Christoph Sanders, Thalheim

Am Samstagvormittag mit meinem großgewachsenen Sprössling mit der R8 nach Berlin, wo er um zwölf Uhr am Hauptbahnhof in einen anderen Zug umsteigt. Für mich wird es ein Hauptstadttag mit Rad. Ich besuche einen Moabiter Freund, mit dem ich viel Wermutkrauttee trinke. Gegen sechs mach ich mich wieder auf den Weg. Extreme Schwüle; an der Turmstraße aus dem U-Bahn-Eingang ein kühlender Schwall Luft. Ich verpasse in Jungfernheide um Haaresbreite meine Regionalbahn – darauf erst einmal ein Tegernseer Helles und zurück nach Charlottenburg, wo ich Himbeereis esse. Vor dem Laden zwei von mir maskulin gelesene, mutmaßlich persische Badmintonspieler; der eine in einem knöchellangen, grünschimmernden orientalischen Umhang. Wer den Ball fallen lässt, muss fünf Liegestütze machen – und das bei 37,5 Grad! Mit steigender Temperatur erhöht sich die Quote von Schwarzafrikanern und Orientalen auf den Straßen – der Rest schmachtet in Wohnkerkern. Am Ufer des Schloßparks höre ich Hornklänge: jemand übt eine Tonfolge. (Als ich am Sonntagmorgen Bruckners Vierte , „Die „Romantische“, mit dem begnateten Jochum auflege, erkenne ich die Passage wieder.) Der nächste Zug hat dreißig Minuten Verspätung und endet, wie ich feststellen muss, zu früh für mich in Neustadt (Dosse); eigentliche Endstation ist Wismar.

Im Gegenzug sitzt, wie ich später erfahre, meine älteste Tochter, die, bevor sie am Dientag eine Prüfung hat, aus Spandau zu uns in die Prignitz flüchten wollte. Wegen des Oberleitungsschadens, der alles stoppt, kehrt sie um. Wüssten wir voneinander, könnten wir uns durch die verspiegelten Scheiben zuwinken. Meine Mitreisenden und ich fahren weiter auf den pechschwarzen Himmel zu, an dessen Rand ein rosiger Saum zu sehen ist – hinter Friesack entlädt sich das Gewitter. In Neustadt ist für uns alle erst einmal Schluss. Auf den Treppen der Unterführung haben die vor uns Gestrandeten Schutz vor den fetten Regentropfen gefunden, unter anderem Chinesen mit vollen KadeWe-Tüten. Es spült immer neue Erschöpfte auf die Bahnsteige. Allseits banges Warten ob und wie es weitergehen wird.

Für mich geht es aufs Rad – unter den ersten neuen Sonnenstrahlen beginnt mein Zeitfahren in das 30 Kilometer entfernte Havelberg. in In molliger Luft durch die Wälder, das Gewitter ist noch zu riechen. Mal mehr, mal weniger, stellenweise gar kein Niederschlag. Längs von mir in Südost eine Wolkenwand, Nordwest freier Himmel. Mit der Zeit erreiche ich mein Vor-OP-Tempo 35 km/h (es geht!) – das habe ich lange nicht mehr gehabt. Straßendörfer, immer am Bahndamm lang; an einem Zaun Werbung für Karls Erdbeerhof. Absolute Stille.

In Breddin nach Nord, dann über die Schienen, auf weiteren Alleen immer weiter nach Norden. In Bendelin nehme ich leichtfertig den Plattenweg zum Wald, hätte aber links abbiegen müssen. Trafoturm, Funkmast. Später Schotter, dieser sehr fest – mit einem Platfuß müsste ich sehr lange schieben. Lautlos quert eine Hirschherde den Weg. Plötzlich wieder die Bahnline; ein betonierter Abladeplatz. Ich sehe Lichter am Horizont und wähne mich ganz nah am Ziel – eine Fehleinschätzung! Ich folge LKW-Spuren, pflüge durch Pfützen, beiße vor Anstrengung die Zähne zusammen. Auf der Straße wäre ich längst weiter. Ich habe mich total verschätzt und sehe kaum noch Licht. Wieder durch den Wald – grober Schotter, fester Sand. Dann erkenne ich Schuppen und höre nahes Hundegebell – ich habe Glöwen erreicht. Kaum bin ich aus dem Kaff raus, spüre ich schon den schnell platt werdenden Hinterlauf – es hat mich also doch noch erwischt. Glücklicherweise erst zwei Kilometer vor unserer Haustür.

