Frank Schott, Leipzig
Nach der Woche des intensiven Fahrradfahrens stand eine Woche des Laufens an. Dreimal lege ich binnen sieben Tagen knapp elf Kilometer zurück, jeweils in etwa einer Stunde. Der Lauf am Sonntag ist der langsamste – da bin ich eine Stunde und knapp vier Minuten unterwegs. Ich frage mich, wie ich vor etwa neun Monaten einen Halbmarathon in 1:45 Stunden geschafft habe – meine Form sieht momentan eher nach gut zwei Stunden aus.
Doch das spielt eigentlich keine Rolle. Das Joggen tut mir gut und die zehn Kilometer schaffe ich, ohne den Körper bis zum Äußersten knechten zu müssen. Der Lauf am Sonntag ist am angenehmsten. Als ich gegen 7:30 Uhr loslaufe, sind die Straßen leer. Die Ampeln blinken im Pausenmodus. Mir begegnen Jogger, Hundehalter und vereinzelte Nordic Walker, wobei letztere ausschließlich weiblich und in meinem Jahrgang oder älter sind. Die Spielplätze sind verwaist, die Papierkörbe quellen über. Ein Sportruderer zieht auf der fast spiegelglatten Flussoberfläche seine einsame Bahn; zwei schweigende Angler schauen ihm zu. Neben den üblichen Spatzen, Amseln und Krähen sehe ich zum zweiten Mal einen Eichelhäher. Der gehört auch zur Familie der Rabenvögel, wie ich mir habe sagen lassen, ist aber durch sein farbenfrohes Gefieder ein wenig aus der Art geschlagen – ein Paradiesvogel inmitten einer trübseligen schwarzen Verwandtschaft.

Die Wege sind noch ein wenig feucht von den gelegentlichen Schauern zur Wochenmitte – ich muss sogar einige Pfützen umrunden. Der Niederschlag hat dem Wald gutgetan. Die Schotterwege sind dagegen bereits ausgetrocknet – wegen der darüber hängenden Dunstwolke aus Staubpartikeln beeile ich mich, weiterzukommen.

Am Samstagabend fuhr ich mit dem Rad zu einem der Braunkohleseen. Auch nach 17 Uhr ist es dort noch voll. Eine Gruppe arabischer junger Männer imitiert das Schwimmen. Ich habe immer mal ein Auge auf sie, wenn sie sich ins tiefere Wasser vorwagen. Zwischen den Badegästen paddeln Enten. Ich bin überrascht, dass sie mit ihren Füßen schneller vorankommen als ich mit dem Brustschwimmen. Aus der Ferne erklingt klassischer Gesang. Ich kann ihn nicht zuordnen, höre aber von einem Pärchen neben mir, dass da, knapp einen Kilometer entfernt, auf einem Steg ein Chor probt. Über das Wasser tragen die Töne sehr weit.

Ob am Strand, beim Bäcker oder im Café: Aktuell habe ich „Haben oder Sein“ von Erich Fromm dabei, ein Büchlein, das man durchaus als Wegweiser für ein erfüllteres Leben bezeichnen kann. Selten lese ich mehr als zehn bis zwanzig Seiten, dann habe ich so viel Stoff zum Nachdenken, dass ich zunächst Abstand brauche. Der Autor zitiert gleichermaßen Karl Marx und Sigmund Freud, Albert Schweitzer und Aristoteles, Spinoza und Meister Eckhart, die Bibel, den Talmud und Buddha. Seit dem Ende meiner Schulzeit in der DDR habe ich nicht mehr so viel Marx gelesen. Das Buch ist in den 1970er Jahren verfasst worden und sicher auch ein Spiegel seiner Zeit. Doch viele Gedanken über das besitzorientierte Streben und Leben, das auf das „Haben“ (sprich Auswendiglernen) ausgerichtete Unterrichten oder über den Wunsch nach Zugehörigkeit und Anpassung sind heute so aktuell wie damals.
Wenn Fromm vom „Sein“ spricht, meint er ebenso das Leben nach dem inneren Kompass wie das Hingeben an den Augenblick. Unter anderem schreibt er, dass Worte nie wiedergeben können, was die Sinne erfassen. Zugleich mahnt er, Texte nicht nur zu konsumieren, sondern mit voller Aufmerksamkeit zu durchdringen. Statt „ich habe das Buch gelesen“ auf der Haben-Seite zu verbuchen, sollen wir versuchen, den Autor zu verstehen und die durch die Lektüre gewonnenen Erkenntnisse anzuwenden. Seine Empfehlung an Schulen und Universitäten ist, dass sie inspirieren und kein totes Wissen in den Köpfen anhäufen sollen.

Wie gesagt, viel Stoff zum Nachdenken … Und nun ertappe ich mich dabei, wie ich in einem Döner-Imbiss während des Essens weiterlesen will. Nein, sage ich bewusst und lege das Buch zur Seite. Ich genieße mein Essen und schmecke mit allen Sinnen. Beim Kauen lasse ich den Blick schweifen und die Ohren die Geräusche der Stadt einfangen. Zum Abschluss bringt mir die freundliche Mitarbeiterin ein kleines Glas schwarzen Tee – jetzt kann ich lesen.
