Frank Schott, Leipzig

Laufen am Meer ist eindeutig überbewertet. Es mag für Filme schöne Bilder ergeben, wenn gestählte Körper im warmen Sonnenlicht mit der Brandung im Hintergrund den Strand entlang joggen – von der rein praktischen Seite ist das aber großer Mist. Im weichen Sand kann man, weil die Schuhe tief einsinken und der Untergrund für einen festen Tritt zu wenig Halt gibt, überhaupt nicht laufen. Auf dem feuchteren und damit festeren Grund zu joggen, klingt nach einer guten Alternative, bringt aber wiederum seine eigenen Probleme mit sich: Zum einen ist der Untergrund abfallend, sodass man die Füße immer schräg aufsetzt, und zum anderen sind da die Wellen, von denen immer wieder welche in den trockenen Bereich schwappen und die Schuhe unter Wasser setzen, so wie ich es im kürzlich Urlaub erlebte. Da nutze ich doch lieber mein heimisches Waldstück!

Am Freitag stand nach zwei Wochen erkältungsbedingter Pause für mich endlich wieder ein Lauf an – nur sechs Kilometer und in sehr moderatem Tempo, was mir sehr gut tat. Der Waldboden war feucht und federte. Kurz war ich überrascht, dass auf dem Kunstrasen vom SV Schleußig an diesem Morgen Kinder trainierten – dann fiel mir ein, dass Ferien sind. Es ist eines dieser Camps für fußballverrückte Kids, in denen Eltern ihren Nachwuchs für eine Woche parken und mit denen die Vereine ihre Finanzen aufbessern. Für die Ehrenamtler bedeutet das, dem Verein eine Woche des Urlaubs zu schenken. Größere Klubs haben Studenten, Bufdis oder sogar fest angestellte Trainer, die die Camps übernehmen; bei den kleinen geht es nur über das Engagement der Mitglieder. Wir bei Turbine haben uns entschieden, in den ersten drei Ferienwochen weiter das reguläre Training anzubieten. Mehr können wir nicht leisten – aber immerhin! Die ersten Einheiten waren überraschend gut besucht.

Es war eine interessante Woche. Wettertechnisch war von Regen, Sonne und Wind alles dabei, wobei die Temperaturen erst zum Freitag hin sommerlich warm wurden. Ich habe den einen oder anderen Morgen mit einem Pott Kaffee und einem Stück Gebäck in einem der Innenstadtcafés verbracht, von wo aus ich den Trubel beobachtete:
Mütter mit Lastenrädern, die schwer wie Panzer sind, brausen mit Elektropower durch die Stadt, als könne ihnen und den Kindern nicht das Geringste passieren. Ein Jogger, möglicherweise ein Tourist, stoppt regelmäßig, um Selfies zu machen. Ein junger Mann beschallt für einen Moment die Straße mit einer Bluetooth-Box, die er in seiner Tasche mit sich trägt. Bei den Lieferwagen, die die Restaurants beliefern, dröhnen laut die Klimaanlagen, welche das Frachtgut kühlen. Indem sie sich mit den dicken Brummern in Zentimeterarbeit durch die mit Freisitzen oder anderen LKW zugestellten Straßen an Fußgängern und Radfahrern vorbeibugsieren, zeigen die Fahrer, was sie können. Während Menschen in ihre Büros hasten und dabei Kaffee aus Pappbechern schlürfen, picken Spatzen, Tauben und Krähen nach Essensresten. Papier weht über die Gehsteige.

Außerdem hatte ich ein Bewerbungsgespräch. Es war das interessanteste und intensivste, das ich je hatte – keine Bullshit-Fragen wie: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Wie gehen Sie damit um, wenn Sie zwei Aufgaben erledigen müssen, die beide höchste Priorität haben?“ Nein, dieses war schonungslos ehrlich. Wenn ich es richtig interpretiere, wollte mir der Chef eigentlich zu verstehen geben, dass der Job nichts für mich sei, und doch ist es bereits das zweite Gespräch, das wir führen. Mal sehen, was daraus wird – er schreibt mich persönlich an, wenn es Neues gibt. Mr. Spock würde jetzt eine Augenbraue hochziehen und „Faszinierend“ sagen.

Und dann rief mich mein Stromversorger an – man wolle mir einen neuen, günstigeren Tarif anbieten. Und man würde mir sogar wie einem Neukunden 150 Euro Prämie, sprich Preisgutschrift, gewähren. Klingt gut, denke ich mir. Dann kommt der Haken: Der Mann will mir das Angebot nicht zusenden. Stattdessen soll ich ihm mündlich den Auftrag erteilen; ich bekäme dann eine Auftragsbestätigung, in der alles drinsteht, und diese könne ich ja binnen 14 Tagen widerrufen.
Ich bin verärgert. Ich soll am Telefon einen Tarif abschließen, ohne die genauen Konditionen nachlesen und mit meinem aktuellen Vertrag abgleichen zu können? „Nein, danke, kein Interesse“, beende ich das Gespräch. Dann beende ich die ganze Geschäftsbeziehung, indem ich online einen neuen Anbieter mit passenden Konditionen recherchiere und den Wechsel beauftrage.
Jetzt legt der bisherige Versorger so richtig los: Ich bekomme eine E-Mail mit einem „persönlichen Angebot“. Der Link führt zu einer Fehlerseite. Während ich beim Training bin, folgt ein Anruf: „Wir würden Sie gerne als Kunden behalten!“ Obwohl es mir zeitlich natürlich gar nicht passt, erläutere ich kurz die Gründe für meine Kündigung. Der Mann am anderen Ende der Leitung gibt zu, dass das alles unglücklich gelaufen sei und er mich verstehen könne – ob er mir dennoch ein neues Angebot unterbreiten könne. „Senden Sie es mir gerne per Mail“, sage ich gnädig.
Das Angebot kommt nicht. Stattdessen werde ich am Folgetag erneut angerufen. Noch einmal nehme ich mir Zeit und erläutere, was ich bisher erlebt habe: „Ja, das ist dumm gelaufen und solche Fehler passieren. Aber meine Entscheidung ist gefallen – ich will nicht zu Ihnen zurück.“ Etwa zwei Stunden später klingelt wieder das Telefon. Meine Geduld ist erschöpft: „Ich bekomme jetzt den vierten Anruf in zwei Tagen. Sehen Sie das nicht in Ihren Unterlagen? Ich will keinen weiteren Anruf. Schluss, Ende. Tschüss.“ Natürlich weiß ich, dass die armen Seelen im Vertrieb nur ihren Job machen und den Kopf hinhalten für Entscheidungen, die sie nicht getroffen haben und die sie aus eigener Erfahrung möglicherweise sogar für falsch halten. Dennoch ist mein Reservoir an Gelassenheit aufgebraucht.

So wie sich diese Anrufe zu einer Plage entwickelten, wurden unsere Katzen zu einer Heimsuchung für die Vogelwelt im Carré. Vier Vögel haben sie in dieser Woche gefangen, getötet und als Zeichen der Aufmerksamkeit in unserem Garten abgelegt. Gefressen werden sie im Gegensatz zu den Mäusen nicht mehr – sie kommen mit dem Gefieder nicht zurecht und würgen die Beute wieder hoch. Da ich es bin, der die Kadaver beseitigen muss, hoffe ich einfach, dass die Vögel schlauer werden.
