
Am Sonntag treffe ich in meiner Schlachtenseebucht auf zwei junge Frauen, die dort in einem kleinen Zelt nebst Hängematte die Nacht verbrachten. Mit französischen Akzent erklärt man mir, dass man die Sonnenwende doch draußen verbringen müsse. Gute Einstellung.

Am Montagmorgen sichte ich dortselbst vier Stockentenweibchen, die friedlich neben der angestammten Blässhuhnfamilie schwimmen – und diese neben ihnen. Trotzdem ist mir vollkommen klar, dass das nicht lange so bleiben wird – und genauso kommt es dann: Ich bin zufällig dabei, als die Situation am nächsten Tag eskaliert. Auch der Sieger dieses Kampfes war klar – die Stockenten werden vertrieben.

Am Nachmittag mal wieder Mumbai-Vibes auf dem Hauptbahnhof: Der Bahnsteig, auf dem meine Regionalbahn Richtung Mecklenburg abfahren soll, ist total überfüllt. Die Züge davor und danach sind gecancelt oder arg verspätet, auf dem Nachbargleis ist es dasselbe. Mein Zug fährt pünktlich, hält aber weit vor den angekündigten Abschnitten. Das hat zur Folge, dass sich Hunderte durch Leiber, Koffer, Taschen und Rucksäcke kämpfen müssen. Ich würde gern wissen, wie viele es nicht rechtzeitig zur Abfahrt geschafft haben.

Der Zug selbst ist auch übervoll, ich ergattere aber einen Sitzplatz -inklusive Körperkontakt mit meinem schwitzenden Nachbarn zur Rechten; zum Glück steigt er nach zwanzig Minuten aus. Gegenüber und kreuz und quer im Waggon verteilt sitzen Lernbehinderte auf Klassenfahrt. Die Lehrer und Lehrerinnen bleiben unter sich, eine Praktikantin sitzt mittenmang der Schüler. Die Schülerin neben ihr spielt auf dem Smartphone Fahrsimulator und haut das virtuelle Auto andauernd irgendwo gegen. Immer wenn sie „Wieder verkackt!“ ruft, sagt die Betreuerin: „Soll ich die Feuerwehr rufen?“ So geht das hin und her – da beide dabei keine Miene verziehen, ist das saukomisch. Danach reden sie über einen Horrorunfall in der Region, bei dem sich ein Achtzehnjähriger ohne Führerschein totgefahren hat; seine Freundin wurde schwer verletzt. Die Betreuerin bekommt einen Anruf, bei dem es um irgendwelche Spezialmunition geht, die man, so sagt sie, nur in Rostock bekommt. Als sie aufgelegt hat, wird sie gefragt, warum sie sich so gut mit Munition auskennt. Antwort: „Ich bin eine sehr gute Schützin – und seit sechs Jahren amtierende Kreismeisterin.“ Sie kommen auf Schlafstörungen. Die Praktikantin meint: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, worauf die andere sagt: „Na vielen Dank, dass du mich daran erinnerst.“ Alles angenehm rätselhaft. In Wittenberge steigt die Truppe so wie die meisten anderen aus, sodass ich Platz für mein Abendbrot habe: Es gibt Bauernbrot mit weichem Camembert, dazu Möhren, einen Apfel und Tee aus der Thermosflasche. Pünktlich vor dem Umsteigebahnhof Ludwigslust habe ich mein vorzüglich mundendes Mahl beendet.

Vierundzwanzig Minuten Aufenthalt – genau richtig, um das übliche Anzeigentafelchaos auf der Dauerbaustelle Lulu zu durchschauen. Aus Erfahrung klug steige ich richtig ein. Die Nettofahrzeit von Berlin nach Parchim beträgt drei Stunden. Ich erfahre, dass meine beiden Züge zu den letzten gehörten, die überhaupt noch fuhren – wenig später stand der gesamte Schienenverkehr in Deutschland still. Als Ursache gibt die Bahn den Ausfall des veralteten Funksystems an – schön, dass es ausnahmsweise mal einen handfesten Grund gab.

