Helko Reschitzki, Moabit

Nun ist die Fußball-Weltmeisterschaft zu Ende. Am anstrengendsten waren für mich die für unsere Zeitzone teilweise späten Anstoßzeiten und vor allem deren Verteilung auf 17:00, 18:00, 19:00, 21:00, 22:00, 23:00, 00:00, 01:00, 01:30, 02:00, 03:00, 04:00 bis 05:00 Uhr. Die Kommentatoren von ARD und ZDF wurden in meinem Umfeld durchweg kritisiert – nicht wenige wichen auf MagentaTV und Auslandssender aus. Dem spanischen Tischtennismitspieler und seiner Landsmännin wurde selbstverständlich zum absolut verdienten Titelgewinn gratuliert. Sie, eine Katalanin, erzählte mir, dass sie bedaure, dass Spanien keinen Hymnentext habe – der alte wurde 1975 gleich nach dem Tod Francos abgeschafft; sie hat die frühere Fassung als Kind noch gesungen, hätte aber gern eine neue. Ich antwortete, dass es mir ganz ähnlich gehe und ich mir 1990 gewünscht habe, dass das vereinigte Deutschland zum Neuanfang ein anderes gemeinsames repräsentatives Lied bekommt – Brechts perfekt geeignete „Kinderhymne“ (für die man nicht einmal Haydns Melodie ändern müsste) war damals sogar kurz im Gespräch. Ich freue mich, dass sich mein Biorhythmus wieder einpegeln kann, finde es aber schade, dass nun all die Trikots aus dem Stadtbild verschwunden sind. Meine absoluten Heroen waren jene, die fünf Wochen lang tapfer das Jersey der nicht qualifizierten Italiener trugen.

Alle Jahre wieder hängt ab 21. Juli, dem Internationalen Gedenktag für Drogenabhängige, an der Birkenstube, dem Fixerraum am Ende der Straße, ein Banner, auf dem die Drogentoten des Vorjahres verzeichnet sind: 2025 sind in Deutschland nach Angaben des BKA 2150 Menschen in Folge des Konsums illegaler Drogen und des Missbrauchs von psychoaktiven Medikamenten gestorben; fast jeder Vierte war unter dreißig Jahre alt. Bei 81,5 Prozent der Fälle wurde ein Mischkonsum verschiedener legaler (Alkohol, Medikamente) und illegaler Substanzen nachgewiesen. Synthetische Opioide wie Nitazene oder Fentanyl sind weiter auf dem Vormarsch. Durch die Coronamaßnahmen haben sich die Handelsstrukturen von der Straße und aus den Clubs massiv ins Digitale verschoben. Bestellt wird über verschlüsselte Messenger-Dienste, geliefert per Kurier und auf dem Postweg, bezahlt mit Kryptowährungen und anonymen digitalen Gutscheinkarten, die dann von den Dealern an Geldwäscher verkauft werden – in diesem Bereich hat die Digitalisierung problemlos funktioniert. Die Käufer wohnen in der Groß- und Kleinstadt oder auf dem Dorf; konsumiert wird meist in Privatwohnungen. Weitaus mehr Opfer fordern legale Suchtmittel: An den Folgen des Konsums von Alkohol verstarben 2025 bei uns rund 44.000, durch Tabak 127.000, an den direkten Folgeerkrankungen von Adipositas ca. 80.000 Menschen. In meinem Bezirk Berlin-Mitte kommen auf rund 397.000 Einwohner vier Suchtberatungsstellen; in meinem alten Landkreis Ludwigslust-Parchim sieben Standorte auf 207.160 Einwohner, das sind gut drei mal so viele.

Weitaus erfreulicher als das Drogenbanner ist der dienstägliche Himmel sowie die für den motorisierten Verkehr bis Ende des Monats gesperrte Putlitzbrücke – das Heizkraftwerk bekommt einen neuen Schornstein. Offensichtlich wurde diese temporäre Sackgasse noch nicht an das Navigationssystem der Feuerwehr gesendet, sodass diese am Mittwoch während eines Einsatzes umdrehen und einen Umweg nehmen muss.

Nachdem mich die – man muss es leider so sagen – beschissene Frisur von Robbie Williams bei dessen Auftritt vor dem WM-Endspiel daran erinnerte, dass ich mal wieder dringend zum Coiffeur muss, ging ich am Nachmittag zu meinem türkischen Barbershop. Der junge Friseur hatte mich noch nie zuvor bedient und schnitt bzw. rasierte meine Haar als Erster überhaupt von oben nach unten. Am Ende war alles tiptop und er brauchte nur halb so viel Zeit wie seine Kollegen. Frisch frisiert am Abend ein weiteres schönes Gespräch mit meiner Yogalehrerin.

Die Frauen meiner Yogagruppe nutzen das wöchentliche Treffen nicht nur zum angeleiteten Dehnen, Strecken, Balancieren und Atmen, sondern auch als Gelegenheit zum Verschenken von Marmelade. So schnell, wie da leere und volle Gläser von Matte zu Matte wandern, kann man gar nicht schauen. Am Rande dieser klandestinen Brotaufstrich-Tauschereien bekomme ich mit, dass in Wilmersdorf just die ersten Brombeeren reif sind, sodass ich am Donnerstag sogleich zu meiner Hecke nahe des Schlachtensees eile. Und auch hier hängen sie bereits tiefschwarz unter den Blättern – drei Wochen früher als im letzten Jahr.

Einen Kilometer weiter versperrt eine entwurzelte Kastanie meinen Weg – da ihre Blätter noch saftig grün aussehen, kann sie noch nicht lange dort liegen. Die gesamte Woche war es sehr windig und regnerisch.

In einer Tischtennispause kann ich den ehemaligen Hells Angel davon abbringen, im Internet Kapseln gegen Gelenkschmerzen zu bestellen; er war da einer wirklich gut gemachten KI-Fälschung aufgesessen, in der ein gefakter Dr. Eckardt von Hirschhausen irgendein angebliches Wundermittel anpreist – das Böse ist immer und überall. Kürzlich gab Hany Farid, einer der weltweit führenden Datenforensiker, der New York Times ein Interview, in dem er sagte, dass die rasante Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz es inzwischen selbst für Experten unmöglich macht, echte von unechten Bildern visuell zu unterscheiden. Da wird noch so einiges auf unsere – immunologisch gesprochen – naiven Gesellschaften zukommen. Der alte Rocker erzählt ein paar sehr gute Storys aus seiner Zeit als Schmuggler in der Frontstadt Berlin.

