
Der Montag noch einmal wolkenverhangen, schauerig und windig. Ab Dienstag langsam wärmer und trocken, ab Donnerstag heiß mit Temperaturen über 30 Grad. Alle um mich herum stöhnen, sogar mein indischer Tischtennismitspieler – dabei ist er aus seiner Heimat 40 Grad gewohnt, hat sich aber in den vier Jahren, die er in Berlin arbeitet, akklimatisiert, wie er erzählt. Ich mache das, was ich am Bosporus und am Nil den Einheimischen abgeschaut habe: trinke viel warmen Tee, benutze die Schattenseite der Wege und trage weite Baumwoll- und Linnenkleidung. Ein breitkrempiger Billigfake-Panamahut, ein einseitig silberbeschichteter Thermovorhang, ein Satinbettbezug ohne Bettdecke und leichte Speisen ergänzen das Ganze, sodass ich keinerlei Grund zu Hochsommerklagen habe.

Da ich am Dienstagvormittag einen alten mecklenburger Freund erwarte, der mich bis Donnerstag besucht, gehe ich nicht die lange Schlachtenseerunde, sondern schreite unweit der S-Bahnstation am Südufer ins Wasser. Tiefenentspannte Stockentenbeobachtungen. Der ICE aus Sachsen ist halbwegs pünktlich; gemeinsames Mittag und dann zum Tischtennis, wo mein Gast sogleich an der anderen Platte integriert wird. Nach dem Abendbrot die erste Halbzeit von Senegal gegen Frankreich, zu mehr reicht es nicht – müde zu Bett.

Am Mittwochmorgen zeige ich meinem Besuch die Rehwiese und den Teil des Schlachtensees, in dem ich meist unterwegs bin. Die Blässhuhnfamilie ist nun wieder vollzählig versammelt. Während wir schwimmen, kommt das alte Umweltschützerpärchen in die Bucht. Sie berichten vom Fortschreiten der Erosionsschutzmaßnahmen am Südufer, mit denen sie so gar nicht zufrieden sind: Von den 1,7 Millionen Euro, die das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf aus dem Bundesprogramm „Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“ für Umgestaltungen an der Krummen Lanke und am Schlachtensee erhielt, soll ein Großteil in die Planung und Koordination geflossen sein. Die Schichtholzhecken sind teilweise falsch ausgerichtet; verbindende Hecken zwischen den einzelnen Abschnitten fehlen. Man merke, so die beiden, dass dort Leute am Werk sind, die den Park nicht gut kennen – im Gegensatz zum Forstamt, das für die Nordseite verantwortlich ist, aber wegen anderer Zuständigkeiten keinen Cent für die Ufersicherung erhält. Wir sind uns einig, dass ein Förster die Gehölze und Böden im Zweifelsfall besser kennt als sonst jemand; die Aufteilung der Ufer auf zwei Ämter ist völlig unsinnig.

Vom See fahren wir mit der S7 Richtung Museumsinsel, wo wir uns in der Alten Nationalgalerie „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ anschauen. Ich sehe die Ausstellung bereits zum zweiten Mal und bin wieder von vielen Bildern angetan; auch mein Besucher findet an den Liebermanns, Cézannes, Munchs, Slevogts, Manets, Monets, Barlachs, van Goghs und Renoirs Gefallen – dass deren Werke einst umstritten waren, als „entartete Kleckerei“ galten und von konservativen Politikern wie Kaiser Wilhelm II. abgelehnt wurden, mutet aus heutiger Sicht ziemlich bizarr an. Bei Corinths „Bildnis des Peter Hille“ müssen wir an russische Maler denken.

Da die von uns eingeplante Hatha-Yoga-Stunde ausfällt, gehen wir spontan ins Bistro meines Biomarktes, wo wir bei Kuchen, Kaffee und Tee versuchen, die Weltlage zu sortieren – teilweise bleibt sie verworren. Anschließend kaufen wir für das Abendbrot ein. Ich gebe der jungen Kassiererin passend Kleingeld und mache dabei die launige Bemerkung: „Ich hab extra das Sparschwein geschlachtet!“, woraufhin sie entgegnet: „Das von den Kindern!“ Ich lache, sage aber nach zwei Sekunden: „Scheiße, sowas gibts garantiert. Das ist ja eigentlich nicht lustig.“ Sie: „Ja, meine Mutter hat das so gemacht, vor allem am Monatsende.“ Und auf einmal sind wir mittendrin in dem Teil der Alltagsrealität, über den keiner gern spricht. Gut so.