Kurz hinterm Bahnhof dringt aus einer der Pensionen im ehemaligen Wehrkreiskommando schneller, sehr harter französischsprachiger Rap mit nordafrikanischem Einschlag – ich tippe auf etwas älteren Hiphop aus Marseilles. Ich vermute stark, dass derjenige, der das abspielt, ausländischer Werkvertragler und im Baugewerbe tätig ist.

Am Mittwoch gehe ich um halb sechs durch die leere Stadt zum Energietanken an den Wockersee. Über dem Wasser liegt leichter Morgennebel; ich bin der einzige Schwimmer und werde von einem hinter den Reusen hockenden Graureiher beäugt. Auf dem Rückweg sehe ich dann auch Menschen – Schichtwechsel im Krankenhaus.

Um kurz vor neun ist das Taxi da, dass meine Mutter und mich zur Helios-Klinik nach Schwerin bringt, wo sie eine Augen-OP hat. Die Fahrerin hangelt sich durch die regionaltypischen Hauptthemen Urlaubsreisen auf der Aida, Frauen, die mitsamt Säugling ihre Männer verlassen (wie bekommt man jetzt noch den armen Mann verheiratet?) sowie die sie in jeglicher Hinsicht störenden Ausländer. Im Autoradio läuft Valerie Dore; wir kommen gut durch den Verkehr.

Der Weg zur Augenabteilung ist schlecht ausgeschildert und für jemanden mit Geheinschränkungen wie meine Mutter beschwerlich, da er über Schienen führt, auf denen Transportwagen fahren. Alles ist sehr düster, farblos und abweisend. Vom Konzept der Heilenden Architektur („Healing Architecture“) scheint man hier noch nichts gehört zu haben – oder es ist den Betreibern schlichtweg egal, ob sich Patienten und Besucher zurechtfinden und willkommen fühlen.

Die Aufnahme verläuft professionell und freundlich. Genau eine Stunde nach ihrem eigentlichen Termin wird meine Mutter in den OP-Saal gebracht. Ich habe nun eine Stunde Zeit, um durch die Klinik zu schlendern. Ich sehe wie auf all meinen Wegen durch die alte Heimat außerordentlich viele Menschen mit Adipositas – starkes Übergewicht und schwerer Alkoholmissbrauch sind in Mecklenburg nicht selten. Im Eingangsbereich steht ein altmodischer, etwas abgerockter Pappmachéstorch, der aussieht, als ob er bereits zu DDR-Zeiten die Neugeborenen annonciert hat. Der frisch verkündete Name Alvin Fuad dürfte für Gesprächsstoff sorgen, dabei ist Alvin altgermanisch (abgeleitet vom altenglischen Ælfwine) und steht für „Freund der Elfen“ bzw. „edler Freund“. Die Kombination mit dem arabischen Fuad („Herz“ oder „Seele“) könnte darauf hinweisen, dass in Mäckelborg gerade ein neues Geschlecht entsteht. Ich esse Kartoffelsalat und hole danach im Wartebereich meine Mutter ab.

Ihre Operation ist gut verlaufen. Wir schicken unserer Fahrerin eine WhatsApp-Nachricht, damit sie uns abholt. Kurzweilige Rückfahrt – im Autoradio läuft witzigerweise Elton Johns „Blue Eyes“ und „Blinded by the Light“ von Manfred Mann’s Earth Band. Zuhause frage ich meine Mutter, ob sie Hunger hat – obwohl sie verneint, koche ich ihr etwas. Als dann der Teller mit den Bratkartoffeln mit Schinken, Zwiebeln und Spiegeleiern vor ihr steht, haut sie rein wie die Monteure in der Bahnhofspension nach Feierabend. Vor der OP musste sie stundenlang nüchtern sein – da braucht ihr Körper nun reichlich Energiezufuhr. Wäre sie allein gewesen, hätte sie, wie sie sagt, nur zweieinhalb Erdbeeren gegessen – die gab es obendrauf.

Während meine Mutter auf dem Balkon vor sich hindöst, gehe ich eine Runde durch die Innenstadt. Es sind kaum Menschen zu sehen – ich komme mir vor wie in einem dieser Western im CinemaScope-Format, in dem minutenlang ein Steppenläufer durch die Geisterstadt kullert. Ich finde drei perfekt geschnittene, farblich sehr schöne Linnenhemden, die ich, da preisgesenkt, ohne zu zögern mitnehme.

