Christoph Sanders, Thalheim
Am Montag schwüle Wärme bis 30 Grad mit Ost-Südost-Wind. Ein idealer Tag, um viele Waschmaschinenladungen schnell trocknen zu bekommen. Die Kids gehen schwimmen; ich setze mich aufs Rad – weitere Vorbereitungen auf die 200-Kilometer-Tour am Samstag. Die Verschenktelefonzelle in Westerburg ist mit einem Vorhängeschloß verriegelt – ich verteilte meine Bücher an Bushaltestellen mit Dach. In den Dörfern beginnt es, streng aus der Kanalisation zu riechen. Es regnet halt zu wenig. Wolkenbildung auf der (für uns) falschen Seite.

Unser Teenie wird erstmals allein mit dem ICE nach Lübeck und von dort nach Le Mans fahren – Eltern sehen Kinder groß werden. Mit ihr über ein Gastgeschenk gesprochen, das sie an ihre ehemalige Austauschschule mitnehmen könnte – vielleicht die Deutschland-Trikots von TEDi? Gegen 21:30 Uhr den Fledermäusen nachgeschaut – es gibt eine kleine und eine größere Art. Im Flugbild wirken die Schwingen fast so spitz wie die der Schwalben, deren Jagd nach Insekten sie in der Nacht fortsetzen.

Der Dienstag heiß und windig. Nach einem Kurzeinsatz am Hochrasen, wo ich neugesäte, nachwachende Büsche runtermähte, zur Post und Zutaten für die Bolognese besorgen. Vor mir an der Supermarktkasse zwei stark übergewichtige Kundinnen, wobei die Tochter nochmal vierzig Kilo mehr drauf hatte als die Mutter. Die Kassiererein erzählt ihnen von einem Verehrer: „Er hat wieder angerufen. War hackedicht. Weißte, so: ‚Hey Süße lass uns doch nochmal Liebe machen.“ Verdrehte Augen. Die Tochter kauft Extra-Power-Zigaretten. Wunderbare Tour-de-France-Etappe in der Auvergne, im Cantal genaugenommen, der für seinen würzigen, im Alter brüchigen Hartkäse berühmt ist. Das ist der wahre Reichtum. Ich habe am Abend null Mitleid mit den Bleus gegen Spanien – bei der ersten Belastungsprobe zerfällt alles; vor allem in der Rückwärtsbewegung agiert die Mannschaft teilweise erbärmlich. Der spanische Torhüter ist zu loben. Gruselige Stimmung im Stadion – die teuren Plätze locken Selbstdarsteller und Firmenkunden an. Ein Spiel zum Vergessen. England gegen Norwegen wird im Gedächtnis bleiben.

Am Mittwoch warm und frisch windig von Nordost – ein angenehmer, schöner Hochsommer. Im Radio wird zwischen Klimakatastrophe und Wehrtüchtigkeit oszilliert. Im Ahrtal haben sie nicht einmal Geld für Rückhaltebecken bewilligt – anderswo auch nicht, fürchte ich. Der Münchener Bürgermeister verordnet einen „sparsamerem Umgang“ mit Wasser – gewerbliche Waschanlagen für Autos sind davon aber ausdrücklich ausgenommen. Ich nutze die Wettergunst des Tages und fahre nach Koblenz – mein Wasser-Kefir-Verbrauch liegt bei drei Litern.

