
Am Dienstag liegt um halb sechs über der eiszeitlichen Bodensenke Rehwiese, einst Kuhfenn geheißen und als solche genutzt, dichter Nebel. Ich nehme flüchtig eine Bewegung wahr und spüre, dass ich beobachtet werde. Und da steht er hinter dem Gebüsch: Der Fuchs.

Auch über dem Schlachtensee ziehen Schwaden – vom Ufer her, direkt in mein Gesicht, als ob man sich einem Brandherd nähert. Je unwirklicher die Umgebung wirkt, desto lebendiger fühle ich mich.

Wieder zuhause schaue ich mir die Aufzeichnung von Deutschland gegen Paraguay an. In der S-Bahn trugen zwei, drei Leute DFB-Shirts. Das kann bedeuten: Ich freue mich über den Sieg und zeige das allen auf Arbeit, in der Schule oder Uni. Oder es heißt, dass die Mannschaft rausgeflogen ist, man aber trotzdem zu ihr hält, in guten wie in schlechten Zeiten, kein Sonntagsgucker ist, der nur alle zwei Jahre einschaltet. Oder man hat durchgemacht. So oder so: Die Nickis spoilern nicht, Zeitungsständer und Internet-News meide ich.

Am Abend zuvor hatte ich im ORF Brasilien gegen Japan gesehen. Theresa Lallitsch und Helge Payer kommentierten ebenso kompetent wie charmant. Bereits nach fünf Minuten ließ der österreichische Ex-Nationaltorhüter einen Buchtipp einfließen; später machte man sich anhand des Begriffs „Aura“ ein wenig über Sprachmoden lustig. Viel besser als die ORF-Leute – inklusive Studioexperten – kann man das kaum machen. Und nun also das deutsche Spiel – aus technischen Gründen leider in der ZDF-Übertragung. Mit einem Oliver Schmidt am Mikrofon. Der redet ununterbrochen, will alle vorbereiteten Statistiken und Anekdoten unterbringen. Weil er wohl selbst weiß, wie langweilig dies ist, spricht er in einer Tonlage, als würde auf dem Platz gerade etwas ungeheuer Spannendes passieren. Selbst das Elfmeterschießen sabbelt er mit sinnlosen Fakten zu, hat null Gespür für die (nun stimmts sogar) dramatische Situation auf dem Platz, bei der die Nennung der Schützen und Reaktionen reichen würden – die pure Verachtung der Zuschauer. Deutschland verliert – und sofort gehen die üblichen Vorwürfe los. Das Allerwichtigste hierzulande: Es muss ein Schuldiger gefunden werden: Nagelsmann!

Am Nachmittag WM-Zwischenfazit mit den Fußballfreaks aus der Tischtennistruppe. Favorit aller ist Frankreich, danach Argentinien. Die größte Überraschung ist die taktische Disziplin der afrikanischen Mannschaften. Wir gehen einzelne Spiele, Teams und Spieler durch. Irgendwann meint einer: „Wir reden jetzt bestimmt schon fünfzehn Minuten, und noch nicht einmal ist das Wort ‚Brasilien‘ gefallen.“ – „Stimmt.“ – Ich: „Die großen Brasilianer sieht man auf der Tribüne.“ Darauf der alte Spanier: „Man erkennt ihre Gesichter, aber nicht ihre Bäuche.“ Er wird gefragt, wie die Stimmung in seinem Land sei. Er: „Das weiß ich nicht – ich bin ja hier.“ Da hat er schon wieder recht. Klopp, der wohl neuer DFB-Coach wird, halten alle für einen eitlen, ultranervigen Fatzke. Auf dem Hof, auf dem wir klönen, hüpft wenig später eine junge, angeschlagene Nebelkrähe umher. Die Frauen sind aufgeregt. Ich kann gerade noch verhindern, dass der Vogel mit Kuchen gefüttert wird; dass er gestreichelt wird, nicht. Ich glaube, dass viele Tieren das geben, was sie sich für sich selbst wünschen.

Domestizierte Hunde einmal ausgenommen, sehe ich am und im Schlachtensee ganz selten mal ein Säugetier – am Mittwochmorgen beobachte ich dort eine Rötelmaus. Der am Sonntag abgebrochene, ziemlich lange Eichenast liegt noch immer quer über dem Uferweg – im Laufe der Woche haben sich alle mit der Totholzhürde arrangiert.

Am Abend geht bei England gegen die DR Kongo mein Matchplan auf: Direkt vom Yoga zum nächsten Kneipenfernseher, um den Rest der ersten Halbzeit anzuschauen. Die Afrikaner führen; ich lasse mir von ein paar Zuschauern das Spiel in drei Sätzen zusammenfassen. Abpfiff. Nach Hause, ORF-Halbzeitanalyse. Wiederanpfiff. Am Ende macht Kane den Unterschied: Antritt, Ballführung, Schusstechnik tadellos – so kreiert man Chancen. Was gab es für Diskussionen als Bayern ihn verpflichtete: Viel zu teuer und zu alt, noch nie etwas gewonnen – die Kritker sind längst verstummt. Um die Kongolesen, die mich bei der WM wirklich beeindruckten, tut es mir etwas leid.

