Frank Schott, Leipzig

Es war die richtige Entscheidung, die Waldwege bei Slate zu meiden und direkt über die Landstraßen zu fahren: An diesem Ferienfreitag sind kaum Autos unterwegs, und wenn doch, werde ich mit reichlich Abstand überholt. Dennoch gibt es drei Überraschungen: Zuerst stelle ich fest, dass die Eiszeit auch hier zugeschlagen und mit dem Sonnenberg einen kräftigen Hügel aufgeschüttet hat. Aber die Straße ist asphaltiert und kein zugewachsener Feldweg – also steigen lediglich Puls und Blutdruck und nicht die Frustration. Als Nächstes folgen Hinweisschilder, wonach die Brücke über die Autobahn hinter Groß Godems gesperrt ist. Ich sage mir: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, und fahre schnurstracks darauf zu. Vielleicht kann ich mich mit dem Rad durchmogeln. Und dann die Erleichterung: Die Brücke ist intakt und die Straße frei.

Die Dörfer, durch die ich komme, sind gepflegt. Dennoch sind sämtliche Gaststätten verwaist, und auch die ehemaligen Konsum-Läden und späteren Minisupermärkte stehen leer – Besorgungsfahrten mit dem Auto und Onlineshopping haben den lokalen Einkauf ersetzt.

Dann folgt ein Schlag ins Gesicht: Die Navigations-App schickt mich doch ins Gelände. Und dieses Mal trifft die Bezeichnung Radwanderung eindeutig zu: Weil der lockere Sand ein Fahren unmöglich macht, muss ich den Großteil der Strecke schieben.

Bis Perleberg begleiten mich Nieselregen und ein grauer Himmel. Mir scheint, als radle ich einer Unwetterfront hinterher, von der ich nur noch die letzten Ausläufer erwische. Inzwischen bin ich auch wieder auf Radwegen unterwegs, die ich jedoch als Einziger befahre, lediglich ein Geräteträger der Straßenpflege, der den Randstreifen mäht, begegnet mir. Ein Storch folgt dem Gefährt gemächlich zu Fuß und scheint auf aufgeschreckte Insekten zu hoffen. Als ich mich nähere, fliegt er davon.

Obwohl der Weg über die Dörfer länger ist als die Route über die Ruhner Berge auf dem Hinweg, brauche ich eine halbe Stunde weniger. Weiter geht es nach Wittenberge, wo ich auf den gut ausgebauten Elberadweg möchte. Davor bringt mich noch ein Schlenker nach Rühstädt, das „Storchendorf“. Soweit das Auge reicht, sind alle Dächer voll mit Störchen. Ich höre die Jungen klagen: „Ich habe Hunger, habe Durst, wann sind wir endlich groß?“ Mindestens zehn Paare sehe ich und dazu noch zwei Störche, die alleine auf einem Dach stehen und sich vermutlich eine Auszeit von ihrer Familie gönnen. So wie ich.

Neben der Natur und der körperlichen Ertüchtigung sind die Gespräche das Schöne auf dieser Tour. Auf einem meiner kleinen Umwege stoppe ich am Havelberger Marktplatz für einen Kaffee und ein Stück Streuselkuchen. Am Nachbartisch des Cafés sitzt ein Mann – weißes Hemd, weiße Hose, beides aus Leinen; ich schätze ihn auf Mitte sechzig. Er bringt gerade zwei Damen die „Odyssee“ näher. Vor sich hat er eine Prosafassung des Stoffes liegen, die er antiquarisch erworben hat. Ich, ganz der Besserwisser, klinke mich ein. Gemeinsam erzählen wir von Kirke, Circe und den Schweinen und dem Gemetzel an den Freiern, und natürlich, dass Odysseus sich an den Schiffsmast binden ließ, um beim Gesang der Sirenen nicht verrückt zu werden und über Bord zu springen, weshalb seine Gefährten Wachs in den Ohren hatten: „Der Gesang war vielleicht ein bisschen wie bei ‚Deutschland sucht den Superstar‘, wo manche Männer auch am liebsten aus dem Haus stürmen würden.“ Nachdem wir bei Odysseus‘ Heimkehr angekommen sind, packen die beiden Frauen ein Akkordeon und eine Violine aus und beginnen am Brunnen zu musizieren. Sie fragen sich, ob sie ihren Hut aufstellen sollen, was berechtigt ist, denn am Markt ist nicht viel los. Sie entscheiden sich für den Hut; ich lege später auch zwei Euro hinein.

Wegen der lauten Musik wird die Verständigung mit dem Herrn etwas schwieriger, sodass ich mich an seinen Tisch setze. Wir beide wissen natürlich, dass „Die Odyssee“ aktuell im Kino läuft, und sprechen über den Regisseur Christopher Nolan. Dessen „Oppenheimer“ hat mein Gesprächspartner noch nicht gesehen; „Interstellar“ fand er leicht verwirrend, aber physikalisch erstaunlich korrekt. „Inception“ war für ihn überwältigend und trotz der Traum-im-Traum-Verschachtelung mit ihren verschiedenen Stufen nachvollziehbar. „Tenet“ dagegen habe er nicht verstanden, findet es aber beeindruckend, als ich erzähle, dass der Regisseur weitestgehend auf Computeranimationen verzichtet hat und beim Dreh die eine Hälfte der Darsteller tatsächlich rückwärts und die andere vorwärts gelaufen sei. Der Mann erzählt, dass er Berliner ist, aber in der Nähe ein Haus hat. Wir reden über Fahrräder und Touren. Dann will ich los, nach Tangermünde. „Tangermünde ist schön“, sagt er, „in Havelberg ist nicht viel los.“

Dass in Havelberg nicht viel los ist, bestätigt in der Tangermünder Brauerei auch der Herr, an dessen Tisch ich mich setze, weil alle anderen belegt sind. Ich habe Glück und bekomme noch ein Bier, bevor der Freisitz schließt. Er hatte schon drei Sorten – „alle sehr gut und sehr günstig“. Der Mann ist wie der zuvor ebenfalls mindestens zehn Jahre älter als ich und stammt wie jener auch aus Berlin. Ich werde auf dieser Tour offenbar von Hauptstadtflüchtlingen verfolgt.

