Christoph Sanders, Thalheim
Am Dienstagabend nach ausgiebiger Siesta mit der Familie im Auto Richtung Prignitz los. Gegen eins überholten wir bei Stendal einen schleichenden ICE. Etwas lief deutschlandweit schief mit der Bahn – ein Bekannter verriet uns, der DB-Kommunikationsverkehr liefe noch auf so etwas wie veraltetem 2G-Standard, was sich leicht hacken ließe. So oder so ist man dort draußen auf dem Felde ohne PKW komplett aufgeschmissen – es wurde alles um den motorisierten Individualverkehr gedacht, geplant, organisiert. Dumm nur, dass die Bevölkerung schleichend älter wird und die Immobilen zur Mehrheit werden – wir sehen gerade den Schatten, der vorausgeworfen wird.

Mittwoch bei strahlendem Sonnenschein mit dem Gruppenticket zur Beerdigung nach Halensee, dieser wundervollen Berliner Enklave. Der Teenie sang mit voller, tragender Stimme „Morning has broken“. Die Regionalbahn, in der man es dank Kimaanlagen inzwischen gut aushalten kann, hatte auf der Hin- und Rückfahrt jeweils vierzig Minuten Verspätung – die Reisenden nach Hamburg bekamen ihre Anschlüsse nicht und hofften auf ihre Weiterfahrt. Die Stimmung war aber allseits entspannt – Solidarisierung mit dem Zugpersonal. In der Nacht ist ein sehr schönes Mittsommerphänomen zu beobachten: Irgendwo ist immer etwas Restbläue im Himmel, gegen zwei recht genau nördlich. Rosenwässerungen, allmählich ins Haus einfinden.

Am Donnerstagmorgen gleich mal auf mein Rad, um tief Kiefernluft einzuatmen. Dabei achte ich auf Eichen – in der Regionalbahn trafen wir vom Prozessionsspinner gezeichnete Radfahrererinnen mit Ausschlag an den Oberschenkeln, der von den herumfliegenden Häärchen der Raupe verursacht wird. Große Hitze und ein großes Lob an den Havelpark bei Dallgow, dessen gesamte Parkplatzfläche mit Ahorn bepflanzt wurde, der jetzt zwanzig Jahre lang wachsen konnte. Die Luft ist hier deutlich trockener als bei uns in Hessen.

2026 ist ein großes Heurollenjahr für die Prignitz – alles wächst und reift, sieht gut aus, nicht versteppt. Der Siedlungsverdichtungsbau ab Nauen Richtung Berlin hingegen erschreckend – rundherum maximale suburbane Erweiterungen, wie wir sie auch aus Frankfurt am Main kennen. Interessant, dass dennoch eine klare Bruchlinie zum flachen Land erkennbar ist. Nebenan kräht der Hahn und die Hennen gackern – das Federvieh ist ein Nebenerwerb des Nachbarn.

Am Freitagvormittag Wäsche mit Beethoven. Havelbergrunde bei leichtem Ostwind – so gefällt mir die Hitze. Beim Popup-Antiquar, einem Sozialprojekt, gegen eine Spende drei Gogol-Ausgaben aus dem Aufbau-Verlag in der Übersetzung von Michael Pfeiffer bekommen, daneben einen kompakten Tschechow-Erzählband in Dünndruck. Usw. Die Fremdenführer erwähnen den ehrenamtlichen Laden mit keinem Wort. Nette Gespräche – der Einzelhandel kennt mich nun – die Kolkraben im Hofbaum auch, die eine regelrechte Sprache mit ganz eigenartigen Rufen haben. Ich konnte antworten.

Am Abend die erste Gogol-Geschichte beendet – ich las parallel zwei Übersetzungen, was sehr interessant war, mal sind die Augen der Braut braun, mal grau, plus andere Abweichungen hier und da, teilweise völlig unterschiedliche Umschreibungen. Der Vergleich zwischen der älteren und neueren Fassung geht unentschieden aus. Um sieben mit meinen sich aufraffenden Kindern zur Bauernbracke und zu Edeka, meine Frau bleibt lieber vorm Fernsehegerät liegen.
