Frank Schott, Leipzig
Ich pflege werktags meine Routinen. Zu diesen gehört, halb sieben aufzustehen und anschließend meine Frau zur Arbeitsstätte zu begleiten. Daran schließt sich stets ein kräftiger Spaziergang an, manchmal unterbrochen von einem Kaffee in einer Bäckerei, so dass ich jeden Morgen mindestens eine Stunde zu Fuß unterwegs bin.

An diesem Montagmorgen lese ich in der App die Wetterprognose für Leipzig, aber sie erreicht anscheinend nicht vollständig mein Gehirn – hängen bleibt nur, dass es nachmittags 22 bis 24 Grad und sonnig oder leicht bewölkt sein soll. Was ich ausblende, ist die hohe Regenwahrscheinlichkeit bis etwa 10 Uhr. Daher habe ich keinen Schirm dabei, zumal nach dem nächtlichen Regen eine wärmende Sonne scheint. Die hohen Häuser um uns herum verbergen das dunkle Grau der Wolken. Erst als wir zu den Neubauten entlang der S-Bahn kommen, fällt mir auf, wie regendrohend es aussieht.

Meine Frau betritt das Laborgebäude, in dem sie arbeitet, ich setze meinen Marsch fort in Richtung der Kleingartenanlage. Kurz erblicke ich am südöstlichen Horizont noch eine Wolkenlücke – dann setzt der Starkregen ein. Binnen Minuten bin ich völlig durchnässt. Mir wird schlagartig kalt. Die Tropfen schlagen wie Granaten auf dem Sandweg ein und lassen Fontänen aus Erde und Schlamm aufspritzen. Das Wasser strömt den leicht abfallenden Weg in Sturzbächen herab. Bereits nach wenigen Metern ist meine schlammbespritzte Hose ein Fall für die Waschmaschine.

Wie so oft beobachte ich, dass unwetterartiger Starkregen die Menschen degenerieren lässt. Eine satanische Faust aus Bosheit quetscht die Herzen und lässt das Dunkle und Egoistische zum Vorschein kommen.

Autos donnern mit 50 km/h durch die 30er-Zonen. Reifen brettern durch Pfützen und lassen heftige Wasserschwalle auf die Gehwege klatschen. Radfahrer ignorieren nahezu alle Verkehrsregeln. Die Gesichter der wenigen Passanten sind verkniffen und abweisend. Kein Lächeln, kein Grüßen, kein Innehalten. Nur pure Selbstsucht.

Nach etwa einer Viertelstunde lässt der Starkregen nach und geht in einen feinen Niesel über. Sofort lockert sich der dämonische Griff um die Seelen der Menschen und das Leben findet zurück in seine geordneten Bahnen. Es ist, als ob die Stadt einen Fluch abschüttelt – man nimmt wieder Rücksicht, auch die Autos scheinen einen Tick langsamer zu fahren. Riesige Pfützen decken schonungslos jeden Schaden auf den Fahrbahndecken und Bürgersteigen auf. Des einen Leid ist des anderen Freud: Für die Kleinkinder auf dem Weg in den Kindergarten oder Hort ist das ein Fest – zumindest, wenn deren Eltern die Kleinen mit Gummistiefeln ausgestattet haben. So wird jede Pfütze zum Abenteuer. Wohl jenen, die nicht nur an Stiefelchen dachten, sondern auch ein Mehr an Zeit einplanten.

Zuhause gilt mein erster Blick den beiden Katern. Als wir losgingen, hatten wir die Terrassentür einen Spaltbreit offengelassen, damit sie rein und raus können. Im Haus finde ich keine Katze – all ihre Lieblingsplätze sind leer. Ich bin verwundert; ich kann mir nicht vorstellen, dass die zwei den Regen irgendwo draußen ausgesessen haben, statt ins Trockene zu kommen. Zu guter Letzt finde ich sie: Sie liegen schlafend am höchsten Punkt unseres mehretagigen Hauses. Schutz vor der Sintflut? Auf jeden Fall gute Instinkte.

