Frank Schott, Leipzig
Wie Pickel im Gesicht eines Teenagers ploppen in unserer Stadt zu Beginn der Ferien regelmäßig an den unpassendsten Stellen Baustellen auf. Heute treffen mich die Verkehrsbehinderungen direkt, denn ich will einen langgehegten Vorsatz umsetzen und mit dem Rad von Leipzig zu meinen Eltern nach Parchim fahren.
Eine App berechnet die Route. Diese würde größtenteils durch Wälder und über Feldwege führen. Mit zwei schweren Packtaschen macht so etwas allerdings nur bedingt Spaß, weshalb ich stattdessen eine weniger fordernde Strecke erstellen lasse.
Mein Plan ist, die Tour in zwei Etappen zu absolvieren, wobei die erste mit 170 Kilometern zugleich die längere ist.

Für die Baustellen kann die App nichts – ich muss improvisieren. Die erste Teilstrecke führt an zwei Bergbauseen vorbei nach Delitzsch. Am Werbeliner See warnen Schilder eindringlich vor Schäden auf den asphaltierten Wegen. Das ist keine übertriebene Vorsicht ängstlicher Bürokraten – hier wachsen tatsächlich junge Bäume aus dem Asphalt.

Wenn Teilstrecken als direkter Radweg zu meiner nächsten Station beschildert sind, weiche ich ab und an von den Vorschlägen der App ab. Letztendlich kehre ich aber immer wieder auf die Route auf dem Display zurück. Durch grüne Natur geht es nun nach Bitterfeld und Wolfen. Ich komme an weiteren Bergbauseen vorbei. Vom Weg abkommen sollte man hier allerdings nicht: Links warnt der Bergbaubetrieb vor dem Betreten des Geländes, rechts die Bundeswehr. Da hier alles frisch asphaltiert ist, fährt sich dieses Stück wunderbar.

Zwischen Wolfen und Dessau läuft der Radweg an der Bundesstraße entlang. Der Ausblick auf die Landschaft ist hier weniger reizvoll, dafür komme ich zügig voran. In Dessau kühlt es sich merklich ab – die angekündigten Gewitterwolken hängen über der Stadt. Als ich das benachbarte Roßlau erreiche, beginnt es kräftig zu regnen. Da ich sowohl die Innenstadt mit ihren Bäckereien als auch den Stadtrand mit den Supermärkten verpasst habe, flüchte ich unter das Vordach einer Garage und esse dort einen Apfel und einen Müsliriegel aus meinem Proviant. Mist, die Ein-Liter-Fahrradflasche ist schon leer. Jetzt bleibt mir nur noch das Notwasser in der 0,5-Liter-PET-Flasche. Es wird sich schon noch eine Gelegenheit zum Auffüllen finden, denke ich mir.

Weil ich nicht warten will, bis der Schauer abgezogen ist, fahre ich im Cape weiter. Nach ein paar Kilometern hört der Regen auf, und eine Stunde später kommt auch die Sonne wieder durch.
Die App führt mich durch einen Wald, dessen Weg von Forstfahrzeugen völlig aufgerissen ist. Tiefe Pfützen zeugen vom Gewitterguss. Nach etwa drei Kilometern wird der Untergrund zum Glück besser, da er keine tiefen Fahrspuren mehr aufweist.
Nach sechs Kilometern erreiche ich wieder eine asphaltierte Straße, die als Radweg ausgewiesen ist. Glatt und schnurgerade – eigentlich paradiesisch. Leider wurden etwa alle fünfhundert Meter zur Verkehrsberuhigung Kopfsteinpflasterstreifen eingebaut. Ruhig ist hier also gar nichts: Wenn ich mit 10 km/h darüberholpere, klappert das gesamte Rad. Ständig habe ich Angst vor einem Materialschaden.

Ich erreiche einen Supermarkt und kaufe 0,75 Liter Wasser. Das sollte für die letzten knapp 50 Kilometer reichen. Hinter Ziesar mit seiner imposanten Burg führt mich die App auf einen Nebenweg. Bestimmt besser als die Bundesstraße, vermute ich – bis die asphaltierte Straße plötzlich unversehens in grauem Schotter endet. Doch es kommt noch schlimmer. Die nächsten knapp 20 Kilometer führen durch wilde Natur: zugewachsene Feldwege, lockerer Kies, der mich zum Schieben zwingt, und Schlaglöcher mit Pfützen, die so tief sind, dass die Fahrradtaschen nass werden.

An den kleinen Bächen, die ich passiere, ist es sicher recht reizvoll – aber nicht, wenn man die Gegend mit dem Rad erkunden muss. Weil ich das Display nicht ständig im Blick habe, verfahre ich mich. Umkehren, schieben, vorsichtig weiterrollen. Am nächsten Abzweig das gleiche Spiel. Es scheint unmöglich, aber der Weg wird noch schlechter: Ein zugewachsener Pfad, der eher einer Wiese gleicht. Ich fluche ununterbrochen und immer lauter. Nur keine Panne! Nur nicht auf diesem von Mücken, Bremsen und Zecken verseuchten Abschnitt liegen bleiben – zumal meine Getränke nun endgültig aufgebraucht sind.

Dann bin ich endlich raus aus der Wildnis. Ich habe mindestens eine halbe Stunde länger gebraucht, als wenn ich den Radweg an der Bundesstraße genommen hätte. Ich bin völlig ausgedörrt. An einem Automaten ziehe ich eine Cola, an einer Tankstelle kaufe ich ein Radler.

Ich erreiche Jerichow. Schluss für heute! Ich nehme ein Zimmer in der Pension, in der meine Frau im Februar übernachtet hat, als sie mich während meines Aufenthalts in der nahegelegenen psychiatrischen Einrichtung besuchte. Eine lange, gründliche Dusche spült den Staub von Armen und Beinen, dann gehe ich essen. Ein Bier wäre jetzt toll – immerhin gilt die Abstinenzpflicht der Klinik für mich als Touristen nicht mehr. Aber die beiden deutschen Gaststätten haben geschlossen, und sowohl der Dönerladen als auch das laut Speisekarte griechisch-spanisch-mexikanisch-indisch-deutsche Lokal eines Pakistanis führen ausschließlich alkoholfreie Getränke. Dann also noch eine Cola.
