Gregor Dill, Moabit

Nur ein Wölkchen am Himmel; die Wärme ist erträglich, angenehm, sommerlich. Heute wird ein schöner Tag. Auf meinem Weg zum Bahnhof, wo ich zum ersten Mal in die neue S-Bahn gen Norden steigen werde, komme ich wieder an der Bank hinter der Mauer vorbei. Freundliche Gesichter aus der Nachbarschaft grüßen höflich und lächeln leicht. Ich grüße zurück, die Freude ist auch meinerseits. Blümchen recken sich in die morgendlichen Strahlen und zeigen all ihre Farbenpracht. Und doch leuchten sie nicht für mich, sondern alleine des Leuchten willens. Sie strahlen der Sonne zurück, was diese ihnen an Wärme und Licht schenkt. Ja, es ist ein schöner Tag.

Ich gehe weiter, werde hier und da überholt. Mein Tempo scheint also eher ein gemütliches zu sein – und das, obwohl ich mich als strebsam empfinde. Doch vereinzelt bleibe ich stehen, von der Schönheit der Umgebung angezogen. Ich genieße Farben und Formen, das Schweifen der Gedanken in das Weite des Seins. Meines Seins – das sich seit einigen Wochen auf ganz leise, aber tiefgreifende Weise ändert. Beim näheren Betrachten ist es vielleicht nicht mein Sein, sondern ein Bewusstwerden meiner selbst. Oder noch eher: eine Art Erwachsenwerden, ein Reifen. Wie ein Kern, der sehr lange Zeit tief im Inneren eines Apfels saß, geschützt vom Fruchtfleisch der Freunde und Familie. Für den es sich seit Kurzem so anfühlt, als würde er sich lösen und Stück für Stück dem Außen entgegenschieben. Ich, der Kern, strebe immer mehr zum Rand der Schale, werde sie irgendwann durchwirken. Um zu keimen und zu wachsen, vielleicht ein neues Kapitel des Lebens zu schreiben.

Ich sitze in der Bahn. Mit mir reisen einige Leute aus dem Potpourri Berlins: Vielfältig, schön, lebendig. Ich liebe Lebendiges. In den vergangenen Tagen traf ich viele tolle Menschen, tauschte mich mit ihnen aus, bekam wundervolle Gedanken und Ideen zu hören. Das Miteinanderreden fühlte sich gut an und geschah wie von selbst. Ich erkannte Wertvolles und sah gleichzeitig deutlich mich langweilende Kreisläufe. Würde ich dem jetzt nicht weiter nachgehen, wäre das unsagbar seltsam für mich – stoppen ist keine Option. Es wird die Sanftheit sein, die mir zeigt, wie ich mit diesen neuen Impulsen umgehen werde. Sie ist es, die mich ruhig und gelassen macht.

Auf den letzten Metern zum Büro passiere ich eine Straße, die von großen, alten Linden gesäumt ist. Winterlinden, die ihre letzten süßen Blüten der Saison hoch über unseren Köpfen zur Sonne recken. Vereinzelt hört und sieht man noch Bienen darin summen und fliegen. Es riecht nach Sommer, Frische und Erholung. Ich schnappe mir eine Rispe und koste: Noch leicht süßlich, aber langsam zum Bitteren hin wandelnd. Ich komme an einem Hain vorbei, der zum Symbol eines verlorenen Kampfes geworden ist: Trotz intensiver Pflege hat sich hier der mittlerweile als invasiv eingestufte Götterbaum durchgesetzt. Durch Vernichtungsversuche wie Schneiden, Reißen und Entwurzeln wurde das Problem immer weiter verschlimmert – weil die Maßnahmen zu impulsiv und zur falschen Jahreszeit erfolgten, ist nun alles extrem verdichtet und überwuchert. Wo ich erkenne, dass die Umgebung Licht benötigt, breche ich Zweige ab; wo Schatten gebraucht wird, lasse ich sie stehen. Zu den Vorzügen des Baumes gehört der schnelle Wuchs (fünf Meter pro Jahr) und die Blattbildung im Juni. Dieser späte Austrieb schenkt anderen Pflanzen reichlich Zeit, das Frühjahrslicht für die Photosynthese zu nutzen – Energie umzuwandeln, Energie zu gewinnen. Und somit neue Kapitel des Lebens zu schreiben.
