Frank Schott, Leipzig
Ich habe die Ruhner Berge erklommen! Bislang kannte ich die lokal berühmte Endmoräne nur aus dem Heimatkundeunterricht, jetzt bin ich mitten hindurchgeradelt, zumindest so weit es ging.

Die Strecke ist als Radweg ausgewiesen, und auch die App behauptet, die Route sei problemlos befahrbar. Dennoch musste ich stellenweise schieben, weil die steilen Wege zu stark zugewachsen waren, um Schwung aufzunehmen.

Die Natur und der weite Blick sind imposant, doch das letzte Teilstück zwischen Berge und Slate kostet viel Kraft. Meine durchschnittliche Geschwindigkeit sinkt auf 12 km/h. Hier verbrauche ich den letzten Liter meiner insgesamt 3,5 Liter Wasser. Berge ist der erste Ort der heutigen 130-Kilometer-Tour, wo ich Schilder mit Parchim als Zielort entdecke.

Begonnen hatte der Tag mit einem reichhaltigen Frühstück in meiner Jerichower Pension. Offenbar bin ich der einzige Gast. Der Wirt tafelt für mich vier Brötchen, jede Menge Wurst und Käse, Marmelade, Joghurt, ein gekochtes Ei, eine Flasche Saft und eine Kanne Kaffee auf. Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber es ist vernünftig, etwas zu essen, weil wieder eine anstrengende Tour vor mir liegt. Der Wirt schlägt vor, dass ich mir doch Brötchen belegen und mitnehmen könne. Mit Blick auf die zu erwartende Hitze lehne ich dankend ab.

Bei der Ausfahrt aus Jerichow genieße ich meinen alten Klinik-Kiez: die Wiesen, Felder, majestätischen Bäume, Weiher und Arme der Elbe.

Ich sehe Wildgänse, Rehe, Schwäne, Reiher, die obligatorischen Krähen und überraschend viele Störche. Das Licht und die Weite begeistern mich aufs Neue.

In Sandau lockt mich das Schild „Offene Kirche“. Der rund tausend Jahre alte Bau fiel im Zweiten Weltkrieg der Zerstörung zum Opfer und wurde erst lange nach der Wende auf Initiative der Einwohner instandgesetzt. Dabei realisierte man vor allem im Turm kluge Lösungen: Eingezogene Zwischengeschosse bieten jetzt auf mehreren Etagen Versammlungs- und Konferenzräume, sogar ein Fahrstuhl gehört zur Ausstattung. Lob gebührt den Denkmalschützern, die das genehmigt haben – niemandem hätte ein originalgetreuer Kirchturm gedient. So ist hier ein lebendiges Kulturzentrum entstanden.

Über Havelberg und das überraschend idyllische Perleberg geht es weiter Richtung Norden. Perleberg ist eine dieser Städte, die in meiner Jugend nicht weit entfernt waren und die ich trotzdem nie besucht habe. Nun, vielleicht hätte ich damals auch nur eine dieser grauen und abgewirtschafteten DDR-Innenstädte ohne Flair zu sehen bekommen. Heute gibt es im Ort reichlich Gaststätten, in deren Freisitzen sich zur Mittagszeit Rentner und Touristen tummeln.

Abgesehen von den Ruhner Bergen musste ich an diesem zweiten Tourtag immer wieder mal über Feldwege und durch Waldstücke radeln. Ich nahm es gelassen und haderte vergleichsweise selten damit, stattdessen genoss ich die Ruhe und die Vielfalt der Landschaft. Trotzdem sind solche holprigen Wegstrecken auf einem Rennradsattel überhaupt kein Vergnügen.

Zum Glück habe ich den Folgetag zur Erholung bei meinen Eltern eingeplant. Ich werde mir in Parchim maximal Spaziergänge erlauben, bevor es am Freitag über den Elberadweg in mehreren Etappen zurück nach Leipzig geht. Bis dahin muss ich mir aber noch eine alternative Route suchen: Einmal Ruhner Berge reicht vollkommen.

