Samstagmorgen. Ich sitze nach dem Schwimmen teetrinkend auf der Buchtbank am Schlachtensee. Gerade als aus der Johanniskirche die Schläge der Vaterunser-Glocke herüberwehen, beginnt großer Lärm, der von einem über mir stehenden Hubschrauber stammt. Die Rotoren drücken Luft herunter; Blätter, Zweige und kleine Äste fangen an, sich zu bewegen; das Wasser verwirbelt. Zunächst bleibt der Heli stehen, dann fliegt er den See ab. Am anderen Ufer auf der Badewiese im Paul-Ernst-Park Blaulichter und kurz ein Martinshorn. Irgendetwas ist passiert. Vielleicht ein Verbrecher auf der Flucht? Vielleicht ein Mensch in Lebensgefahr. Vielleicht beides auf einmal. Als der Helikopter zur Bucht zurückkommt, mischen sich dessen zunehmend schrillen, hohen Töne mit denen schreiender, fiepender, kreischender Vögel. Es klingt fürchterlich. Hinter mir vom Uferweg Rufe. Zwei Jogger. Wegen des Krachs verstehe ich nichts. Ich laufe zu ihnen. Sie fragen, ob ich einen alten Mann mit weißen Haaren und in weißer Badehose im Wasser oder dort herauskommen gesehen hätte. Leider nicht. Ich sage, dass ich die Augen offenhalten werde, und bedanke mich für das Bescheidsagen. Wenige Minuten später ein Polizeiwagen, der anhält und nach kurzem Blickkontakt zwischen mir und einem der uniformierten Beamten weiterfährt. Mich ergreift leichte Unruhe. Ich steige auf die Bank, um die Wasseroberfläche abzusuchen. Dort ist nichts Besonderes zu sehen. Ich trinke aus.

Ich mache mich auf den Rückweg. Dabei beobachte ich das Wasser. Ein paar Kilometer weiter treffe ich eine Mitschwimmerin. Sie fragt, ob ich wisse, was all die Aufregung bedeute. Ich erzähle, was ich weiß. Wir hoffen, dass dem Vermissten nichts Schlimmes passiert ist, und sagen, dass jeder Tag, den man halbwegs gesund lebt, ein Geschenk ist, das man voller Demut entgegennehmen und genießen sollte – was man leider ziemlich oft vergisst. Erst letzte Woche ist im Nachbarsee ein Siebzehnjähriger ertrunken – ein guter Schwimmer, kein Alkohol oder Drogen im Spiel. Eines von drei Kindern einer alleinerziehenden Mutter aus Moabit. Ich hatte in der S-Bahn davon gelesen. Weil die Familie arm ist, wurde Geld für die Beerdigung gesammelt. Es wird den Schmerz nicht lindern können. Zuhause scrolle ich die Social-Media-Accounts der Berliner Polizei und die Newsticker durch. Nichts zu finden, auch nicht am Abend.

Am Sonntag dann die karge Nachricht auf rbb24:
„Ein 89 Jahre alter Mann ist beim Schwimmen im Schlachtensee in Berlin-Zehlendorf ums Leben gekommen. Wie die Feuerwehr mitteilte, hatten Passanten ihn am Samstagmorgen beim Baden beobachtet. Als der Mann unter Wasser geriet und nicht wieder auftauchte, hätten die Augenzeugen Rettungskräfte alarmiert, hieß es. Bei der Suche nach dem Schwimmer wurden demnach auch Taucher der Feuerwehr eingesetzt. Sie entdeckten den Mann schließlich nach intensiver Suche. Ein Notarzt konnte den Angaben zufolge am Land aber nur noch seinen Tod feststellen. Warum genau der Mann ums Leben kam, konnte zunächst nicht geklärt werden. Die Polizei hat unterdessen ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Anzeichen für Fremdverschulden habe man nicht, so die Polizei. Dennoch soll die Leiche des Mannes in der Gerichtsmedizin obduziert werden.“
Wenn ein junger Mensch stirbt, ist das schlimmer, als wenn ein alter stirbt. Mir tut es um beide leid. Vielleicht ist man mal nebeneinander geschwommen, hat am Ufer übers Wetter oder die Enten geplaudert. Macht’s gut. Vielleicht gibt es im Himmel ja auch so schöne Seen.

