Christoph Sanders, Thalheim

Am Donnerstag sind die Gewitterschauer durch. Die gestern aus Berlin abgeholte Älteste ist zu Besuch – der Waldsee und Havelberg locken. Noch einmal zum Ehrenamtsantiquariat – am Ende nehme ich mehr als ein Dutzend Bücher mit: Kapuścińskis „Reisen mit Herodot“ und „Imperium“, Rudolf Lorenzens „Alles andere als ein Held“, „Irre“ von Rainald Goetz, Gogol in diversen Übersetzungen, Tschechow, Laxness, Melville, Stendal, ein ČSSR-Buch über Hautflügler, mehrere Werke von Chester Himes und, besonders schön, „Made in Japan“, ein illustrierter Reisebericht des tschechischen Avantgardekünstlers und Diplomaten Adolf Hoffmeister, der 1960 vom Prager Artia Verlag auf Deutsch veröffentlicht wurde. Das Stöbern war nebenher ein unterhaltsamer Rundgang durch viele Epochen der Buchgestaltung.

Schwimmen im Uhlenwehl , Temperatur 24 Grad, leichte Schauer -wir kommen aber alle wieder trocken auf unseren Rädern heim. Das neue, gestern in Berlin besorgte Mountainbike hat sich bewährt – Teenieglück und Vaterglück sind eins. Auf einem Gleis ein langer Containerzug, gezogen von einer Lok aus der 140er Reihe, die so um die sechzig Jahre alt sein muss. Wozu neue Züge, denkt man da.

Freitag dann Abreisetag, der windig frisch und frisch rasiert beginnt.
Es waren entspannte Tage voller Ruhe in einer anderen Dimension. Ich mag die Wälder und die Weite. Keiner ist unfreundlich, manche sicher stumpf. Es wird nach eigenen Regeln gelebt. Am Ende ist die Prignitz doch näher an Gogol als an Illies. Mal schauen, wie das hier weitergeht – allein die Schuldenverschiebebahnhöfe der Kommunen sind ja Sprengstoff. Das Rangeln um Finanzverpflichtungen wird an Schärfe zunehmen, so wie das Wittenberger Freibad werden auch andere Errungenschaften dem Totalverfall bzw. einer lukrativen Immobilienentwicklung preisgegeben. Die Nahversorgungslücke auf dem Land durch aufgegebene Supermärkte (die den Fleischern und den Bäckern folgen) wird sich vergrößern. Einer der entscheidenden Armutsfaktoren ist jetzt schon die erzwungene Individualmobilität. An Car-Sharing-Systeme im Hinterland glaube ich nicht, vielleicht
bilden sich Einkaufskollektive oder es springen Paketdienste in die Lücke. Dienstleistungs- und andere Jobs wird es in Stadt und Land zunehmend unter der Prämisse totaler Verfügbarkeit geben – die Exekutive wird das antrainierte 24/7-Online-Verhalten verstärken, was ich ja an meiner Gattin sehe, bei der als Lehrerin kein Tag ohne Rückkopplung mit „dem Dienst“ vergeht. Auf die Ausweitung der Homeofficezonen bin ich gespannt, sehe dieses aber nur als einen Nebenschauplatz, auf dem die künstliche Intelligenz nach und nach die einfachen Tätigkeiten ersetzt. Demographie und Auflösung von Lebenspartnerschaften werden den Bedarf nach kleinen Wohnzellen erhöhen, parallel wird es kommunitaristische WG-Nischen geben. Um Hitze und Feierabendverkehr zu entgehen, erst um 18 Uhr los.

Gegen Mitternacht sind wir zurück. Der Garten voller Wildwuchs. Der Trompetenblumenbaum ist nun erblüht. Unsere Kinder müssen sich wieder anders aufeinander abstimmen – und wir, die Eltern, auf den Ferienalltag. Aufregung, weil Ike, der Hund der Freundin einer meiner Töchter vermisst wird. Er war bei der Familie der Schwester der Freundin in Obhut. Dank der Zentral- und Landesbibliothek Berlin kann ich den leiblichen Vater meines Schwiegervaters finden, dazu auch die Mutter, eine Generalstaatsanwältin. Der Großvater meiner Frau wohnte vor dem Krieg keine vierhundert Meter von den Eltern entfernt, keinen halben Kilometer vom Grab seines Sohnes. Heute ist die Georg-Wilhelm-Straße 6 in Halensee ein Spielplatz.

