Helko Reschitzki, Moabit

Wie vermutet, sind die am Montag gesichtete Entenmutter und ihre vier Jungen am Tag darauf aus meiner Stammbucht am Schlachtensee verschwunden. Bis auf die stärkeren Schwäne und die Haubentaucher, mit denen sie in einer halbwegs friedlichen Koexistenz leben, haben die Blässhühner bislang noch jeden Wasservogel vertrieben. Gelegentliche Gäste sind geduldet – so wie der Graureiher, der an diesem frühen Dienstagmorgen einschwebt. Er scheint die Rallen nicht zu stören, und ich störe ihn nicht, sodass ich ihn ausgiebig beobachten kann. Der auch Fischreiher genannte Vogel aus der Ordnung der Pelikanartigen geht im flachen Wasser auf Nahrungssuche. Um seine potenziellen Opfer nicht aufzuschrecken, hebt er wie in Superzeitlupe die Füße und setzt diese dermaßen behutsam auf den Grund, dass man ihm fast Bedächtigkeit unterstellen möchte. Dann schnellt sein Kopf herunter, und der Schnabel packt die Beute – und so geht es immer fort. Was er da frisst, ist von meiner Bank aus nicht zu sehen – ich respektiere seine Fluchtdistanz.

Unter grauwattigen Wolken, die aussehen wie auf einem trocknenden Aquarell, wecken am Mittwoch die Möwenschreie über dem Westhafen diffuse Heimatgefühle. Das zweitschönste Lied über Möwen ist Wenzels Version von Rafael Albertis „Se Equivocó la Paloma“, das von einer Taube handelt, die sich für eine Möwe hält: „Getäuscht hat sich die Taube. Hat sich getäuscht die Taube. Wollte nach Nord und flog nach Süd. Für Wasser hielt sie das Kornfeld. Hielt das Meer für den Himmel. Hielt die Nacht für den Morgen. Die Lichter der großen Städte, dachte sie, wären die Sterne.“ Vielleicht geht es ja einer der moabiter Tauben genauso, wenn sie inmitten der Seevögel über unsere Stadtinsel kreist.

Passend dazu praktizieren wir am Abend in der Hatha-Yogastunde das Ujjayi-Pranayama, bei dem bei geschlossenen Lippen der Atem durch die sanft verengte Stimmritze strömt, wodurch ein Geräusch wie Meeresbrandung entsteht. Von der vollumfänglichen Tiefenentspannung ist um Punkt 21:03 Uhr nichts mehr zu spüren, als es bei England gegen Argentinien die erste Rudelbildung gibt. Das Agieren der Gauchos bringt ServusTV-Experte Jan Åge Fjørtoft bereits vor Anpfiff auf den Punkt: „Ein Gott und zehn Killer.“ – und diese Tretertruppe ist am Ende dann leider nicht zu schlagen. Ich stimme in den Klugscheißerchor gegen Tuchel nicht ein – der Doppelriegel hat ja bis zur 85. Minute gehalten. Traurig „Don’t Look Back In Anger“ summend gehe ich zu Bett. Die Rache für die „Hand Gottes“ muss ein weiteres Mal vertagt werden.

Dass der Fußballfan an sich zu Leidenschaft, Pathos und Übertreibung neigt, bestätigt sich immer wieder. Am Donnerstag sehe ich vor dem Primark in der Joachimsthaler Straße eine Frau, die selbst zweieinhalb Wochen nach dem Ausscheiden des Teams ihres Herzens Wert darauf legt, dass man sofort sieht, dass sie zur deutschen Mannschaft hält: Zu einem stylischen schwarzen DFB-Poloshirt trägt sie einen schwarzen Rucksack, auf dem ein riesiger weißer Bundesadler aufgedruckt ist – Understatement sieht anders aus. Neugierig geworden, recherchiere ich, wo man so etwas zu kaufen bekommt: Im Bundestagsshop wird so ein Teil für 16,90 Euro als Turnbeutel „Adler“ angeboten. Wann immer ich unser Bundeswappen sehe (was selbst hier in der Hauptstadt nicht oft vorkommt), muss ich an eine Anekdote denken: Vor ein paar Jahren kam ich in einen Weddinger Falafelladen, wo der Tresenmann gerade in aller Ruhe Schafskäse aus der Dose halbierte. Nachdem ich eine Weile zugeschaut hatte, sagte ich, dass ich es toll fände, mit wie viel Liebe er den türkischen Halbmond schneidet. Woraufhin er, ohne eine Miene zu ziehen, mit dem Messer hinter sich auf die rotierenden Brathähnchen wies und antwortete: „Ja, und deutsche Adler auch gleich fertig.“

Beim Tischtennis Auswertung der Halbfinals. Der Spanier kann immer noch nicht glauben, dass die Franzosen von seinem Team besiegt wurden. Diesem drücken nun alle die Daumen, da nicht einer von uns die Aggro-Argentinier mag. Zuhause Freude über mein vor ein paar Wochen zweigeteiltes und umgetopftes Einblatt, das nicht nur jeweils angewachsen ist, sondern in einem der Töpfe zum ersten Mal überhaupt ein weißes Blatt treibt. Ich rettete die Pflanze vor Jahren aus dem Müll.

