Frank Schott, Leipzig
Ein Tag Parchimer Kleinstadtidyll zur Erholung. Meine Eltern (alt sind sie geworden) versuchen mich zu mästen: Frühstück, Mittagessen, Kuchen und Abendessen … „Vielleicht noch etwas Süßes?“

Ich bin den ganzen Tag zu Fuß unterwegs, treffe geplant und ungeplant alte Bekannte und besichtige drei Ausstellungen. Eine in der St. Georgenkirche, die zweite in St. Marien, wo Bilder von Kurt Röhl, meinem Kunstlehrer aus der Oberschule, gezeigt werden, während die dritte in der Langen Straße just in dem Moment abgebaut wird, als ich vorbeikomme. Der Künstler, seine Frau und ein paar Helfer verstauen die Werke in großen Kisten aus Sperrholz. Ich habe nur noch einen kurzen Moment, aber was ich sehe, beeindruckt mich.

Am Nachmittag ein kurzer Bummel mit den Eltern zum Kaufland. Zweimal halten wir für ein Schwätzchen. Ich werde vorgestellt: „Er ist mit dem Fahrrad von Leipzig hergekommen. In zwei Tagen!“ – „Mit dem E-Bike?“ – „Nein, mit Muskelkraft“, sage ich. „Na, du bist ja auch noch jung“, kommt es von den betagten Rentnern.

Bei einem der Spaziergänge sehe ich in dem in Erschließung begriffenen Wohngebiet in der Regimentsvorstadt ungewöhnliche Blüten in der prallen Sonne. Offensichtlich keine Pflanzen, die es im Baumarkt gibt, sondern der lilafarbene Gewöhnliche Natterkopf und die goldene Nachtkerze – Wildblumen, die perfekt angepasst sind an diesen trockenen und sonnigen Standort.

Überhaupt gibt es viel zu entdecken: Der frühere Gemüseladen, wo zwei Ecken weiter zur DDR-Zeit meine Oma gewohnt hatte, beherbergt jetzt ein Lädchen für aufbereitete alte Möbelstücke und Selbstgemachtes. Die Inhaberin stammt ursprünglich aus Berlin und möchte nicht mehr aus der Kleinstadt weg. Sie hatte vor etwa zwanzig Jahren die Wahl zwischen Parchim und Ludwigslust und entschied sich wegen des „Annopoll“, einer Musikkneipe, die leider schon viele Jahre geschlossen ist, für meine alte Heimatstadt. „Das ist sicher mehr Hobby, als dass man davon leben kann?“, frage ich. „Ich versuche schon, davon zu leben“, antwortet die vielleicht Sechzigjährige. Es sei nicht einfach, aber langsam würde sich ihr Geschäft herumsprechen. Ihr früherer Laden in der langen Einkaufsstraße lief seinerzeit gar nicht: „Corona hat viel kaputt gemacht.“ Corona, immer wieder Corona. Ich überlege, etwas zu kaufen, doch ich bin ja wegen des Rads mit schmalem Gepäck unterwegs. „Wenn ich mit dem Auto und meiner Frau hier wäre, hätten wir bestimmt etwas gekauft“, sage ich. „Dann kommen Sie doch das nächste Mal mit Ihrer Frau vorbei.“ – „Das werde ich machen.“

Bereits am Vormittag überraschte mich die Stadt: In einer öffentlichen Bücherverschenkbox steht genau auf Augenhöhe „Haben oder Sein“, ein Büchlein von Erich Fromm. Exakt dieses hatte mir, bekräftigt durch den Therapeuten, eine Leidensgefährtin aus der Selbsthilfegruppe empfohlen, als ich am Montag über meine innere Zerrissenheit und Frustration sprach. Jetzt reist das Buch mit mir nach Leipzig.

Am Nachmittag zwei weitere Überraschungen: Vom Schuhmarkt her erklingt Blasmusik. Vor der ehemaligen Hauptpost stehen die rund zwanzig Mitglieder der Sächsischen Posaunenmission. Bei „Mein kleiner grüner Kaktus“ singen Kinder mit. Eine Frau mit dunklem Rock und weißer Bluse, offenbar eine städtische Angestellte, hat ein Handy am Ohr. „Weiß das schon der Bürgermeister? Das muss der Bürgermeister wissen.“ Ihr Nachbar weiß Bescheid und beruhigt sie: „Die geben hier Konzerte. Heute in Damm und Samstag bei uns in der Georgenkirche.“ Und dann gibt es als Schmankerl für die älteren Semester gleich darauf die Titelmelodie der Olsenbande-Filme.

Ich ziehe weiter und werde in einem Eisladen erneut überrascht: Der südländische Verkäufer, dem man seinen Akzent noch anhört, wechselt mühelos vom Deutschen ins Russische, als eine Familie Schwierigkeiten mit der Bestellung hat. Vielleicht haben die Kleinstädte doch einen ganz eigenen Charme? Oder wie die Ladeninhaberin sagte: Sie könne sich nicht vorstellen, wie man freiwillig aus einer Kleinstadt in eine Großstadt ziehen könne.

Am Abend plane ich die erste Etappe der Rücktour: Ich will am Freitag über Wittenberge zum Elberadweg und dann nach Tangermünde radeln – einzige Bedingung: Es geht nicht wieder über die Ruhner Berge.
