Frank Schott, Leipzig
Die vergangenen Tage waren regenfeucht und vergleichsweise kühl. Wer erwartet hatte, dass der extrem heiße Siebenschläfertag uns einen siebenwöchigen Glutsommer bescheren würde, sieht sich getäuscht. Eigentlich ist es perfektes Wetter, um zu laufen, doch da ich mich immer noch mit den Resten meiner Erkältung herumplage, verzichte ich weiterhin auf das Joggen. Lediglich moderate dreißig Minuten auf dem Hometrainer gestatte ich mir zum Ende der Woche – der Körper lechzt nach Bewegung. Immerhin geht es mir jeden Tag etwas besser.

Und auch die Schüler und Pendler atmen so langsam wieder auf, da die ersten Abschnitte der wegen des in der Hitze geschmolzenen Bitumens gesperrten Straßenbahnlinien freigegeben wurden. Den Anfang machte eine Hauptstrecke, die, aus allen Himmelsrichtungen kommend, jeweils an einem zentralen Punkt auf dem Innenstadtring endet und umkehrt. Einen festen Takt gab es zur Wochenmitte noch nicht, nur die laue LVB-Ankündigung, dass drei Bahnen pro Stunde jeweils in die eine und die andere Richtung fahren werden. Am Wochenende verkehren nun immer mehr Bahnen und das relativ regelmäßig. Im Stadtparlament stellt man die Frage nach der Verantwortung für die Schäden und einem möglichen Regress und streitet darüber, ob mit der Fugenmasse, welche Schienen und Weichen verklebt hat, am falschen Ende gespart wurde.

Wie ich sehe, wird auch vor der Notaufnahme der Uniklinik ein wenig gestritten, wo ein Mann poltert und randaliert und Polizisten sowie Pfleger versuchen, ihn zu beruhigen. Aufatmen bei jenen, die Wasser auf die Mühlen der rechten Parteien befürchten: Es handelt sich um einen weißen, alten Mann, der betrunken oder im Drogenrausch ist.

Eine alte Redensart besagt sinngemäß: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, denn sie könnten in Erfüllung gehen. Wegen der vielen Tauben im Hinterhof waren wir gefragt worden, ob unsere beiden Kater nicht lieber dort, als bei Spatzen und Amseln, zupacken könnten – als genau das geschieht, ist es aber auch wieder nicht recht: Eine Nachbarin bittet mich am Sonntag auf ihr Grundstück, um nach einer Taube zu sehen. Das Blut auf dem Terrassenstein ist noch feucht, wovon sich auch grün schillernde Fliegen überzeugen. Mehrere Lachen, viele große und kleine Federn im Gras und, nicht zu übersehen: Die Taube. Um den großartigen John Cleese aus dem Monty-Python-Sketch mit dem Papagei zu zitieren: „Der Vogel ist tot.“ Das hier ist eindeutig der Tatort einer zielgerichteten Tötung – vom Täter findet sich allerdings keine Spur.

Ich vermute, es war unser Getigerter, kann es aber nicht belegen, zumal auch der Schwarzweiße gerade Killerinstinkte entwickelt: Am Vorabend, es war schon dunkel, weigerte er sich, ins Haus zu kommen. Sein Blick, der peitschende Schwanz und die Bewegungen mit den Pfoten ließen vermuten, dass er gerade mit einer Maus das Zusammenleben neu aushandelt – höchstwahrscheinlich mit einem anderen Ende, als die Maus es sich erhofft. Wenn das so weitergeht, müssen die ansässigen Nagetiere sich langsam Gedanken machen, ob sie nicht in einem anderen Carré Asyl suchen. Andererseits sorgt ein Räuber für Anpassungsdruck und zwingt die Kleintiere, neue Strategien und Verhaltensweisen zu entwickeln – so wie seinerzeit die drei Amseln, die gemeinsam auf einen unserer Kater einpickten und ihn dadurch verjagen konnten.

Das mit der Taube auf dem Nachbarsgrundstück ist mir einerseits etwas unangenehm, gleichzeitig empfinde ich aber auch Stolz auf unsere Raubkatzen, die sich alles Wissen und jede Technik selbst beigebracht haben. Dessen ungeachtet muss die Taube weg, also betätige ich mich als Tatortreiniger: Ich streife Einweghandschuhe über und packe den Vogelkörper und die Federn, die ich einzeln aus dem Gras auflese, in einen Biomüllbeutel. Mit der Hochdruckdüse vom Gartenschlauch reinige ich die Steinplatte. Währenddessen frage ich mich, wie alt Katzen eigentlich werden. Unsere beiden, die viel in Bewegung sind und die gut durchmischten Gene von Straßenkatzen haben, werden bestimmt steinalt, fürchte ich – da wird es wohl noch einige Todesfälle geben in der Nachbarschaft.

Ich schreibe dies bei einer Tasse Kaffee im Freisitz einer Bäckerei. Unter mir hüpft ein Spatz aufgeregt umher. Er fühlt sich bei der Vielzahl an Brot- und Kuchenkrümeln vermutlich wie im Paradies. Genieße den Moment, kleiner Spatz, denke ich mir – es könnte dir heute noch eine Katze begegnen.

Monty Pythons „Dead Parrot“-Sketch: https://www.youtube.com/watch?v=TaFDzTzKAT0
