zurück: „Du blödes …“ – aber den Rest hört er schon nicht mehr, da er weitergefahren ist. Schließlich ist ja nichts passiert.

Nach dem Mittag fahre ich mit meiner Frau nach Magdeburg. Es ist die erste von zwei Städtereisen, die wir jedes Jahr an einem der verlängerten Wochenenden unternehmen. Das Hotel liegt fünfzehn Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt in einer gemütlichen, zweigeteilten Straße voller Gründerzeithäuser; in der Mitte fließt ein Bach, der rechts und links von parkähnlichen Streifen mit Bäumen, Sitzbänken und kleinen Spielplätzen gesäumt ist. Wie das so ist, wenn Menschen alles besitzen, aber ihren Glauben und das Vertrauen verloren haben, finden sich allein auf der Südseite der Straße fünf psychotherapeutische Praxen. Mindestens. Am Ende der Straße steht eine Kirche, deren Glockenspiel zuverlässig jede Viertelstunde schlägt.

Die Innenstadt ist ein dem Krieg geschuldeter, realsozialistischer, betonklotziger Albtraum aus Stalinallee und nachwendischen Büro- und Einkaufszentren. Ein Farbtupfer ist die Grüne Zitadelle, die genau genommen pink ist. „Grün“ wird sie wegen der Bepflanzung an den Seiten und auf den Dächern genannt. Die Zitadelle ist das letzte von Friedensreich Hundertwasser entworfene Gebäude. Er hat die Planung des Komplexes aus Wohnungen, Läden, Kindergarten, zwei Innenhöfen und Hotel noch selbst abgeschlossen; errichtet wurde der farbenfrohe, ökologische Bau erst nach seinem Tod. Hundertwasser hatte sich einige Besonderheiten ausbedungen, unter anderem das „Fensterrecht“: Die Mieter dürfen, soweit Arm und Pinsel reichen, die Fassade um ihre jeweiligen Fenster herum selbst gestalten.

Daneben ist Magdeburg alt – richtig alt. Die Innenstadt steckt voller imposanter Kirchenbauten, von denen der Dom der größte ist. Um diesen zu betreten, muss man durch einen unscheinbaren Nebeneingang schleichen. (Warum sind eigentlich bei so vielen Kirchen die schmuckvollen Eingangsportale verschlossen?)


Der Dom wurde ab 1209 als Kathedrale gebaut, 1363 geweiht und erst im Jahr 1520 fertiggestellt. Da besteht ja noch Hoffnung für den Bau des Stuttgarter Bahnhofs – zumal dieser nicht einmal geweiht werden muss. (Für die Entweihung werden dann Schmierfinken und Vandalen sorgen.) Der Magdeburger Dom ist die Grabkirche des ersten deutschen Kaisers Otto des Großen und seiner Gemahlin Editha. Während Edithas Grabmal zu besichtigen ist, ist das Ottos wegen einer Sanierung derzeit abgesperrt. Wegen der anstehenden Konservierung wurde der Sarg 2025 geöffnet; dabei fand man ein wegen der vielen Umbettungen stark durcheinandergeratenes Skelett, bei dem es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Überreste des Kaisers handelt.

Interessanter als die alten Knochen der Kaisersfamilie ist das Magdeburger Ehrenmal. Noch bevor wir den Begleittext gelesen haben, sind meine Frau und ich uns einig, dass die Holzskulptur von Ernst Barlach stammt, dessen Stil unverkennbar ist.

Ebenso beeindruckend wie die Antikriegsskulptur Barlachs ist eine Vorhalle, die den phantasievollen Namen Paradies trägt. Blickt man Richtung der doppelflügigen Tür zurück zum Inneren des Doms, sieht man zwei Figurenreihen, die an Engel erinnern – die auf der linken Seite kichern blöde, die zur rechten weinen Krokodilstränen. Die Gestalten wirken so lebensecht, dass ich kaum glauben mag, dass sie bereits um das Jahr 1250 entstanden sind. Ich freue mich über den Humor der alten Auftraggeber, erkenne dann aber, dass es sich doch nicht um Engelsflügel, sondern vielmehr um lange Gewänder handelt. Eine Tafel verrät, dass die Arbeit Jesu Gleichnis von den fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen darstellt. Wie der Künstler heißt, der das erschaffen hat, ist leider nicht überliefert.


Nach dem Besuch des Doms wandeln wir entlang der liebevoll rekonstruierten Festungsanlagen. Auch solche gewaltigen, ausgeklügelten, mehrstufigen Bastionen konnten Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg nicht schützen: Im Mai 1631 wurde die Stadt durch Truppen der Katholischen Liga unter Feldherr Tilly erobert und verwüstet. Zwei Drittel der Einwohner, man schätzt 20.000, sollen den Tod gefunden haben – die „ketzerischen“, weil protestantischen, Magdeburger galten als Erzfeind, der keinerlei Rücksicht verdiente. Hinzu kam, dass sich die Landsknechte durch Plünderungen versorgten und daraus auch ihren Sold bestritten. Und wie so oft mussten die Geschädigten zu allem Unglück auch noch die Häme der Sieger ertragen: Wenige Wochen nach der Eroberung verfasste Papst Urban VIII. ein Schreiben, in dem er seine Freude über die „Vernichtung des Ketzernestes“ zum Ausdruck brachte.


Die Festungsanlagen vermochten zwar Tillys Heer nicht aufzuhalten – uns dagegen schon: Eine Kuhle im alten, abschüssigen Pflaster lässt meine Frau straucheln, der Fuß knickt um, der Knöchel schwillt sofort an. Aus einer Apotheke holen wir Traumeel, Verbandszeug und Kühlpacks, die sich durch Knicken aktivieren lassen. Trotz der Linderung ist klar: Wenn wir den Kurzurlaub nicht abbrechen wollen, muss meine Frau den morgigen Tag mit hochgelagertem Fuß im Hotel verbringen und ich die geplante Parkrunde allein absolvieren.