Am frühen Abend in Barcelona Start der Tour de France – diese albernen Trikots und Zeitfahrhelme hinterlassen den Eindruck einer choreographierten Zirkusveranstaltung mit Tourismusschwerpunkt. Interessanter ist die Vielfalt der Sponsoren: Energiekonzerne, ein paar Fahrradmarken, Länder, Reeder, wenig klassisches Marketing. Auf die Tour kommt nun erst einmal eine Hitzewelle zu – Fahrer werden kollabieren; ab 28 Grad ist Sport im Freien eigentlich nicht mehr möglich. Ich hatte am Nachmittag auch einen Schwächeanfall: Beim Rasenstutzens konnte ich die Motorsense nur noch mit Hilfe es Sohnes anwerfen, was mir zu denken gibt. Aus Texas der Kampfkick Kanada gegen Marokko auf stumpfem Rasen – bei Flachpässen holpert der Ball. Fette Johannisbeerenernte, ein Kuchen ist fertig.

Ein milder, angenehmer, guter, wolkig, windiger Sonntagmorgen mit Taubengurren. Gogol sieht Hexen und Teufel am Himmel, die Bauern rasieren sich mit ihren Sensen. Verrückt, wie viele Übersetzungen es gibt – ein angenehmer Luxus. Wir werfen diese Klassiker gerade kistenweise fort und tun so, als seien die Menschen von damals vollkommen andere Wesen als wir, die uns nichts mehr zu sagen haben. In der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview mit Eddy Merckx. Nüscht wirklich Neues vom alten Meister – er hätte sich nur früher an der Hüfte operieren lassen sollen. Zerkleinerung unseres alten Kaninchenpalais – so lange das alles im Garten steht, denkt man sich auch das Karnickel dazu. Der Kindergarten gegenüber macht gerade einen kleinen Sperrmüll, in den sich das idealerweise fügt. Die Trompetenblumen werden mächtig umschwirrt, jede Bienenart scheint darin etwas zu finden. Auf mein Rennrad habe ich keine rechte Lust – der Rhythmus ist noch nicht da. Dafür zerlege ich komplett ein altes, noch völlig intaktes Mountainbike. Nicht einmal für 50 Euro fand sich dafür ein Käufer – wir sind in dieser Hinsicht eine völlig übersättigte Gesellschaft. Die Jüngste fordert mich zu einer Partie Scrabble heraus – ich eile an den Spieltisch. Allgemeine Sonntagsstimmung – ein neuer Johannisbeerkuchen muss her!

Am Montag entspannt die Zusammenfassung der Aztekenschlacht Mexiko gegen England. Um 2 Uhr aufstehen ist nicht drin – ich bin schon groggy von einer Stunde Schlafmangel. England eine gute halbe Stunde in Unterzahl – Respekt! Nach den Paraguay- oder Uruguayexzessen die rote Karte nach der unglücklichen Grätsche etwas bizarr. Norway nun mein Favorit. Riesengroße Erleichterung: Nach drei Tagen ist der vermisste Hund Ike wieder da! Er war durch die Wälder gestromert, klaute Chipstüten und hielt sich in der Nähe eines Steinbruchsees auf. Die Tante hatte für einen Moment die Tür offengelassen – da war er weg. Ein anderer Vorfall in Hadamar: Nach dem Brandanschlag auf den Konkurrenten wurde letzte Nacht nun auf den zweiten Frisörsalon geschossen. Zur Not können wir noch zu einem dritten Barbershop gehen – außer man hat Angst, von verirrten Kugeln getroffen zu werden. Windiges Wetter mit vielen Wolken. 15 Grad in der Nacht und 28 am Tag – bislang ein prima Juli.

