Christoph Sanders, Thalheim

Der Dienstagmorgen startet mit einer grauen Wolkendecke, dann folgen Schwüle, Wind und drückende Sonne. Vorher noch Grünschnitt. Unser größter Gartenparasit ist die Hasel, die sich in bestehendes Buschwerk einschleicht. Da mir viele Abend- und Nachtspiele zu spät sind, sehe ich mir vormittags die Highlights an. Spanien und Portugal wie Zwillinge – der spanische Sturm macht den Unterschied. Ronaldos Nominierung war ein Fehler – man braucht für eine Weltmeisterschaft Weltklasse und nicht Ex-Weltklasse. Interessant, wie schwer „Wunderkind“ Yamal ins Spiel findet. Die Belgier dank massiver Umstellung mit einem Sieg gegen das US-Team. Schöne Trainingsrunde auf der Straße oben neben den Gleisen. Abends die letzten dreizehn Minuten Ägypten gegen Argentinien! Ich vermisse den Havelarm mit seinem klaren Wasser.

Der Mittwoch beginnt angenehm wolkig bewegt. Weiteres Rasenmähen und Büscheschneiden. Anschließend Einkaufstour in die Kleinstadt, um den lokalen Einzelhandel vor dem Untergang zu bewahren. Die Ägypter sind schlechte Verlierer – mal schauen, wie Marokko sich macht. Am Donnerstag wird es langsam wieder hochsommerlich, was man an der ungetrübt leuchtenden Sonne erkennt. Deshalb schnell wieder zum Mäher greifen – mehrere Kubikmeter Grünschnitt sind soeben abgeholt worden. Kampf um die Deutungshoheit an unserem Esstisch: Sobald sie eine braune Stelle aufweisen, werden Nektarinen weggeworfen – der Pfandflaschensammler in mir ist empört. Das billige braune Streichfett hingegen gilt der Familie als sauber – ich tu einfach so, als hätte ich es verschlungen. Der übliche Ferientagesablauf mit Johannisbeertorte und Scrabble sowie einem mild-sonnigen Abend mit France gegen Marokko. Nach der ersten, glanzlosen Halbzeit abgeschaltet – Schlaf ist wichtiger.

Auch der Freitag beginnt sommerlich warm – gegenüber schreien die Kindergartenkinder im Planschebecken. Johannisbeeren gepflückt für den Nachmittagskuchen. Schweißperlen beim Mähen des Hochgrases (80 Zentimeter), inklusive Freischneidereinsatz an den Rändern. So etwas mit der Handsense zu machen, wäre auch fein – aber ohne Heumachen für eigenes Vieh zwecklos. Größere Blütenstände habe ich stehengelassen. Danach im Dienste des eigenen Kühlschranks den Berg hinauf. Außerdem ist eine neue SD-Karte fällig. Im Lauf von zehn Jahren hat sich deren Speicher mindestens vertausendfacht. Der Trödler hat noch zwei abgelaufene Filme; da werde ich mal die Fehlfarben testen, die sich nach der Belichtung ergeben – es wird dann schön blass und rosig in der Welt. Nebenbei auf einen Stapel Tempo gestoßen – irre, was man 1987 an Druckqualität hinbekam. Gute Gestaltung, die Texte frech, teilweise geistreich. Diese Zeitschrift gehört in jedes Museum der BRD.

Weiter in Gogols Weihnachtserzählung. Elementare Bedürfnisse stehen im Vordergrund – so etwas wie „Urlaub“ gibt es nicht; das Leben folgt kirchlichen Festen, Traditionen und Gemeinschaftserlebnissen. Am Abend betrauere ich das Ausscheiden Belgiens gegen die überlegenen Spanier. Der glücklose Torwart darf nun zur Legende beitragen – „mit Courtois wäre das nicht passiert“, wird man wohl noch einige Wochen in Belgien vernehmen. Ein sehr guter Schiedsrichter – sein ulkiger Zusammenprall mit Olmo einer meiner bisherigen WM-Höhepunkte. Les Bleus dürfen sich jetzt auf eine sehr knifflige Aufgabe gefasst machen.

Der Samstag startet mit einer großen Motorbürstenaktion – zum Glück gibt es im Ort einen Landmaschinenhändler, der solche Verbrenner ausleiht. Nachdem ich darauf hingewiesen hatte, dass der vakante Hasenstall die ideale Basis zur Vermehrung von Schmeißfliegen sei, entmisten ihn die Mädchen. Sonnig und warm, mit federleichtem, trockenem Ostwind. Ich fahre mir auf dem Rad bei 30 Grad im German Redneck District Ulmtal die Seele aus dem Leib – ich liebe diesen Zustand, der eintritt, wenn man glaubt, gleich geht nichts mehr, und es geht dann doch. Erstaunlich, dass es auch in Deutschland weitflächige Bereiche gibt, die den Südstaaten Nordamerikas gleichen. Sie sind bunt verteilt übers Land; allen gemeinsam ist, dass man dort wunderbar Motorrad und Fahrrad fahren kann. Von Motorrädern aber kaum eine Spur, während ich unterwegs bin. (Da scheint es ein Kälte- und ein Hitzefenster zu geben – oder ist es ein Altersfenster?) Mittag gab es im bestens klimatisierten Rewe-Markt – aus mehreren Sushisorten wählte ich die mit Avocado sowie die mit Lachs, dazu Mango-Kefir. Perfekt verdaulich und genau der richtige Energielieferant bei Hitze. Leider ist das Elternhaus von Forstmann Karl Zorn, das er in seinen Erinnerungen beschreibt, auf keiner Karte zu finden, nicht einmal auf einer von 1910.

Norwegen in der Nacht clever und zum Ende der regulären Spielzeit fast noch mit dem Siegtreffer. Die Glückswaage neigt sich dann aber zu den Engländern, die am Ende auch physisch stärker schienen. Schön für das arme Land. Nächste Woche schalten wir dann zu den Falklandinseln.

Am Sonntag Erholung vom scharfen Ritt durch die Hügel. Die alte Form ist noch immer nicht zurück, das OP-Bein dürfte gern etwas schneller Gewebe bilden. Lesen unterm Sonnenschirm, dazwischen Zubereitung des Mittagessens. Am Nachmittag Familienausflug in das Freibad Hundsangen mit seiner großen Rutsche. Meine Kinder haben ihre Freude, mich hat der See in der Prignitz verdorben. Ein stiller Tag mit wenig Vögeln über dem Haus – ich vertrieb lediglich ein paar Elstern, die immer wieder das Türkentaubennest anflogen. Zur Nacht Abkühlung.