Ich erzähle ihm, dass ich aus Parchim hierher gefahren sei. Parchim kennt er aus DDR-Zeiten. Er hat dort als Hygieneinspektor die Kasernen der Sowjettruppen, in seinem Fall die der Panzertruppen, auf Staub- und Rußentwicklung kontrolliert. Er war damals oft im Theater: „Die guten Schauspieler und Regisseure waren ja alle dorthin verbannt worden.“ Es freut ihn zu hören, dass es das Theater noch immer gibt.

Jüngst war er in Leipzig. Er kennt das Café Grundmann bei mir um die Ecke und auch das Bike Department Ost in der nahe gelegenen Karl-Liebknecht-Straße. Er habe dort ein Fahrrad kaufen wollen, sich aber letztendlich nicht entscheiden können. Er schätzt die Bergbauseen im Leipziger Süden sowie den Baulöwen Schneider, denn „der hat die Innenstadt gerettet; die können ihm nicht genug dankbar sein“. In Weimar habe er studiert, „eine tolle Kneipenkultur hatten die, sonst war in der DDR spätestens um zehn alles dicht“. Nach Tangermünde sei er heute mit dem Zug gereist: „Schöne Stadt, gutes Bier, nachher geht es zurück.“ Berlin sei nicht mehr schön, aber in einer Kleinstadt wolle er auch nicht wohnen. Als wir uns verabschieden, ist der Ausschank längst geschlossen. Er geht zum Bahnhof und ich zum Griechen meines Vertrauens – ich brauche Kohlenhydrate und Proteine. Fast zwei Stunden sitze ich dort und schreibe meinen Blogbericht; zwischenzeitlich prasselt Regen auf die Sonnenschirme. Morgen geht es weiter nach Magdeburg und dann per Zug nach Leipzig. Aber schon jetzt weiß ich: Diese Auszeit war nicht nur richtig, sie war in vielerlei Hinsicht eine Offenbarung, vor allem, weil ich es einfach gemacht habe.

Am Samstag geht es nach dem Frühstück los. Der Himmel ist wieder grau und wolkenschwer. Zudem ist es deutlich kühler geworden, was ich zunächst gar nicht spüre, weil ich kräftig in die Pedale trete. Problematisch ist der kräftige Wind, der ausnahmsweise nicht aus Nordwesten, sondern von Südwesten her bläst. Das bedeutet, dass ich – abgesehen von kleinen Abschnitten, die in östliche Richtung führen – permanent mit Gegenwind zu kämpfen habe. Jetzt bin ich froh, dass ich mir bei der Zugreservierung eine Stunde Puffer eingeräumt habe.

Am Vormittag begegnen mir auf den Landstraßen kaum Autos – ich werde weder überholt noch kommen mir welche entgegen. Dafür springt ein Reh über die Fahrbahn. Über mir kreisen Raubvögel, ich tippe wegen ihrer Spannweite auf Adler. Auf den abgeernteten Feldern patrouillieren Krähen. Schwärme von Staren stieben hoch, als ich mich nähere.

Vor Bertingen registriere ich überrascht einen dicht gefüllten Zeltplatz. Für wildes Camping sind es eindeutig zu viele Fahrzeuge, Wohnwagen und Zelte. Wie ein regulärer Zeltplatz sieht es allerdings auch nicht aus. Als ich beim Abbiegen auf den nächsten Radweg zwei Männer sehe – schwarze Hosen, schwarze T-Shirts, ungefähr mein Alter –, stoppe ich. Ich bin neugierig: „Entschuldigung, ist hier irgendwo ein Konzert oder so?“ – „Ja, ein Festival auf dem Festplatz vorne. Metal.“ Jetzt fällt mir auch auf, dass die beiden szenetypische Tour-Shirts tragen. Ich zeige grinsend auf diese: „Hätte ich auch selbst draufkommen können.“ – „Death Metal“, ergänzt der zweite. Nicht meine Musik, aber für den Ort ist das sicher ein Highlight, das einer Invasion gleichkommt. Hat Wacken nicht auch so angefangen?

In Rogätz halte ich wie schon die beiden Male zuvor beim Bäcker für einen Kaffee und ein Stück Gebäck – der Gegenwind kostet Kräfte. Dann geht es mit der Fähre rüber auf die andere Elbeseite. Jetzt kommt sogar zeitweise die Sonne heraus, sodass die fantastisch bunten Deichhänge aufleuchten und Gräser, Kräuter und Blumen ein farbiges Spektakel bieten. Es ist ein weiteres dieser unverhofften Erlebnisse, die ich von dieser Tour mitnehmen werde.

Aus der Sinnkrise auszubrechen und diese Fahrt zu machen, war die absolut richtige Entscheidung. Für dieses Wochenende bin ich völlig im Einklang mit mir selbst.