Donnerstag noch dichterer Nebel als am Dienstag. Beim Tischtennis langes Gespräch mit der Bundeswehrkrankenschwester. Sie bestätigt meine Beobachtung, dass viele Patienten lieber krank bleiben, als auch nur minimal die Gewohnheiten zu ändern und zum Beispiel mit einfachsten Mitteln ihr Immunsystem zu stärken. Von da aus kommen wir auf die Coronazeit zu sprechen. Sie findet immer noch unmöglich, wie die deutsche Gesellschaft mit dem Virus und den Maßnahmenkritikern umgegangen ist. Hätte es nicht die Pflicht in ihrem Bereich gegeben, wäre sie ungeimpft geblieben. Dass ich mein Covid-Wissen hauptsächlich aus den RKI- und PEI-Berichten hatte und die vernünftigen Gesundheitstipps der Gesellschaft für Krankenhaushygiene befolgte, findet sie absolut naheliegend – aber wer hat das außer mir noch gemacht? Es war eine Massenhysterie, ausgelöst von ängstlichen Politikern, medialer Gleichschaltung, Diffamierung, Nötigung, Nudging. Das setzte sich dann bei anderen Themen fort. Ich bin froh, dass eine Frau vom Fach das alles so ähnlich sieht wie ich, und auch meine Einschätzung teilt, dass viele kein Gespür für wirkliche Gefahren haben (wenn ihr euch schon fürchten müsst, dann vor resistenten Keimen, Stürzen im Haushalt und rechtsabbiegenden Fahrzeugen!) Der Ex-Hells-Angel gesellt sich zu uns. Der musste wegen einer üblen Magen-Darm-Infektion montelang pausieren, hat zehn Kilo abgenommen, wird noch immer behandelt. In der Schwester und mir hat er gute Zuhörer für all die unappetitlichen Details. Dann zeigt er Fotos von seinem neuen Terrarium, in das drei Rotkehlanolis kommen sollen. Diese Tiere werden aus Amerika importiert. Während der vorgeschriebenen Quarantäne sind die beiden Weibchen gestorben; das Männchen hat überlebt. Die Nurse zeigt Bilder der Kawasaki, die sie sich gerade gekauft hat – sie hat dieselbe Farbe wie die Echsen. Sie und der ehemalige Rocker fachsimpeln über Motorräder – ich verstehe kein Wort. Die Leiterin des Nachbarschaftshauses kommt vorbei. Wir fragen sie, was aus der Jungkrähe geworden ist. Sie sagt, dass ihr jemand erzählt hat, dass die zu ihren Eltern geflogen ist, die vorher Kontakt zu ihr aufgenommen hätten. Wir nehmen ihre Lüge gern an.

Am Freitagmorgen schaue ich zuallererst die Zusammenfassung der zweiten Halbzeit von Österreich gegen Spanien an – am Vorabend hatte ich nur die erste geschafft. Ich hoffe, dass sich in unserem Nachbarland Jung und Alt vor den Fernsehgeräten und beim Public Viewing zusammengefunden haben – Bundespräsident Sascha van der Bellen hatte sich per Videobotschaft an alle Eltern gewandt und sie im Namen ihrer Kinder darum gebeten, diese ausnahmsweise länger aufbleiben zu lassen, damit sie das Spiel live verfolgen und das Team anfeuern können: „Solche Erinnerungen nimmt man doch sein Leben lang mit.“ Recht hat er! Leider verlieren die Ösis mit 0:3, aber dass sie das erste Mal seit zweiundsiebzig Jahren eine WM-K.O.-Runde erreicht haben, kann ihnen keiner nehmen. Das lange, abgebrochene Baumstück ist vom Uferweg verschwunden. Der Ast wurde mitsamt Kronenteil zersägt und verrotet nun im Unterholz.

Der gesamte Freitag extrem windig und somit wellig. Ich schwimme Richtung Westen fast auf der Stelle. Die Schwalben kommen besser voran, aber die fliegen ja auch. Immer wieder kleine Schauer, dazu fantastische Wolkenbilder. Am Abend mit meinen Buddies Bernd und Zlatomir in ein moabiter Lokal. Beide hatten kürzlich Geburtstag; der eine wurde 78, der andere 90. Wir prosten uns mit Bier und Tee zu. Müdaugig sehe ich die Verlängerung von Australien gegen Ägypten und das Elfmeterschießen. Die Afrikaner gewinnen – klasse! Zu Bett.

