Frank Schott, Leipzig

Deutschland ist: Wenn du mit schweren Koffern aus der S-Bahn steigst und wegen der kaputten Rolltreppe zum Fahrstuhl gehen musst. Und dessen Tür vor deiner Nase schließt, weil die zwei Insassen ohne Gepäck noch schnell den Knopf drücken, wodurch die Kabine ohne dich nach oben eilt. Die Hitze lässt uns Deutsche offenbar einen Schritt näher in Richtung Barbarei schreiten, wo sich jeder selbst der Nächste ist.

Ganz anders in Griechenland, wo gerade meine Frau und ich weilen: Dort sind alle ausgesprochen zuvorkommend, rücksichtsvoll und höflich. Ausgenommen vielleicht im Straßenverkehr – wobei einem das möglicherweise nur als Deutschem unzivilisiert erscheint; für die Einheimischen ist es Alltag, sich mit Autos oder Mopeds durch enge Altstadtgassen zu zwängen und dabei hupend zu verständigen.

Das heilige Tier der Griechen ist offenbar die Katze. Nirgendwo habe ich bislang so viele Streuner unterschiedlichster Größe und Farbe gesehen. Obwohl die meisten wohl keinen Besitzer haben, stehen vielerorts Näpfe mit Trockenfutter und Schalen voller Wasser auf Stufen und in Gebäudenischen. Nicht jede Katze lädt zum Streicheln ein – dafür ist das Fell häufig zu struppig oder räudig. Doch eine Handvoll Futter findet jede.

Wenn man einen Blick dafür hat, lässt sich auf unserer Insel eine reiche Flora und Fauna entdecken: Schwalbenschwänze tanzen von Blüte zu Blüte, Kolonien von Schnecken besiedeln die Zaunpfähle.

Zwischen Olivenbäumen ertönt der Schrei eines Pfaus, der trotz seiner üppigen Schleppe im Schatten schwer auszumachen ist. Entlang steiler Felswände turnen wilde Ziegen, die gelegentlich verdrießlich meckern, wenn sie sich verrannt haben und ein Vorsprung zur Sackgasse wird.

Seen, Flüsse und auch das Meer sind voller Fische, Gänse und Enten. Sogar Meeresschildkröten lassen sich in den Buchten beim gemächlichen Auftauchen beobachten. Nur die in Deutschland unvermeidlichen, streitlustigen Möwen sind ausgesprochen selten zu sehen. Vielleicht ist es ihnen zu warm – obwohl es hier aktuell zehn Grad kühler als in Leipzig ist.

Die Insel ist trotz oder vielleicht ja sogar dank des Tourismus überraschend sauber. Die Strände bewerben sich um die „Blaue Flagge“, das internationale Siegel für besonders gepflegte und nachhaltig bewirtschaftete Meeresküsten. Überall stehen Mülleimer und Papierkörbe. Sogar in den beeindruckenden, bei Wanderern so beliebten Schluchten finden sich Sammelbehälter für Unrat. Wenn doch mal eine Bierdose im Gebüsch liegt oder eine Plasteflasche auf einem Wasserlauf schwimmt, sind Touristen daran vermutlich nicht ganz unschuldig.

Nirgends habe ich Servicekräfte oder Kellner so häufig lachen gesehen wie hier. Nicht nur geht die Arbeit leichter von der Hand, wenn man mit Freude am Werk ist, sondern die Unbeschwertheit überträgt sich auch auf die Gäste, selbst wenn diese die lächelnd und im schönsten Deutsch vorgetragene Einladung: „Sie sehen aus, als würden Sie ein kaltes Getränk benötigen, kommen Sie doch herein“ dankend ablehnen.

Griechenland lebt vom Tourismus. Allein auf Kreta, so erzählt uns eine Führerin, arbeiten 60 Prozent der Menschen direkt oder indirekt in diesem Wirtschaftszweig – viele sind von April bis Oktober in Hotels, Gaststätten oder im Reisegewerbe tätig. Anschließend gehen sie in die Olivenernte. Entweder hat man eigene Bäume, oder die Verwandten und Nachbarn haben welche. Alle packen im November und Dezember mit an: „Zu zweit schafft man acht Bäume an einem Tag. Meine Familie hat dreihundertfünfzig Bäume“, berichtet sie. Ist die Arbeit getan, kommt der Winter mit mehr Zeit für die Liebsten, Ausbesserungen und der Vorbereitung auf die nächste Saison.

Vielleicht nimmt manch ein Urlauber ein wenig von der griechischen Lebensfreude und Gelassenheit mit nach Deutschland – und wenn es nur für kurze Zeit ist. Ein paar Tage mit entspannten Gesichtern und freundlichen Worten können ja bereits Wunder bewirken.

