Christoph Sanders, Thalheim

Am Samstagmorgen kühle und gute Luft. Salbei in den grünen Tee für die 130 Kilometer mit meinem alten Mariendorf/Hoyerswerda/ Freudenberg-Radkumpel. Hoffentlich unterwegs kein Waldbrand.

Begegnung an der Bücherverschenktelefonzelle mit einer älteren Therapeutin, die mir ihr unstetes Leben schildert: Da mathematisch-technisch sehr begabt, wurde sie in den 1970ern Werksstudentin bei Siemens. Trennte sich von ihrem Mann, ebenfalls Techniker, als sich dieser bei Rheinmetall bewarb. Kehrte zu ihrer Mutter zurück, als die nach zwanzig Jahren von einem neuen Mann nochmals schwanger wurde. („Mein Kardinalfehler!“) Große Zerwürfnisse in der Familie: ihr Großvater, ein Hitler-Gegner, brach den Kontakt zu seinem Sohn (ihrem Vater) ab, weil der ein glühender Hitler-Verehrer war. Sie selbst hat später ihr privates Nazi-Archiv der Stadt Hachenburg vermacht, wo sie vor ein paar Jahren als Therapeutin gelandet ist.

Fantastische Tour durch den Westerwald; das Wetter unglaublich angenehm – traumhafte Tage gerade. Stetiger Wechsel von Wäldern, Feldern und Wiesen, dazwischen Dörfer, manchmal ein Steinbruch. Monotonie ausgeschlossen. Nur der hohe Westerwald über 500 Metern ist karg und öde – es wurde halt Brennholz daraus gemacht; kann man das unseren Vorfahren verdenken? Mähdrescher ziehen lange Staubfahnen hinter sich her – es wird geerntet. Trockene Luft. Der Dieselpreis oszilliert unter 220 Cent. Mit meinem Begleiter ein wunderbares Einvernehmen, gleiches Tempo, interessante gemeinsame Beobachtungen. Mit dem gelernten Braumeister und Lebensmittelchemiker, der als Angestellter von Coca-Cola für die landesweite Betreuung von Kaffeeautomaten zuständig ist, zu einem Testtrinken in die Hachenburger Brauerei, inklusive Besichtigung und kleiner Gastronomie. Werbereime wie aus den sechziger Jahren: „Ein schönes Märzen, das bringt Heiterkeit, wusst’ schon der Opa zu seiner Zeit.“ In Regalen liegen jahrgangsweise die brand eins und das Manager Magazin aus. Das Hell akzeptabel. Die alkoholfreie Variante fällt bei uns durch – das können andere viel besser. Da immer weniger alkoholischer Stoff verlangt wird, ist der Markt für Getränke gerade stark im Umbruch. Jemand meint: Nach der Arbeit mit Kollegen mal so richtig einen heben, das gäbe es nicht mehr. Brauereien sind durch die alkoholfreien und Fruchtbiere mittlerweile zu einem direkten Konkurrenten für Softdrinkproduzenten geworden.

Zuhause die absolut packende Königsetappe der Tour de France mit irrem Finale. Ich freue mich, dass im Radsport im Gegensatz zu vielen anderen Lebensbereichen die Geschwindigkeit nur allmählich zunimmt. 2022 fuhr ich selbst die Pässe – eine große Erinnerung. Abends Pflichteinkauf für aufgesperrte Kindermünder. Früh zu Bett.

