Christoph Sanders, Thalheim
Am Mittwoch extrem ausgeschlafen aufgestanden. Den Teenie und die Gattin um fünf Uhr zum Zug gebracht (dringende Venen-OP). Mit der Kleinen und dem Sohn allein zuhaus. Graue Wolken, frisch, morgens 8 Grad. Mein Schorf vom Samstagssturz heilt locker ab. Wenn man bei der Odyssee auf leichte Gehirnerschütterungen Rücksicht genommen hätte, hätten wir nie davon gehört. Ich übergebe das kaputte Trikot der Näherin – sie hält es für flickbar und lächelt. Am späten Abend auf Igelsuche im Garten – meine Jüngste hat derart gute Ohren, dass sie das Rascheln auf zehn Meter orten kann. Glückliche Jugend. Fein, dass sich das Tier bei uns angesiedelt hat. Die Eberesche reift im ICE-Tempo.

Am Donnerstagmorgen deutlich bewölkt, aber milder als am Vortag. Das Rad vorbereitet, gefrühstückt. Da unsere Grünschnitttonne voll ist, die nur halb mit feinstgerebelten Grashalmen des Nachbarn gefüllte bis zum Bersten gestopft. Piepend setzt die Maschine der Abholer rückwärts. Alltag auf dem Dorf. Danach in den Vogelsberg. Regenjacke mitnehmen, auf gute Fahrt hoffen; der Weg ist bekannt. Wundervolle 210 Kilometer zum Radsammler und Musikfreund in Ulrichstein. Als Rentner hat er sich eine Trutzburg von Haus mitten im Ort gekauft, die nun seit fünf, sechs Jahren renoviert wird. (Achtzig Zentimeter dicke Mauern!) Seine Frau fährt den Gemeindebus – eine Freiwilligenhilfe für Rentner, die einkaufen und zum Arzt müssen, oder für auf dem Amt vorsprechende Flüchtlinge. Wie so viele hier hat auch der Freund Mühe, Fachärzte zu finden – man wird als Kassenpatient nicht genommen bzw. es ist kein Doc verfügbar. Das Schicksal der kleinen Städte auf dem Lande. Gegen 12:30 Uhr nehme ich den letzten Anstieg auf den Basaltkegel, an den sich das Städtchen auf 550 Metern über Null in den Vogelsberg lehnt.

Mein Gastgeber klagt über beginnendes Rheuma in allen Gelenken – er bekommt nicht einmal mehr die Milchtüte auf. Ich rate ihm, dem Genussmenschen mit deutlichem Mehrgewicht, freundlich zu einer Ernährungsumstellung und anderen Schwerpunkten: Fette und Salze meiden, viel Tee trinken, 20 Kilo abnehmen, das Übliche; ich verweise auf Müller-Wohlfarth, der sich ja ausgiebig mit entzündlichen Prozessen befasst, sage, dass es sich um eine Stoffwechselstörung infolge von Ablagerungen handele. Die Cortison-Salbe wirkt aber, meint mein Freund, mit Esoterik habe er nichts am Hut, außerdem bekomme er hier keinen Rheumatologen. Wir lassen das Thema schnell fallen und gehen zur Musik über. Ich wundere mich, wie wenig Menschen ihre Zukunft antizipieren. Ich wünsche niemandem Rheumaattacken – eine Woche fühlt sich dann wie zehn Jahre an. Alles schade und ein wenig traurig.

Der Hausherr zeigt mir seinen Ultraherd mit Gas und Induktion. Nach Pasta und Blumenkohl mit Schmand hören wir „Ladies of the Canyon“ von Joni Mitchell. Damit im Ohr geht es für mich die 105 Kilometer zurück. Die Wiesen links und rechts sind sämtlich gemäht und trocken, manche Bäume gelb verfärbt. An den gruseligen Neubaugebieten und der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Gießen vorbei. Das Auffanglager nutzt das Areal des ehemaligen US-Depots samt dem „Alpine Club“, der einstigen Offiziersmesse, die wiederum auf den Fundamenten und in den Zweckbauten der alten Reichs-Luftwaffe errichtet wurde – nun also Behördenort für Asylverfahren, garniert mit Containerhäusern. Dauerhafter Wind; die Wolken verfliegen gegen 16 Uhr. Durchweg äußerst angenehme 25 Grad. Um kurz vor 21 Uhr Duschen, anschließend Zubereitung der Bratkartoffeln für die Jüngste. Danach gehen wir wieder gemeinsam auf Igelpirsch. Ein reicher Tag.

Am Freitagmorgen müde, aber entspannt. Wind fächelt sonnige Luft. Nach der gestrigen Tour Schonung mit Routinearbeiten. Ich fahre nur ein paar Kilometer auf dem Rad zum Einkaufen, damit die Kinder nicht darben müssen. Auffällige Trockenheit unterwegs, hochsommerlich – wenn ich nicht irre. Jungs aus dem Dorf überholen mich auf dem Weg bergauf mit ihren scharf gemachten Motorrollern. Ich sehe sie immer vor einer Garage stehen und daran basteln. Es gibt sogar Breitreifen für diese demütigenden Fahrzeuge. Ruhiger Abend ohne Kids. Früh zu Bett, um für die morgige kleine Westerwaldrunde mit Tino aus Berlin (jetzt Freudenberg) hellwach und fit zu sein. Reifende Brombeeren, die letzten Johannisbeeren runden den kleinen Nachtisch ab. Allerschönste Ruhe im Ort – warum müssen eigentlich alle immer schon um 5 Uhr los? Gestern an einer Ampel mitten in Gießen musste ich an den Bukowski-Satz denken (sinngemäß): Sie standen im Stau und machten Gesichter, als hätten sie ihr Leben verhunzt. Ist also nicht neu. Räder müssen rollen. Den Tag mit Joni Mitchell begonnen, er endet mit Schumanns Quintett, dargeboten von den Ungarn des Kodály-Quartetts, Naxos, 1990. Das waren die Goldgräberjahre der digitalen Tonaufzeichnung.