Die Nacht verläuft ohne Vorkommnisse. Auf meinem Weg zum See störe ich siebzehn Graugänse, die im Pappelschnee über die Wiese gehen und den morgentaufeuchten Boden nach Futter durchwühlen. Gemächlich fliehen sie vor mir und schwimmen gen Schlachthof. Als ich kurz darauf baden gehe, kommen sie sofort wieder heraus und setzen ihre Futtersuche an derselben Stelle fort. Auf dem Rückweg störe ich sie erneut – jetzt entfernen sie sich Richtung Friedhof.

Ich lerne die Pflegerin meiner Mutter kennen, von der sie einmal in der Woche Unterstützung unterhält. Eine sympathische junge Frau, die extrem blickig und fleißig ist, wie mir immer wieder berichtet wird. Sie sagt, dass meine Mutter ein großes Herz hat und gut zu ihr ist. Wie ich weiß, wird sie, weil sie Bulgarin ist, nicht selten gemobbt; manch Pflegebedürftiger lässt generell keine Ausländer ins Haus.

Ich gehe mit meiner Mutter zur Nachuntersuchung. Vor der Praxistür steht ein Chipkartenlesegerät. Das ist neu und hat nur ein minimales Bedienfeld – es zeugt nicht gerade von Empathie, wenn man so etwas ausgerechnet Augenkranken vorsetzt. Wir schaffen es hinein. Eine Schwester untersucht das operierte Auge. Die Ärztin ist mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Meine Mutter und ich sind erleichtert.

Am Nachmittag fahre ich ohne besondere Vorkommnisse zurück nach Hause – sieht man einmal von einer toten Blaumeise auf Bahnsteig 1 in Ludwigslust sowie einem Zuarbeiter des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ab, mit dem ich ins Gespräch komme und der vor kognitiver Dissonanz eigentlich platzen müsste. (Dass die Bahn Verspätung hat, es auf dem Umsteigebahnhof kein Klo und im Zug kein Toilettenpapier gibt, ist normal.) Moabit zeigt sich von seiner gewohnt gelassenen Seite – schön, wieder hier zu sein. Auspacken, Wäsche waschen, dann England gegen Ghana anschauen – ich habe es tatsächlich geschafft, das Ergebnis des drei Tage alten Spiels nicht vorher mitzubekommen. Es ist langweilig. Total müde zu Bett.

Das Fremdbaden hat ein Ende – am Freitag geht es wie gewohnt an den Schlachtensee. Eine Mitschwimmerin bestätigt, was ich aus der Ferne schon vermutete: Die an der Westspitze brütenden Schwäne haben fünf Junge bekommen! Egal, mit wem ich darüber spreche – alle sind darüber sehr glücklich. Wenig später sehe ich die junge Großfamilie auch aus der Nähe. Ein Mittsiebziger, den ich vor ein paar Wochen kennenlernte, kommt in die Bucht. Er sah mich beim Joggen auf der Bank sitzen und wollte nur mal kurz „Guten Morgen“ sagen – sofort quasseln wir uns fest. Er erzählt, dass er Musiker ist (früher war er mal Werber in Moabit) und gerade seinen ersten Song mit KI-Hilfe fertiggestellt hat. Er fragt, ob er ihn mir mal vorspielen dürfe. Klar. Ich setze seine Kopfhörer auf. Das Lied ist sehr funky und erinnert ein wenig an Edo Zanki und James Brown („Living in America“-Phase). Es ist klasse produziert und arrangiert und könnte sofort im Radio laufen. Ich frage, wie er gepromptet hat – da er sich damit noch nicht wirklich auskennt, nur minimal. Der (deutsche) Text ist selbstgeschrieben; alles andere hat der Roboter gemacht. Ein Unterschied zu menschlichen Musikern ist nicht erkennbar – was erschüttert ist. Wir sind froh darüber, dass die Sonne, der See, die Vögel und wir nicht durch künstliche Intelligenz zu erschaffen sind.