Am Freitag taucht die aufgehende Sonne unseren Innenhof in ein rosa-violettes Zwielicht, das verstärkt wird, wenn man durch die Staubplanen am Baugerüst blickt, welches die Balkonsanierer (eine Woche später als angekündigt) über mehrere Tage lärmend errichteten. Auf der Rehwiese sehe ich nun schon zum zweiten Mal in diesem Monat einen Fuchs.

Aus den rosa-violetten Wolken sind nun graue geworden – es beginnt heftig zu regnen, sodass ich inmitten dicker Tropfen schwimmen kann.

Am Sonnabend große mediale Aufregung um den Rücktritt Jens Spahns als CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzender. Seine Behauptung, „eine Familie zu gründen und Vater zu werden, ist nicht vereinbar mit meinem politischen Amt“, klingt unglaubwürdig, da er nach wie vor sein Mandat als Bundestagsabgeordneter behält, das mit der Präsenz in Berlin, Ausschusssitzungen und der Betreuung seines Wahlkreises verbunden ist. Hinzu kommen die Arbeit im CDU-Präsidium und Ehrenämter in der Adenauer- und der Kohl-Stiftung. Spahn pflegt zudem ein weitverzweigtes Netzwerk abseits des Parlaments. Für informelle Hintergrundtreffen, Empfänge und den Austausch mit Lobbyakteuren aus der Wirtschafts- und Pharmabranche fallen weitere Arbeitsstunden an. Nicht zu vergessen sind Aktivitäten in der Atlantik-Brücke, der Denkfabrik Republik21 und exklusive Elite-Foren wie die Dialog Society von Peter Thiel. In der Leihmutterdebatte um Jens Spahn und dessen Ehemann wäre Thiel eine interessante Figur, da der Multimilliardär in Unternehmen investiert, die DNA von im Labor künstlich befruchteten Embryonen komplett entschlüsseln. KI-Modelle berechnen auf dieser Basis statistische Risiken für Erkrankungen sowie Wahrscheinlichkeiten für bestimmte genetische Veranlagungen. Die Auftraggeber können dann anhand der Daten entscheiden, welche der Eizellen in die für das Austragen des Kindes bezahlte Frau eingepflanzt wird. Gut, dass dieses Thema nun im Mainstream angekommen ist. Ich hoffe, dass dabei auch die sozioökonomische Situation der sogenannten Leihmütter in den Fokus kommt. Diese liegt für die USA (wo das Ehepaar Spahn/Funke sein Kind austragen ließ) vollkommen im Unklaren – es scheinen da viele Nebelgranaten geworfen zu werden. Besser beleuchtet ist die Lage in der Ukraine, die das europäische Zentrum für dieserlei Business ist. Unter dem Druck bitterster Armut, die sich durch den Krieg massiv verschärft hat, bleibt vielen Frauen dort nur noch die Vermietung des Körpers, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Blinde Flecken.

Am Sonntag ausgiebige Schwanenbeobachtung bei kühlem Wind. Dann kann ich voller Freude einen eher seltenen Besucher in unserer Bucht begrüßen: Unter meiner Bank hüpft ein Haussperling herum! Bei der „Stunde der Gartenvögel“ zählten im Mai Freiwillige an ihren Wohnorten Vögel und meldeten die Ergebnisse anschließend an den NABU und den LBV. Dabei zeigte sich, dass der Spatz zwar noch der am häufigsten gesichtete Vogel Berlins ist, seine Population jedoch rasant schrumpft – von 2025 auf 2026 gab es ein Minus von 36 Prozent. Laut NABU fehlt es bei uns weder an Nistplätzen noch an Nahrung; auch die Ornithologen können sich das schleichende Verschwinden nicht erklären. Gruselig.

Am Abend das WM-Finale. Die erste Halbzeit lullt mich dermaßen ein, dass ich zum Ende hin wegdämmere. Plötzlich werde ich von lauter Musik hochgerissen und schaue noch etwas schlafverpeilt auf das TV-Bild. Dort bietet ein kleines Sinfonieorchester unter dem Gefuchtel seines Dirigenten eine groteske Muzakversion des White-Stripes-Songs „Seven Nation Army“ dar. What?! Schnitt aufs Schlagzeug. Und wer sitzt da? Der beste Drummer der Welt, der, den ich bereits als Kind für das coolste Wesen auf Erden hielt: mein Freund Animal von den Muppets! Was ist hier los?! Die Halbzeitshow. Tier war der Letzte, den ich heute Abend erwartet hätte. Irre. Seine Performance überstrahlt das folgende ultramüde Gekicke um Lichtjahre. Spanien gewinnt. Gracias a Dios.

Wenzel: https://www.youtube.com/watch?v=S5IxeiryfJ4
Animal minimalistisch: https://www.youtube.com/watch?v=yTswqUxKbEQ
