Frank Schott, Leipzig
Ich nehme einen kleinen Umweg, um im Clara-Zetkin-Park das Viktorianische Picknick zu erleben. Zwar gehört es nicht zum offiziellen Programm des alljährlich zu Pfingsten stattfindenden Wave-Gotik-Treffens, doch hat es sich längst zu dessen heimlichem Höhepunkt gemausert. Da ich mir als aktiver Teilnehmer wie ein Fremdkörper vorkäme, bleibe ich Zaungast und schleiche nur ein wenig drumherum.

Aus dem ganzen Land reisen an diesem Wochenende Menschen nach Leipzig. Ihre Kleidung und Outfits zeugen von der Liebe, Zeit und dem Geld, die in sie investiert wurden. Im Gegensatz zum Fasching, bei dem vielen der Plunder aus Fernost als Partykostüm genügt, sind hier fast alle ausgesprochen stilvoll gekleidet. Dabei gibt es kein Alterslimit: Kleine Kinder sind ebenso vertreten wie pensionierte Herrschaften. Gerade ältere Paare überraschen mit der Qualität und dem Detailreichtum ihrer Aufmachungen, die von der namensgebenden viktorianischen Epoche über Fantasywelten bis hin zum Steampunk reichen.
Ich habe das Gefühl, dass in unserem Zeitalter des Schlabberlooks schon das sorgfältige Herrichten der Gewänder und das Sich-Herausputzen für die meisten zur intrinsischen Belohnung werden.

Fester Bestandteil dieses Lebensgefühls ist das Schreiten. Obwohl der inoffiziell-offizielle Start erst um 15 Uhr ist, ist einigen, die bereits eine Stunde früher ankommen, leichte Panik anzumerken, weil viele Rasenstücke oder üppig blühende Plätze schon besetzt sind – trotzdem wandelt man geruhsam durch den Park. Hat man ein freies Fleckchen gefunden, breitet man auf Tischen und Decken die mitgebrachten Speisen aus. Da das Wetter mitspielt, zelebrieren die Ersten das Picknick sicher schon seit einigen Stunden. Schwerer Patschuliduft liegt in der Luft und überlagert selbst den der Blüten.

Das Festival gibt es, mit einer zweijährigen Corona-Unterbrechung, seit 1992. Im Mittelpunkt stehen die Konzerte. Für dieses Jahr sind mehr als zweihundert Auftritte angekündigt; zu den bekanntesten Acts zählen der Achtziger-Jahre-Star Kim Wilde und die Band Einstürzende Neubauten. Spielorte sind neben dem ehemaligen AGRA-Messegelände auch Kirchen, Friedhöfe und das Heidnische Dorf am Torhaus Dölitz.

Ich erinnere mich, als vor einigen Jahren das Wave-Gotik-Treffen und das Deutsche Turnfest gleichzeitig stattfanden. Die Sportler kampierten in Schulen und Turnhallen, die Hotels waren von den Festivalgästen belegt. Wenn in der Straßenbahn Gymnastinnen in bayerischer Tracht auf Vertreter der schwarzen Zunft trafen, war das ein wahrer „Clash of Cultures“ – beide Seiten beäugten und fotografierten einander mit großen Augen und staunender Miene.

Nicht überall sind in diesem Jahr Schreiten und Flanieren möglich – so ist beispielsweise der Platz vor dem Alten Rathaus abgesperrt, da hier ab Montag das Fußballfanfest zum Conference-League-Finale stattfindet. Mit Bühnenprogramm, Kleinfeldturnier und Mitmach-Aktionen wird auf das Endspiel zwischen Crystal Palace und Rayo Vallecano am Mittwochabend in der Red Bull Arena eingestimmt.

Ich nutze den Samstagmorgen für einen Parklauf. Schon um 8 Uhr liegt die aufkommende Wärme in der Luft, doch unter den Bäumen bleibt es angenehm kühl. Die Festivalgäste sitzen vermutlich noch beim Frühstück oder feilen an ihrer Garderobe. Erstaunlich wenige Jogger sind unterwegs. Erst gegen 9 Uhr, als ich die Runde beende, füllen sich die Wege: Überall knirscht Sand unter Turnschuhen, begleitet von keuchendem Atem.