Ich bin fünf Stunden bei leichtem Südostwind und 30 Grad unterwegs. Ab der Stufe zum Rhein ist es 3 Grad wärmer. Der Strom ist noch immer befahrbar; Wasserstand in etwa wie beim Dürresommer letztes Jahr, allerdings einen Monat früher. In einem Netto, dessen Klimatisierung defekt ist, laufen Notaggregate, die mir einene Schwall warmer Luft senden. Das Obst und Gemüse wird der Markt am Abend verklappen dürfen, was sie mit der geschmolzenen Billigschokolade machen, weiß ich nicht. Auch hier wieder stark Übergewichtige: Der junge Vater mit Ballonbauch unter einem wehrtüchtigen grünen T-Shirt, seine Frau im geblümten Zelt; die beiden Kinder schlank. Auf der Strecke, die ch sonst nur am Wochenende befahre, erheblich mehr Verkehr – manch PKW schwappt von der Autobahn rüber – wenn sich ein Stau bildet, zeigt der Navigator eine Alternativroute an. Dazu kommt die Ferienzeit und die zunehmende Anzahl der Vorruheständler, die unterwegs sind. Unter Jugendlichen hat sich der Elektroscooter als erstes Motorfahrzeug etabliert. Dort, wo die Innenstädte ausbluten, entstehen und wachsen Alternativkulturen Ransbach-Baumbach hat inzwischen beispielsweise zwei türkische Supermärkte samt angeschlossenen Dienstleistern wie Barbier, Schneider sowie Dönerbude. Bendorf wird dasselbe versuchen, hat aber durch eine Kauflandzone, andere Probleme. Die Schaufenster der alten Bürgerhäuser sind mit Folie überklebt, auf denen KI-generiert und -illustriert „Ideen für eine bessere Stadt“. Am nördlichen Stadtrand von Höhr-Grenzhausen versuchen seit 2023 die „Westerwald Arkaden“ Kundschaft anzulocken. Ich sehe nur wenig Rad-Genossen. Aus einem Daimler Double Six höre ich aufmunternde Worte eines Co-Boomers. Überall gestapelte Strohrollen – die Straßenränder duften. Es wurden in diesem Jahr viele Ölsaaten angebaut – der Raps ist jetzt reif, man hört das Gebläse der Mähdrescher weit übers Land. Es wird eine gute Ernte.

Vor dem Spiel ein Abendspaziergang (im England-Poloshirt!) mit der Jüngsten und drei Hündchen aus der Nachbarschaft – wie wundervoll das meine Tochter macht. Die Terrier stürmen über den Feldweg, wirbeln kleine Staubwolken auf, schwärmen links und rechts in die Wiesen. Das weiche Licht auf der Landschaft ist ein großer Genuss. Dann England gegen Argentinien. Als Messi nicht mehr so eng geführt wurde, kam leider der Druck. Waren die Engländer zu erschöpft, um eine andere Taktik zu wagen? Man wird hadern, ob die Option Sicherheit statt frischer Stürmer die bessere gewesen ist. Schnee von gestern …

Donnerstag, 10 Uhr. Grüner Chun Mee erfrischt meinen müden Körper. Die Hitze zehrt bereits wieder, aber für die Fahrt am Samstag fühle ich mich bereit. Der Kindergarten ist lang schon munter – allmählich könnten meine zwei Großkinder aus ihren Zimmern auftauchen. Gestern auf der Rückfahrt aus der Büchertelefonzelle Gerald Großes Fotoband über Halle-Neustadt, die „Stadt der Zukunft“, von 1971 mitgenommen. Das Alte war dräuend und düster und wurde abgerissen. Wer da noch die DDR-Hymne singt, hat viel Ironie. Unter den ersten Meldungen des Tages: Mit Hilfe einer Leihmutter darf Jens Spahn sich nun „Vater“ nennen – mich würden mal die Zahlen zu diesem lukrativen, grauen Fleischmarkt interessieren. Und aus der FAZ: Die Zahl der deutschen Babyboomer in Altersrente ist nun auf rund 6 Millionen gestiegen. Davon beziehen 1,1 Millionen eine vorzeitige Rente. Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert in einer aktuellen Erhebung einen weiteren Anstieg, „sofern die Politik nicht regulierend einschreitet“. Diese Konstruktion einer „Alternativlosigkeit“ ist Lobby-Framing in Reinform.

Leichter Regen am Rande einer Gewitterzelle, die sich in der Nähe von Montabaur entlädt. Guter, kleiner Radausflug – Mähdrescher erzeugen eilige Staubwolken. Familiendiskussion zum Ehepaar Spahn: Wer ist von den beiden der Vater? Haben sie ihre Samenspenden gemixt? Woher kommt der Egoismus, Frauen in der Weise zu benutzen? Der Sohn fragt, ob es nicht besser wäre, wenn man ein Kind adoptiert und dadurch Not beendet. Nach dem abendlichen Salat den Teenie vom Zug abgeholt.

Nach einer angenehm frischen Nacht herrliche Brazil-Tunes von Flora Purim. Ich besorge eine Heckenschere, die auf den vorhandenen Akku passt. Seitdem es eine Art 18V-Norm gibt, sind Ladegeräte plus Akkus zum teil teurer als die Geräte – die Logik des Elektroschrotts. Ich bringe vierzig Schallplatten in die Verschenktelefonzelle. Weiter geht der Tag.
