
Wie der Monat schon losgeht! Ab Freitag schlotzt uns der Sommer einen frühen Gruß in die Stadt – die Lufttemperatur steigt auf 28 und die Wassertemperatur im Schlachtensee auf 14 Grad. Blassbeinige Piepel singen kollektiv: „I scream. You scream. We all scream: ICE CREME!!!!“ und füllen für lau ihren Vitamin-D-Spiegel auf. Am 1. Mai höre ich im Wäldchen nördlich des Schlachtensees meinen ersten Kuckuck des Jahres und erspähe sogar einen Buntspecht – in der Regel sind die dort so gut getarnt, dass man sie nur klopfen hört.

Auf der Hinfahrt zum See stolpert in Charlottenburg ein Betrunkener aus der S-Bahn, reckt zum Abschied seine Bierflasche in Richtung Fahrerkabine, um dann lauthals „Always the Sun“ von den Stranglers singend über den Bahnsteig zu torkeln. Eine Bahn später steigt auf dem Gleis gegenüber eine ebenso betrunkene Frau mit Bierpulle aus, wankt auf mich zu, stoppt, pendelt sich einen Meter vor mir in aller in Seelenruhe aus und stellt mir, nachdem sie irgendetwas über meinem Kopf angepeilt hat, das kurz vor der tschechischen Grenze liegen muss, die Frage: „Wie geht Prüddü Wummen weida?“ Icke: „Walking down the street.“ Sie: „Gnau!!!! Unn sie muss cool sein unn er muss cool sein.“ Wer würde dem widersprechen. Dirigentengeste mit Flasche, Abgang. Da wusste ich, dass das ein guter Tag wird.

Am See treffe ich mal wieder auf den älteren Herrn, der immer so tut, als würde er frieren, wenn er mich sieht. Da er noch außer Hörweite ist, zeigt er mit kreisendem Finger, dass die Schwalben in der Bucht Achten um einen Baum fliegen, was sie sonst nie tun. Ich nicke und zeichne die Bahnen ebenfalls in die Luft – wir Seegeher verstehen uns notfalls auch ohne Worte. Als er bei mir unten ist, erzählt er, dass er jeden Morgen seine Runde geht, eine Gewohnheit noch aus der Zeit, als er einen Hund hatte, der nun auch schon dreizehn Jahre tot ist. Wo ich bade, sieht man Schwalben eigentlich nur kurz bevor es regnet; ab und an bleibe ich aber an einer Stelle stehen, an der man sie auch bei blauem Himmel bewundern kann.

Kurz nach meiner kleinen Schwimmrunde kommen zwei vielleicht fünfzehnjährige Hormonteufel in die Bucht, um dort zu angeln. Ich sage ihnen, dass es dafür bessere Stellen gibt, zum Beispiel am Schildkrötenbaum, und beschreibe die Karpfen und Hechte. Als ich ihnen noch Fotos von Letzteren zeige, sind sie aufgekratzter als die Pickel ihrer Klassenkameraden, die unter Akne vulgaris leiden. Als ich ergänze, dass die Hechte auf Rotfedern gehen, stehen sie kurz vor einer Ohnmacht, da sie genau diese heute als Gummiköder dabeihaben. Wenn deren Sportlehrer hätte sehen können wie sie hernach den Uferweg entlangwetzen, würde er vor Freude weinen.

Auf dem Rückweg komme ich am Kieler und dessen Freundin vorbei, die sich gerade abtrocknend das Wasser aus den Ohren schütteln. Ich wünsche ihnen einen schönen Internationalen Kampf- und Feiertag der Werktätigen. Er kiekt etwas irritiert, sie lacht und meint: „Na, zum Glück müssen wir heutzutage nicht mehr marschieren.“ Sieh an, ein Ost-West-Pärchen. Sympathische Leute – wir bleiben immer mal für einen Plausch stehen. Am Tag zuvor unterhielt ich mich mit ihm über das fantastische Licht im See und sagte: „Man könnte hier glatt verrückt werden vor Freude.“ Darauf er: „Ver-rückt sind wir woanders, hier kommen wir wieder ins Lot.“ Word up, Bro!

Am Sonntag ist eine Frau so begeistert vom Anbaden, dass sie sogleich ein zweites Mal ins Wasser geht. Eine andere folgt spontan – aber nur bis zu den Knien. Am Montag komme ich mit einer älteren Ruhrpottlerin ins Gespräch, die mal als DaF-Lehrerin im Moabiter Knast gearbeitet hat. Sie erzählt ein paar Erste-Hand-Storys übers Autoklaubestellsystem litauischer Banden – ich rede ausgesprochen gern mit Leuten, die etwas über Untergrundökonomien wissen. Dazu passt der taz-Artikel über die „Birkenstube“, eine Einrichtung am Ende meiner Straße, in der Süchtige unter Aufsicht mitgebrachte Drogen konsumieren können. Da sich Fentanyl, das allein in den USA bereits hunderttausende Todesopfer gefordert hat, auch in Europa etabliert, können User dort nun ihr Heroin auf Verunreinigungen mit dem synthetischen Opioid testen lassen und werden außerdem in den Umgang mit dem Gegenmittel Naloxon eingewiesen. Vielleicht kann Deutschland so die Fehler anderer Länder noch vermeiden.

Mit dem neuen Monat ist auch der erste Buchtnachwuchs der Saison zu vermelden: handgezählte neun Stockentenküken. Willkommen! (Die Familien Haubentaucher und Blässhuhn brüten nach wie vor vorbildlich friedlich nebeneinander im Schilf.) Außerdem sehe ich einem Kormoran beim Auf- und Abtauchen zu und spüre ganz zart das Luftwischen eines knapp über mir losfliegenden Graureihers.

Am Montag kühlt es sich wieder auf 22 Grad Celsius Lufttemperatur ab. Tolle Wolkenformationen und Himmelsfarben; leider kein Regen.

Sophie Fichtners Artikel über Fentanyl in Deutschland: taz.de/Fentanyl-in-Deutschland-Kann-man-sich-auf-die-Verbreitung-vorbereiten/!6173635