Am Abend sehen wir über Beamer Portugal gegen DR Kongo – ein Spiel für Fußballfeinschmecker. Obwohl die Europäer bereits in der sechsten Minute führen, bleiben die von ihrem französischen Trainer Sébastien Desabre hervorragend eingestellten Afrikaner bei ihrem Matchplan und bauen vor ihrem Strafraum einen Fünferabwehrblock und davor wiederum einen Viererblock auf, die sie je nach Bedarf verschieben; gelegentliche Offensivaktionen sorgen für kurzzeitige Entlastung. Mit dieser Taktik kommt der FIFA-Weltranglistenfünfte überhaupt nicht klar. In der Nachspielzeit der Nachspielzeit der ersten Halbzeit fällt dann sogar der Ausgleich! Es ist das erste WM-Tor der Kongolesen überhaupt – 1974 (damals noch als Zaire) blieben sie ohne Treffer. Die Freude ist dementsprechend groß. In der zweiten Hälfte (bzw. im dritten und vierten Viertel, wie es wegen der Gierunterbrechung „Hydration Break“ korrekt heißen müsste) wird die Partie etwas offener. Die Spieler der DRC, die in den ersten und zweiten europäischen Ligen sowie in Kairo und Abu Dhabi ihr Geld verdienen, bringen das 1:1 mit unfassbarer Disziplin und dem Herz in der Hand über die Zeit. Mein Besucher, der im Kinder- und Jugendbereich ehrenamtlicher Trainer ist, und ich sind begeistert – vor allem von Coach Desabre. Es ist schön, wenn ein Plan aufgeht.

Am Donnerstag ein langes Frühstück mit Klönschnack – und dann auch schon die Verabschiedung des alten Freundes; ich hoffe, er hatte eine angenehme Zeit in der Hauptstadt. Mein Tag geht gut weiter: Bei meiner Seerunde schwimme ich erstmals neben zwei Graugänsen und unterhalte mich am Nachmittag mit einer prekär lebenden Mitspielerin in einer Tischtennispause über neoliberale Entgleisungen, von denen sie als ausgebeutete Betreuerin von Pflegefällen unmittelbar betroffen ist. Wir kommen auf Selfscanner-Kassen zu sprechen, die ich strikt boykottiere, da Maschinen im Gegensatz zu menschlichen Kassierern weder in die Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- noch Rentenversicherung einzahlen. Darauf wirft sie ein, dass man als Armer an Automatenkassen sehr gut klauen könne – ein Aspekt, den ich bislang nicht bedacht hatte. (Wenn man das alles komplett zu Ende denkt, dreht man durch.)

Am frühen Freitagmorgen mache ich unter einem kongotrikotblauen Himmel das, was mich wie wenig sonst umgehend in den Zustand kontemplativer Trance versetzt: Ich schaue den Uferschwalben zu. Es kommt mir so vor, als ob deren für mich nicht vorauszusehenden Richtungswechsel und ihr Tempo die allgemein zunehmenden Geschwindigkeiten und Abruptheiten des Lebens neutralisieren.

Ein paar Kilometer weiter sehe ich auf dem Schildkrötenbaum eine junge Frau, Typus Tank Girl und Lisbeth Salander, die, als ob sie panthergleich nach vorn schnellen möchte, auf dem ufernahen Ende des Stamms kauert. Sie springt dann aber nicht, sondern bewegt sich, die Arme und Beine durchdrückend, wie in Zeitlupe nach vorn. Da ich mir wie ein Voyeur vorkomme, setze ich meinen Weg fort.

Am frühen Samstagmorgen zwischen den Bäumen des nördlichen Schlachtenseeuferhangs fantastisches Licht. Auf der Buchtbank erklärt eine Mitschwimmerin den auch von mir beobachteten Überschuss an Stockerpeln mit der Paarung der Weibchen mit Mandarinentenmännchen. Der daraus erwachsende Nachwuchs trägt Merkmale beider Arten – ich muss viel genauer hinschauen!

Vom Baden geht es direkt weiter Richtung altes Grenzgebiet am Potsdamer Platz, wo ich mir im Gropius Bau Marina Abramović’ „Balkan Erotic Epic“ sowie Gabriele Stötzers „Dabei sein und nicht schweigen“ anschaue. Beides sind extrem starke Künstlerinnen, die ihre Anfangsenergie aus den Reibungen mit ihren sozialistischen Heimatländern SFR Jugoslawien bzw. der DDR gewannen und daraus jeweils einen unverwechselbaren Stil entwickelten. Auf Stötzer (die damals noch als Gabriele Kachold veröffentlichte) stieß ich in der Wendezeit durch ihr Buch „zügel los“, mit dem sie mich auf verstörende Weise in ihre Knasttexte, Frauentexte, Körpertexte zog – seitdem verfolge ich, was sie macht. Während der Coronajahre, die mich hierzulande mit ihrer staatlichen Übergriffigkeit, Willkür und einer normativen Sprache, die einforderte, dass sich das Individuum dem Kollektiv unterzuordnen habe, auf ungute Weise an die DDR erinnerten, las ich sie noch einmal und fühlte mich erneut und auf andere Weise berührt. Die Ausstellungseindrücke müssen nun sacken und durch ein paar dort gekaufte Bücher vertieft werden.

Über Gabriele Kachold-Stötzer: https://www.bundesarchiv.de/assets/bundesarchiv/de/Publikationen/dh_05_eingeschraenkte-freiheit_barrierefrei_reduziert.pdf

Stötzers Ausstellung: https://www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau/programm/2026/ausstellungen/gabriele-stoetzer
